Könnten Sie nicht einmal über skandinavische Mode schreiben? wurde ich gefragt. Was halten Sie zum Beispiel von Oberhemden von Eton und Stenströms? Wir sind mit diesen Fragen bei der Herrenmode. Über die skandinavische Damenmode kann ich wenig sagen. Wo kauft die Königin Margrethe ein? Vielleicht trägt sie eins dieser Label, die nach Harper’s Bazaar ganz heiß sind. Sie hat ja ihren eigenen ➱Stil, der über die ➱Jahre immer gewagter geworden ist, aber sie kann das tragen. Den modischen Mut von Margrethe wünschte man Angela Merkel auch mal. Als ich Margrethe zum ersten Mal sah, trug sie ein blaues Abendkleid, das war noch sehr konventionell. Wenn Sie die ganze Geschichte dazu lesen wollen, dann klicken Sie ➱Des Königs Jaguar an. Die Prinzessinnen in meinem Heimatort, also zum Beispiel meine Freundin ➱Gudrun, trugen damals Kleider von der finnischen Firma Marimekko, die wunderbare Farben und Muster hatten.

Das karierte Hemd, das da aus dem hellen Regenmantel hervorlugt, war in den sechziger Jahren mein Lieblingshemd (die etwas seltsame Handhaltung erklärt sich daraus, dass ich eine Hundeleine halte, an der unten ein Hund zerrt). Das Hemd kam von der schwedischen Firma Melka, die damals in Deutschland stark vertreten war und mit Sätzen wie Sie empfinden ein gutes Stück Schweden, frei leger und persönlichkeitsbetont warb. Das karierte Melka Hemd aus dickem Leinen besaß einen weißen Kragen und eine weiße Knopfleiste, das war damals außergewöhnlich. Ich habe es noch, es liegt irgendwo im Schrank, der schon ein kleines Modemuseum ist.

Melka bot damals auch viele Hemden aus Viyella an, einer Mischung aus Wolle und Bauwolle, Viyella war auch bei englischen Fabrikanten sehr beliebt. Denn in England war es kalt, eine gut funktionierende Zentralheizung war im England der fünfziger Jahre in Seltenheit. Türen, die bis zum Boden gingen auch. Sie kennen das aus ➱Agatha Christie Filmen, wo  kleine Botschaften (oder kleine Schlangen) da unten durch geschoben werden. In diesen Filmen tragen die Herren beinahe immer dicke Tweedanzüge mit Weste oder Pullunder. Cool Britannia hatte damals eine andere Bedeutung.

Ein Jahrzehnt später trug ich Hemden von der schwedischen Firma Stenströms, die einmal der größte Hemdenproduzent Schwedens war. Die hatte ➱Kelly im Angebot, mit vielen runden Kragen und ➱Piccadilly Kragen, die mit einer Nadel die Krawatte umschlossen. Das war schon etwas anderes als die deutschen ➱Nyltest Hemden, die Produkte aus Bielefeld mit den furchtbar steifen Kragen, die die Hausfrauen noch stärkten. Oder die fürchterlichen Seidensticker Hemden mit der schwarzen Rose.

Ich habe immer noch Stenströms Hemden, habe mir mit der Zeit aus reiner Nostalgie immer wieder einmal eins gekauft. Die Baumwolle ist erstklassig, aber leider haben sie nicht mehr die tollen Kragen der siebziger Jahre. Die Firma Stenströms gibt es seit 1899, die Firma Eton ist dreißig Jahre jünger. Um die habe ich einen Bogen gemacht, weil die mir zu langweilig ist. Aber ➱Michael Rieckhof von der Firma Kelly’s hat mir versichert, dass die Ehefrauen es lieben, wenn der Gatte sich ein Eton Hemd kauft. Weil man die so schön bügeln kann.

Ich bleibe mal in Schweden, nehme Sie mit in die Vergangenheit, als es in Schweden noch Linksverkehr gab. So etwas wie hier hatte ich auch einmal. Mein gelber Lamamantel kam von der schwedischen Firma Tiger. Die stellt heute Billigklamotten für junge Leute her, damals war sie etwas ganz anderes: Företaget, som tidigare hette „Tiger of Uddevalla“, tillverkade förr endast herrkläder av klassiskt snitt, och målgruppen var på senare år främst äldre män. Mein Mantel (der schon in dem Post ➱Aimez-vous Brahms? erwähnt wird, kam aus dem Laden von Hans Kalich in Bremen, ein Geschäft, das es heute leider nicht mehr gibt, das damals aber modisch noch vor Herrenausstattern wie Charlie Hespen oder Stiesing rangierte.

Sie können hier sehen, dass die Firma ➱Tiger von Marcus Fredrik Schwartzman den schwedischen König belieferte, der heutige König würde bestimmt nicht mehr diese Marke tragen. Heute produziert Tiger Kleidung für junge Menschen, alles slimline, nichts mehr von der Qualität von damals. Wird auch nicht solange halten wie mein gelber Lamamantel. Zweireihige gelbe Kamelhaarmäntel waren in den sechziger Jahren chic, Karajan und Carlo Ponti trugen so etwas, und in ganz Deutschland konnte man billige Kopien dieses Klassikers sehen, den man im anglo-amerikanischen Bereich einen ➱Polo Coat nannte. Ich bin aus meinem königlichen Tiger Mantel herausgewachsen, heute habe ich einen Mantel von Caruso aus gelbem Loro Piana Doeskin, der nach viel Geld aussieht. War aber vor zehn Jahren bei ebay ganz billig.

Es kam noch mehr aus Schweden als der Hoflieferant Tiger of Sweden, zum Beispiel die Firma ESSGE, die sich King of Tailoring nannte und auch noch handmade auf ihre Etiketten schrieb. So etwas hatte ich mal in der Hand, war aber nicht toll. Sehr steife Einlagen, das konnte die deutsche Firma ➱Regent vor fünfzig Jahren besser. Die können allerdings bei allem Werbeaufwand immer noch nicht die Karos anpassen, was bei ESSGE ebenso war. Was ➱Caruso, Canali, ➱Nervesa und Pal Zileri mit links machen, das sollte man bei Regent auch mal irgendwann hinkriegen.

So sah es in Kopenhagen in den sechziger Jahren aus. Ich habe das Photo aus dem Internet, aber meine Photos von Kopenhagen zeigen ganz ähnliche Bilder. Auf der Ströget habe ich 1960 einen eleganten dänischen Herren gesehen, der einen braunen Glencheckanzug mit einem braunen Bowler und einem braunen ➱Schirm komplettierte. Als ich mir meinen ersten englischen Schirm kaufen durfte, war das ein brauner Schirm, einen braunen Bowler (von Christie’s) besitze ich auch. Mir fehlte zu meiner sartorialen Nostalgie nur noch der braune Glencheckanzug. Den sah ich eines Tages bei Charlie Hespen im Schaufenster, ich konnte ihn anprobieren, so lange ich wollte, er war leider zu klein. Es war ein Anzug von der dänischen Firma Hobson of Copenhagen, die bei Herrenausstattern in Norddeutschland gut vertreten war.

Und die natürlich Hoflieferant für das dänische Königshaus war, wie man diesem Etikett entnehmen kann. Die Firma exisitierte von 1952 bis 1985, dann kaufte die italienische Firma ➱d’Avenza den Namen. Die Firma aus Avenza war 1957 von Myron Ackerman gegründet worden. Er war der Sohn von Simon Ackerman, der die englische Firma Chester Barrie gegründet hatte, eine Firma, die ja heute leider nur noch ein Schatten ihrer selbst ist.

Die Firma ➱d’Avenza, die gerade einen Neuanfang gemacht hat, ist heute immer noch im Hochpreissegment tätig ist. Sie sollen auch die RTW Kleidung für große Namen (wie zum Beispiel ➱Battistoni) machen. Einer ihrer Klassiker ist das Forte Jacket (keine Angst, das ist nur innen eingestickt), ungefüttert, Blaseblagtaschen und ein kleiner Rückengürtel. Ich habe solch ein Teil, und ich liebe es. Ich weiß nicht, ob die Firma Hobson damals so etwas auch im Programm hatte. Das Forte Jacket ist ja nix als die Kopie eines englischen Sportjacketts aus den dreißiger Jahren – so wie Dänemark in den fünfziger und frühen sechziger Jahren eine kleine Kopie von England war: überall englische Autos und englische Tweedjacketts.

Es ist eigentlich die Frage, ob sie es sich leisten können, zu Hause zu bleiben, wenn die Dänische Herrenmode Messe während der Tage vom 4. bis 7. September die bedeutenden Kollektionen der dänischen Fabrikanten für das Frühjahr 1966 zeigt. So rührend naiv konnte man 1965 im Herrenjournal die dänische Mode bewerben. Die ersten Kopenhagener ➱ModemessenDansk Modeuge und Dansk Herremodeuge, waren 1958 abgehalten worden. Die Firma Christonette (die schon in dem Post ➱Overcoats vorkommt) bewarb ihre Mäntel mit Wenig teurer, viel besser und versprach: Christonette kreiert die Mantellinie der Zukunft. 

Die Werbung war damals noch nicht so aggressiv wie heute, damals genügte: Erzählen Sie dem Christonettehändler ihre Wünsche – robuster maskuliner Tweed oder Luxus. Probieren Sie andere Mäntel, bevor Sie einen Christonette kaufen. Ich brauchte damals nicht viele Mäntel anzuprobieren, ich fand meinen Christonette Mantel bei Kelly’s im Ausverkauf. Der Mantel war hellgrau und war mit großen schwarzen und braunen Karos übersät, so etwas hatte niemand im Ort. Obgleich die Karos auffällig waren, so wie das Hobson Sakko weiter unten sah der Mantel natürlich nicht aus.

Christonette traute sich sogar auf den amerikanischen Markt und warb im New Yorker (wo sonst?) mit dem Text: Introducing Christonette of Copenhagen – not only protection, but fashion. Fully weather-proofed cotton trench coat, styled with that indefinable look of good taste – Christonette of Copenhagen. See it. Try it. Buy it – at Paul Stuart, New York and other fine stores. Irgendwann gab es keine Mäntel von Christonette mehr, da hatte Otto Aulbach aus ➱Miltenberg den Namen gekauft.

Amerika ist für die Europäer ein schwieriger Markt, aber dort kaufen die Herren vielleicht schon einmal so etwas. In England würde man den Stoff vielleicht als Pferdedecke verwenden. Dies ist ein Jackett der Firma Hobson of Copenhagen, das den Weg nach Amerika gefunden hatte. Solche wunderbaren Geschmacksverirrungen findet man heute manchmal in Second Hand Läden oder bei ebay. Ich glaube nicht, dass man so etwas in Dänemark hätte verkaufen können. Obgleich der Prinz Henrik, der ja einen sehr exzentrischen Geschmack hat, das vielleicht getragen hätte. In den siebziger Jahren habe ich auch immer großkarierte Jacketts getragen, natürlich nicht so große Karos wie Peter Frankenfeld. Und auch nicht wie dieser ➱Gauland. Aber stilvolle, großkarierte Jacketts. Als der Geschäftsführende Direktor mich am Anfang des Semesters den neuen Studenten als Jay, den Sie immer an seinen Jacketts erkennen, vorstellte, habe ich damit aufgehört.

Elegante Damenmode kommt immer noch aus Dänemark, hier ein Modell von Baum und Pferdgarten. Wenn die dänische Königin keinen Schneider oder eine Schneiderin hätte (einen Teil ihrer Garderobe entwirft sie selbst), könnte sie in Kopenhagen sicherlich Dinge finden, die ihr gefallen. Wir müssen dabei immer bedenken, dass die Königin (im Gegensatz zu Frau Merkel) nicht nur ein modisches Gespür hat, sondern dass sie neben ihren eigenen Kleidern auch Kostüme für die Kopenhagener ➱Oper entwirft.

Ob Prinz Henrik dänische Kleidung trägt, weiß ich nicht (zeitweilig hatte er einen Schneider in Hong Kong, wo er damals studierte). Der französische Graf hatte ja immer Schwierigkeiten, sich an die Dänen anzupassen: Wenige Monate nach meiner Ankunft wurde alles, was ich tat, kritisiert. Mein Dänisch war schwankend, ich bevorzugte Wein statt Bier, Seidenstrümpfe statt Stricksocken, Citroën statt Volvo, Tennis statt Fußball. Selbst für die Gauloises, die ich anstelle von Virginia-Tabak rauchte und die hierzulande den Ruf hatten, die Marke gesellschaftskritischer Intellektueller zu sein, konnte ich nicht auf Nachsicht hoffen. Ich war anders. Ich schien mit dieser Position zufrieden zu sein und mich nicht zu schämen. Das waren gleich zwei Fehler! Wir sehen Henrik hier, noch rank und schlank, mit der Prinzessin Margrethe und seinem ➱Citroen.

Die Textilwirtschaft und die Bekleidungsindustrie trugen erheblich zu Dänemarks Wirtschaft bei, es gab 1961 beinahe tausend Textilbetriebe. Die im übrigen mehr erwirtschafteten als die 748 Betriebe der dänischen Möbelindustrie, die immer Dänemarks Vorzeigeindustrie war. Damals wurden in der Bekleidungsindustrie keine schlechten Löhne gezahlt (an eine Verlagerung nach Asien dachte noch niemand), laut Wirtschaftsstatistik des Jahres 1959 lagen die Löhne für die Textilindustrie im oberen Viertel der Lohnskala.

Es geht der dänischem Bekleidungsindustrie auch heute gar nicht so schlecht. 2015 verbuchte die dänische Bekleidungsindustrie neue Rekorde: der Gesamtumsatz dänischer Firmen stieg gegenüber dem Vorjahr um 5,0 Prozent auf 42,2 Milliarden Dänische Kronen (5,68 Milliarden Euro). Der Umsatzzuwachs von H+M ist natürlich größer, mit Billigklamotten ist viel Geld zu machen. Was heute aus Skandinavien kommt (H+M, Dressman, J. Lindeberg, Scandic, Gant – you name them), ist – mit der Ausnahme von Stenströms und Eton – nicht auf dem Niveau von Tiger of Sweden der sechziger Jahre, von Hobson und Christonette. Und von der Firma Winkler’s Mayfair of Copenhagen, von der ich drei rattenscharfe Flanellhosen hatte, habe ich auch nie wieder gehört. Modegeschichte ist Nostalgie, aber eins bleibt: der Qualitätsverfall ist leider überall zu finden. Davon, wie vom Wandel der Mode, bleibt diese junge ➱Dame in Kopenhagen natürlich unberührt.

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Ich hatte mal eine Handvoll Nordstrom Hemden. In meinem Second Hand Laden (den es leider nicht mehr gibt) gekauft, die hatten offensichtlich amerikanische ➱Buttondown Hemden sackweise gekauft. Perfekt für Freizeit, Urlaub und Gartenarbeit. Vielleicht nicht ganz die Qualität von Sero, ➱Hathaway und Brooks Brothers, aber durchaus gute Qualität. Richtige ➱Oberhemden können die Amerikaner ja nicht. Also solche Hemden, die die italienische Firma Fray macht (die auch die Firma Pegaso gekauft haben), da sind schon Welten zwischen amerikanischen und italienischen Oberhemden. Die von einem Schweden namens Johan Wilhelm Nordström gegründete amerikanische Kaufhauskette macht zur Zeit Schlagzeilen. Wegen unserem Donald, der zu allem und jedem eine Twitterbotschaft absetzen muss.

 

Diese Nachricht hieß: My daughter Ivanka has been treated so unfairly by @Nordstrom. She is a great person — always pushing me to do the right thing! Terrible! Was war geschehen? Nordstrom hatte die Klamotten von Ivanka Trump (ja, die Blondine ist eine Designerin) aus dem Programm genommen, weil sie sich nicht verkauften. Und Trumps Beraterin ➱Kellyanne Conway (das ist die mit den alternative facts) sprang ihrem Chef sofort zur Seite: Go buy Ivanka’s stuff is what I would say, I’m going to give a free commercial here: Go buy it today, everybody; you can find it online. Diese Sätze wurden direkt aus dem Weißen Haus gesendet.

Das durfte sie natürlich nicht, das verbieten die ➱Federal ethics rules. Dass aber Donald Trump und seine Beraterin gegen Gesetze verstoßen hatten, das wischte Sean Spicer gleich vom Tisch: For someone to take out their concern with his policies on a family member of his is not acceptable, and the president has every right as a father to stand up for them … This is a direct attack on his policies and her name, so there is clearly an attempt for him to stand up for her because she is being maligned, because they have a problem with his policies. Amerika ist in wenigen Wochen zur Bananenrepublik verkommen. Witzelten im letzten Jahr noch Kommentatoren darüber, dass Trump viele Ähnlichkeiten mit ➱Robert Geiss hat, müssen wir uns langsam an den Gedanken gewöhnen, dass Donald Trump in Wirklichkeit Robert Geiss ist.

Wenn Politiker Werbung machen, dann ist das immer peinlich. Denken wir an Gerhard Schröder, den die Doris zu ➱Heinrich’s in Hannover schleppte, wo er Ermenegildo Zegna kaufte. Und mit geöffnetem Jackett durch den Flieger rannte, damit auch alles Journalisten das Zegna Label sehen konnten. Später machte er Werbung für Brioni, sodass man ihn den Brioni Kanzler nannte (lesen Sie ➱hier mehr). Wenn Joschka Fischer für BMW wirbt (Isch bin beeindruckt), fragen sich allerdings die Leute, wer dieser dicke Herr ist, der kaum in das Auto passt.

Dieser pfeiferauchende Herr hier ist Stanley Baldwin, der es nicht unter seiner Würde fand, dass sein Bild auf der ➱Werbung für Presbyterian Mixture Pfeifentabak zusammen mit dem Satz My thoughts grow in the aroma of that particular tobacco zu finden war. Die Tabakmischung aus hellem Virginia und schwarzem beißenden Latak war vor dem Ersten Weltkrieg ganz speziell für den schottischen Theologen Dr. John White hergestellt worden, White empfahl sie Stanley Baldwin. Der war von der Mischung begeistert und schlug der Firma vor, den Tabak Presbyterian Mixture zu nennen und damit auf den Markt zu gehen (wenn British Tobacco den Gold Block wieder auf den Markt bringen würden, dürften sie den Tabak meinetwegen auch Jay nennen). Er durfte das alles tun, auch wenn er Premierminister war. Weil er Stil hatte. Die Trumps, Conways, Spicers und Geissens dieser Welt, die haben keinen Stil.

Sie können natürlich die wunderbare ➱Ivanka Collection Online kaufen. Auf der Seite von Ivanka gibt es auch ein Angebot von sogenannten ➱Wise Words, unter anderem einem Zitat von Anne Frank: Whoever is happy will make others happy too. Geht es noch abgeschmackter? Nichts von dem, was Ivanka Trump in ihrer Kollektion anbietet, ist modisch neu oder originell. Nichts ist ➱Haute Couture. Nichts ist in den USA hergestellt. Alles kommt aus China oder Vietnam, das ist die alternative Variante zu America First. Das ist doch echt patriotisch. Und ich gucke jetzt mal im Schrank nach, ob ich nicht doch noch ein altes Nordstrom Hemd habe. Wenn da noch eins ist, dann trage ich es die ganze nächste Woche. Die Aktienkurse der Firma Nordstrom sind übrigens nach der Trump Attacke nach oben gegangen.

 

Seit 1967 gab es bei Francesco Smalto auch eine Konfektionslinie, die in Italien von der Firma ➱Nervesa hergestellt wurde. Die stellten damals auch die Anzüge für Nina Ricci her und hatten in den letzten fünfzig Jahren (es gibt die von Giuliano Caponi gegründete Firma Nervesa genau so lange wie die Firma ➱Francesco Smalto) noch eine Reihe von Lizenzen: Aquascutum, Daks, Cifonelli, Borsalino, YSL (nicht das billige Zeug bei C&A), Lancetti und André Laurent. Und es gab auch noch eine Linie, die nach dem Firmengründer Giuliano Caponi benannt war.

Ich weiß nicht so genau, wie die Firma Nervesa heute dasteht, weil sie in der Vergangenheit eine Vielzahl ihrer Lizenzen verloren haben, aber ich weiß, dass ich mal ein Jackett und einen dunkelgrauen Flanellanzug von der Firma besessen habe. Das war erstklassiges Zeug. Das steht in dem Post ➱Waltz into Darkness, einem Post, den ich liebe. Weil er elegant einen Film von ➱Truffaut mit der französischen Herrenmode verbindt. Und als Zugabe noch Catherine Deneuve (die ich am liebsten in ➱La vie de chateau mag) in die Melange wirft.

Francesco Smalto, dessen Klamotten Jean Paul Belmondo trug, lässt nicht mehr bei Nervesa fertigen. Seine Spitzenkollektion kommt heute (wie die der Pariser Firma Hartwood) von Caruso. Ein italienischer Hersteller, der von ➱Werner Baldessarini aus dem Schönheitsschlaf geweckt wurde, und der ➱hier inzwischen einen eigenen Post hat. Wenn die Firma Nervesa jemanden wie Baldessarini gehabt hätte, dann wären sie heute auch berühmter als sie es sind.

Was die Firma Raffaele Caruso (die ebenso wie Nervesa einmal für Cifonelli produzierte) kann, das könnte schneidertechnisch die Firma Nervesa auch, aber die sind eher die graue Maus unter den sartoria Herstellern, die sich mit dem Label Made in Italy oben auf dem Aufhänger des Jacketts schmücken dürfen. Den oben erwähnten dunkelgrauen Flanellanzug (mit Weste) von Nervesa hatte ich mir für die Hochzeit meines Bruders gekauft. ➱Kelly, der damals auch Nervesa trug (aber schon mit Kiton liebäugelte) erzählte mir, dass sei jetzt das Beste, was er hätte. War der Anzug auch, er hielt länger als die Ehe meines Bruders.

Graue Flanellanzüge waren eine Sache der fünfziger Jahre. Jeder wollte sie haben, spätestens seit Gregory Peck die Hauptrolle in ➱The Man in the Grey Flannel Suit gespielt hatte. Meistens waren sie langweilig, man konnte sie aber mit Hemd und Krawatte aufpeppen. Wozu die meisten Deutschen in der Ära Adenauer nicht den Mut hatten. Das war übrigens der Augenblick, in dem ich beschloss, niemals so herumzulaufen wie die meisten Deutschen. Den besten Flanellanzug habe ich bei der Eröffnung der Delacroix Ausstellung in der Bremer Kunsthalle gesehen.

Ein Herr, der ein wenig nach einem Double von Albert Darboven aussah, trug zu einem dunkelgrauen Flanellanzug (mit Weste) ein fett rot-weiß gestreiftes Hemd mit weißem Kragen. Delacroix, der ein großer Dandy war (und sich über das Schuhzeug von ➱William Turner mokierte), hätte das sicher gut gefunden. Von solchen Exzentrizitäten stand der graue Flanellanzug natürlich für Seriösität. Kein Kleidungsstück für ➱James Bond. Aber unbedingt für seinen Chef, wie wir hier sehen können.

Mein zweites Teil von der Firma Nervesa war ein grünliches Jackett aus einem Luxusstoff von Carlo Barbera, leider habe ich davon keine Abbildung. Auf Photos schon, aber nicht hier. Ich bilde hier einmal eben ein Jackett von Nervesa ab. Die von Giuliano Caponi 1961 gegründete Firma benannte sich nach dem Ort, in dem sie ihren Sitz hatte: Nervesa in Venetien. Ein Ort, der nach einer verlustreichen Schlacht im Ersten Weltkrieg den Zusatz della Battaglia bekommen hat. Von der Abtei des Ortes ist, wie von dem ursprünglichen Ort Nervesa, wenig übrig geblieben, aber es muss erwähnt werden, dass sie der Ort war, wo eins der wichtigsten Benimmbücher der Renaissance geschrieben wurde.

Es ist Giovanni della Casas Buch ➱Il Galateo overo de ‚costumi, ein Erziehungsbuch, das unter dem Namen Galateo in Italien ebenso sprichwörtlich wurde wie bei uns ➱der Knigge. Obgleich das ein Buch ist, das wohl niemand, der es zitiert, gelesen hat. Die deutsche Übersetzung von Nathan Chytraeus erschien 1597. Da war Chytraeus gerade Rektor der Bremer Lateinschule geworden, heute heißt die Schule Altes Gymnasium. Sie ist nicht so sehr wegen der Gelehrten bekannt, die sie hervorgebracht hat, sondern weil Peter Zadek hier seinen Film ➱Ich bin ein Elefant, Madame gedreht hat.

Damals sah das Kollegium eines Bremer Gymnasiums so aus. Die italienische Herrenmode hatte sie noch nicht erreicht. Wahrscheinlich bis heute nicht. Aber hatte sie die Botschaft von Della Casas Galateo erreicht? Das Buch ist eine Art Nachfolgebuch von ➱Baldassare Castigliones einflussreichem ➱Il Cortegiano. Wir können dem Ganzen entnehmen, dass schon im 16. Jahrhundert in Nervesa die Kultur zu Hause war. Oder dass hier die Bedienungsanleitung für die guten Sitten (costumi) geschrieben wurde. Zu diesem Thema kann ich noch die Lektüre des Buches Sprezzatura: 50 Ways Italian Genius Shaped the World von Peter D’Epiro und Mary Desmond Pinkowish empfehlen.

Und zu den guten Sitten gehört natürlich auch die richtige Kleidung, das war dem Firmengründer Giuliano Caponi, nach dem auch eine Linie der Firma Nervesa hieß, wichtig. Man nannte ihn respektvoll den dottore, mit dem Titel ist man in Italien ja großzügig. 2004 musste er seine Firma an die IGEFI Gruppe in Genua verkaufen, da titelten die Zeitungen La Igefi salverà Nervesa. Aber entlassen hatte er bis zum Schluss keinen seiner 203 Angestellten in den drei Fabriken. Auch nicht seinen bei allen beliebten Pförtner Corradino Dalla Marta. Als der 2012 starb, war er der Tribuna di Treviso einen längeren Nachruf wert.

Die IGEFI Gruppe übernahm alle Verbindlichkeiten und sorgte für ein neues Management. Man setzte große Hoffnungen auf Ralph Lauren, der seine ➱Purple Label Linie einige Jahre bei Nervesa produzieren ließ, aber der zog schnell weiter. Zur Sartoria Santandrea, die auch als Saint Andrews fungiert, blieb da aber auch nicht lange, sondern wanderte zu Cantarelli. Die Vielzahl der berühmten Namen war zwar schön für das Renommee von Nervesa gewesen, aber große Namen bedeuten nicht, dass diese Firmen auch ihre Rechnungen rechtzeitig bezahlten. Wenn Sie die traurigen Bilder sehen wollen, wie die Fabrik bei ihrer Aufgabe aussah, dann klicken Sie hier.

Inzwischen scheint nach Jahren des Aufbaus alles gerichtet, La crisi, a volte, può riservare inaspettate opportunità, sagte man sich. Ich weiß nicht, ob sie noch die RTW für Timothy Everest, die Konfektion für Leonard (das ist die Pariser Firma mit den wilden Mustern auf Damenkleidern und Herrenschlipsen) und die für Borsalino machen.

Die Lizenzen, mit denen man einst prahlte, werden heute nicht mehr erwähnt. Obgleich dieser Name Nervesa Sartoria d’Europa passend war: die großen Namen von ganz Europa ließen bei Nervesa fertigen. Dass die Firma wieder lebt, kann man ihrer ➱Website ablesen. Die war jahrelang ziemlich tot. Ungefähr so wie der Katalog der ➱Kunsthalle Bremen. Wenn Sie einen Blick auf die Kollektion für den Sommer 2017 werfen wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Am letzten Sonntag sah ich bei ebay ein Nervesa Jackett, auf das noch niemand geboten hatte. Allerdings zerschlug sich meine Hoffnung schnell, das Jackett für einen Euro zu bekommen. Irgendjemand schien zu wissen, was Nervesa einmal bedeutet hat. Ich bot nicht lange mit, das Jackett war sowieso ein wenig langweilig. Sah auf keinen Fall so aus wie die neueste Kollektion hier. Deshalb trauerte ich ihm auch nicht lange nach, für einen Euro wäre es O.K. gewesen.

Aber ich schaute mich mal bei ebay um und fand bei second-toni dieses Teil. Den Händler kenne ich, da habe ich schon häufiger etwas gekauft. Gute Preise und immer zuverlässig. 99,9% postitive Bewertungen bei über 65.000 Transaktionen, ein Querulant ist immer dabei, der die Statistik verdirbt. Dieses hübsche Nervesa Jackett war allerdings mit 99,98 Euro ausgezeichnet, für das Geld kriegt man bei ebay schon Caruso oder Brioni. Oder ein nagelneues Boglioli Jackett. Ich schrieb dem second-toni eine nette kleine Mail und wies ihn darauf hin, dass für dieses Jackett die Preisstruktur wohl nicht ganz stimme. Und setzte noch aus Spaß hinzu: Für 49 Euro würde ich es kaufen.

Am nächsten Morgen flatterte eine E-Mail von second-toni auf den Bildschirm, in der stand: Sie haben mich übezeugt. Und ich bekam das Jackett zum Sonderpreis von 49 Euro angeboten. Damit hatte ich nun nicht gerechnet, konnte der Verlockung aber nicht widerstehen. Jetzt habe ich nach Jahrzehnten wieder mal ein Nervesa Jackett. Nicht, dass man die siebziger Jahre zurückholen könnte, aber es ist doch irgendwie nett.

Das Jackett hat ein Etikett von ➱Felbinger, einem Herrenausstatter aus Bayern. Der Firmenchef Klaus Felbinger, der ein Jahr bei ➱Brioni volontiert hat, leitet in dritter Generation das Geschäft. Und was die im Angebot haben, ist vielleicht geeignet, um Rudolf Böll in Rottach-Egern Konkurrenz zu machen (zu dem gibt es ➱hier schon einen Post. Auf der Seite von Felbinger kann man lesen: „Sartorische Qualität“ nennt man im Fachjargon, was das Angebot von felbinger kennzeichnet. Im Gegensatz zum Konfektionsanzug werden unsere Teile nach den Regeln edler Schneiderkunst gefertigt. Nichts wird geklebt oder fixiert. Alle Einlagen sind so pikiert, daß der verwendete Wohlfühlstoff in seiner Besonderheit sichtbar und spürbar wird. „Sartorische Qualität“ vermögen nur ganz wenige, wie z. B. die großen Italiener Brioni oder Nervesa vorzuhalten. Mit diesen Firmen arbeiten wir so eng zusammen, daß auch individuelle Sakkos und Anzüge gefertigt werden können. Das ist es, da unten im Allgäu, da weiß man die Qualität von Nervesa zu schätzen. Und Humor haben sie da auch, da steht auf ihrer Seite: Felbinger-Kunden sind jung oder alt, klein oder groß, besonders klein oder besonders groß. Das trifft auch auf meine Leser zu, die sind auch jung oder alt, klein oder groß, besonders klein oder besonders groß.

Die Firma Nervesa wird heute nicht zum ersten Mal in diesem Blog erwähnt. Sie könnten auch noch lesen: TyroneMade in GermanyWaltz into DarknessHandschuhknopfMade in GermanyBaldessariniPierre CardinRaffaele Caruso

 

Es war einmal ein ehrsamer Schneidergeselle, namens Labakan, der bei einem geschickten Meister in Alessandria sein Handwerk lernte. Man konnte nicht sagen, daß Labakan ungeschickt mit der Nadel war, im Gegenteil, er konnte recht feine Arbeit machen. Auch tat man ihm unrecht, wenn man ihn geradezu faul schalt; aber ganz richtig war es doch nicht mit dem Gesellen, denn er konnte oft stundenweis in einem fort nähen, daß ihm die Nadel in der Hand glühend ward und der Faden rauchte, da gab es ihm dann ein Stück wie keinem anderen; ein andermal aber, und dies geschah leider öfters, saß er in tiefen Gedanken, sah mit starren Augen vor sich hin und hatte dabei in Gesicht und Wesen etwas so Eigenes, daß sein Meister und die übrigen Gesellen von diesem Zustand nie anders sprachen als: »Labakan hat wieder sein vornehmes Gesicht.« So fängt das  Märchen vom falschen Prinzen an, das sich in Wilhelm Hauffs ➱Märchen-Almanach auf das Jahr 1826 findet. Und von Prinzen, falschen oder echten, müssen wir mal eben reden.

Als Blogger kann man nicht immer schreiben, man muss zwischendurch auch mal zur Entspannung surfen. Mache ich bei ➱ebay, da findet man immer wieder Kuriositäten. Letztens war da eine vegane Lederjacke im Angebot, vegane ➱Lederjacken kannte ich bisher nicht. Des Rätsels Lösung war, dass die Jacke aus Kunstleder war. Was mir an dem Tag auch noch auffiel, war ein Jackett, das als P. von Preußen Dormeuil Amadeus 365 Sakko Jacket angepriesen wurde. Den Stoff Dormeuil Amadeus 365 gibt es, aber wer steckt hinter dem Firmennamen? Schön sieht das Ganze ja nicht aus. Bei ➱Kiton, ➱Brioni oder ➱Caruso würde sich der Stoff in der Brustpartie nicht so spannen.

Auf dem Etikett im Futter kann man lesen Exclusively Tailored by P. von Preußen. Nähen die Preußenprinzen jetzt Sakkos? Die Preußens machen ja alles Mögliche. Eine Prinzessin, die ich kannte, landete bei der Bremer Lokalredaktion der Bild Zeitung, ein beruflicher Höhepunkt. Den Prinzen mit der ➱Juraklausur in Berlin möchte ich lieber nicht erwähnen. Doch was die Prinzen auch anstellen, eine ordentliche Schneiderlehre hat keiner von ihnen gemacht. Zwar sind Schneider geadelt worden wie ➱Hardy Amies, und es gibt Schneider mit (falschen) Adelsnamen wie ➱Georges de Paris, aber königliche Schneider gibt es nicht.

Doch die Schneider waren bei Königen und Prinzen immer angesehen, was wäre die Savile Row ohne den ➱Duke of Windsor gewesen? Der jetzige Prince of Wales hat, wie wir hier sehen, einmal seine Schneider besucht. Und mit ihm kommen wir auch dem Hersteller des P. von Preußen Jacketts auf die Spur. Denn da können wir im Spiegel im Jahre 2005 lesen: Die einzige Konstante scheint K’s Adelsmasche zu sein. Schon bei der „Lord’s of Sweden Maßbekleidung Vertriebs GmbH“, die er bis 1998 führte, sorgte der feudale Titel für Umsatz. Nach ein paar Jahren reichte er die Firma an seinen Onkel in Zürich weiter. In die Frankfurter Filiale des „Lord’s of Sweden“ zog dann „Prince of Wales“ ein. Und vielleicht eröffnet er ja nach seiner U-Haft eine neue Firma: K. ließ sich beim Deutschen Patent- und Markenamt bereits den nächsten klangvollen Namen schützen: „Prinz von Preußen“. 

Der hier erwähnte Herr K. heißt Ricky Kripalini. Er ist ein Krimineller, wie die Schneider, die dem Kaiser die neuen ➱Kleider schneidern. Er ist in diesem Blog schon in den Posts ➱Maßkonfektion und ➱preloved aufgetaucht. Dieser Ricky Kripalini hat offensichtlich das wahrgemacht, was der Spiegel damals vermutete: vielleicht eröffnet er ja nach seiner U-Haft eine neue Firma. Am Ende von Wilhelm Hauffs Märchen sagt sich der Schneider Labakan: Es ist doch besser, daß ich ein Schneider geblieben bin; denn um die Ehre und den Ruhm ist es eine gar gefährliche Sache. Diese Einsicht hat Ricky Kripalini nie gehabt. Ich weiß nicht, ob er noch – oder schon wieder – einsitzt. Aber die Firma Prinz von Preußen hat es offensichtlich einmal gegeben. Näht da die Nadel … emsig fort, ohne von jemand geführt zu werden … macht feine, zierliche Stiche, wie sie selbst Labakan in seinen kunstreichsten Augenblicken nicht gemacht hatte? Geht da das Stückchen Zwirn … nie aus, die Nadel mochte so fleißig sein, als sie wollte? Nein, dieses hochadelige Jackett wurde von der deutschen Firma Eduard Dressler hergestellt, wie man dem Etikett unschwer entnehmen kann.

Von Ricky Kripalini, der sich für seine Marke Prinz von Preußen ein hübsches Wappen entworfen hat, hat man seit Jahren nichts mehr gehört. Die neueste Marke, die Preußen in ihrem Namen führt, heißt Fritzi aus Preußen. Die stellen Handtaschen für Damen her: Designs im Vintage-Look, lässige Lederoptik und trendige Farben machen die Handtaschen von Fritzi, die den urbanen Lifestyle selbstbewusster und moderner Frauen transportieren, zu etwas ganz Besonderem. Und das Schönste ist: alles vegan. Sprich Kunstleder. Was die Marken Prinz von Preußen und Fritzi aus Preußen betrifft, können wir sagen, dass sie nicht the real thing sind. Die einzige Firma, die wirklich einen preußischen Prinzen beschäftigt, heißt Prinz von Preußen Grundbesitz AG. Die machen solche Geschäfte, wie sie Donald Trump gemacht hat, aber ist so etwas viel seriöser als Ricky Kripalini und seine Firma Prinz von Preußen?

 

Ich weiß nicht, warum ich in meinem kleinen Panorama der europäischen Schuhproduzenten die Spanier bisher ausgelassen habe. Obgleich ich sie in dem Post ➱wholecut schon einmal erwähnt habe: Die werden in großem Stil auf einer anderen Insel als England hergestellt: Mallorca. Die Firma Carmina wirbt damit, der größte Hersteller von Cordovan Schuhen in Europa zu sein. Dieser hier kostet 690€. Neben der Firma Carmina von José Albaladejo gibt es auf Mallorca noch die Firma Meermin, die etwas preisgünstiger ist (und dass Herr ➱Kuckelkorn sich in Mallorca und in Almansa seine Schuhe machen lässt, sollte nicht unerwähnt bleiben). Die Spanier sind (wenn man an Marken wie Lottusse und andere denkt) im Bereich des preiswerten Qualitätschuhs zu einer Großmacht in Europa geworden. Auch der deutsche Internethändler Shoepassion, der für 239 Euro einen wholecut anbietet, bezieht seine Schuhe aus Spanien. Von der Firma Cordwainer in Almansa; man kann eine Besprechung der Qualität der Shoepassion von jemandem, der sich Paul Prüfer nennt, hier lesen. Aber das Ganze ist wahrscheinlich auch nur gekaufte Werbung.

Ich bleibe einmal bei der Firma Shoepassion, die auf ihrer Homepage versichern, dass spanische Schuhe für hochwertige Qualität stehen und zurzeit noch eher ein Geheimtipp sind: In puncto Verarbeitung, Design und Komfort stehen sie den großen Vorbildern aus Italien und England in keinster Weise nach. Da ist etwas dran. Man kann sie auch unter anderen Namen als Shoepassion kaufen.

Dr Thomas Schmitz mit seiner Firma John Crocket, der einmal einer der ersten in Deutschland war, der ➱Tricker’s anbot, setzt jetzt voll auf die Spanier (hier einige seiner Schuhe). Natürlich nur mit Rendenbach Sohle, genau so wie Ed Meier in München die Rendenbach Sohlen nach England schickt, damit Crockett & Jones die unter seine Schuhe nähen. Und auch Dieter Kuckelkorn lässt in Spanien, wo er lange gelebt hat, produzieren. Das wissen Sie aber schon, weil Sie längst den Post ➱Kuckelkorn gelesen haben. Als Kuckelkorn noch spanische Schuhe unter dem englischen Namen Robert Johnson verkaufte, belieferte er auch Hein Gericke. Nicht mit  Motorradstiefeln, damals hatte Gericke eine kleine Firma in Düsseldorf, die Hein Gericke Classics hieß und erstklassige Ware anbot. Ich habe immer noch ein Paar Schuhe von damals, nach Jahrzehnten beinahe wie neu.

Nicht aus Spanien kommen die Schuhe des spanischen Hoflieferanten Loewe, seit die Firma zum ➱Louis Vuitton Konzern gehört. Die Schuhe werden von Stefanobi gemacht, die auch die Berluti Schuhe herstellen. Ich nehme mal an, das Christian Kracht von der Firma Berluti (die ➱hier einen Post hat) jedes Jahr ein Paar Schuhe bekommt, hat er doch die Firma Berluti in seinen Roman 1979 hineingeschrieben. Keiner der Rezensenten versäumte es, auf die Berluti Schuhe hinzuweisen. Ich zitiere mal eben die NZZ: Allein in dem Maße, in dem es ihrem Einsatz häufig genug an Witz und Ironie gebricht, dürften sie im Verein mit dem auch diesmal wieder massiv geübten Product-Placement (die Schuhe von Berluti, das Einstecktuch von Paisley, die Musik von den Ink Spots usw.) dem Verdacht Vorschub leisten, Popliteratur aus dem Hause Kracht, weit davon entfernt, mit Trivial- und Kitschelementen zu jonglieren, sei deren Trug vielmehr mit Haut und Haaren verfallen. 

Die wohl größte Zahl der spanischen Schuhproduzenten sitzt auf Mallorca. Und das schon lange: Lottusse seit 1877, Yanko seit 1890 und Carmina (zu der Firma gehören auch die Marken Albaladejo und Meermin) seit 1866. In den 1950er Jahren arbeitet die Hälfte der Einwohner von Inca in der Schuhindustrie. Die Firma Lottusse (zu der auch die Marke Camper gehört) soll ihren Namen danach haben, dass ihr Firmengründer in England eine Nähmaschine namens Lotus gekauft hatte. Sie sind neuerdings in Miami und New Jersey zu finden, Amerika ist immer ein Markt für spanische Schuhe. Im Jahre 1972 gingen 70% des spanischen Schuhexports in die Vereinigten Staaten. Lottusse ist aber auch ganz stark in China, wo sie schon in 49 Geschäften vertreten sind. Das ist eine witzige Sache: zum einen überschwemmen die Chinesen den europäischen Markt mit Billigschuhen und zu Hause kaufen sie Qualitätsschuhe aus Spanien.

Ihre beste Qualität trägt den Namen Lottusse Selection 1877, und da bekommt man schon wirklich gute Schuhe. Den hier habe ich seit Jahren, er hat wenig Spanisches an sich. Es ist eine perfekte Kopie eines Theresianers von Ludwig Reiter, hat sogar diese geschwungene Absatzform, die man in Wien liebt. Schlicht und unauffällig, aber hervorragend verarbeitet. In der Linie Lottusse Selection 1877 bietet die Firma auch Pferdelederschuhe an, die sehr viel preisgünstiger sind als die Schuhe von Alden.

Noch mehr Cordovan Schuhe produziert die Firma Carmina, aber das steht schon im ersten Absatz. Zu dem Familienunternehmen von José Albaladejo braucht man kaum etwas zu sagen. Sogar Michael Jondral in Hannover, von dem ich glaubte, dass er nur mit Saint Crispin’s handeln würde, hat Carmina im Angebot. Preiswerter als Carmina ist Meermin, die noch junge Firma ist der Nachfolger von Yanko (in Deutschland einstmals beworben mit Yanko der Spanier), sie machen wirklich elegante scharfe Schuhe. Die auch in England beliebt sind. Wahrscheinlich weil sie so aussehen, als wären sie Schuhe von Gaziano und Girling (deren Schuhe in der Anfangsphase ja von ➱Alfred Sargent gemacht wurden). Ob Meermin Schuhe lange halten oder ob ihre Schönheit nur die des flüchtigen Augenblicks ist, das weiß ich nicht. Bei ebay wird ständig B-Ware der Fabrik verkauft, die dann am Ende der Auktion ungefähr die Hälfte des Ladenpreises kostet.

A propos England, auf Mallorca wohnen dauerhaft beinahe 20.000 Briten, die wegen des Brexit etwas ängstlich in die Zukunft schauen. Die spanische Schuhindustrie (hier ein Blick in die Fabrik Antoni Melis in den 30er Jahren) schaut kein wenig ängstlich in die Zukunft. Denn wenn der Austritt der Engländer aus der EU mit dem Verlust des europäischen Binnenmarktes wirklich wahr wird, werden englische Schuhe teurer werden. Dann wird ein Schuh von Carmina zu einer echten Konkurrenz für, sagen wir, Crockett & Jones werden.

Und wir bleiben noch ein wenig bei den Engländern, nämlich bei diesem Herrn hier, James FitzJames, dem ersten Duke of Berwick. Sein Nachnahme sagt uns alles: er ist der (un)eheliche Sohn (fils=fitz) von James. Sein Vater ist James II, jener Stuart, den die Engländer aus ihrem Land vertreiben werden. In der Zeit von James II sind in England übrigens bei den Damen spanische Schuhe, die mit Gold verziert sind, sehr beliebt. Auf jeden Fall singt in Thomas D’Urfeys The Young Maid’s Portion jemand von my damask gown, my laced shoes of Spanish leather. Wenn Sie noch mehr zu den Schuhen des 18. Jahrhunderts wissen wollen, dann gehen Sie doch zu dem wunderbaren Blog ➱Jane Austen’s World. Unser James FitzJames hat noch eine Vielzahl anderer Adelstitel, die man ihm in Spanien und Frankreich verleiht. Weil er für diese Nationen Krieg führt. Er gewinnt unter anderem die Schlacht von Almansa, und damit sind wir wieder bei der spanischen Schuhindustrie.

Denn neben Mallorca ist Almansa das zweite Zentrum der spanischen Schuhindustrie. Hier sind Firmen wie CordwainerLorensMagnanni, Kuckelkorn und Berwick 1707 beheimatet. Das 1707 bei Berwick bedeutet nicht, dass es die Firma seit diesem Jahr gibt, es gibt sie erst seit 1991. Das 1707 bezieht sich auf die Schlacht von Almansa. Und so lebt der Duke of Berwick (der seinen Herzogstitel verlor, als er mit seinem Vater das Land verließ) auf den Sohlen einer spanischen Schuhfabrik weiter. Neben dem Signet der Firma Rendenbach, die diese hervorragenden Sohlen macht.

Cordwainer klingt nach einer englischen Firma (man verkauft auch gut nach England), aber es sind Spanier wie Berwick. Und das Wort cordwainer, das einen Schuster bezeichnet (die haben in England heute noch immer eine Innung), ist im Mittelalter aus Spanien nach England gekommen. Die Stadt Cordoba (die auch in cordovan steckt) steckt in diesem Wort, berühmt für ihr feines Leder.

Natürlich stellt man in Spanien auch Millionen von Damenschuhen her. Und zapatos für die Freizeit, Stiefel nicht zu vergessen. Tony Mora auf Mallorca ist berühmt für seine Cowboystiefel. Dazu zitieren wir doch mal eben einen Nobelpreisträger:

Well, if you, my love, must think that-a-way

I’m sure your mind is roamin’

I’m sure your heart is not with me

But with the country to where you’re goin’


So take heed, take heed of the western wind

Take heed of the stormy weather

And yes, there’s something you can send back to me

Spanish boots of Spanish leather

Noch mehr Schuhe in den Posts: ➱Cliff Roberts, Artisan, ➱Wiener Leisten, ➱Englische Herrenschuhe (Trickers), ➱Englische Herrenschuhe (London) ➱Englische Herrenschuhe (Alfred Sargent), ➱Französische Herrenschuhe, ➱Schuhe aus Portugal, ➱Italienische Herrenschuhe, ➱holzgenagelt, ➱Dinkelacker, ➱Kuckelkorn, ➱Kiton/Chiton, ➱wayward cows, ➱Lord Byrons Schuhe, ➱Militärisches Schuhwerk, ➱Wildlederschuhe, ➱Chelsea Boots, ➱Wirkungen, ➱Zeit der Unschuld, ➱Gamaschen, ➱Christian Rohlfs, ➱Laurence Harvey, ➱Blazer, ➱Morning Coat, ➱Fernandel, ➱Léo Malet, ➱Schuhcreme

 

Die Royal Navy bezog die Stiefel für ihre Matrosen aus Northampton. Holzgenagelt, um das Deck zu schonen. Die Army bekam sie stahlgenagelt. Alle Landarbeiter trugen genagelte Stiefel, der ziemlich steife Schuhboden ist bei Arbeitsschuhen ein großer Vorteil. Das ist jetzt hundert Jahre her, aber wir müssen noch ein wenig weiter zurückgehen in der Geschichte des genagelten Schuhs. Im Jahre 1790 hatte der englische Tischler Thomas Saint eine Nähmaschine für das Nähen von Leder erfunden (British Patent No. 1764), das wusste man lange nicht. Man hatte die Urkunde im Patentamt falsch abgelegt. Sie wurde erst 1873 von Newton Wilson, einem Pionier der englischen Nähmaschinenindustrie gefunden, der dann ein Replikat von Saints Maschine gebaut hat. Ob Thomas Saint jemals eine seiner Maschinen gebaut hat, weiß man leider nicht.

Dieser Herr hat den ersten Tunnel unter der Themse gebaut, es ist Sir Marc Isambard Brunel. Der Vater des berühmten Isambard Kingdom Brunel (der ➱hier einen Post hat) hatte als königstreuer Franzose sein Heimatland in der Revolution verlassen müssen. Jetzt verhalf er – neben tausend anderen Erfindungen – der englischen Armee zu besseren Stiefeln im Kampf gegen Napoleon. Seine Maschinen konnten Schuhe mit Stahlnägeln nageln, fünfhundert am Tag. Doch es ist ein Amerikaner namens ➱Nathaniel Leonard aus Merrimac (Massachusetts), der 1829 eine Holzpflock- und Holznagelmaschine erfand. Die machte es möglich, die Holznägel automatisch durch die Sohle zu stechen. So konnten die Holznägel gleichmäßig eingeschlagen werden, das löste viele Probleme bei holzgenagelten Schuhen. Und die holzgenagelten Schuhe zieht das Bürgertum vor, man möchte auf dem Parkett keine Kratzer machen.

Die genagelten Schuhe bleiben durch das Jahrhundert für Landbevölkerung, Arbeiter und Armee die Standardschuhe (für Armee und Feuerwehrleute noch länger). Es wird noch einige Jahrzehnte dauern, bis die genähten Schuhe en masse produziert werden. Es sind im 19. Jahrhundert immer wieder die Amerikaner, die die Erfindungen machen. Da ist zum Beispiel Gordon McKay, der sein Patent für eine angenähte Sohle an Lyman Reed Blake verkauft (hier kann man das Blake Verfahren sehen).

Und da ist natürlich Charles Goodyear Jr, der eine Maschine baut, mit der man rahmengenähte Schuhe herstellen kann (Jan Ernst Matzeliger sollten wir auch nicht vergessen). Die Geschichte der Erfindungen im Bereich der Schuhherstellung und die damit einhergehende Veränderung der Arbeitswelt scheint erstaunlicherweise niemanden wirklich zu interessieren. Symbolisch dafür ist Sigfried Giedion, der in seinem Standardwerk Die Herrschaft der Mechanisierung die Maschinen zur Schuhherstellung mit keiner Zeile erwähnt. Den sogenannten Rahmen eines rahmengenähten Schuhs können Sie hier sehen, es ist ein Lederband, das um den Schuh herumläuft. Das allerdings heute bei bei beinahe allen Schuhen, die als rahmengnäht bezeichnet werden, durch ein geklebtes Gemband ersetzt ist.

Als ich vor Jahren für die Firma IWC in Schaffhausen einen Artikel über ihren Firmengründer im Bürgerkrieg schrieb (Sie können den Artikel ➱hier lesen), stellte ich fest, dass Florentine Ariosto Jones nicht der einzige Uhrmacher im Regiment war. Das hätte ich mir denken können, Boston war die Metropole der amerikanischen ➱Uhrenindustrie. Ich konnte der Regimentsliste, die ich aufgetrieben hatte, auch entnehmen, dass das Regiment ungeheuer viel Schuhmacher in seinen Reihen hatte. Boston war auch das Zentrum der amerikanischen Schuhindustrie. Wenige Jahre vor dem Beginn des Bürgerkriegs hatte es einen Aufstand der Schuhmacher in Lynn gegeben, wobei die Arbeiter zur Melodie des Yankee Doodle sangen:

Starvation looks us in the face.
We cannot work so low.
Such prices are a sore disgrace.
Our children ragged go.

Abraham Lincoln, der sich bekanntlich seine ➱Schuhe selbst putzte, war auf der Seite der Streikenden: I am glad to see that a system of labor prevails in New England Under which laborers can strike when they want to, where they are not obliged to labor whether you pay them or not. I like a system which lets a man quit when he wants to, and wish it might prevail everywhere. Und so sangen die Schuhmacher nach dem Streik:

We strikers once for higher pay
With crowded ranks did cram Lynn;
We come with fuller ranks to-day
For Lincoln and for Hamlin.

The Southerners at us did sneer
And fiercely curse and ban Lynn,
But wilder yet will be their fear
Of Lincoln and of Hamlin.

Bold Robin Hood won Lincoln green,
And his sweet minstrel Gamelyn,
Were they alive they’d go, I ween,
For Lincoln and for Hamlin.

Like Sherwood’s king, we strike down wrong,
And while our town’s no sham Lynn,
We’ll wave our flag and go in strong
For Lincoln and Hamlin.

Der Streik von Lynn im Jahre 1860 – übrigens der größte ➱Streik der damaligen amerikanischen Geschichte – lehrt uns auch, dass die Schuhmacherei im 19. Jahrhundert ein System der Ausbeutung ist. Unter den tausenden von Schuhmachern, die im Schnee marschieren, sind auch viele Frauen. Die man ja besser ausbeuten kann als Männer, sie tragen Transparente mit der Aufschrift: American ladies will not be slaves. Give us fair compensation and we will labour cheerfully. Das Jahrhundert der Schuhmacherinnen hat begonnen, aber niemandem scheint das aufgefallen zu sein. Am Anfang des 19. Jahrhunderts hatte das paternalistische Lowell System für die Textilproduktion in Massachusetts Aufsehen erregt, die jungen Arbeiterinnen sollten in reinlichen Neubauten wohnen, beaufsichtigt von moralischen Gouvernanten. Sie sollten nur einige Jahre in der Fabrik bleiben, bis sie genügend Geld für die Heirat gespart haben. Das waren schöne Gedanken, aber das System sah wenige Jahre schon ➱ganz anders aus. Auf dem Bild von ➱Winslow Homer ist die Arbeitswelt noch in Ordnung, das ist sie auf Bildern immer.

Im amerikanischen Bürgerkrieg sind die meisten Stiefel genagelt, es kommen aber auch schon die ersten genähten Schuhe zum Einsatz. Gordon McKay hatte einen Auftrag für 25.000 Stiefel erhalten. Die werden von den Soldaten zuerst spöttisch als fadeaways bezeichnet, weil sie nicht genagelt sind, halten sich aber erstaunlich gut. Der Süden verfügt nicht über die Schuhindustrie, die der Norden besitzt. Und so ist es kein Wunder, dass das Gerücht, dass es in Gettysburg eine ganze Zugladung Schuhe geben soll, die Truppen des Südens nach Gettysburg zieht. Das Ergebnis kennen wir.

Man beobachtet damals in Europa den Bürgerkrieg genau. Man beobachtet aber auch genau, was sich in der amerikanischen ➱Schuhindustrie tut. Der Sohn des Firmengründers der französischen Firma ➱J.M. Weston wird sich in Boston umschauen und in Amerika die ersten Maschinen kaufen. Und nicht nur das, auch der Firmenname kommt aus Boston, denn in Weston (Massachussetts) hatte Blanchard Jr in einer der zahlreichen Schuhfabriken gelernt. Die ersten großen europäischen Fabriken wie ➱Bally oder Bata (wo der Vater von ➱Tom Stoppard eines Tages Werksarzt sein wird) werden ihre Produktion auf Goodyear Maschinen umstellen. Und die beiden Macharten, Goodyear oder Blake (das die Italiener bevorzugen) beherrschen noch heute die Herstellung von Qualitätsschuhen. Von holzgenagelten Schuhen ist wenig zu hören.

Aber es gibt sie noch. Da wären zum Beispiel Firmen wie Fischer oder Handmacher, beide in Österreich zu Hause. Und generell kann man sagen, dass es das ehemalige KuK Österreich (oder wie es auf einer Internet Seite heißt: ➱The Savile Row of the East) ist, in dem der holzgenagelte Schuh überlebt hat. Noch heute bieten die feinen Wiener Schuhmacher wie zum Beispiel Balint, Materna und Maftei ganz selbstverständlich holzgenagelte Schuhe an. Über das Thema könnte ich jetzt noch länger schreiben, das lasse ich aber. Weil Sie jetzt den Post ➱Wiener Leisten anklicken, dann wissen Sie mehr.

Erstaunlicherweise findet sich in dem Prospekt der Firma Handmacher, den mir Michael Rieckhof mitgab, überhaupt nichts über die Technik des Nagelns, lediglich eine Überschrift wie In über 250 Arbeitsschritten zum fertigen holzgenagelten Lederschuh weist auf die Technik hin. Es gibt Informationen über die Rendenbach Sohlen (die man 6 oder 8 Millimeter dick bekommen kann), aber nichts über Vor- und Nachteile des holzgenagelten Schuhs. Und in dem eigenlich charmanten Buch von Laszlo Vass, Herrenschuhe handgearbeitet, kommen holzgenagelte Schuhe nicht vor.

Man scheint Vorbehalte und Ressentiments gegen diese alte Handwerkstradition zu haben. In den Internetforen, wo diese Fachleute sitzen, die die Flöhe husten hören, kommt der holzgenagelte Schuh schlecht weg. Als mir Michael Rieckhof die Teilnahme an einem ➱Seminar des Schuhpapstes Helge Sternke geschenkt hatte, zog der auch gegen holzgenagelte Schuhe her. Wofür er sofort von Frau Schade und Frau Ratzburg attackiert wurde, denn bei Kelly’s gibt es (genau wie bei Höfer in der Holtenauer Straße) Handmacher Schuhe. Es war ziemlich undiplomatisch (um nicht zu sagen schlicht doof) von Sternke. Und ich sollte vielleicht auch noch anfügen, dass ihn viele echte Kenner der Welt des Schuhs nicht für den echten Schuhpapst halten.

Holzgenagelte Schuhe sind in der Herstellung preiswerter als rahmengenähte. Auch bei Balint, Materna und Maftei (Bild), nicht nur bei Handmacher. Aber schlechter? Ich zitiere einmal das österreichische Wirtschaftsblatt aus dem Jahre 2010: Holzgenagelt oder genäht, das ist die eine Frage, die die Konkurrenten Handmacher und Ludwig Reiter tief entzweit, der Endverbraucherpreis für ein Paar Ledermaßschuhe die andere. Handmacher-Chef Bernhard Kovar meint, Reiter-Schuhe seien zu teuer.

„Ich sage Ihnen, die sind ihr Geld nicht wert“, meint der 63-jährige Welser. Er stellt im tschechischen Znaim holzgenagelte Herrenschuhe her, die auf 230 bis 360 € kommen. Der teuerste Reiter-Halbschuh kostet 500 €. „Wir produzieren ausschliesslich in Wiener Neudorf. Das kostet halt ein bissl mehr als in Niedriglohnländern“, kontert Reiter-Sprecherin Teresa Wlk. Marktführer Reiter verkauft 20.000 Paar Herrenschuhe pro Jahr, der vor 14 Jahren angetretene Herausforderer Handmacher mittlerweile 12.000.

Unser Sommer war im September, jetzt ist Herbst. Jetzt trage ich nicht mehr elegante Schuhe von Aubercy oder scharfe Schuhe von Stefano Branchini, jetzt kommen die soliden Schuhe aus Wien oder Budapest dran. Dieser schöne Schuh (für 35 Euro bei ebay gekauft) ist übrigens ein Crockett & Jones. Könnte genau so gut von Ludwig Reiter, Alt Wien oder Laszlo Vass sein. Ist aber nicht holzgenagelt, in ➱Northampton macht man das nicht mehr. Sind rahmengenähte Schuhe besser als holzgenagelte?

Ich weiß es nicht, ich selbst merke keinen Unterschied. Ich habe vor vielen Jahren einmal ein Interview mit einem Engländer gelesen, der einmal rund um England gewandert war. Er trug dabei stahlgenagelte Shepherd’s Boots. Mit normalen Schuhen hätte er das Ganze nicht geschafft, sagte er. Mir sagte einmal ein Schuhmacher: Wenn Sie mal 25 oder 30 Kilometer laufen müssen, dann werden Sie froh sein, wenn Sie genagelte Schuhe an den Füssen haben. Ich habe ihm gesagt, dass ich bei der Infantrie gewesen sei und freiwillig keinen überflüssigen Schritt mehr zu Fuss machen würde. 25 Kilometer schon gar nicht. Mein Rekord stand auf 73 Kilometer an einem Tag, und da hatte ich keine genagelten Stiefel an den Füßen.

 

Und wenn der Schuh mal ganz schmutzig ist, dann waschen Sie ihn mit Saddle Soap, sagte die Verkäuferin. Und dann ist er hin, sagte ich. Sie guckte mich etwas irritiert an. Ich nahm ihr den Karton mit den Schuhen aus der Hand. Schauen Sie mal, was hier steht! Und damit meinte ich nicht den Schriftzug The Lloyd Premium Collection, sondern das Wort Cordovan. Und um ganz sicherzugehen, hatte noch jemand mit einem dicken blauen Stempel HORSE draufgestempelt. Der braune Pferdelederschuh war nicht von Lloyd in Sulingen hergestellt, auf dem Karton und in der Innensohle stand auch noch Made by Bally. Es ist einer meiner ältesten Bally Schuhe. Ich habe ihn immer noch. Habe ihn aber nie mit Saddle Soap geputzt. Dass sich Firmen Schuhe von anderen Herstellern machen lassen, ist nicht ungewöhnlich. Das hier oben ist ein Lloyd aus den sechziger Jahren, der von der Schweizer Firma Leiser (nicht zu verwechseln mit dem Berliner Händler) hergestellt wurde, man kann ihn von einer Firma namens Stiefelkombinat Berlin bei ebay kaufen.

Lloyd ist mit dieser Praxis kein Einzelfall. Dieser Crockett & Jones (Modell Westminster), der ein wenig Schuhcreme verdient hätte, wird zur Zeit bei ebay zu einem überhöhten Preis angeboten. Ich habe den gleichen Schuh (nagelneu) vor Jahren bei ebay für fünfzig Mark gekauft. Es stand allerdings nicht Crockett & Jones auf der Sohle, dieser C&J hieß schlicht Unützer. Wenn ein Händler – heiße er nun UnützerHerring oder Shipton & Heanage – genügend Schuhe abnimmt, verzichtet C&J auf seinen Namen auf dem Schuh (man kann den Schuh aber immer an dem Modellnamen und der Modellnummer identifizieren).

Nicht identifizieren kann man natürlich Schuhe, die stolz den Namen einer renommierten Firma tragen, aber keineswegs von ihr gefertigt wurden. John Lobb in London (hier der Firmenchef) gibt seine Maßschuhe außer Haus zu einzelnen Schuhmachern (sie haben ja in ihrer Geschichte genügend kleine Schuhmacher geschluckt), und Firmen wie Church’s, Crockett & Jones und andere haben auch schon einmal Lohnarbeiten nach ➱Portugal vergeben. Laszlo Vass beschäftigt etwas unterbezahlte Rumänen (böse Gerüchte wollen wissen, dass er sowieso nur in Rumänien herstellen läßt) und so weiter, und so weiter.

Und das bringt mich zurück zu Bally (ich musste mich erst ein wenig warmschreiben), einer Firma, die einmal alles im schweizerischen Schönenwerd produzierte. Dort war sie 1851 von Carl Franz Bally gegründet worden, der mit seinem Bruder Fritz die Hosenträgerfabrik des Vaters geerbt hatte. Aber dann kam alles anders, wie Alex Capus in Patriarchen: Zehn Porträts erzählt: Eigentlich wollte Carl Franz Bally im Frühjahr 1850 nur seiner Gattin Cecilie ein Paar schicke Stiefelchen aus Paris mitbringen. Da er aber ihre Schuhgröße nicht kannte, kaufte er gleich ein ganzes Dutzend. Auf der Heimreise in die Schweiz kam er beim Anblick so vieler Schuhe auf die Idee, die größte Schuhfabrik der Welt zu gründen. Dass er einer der reichsten und einflussreichsten Industriellen seiner Zeit werden sollte, war ihm nicht an der Wiege gesungen worden.Er hatte in Paris nicht nur Schuhe für die Gattin gekauft, er hatte auch eine Schuhfabrik besucht, was ihn auf die Idee brachte, solch eine Fabrik auch in der Schweiz zu etablieren. Die industrielle Herstellung von Schuhen war eine Marktlücke, das hatte Bally erkannt.

Nicht allen gefiel der Aufstieg von Carl Franz Bally, der schon früh Maschinen aus Frankreich und den USA importiert hatte. So erhielt Bally 1864 einen anonymen Drohbrief: Aarau, im Wintermonat 1864. Geehrter Herr… Es geht beide an. Seit Sie die Schuhfabrik gegründet haben, hat mancher Schuster von Aarau und der Umgebung den Verdienst verloren. Es haben sich unser sechs verschworen Euch zu tödten, wenn Sie das Geschäft nicht aufgeben, oder Euch alles zu verbrennen. Ich hatte schon längst im Sinn Euch zu erstechen, denn ich habe fast kein Verdienst mehr. Im Namen der Verschworenen…

Hundert Jahre nach der Firmengründung lancierte Max Bally, der Enkel des Firmengründers eine neue Linie den Bally Scribe. Der war nach dem Pariser Hotel Scribe benannt, in dem Max Bally gerne abstieg. Im Zweiten Weltkrieg saß die deutsche Propagandaabteilung in dem Hotel, nach der Eroberung von Paris wurde es die Heimat der amerikanischen Kriegskorrespondenten. Auch Ernest Hemingway hat hier gewohnt. Er bekam eines Tages Besuch von einem englischen Nachrichtenoffizier, der sich als Eric Blair vorstellte. Der Name sagte Hemingway nichts, aber als der Offizier sagte: Ich bin George Orwell, sagte Hemingway: Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? und holte eine Flasche Whisky aus dem Koffer. Eine Luxuslinie wie Bally Scribe war 1951 eigentlich unnötig, denn die Qualität der Bally Schuhe war damals noch auf einem sehr hohen Niveau. Wahrscheinlich wollte man das schleppende Nachkriegsgeschäft etwas beleben.

Zwei Jahre nach der Einführung des Scribe konnte Ballys Werbeabteilung noch einen weiteren schönen Erfolg erzielen. Der Herr zwischen zwei Bally Direktoren ist Tenzing Norgay, der mit Edmund Hillary den Mount Everest bestiegen hatte. Der Schuh aus Rentierleder ist von Bally übrigens vor drei Jahren neu auf den Markt gebracht worden. Ich weiß allerdings nicht, wo man diesen Schuh tragen sollte. Die Bezwingung des ➱Mount Everest hatte auch eine kommerzielle Seite. Die Firma ➱Rolex, nie um eine Werbelüge verlegen, behauptete später, dass Hillary keine englische ➱Smiths, sondern eine Rolex am Arm gehabt hätte und stattete den Sherpa Tenzing Norgay für Werbephotos mit einer goldenen Rolex aus.

Die Firma Bally ist seit ihrer Gründung ständig gewachsen. 1860 gab es schon mehr als 500 Arbeiter, um die Jahrhundertwende waren es 3.200. In der Mitte des Ersten Weltkriegs beschäftigte das Unternehmen mehr als 7.000 Schuhmacher und produzierte 3,9 Millionen Paar Schuhe. Auch Militärstiefel für die französische und die deutsche Armee. Da kennen die Schweizer keine Neutralität, wenn es etwas am Krieg zu verdienen gibt. Ich könnte da noch an diese perfide Geschichte erinnern, wo der Chef der Firma Rolex Uhren über das Rote Kreuz an englische ➱Offiziere in deutschen Gefangenenlagern vertickt.

Militärstiefel bleiben bei Bally im Programm, man wird sie wieder gebrauchen können. Skistiefel gibt es auch, aber Toni Sailer wird nicht Bally tragen, wenn er seine Goldmedaillen gewinnt. Dem Toni macht Herr ➱Haderer aus Salzburg die Schuhe. Generell setzt Bally in den dreißiger Jahren auf sportliche Schuhe, es ist ja die Zeit, in der die Sportmode erfunden wird. Die auch vom ➱Prince of Wales propagiert wird. Es ist die Zeit, in der die englische Firma Daks-Simpson zu ersten Mal ➱Hosen ohne Hosenträger anbietet. Den sportlichen Schuh findet man bei Bally noch heute, ihre Schuhe neigen, wenn ich an die in meinen Kleiderschränken denke, eher zum Rustikalen als zu englischer Eleganz.

Allerdings gibt es da auch einen sehr eleganten schwarzen Schuh, der Bally Prestige (cousu trepointe) hieß. Das war das Äquivalent zu dem Scribe, der damals nicht mehr hergestellt wurde. Meiner sieht beinahe genau so aus wie dieser hier, hat aber ein Medaillon auf der Kappe. Der Schuh war auf der Brandsohle (und den Flanellsäckchen) verziert mit dem Bild eines mittelalterlichen Schuhmachers und einer kleinen Plakette aus Messing auf der Sohle. Die habe ich im letzten Jahr mal abgeschraubt und den Grünspan weggewischt, aber sonst ist der Schuh noch hervorragend. Alt, aber immer noch schön.

Apropos alte Schuhe. Im amerikanischen GQ (das damals ein hervorragendes Magazin war) las ich vor Jahrzehnten einem Artikel eines Mitglieds der Redaktion über seinen Besuch der englischen Hauptstadt. Er war auch in der Fischabteilung von Harrods, stand in der Schlange hinter einem älteren Herren und mokierte sich in seinem Bericht darüber, dass der ganz alte Schuhe trug. Wunderte sich, wie der hier bei Harrods die Preise bezahlen konnte.

Und da habe ich mir gedacht, dass die Amerikaner das nie verstehen werden. In England trägt der Gentleman durchaus alte Schuhe (die er ja angeblich von seinem Diener eintragen lässt). Dazu passt die schöne Anekdote, wo ein englischer Adliger einen Ausländer in seinen Club mitnimmt und sagt: Das hier vorne sind Bankiers und Devisenhändler, die sind irgendwie in den Club hereingekommen, keiner weiß wie. Man erkennt sie immer an den neuen Anzügen und den nagelneuen Schuhen. Dahinten in der Ecke sitzen die Herzöge, deren Großväter waren schon Mitglieder im Club. Man erkennt sie immer an ihren alten Savile Row Anzügen und ihren alten Schuhen.

Eine schweizer Regierungsrätin hat in einer ➱Rede über den Firmengründer gesagt: Carl Franz Bally war ein typischer Gründerjahr-Industrieller, wie sie damals die Anfänge der Schweizer Wirtschaft prägten. Die Zeit war reif für wirtschaftliche Veränderungen. So ist es kein Zufall, dass im Kanton Solothurn fast gleichzeitig im äussersten Westen und im östlichsten Teil Grundlagen für Weltfirmen geschaffen wurden (1851 zieht Bally die Schuhproduktion auf, Grenchen beschloss an einer Gemeindeversammlung die Einführung der Uhrenindustrie). Der Blick nach Grenchen auf die ➱Eterna und die ➱ASSA ist interessant, denn bevor die Schilds in Grenchen oder Bally in Schönenwerd ihre Fabriken gründeten, war da nichts. Wir stellen uns die Schweiz immer als ein reiches Land vor. 1850 war da gar nix. Und ohne die Ballys und die Schilds – und wie sie alle heißen – wäre da nur der Almöhi.

Das Bild hier zeigt das Wohnhaus Zum Felsengarten von Carl Franz Bally in Schönenwerd, das 1942 in ein Schuhmuseum umgewandelt wurde. Der Grenchner Professor Werner Flury hat in seinem 1907 erschienen Buch Die industrielle Entwicklung des Kantons Solothurn: Ein Beitrag zur wirtschaftlichen Heimatkunde Carl Franz Bally beschrieben: Scharfer Blick, nie ermüdende Ausdauer und Organisationstalent vereinigten sich in C.F. Bally, um ihn zu einem Führer der solothurnischen, ja der schweizerischen Industrie zu machen. 

Der Firma Bally liegt das materielle und geistige Wohl ihrer Angestellten und ihrer Arbeiter am Herz; hat sie doch aus eigener Initiative den 10-stündigen Arbeitstag eingeführt und ohne Lohnabzug den Samstag Nachmittag frei gegeben. Sie besitzt Kosthäuser in Schönenwerd, Aarau und Schöftland, wo für sage und schreibe 30 Rp. ein Mittagessen verabfolgt wird, das aus Suppe, Fleisch, Gemüse und Brot besteht. Kleinkinderschulen, eine Volksbibliothek, ein prächtiger Saal für Konzerte, Theater und Vorträge, Schwimm- und Badebassins – alles Schöpfungen der Firma Bally – stehen der Bevölkerung von ganz Schönenwerd gegen sehr niedrige Taxen zur Verfügung.

Die sozialen Maßnahmen, die hier gelobt werden, gehen nicht so sehr auf den Firmengründer (obgleich auch der ein progressiver Liberaler war), sondern auf seinen Sohn ➱Peter Eduard Bally zurück. Der auch in den 1870er Jahren in Amerika die ersten Goodyear Maschinen bestellt hatte. Gleichzeitig mit Flurys Darstellung erschien das Buch Schweizer eigener Kraft, das Carl Franz Bally zu einer Legende werden ließ. Die Memoiren von Bally sind unter dem Titel Pionier und Pfaffenschreck: Die Memoiren des Carl Franz Bally erschienen. Das mit dem Pfaffenschreck hat schon seine Berechtigung, seine Abneigung gegen die römische Klerisei und was daran hängt war sprichwörtlich. Mir gefallen Sätze wie Frech sind sie, diese Römlinge, und ungeniert! Der Industrielle und Politiker Bally wäre mir noch sympathischer, wenn er ein noch größeres soziales Bewußtsein gehabt hätte. Was diese patriachalisch soziale Komponente der Vorzeigeunternehmer des Kapitalismus betrifft, könnten Sie jetzt noch den Post ➱Ermenegildo Zegna lesen.

Heute sieht Bally so aus: Klamotten, Reisetaschen, Koffer, Accessoires. Und ja, auch noch Schuhe. Seit die Famile sich aus dem Konzern zurückgezogen hat, ist Bally hin- und herverkauft worden. Zwielichtige Finanzspekulanten und der Rüstungskonzern, den die Alliierten im Zweiten Weltkrieg bombardiert hatten, waren plötzlich die Besitzer einer Schuhfabrik, die jede Kontrolle über ihre weltweit tätigen Tochterfirmen verloren hatte. Der Name Bally bedeutete nur dann noch ein klein wenig, wenn Bally Suisse (oder Made in Switzerland) auf dem Schuh stand. Alles andere konnte man getrost vergessen.

Das ist schon ein Problem, wenn eine Firma immer größer werden will, Lizenzen vergibt, Tochterfirmen hat, die sie nicht mehr kontrolliert. Quantität geht zu Lasten der Qualität. Wenn man erst einmal wie Ermenegildo Zegna im Designerzentrum Neumünster angekommen ist, hat man auf dem Weg nach unten viel geschafft. Von Pierre Cardin wollen wir lieber nicht reden. Schon Carl Franz Bally wollte ein Global Player sein, deshalb erschloss er sich den südamerikanischen Markt (der im 19. Jahrhundert interessant ist, auch Schweizer Uhrenfirmen zieht es dahin). Ballys junge Firma wäre beinahe kurz nach der Gründung untergegangen: die Kunden bewunderten zwar die Qualität, fanden die Schuhe allerdings zu klobig. Das sind sie vielleicht heute noch. Aber Wegwerfschuhe waren sie nie.

Neuerdings, wo Bally einer der reichsten deutschen Familien gehört, schreibt man angeblich schwarze Zahlen. Und will sich auch wieder auf das Kerngeschäft, den Schuh, konzentrieren. Ob dieser Herr allerdings der richtige Sympathieträger ist, da bin ich mir nicht so sicher. Ein Teil der neuen Qualitätsoffensive war die Wiederbelebung der Scribe Linie, die vor kurzem noch durch eine Maßschuh Linie erweitert wurde. Braucht jemand die? Hier in Norddeutschland kann man sich für das gleich Geld von Harai in Neumünster, Klemann in Basthorst oder Hendrikje Ehlers in Berlin die Schuhe machen lassen.

Auch dieser Herr war einmal der Werbeträger von Bally. Wir können diesem Plakat von Otto Baumberger aus dem Jahre 1924 entnehmen, dass die vornehme Welt nicht unbedingt die Zielgruppe der Firme Bally ist. Zwar hat man zehn Jahre nach der Firmengründung schon Niederlassungen in Buenos Aires, Montevideo und Paris (und 1881 in der New Bond Street in London), aber man weiß, dass man Qualitätsschuhe (wenn auch von etwas klobiger Qualität) auch an andere Zielgruppen als die Haute Volaute verkaufen kann. Und das Wort klobig bringt mich direkt zu den neuen Scribe Modellen, die seit etwa zehn Jahren auf dem Markt sind.

Das da rechts ist ein Bally Scribe, Modell James. Es fällt bei diesem Photo  auf den ersten Blick nicht auf, wie groß der Schuh wirklich ist, ein richtiger Elbkahn. Mein alter Pferdelederschuh von Lloyd (= Bally) ist in der Größe 42 genau 29 Zentimeter lang, der James mißt 32 Zentimeter. Kann man nicht zu engen Hosen tragen, geht nur mit Cordhosen. Der Schuh passt aber wunderbar, das muss man ihm lassen. Die Scribe Linie, die vor zehn Jahren neu lanciert wurde, ist das Flaggschiff der Firma. Liegt preislich aber da, wo auch ➱Dinkelacker und Laszlo Vass sind. Mein Pferdelederschuh von Bally, der Lloyd hieß, sollte damals 349 Mark kosten (ich bekam ihn für die Hälfte), die Scribes kosten das Doppelte in Euro. Bally kann den Preis am Markt aber nicht wirklich durchsetzen, die Schuhe werden überall viel billiger verkauft.

Wer trägt so etwas? Der Grandseigneur des Chansons Maurice Chevalier trug blaue Wildlederschuhe von Bally, heute sind Bally Schuhe eher bei den Rappern beliebt:

The mirror said you are you conceited bastard 

Well that’s true, thats why we never have no beef 

So then I washed off the soap and brushed the gold teeth 

Used Oil Of Olay ‚cause my skin gets pale 

And then I got the files for my fingernails 

Chewed through the night and on my behalf 

I put the bubbles in the tub so I could have a bubble bath 

Clean, dry was my body and hair 

I threw on my brand new Gucci underwear 

For all the girls I might take home 

I got the Johnson’s Baby Powder and the Polo cologne 

Fresh dressed like a million bucks 

Threw on the Bally shoes and the fly green socks 

Stepped out my house stopped short, oh no 

I went back in, I forgot my kangol

Wenn Sie also hip sein wollen, dann tragen Sie Bally Schuhe mit grünen Socken. Und vergessen Sie die Kangol Mütze nicht.

Noch mehr Schuhe in den Posts: ➱Cliff Roberts, Artisan, ➱Wiener Leisten, ➱Englische Herrenschuhe (Trickers), ➱Englische Herrenschuhe (London) ➱Englische Herrenschuhe (Alfred Sargent), ➱Schuhe aus Portugal, ➱Italienische Herrenschuhe, ➱Französische Herrenschuhe ➱Dinkelacker, ➱Kuckelkorn, ➱Kiton/Chiton, ➱wayward cows, ➱Lord Byrons Schuhe, ➱Militärisches Schuhwerk, ➱Wildlederschuhe, ➱Chelsea Boots, ➱Wirkungen, ➱Zeit der Unschuld, ➱Gamaschen, ➱Christian Rohlfs, ➱Laurence Harvey, ➱Blazer, ➱Morning Coat, ➱Fernandel, ➱Léo Malet, ➱Schuhcreme

 

Er hat nicht einmal einen deutschen Namen, der wholecut Schuh, aber er ist seit einigen Jahren modisch le dernier cri. Sogar bei der Firma Tyrwhitt, deren Angebot an Schuhen zurückgegangen ist, ist in den letzten Jahren immer mindestens ein wholecut im Programm gewesen. Der wahrscheinlich von der Firma Barker (oder vielleicht ➱Grenson?) gemacht wurde. Ein wholecut ist eine Variante des Schuhs, den wir Oxford nennen. Er ist aus einem einzigen Stück Leder gemacht und hat neben der Schaftkantennaht lediglich hinten eine sichtbare Fersennaht. Als der Oxford in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der englischen Herrenmode auftauchte, hatte er noch den Namen Oxonian. Ein Oxford ist ein förmlicher, kein sportlicher Schuh, geeignet für Menschen mit einem schmalen Fuß und einem nicht zu hohen Spann. Das letzte sollten Sie bedenken, wenn Sie mit dem Kauf eines wholecut liebäugeln sollten.

Natürlich hätte ich oben statt le dernier cri auch der letzte Schrei sagen können, aber ich möchte einmal eben einen Blick auf die Franzosen werfen, die immer schon wunderbare wholecuts im Angebot hatten. Würde man diesen Schuh von Aubercy wirklich dem norddeutschen Schmuddelwetter oder der Hundescheiße auf den Straßen aussetzen wollen? Beim Anblick solcher Kunstwerke habe ich das Gefühl, dass man sie nicht tragen sollte, sondern sie zu Hause auf eine kleine Marmorsäule stellen sollte. Wenn Sie noch mehr über französische Herrenschuhe lesen wollen, dann klicken Sie hier.

If you look up the word elegant in Dictionary.com the first definition that it gives is:“Tastefully fine or luxurious in dress, style, design, etc.” To me, the whole-cut dress shoe sums this definition up to a ‘T.’ The fact that it has no stitching (apart from the heel) leaves it completely refined and flawless. Obviously not every whole-cut ever made has fit this description but when they have been made properly, with a beautiful last shape, they are second-to-none on the stunning scale!! Das kann man in einem Blog lesen, der The Shoe Snob Blog heißt.

Ich bin mir bei diesen ganzen Mode Foren und Blogs nicht so sicher, in wieweit sie nicht nur als Blog getarnte Werbung der Modeindustrie sind. Der Blog Gazzettino von Michael Jondral (übrigens ein hervorragender Blog) macht keinen Hehl daraus, aber viele dieser sogenannten Foren scheinen nur Tarnorganisationen der Modeindustrie zu sein. Der Autor des lobhudelnden Textes über die Eleganz des wholecut Schuhs macht eine eine gewisse Einschränkung bezüglich der Eleganz der Variante des Oxfords: Obviously not every whole-cut ever made has fit this description. 

In einem Mode Forum wird immer zuerst eine Frage gestellt, die aber meistens eine Scheinfrage ist. Wie zum Beispiel: Has any of you experience of a wholecut style shoe? I have pasted a Tricker’s Harrow model to show an example. Do the inevitable creases after a few wears ruin the smooth and shiny look to an unwearable level? Needless to say that someone would use trees and polish, but even so creases appear where the toe bends. Any pictures of your own pair? Und schon ist Werbung für ➱Tricker’s gemacht und der Stein der Diskussion ins Rollen gebracht.

Meinem alten wholecut von Stefanobi sieht man kaum noch an, dass er ein wholecut ist. Es hat ihm aber gut getan, dass, als ich ihn vom Besohlen beim Schuster Höfer abholte, Frau Dworak sagte, dass ein Qualitätsschuh auch nach Jahren noch nach einem Qualitätsschuh aussieht. Dieser Edward Green Schuh in dunkel-oliv (ja, das ist ein klein wenig pervers) ist natürlich der Höhepunkt der Eleganz. Wenn man so etwas mag. Zu solchen Schuhen sollte man wahrscheinlich lila Samtjacketts tragen.

Eigentlich ist die Sache ganz einfach: wholecut Schuhe sehen nur elegant aus, wenn sie nagelneu sind und von einem berufsmäßigen Photographen wunderbar ins Licht gesetzt wurden. Und mit dem Photoshop System so behandelt wurden, dass sie eine Farbe bekommen, die Sie zu Hause mit Schuhcreme niemals hinkriegen. Wenn sie älter sind, bekommen wholecuts Falten, die sich nicht wie bei einem Kappenschuh oder einem Derby (im Englischen auch Blucher genannt) verteilen können. Dann sehen sie so aus wie dieser Schuh. Oder schlimmer. Ich habe dieses Photo aus einem unfreiwillig komischen Blog, wo sich jemand mit all seinen Klamotten und Schuhen (und Uhren) ins Bild gesetzt hat, um der Welt zu zeigen, was wahre Eleganz ist.

Der wholecut Schuh ist nicht unbedingt neu, es gibt ihn schon im Mittelalter. Bei den Ausgrabungen von Billingsgate hat man schöne Exemplare aus dem 12. Jahrhundert gefunden. Diese Schuhe sind einige Jahrhunderte jünger. Man kann so etwas in England kaufen, es gibt da offensichtlich einen Markt für solche Dinge. Wahrscheinlich trägt man so etwas, wenn man mit einem Krug Met in der Hand in Stonehenge auf die Mondfinsternis wartet, um mit den Wölfen zu heulen.

Seinen ersten großen Auftritt hat der wholecut in den dreißiger Jahren. So schreibt zum Beispiel ➱The Producer im Jahre 1936: A striking shoe fashion, new this season, is the whole-cut Oxford shoe, of black glace, with a Littleway square heel and five eyelets, bringing the vamp well over the foot. Dieses Modell hier ist aus dem Jahre 1934, ein Lackschuh für ➱Dinner Jacket und ➱Frack. Ich bitte Sie, die seidenen Schnürbänder und die wunderbare Schleife zu beachten. Und ähnlich sieht auch Debrett’s die Verwendung für den wholecut, wenn von der Ausstattung für den Frack die Rede ist: white bow tie (usually marcella), white evening waistcoat (again usually marcella), black ‚whole-cut‘ patent shoes with black ribbon laces, and black silk socks. Man kann in solchen Schuhen wahrscheinlich in Bayreuth in der Oper sitzen und sich diesen neuen Parzifal angucken, aber kann man auch mit ihnen tanzen? Ich habe da meine Bedenken.

Die meisten englischen Qualitätsfirmen (sogar die etwas langweiligen Tricker’s) haben einen wholecut im Programm. Hier ein Modell von ➱Alfred Sargent, das wie mein alter Stefanobi aussieht und mit dem Schuh von Aubercy im zweiten Absatz wenig Verwandtschaft hat. Sehr wenig.

Allerdings kann Alfred Sargent auch sehr, sehr elegante wholecuts machen, wenn wir uns mal eben dies Modell anschauen (es findet sich schon in dem Post ➱Wedding Night). Es ist eine seltsame Sache mit den ➱Engländern: sie können es genau so gut wie die Franzosen, Portugiesen, Italiener oder Spanier, aber sie machen es ungern. Pferdelederschuhe sind wie wholecuts auch so eine Sache, die die englischen Hersteller nicht unbedingt mögen.

Die werden in großem Stil auf einer anderen Insel hergestellt: Mallorca. Die Firma Carmina wirbt damit, der größte Hersteller von Cordovan Schuhen in Europa zu sein. Dieser hier kostet 690€. Neben der Firma Carmina von José Albaladejo gibt es auf Mallorca noch die Firma Meermin, die etwas preisgünstiger ist (und dass Herr ➱Kuckelkorn sich in Mallorca seine Schuhe machen lässt, sollte nicht unerwähnt bleiben). Die Spanier sind (wenn man an Marken wie Lotusse und andere denkt) im Bereich des preiswerten Qualitätschuhs zu einer Großmacht in Europa geworden. Auch der deutsche Internethändler Shoepassion, der für 239 Euro einen wholecut anbietet, bezieht seine Schuhe aus Spanien. Von der Firma Cordwainer, man kann eine Besprechung der Qualität der Shoepassion von jemandem, der sich Paul Prüfer nennt, hier lesen. Aber das Ganze ist wahrscheinlich auch nur gekaufte Werbung.

Wenn die Engländer nach einem möglichen Brexit (über den ja keine Volksabstimmung sondern das Parlament entscheidet) den Zugang zum europäischen Binnenmarkt verlieren, wird die englische Schuhindustrie es schwer haben. Weil die Spanier und ➱Portugiesen all das können, was die Engländer können. Zumal es ja nicht unbekannt ist, dass englische Luxusfirmen auch schon einmal Lohnarbeit nach Portugal und Spanien vergeben haben. Und der Carmina wholecut aus dem Absatz oben sieht auch viel besser aus als dieses biedere Modell von Tricker’s.

Sie werden das schon gemerkt haben, dass ich nicht unbedingt ein Fan des wholecut Schuhs bin, eigentlich braucht man ihn nicht wirklich. Vor allem, wenn er nach kurzer Zeit so aussieht wie dieser Schuh von ➱Oliver Sweeney. Ich habe mir vor Jahren einen wholecut bei Tyrwhitt gekauft, der geradezu absurd im Preis gefallen war. Das tun die Artikel bei Tyrwhitt ja immer, allerdings nicht so stark wie dieser Schuh. Ich schaute einmal routinemäßig in das Forum Ask Andy about Clothes hinein, fand dort den Satz and the wholecut in particular develops more creases than an elephant und wusste, dass ich den Schuh kaufen konnte. In diesen Foren wird nur gelogen. Mein dunkelbrauner Tyrwhitt wholecut sieht nach sechs Jahren immer noch hervorragend aus.

Ich habe mir etwas Hübsches für den Schluss aufbewahrt. Das ist kein fullbrogue, das ist ein wholecut mit aufgestepptem Muster. In einer wunderbaren Farbe. Ich konnte bei diesem Modell dem Kauf nicht widerstehen. Weil der Schuh mich an die Kurzgeschichte The story of Cedric erinnerte. Ich habe das ➱hier schon einmal zitiert, aber ich zitiere es gerne noch einmal:

Das schönste Beispiel für Schuhetikette findet sich bei dem unübertroffenen Meister des englischen Humors ➱P.G. Wodehouse. In der Kurzgeschichte The story of Cedric trifft der eleganteste Mann Londons (sprich: der Welt) eines Morgens im Hyde Park die junge Lady Chloe und seinen Freund Claude. Der ist auf dem Weg zu einer Hochzeit, elegant gekleidet im ➱Morning Coat. Allerdings die Schuhe! Lady Chloe bekommt beinahe einen Herzinfarkt. Gelbe Schuhe. The foot-joy! The banana specials! The yellow perils! Der junge Claude sagt naiv: Don’t you like them? I thought they were rather natty. Just what the rig-out needed, in my opinion, a touch of colour. It seemed to me to help the composition. Mit einem Augenaufschlag, dem kein Mann widerstehen kann (ich weiß nicht, wo Frauen das lernen, aber es funktioniert ja immer) bittet Lady Chloe unseren Cedric, mit seinem jungen Freund die Schuhe zu tauschen. Als die beiden fort sind, merkt der eleganteste Mann Londons, dass er jetzt ein kleines Problem hat. Er steht in einem eleganten Morning Coat mit gelben Schuhen (!) im Hyde Park. Über den weiteren Gang der Geschichte sei hier nichts verraten, man kann es in der Sammlung Mr Mulliner Speaking aus dem Jahre 1929 nachlesen. Die Heiligen Crispin und Crispinian mögen verhüten, dass wir je in eine solche Lage kommen.

Ein gelber Schuh zum Cutaway ist natürlich immer noch besser, als wenn der Bräutigam zur Hochzeit so erscheinen würde wie auf diesem Cartoon von ➱Ronald Searle:

 

Wenn man (Mann) in den sechziger Jahren chic war, dann sah man so aus. Wie ➱Peter Frankenfeld, hier einmal ohne seine großkarierten Jacken (bei karierten Jacken fällt mir immer Herr ➱Gauland ein, um den es so merkwürdig still geworden ist). Peter Frankenfeld – und viele andere Schauspieler wie zum Beispiel ➱Curd Jürgens – machte Werbung für die Miltenberger Kleiderwerke (MKW). Die gibt es heute noch, sie heißen allerdings heute Daniel Hechter. Das war mal ein berühmter französischer Modeschöpfer, der ein klein wenig fußballverrückt war.

Er war der größte Geldgeber für Paris Saint-Germain, für die er auch einen neuen Dress entwarf. Hier sitzt er als Präsident von PSG neben Robert Vicot und Just Fontaine im Stadion. Er trägt ein schlichtes T Shirt (auf dem Daniel Hechter steht), wir sind im Jahre 1971, da ist das vielleicht revolutionär. Revolutionär sind sicher auch von einem Designer entworfene Jerseys. Auch die seltsamen Jerseys, die die gerade in Frankreich Fußball spielenden Millionäre tragen, zeigen ja viel Designwillen.

Hechter hat auch einmal die Kleider für ➱Brigitte Bardot entworfen. Was wohl keine so große Leistung ist, an Brigitte Bardot hätte in den fünfziger und sechziger Jahren auch ein Müllsack gut ausgesehen. Ja, Daniel Hechter war mal berühmt. Zuerst war er ein Couturier, dann erfand er das Prêt-à-porter (angeblich de luxe). Lizenzen bringen viel Geld. Macht ja heute jeder in Paris, ➱Lagerfeld auch. Ich hatte mal ein grünes Samtjackett von Hechter, dessen Revers und Taschen mit einem dünnen Lederrand paspeliert waren, sah toll aus. War aber schon etwas zu klein, als ich es in Paris kaufte. Wurde auch später leider nicht größer.

Solche Teile gab es wahrscheinlich in Deutschland nicht, weil hier die Firma von Otto Aulbach die Lizenz für Daniel Hechter hatte. Die hatten auch den Namen von ➱Christonette of Copenhagen gekauft hatte, allerdings sahen ihre Produkte den ehemaligen dänischen Luxusprodukten überhaupt nicht ähnlich. Auf diesem Photo aus dem Jahre 1972 trägt der Herr mit Sonnenbrille (it’s never too dark to be cool) Daniel Hechter, der Mann daneben ➱Ralph Lauren. Als sich der Pariser Modeschöpfer, der wie ➱Pierre Cardin seinen Namen überall hin verkauft hatte, zur Ruhe setzte, kaufte die Miltenberger Otto Aulbach den Namen.

Auf die Wikipedia Seite von Miltenberg haben es die Firmenchefs von Daniel Hechter nicht geschafft. Er hier dagegen schon, es ist der Maler Philipp Wirth, der am 7. Juli 1808 in Miltenberg geboren wurde. Mit Mode hatte er auch ein klein wenig zu tun, er war Portraitmaler, da achtet man (vor allem die Kundschaft) schon mal auf die Mode. Was wäre aus ➱Thomas Lawrence geworden, wenn er kein Gespür für Mode gehabt hätte? Und Anders Zorn wäre nichts ohne Otto Bobergh, dem Compagnon von ➱Charles Frederick Worth, geworden. In solch erlauchter Gesellschaft hat sich Philipp Wirth nicht bewegt, aber ein klein wenig Mode hat er von zu Hause mitbekommen: sein Vater war Hutmacher.

Wirth ist nicht nur in Miltenberg geboren (hier am Marktplatz hat er gewohnt), er ist dort auch siebzig Jahre später gestorben. Hoch begabt, unverstanden, arm verstorben, längst vergessen. Der Maler (und Photograph) Philipp Wirth, der sich auf Portraits spezialisierte (aber auch Landschaften malte), war jedoch nicht sein Leben lang in Miltenberg. Er hat in München und Wien Malerei studiert, Reisen führten ihn nach London und Paris. Die Reise nach Paris war dem Würzburger Abendblatt im November 1843 eine Notiz wert: Unser Landsmann, der tüchtige Porträtmaler Wirth, hat heute hiesige Stadt verlassen, um sich nach Paris zu begeben und dort längere Zeit der Kunst zu widmen. Bei der Reise nach England ist Wirth mit dem neuen Medium Photographie in Berührung kommen, er wird später mit seinem Bruder in Miltenberg ein Photostudio eröffnen, das aber keinen großen Erfolg hat. Wichtiger bei der Englandreise war, dass er in Windsor Castle Bilder von van Dyck kopiert hat, was für ihn zu einer Vorlage für seine Portraitmalerei wurde.

In Paris wird sich Wirth dem ➱Aktzeichnen widmen: Die Tatsache, daß sich Philipp Wirth in Paris noch einmal mit Aktzeichnen beschäftigt, liegt vielleicht darin begründet, daß seine Halb- oder Ganzfigurenporträts immer noch oft fehlerhafte Proportionen aufwiesen, schreibt Wolfgang Kimpflinger in seiner Dissertation Philipp Wirth, ein fränkischer Maler des 19. Jahrhunderts. Die hervorragende Dissertation (324 Seiten, 129 Abbildungen, 8 Farbabbildungen) wurde vom Geschichts- und Kunstverein Aschaffenburg gedruckt, um einem großen Miltenberger Maler des 19. Jahrhunderts Tribut zu zollen. Sie ist heute immer noch antiquarisch zu finden. Kostet um die zwanzig Euro. Dafür kann man natürlich auch bei ebay zwei Daniel Hechter Jacketts kaufen, aber die Dissertation ist die bessere Anlage. Bildung und Kunstgenuss ist immer wichtiger als Klamotten.

Paris bedeutete für die Familie von Otto Aulbach aus Miltenberg den geschäftlichen Erfolg, für Philipp Wirth ist es die große Enttäuschung. Nach kurzer Zeit kehrt er krank und depressiv nach Miltenberg in das Haus seiner Eltern zurück. Aber er hat in dieser Zeit ein Bild gemalt, für das er berühmt wurde. Allerdings sehr viel später. 1918 kaufte Gustav Pauli für die Kunsthalle Hamburg dieses Selbstportrait mit Zylinder an, die Arbeit eines Vergessenen. Das Dunkel, das die Person dieses Künstlers umhüllt, war bis vor kurzem sogar noch viel tiefer als das, in dem sich Rayski verbarg. Das schrieb Pauli, für den Wirth eine der tragischen Erscheinungen jener Zeit, in der so oft bedeutende Künstler an der Verständnislosigkeit erlahmen mußten war, später in einem Führer für die Kunsthalle. Und er brachte bei Wirths Bildern, deren Einfachheit und Glanz des Vortrages Eigenschaften aufweist, die längst vor Manets Auftreten an dessen Kunst erinnern, den Namen ➱Manet ins Spiel. Wahrscheinlich, weil das Selbstportrait von der Farbe schwarz lebt.

Der Direktor der Hamburger Kunsthalle Gustav Pauli ist eigentlich ein Bremer (und war zuvor Direktor der ➱Kunsthalle Bremen). Und weil Jay auch ein Bremer ist, hat er ihn schon in einer Vielzahl von Posts erwähnt. Nicht nur, weil Pauli der Gatte jener Frau war, die unter ihrem Pseudonym Marga Berck diese herzzereißende Liebesgeschichte ➱Sommer in Lesmona geschrieben hat. Pauli war 1918 nicht der einzige, der die Kunst von Philipp Wirth lobte. Auch der Kunsthistoriker Karl Lilienfeld pries 1918 in der Zeitschrift für bildende Kunst den Maler mit einem Aufsatz: Philipp Wirth, ein vergessener deutscher Meisterporträtist.

Vierzig Jahre nach seinem Tod war der Maler für einen Augenblick lang berühmt. Es währte nicht lange. Danach, schreibt Wolfgang Kimpflinger in seiner Dissertation, wird Philipp Wirth nur noch von der lokalen Forschung beachtet. Seinen Nachlaß rettete Ende des letzten Jahrhunderts der Miltenberger Sammler Oskar Winterhelt und bewahrte ihn später vor allzu großer Verstreuung. Der Architekt Oskar Winterhelt war ein notorischer, geradezu manischer Sammler; und da er aus Miltenberg kam. lag ihm der Miltenberger Maler Wirth natürlich am Herzen.

Den Grundstock seiner Sammlung bildete der Nachlass von Philipp Wirth. Der war im Besitz von dem Kaufmann Emanuel Lindheimer, bei dem der verarmte Maler die letzten acht Jahre seines Lebens gewohnt hat. Wirth hat seinen Wohltäter gezeichnet (Bild) – irgendwie sieht er ein wenig wie der Maler selbst aus. Winterhelt ordnete den Nachlass und versah die Rückseiten der Skizzen und Gemälde mit Notizen. Diese Notizen gehören heute beinahe zu den einzigen Quellen zum Werk von Philipp Wirth.

Oskar Winterhelt vermachte zu seinen Lebzeiten einen Teil der Sammlung an das Miltenberger Museum. Nach seinem Tod 1958 bot seine Witwe der Stadt die restlichen Werke zum Kauf an. Es war der Stadt zu teuer, stattdessen kaufte das Städtische Museum Aschaffenburg die Reste von Winterhelts Sammlung. Das ➱Miltenberger Museum, das 1978 eine Gedächtnisausstellung und 2008 eine große Ausstellung organisierte, besitzt heute circa 180 Gemälde, Zeichnungen, Skizzen und Aquarelle. In Aschaffenburg hat man etwa das Dreifache. Für die Ausstellung von 2008 hatte man sich aus Hamburg das Selbstportrait mit dem Zylinder ausgeliehen. Der Versicherungswert betrug 35.000 Euro, eigentlich zu wenig für ein Bild, das schon als Vorläufer des Impressionismus gefeiert worden ist.

Wenn Sie mehr über die deutsche Herrenmode aus der Zeit, als Frankenfeld MKW trug, wissen wollen, kann ich die Post ➱Made in Germany, ➱Markenname Windsor und ➱Herrenausstatter empfehlen.

 

Diese junge Dame vor der Kamera heißt Micheline Bernardini, sie ist neunzehn Jahre alt. Sie präsentiert hier am 5. Juli 1946 in einer Badeanstalt die neueste Kreation von Louis Réard. Der über die 194 Quadratzentimeter Stoff sagte: Der Bikini ist so klein, dass er alles über die Trägerin enthüllt bis auf den Geburtsnamen ihrer Mutter! Er ließ sich das Kleidungsstück, das es schon seit den alten Römern gegeben hatte, sogleich beim französischen Patentamt als Gebrauchsmuster schützen. Die Nackttänzerin (oder sollen wir Revuegirl sagen?) Micheline Bernardini erhielt viel Post aus aller Welt.

Aber sie wurde auf der Bühne des Casino de Paris nie so berühmt, wie es wenige Jahre später Rita Renoir im Crazy Horse Saloon wurde. Die schaffte es sogar, von der Schickeria und Intelligenzija akzeptiert zu werden. Kam auch zum Film. In etwas zweifelhafte Streifen wie hier in ➱Mono di Notte, aber sie durfte auch in ➱Michelangelo Antonionis Die Rote Wüste mitspielen. Die Königin des Pariser Striptease ist vor wenigen Monaten im Alter von 82 Jahren gestorben.

Die Photos von Mademoiselle Micheline Bernardini wurden im Pariser Bad Piscine Molitor gemacht, um zu demonstrieren, dass es sich hier um Badebekleidung handelte. Die sich – wenn wir dieses Photo von der Jahrhundertwende betrachten – nun freizügiger gibt. Damals verhüllte man sich noch. Als ich klein war, besaß ich keine Badehose, sondern einen Badeanzug (der kommt schon in dem Post ➱John Hoppner vor), die Sache mit den Pariser Zweiteilern brauchte einige Zeit, bis sie sich an den ➱Weserstrand herumsprach.

Modehistorisch war das Kleidungsstück nicht unbedingt neu, das Monsieur Réard der Welt (beziehungsweise der Presse) am Körper der einzigen Frau in Paris, die das anzuziehen wagte, präsentierte. Wenn Sie den Wikipedia Artikel lesen, können Sie sehen, dass schon die Römer so etwas kannten. Und dass ➱Eva Braun ihren germanischen Körper damit bedeckte. Und dass Hollywoodschönheiten wie hier Ava Gardner schon lange vor dem Jahr 1946 einen Zweiteiler trugen. Aber da gibt es Einschränkungen.

Für die Miss World Wahl im Jahre 1951 zum Beispiel war der Bikini nicht akzeptabel, der Vatikan wetterte auch gegen das Kleidungsstück. Und für das sittenstrenge puritanische Amerika war der kleine Bikini von Micheline Bernardini keineswegs annehmbar: der Bauchnabel musste in Amerika bedeckt sein. Man kann das sehr schön hier an Rita Hayworth sehen, auch die junge ➱Marilyn Monroe trug ein ähnliches Modell. ➱Ursula Andress durfte allerdings als schaumgeborene Venus in Dr No schon einen richtigen Bikini tragen.

Nach dem Bikini kam der Monokini von Rudi Gernreich, hier wiederum in einem Schwimmbad präsentiert. Wir wissen, dass sich dieses Bekleidungsstück in der Damenwelt nicht wirklich durchgesetzt hat. Erstens war es völlig unpraktisch und zweitens sahen selbst hübsche Frauen darin bescheuert aus: Although Gernreich believed he was freeing women from the bonds of fashion, the response to the Monokini was more witty entertainment than women’s liberation—a freakish joke at women’s expense.

Größeren Erfolg hatte da der von Margit Fellegi für die Firma Cole of California entworfene Scandal Suit. Hier wird er von der Schauspielerin Joan MacGowan getragen. Die Bildunterschrift lautet: Isn’t it time somebody created an absolutely wild scandal for nice girls? Mit Lycra zusammen gehalten, damit sich nicht zu viel öffnet, konnten sich auch nice girls und Californian blondes ein klein wenig skandalös fühlen. Gernreichs und Fellegis Entwürfe datieren aus den frühen sechziger Jahren, heute sind Monokini und Scandal Suit im Museum, der Bikini hat sich durchgesetzt.

Wahrscheinlich ist – auf jeden Fall für Europa – mal wieder ➱Brigitte Bardot an allem Schuld. Dieses 1953 am Strand von Cannes gemachte Photo war der Beginn ihrer Karriere. Niemand kannte sie in Cannes, nach diesem Photo kannte sie die Welt. Eine neue Bombe ist geplatzt, und am nächsten Tag spricht die ganze Welt nur vom Bikini von BB, schreiben Patrice Gaulupeau und Ghislaine Rayer in ihrem Buch Bikini, la Légende. Seit Louis Réard sein Kleidungsstück Bikini nannte und es als Die erste anatomische Bombe bezeichnete, ist die mit Frauen verbundene Bombenmetaphorik nicht wegzubekommen.

Der Bikini hat seinen Namen nach dem Bikini Atoll. Wo die Amerikaner ihre neuesten Atombomben testen. Und nun wird es ein klein wenig pervers. Die Atombombe, die die Amerikaner auf das Bikini Atoll werfen, heißt Gilda und trägt das Bild von ➱Rita Hayworth. Im Film Gilda geht es auch um böse Nazis und Atombomben. Es wäre ja verlockend, dazu etwas zu sagen, aber ich überlasse das Wort mal eben dem Princeton Professor Michael Wood, der in seinem Buch America in the Movies ein schönes Kapitel mit dem Titel Put the Blame on Mame hat:

The symbolism is enough to frighten off any but the most intrepid Freudians: the bomb dropped on Bikini was called ‚Gilda‘ and had a picture of Rita Hayworth painted on it. The phallic agent of destruction underwent a sex change, and the delight and terror of our new power were channeled into an old and familiar story: our fear and love of women. We got rid of guilt, too: If women were always to blame, starting with Eve perhaps, or Mother Nature, then men can’t be to blame. And in any case, as every steady moviegoer knows, women themselves aren’t really to blame, because they can’t help it. Sirens all, they sing men to their doom (sometimes doom is just domesticity), without meaning any harm.



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