Heute vor fünfzig Jahren ist sie in ihrer Suite im Hotel Ritz gestorben. Diese Suite hatte sie nie aufgegeben, auch in den langen Jahren nicht, als sie den Boden Frankreichs nicht mehr betreten durfte. Als sie im Alter von 87 Jahren starb, kannte jeder ihren Namen. Der auch der Name eines Parfüms war, von dem Marilyn Monroe gesagt hatte: What do I wear in bed? Why, Chanel No. 5, of course.

Das Kind Gabrielle Chanel, unehelich geborene Tochter des Hausierers Albert Chanel, konnte von dem Ritz nur träumen. Das war das, wo sie hin wollte, egal, um welchen Preis. Es gab damals nicht nur ein Paris. Es gab das Paris von Emile Zola, und es gab das Paris von Marcel Proust. Gabrielle wollte in die Welt von Proust, die Welt von Zola kannte sie zur Genüge. In Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit kommt sie aber nicht vor. Das Kleid von Fortuny, das Albertine an diesem Abend angelegt hatte, kam mir wie ein lockender Schatten jenes unsichtbaren Venedig vor. Morgenländische Ornamente überzogen es überall, die unzählige Male auf dem schillernden Gewebe von tiefem Blau wiederkehrten, das unter meinem vorwärtstastenden Blick sich in schmiegsames Gold verwandelte durch eine ähnliche Metamorphose, wie sie vor der vorwärtsgleitenden Gondel flammendes Metall aus der Azurtönung des Canale Grande macht, heißt es bei Proust. Auch die Herzogin von Guermantes trägt Fortuny. Wenn man sehr viel Glück hat, kann man ein solches Kleid (wie hier auf dem Bild) heute auf einer Auktion für zehntausend Euro ersteigern. Ein Chanel Kostüm ist da sehr viel preiswerter.

Der Rest der Damen aus der Aristokratie bei Marcel Proust wird wahrscheinlich Paul Poiret tragen. Gegen den kommt die Chanel, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Geld ihres Liebhabers ihren ersten Salon in Paris aufgemacht hat, noch nicht an. Ihre Kundschaft ist auch eher die Demimonde und nicht die wirklich feine Welt. Die kauft die Haute Couture bei Madame Grès oder bei Captain Molyneux, bei Elsa Schiaparelli oder bei Madeleine Vionnet. Die alle modehistorisch bedeutender sind als Chanel, die aber nicht das Selbstvermarktungsgenie von Coco Chanel haben.

Denn die Geschichte der Coco Chanel, die gesagt haben soll Ich mache keine Mode, ich bin die Mode, ist die Geschichte eines selbst gestrickten Mythos. Daran hat sie ihr Leben lang gearbeitet. Sie hat ihre Biographie bis zur Unkenntlichkeit gefälscht, bis sie ein Markenzeichen wurde. Sie war nicht die erste, die die Kleider vom Korsett befreite. Das hatte schon Paul Poiret getan. Sie hat Chanel No. 5 nicht erfunden, das hat der Parfümeur Ernest Beaux erfunden. Das Geld für das ganze Unternehmen kommt von Pierre Wertheimer, die Chanel hat nur einen zehnprozentigen Anteil. Noch heute ist das Modehaus Chanel (Parfüm inklusive) im Alleinbesitz der Familie Wertheimer, einer der reichsten Familien Frankreichs.

Aber das kleine Schwarze hat sie erfunden. Und das Chanel Kostüm. Das aber erst als sie siebzig war und gerade wieder nach Paris zurückgekommen war. Wurde zuerst von der Presse verlacht, trat dann aber seinen Siegeszug im Amerika von Eisenhower und im Deutschland von Adenauer an, der Inbegriff der Eleganz für das Bürgertum (ja, meine Mutter hatte auch mehrere). In Paris hatte man ein Jahrzehnt nach dem Kriegsende gnädig die Vergangenheit der Frau mit der Suite im Ritz vergessen. Die sich dort, als alle deutschen Offiziere der Besatzung ihren Frauen Chanel No. 5 mit nach Deutschland brachten, einen der Nazi-Besatzer geangelt hatte, den Baron von Dincklage. Sie hatte sich ihre Liebhaber immer nach Geld und Einfluss ausgesucht.

Der Pariser Industriellensohn Etienne Balsan hatte sie in die Gesellschaft eingeführt, der englische Bergwerkbesitzer Boy Capel hatte der Modistin den ersten Laden finanziert. Später kam noch ein englischer Herzog dazu, jetzt war es ein Repräsentant von Hitlers Deutschland. Für dessen Vorgesetzten, den SS General Walter Schellenberg, sie später noch die Beerdigung bezahlt hat. Vielleicht wäre das Goethewort Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist an dieser Stelle ganz angebracht. Während der occupation allemande hat sie versucht, die Firma Chanel zu arisieren und sich in den Besitz der siebzig Prozent Firmenanteils der nach Amerika geflohenen Wertheimers zu setzen. An solche Dinge sollte man auch denken, bevor man unkritisch Coco Chanel zu einem Mythos macht.

In der Welt des schönen Scheins, wo das Design das Sein überstrahlt, kommen viele Designer von ganz unten und wollen nach ganz oben. Weil die glitzernde Eleganz da oben ihnen als begehrenswertes Ideal im Gegensatz zu ihrer ärmlichen Kindheit erscheint. Nicht unserem Karl Lagerfeld, der später das Design von Coco Chanel prägte. Der kam aus der Glücksklee Büchsenmilch Dynastie. Aber Gabrielle Chanel und Ralph Lifshitz (der heute Ralph Lauren heißt) wären solche Fälle. Jeremy Hackett ist sich seiner Herkunft aus der working classimmerhin noch bewusst. Im letzten Jahr hat es gleich zwei Filme gegeben, die an dem Mythos Chanel arbeiteten: ✺Coco avant Chanel (mit der schnuckeligen kleinen Audrey Tatou) und ✺Coco Chanel & Igor Stravinsky. Die Nazi-Vergangenheit der Heldin sparen beide Filme aus.

Die Dokumentation ✺Coco Chanel, die Revolution der Eleganz ist noch drei Wochen in der arte Mediathek zu sehen. Den Film ✺Chanel Solitaire mit der wunderbaren Marie-France Pisier (Bild) habe ich auch, aber leider in einer schlechten Qualität. Der Post zu Coco Chanel stand hier schon vor zehn Jahren, er ist ein wenig überarbeitet und durch Links zu den Chanel Filmen ergänzt worden. Denn Filme über ihr Leben gibt es genug, ich sollte noch den zweiteiligen Film ✺ Coco Chanel aus dem Jahre 2008 erwähnen, in dem die  slowakischen Schauspielerin Barbora Bobuľová die junge Coco Chanel spielt und Shirley die Coco Chanel nach dem Zweiten Weltkrieg verkörpert. Über Madame Grès und Madeleine Vionnet gibt es keine Spielfilme.

Ich bin immer noch dabei, Anna Karenina zu lesen. Es geht langsam voran. Das liegt daran, dass ich den Roman jetzt in der vierten Übersetzung lese. In dem Post Anna Karenina: Übersetzungen hatte ich geschrieben, dass ich mir bei booklooker für 4,95€ die Übersetzung von Hermann Asemissen (Rütten und Loening, 2 Leinenbände) gekauft hatte. Weil mich das Dünndruckpapier der Hanser Ausgabe störte. Die Ausgabe von Rütten und Loening, die identisch ist mit der Ausgabe des Aufbau Verlags, kann ich ohne Brille lesen, und die Seiten zerknittern beim Umblättern nicht. Und gegen Asemissens Übersetzung kann man wirklich nichts sagen. Die Anmerkungen von Rosemarie Tietze in der Hanser Ausgabe benutzte ich weiterhin, weil es sehr gute Anmerkungen sind.

Ich hätte jetzt ruhig und friedlich weiterlesen können, wenn ich mir nicht bei ebay für einen Euro die beiden Bände des Insel Verlages in der Übersetzung von Gisela Drohla gekauft hätte. Unglaublich, über zwölfhundert Seiten Tolstoi für einen Euro. Ich setzte meine Lektüre jetzt mit der Drohla Übersetzung fort, die sich sehr flüssig liest, las aber bestimmte Stellen noch einmal bei Hermann Röhl (bei Zeno im Internet) und bei Asemissen und Tietze. Deshalb komme ich nur langsam voran. Aber ich habe schon mehr als die Hälfte des Roman bewältigt, so ist es nicht. Wie es ausgeht, weiß ich sowieso.
Je genauer man liest, desto mehr stolpert man über Kleinigkeiten. Denen nachzugehen, hält natürlich den Fluß des Lesens auf. Ich nehme als ein Beispiel mal das Wort Oberrock. Es findet sich in der Röhlschen Übersetzung, die schon über hundert Jahre alt ist, an folgender Stelle:

Gestern hatte sich Stepan Arkadjewitsch ihm dienstlich in Uniform vorgestellt, und der neue Vorgesetzte war sehr liebenswürdig gewesen und hatte sich mit ihm wie mit einem guten Bekannten unterhalten; daher hielt es Stepan Arkadjewitsch für seine Pflicht, ihm nun einen Besuch im Oberrock zu machen. Der Gedanke, daß der neue Vorgesetzte ihn vielleicht unfreundlich empfangen werde, war der zweite unangenehme Umstand. Aber Stepan Arkadjewitsch hatte das unwillkürliche Gefühl, das werde sich alles schon ganz vortrefflich »einrenken«. ›Wir sind ja alle Menschen und sind allzumal Sünder; wozu soll man sich da übereinander ärgern und sich miteinander zanken?‹ dachte er, als er in das Hotel hineinging.

Der Fürst Stepan Arkadjewitsch Oblonski ist der Bruder von Anna Karenina, er ist wie sein Schwager ein höherer Beamter. Wir kennen ihn vom Romananfang, wo es über ihn heißt: Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich. Der ganze Haushalt der Familie Oblonski war in Unordnung geraten. Die Hausfrau hatte erfahren, daß ihr Mann mit einer französischen Gouvernante, die sie früher im Hause gehabt hatten, ein Verhältnis unterhielt, und hatte ihm erklärt, sie könne nicht länger mit ihm unter einem Dache wohnen. Drei Tage schon währte nun dieser Zustand, und er wurde sowohl von den Ehegatten selbst wie auch von den übrigen Familienmitgliedern und dem Hausgesinde als eine Qual empfunden.
Wenn der Fürst, den seine Freunde Stiwa nennen, sich seinem neuen Vorgesetzten vorstellen muss, trägt er die für Beamte vorgeschriebene Uniform, aber für das nächste Treffen glaubt er, sich ziviler geben zu können und zieht einen Oberrock an. Aber was ist das? Bei Adelung heißt es: Der Oberrock, des -es, plur. die -röcke, der obere Rock, in der weitern Bedeutung dieses letztern Wortes, so daß der Oberrock der Weste entgegen gesetzet ist, da er denn auch nur der Rock schlechthin genannt wird. Der Überrock ist von demselben gewisser Maßen noch verschieden, obgleich beyde oft verwechselt werden, auch verwechselt werden können, weil ober das Beywort, über aber das Vorwort ist; beyde aber eine und eben dieselbe Bedeutung gewähren. Bringt uns das weiter? Wissen wir jetzt, was der Unterschied zwischen Oberrock und Überrock ist?

Der Überrock wird sich noch im militärischen Bereich halten, wo er auch Interimsrock heißt. So etwas, das Bismarck hier trägt, eine Art zweireihiger Kurzmantel, der bis zum Hals geschlossen ist. Aber das kann an dieser Romanstelle nicht gemeint sein. Noch verwirrender wird es, wenn wir bei Jacob Falke 1858 in seinem Buch Die deutschen Trachten- und Modenwelt: Die alte Zeit und das Mittelalter lesen, dass der Oberrock auch Schapperun genannt wird. Das ist nun ein ganz altes Wort, das wir häufig in der mittelhochdeutschen Dichtung finden. Zum Beispiel im Wigalois des Wirnt von Gravenberch, wo es heißt:
In disen sorgen reit erNu kom gegen im geloufen heruf dem wege ein garzunder trug einen schapperungesniten von fritschalemit roten zendalewas er gefurririertsin hut der was gezieretmit blumen und mit loubesus lief er in dem stoubedes roten Seites von der grantruc er einen rok angebriset mit grossem flizzehantschuhe vil wizzehet er an den hendenden stap begunde er wenden nach der garzune siteda furdert er sin loufen mitesin hosen waren gut genuczwene brisschuhe er an truc
Dem Ritter Wigalois begegnet hier ein Bote (in dem Wort garzunsteckt noch das französische garçon), der einen Schapperun aus vornehmem Stoff trägt, er ist so vornehm gekleidet, weil er ein Bote des König Artus ist. Mittelhochdeutsche Dichter verwenden viel Liebe und Sorgfalt auf die Beschreibung der Kleidung. Und Kommentatoren schreiben an dieser Stelle in den Text: ‚tzschabrun‘, in der Regel schaperun, schapperun, schaprun, vom franz. chaperon, leichter Mantel. Wenn Sie diese Stelle im Neuhochdeutschen lesen wollen, dann klicken Sie dies an.

Oberrock und Überrock führen uns in eine Sackgasse, die neueren Übersetzungen von Anna Karenina verwenden alle das Wort Gehrock. Und das wird es sein, was unser Fürst Oblonski trägt. Dieser Gehrock ist der Vorgänger eines Kleidungsstücks, das den englischen Namen Morning Coat hat (im Deutschen hat es den Namen Cutaway, den Adenauer den Kött nannte). Das ist das Kleidungsstück, das Marcel Proust trägt, wenn er die Straßen von Paris betritt. Wenn Sie mehr dazu wissen wollen, dann klicken Sie doch einmal den Post Morning Coat an, das haben schon mehr als 25.000 Leser getan.

Der Fürst Oblonski besucht seinen Schwager (höchstwahrscheinlich im Gehrock), um ihn zum Abendessen einzuladen, aber Alexei Alexandrowitsch Karenin will partout nicht. Er ist gerade dabei die Papiere für die Scheidung für den Scheidungsanwalt vorzubereiten: ‚Es ist mir unmöglich zu kommen‘, erwiderte Alexei Alexandrowitsch, der selbst stand und auch den Besucher nicht zum Sitzen aufforderte. Alexei Alexandrowitsch gedachte sofort das kühle Verhältnis in Kraft treten zu lassen, in dem er mit dem Bruder seiner Frau, gegen die er die Scheidungsklage einleitete, künftig werde stehen müssen; aber er hatte nicht mit jenem Meere von Gutmütigkeit gerechnet, das in Stepan Arkadjewitschs Seele über alle Ufer trat

Zwei höhere Beamte, zwei grundverschiedene Menschen, der eine lebenslustig mit einem Meer von Gutmütigkeit in der Seele, der andere ein gefühlskalter Spießer. Stiwa überredet Karenin doch noch, die Einladung anzunehmen und verabschiedet sich: Als er im Gehen den Überzieher anzog, stieß er dabei unversehens mit der Hand den Diener gegen den Kopf, lachte laut auf und ging hinaus. ‚Um fünf Uhr, bitte, und im Oberrock!‘ rief er noch einmal, indem er zur Tür zurückkehrte. Die neueren Übersetzer lassen ihn keinen Überzieher sondern einen Mantel anziehen, das entspricht dem heutigen Sprachgebrauch. Wenn Oblonski betont, dass Karenin einen Oberrock tragen solle, dann liegt das wahrscheinlich daran, dass der jetzt gerade seine Beamtenuniform trägt. Die stellt man sich in Hollywood so vor, das hier ist Basil Rathbone in der ✺Verfilmung von 1935, wo er den Karenin an der Seite von Greta Garbo spielt. 

In den Verfilmungen des Romans trägt Karenin seltsame Sachen, man weiß nicht sehr viel über die russischen Beamtenuniformen des 19. Jahrhunderts. Sagt Leonid Efimovic Shepelev in seinem Aufsatz Ziviluniformen im zaristischen Russland. Aber wenn jemand etwas darüber weiß, dann ist er es, hat er doch schon 1977 ein Buch über Ränge und Titel im russischen Reich geschrieben, das 1991 überarbeitet als Titel, Uniformen und Orden im Russischen Reich (Tituly, mundiry, ordena v Rossiĭskoĭ imperii) erschien.
Wenn Karenin dann zum Diner kommt, dann trägt er keinen Gehrock, wie ihm sein Schwager geraten hat, das ist nun sehr witzig. Karenin kommt im FrackKarenin selbst war, wie es in Petersburg bei einem Essen mit Damen Sitte ist, in Frack und weißer Binde, und Stepan Arkadjewitsch ersah an seinem Gesichte, daß er nur, um sein gegebenes Wort zu halten, gekommen sei und durch seine Anwesenheit in dieser Gesellschaft eine lästige Pflicht erfülle. Er war auch in erster Linie schuld an der eisigen Temperatur, die alle Gäste vor Stepan Arkadjewitschs Eintreffen in Erstarrung versetzt hatte.  

Mit dieser Szene hätten die Regisseure und Kostümdesigner von Verfilmungen keine Schwierigkeiten. Sie müssen nur darauf achten, dass der Frack in den 1870er Jahren noch keine Brusttasche hat. Wir sehen hier Anna und Wronski in dem russischen ✺Film von 2017. Der Frack von Wronski mag hingehen, aber ein solches Kleid gibt es um 1879 in St Petersburg wohl nicht. Das ist in dem Film mit Keira Knightley als Anna ähnlich, Jacqueline Durran hat zwar einen Oscar für die Kostüme bekommen, aber mit russischer Mode hat das alles nichts zu tun. 

Die meisten Anna KareninaVerfilmungen sind sartoriale Ausstattungsorgien, der Roman hat wenig davon. Wahrscheinlich ist mehr Mode in Wirnt von Gravenberchs Wigalois als in Tolstois Anna Karenina. Auch wenn Tolstoi Annas Kleider ziemlich genau beschreibt, offeriert er uns keine modische Opulenz, er offeriert uns eher Leerstellen. Wir als Leser müssen die ausfüllen, das ist unser Teil an der Erschaffung des Romans. Denn seit Marcel Proust wissen wir: In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können.

In dem Post Lew Tolstoi finden Sie ein Vielzahl von Anna KareninaVerfilmungen, die Sie mit einem Klick auf Ihren Bildschirm zaubern können. Eine habe ich vergessen, und das ist die ARD Degeto ✺Produktion aus dem Jahre 2013, aus der das Bild im obigen Absatz mit Karenin in Phantasie-Beamtenuniform stammt. Ich weiß aber nicht, ob man den Film wirklich sehen muss.

Der in Italien geborene französische Modeschöpfer Pierre Cardin ist gestern im Alter von achtundneunzig Jahren gestorben. Als er neunzig wurde, gab es hier einen Post für ihn, den stelle ich heute noch einmal ein. Weil mir zu ihm wirklich nicht mehr viel einfällt.

Aber ich bin doch immer noch der einzige Innovative auf der ganzen Welt! Alle kopieren mich. Ich demokratisiere, die anderen banalisieren. Alle machen jetzt das, was ich vor 40, 50 Jahren schon gemacht habe. Aber es gibt einen großen Unterschied: Die Marke »Pierre Cardin« gehört allein mir. Ich bin der einzige Modeschöpfer, der die Rechte an seiner Marke nicht verkauft hat. Er hätte allerdings dazu sagen sollen, dass er die Markenrechte als Lizenzen weltweit wahllos vergeben hat, und dass unter seinem Namen auch scheußlicher Schrott hergestellt wurde. Er hat als einer der ersten Pariser Couturiers Prêt-à-porter Mode produziert, in dem Punkt sind ihm beinahe alle gefolgt. Als er das 1959 machte, flog er gleich aus der Chambre syndicale de la haute couture, wurde aber wenig später wieder in Ehren aufgenommen. Damals hatte er auch schon seine Fühler zum japanischen Markt ausgestreckt.

Was Audrey Hepburn hier in Two for the Road trägt, ist nicht von Pierre Cardin. Das hier ist von Paco Rabanne (Modefans merken sich bitte diese ⬆Website!), aber es hätte auch von Cardin sein können. Damals galten Cardin, Paco Rabanne und André Courrèges als die Erfinder der futuristischen Mode. Mag für Audrey Hepburn in einem Film toll sein (sie brauchte dies klappernden Blechkleid ja auch nur für die Aufnahme zu tragen), im wirklichen Leben ist es wohl eher unpraktisch. Ich habe damals, wenn ich jetzt darüber nachdenke, auch keine Frau gekannt, die Pierre Cardin oder Paco Rabanne trug. Mary Quant vielleicht, viele schöne Frauen trugen damals auch das finnische Label Marimekko.

Ich will aber gerne zugeben, dass ich einmal einen Pierre Cardin Anzug besessen habe. Nicht so etwas wie dies hier, was Douglas Millings für die Beatles entworfen (und bei Cardin geklaut) hat. Es war ein leichter Tweed Anzug mit Weste in der schwer zu beschreibenden Farbe, die der Engländer lovat nennt. Hatte echte Hornknöpfe und einen langen Rückenschlitz, sah sehr englisch aus und hatte nichts vom schrägen Gestaltungswillen des Designers. Hatte auch noch nichts von der schundigen Qualität, die die Pierre Cardin Produkte später zu einer weltweiten Seuche machten. Dieser Anzug war bei Schildt in Regensburg hergestellt worden, was damals für Qualität bürgte. Die Firma Schildt Modellkleidung wurde (ebenso wie Muermann) wenig später von Bäumler gekauft. Die sind aber 2009 auch in die Insolvenz gerutscht, aus der Konkursmasse hat sich dann Brinkmann die Marke Kaiser Design gefischt.

Vor fünfzig Jahren war Pierre Cardin in Frankreich eine heiße Sache. Er war das französische Äquivalent auf das Swinging London. Cardin setzte auf eine jugendliche Zielgruppe, seine Anzugskollektion (die Cylinder Linie hieß) von 1960 wurde von 250 Pariser Studenten präsentiert. Und natürlich machten die Beatles diesen Typ des Jacketts ungeheuer populär. Mein kleiner Bruder musste zum Entsetzen der Eltern damals so etwas unbedingt haben. Selbstverständlich in Cord, wie der Anzug links im Bild. Ein Jahr nach diesem Ereignis präsentierte Pierre Cardin seine erste Prêt-à-porter Herrenkonfektion, die allerdings noch sehr teuer (und qualitativ hochwertig) war.

Was natürlich auch eine Konkurrenz für die Pariser Schneider bedeutete. Die in dieser Zeit eine schnell aussterbende Spezies waren. Gab es 1957 in Frankreich noch ungefähr zwanzigtausend Schneider, so war die Zahl zehn Jahre später auf zweitausend gesunken..

1957 verkündete Paul Vauclair als Präsident der Fédération Internationale des Maîtres-Tailleurs, dass die französischen Schneider dem Prêt-à-porter und der italienischen Konkurrenz mit einem Romantic Look à la 1830 Paroli bieten wolle. Der hat sich auch nicht ganz durchgesetzt. Schon im Vorjahr hatte sich in Paris die sogenannte Groupe des Cinq formiert. Das waren André Bardot (der Jean Marais und Jean Cocteau einkleidete), José CampsMax Evzeline (bei dem Gilbert Bécaud seine Anzüge schneidern ließ), Socrate und Gaston Waltener. Sie wollten eine haute couture pour hommes schaffen, die sie publikumswirksam im Maxim’s oder dem Hotel de Crillon vorstellten.

Im Gegensatz zu ihren konservativeren Kollegen wie Cifonelli oder Stark & Sons hatten es diese Schneider schon lange vor Cardin drauf, das Publikum zu verblüffen. In der New York Times konnte man 1949 lesen: „Man is in a state of vestimentary inferiority,“ Gaston Waltener proclaimed. „It is against this lack of breeding and style which, alas, characterize contemporary masculine fashion, that a demonstration like that of today seeks to react.“ In einem deutschen Regionalblatt hörte sich der Bericht über eine Modenschau von Gaston Waltener dann so an: Zeitalter der Gecken: Auf der von dem Pariser Modeschöpfer Gaston Waltener veranstalteten Vorführung konnte man unter weniger auffallenden Modellen tomatenrote Smokings mit scharlachroten Bindern und lavendelfarbigen Hosen sehen. Überhaupt war Scharlachrot der Grundton dieser Herrenmodenschau, auf der eines der männlichen Mannequins sogar einen mit dieser Farbe eingefaßten Homburg trug. Führende Modefachleute prophezeien eine farbige Herrenmode, die gewissermaßen ein Gegenstück zu der ständig einfarbiger werdenden Damenmode bildet. — Ein Besucher aber sagte: „Ich komme mir wie ein vollkommener Idiot vor!“ Modenschauen zweimal im Jahr waren zu der Zeit ein unerhörter Vorgang für konservative Pariser Schneider. Die damals auch kaum Schaufenster hatten, weil die wirklich feinen Geschäfte und Studios in Paris im ersten Stock eines Hauses waren. Doch auch die Groupe des Cinqwird sich letztlich gegen Pierre Cardin (oben seine Space Age oder Cosmocorps Kollektion von 1964) nicht durchsetzen können. Auch nicht mit tomatenrote Smokings und lavendelfarbigen Hosen. 

Nicht alles, was der Designer Cardin entwarf, fand den Weg in die Läden und wurde auf den Straßen getragen. Aber was wäre ein Designer, wenn er nicht einmal wilde Dinge wagen würde? Die Mode kam für einen kurzen Augenblick nicht aus London oder aus Italien, sie kam aus Paris. Von einem New French Style war in Amerika die Rede. Für die Herrenmode, mit ein wenig Verspätung das, was der New Look von Christian Dior für die Damenmode gewesen war.

Das ist nun kein Zufall, denn Diors berühmter New Look entstammte dem Zeichenstift von Cardin, der (gerade mit seiner Bewerbung bei Balenciaga abgelehnt) bei Dior Chef des Studios geworden war. 1950 hatte er in der Rue Richepanse Nummer 10 schon seine eigene Firma (die aber hauptsächlich Kostüme für das Theater schneiderte), 1953 präsentierte er seine erste Damenkollektion. 1954 kam der bubble dress, der weltweit Furore machte. Konnte man das als Dame noch tragen, fragte man sich mit den Jahren, ob das denn alles sein müsste, was der rastlose Designer zu Papier brachte. Schauen Sie doch mal eben in dies Video von 1969 hinein. Ich bin nie mit der Mode gegangen. Ich habe sie gemacht, hat das Mitglied der Académie Française (der natürlich den Frack der Académie neu entwerfen musste) einmal so schön gesagt.

Das abgefahrene Design in der Damenmode wie in der Herrenmode (hier Pierre Cardins Vorschläge für den Herrn im Jahre 1976) setzte die Italiener ein wenig unter Zugzwang. Denn es ist ja nicht so, dass die Nation mit dem Glaubenssatz fare bella figura nur elegante dunkle Anzüge mit engen Hosen produzierte, wie wir sie an Marcello Mastroianni bewundern können. Wenn man sich die Anzeigen und Photos aus dieser Zeit von Modellen von Guido BosiUgo Coccoli und Angelo Litrico (damals noch frei von C&A Assoziationen) anschaut, kann man genau so schräge Klamotten wie bei Pierre Cardin entdecken.

Und selbst Brioni, heute eine Art von C&A für Millionäre, hatte Sachen im Programm, die an die tomatenrote Smokings von Waltener erinnerten. Und die wohl selbst der Kanzler Schröder nicht angezogen hätte, wenn er sie umsonst bekommen hätte. Ebenso wie Pierre Cardin sind jetzt die Italiener als Firmenberater begehrt. Die Firma Konen sichert sich die Dienste von Ugo Coccoli und bringt eine Marke namens atelier torino auf den Markt: Eine Marke ist das grösste Kapital eines jeden Unternehmens. Der Ursprung unserer Marke liegt in den Händen von Signore Ugo Coccoli aus Turin, einem populären und kreativen Schneider, der unser Unternehmen jahrzehntelang in puncto Mode und Stoffqualität beraten hat. Seine Person und seine für uns wertvolle Arbeit haben uns inspiriert, die Marke atelier torino zu kreierenWindsor in Bielefeld hat Pierre Cardin auf der payroll, und Angelo Litrico, der einmal Chruschtschow ungefragt einen Maßanzug nach Moskau geschickt hatte, landet bei C&A.

Wo ja auch schon der Pariser Designer Yves Saint-Laurent gelandet war (allerdings nur in Deutschland, in Italien was YSL hochklassig, wurde von Nervesa hergestellt). Und das ist nun die lächerliche Seite der Prêt-à-porter. Pierre Cardin hat zwar immer wieder betont (wie auch in dem Zitat ganz oben), dass er die Mode demokratisieren wollte. Allerdings wird man bei ihm wie bei seinen anderen Kollegen aus der Haute Couture (heißen sie nun Yves Saint-Laurent, Daniel Hechter oder Louis Féraud) das Gefühl nicht los, dass es lediglich darum geht, das schnelle Geld zu machen. Lizenzen werden wahllos und ohne Qualitätskontrolle weltweit vergeben, seinen guten Ruf ist Pierre Cardin auf ewig los. Da hilft es auch nicht, wenn gekaufte Lohnschreiber solche Sätze drechseln: Von wem kann man bessere Qualität bekommen – wenn nicht von einem Grand Couturier? Bei Pierre Cardin verschmelzen exklusives Design und beste Qualität zu einer gelungenen Symbiose bei einem bestmöglichen Preis-Leistungsverhältnis. Die Produkte werden strengen Kontrollen unterzogen, um den hohen Standards von Cardin gerecht zu werden. Und wer den Macher kennt, der weiß: Leicht ist Pierre Cardin nicht zufriedenzustellen. Wenn irgendetwas eine Werbelüge ist, dann dies.

Cardin war schon von Anfang an im Geschäft mit den Accessoires (hier seine Kollektion von Armbanduhren), alles was den Namen Pierre Cardin trug, konnte er vermarkten. Wahrscheinlich auch Klobrillen. Das bringt mich auf einen anderen Designer, der genau so rührig wie Cardin ist. Allerdings im Gegensatz zu dem ziemlich erfolglos. Der hat aber auch Klobrillen entworfen. Ich rede von Luigi Colani, über den der Spiegel 1995 schrieb: Jede Wahrheit hat Feinde. Mies van der Rohe und Le Corbusier schalt Colani „die größten aller kleinen Schweine“, Cardin einen „Schmuddelfink“, Nicolas Hayek „pyramidonal doof“, Philippe Starck eine „Maulhure“, und selbst die künstlerische Begrenztheit des Leonardo da Vinci vermag Luigi Colani sonnenklar zu erkennen. 99,9 Prozent der Designer, überhaupt, seien Deppen.

Wir wollen ihm im letzten Punkt nicht widersprechen. Das Erstaunliche ist, dass die Öffentlichkeit immer wieder auf die Designer hereinfällt. Pierre Cardin, der heute (7. Juli 2012) vor neunzig Jahren als Pietro-Constante Cardini geboren wurden, ist seit 1944 im Modegeschäft. Er hat als erster eine Formel gefunden, die bis heute immer wieder nachgeahmt worden ist. Zuerst fängt man ganz oben in der Haute Couture an und schafft sich einen Namen. Eine willfährige Presse sorgt dann dafür, dass aus dem Namen ein Mythos wird. Und wenn der Name zur Marke geworden ist, dann kommt die Prêt-à-porter Mode. Und dann die Accessoires, die Parfüms und die T-Shirts und Jeans, Bettwäsche und Handtücher. Danach vergibt man die Lizenzen weltweit. Und die Qualität wird immer schrottiger. Das ist die Zauberformel: von der Haute Couture zum Wühltisch! Bringt aber viel Geld ein. Mindestens dreihundert Millionen Euro im Fall von Pierre Cardin.

Ich hatte in Hamburg einen Verwandten, der ein großer Liebhaber von la douce France war. Er war im Krieg als Offizier in Frankreich gewesen, es war die schönste Zeit seines Lebens. Er bastelte sich in den fünfziger Jahren als höherer Beamter seine Urlaubstage und Überstunden immer so zusammen, dass er jedes Jahr vier Wochen Frankreich im Stück hatte. Ich habe ihn schon in dem Post Picasso erwähnt. Er besaß eine große Sammlung von Platten mit französischen Chansons, aber das war beinahe nur George Brassens. Er wollte mir einmal ein paar Brassens Platten schenken, aber ich lehnte dankend ab.

Ich mag Brassens überhaupt nicht, ich war auf einem ganz anderen Trip. Ich sammelte alles von Juliette Gréco, ✺Cora Vaucaire (die als erste Les feuilles mortes sang) und Barbara. Und ich besaß einen Band von Préverts Paroles, den ich peu à peu auswendig lernte. Bevor ich mir die Paroles kaufte, hatte ich den von Kurt Kusenberg besorgten Band Gedichte und Chansons benutzt, da gab es die Chansons zweisprachig. Das war praktisch, denn mein Französisch war noch nicht so gut, ich war in der Lateinklasse des Gymasiums gewesen. Aber dann gab es eine Reform der Oberstufe, ich konnte zwischen Russisch, Spanisch und Französisch wählen. Ich nahm Französisch und bekam glücklicherweise einen hervorragenden Lehrer.

1962 in Berlin kratzte ich mein ganzes Taschengeld zusammen, um mir eine Karte für das Konzert von der Muse des Existentialismus zu kaufen. Sie hatte Deutschland bisher gemieden; was man verstehen kann, wenn Mutter und Schwester ins das KZ Ravensbrück verschleppt wurden. Unglücklicherweise saß ich (Komödie Kurfürstendamm Reihe 12 Parkett links, Sitz Nr. 141) hinter Deutschlands schönstem Mann, dem Filmschauspieler Paul Hubschmid. Der war ein Sitzriese, und ich versuchte das ganze Konzert lang, an seinem linken oder rechten Ohr vorbei einen Blick auf das sich katzenartig bewegende Geschöpf im schwarzen Kleid zu werfen, das von einer kleinen Combo begleitet da vorne sang. Wenn ich an diesen Abend zurückdenke, dann ist es schon ein wenig komisch, dass ich nicht an Juliette, sondern an die ondulierten Haare von Paul Hubschmid denke.

Juliette Gréco sang an dem Abend viel von Jacques Prévert. Mein Französisch wurde damals von Woche zu Woche besser, weil ich wie viele meiner Klasse, diese Exi Phasehatte. Schwarze Rollis und alte Tweedjacketts tragen und nur noch französische Filme gucken war de rigeur. Und nebenbei begann ich, Proust zu lesen. Ich weiß, dass ich Sie jetzt langweile, ich habe das schon mehrfach hier im Blog gesagt, das steht schon in den Post Jacques Prévert und souvenirs et regrets. Aber es ist ja alles wahr. Und es sitzt immer noch im Herzen. Die Bücher und Platten sind immer noch da. Die Eintrittskarte für das Juliette Gréco Konzert liegt noch immer im Schreibtisch, ich bewahre sie wie eine Reliquie auf. Nur die Frauen, denen man damals Liebesgedichte von Jacques Prévert in die Briefe schrieb, sind entschwunden. Aber Préverts Gedichte und Juliettes Chansons bringen alles zurück, les souvenirs et les regrets aussi.

Das Tweedjackett für uns Exis durfte nicht neu sein, es musste so aussehen, als ob man einen Irischen Wolfshund ausgekämmt hatte. Also dieser Look der Jazzkeller des Rive Gauche oder der Riverkasematten in Hamburg. Neben dunklem Rolli und Tweedjackett musste man natürlich noch einen Band Camus oder Sartre unter dem Arm tragen. Das fiel ins Auge, Rowohlt hatte für beide Autoren rote Buchumschläge gewählt. Und dann musste man für Juliette Gréco schwärmen, was ich selbstverständlich tat. Das habe ich hier schon einmal gesagt. Und non, je ne regrette rien. Juliette soll mal eine Affäre mit Camus gehabt haben, aber das ist nicht so sicher. Sicher ist aber, dass Sartre, der auch ein ✺Chanson für sie schrieb, sie entdeckt hat und im Hotel La Louisiane untergebracht hat, wo die ganzen amerikanischen Jazzmusiker hockten. Sartre hat auch gesagt, sie habe in ihrer Stimme des millions de poèmes qui ne sont pas écrits et dont on écrira quelques-uns.

Juliette Gréco erfand den existenzialistischen Stil: langes, glattes Haar mit Stirnfransen, die ‚Frisur einer Ertrunkenen‘, wie der Journalist Pierre Drouin es nannte, dazu dicke Pullis und Männerjacken mit hochgekrempelten Ärmeln. Gréco schrieb, ihre langen wilden Haare hätten sie in der Kriegszeit warm gehalten. Dasselbe sagte Simone de Beauvoir über ihren Turban. Existenzialisten trugen schlabbrige Hemden und Trenchcoats, einige pflegten einen frühen Punk-Stil. Einer lief mit einem ‚völlig zerrissenen und zerlumpten Hemd herum‘, schrieb Drouin. Bald jedoch setzte sich der typische Exi-Look durch: der schwarze Rollkragenpulli.

Das schreibt Sarah Bakewell in ihrem wunderbaren Buch At The Existentialist Café: Freedom, Being, and Apricot Cocktails. Ich habe die Autorin schon in dem Post Montaigne en allemandvorgestellt, ihre brillante Einführung in den Existentialismus gibt es auch auf Deutsch, wie Sie dem Zitat oben entnehmen können. Sarah Bakewell recounts the story of existentialism with wit and intelligence, offering a fresh take on a discipline often deemed daft and pretentious, hat Andrew Hussey im Guardian gesagt.

Und hinzugefügt: It helps that she writes well, with a lightness of touch and a very Anglo-Saxon sense of humour. Das ist es, was Bakewell perfekt beherrscht: schwierige Dinge ganz einfach zu erklären. Und zu den wärmenden Haaren von Juliette Gréco sollte man noch anmerken, dass die bis zum Po gingen. Schreibt sie auf jeden Fall in ihrer Autobiographie. Gerade auf Deutsch erschienen ist Agnès Poiriers Buch Left Bank: Art, Passion and the Rebirth of Paris 1940–1950. Ein wenig oberflächlich und nicht auf dem Niveau von Bakewell, aber doch ein schönes Sittengemälde der Zeit.

Die langen Haare von Juliette Gréco und Rita Renoir (der tragédienne du strip-tease), die schwarzen Rollis, das leicht versiffte Aussehen, das war das Äußerliche. Man konnte den Stil leicht nachahmen, es gab genügend Wochenschauaufnahmen und Photos von der Pariser Szene. Wir stellten uns eine Gesellschaft außerhalb der Gesellschaft vor, die in Bars und Nachtclubs lebte; in einem Paris, das in unserer Vorstellung der Dunkelheit des amerikanischen Film Noir und dem französischen Poetischen Realismus (man denke an ✺Le jour se lève und ✺Le Quai des brumes) entsprungen war. So ganz falsch war das wohl nicht, denn es gibt mittlerweile ein Buch mit dem Titel Existentialism, Film Noir, and Hard-Boiled Fiction.

Die Liebe zum französischen Chanson ist mir geblieben. Zwei Jahre nach dem Juliette Gréco Konzert in Berlin war ich wieder einmal in Frankreich. An einem sonnigen Oktobertag hörte ich in einem kleinen Kaff im französischen Zentralmassiv auf der Straße Françoise Hardys ✺Tous les garçons et les filles. Ging ins Ohr, hatte ich noch nie gehört. Ich ging in den Laden, um die Platte zu kaufen. Drei herumlungernde Jugendliche in Lederjacken, die wie schlechte kleine Kopien von Johnny Halliday aussahen, guckten mich mit offenem Mund an. Erst in dem Augenblick wurde mir klar, dass eine deutsche Uniform hier nicht unbedingt zum Alltag gehört. Die Platte von Françoise Hardy habe ich immer noch. Es ist nicht Cora Vaucaire oder Juliette Gréco, aber irgendwie ist es auch schön. Und auch schon Geschichte. Filme von der Qualität der Nouvelle Vague gibt es nicht mehr und Carla Bruni ist kein Ersatz für Juliette Gréco, Lena kein Ersatz für Françoise Hardy. Das Erstaunliche an der Kultur der fünfziger und sechziger Jahre ist, dass das, was sie hervorgebracht hat, ungeheuer haltbar ist.
Als ich den Post Que reste-t-il de nos amours schrieb, musste ich natürlich Charles Trenet hören, den hat Juliette gekannt, sie hat seine Chansons auch gesungen. Auf dem Photo hier wird sie von Eddie Constantine und Charles Trenet geküsst. Die CDs von Trenet brauchte ich nicht lange im Regal zu suchen, das war nicht so eine Aufräumaktion wie die, die ich in Hyperlink beschrieben habe. Die französischen Chansons waren alle an ihrem Platz, da, wo sie sein sollten (zwei CDs von Brassens besitze ich übrigens auch). Was mich etwas irritierte, war eine Raubkopie, auf der Juliette Gréco Abendlied stand. Hatte ich mal geschenkt bekommen, ich weiß nicht mehr von wem. Hatte ich die jemals gehört? Ich legte sie in den CD Player und hörte sie für den Rest des Tages. Manches davon kannte ich von anderen Platten oder CDs, also zum Beispiel das Lied mit der ✺Ameise. Aber da gab es etwas, das ich noch nie gehört hatte, das war das Lied ✺Mon fils chante von Maurice Fanon und Gérard Jouannest auf ✺deutsch gesungen:
Für die, die nicht der Wetterwind dreht
Weil sie noch nicht käuflich sind
Weil sie noch ohne Angst, mein Kind, sing!

Für die die noch nicht schweigen und 
die noch der Welt das zeigen was
Recht und was Unrecht ist, mein Kind, sing!

Für die, die noch nicht blind gemacht
Bouzouki in der Sommernacht
ist kein Ersatz für Freiheit, Kind, sing!

Für die, die man einst vor der Stadt
zur Kirschenzeit verrissen hat
daß man sie nicht vergißt, mein Kind, sing!

Sing für die Freiheit, Kind
Hinter den Mauern sind
Menschen, die brauchen Dein Lied
Sing für Gerechtigkeit 
Gegen Gleichgültigkeit
und gegen Haß, mein Kind

Für die, die schon die Ketten seh’n
und dennoch mutig weitergeh’n
Für eine kleine Hoffnung, Kind, sing!

Für die, die in Gefangenschaft
liegen in Nacht und Dunkelhaft
Die dennoch ungebeugt, mein Kind, sing!

Für die, die vielleicht niemals mehr
die rote Sonne über’m Meer 
hinter Piräus seh’n, mein Kind, sing!

Für die, die einem Hoffnungsstrahl folgen,
die für das Ideal Freiheit 
zugrundegeh’n, mein Kind, sing!

Bei YouTube hat jemand das mit den Worten kommentiert: Nie war ein Text aktueller als heute, da ist sicher etwas dran. Die Melodie ist von Gérard Jouannest, dem Mann, mit dem Juliette Gréco seit 1968 zusammenarbeitet. Er hatte zuvor Lieder für Jacques Brel geschrieben, wie zum Beispiel das berühmte ✺Ne Me Quitte Pas. Aber Brel (der in meinem Ikea CD Regal auch gut vertreten ist) hatte aufgehört zu singen, seine einjährige Abschiedstournee ging 1967 zu Ende. Jouannest sollte 1968 Barbara auf einer Tournee begleiten, aber die Tournee fiel ins Wasser, da sprang er bei Juliette Gréco als Klavierbegleiter ein, weil deren Pianist ausgefallen war. Er blieb bei ihr, nicht nur als Klavierbegleiter, er schrieb ihr Chansons (Mon fils chante, ✺Vivre, ✺Les années d’autrefois, ✺Un jour d’été und ✺C’était un train de nuit) und heiratete sie.

Nach einem halben Tag Juliette aus dem CD Player konnte ich sie am Abend auch noch sehen. Denn arte hatte wegen des Todes von Michel Piccoli sein Programm geändert. Sendete zuerst Sautets Film ✺Les choses de la vie und dann die Dokumentation ✺Der erstaunliche Monsieur Piccoli. In dem Film gibt es eine kurze Sequenz vom ✺INA mit einem Interview des frischgebackenen Ehepaars Gréco und Piccoli, die es geschafft hatten, der Presse zu entgehen.

In dem Film ist auch die Szene zu sehen, wo Piccoli in ✺Belle de Jour die Deneuve mit schmutzigem schwarzen Schlamm bewirft, fand ich immer die beste Szene des Films. Ich mochte den Film nie. Truffaut dreht bessere Filme, die Deneuve ist in La Sirène du Mississipi lebendiger als in Belle de Jour. Truffaut, der mit der Deneuve (wie mit beinahe all seinen Hauptdarstellerinnen) eine Affäre hat, hat einmal angedeutet, dass die Deneuve nur durch ihre Schönheit wirkt, nicht durch ihre schauspielerischen Qualitäten. Aber mit dem ✺Schlamm im Gesicht ist sie sehr überzeugend.

Juliette Gréco ist niemals mit Schlamm beworfen worden. Die Presse war immer gut zu ihr, auch wenn ihr Chanson ✺Déshabillez-moi 1967 ein kleiner Skandal war. Lediglich für ihre Schauspielkunst in dem Film ✺Quand tu liras cette lettre, in dem sie neben ihrem damaligen Ehemann Philippe Lemaire spielte, fand der junge François Truffaut (er war damals einundzwanzig) keine guten Worte: Philippe Lemaire is far from bad, but Juliette Gréco is far from good. She says banal things in a tragic voice and tragic things in an everyday voice. A courageous film? No. A film to see? No. Am I being unjust? No (everyone tells me). Filme sind nicht so ihre Sache. ✺Die schwarze Lorelei, wo sie an der Seite von O.W. Fischer zu sehen ist (ich habe den Film schon in dem Post Lurleyerwähnt), habe ich mir nur ihretwegen angeguckt. Ihre schwarzen Jeans waren das einzig Sehenswerte in diesem Film.
In dem Film ✺Bonjour Tristesse, nach dem Roman von Françoise Sagan, kann man ihr nicht anmerken, dass sie gerade einen Selbstmordversuch hinter sich hat und Françoise Sagan ihr Leben verdankt. Sie schreibt darüber in ihrer Autobiographie: Alles was in Paris Rang und Namen hatte, war hier im Régine versammelt. Der Abend war bereits forgeschritten. Aber das einzige, was ich bisher zu hören bekommen hatte, waren Klatsch, Lügen und Bosheiten gewesen. Keiner der Gäste war verschont worden. Ich ging nach Hause, ich ekelte mich und schluckte Schlaftabletten, um diese plötzliche Aversion gegen Menschen, die so wenig zu mir passt, für immer loszuwerden. Aber warum? Eigentlich sind Selbstmordgedanken für mich etwas Fremdes. Um vier Uhr morgens fand Françoise Sagan mich im Badezimmer auf dem Boden liegend. Sie rief den Notarzt. Als ich die Augen öffnete, blickte ich in ein zauberhaftes Gesicht, das eine Schwesternhaube krönte. Und ich sagte: ‚Sie sind aber schön‘. Ich hatte mit dem Leben wieder Frieden geschlossen.

Der Tag, an dem ich dank ✺Abendlied und der arte Dokumentation mein volles Juliette Gréco Nostalgieprogramm hatte, war übrigens auch der Geburtstag von Miles Davis. Mit dem Juliette Gréco mal so etwas wie eine Affäre hatte, als sie jung war. Der Trompeter hat darüber gesagt: Juliette und ich pflegten an der Seine spazieren zu gehen, Hand in Hand, küssten uns, schauten uns in die Augen, küssten uns wieder und drückten unsere Hände noch etwas fester. Es war wie Magie, als sei ich hypnotisiert worden, als sei ich in einer Art Trance. Ich hatte so etwas zuvor noch nie erlebt. Wenn Sie wollen, können Sie jetzt noch den Film ✺Fahrstuhl zum Schafott mit der Musik von Miles Davis sehen.

Juliette Gréco starb am 23. September 2020 in ihrem Haus in Ramatuelle. Sie ist dreiundneunzig Jahre alt geworden, das ist ein schönes Alter. Mit achtundachtzig hatte sie ihre Abschiedstournee durch Europa gemacht. Sie hat ihr Leben lang Schwarz getragen, lange bevor das durch Prada modern wurde. Das Schwarz sollte ihren Körper verhüllen: Ich war nicht schön, ich hatte immer ein Problem mit meinem Aussehen, fand mich dumm und hässlich. Jetzt finde ich mich ein bisschen weniger dumm. Körperlich habe ich ein bisschen versucht, etwas zu ändern, dann hab ich’s gelassen – Schluss damit, ich habe mich akzeptiert. Wenn man sich selbst liebt, ist man sowieso erledigt. Man muss die anderen dazu bringen, einen zu lieben! Sie hätte anziehen können, was sie wollte, schwarze Rollis oder ein Chanel Kostüm wie hier, wir haben sie immer geliebt. Und wir können ihre Stimme immer wieder hören, wenn sie ✺Ne me quitte pas singt. Und wir brauchen nur einen Klick, um sie ✺1970 oder ✺2004 auf der Bühne zu sehen. Wir müssen bei YouTube nur vorher die Suzuki Reklame oder die Katzenfutter Reklame ertragen.

Ich war gerade zum Leutnant ernannt worden und fuhr zum ersten Mal mit der neuen Unifom nach Hause. Natürlich Erster Klasse, weil man als Leutnant eben Erster Klasse fährt. Ich kam auf dem Weg vom Bahnhof nach Hause an meiner Stammkneipe vorbei und dachte mir, ich könnte da mal eben hineinschauen. Ich war da lange nicht gewesen. Ich setzte mich an die Theke, und der Wirt, der früher mal bei Werder Bremen gespielt hatte, schob mir einen Whisky rüber und sagte: Jay, der geht aufs Haus, und danach gehst Du nach Hause und ziehst Dich um. Die Sache mit dem Bürger in Uniform war für viele noch keine Selbstverständlichkeit. Ich habe im Zivilleben nie wieder Uniform getragen. Als ich Jahre später zum Kreiswehrersatzamt Bremen musste, um mir meine Ernennung zum Oberleutnant abzuholen, hätte ich meine Uniform tragen dürfen. Das stand in dem Brief, eine Erster Klasse Fahrkarte lag auch bei. Ich habe einen Anzug angezogen und meinen gelben Lamamantel, der schon hier erwähnt wird. Die Zeit der Uniformen war für mich vorbei.

Vor Jahren traf ich bei einem Herrenabend bei Hans Fander einen pensionierten Oberst, mit dem ich ins Gespräch kam, weil wir beiden die einzigen in der Runde waren, die alle deutschen Truppenübungsplätze kannten. Als er hörte, dass ich aus Vegesack sei, erzählte mir, dass seine militärische Karriere in der Kaserne von Grohn begonnen hatte (wo im Zweiten Weltkrieg Helmut Schmidt stationiert war). Da hätten ihn mal nachts auf dem Heimweg zur Kaserne am Vegesacker Hafen zwei große kräftige sailors in die Mitte genommen, ihn hochgehoben und durchschüttelt. Und gesagt: Ihr seid die teuersten Arbeitslosen der Bundesrepublik. Nicht jeder in Deutschland mochte die Soldaten, die jetzt Bürger in Uniform sein sollten. Hätte er keine dieser Uniformen getragen (dies hier auf dem Photo sind die ersten Soldaten in Grohn gewesen), wäre er nicht durchgeschüttelt worden; aber die Bundeswehr forcierte es, dass ihre Soldaten außerhalb der Kaserne Uniform trugen. Der Soldat in Uniform muß sich bewußt sein, daß er die Bundeswehr in der Öffentlichkeit sichtbar nach außen vertritt und daß seine Haltung, sein Auftreten und sein äußeres Erscheinungsbild das Ansehen der Bundeswehr mit prägen, steht in einer alten Bekleidungsvorschrift.

Eigentlich war es eine schöne Uniform, die ich hier trage. Es war meine eigene, ich hatte sie selbst bezahlt. Bekam allerdings von der Bundeswehr einen Bekleidungszuschuß von 420 Mark und dazu 40 Mark Abnutzungsentschädigung. Ein Vierteljahr vor der Beförderung zum Leutnant waren die Schneider von der Kleiderkasse der Bundeswehr bei uns gewesen und hatten unsere Maße genommen. Es gab eine Farbpalette von Grautönen, die ganz, ganz hellgrauen Uniformen, die schon silbern wirkten, durften wir nicht nehmen. Das mochte unser Kommandeur nicht. Die Schneider von der KKBw wussten genau, wie hellgrau die Jacke des Kommandeurs war. Dass eine Jacke heeresgrau zu sein hatte, war ein dehnbarer Begriff.

Es ist erstaunlich wie groß die Palette von Grautönen sein kann. Die Bundeswehr stattete ihre Soldaten mit Uniformen aus, die farblich so aussahen wie die, die der Offizier ganz rechts trägt. Ich wollte so etwas haben, wie der Herr links neben ihm (das Photo habe ich schon in dem Post Generalskrise verwendet). Wenn man schon diese häßlichen Uniformen tragen musste, dann sollte das wenigstens ein klein wenig gut aussehen. Dass die Uniformjacken heller als die Hosen waren, war eine realitv neue Entwicklung. In den ersten Tagen der Bundeswehr hatten beide Teile der Uniform dieselbe Farbe gehabt, ein dunkles Schiefergrau.

Manche Offiziere bewahrten in ihrer Kleidung dieses ganz dunkle Grau. Ich habe in dem Post über das Bremer Café Stecker einen Offizier erwähnt, der mir durch die dunkle Farbe seines Jacketts auffiel. Und ich habe später an der Heeresoffizierschule noch einen anderen getroffen, der auch solch eine Jacke trug. Mein Hörsaaloffizier war ein Oberleutnant Graf X (den Namen kann ich nicht nennen, ich kriege sonst Ärger mit seiner Familie), er war ziemlich doof. Deshalb stellte man ihm nach vier Wochen einen zweiten Oberleutnant für die Dauer des Kurses zur Seite, einen gebildeten, höflichen Mann. Und der trug wieder so eine dunkle Jacke.

Die Farben der Heeresuniformen haben immer wieder die Generalität beschäftigt. Dies Photo ist neuer als das Photo oben mit dem Verteidigungsminister von Hassel, und was sehen wir? Alle Uniformen haben verschiedene Grautöne. 1980 schrieb der Generalinspekteur des Heeres: Im Heer werden von Selbst- und Teilselbsteinkleidern Dienstanzugjacken/Skiblusen in unterschiedlichen Grautönen getragen. Bei Anlässen, zu denen Truppenteile in geschlossener Formation im Dienstanzug antreten, fällt dieses unterschiedliche Erscheinungsbild negativ auf. Es muss sichergestellt werden, daß bei geschlossenem Antreten ein einheitliches äußeres Erscheinungsbild gewährleistet ist.

Der Befehl hat sich offensichtlich nicht durchgesetzt. Die neueste Anordnung heißt: Ab 01. Januar 2019 ist nur noch die Dienstjacke, basaltgrau (RAL 7012) zu tragen. Auf dieser hübschen Zeichnung sehen wir oben rechts den Farbton RAL 7012. Das ist die Standardfarbe von blechernen Garagentoren. Meine hübsche hellgraue Uniform dürfte ich heute nicht mehr tragen. Will ich auch nicht.

Dieser Herr hätte seine hellgraue Uniform 1991 nach der Anweisung Einheitliche Tuchfarbe für die Uniform des Heeres aus dem Jahre 1980 auch nicht tragen dürfen, als er seinen vierten goldenen Generalsstern bekam und Generalinspekteur der Bundeswehr wurde. Vom Oberst bis zum General hatte er zehn Jahre gebraucht, aber dann ging alles ganz schnell: vom Brigadegeneral (1 goldener Stern) bis zum General (vier Sterne) in fünf Jahren. Da muss man schon gute Freunde in der Politik haben, sonst geht das nicht. In der Geschichte der Bundeswehr hatte es das noch nie gegeben, in anderen Armeen wohl auch nicht. Er hat auch die meisten Orden bekommen, die man irgendwo kriegen kann. Ich habe da oben nur mein Sportabzeichen an der Brust, das war nur fürs Photo, normalerweise hatte ich das in der Jackentasche. Ich hatte für die Ordensspange noch das Abzeichen der DLRG, aber ich weiß nicht, wo das geblieben ist.

Das hier ist ein seltenes Bild, alle Jacken der Soldaten haben dasselbe Grau. Gibt es aber nur beim Wachbataillon. Die werden sich aber auch umstellen müssen, denn RAL 7012 ist das nicht. Was das wieder kosten wird. Der CDU Verteidigungsexperte Henning Otte hat im letzten Jahr gesagt, dass die Bundeswehr eine neue moderne Ausgehuniform brauche, die schick und schneidig sein soll. So etwas wünschten sich Soldaten seit Gründung der Bundeswehr. Meine Uniform war schick und schneidig, aber ich habe sie mir ausgesucht, wie ich sie haben wollte. Weil ich mit dem neuen Dienstgrad Selbsteinkleider war.

Die Kleiderkasse der Bundeswehr in Koblenz, die einst geschaffen wurde, um Selbsteinkleider mit vorschriftsmäßiger Dienstbekleidung zu angemessenen Preisen und unter günstigen Zahlungsbedingungen zu versorgen, wurde privatisiert. Und marschierte in die Insolvenz. Der Bund musste sie zurückkaufen, das kostete beinahe 100 Millionen Euro. Die Firma heißt jetzt Bw Bekleidungsmanagement. Alles, was die Bundeswehr unternimmt, beginnend vom HS-30 Skandal bis zur Gorch Fock, endet in einem finanziellen Fiasko. Welches Grau die Uniformjacken aus dem schidderigen Tuch haben sollen, sind eigentlich die kleinsten Sorgen.

Das Bundesministerium der Verteidigung hat eine schöne Seite für die Uniformen im Internet. Dort kann man lesen: Die Kleidung des Soldaten ist also auch immer ein Ausdruck von beste­henden Gesellschaftsformen und deren Normen. Sie spiegelt nicht nur die Garderobe einer Epoche wider, sie gibt auch Hinweise auf den Stellenwert des Soldaten, auf seine Bedeutung im Staat bzw. in der Gesellschaft. Man erkennt an den Uniformen die Überbetonung des Status der Armee in bestimmten Zeiten, aber auch eine geringere Wert­schätzung in anderen Dekaden. Der Autor dieser Zeilen ist ein Mann, der das Buch Von der Affenjacke zum Tropentarnanzug: Die Geschichte der Bundeswehr im Spiegel ihrer Uniformen und Abzeichen geschrieben hat. Ob die Blondine mit dem Helm wirklich eine Soldatin ist, weiß ich nicht.

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Eine Dame nimmt ein Sonnenbad auf der Terrasse eines Châteaus in Südfrankreich. So etwas darf ein Maler malen. Zumal die Dame ja auch noch relativ züchtig bekleidet ist, obgleich ihre Shorts im Jahre 1933 schon etwas Gewagtes sind. Das Bild sieht ein klein wenig danach aus, als ob es ein Amateurmaler gemalt hätte. Ein Profi hätte die Dame anders im Raum plaziert, nicht so an die Wand gedrückt.

Dieses Bild zeigt dieselbe Frau. Es ist von einem Profi gemalt (der übrigens dem Maler des ersten Bildes mal Malunterricht gegeben hat). Er setzt die blonde Lady auf das Sprungbett eines Swimming Pools, und schon dominiert sie das Bild, weil ihre Beine in dieser provokativen Pose jetzt ganz anders ins Bild kommen. Das Bild, das in den dreißiger Jahren in Palm Springs gemalt wurde, besitzt eine erstaunliche Modernität, es nimmt ein wenig die Swimmingpool Bilder von David Hockney vorweg. Das Bild kam vor Jahren bei de Veres in Dublin zur Auktion, der Schätzpreis lag bei 50.000 bis 70.000 Euro, es wurde für 50.000 Ezro zugeschlagen.

Die Dame mit den schönen Beinen hat ein gesellschaftliches Leben außerhalb von Swimmingpools. Auf diesem Photo, das 1929 auf einem Kostümball aufgenommen wurde, ist sie als Nixe zu sehen, da verzichtet sie darauf, ihre berühmten Beine zu zeigen. Hans Christian Andersen hat sich seine kleine Meerjungfrau wahrscheinlich ganz anders vorgestellt. Wenn ich dieses schreiend komische Bild vor Jahren schon gekannt hätte, hätte ich es in dem Post Meerjungfrauen + Waldnixen plaziert.

Unser Amateurmaler, der die Frau mit den Shorts auf dem Sofa malt, ist von der schönen Frau fasziniert. What fun we had at Maxine’s. It was beautiful having you there. You were once again a manifest blessing and a ray of sunshine around the pool. I wonder whether we shall meet again next summer, schreibt er ihr. Sie werden sich im nächsten Sommer sehen. Er wird sie auch wieder malen. Es ist jetzt vielleicht an der Zeit zu sagen, wer Maler und Modell sind. Und die Frage zu klären: Haben die beiden etwas miteinander?

Bleiben wir zuerst noch einmal bei den Swimmingpools. Hier sehen wir die Blondine mit dem Mann, den sie gerade geheiratet hat. Wenn eine schöne Frau solch einen Fettsack heiratet, muss sie dafür ihre Gründe haben. Die gibt es, denn durch die Heirat wird aus einer Jessie Doris Delevingne eine Viscountess Castlerosse. You may think it fun to make love. But if you had to make love to dirty old men as I do, you would think again, hat sie über ihre Karierre gesagt. Vorher war sie eine poule de luxe, jetzt ist sie eine Viscountess und hat ein kleines Krönchen auf ihrem Briefpapier und ihren Kissenbezügen.

Sie hat sich nach oben geschlafen. An Englishwoman’s bed is her castle, hat sie einmal gesagt. Auf irgendeine Art und Weise müssen der Rolls Royce, die glitzernden Kleinigkeiten von Cartier, die Kleider von Schiaparelli und die tausend italienischen Schuhe ja bezahlt werden. Die Viscountess hat schöne Beine, die zeigt sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit, hier in Deauville. 1956 schrieb der Punch: Legs, now, are relatively retiring; it was in the 1920s that they reached, with the shortest skirts, their greatest influence. On the screen, leg appeal was epitomized by Marlene Dietrich; in Society by Doris Delevingne. Mit der Dame neben ihr wird sie irgendwann ein lesbisches Verhältnis haben. Die amerikanische Millionärin kauft den Palazzo Venier dei Leoni und schenkt ihn ihr.

Die schönen Beine kann man natürlich, wenn man genau hinschaut, schon auf dem Bild des Amateurmalers im ersten Absatz sehen. Bei Sir John Laverys Bild im zweiten Absatz kommen die Beine richtig zur Geltung. Sir John, der auf diesem Photo mit seinem aristokratischen Modell am Schwimmbecken steht, hatte schon ein Portrait (ohne Swimmingpool und nackte Beine) von ihr gemalt. In züchtiger Kleidung (einem Reitkostüm aus dem 18. Jahrhundert – unsere Wassernixe verkleidet sich gerne) mit einem schwarzen Hut.

Die Zeitschrift Sketch nannte das Portrait a delightful example of the art of the President of the Royal Academy. Ihr Ehemann warf nur einen Blick auf das Bild und sagte: It may be art, which I doubt, but it isn’t Doris. Das Bild wurde 1997 bei Sotheby’s verkauft. Davon gibt es allerdings leider keine Abbildung im Internet. Aber bei mir schon, wenn Sie in diesem Auktionskatalog auf die Seite 28 gehen, können Sie das Bild sehen. Ganz klein. Auf dem Cartoon des Tatler sieht unsere Viscountess natürlich ganz anders aus (die National Gallery sammelt inzwischen schon Doris Castlerosse Cartoons)-

Sir John Lavery konnte Frauen malen, dies hier ist seine Ehefrau Hazel. Im letzten Jahrhundert schmückte die Schönheit die irischen Banknoten. Der Viscount Castlerosse ist mit Lavery befreundet, weil der wie seine eigene Familie aus Irland kommt. Sir Johns Frau schwärmte für den dicken Castlerosse, hielt allerdings überhaupt nicht von Doris. Sie sagt zwar nicht Doris could write a book called ‚Around the World in Eighty Beds wie eine andere Dame, aber so etwas Ähnliches hat sie schon gedacht.

Ich kann nicht nur ein Photo von der Viscountess mit ihrem Maler in Palm Springs anbieten, ich habe auch ein Photo, das sie mit dem Amateurmaler, der sie zweimal portraitiert hat, an einem felsigen Rivierastrand zeigt. Er ist etwas übergewichtig, aber er ist definitiv nicht ihr Ehemann, der Viscount Castlerosse. Wir alle kennen den Herrn, es ist Winston Churchill. Die Maler Churchill und Lavery kennen sich, 1915 haben sie sich gegenseitig portraitiert, und Churchill hat Malunterricht bei Lavery genommen. Der Daily Express titelte damals: Mr Winston Churchill is challenging the achievement of Sir John Lavery. He is painting a portrait of Lady Castlerosse. Lavery hat über Churchill gesagt, dass er, wenn er sich nicht so viel mit Politik und Regieren beschäftigt hätte, er einen sichereren Pinselstrich gehabt hätte.

Hier fängt die Geschichte an, spannend zu werden: Gibt es eine Liebesgeschichte zwischen Lady Castlerosse und Winston Churchill? Die Verehrer von Churchill bestreiten das vehement. Wenn es diese love story gegeben hat, dann ist sie zuende, als Lavery 1938 das Palm Springs Bild malt. Ihre Ehe mit dem Viscount ist auch gerade zuende. Den Titel Viscountess darf sie aber nach der Scheidung behalten. Was nach diesem Sommertag kommt, an dem sie die Beine im Wasser baumeln lässt, ist ein langsamer und stetiger Niedergang eines It-Girls mit schönen Beinen.

Dass sie aus New York mitten im Krieg einen Flug mit einer Boeing Clipper nach London bekam, dafür hatte der Premierminister Winston Churchill gesorgt. Nicht aus Erinnerung an die alte Liebe. Er hatte Angst, dass sie der amerikanischen Klatschpresse etwas über die Sommer im Chateau de l’Horizon erzählen könnte. Ihr ehemaliger Ehemann, inzwischen der sechste Earl of Kenmare, hatte sie von der Waterloo Station abgeholt. London war verdunkelt, er erkannte sie an der Stimme und ihrem Parfüm. Da sah er noch nicht, wieviel sie von ihrer Schönheit eingebüsst hatte.

Sie dinierten im Dorchester, aber sie hatten sich nicht mehr viel zu sagen. Sie nahm sich ein Zimmer im Dorchester, wo sie schon einmal da war. Bezahlen hätte sie es nicht können, sie hatte kein Geld mehr, ihre Brillanten hat sie in New York ins Pfandhaus getragen. Wenige Geschichten von Frauen, die sich nach oben schlafen, haben ein happy ending. Sie schüttet sich auf ihrem Zimmer einen Drink ein und kippt all ihre Schlaftabletten in das Glas. Man findet sie am nächsten Tag, bringt sie in das St Mary’s Hospital in Paddington, aber man kann nichts mehr für sie tun. Es gibt ein Gerücht, dass Lady Clementine Churchill dies Bild, das ihr Mann von Doris malte, verbrannt hätte. Aber das stimmt nicht, es hängt immer noch in Chartwell.

Diese schöne Frau mit den schönen Beinen, die hier neben dem jungen Prince Philip sitzt, hat auch den Namen Delevingne. Sie hat 1937 den Bruder unserer femme fatale geheiratet. Angela Cara Delevingne, die aus einer Adelsfamilie kommt, wird sich nicht nach oben schlafen. Sie wird ein Leben ohne Skandale führen und einhundertzwei Jahre alt werden. Ihre Enkelinnen, die Poppy und Cara heißen, werden berühmt und sind ständig in den Schlagzeilen, weil sie Models oder It-Girls oder was weiß ich sind. Sie sind auf jeden Fall das, was Kate Moss einmal war. Ihre Großtante Doris wäre sicher stolz auf sie.

Wenn Sie alles über die demimondaine, oder wie immer wir sie bezeichnen wollen, wissen möchten, dann lesen Sie The Mistress of Mayfair: Men, Money and the Marriage of Doris Delevingne von Lyndsy Spence. Sie können natürlich auch in diesem Blog in den Posts Lady Emma Hamilton, les grandes horizontales, Demimonde und Christine Keeler lesen, das sind alles ähnliche Lebenswege.

Ein Sieger, ein Besiegter. Der Sieger trägt einen Säbel und hat auch noch eine Pistole umgeschnallt. Sicher ist sicher, bei den Franzosen weiß man ja nie. Der Herr mit den roten Hosen ist der Kaiser von Frankreich, der gerade einen Krieg verloren hat.Verlieren kann er gut, zahlreiche seiner Putschversuche sind fehlgeschlagen, bevor er französischer Präsident wurde.

Am 2. Dezember des Jahre 1852, dem Jahrestag der Kaiserkrönung seines Onkels Napoleon Bonaparte, hatte sich Charles-Louis-Napoleon Bonaparte als Napoleon III zum Kaiser der Franzosen gekrönt. Knapp zwei Jahrzehnte  später sitzt er neben Bismarck nach der Schlacht von Sedan auf der Bank. Da heißt es dann Ab nach Kassel. Zu Hause wird er auch noch abgesetzt, und Wilhelm Busch dichtet Eins, zwei, drei – ich zähl‘ herum – Der Louis ist Napolium! Ich lasse den Louis heute mal ein wenig draußen vor, er hatte hier schon vor acht Jahren einen Post. Ich kapriziere mich heute einmal auf die Damen, die ihn umgeben. Wie diese Engländerin, die von einem seiner Verwandten begleitet, so elegant auf dem Pferd sitzt.

Nicht nur die Frauen kennt der Louis gut, auch Gefangenschaft und Exil kennt er gut. Wie man einen Krieg verliert, weiß er auch. Das Ergebnis seiner Intervention in Mexiko kennen wir alle, weil wir Robert Aldrichs Film ✺Vera Cruz gesehen haben und dieses Bild von Eduard Manet (das hier schon einen ausführlichen Post hat) im Kopf haben. Vielleicht hat sich der Louis auch von der Fürstin Pauline von Metternich, der besten Freundin seiner Frau (die man in Wien wegen ihrer Klatschsucht Mauline Petternich nennt) in das mexikanische Abenteuer reinquatschen lassen.

Das hier ist die Italienerin Virginia Oldoni, die Contessa di Castiglione, auf jeden Fall sieht sie in der Fernsehserie ✺Ottocento so aus, wenn ✺Virna Lisi sie spielt. Yvonne De Carlo ist allerdings in dem Film ✺La Contessa di Castiglione etwas züchtiger bekleidet. Bei ihrem ersten Auftritt in Paris trug die Contessa ein hauchdünnes Kleid mit aufgenähten Herzchen, die ihre Brustwarzen gerade mal eben bedeckten. Zwischen den Beinen war auch noch ein Stoffherz aufgenäht, das die Schamhaare nicht ganz bedeckte. Was die Kaiserin Eugénie zu dem Satz Das Herz dieser Dame sitzt wohl etwas tief veranlasste.

Frauen machen jetzt Politik. Und Mode. Hier ist die Castiglione mal züchtig bekleidet, von Alessandro Milesi gemalt. Sie wird auf hunderten von Photographien zum ersten Supermodell des 19. Jahrhunderts werden. Der Louis ist fasziniert von ihr, schenkt ihr teuren Schmuck, ein Haus in der Rue de Ponthieu und seidene Unterwäsche mit seinem Monogramm. Sie wird seine Maitresse, und sie zieht ihn in die Machtkämpfe um Italien und in den Sardinischen Krieg hinein. Diese Geschichte hätte ich gerne erzählt, aber sie steht schon in dem Zeitungsartikel Diese Sexfalle trieb Napoleon III. in den Krieg.

Es sind immer wieder die Frauen, die den entscheidungsschwachen Parvenu auf dem Kaiserthron antreiben. Auch seine Gattin Eugénie macht Politik, sie will den Krieg gegen die Preußen. Sie macht nicht nur Politik, sie macht auch Mode. Dies ist die Geburtsstunde der Haute Couture. Auf diesem Bild von Franz-Xaver Winterhalter trägt die Kaiserin Eugénie ein Kleid von Charles Frederick Worth (der hier schon einen Post hat), die Damen um sie herum wahrscheinlich auch alle.

Pauline Metternich (hier auch von Winterhalter gemalt) hat ihre Freundin die Kaiserin natürlich sofort überredet, dass man neuerdings nur noch Worth tragen kann. Das ist jetzt bei Kaiserinnen der letzte Schrei. Auch unsere Sissi hat Kleider von Worth getragen. Allerdings auch die Contessa Castiglione (das nackte Kleid mit den Herzchen war allerdings nicht von ihm), das wird jetzt ein teurer Spaß für den Louis Napoleon, den Victor Hugo als Napoleon le Petit verhöhnt hat, dass er die Garderobe seiner Gattin und seiner Maitressen bezahlen muss.

Die Kleider für die Courtesane Cora Pearl (die da oben im zweiten Absatz auf dem Pferd sitzt), die auch alle von Charles Frederik Worth kommen, braucht der Louis allerdings nicht zu bezahlen. Die bezahlen schon sein Halbbruder Charles Duc de Morny und sein Cousin Napoleon Joseph Charles Paul Bonaparte, deren Geliebte die Engländerin ist. Sie ist in der Welt der Aristokratie und der Demimonde so berühmt, dass sie in das Dictionary of National Biography aufgenommen wurde, und es gibt auch einen Film (Mam’zelle Bonaparte) über sie. Bei Amazon kann man ihre Memoiren kaufen, die den Titel Grand Horizontal haben, die sind zwar nicht von ihr, aber der Titel Grand Horizontal ist wunderbar.

Der Ausdruck kommt natürlich aus dem Französischen. Das zweite Kaiserreich ist die große Zeit der Courtesanen, es ist kein Zufall, dass Balzac einen Roman mit dem Titel Glanz und Elend der Kurtisanen schreibt. Wenn die Damen der Demimonde Glück haben, macht der Louis sie zur Gräfin, wie die Gräfin Valtesse de La Bigne. Einer ihrer Geliebten ist der Maler Henri Gervex, der auch dieses Bild gemalt hat. Die auf dem Bett hingegossene Dame ist allerdings nicht die Contessa, das ist Ellen Andrée, die vielen Malern der Belle Epoque als Modell gedient hat.

Balzac ist nicht der einzige, der über les grandes horizontales schreibt. Da haben wir auch noch Alexandre Dumas mit seinem Roman La dame aux Camelias. Und Emile Zola, der Nana schreibt. Eine Nana hat auch Manet gemalt, Modell stand ihm die Schauspielerin Henriette Hauser, die man Citron nannte. Sie war die Kokotte des niederländischen Prinzen Wilhelm von Oranien-Nassau, den die Presse jetzt nicht mehr Prince de Orange, sondern Prince de Citron nannte. Die Hamburger Kunsthalle besitzt dieses Bild, 1973 stand es im Zentrum der Ausstellung Nana – Mythos und Wirklichkeit, das schöne Katalogbuch von DuMont kann man noch antiquarisch finden.

Die Gräfin Valtesse de La Bigne, die in Zolas Roman Nana eine Rolle spielt, wird Louis Napoleon und das Zweite Kaiserreich überleben. Sie hatte vor ihrem Tod ihre eigene Todesanzeige vorbereitet: Man muss viel oder wenig lieben, gemäß der eigenen Natur, aber schnell, in einem Augenblick, so wie man den Gesang der Vögel liebt der unsere Seele erfüllt und den wir schon nach der letzten Note sofort wieder vergessen. So wie man die roten Schatten der Sonne liebt, die am Horizont verschwindet. Das Ende des Second Empire ist auch das Ende der großen Courtisanen und ihrer Salons, man macht sie für den verlorenen Krieg verantwortlich. Die Herren Worth und Bobergh schließen ihr Atelier in der Rue de la Paix. Das Musée d’Orsay hat der Prostitution in Paris, von den pierreuses, den Bordsteinschwalben, bis zu den grandes horizonztales eine große Ausstellung gewidmet. Die grandes horizontales sind Geschichte, die pierreuses gibt es immer noch.

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Diese Frau sehen wir normalerweise nicht an seiner Seite, das ist Maja Maranow in dem Tatort ✺Der Fall Schimanski. Schimanski erkennen wir natürlich sofort, weil er die berühmte schmuddelige Schimanski Jacke trägt. Ein ewiger Modeklassiker, kann man heute noch kaufen. Ist modisch aber genau so langweilig und spießig wie AKK. Eigentlich ist es die so genannte M-65 Feldjacke der Firma Alpha Industries, die 1965 bei den US Streitkräften eingeführt wurde. Götz George hatte sie in einem Army Shop entdeckt, im Laufe der Jahre wurden aber einige Jacken verbraucht.

Dieser Mann hat auch nur eine Jacke, aber ich glaube nicht, dass der Kurzmantel des Dortmunder Hauptkommissars Faber Mode machen wird. Dafür ist dieser Faber einfach zu bescheuert. Auf einer Seite der ARD wird er als depressiv, sperrig und äußerst unberechenbar beschrieben, das ist zurückhaltend. Die Helden des Kriminalromans (und heute der Fernsehserien) sollen ja etwas exzentrisch sein, das garantiert einen Wiedererkennungseffekt.

Das ist ein Effekt, den wir als Leser oder Zuschauer offenbar brauchen. Wenn sie nicht exzentrisch wie Sherlock Holmes oder Hercule Poirot sind, müssen wir sie an ihrer Kleidung, diesem vestimentären Zeichen, erkennen. Der Detective Chief Superintendent Foyle trägt in Foyle’s War den ganzen Krieg hindurch diesen Mantel und diesen Hut. Er braucht auch bei Befragungen seinen Dienstgrad nicht zu betonen wie der DCI Barnaby, er sagt schlicht: I am a police officer. In der ersten Folge von ✺Derrick wollte Horst Tappert auch ein wenig englisch sein und trug einen British Warm, aber das passte nun gar nicht. Vielleicht wäre die Schimanski Jacke für ihn das richtige Kleidungsstück gewesen.

Den Engländer hier links (gespielt von Basil Rathbone) erkennen wir sofort an seiner Kleidung. Er ist ziemlich exzentrisch. Er besitzt eine Stradivari (die er mal für 55 Shilling gekauft hat) und schwärmt für die Geigenfee Wilma Franziska Neruda. Er selbst spielt grauenhaft schlecht Violine, konsumiert Kokain und Morphium und schießt von Zeit zu Zeit die Initialen der Königin Victoria mit einem Revolver in die Tapete. Kommissar Faber hätte sicher seine Freude an ihm.

Wir als Zuschauer haben sicher mehr Freude an dieser kriminalistischen Phantasiefigur, die immer denselben Regenmantel trägt: In 1966 I was walking on 57th Street in New York when it started to rain. I entered a shop and bought a raincoat. When I had to find one for Columbo, I simply took this one. Der kurze Regenmantel, der sicherlich ebenso berühmt wurde wie die Schimanski Jacke, kam von der spanischen Firma Cortefiel, die gibt es immer noch, aber ich glaube, sie stellen keinen Columbo Raincoat mehr her.

Der Herr in der Mitte hat den Trenchcoat berühmt gemacht: The role is a cinch. The role doesn’t bother me. I’ve been doing the role for years. I’ve worn that trench coat of mine in half the pictures I’ve been in. Die Photo ist aus dem Film ✺Casablanca, in ✺The Big Sleep trägt Humphrey Bogart auch einen Regenmantel (der kommt schon im Roman vor, in dem es immer regnet), aber der ist nicht weiter bemerkenswert.

Die Trenchcoats werden in dem Genre bleiben, bis zur Karikatur in der Sesamstraße, wo wir diesen Detektiv, aber auch Sherlock Humbug (im Original Sherlock Hemlock), finden. Sie haben ihre große Zeit in den Edgar Wallace Filmen. Die sind ohne Trenchcoats gar nicht denkbar (lesen Sie mehr dazu in Hexer, Zinker et al.). Alle tragen Regenmäntel, ob sie nun Joachim Fuchsberger, Heinz Drache oder Siegfried Lowitz heißen. Nur Siegfried Schürenberg als Chef von Scotland Yard nicht. Gangster und Kommissare können Trenchcoats tragen, Chefs tun das nicht.

Auf einer filmisch etwas höheren Ebene als dem German Grusel der sechziger Jahre finden wir den Trenchcoat im Polar, dem französischen Kriminalfilm. Was wäre Alain Delon in ✺Le Samurai ohne seinen Burberry und seinen Borsalino? Hier sehen wir Yves Montand in ✺Le cercle rouge, einem Klassiker von Jean-Pierre Melville. Und, seien wir ehrlich, Yves Montand oder Alain Delon hätte nie eine Schimanski Jacke getragen. Die französischen Schauspieler haben immer gute Schneider (lesen Sie mehr in dem Post Lino Ventura). Horst Tapperts Anzüge stammten angeblich alle von Max Dietl, sie sehen aber alle nicht nach einem Maßanzug, sondern eher nach Cheap & Awful aus.

Ebenso wiederkehrend wie die Militärjacke (auf der die Schulterstücke der M-65 abgetrennt waren) ist Schimanskis Dauerfreundin Marie-Claire (Denise Virieux) mit den krisseligen Haaren. Sie ist in fünfzehn Tatort Folgen zu sehen, hält ihm über Jahrzehnte die Treue. Trotz der scheußlichen Schimanski Jacke. Das muss wahre Liebe sein.

Exi war damals beinahe jeder, man brauchte dafür einen schwarzen Rollkragenpullover und ein graues Tweedjackett. Graue Tweedjacketts (möglichst mit einem Harris Tweed Label) waren in den fünfziger Jahren eine große Sache. Man trug sie in Deutschland vorzugsweise mit einem weißen Hemd. Engländer wären nie auf diese Idee gekommen. Sah am Durchschnittsdeutschen auch nicht so elegant so wie hier an Gabriele Ferzetti in Antonionis Film L’avventura.

Das Tweedjackett für uns Exis durfte nicht neu sein, es musste so aussehen, als ob man einen Irischen Wolfshund ausgekämmt hatte. Also dieser Look der Jazzkeller des Rive Gauche (wie ihn hier Hubertus Hierl photographierte) oder der Riverkasematten in Hamburg. Neben dunklem Rolli und Tweedjackett musste man natürlich noch einen Band Camus oder Sartre unter dem Arm tragen. Das fiel ins Auge, Rowohlt hatte für beide Autoren rote Buchumschläge gewählt. Und dann musste man für Juliette Gréco schwärmen (für die sogar Sartre ein Chanson schrieb), was ich selbstverständlich tat. Darüber habe ich hier schon einmal geschrieben. Und non, je ne regrette rien.

Juliette Gréco erfand den existenzialistischen Stil: langes, glattes Haar mit Stirnfransen, die ‚Frisur einer Ertrunkenen‘, wie der Journalist Pierre Drouin es nannte, dazu dicke Pullis und Männerjacken mit hochgekrempelten Ärmeln. Gréco schrieb, ihre langen wilden Haare hätten sie in der Kriegszeit warm gehalten. Dasselbe sagte Simone de Beauvoir über ihren Turban. Existenzialisten trugen schlabbrige Hemden und Trenchcoats, einige pflegten einen frühen Punk-Stil. Einer lief mit einem ‚völlig zerrissenen und zerlumpten Hemd herum‘, schrieb Drouin. Bald jedoch setzte sich der typische Exi-Look durch: der schwarze Rollkragenpulli.

Das schreibt Sarah Bakewell in ihrem wunderbaren Buch At The Existentialist Café: Freedom, Being, and Apricot Cocktails. Ich habe die Autorin schon in dem Post Montaigne en allemand vorgestellt, ihre brillante Einführung in den Existentialismus gibt es auch auf Deutsch, wie Sie dem Zitat oben entnehmen können. Sarah Bakewell recounts the story of existentialism with wit and intelligence, offering a fresh take on a discipline often deemed daft and pretentious, hat Andrew Hussey im Guardian gesagt.

Und hinzugefügt: It helps that she writes well, with a lightness of touch and a very Anglo-Saxon sense of humour. Das ist es, was Bakewell perfekt beherrscht: schwierige Dinge ganz einfach zu erklären. Und zu den wärmenden Haaren von Juliette Gréco sollte man noch anmerken, dass die bis zum Po gingen. Schreibt sie auf jeden Fall in ihrer Autobiographie. Gerade auf Deutsch erschienen ist Agnès Poiriers Buch Left Bank: Art, Passion and the Rebirth of Paris 1940–1950. Ein wenig oberflächlich und nicht auf dem Niveau von Bakewell, aber doch ein schönes Sittengemälde der Zeit.

Die langen Haare von Juliette Gréco und Rita Renoir (der tragédienne du strip-tease), die schwarzen Rollis, das leicht versiffte Aussehen, das war das Äußerliche. Man konnte den Stil leicht nachahmen, es gab genügend Wochenschauaufnahmen und Photos von der Pariser Szene. Wir stellten uns eine Gesellschaft außerhalb der Gesellschaft vor, die in Bars und Nachtclub lebte; in einem Paris, das in unserer Vorstellung der Dunkelheit des amerikanischen Film Noir und dem französischen Poetischen Realismus (man denke an Le jour se lève und Le Quai des brumes) entsprungen war. So ganz falsch war das wohl nicht, denn es gibt mittlerweile ein Buch mit dem Titel Existentialism, Film Noir, and Hard-Boiled Fiction.

Was wir nicht wussten, war die Tatsache, dass die großen Existentialisten, selbst wenn sie Bars und Nachtclubs frequentierten, nicht so aussahen wie wir in unserem Exi Outfit, die waren sehr bürgerlich ordentlich gekleidet. Wir legten diese Kleidung auch bald wieder ab und wurden dann Mods, wie sie Engländer diese Jugendkultur nannten. Als ich 1962 Juliette Gréco in Berlin hörte, hatte ich meinen guten blauen englischen Anzug von Charlie Hespen an.

Die Photos, die Henri Cartier-Bresson von Camus oder Sartre gemacht hatte, haben schnell einen ikonischen Charakter bekommen. Philosophen wurden damals in Frankreich inszeniert wie Filmstars. Oder wie die beiden neuen Herrscher am Modehimmel. Christian Dior und Jacques Fath. Und auch der französische Film war häufig nichts anderes als existentialistische Philosophie auf Zelluloid. Wenn Jean Paul Belmondo in A bout de souffle sagt: Leiden ist völlig idiotisch. Ich entscheide mich für das Nichts. Das ist zwar nicht viel besser, aber Leiden ist ein Kompromiss. Ich will alles oder nichts. Von diesem Augenblick an weiß ich es. Endgültig, dann ist das nahe dran am Existentialismus.

Camus war einer der Helden meiner Jugend, ich wollte so cool sein wie er auf dem Photo von Cartier-Bresson. Camus hatte immer gute Photographen. Er gefiel mir auch, weil er immer gut gekleidet war und Stil hatte, einer seiner Mitschüler hat sich erinnert, dass er schon als Jugendlicher graue Flanellanzüge zum Unterricht trug.

Wenn er mit einundzwanzig heiratet, wird ihm seine reiche Schwiegermutter die eleganten Anzüge bezahlen. Camus sah, selbst wenn er sich als Bohemien gab, nicht so heruntergekommen auf den Bildern aus wie Heidegger, der auf seinen Holzwegen immer wie ein Waldschrat aussah. Olivier Todd hat Camus in seiner faktenreichen 920-seitigen Biographie als einen Dandy, Elegant und Frauenhelden beschrieben – der Philosoph des Absurden als Don Juan. Das konnte ich damals nicht wissen. Als ich damals Camus las, verstand ich auch mehr von Camus als von den Frauen.

Wenn man die französische Szene des Rive Gauche auch leicht in ihrem Habitus nachahmen konnte, wenn es auch leicht war, einen schwarzen Rolli zu einem zerlumpten Tweedjackett zu tragen, all diese Äußerlichkeiten waren nicht das, was uns als kleine Exis damals wirklich antrieb. In Paris gewesen zu sein, half viel auf dem Weg zum Existentialismus. Die Gedichte von Jacques Prévert (hier von Robert Doisneau photographiert) im Original zu lesen, das war das eine (ich konnte alle seine Chansons, die Juliette gesungen hatte, auswendig). Camus zu lesen, das war das andere. Er gab einem Sätze, über die man nachdenken konnte. Wie kläglich war der Philosophieunterricht der Oberstufe gegen sein Werk. Ich las Camus, obgleich ich vieles nicht verstand. Oder falsch verstand. Aber wenn man achtzehn ist, versteht man schon vieles richtig, selbst wenn man es nicht versteht. Man kann nicht richtig leben, wenn das Leben keinen Sinn hat.

Das alles, was ich bisher hier geschrieben habe, stand schon in der ein oder anderen Form in meinem Blog, aber wenn ich heute noch einmal das Paris der Nachkriegszeit heraufbeschwöre und dazu ein paar CDs der Sammlung Jazz in Paris von Gitanes höre, dann liegt das an diesem Buch hier. Das hat mir der Yogi gerade aus Amerika geschickt, er hatte es vom Autor geschenkt bekommen. Mit Widmung, jetzt ist es meins. Ich habe gleich begonnen, es zu lesen, weil es ein Lesevergnügen ist. Das im letzten Jahr bei Harper Collins erschienene Buch hat auch sehr gute Kritiken erhalten, und das zu Recht.

Der Autor Gordon Marino hat auch Kierkegaard in the Present Age und The Quotable Kierkegaard veröffentlicht und ist Mitherausgeber des Cambridge Companion to Kierkegaard. Ein Kierkegaard Spezialist also, dem man nicht ansieht, dass er auch etwas ganz anderes kann. Er war nämlich einmal Boxer und ist heute noch Boxtrainer. Philosophen werden ja nicht unbedingt mit dem Sport assoziiert, obgleich wir natürlich Thomas Hobbes erwähnen müssen, der im hohen Alter noch Tennis spielte. Als Sartre noch am Gymnasium unterrichtete, brachte er seinen Schülern das Boxen bei, das er selbst während seines Studiums erlernt hatte. Ob Heidegger wirklich gesagt hat: Ich war linker Läufer beim FC Meßkirch, weiß ich nicht. Aber wir wissen, dass Albert Camus in seiner Jugend Torwart bei Racing Universitaire d’Alger war. Er hat über diese Zeit gesagt: Alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball.

Gordon Marino ist auch Direktor der Kierkegaard Bibliothek des St Olaf College in Northfield (Minnesota), und dass die kleine Universität die vielleicht beste Kierkegaard Bibliothek der Welt besitzt, verdankt sie diesem Herrn hier. Er heißt Howard Hong und hat keinen Wikipedia Artikel, die Bibliothek, die er aufgebaut hat, hat allerdings einen Artikel. Dieses Internet Lexikon weiß auch nicht, was es tut. Wir nehmen einmal für die Beschreibung seines Lebens diesen Nachruf aus der Star Tribune.

Die Bibliothek, die heute seinen und Kierkegaards Namen trägt, aufzubauen, wäre schon Grund genug dafür, dass es einen Howard Hong Artikel geben müsste. Doch es gibt noch viel mehr. Hong hat zusammen mit seiner Ehefrau den ganzen Kierkegaard ins Englische übersetzt, sieben Bände der Journals and Papers (Indiana University Press) und 26 Bände von Kierkegaards Werk (Princeton University Press). Für den ersten Band bekamen Edna und Howard Hong den National Book Award. Viele Ehrungen wie der Dannebrog Orden und ein Ehrendoktorat in Theologie der Universität von Kopenhagen für Howard Hong sollten folgen.

Kierkegaard habe ich für mich selbst entdeckt, das können Sie meiner Leseliste für das Jahr 1962 entnehmen. In meinem Philosophiestudium kamen Kierkegaard und Camus niemals vor. In den deutschen Universitäten der 68er Jahre wurden nur zweitklassige Denker wie Marx und Hegel angeboten. Hätte ich nicht den Vortrag von Gabriel Marcel gehört, hätte es in diesem Studium überhaupt kein Highlight gegeben.

Als ich zehn Jahre später der Philosophiedozentin, die hier lieber namenlos bleiben soll, Sören Kierkegaard als Prüfungsthema für die Doktorprüfung vorschlug, lehnte sie das Thema glatt ab. Das sei kein Philosoph, sagte sie. Da wußte ich, dass ich den Namen Arthur Schopenhauer jetzt gar nicht erst ins Spiel zu bringen brauchte. Sie schlug mir Hegel vor, ich dachte nur: Igitt. Wenn Sie den Post Hegel in diesem Blog lesen, wissen Sie weshalb. Und da habe ich noch nicht einmal Jürgen Kuczynskis schönen Satz von Hegels grausam verklausulierten Ausführungen zitiert. Wir einigen uns auf das Thema des Staatsvertrags bei Hobbes, Locke, Rousseau und Kant. Ist ein nettes Thema, concédé, ist aber eben kein Kierkegaard. Man braucht auch nicht Philosophie zu studieren, um Kierkegaard zu lesen. Denn er gehört, wie Schopenhauer (dessen Werk er erst kurz vor seinem Tod richtig entdeckte) zu den Philosophen, die man ohne Hilfe von anderen lesen kann. Jeder Leser wird ihn anders verstehen, aber es ist ein Vergnügen ihn zu lesen. Weil er ja eigentlich ein Dichter ist.

Und da ich bei Philosophen bin, die man lesen kann, ohne Philosophie studiert zu haben, komme ich noch einmal auf Gordon Marinos Buch zurück. Den Existentialist Survival Guide mit dem schönen Untertitel How to Live Authentically in an Inauthentic Age kann jeder Leser lesen, der lesen kann. Sapere aude! Das Buch ist kein self-help manual, ebenso wenig wie Claude Lelouchs Film Hommes, femmes: Mode d’emploi eine Gebrauchsanleitung für das Zusammenleben mit Frauen ist. Marinos Existentialist Survival Guide ist eine Einführung in die Geschichte des Existentialismus, der für englische Kritiker häufiger nichts als eine Mode, ein numinoser Daseinsschmerz, ist. Andrew Hussey formulierte das hübsch ironisch im GuardianFrench philosophy, for all its fag-waving sexiness, is also mostly pretentious and daft. No philosophy has exemplified this more than existentialism, the movement that dominated cultural life in Paris after the second world war.

Das Internet ist voll von kleinen Filmchen, die in wenigen Minuten in ein philosophisches Thema einführen. Der von der BBC produzierte Film über Sartre, von Stephen Fry vorgelesen, hat mir sehr gefallen. Über eine Introduction to Kierkegaard bei YouTube schreibt ein Zuschauer: I so wish I had read some of Kierkegaard’s works when I was a teenager, because if I had, a lot of my life would have been a whole lot clearer to me. Das ist ein Satz, den auch die Leser von Marinos Buch sagen können. Der Autor, der immer als Mensch mit allen Fehlern greifbar ist, nimmt den Leser gleichsam an die Hand und ist ihm ein Wegführer durch die Wildnis der Gedanken.

By steering through issues that bear on us personally, and revealing their disruption and augmentation of his life, Marino avoids purely abstract, academic exposition. Classes in existentialism and existential psychology are popular because, apart from vocational promises, they offer a personal relevance all too absent in lectures devoted solely to impersonal facts and techniques. While Marino’s grasp of the literature is impeccable, his verve and wit as a writer stand out, and his self-revelations are not self-promotions, hat Edward F. Mooney im Los Angeles Review of Books geschrieben.

Es ist schön, wenn Philosophen über ihre Kollegen solche Dinge sagen. Und nicht etwas schreiben wie: Hegel, ein platter, geistloser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan, der, mit beispielloser Frechheit, Aberwitz und Unsinn zusammenschmierte, welche von seinen feilen Anhängern als unsterbliche Weisheit ausposaunt und von Dummköpfen richtig dafür genommen wurden, … hat den intellektuellen Verderb einer ganzen gelehrten Generation zur Folge gehabt. Das hätte ich damals gerne der Philosophiedozentin gesagt, aber ich wollte das Rigorosum ja noch bestehen. Der Satz ist übrigens von Arthur Schopenhauer.

Lesen Sie auch: Kierkegaard, Blauer Dunst und Albert Camus. Und wenn Sie wissen wollen, was Philosophie wirklich bedeutet, dann klicken Sie dies Video von Monty Python an, der Gruppe, die gestern ihren fünfzigsten Geburtstag feiern konnte.

Was Prince Charles hier auf dem Kopf hat, das kann er gerne tragen. Er besucht gerade ein Regiment der Fallschirmjäger, dessen Ehrenoberst er ist. Und die englischen Fallschirmjäger tragen nun mal dieses weinrote Barett. Sie haben es noch nicht so lange. Also nicht so lange, wie die 11. Husaren ihre roten Hosen haben. Die Mützen tauchen erst 1942 bei der British 1st Airborne Division auf, deren Kommandeur der General Frederick „Boy“ Browning ist. Seine Gattin soll sich die weinrote Farbe der Mützen, die der Farbe der Automobile des königlichen Fuhrparks ähnelt, gewünscht haben.

General Browning (hier mit dem polnischen General Stanisław Sosabowski) hat nicht immer das rote Barett getragen, zu einer Ausgehuniform gehört nun mal eine Schirmmütze. So elegant Browning daherkommt, so unfähig ist er. Wenn einer das Fiasko des Unternehmens Market Garden, das für die Allierten in Arnheim endet, zu verantworten hat, dann ist er es. Seine Generalskollegen, vor allem die amerikanischen (James M. Gavin, der der erste Stadtkommandant von Berlin wird, äußert sich vernichtend über ihn), arbeiten ungern mit ihm zusammen und halten ihn für völlig unfähig.

Browning wird nach dem Desaster von Arnheim den General Sosabowski als Sündenbock ausmachen, was erstens wahrheitswidrig ist und zweiten völlig ungentlemanlike ist. Wenn man ihn in England offiziell nicht kritisiert, bekommt Browning doch nie wieder ein Truppenkommando, obwohl er die elegantesten Uniformen von allen englischen Generälen hat. Die er sich zum Teil selbst entwirft. Wenn Generäle sich erst ihre eigenen Uniformen entwerfen, ist das zwar gut für die Schneider der Savile Row, aber zweifelhaft für das Militär. George Patton hat das auch getan.

Die beiden Bilder hier hat die Witwe von General Browning nicht gern gesehen, sie zeigen Dirk Bogarde, der in dem Film A Bridge too Far den General Browning spielt. Bevor der Film in die Londoner Kinos kommt, versucht sie mit allen Mitteln zu verhindern, dass der Film gezeigt wird. Die Witwe heißt Daphne du Maurier und ist eine weltbekannte Autorin von spannenden Geschichten. Hitchcock hat Jamaica Inn und Rebecca verfilmt, und auch The Birds basiert auf einer Erzählung von du Maurier. Ebenso Nicolas Roegs Film Don’t Look Now.

Lady Daphne hat sehr gute Beziehungen zum englischen Königshaus, aber es hilft alles nichts, der Film kommt in die Kinos. Wogegen sie sich wendet, ist die Darstellung ihres Gatten durch Dirk Bogarde, der den General sehr elegant, ein wenig effeminiert und militärisch vollständig hilflos angelegt hat. Lady Daphne ist jetzt um den guten Ruf ihres verstorbenen Gatten bedacht. Das ist eigentlich erstaunlich, denn nach dem Krieg hat Browning nur noch gesoffen (weshalb er auch seine Ehrenposten im Buckingham Palast verloren hatte) und sie mit anderen Frauen betrogen. Aber die weinroten Mützen, die sich Daphne du Maurier ausgedacht hat, die sind immer geblieben.

Die militärischen Baskenmützen landen irgendwann auch bei der Bundeswehr. Zu meiner Dienstzeit glücklicherweise nicht, da trugen Offiziere wie auf diesem Bild eine Schirmmütze oder ein Schiffchen. Aber ab 1971 findet man das Barett bei den Panzertruppen und den Fallschirmjägern. Die Panzertruppe bekommt schwarze Baretts, so etwas hatten sie bei der Wehrmacht auch schon. Die Fallschirmjäger bekommen das Barett in der Farbe, die auch das Regiment von Prince Charles trägt. So weit, so gut, aber am Ende des Jahrzehnts musste die ganze Bundeswehr Barette tragen. Das sind eine Menge Mützen, die da angeschafft werden, denn die Bundeswehr hat noch eine Stärke von 480.000 Soldaten.

Ich finde es ja eine alberne Kopfbedeckung. Zum Kampfanzug im Manöver in Munster oder Sennelager meinetwegen, aber wenn der Generalinspekteur der Bundeswehr zum Ausgehanzug diese seltsame Wollmütze trägt, dann sieht das schon komisch aus. Der General steht hier neben der ehemaligen und der neuen Verteidigungsministerin. Er ist der einzige General, der da vorne steht, die Generalität glänzt beim großen Großen Zapfenstreich für Ursula von der Leyen durch Abwesenheit. Das war wohl eine politische Botschaft an die ungeliebte Ministerin. Die Marine schickte zwei Kapitäne zur See, keinen Admiral. Dabei haben wir doch genug von denen. Die Marineoffiziere fielen auf, weil sie die schönen goldbetreßten Schirmmützen trugen: die Bundesmarine hat den ganzen Barettunsinn nicht mitgemacht.

Es war sozusagen ein Zapfenstreich light, den das deutsche Fernsehen als Sondersendung übertrug. Das Fehlen hoher Offiziere, dafür aber durch die Bank schlechtsitzende Uniformen und ein grauenhaft dudelndes Musikkorps. Nach seinem eigenen Selbstverständnis ist das Musikkorps ganz großartig: Das Musikkorps der Bundeswehr ist eine Musikeinheit mit herausgehobenem Auftrag. Der Klangkörper führt repräsentative Konzertveranstaltungen im In- und Ausland auf höchstem musikalischen Niveau durch. Gleichzeitig gestaltet das Musikkorps der Bundeswehr gemeinsam mit dem Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung den Protokollarischen Ehrendienst im Westen Deutschlands und vertretungsweise in der Bundeshauptstadt. Das lassen wir lieber unkommentiert.

Die Engländer, denen wir die Barette verdanken, haben viel bessere Militärmusik. Das fängt schon mit der Homepage der Corps of Army Music an. Ich habe heute für Sie etwas Witziges zum Schluss; einen militärischen Flashmob. Videos mit musikalischen Flashmobs gibt es ja en masse bei YouTube (das hier ist mein Lieblingsvideo), aber ein militärischer Flashmob, das ist neu. Klicken Sie mal hier.

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