Ein Sieger, ein Besiegter. Der Sieger trägt einen Säbel und hat auch noch eine Pistole umgeschnallt. Sicher ist sicher, bei den Franzosen weiß man ja nie. Der Herr mit den roten Hosen ist der Kaiser von Frankreich, der gerade einen Krieg verloren hat.Verlieren kann er gut, zahlreiche seiner Putschversuche sind fehlgeschlagen, bevor er französischer Präsident wurde.

Am 2. Dezember des Jahre 1852, dem Jahrestag der Kaiserkrönung seines Onkels Napoleon Bonaparte, hatte sich Charles-Louis-Napoleon Bonaparte als Napoleon III zum Kaiser der Franzosen gekrönt. Knapp zwei Jahrzehnte  später sitzt er neben Bismarck nach der Schlacht von Sedan auf der Bank. Da heißt es dann Ab nach Kassel. Zu Hause wird er auch noch abgesetzt, und Wilhelm Busch dichtet Eins, zwei, drei – ich zähl‘ herum – Der Louis ist Napolium! Ich lasse den Louis heute mal ein wenig draußen vor, er hatte hier schon vor acht Jahren einen Post. Ich kapriziere mich heute einmal auf die Damen, die ihn umgeben. Wie diese Engländerin, die von einem seiner Verwandten begleitet, so elegant auf dem Pferd sitzt.

Nicht nur die Frauen kennt der Louis gut, auch Gefangenschaft und Exil kennt er gut. Wie man einen Krieg verliert, weiß er auch. Das Ergebnis seiner Intervention in Mexiko kennen wir alle, weil wir Robert Aldrichs Film ✺Vera Cruz gesehen haben und dieses Bild von Eduard Manet (das hier schon einen ausführlichen Post hat) im Kopf haben. Vielleicht hat sich der Louis auch von der Fürstin Pauline von Metternich, der besten Freundin seiner Frau (die man in Wien wegen ihrer Klatschsucht Mauline Petternich nennt) in das mexikanische Abenteuer reinquatschen lassen.

Das hier ist die Italienerin Virginia Oldoni, die Contessa di Castiglione, auf jeden Fall sieht sie in der Fernsehserie ✺Ottocento so aus, wenn ✺Virna Lisi sie spielt. Yvonne De Carlo ist allerdings in dem Film ✺La Contessa di Castiglione etwas züchtiger bekleidet. Bei ihrem ersten Auftritt in Paris trug die Contessa ein hauchdünnes Kleid mit aufgenähten Herzchen, die ihre Brustwarzen gerade mal eben bedeckten. Zwischen den Beinen war auch noch ein Stoffherz aufgenäht, das die Schamhaare nicht ganz bedeckte. Was die Kaiserin Eugénie zu dem Satz Das Herz dieser Dame sitzt wohl etwas tief veranlasste.

Frauen machen jetzt Politik. Und Mode. Hier ist die Castiglione mal züchtig bekleidet, von Alessandro Milesi gemalt. Sie wird auf hunderten von Photographien zum ersten Supermodell des 19. Jahrhunderts werden. Der Louis ist fasziniert von ihr, schenkt ihr teuren Schmuck, ein Haus in der Rue de Ponthieu und seidene Unterwäsche mit seinem Monogramm. Sie wird seine Maitresse, und sie zieht ihn in die Machtkämpfe um Italien und in den Sardinischen Krieg hinein. Diese Geschichte hätte ich gerne erzählt, aber sie steht schon in dem Zeitungsartikel Diese Sexfalle trieb Napoleon III. in den Krieg.

Es sind immer wieder die Frauen, die den entscheidungsschwachen Parvenu auf dem Kaiserthron antreiben. Auch seine Gattin Eugénie macht Politik, sie will den Krieg gegen die Preußen. Sie macht nicht nur Politik, sie macht auch Mode. Dies ist die Geburtsstunde der Haute Couture. Auf diesem Bild von Franz-Xaver Winterhalter trägt die Kaiserin Eugénie ein Kleid von Charles Frederick Worth (der hier schon einen Post hat), die Damen um sie herum wahrscheinlich auch alle.

Pauline Metternich (hier auch von Winterhalter gemalt) hat ihre Freundin die Kaiserin natürlich sofort überredet, dass man neuerdings nur noch Worth tragen kann. Das ist jetzt bei Kaiserinnen der letzte Schrei. Auch unsere Sissi hat Kleider von Worth getragen. Allerdings auch die Contessa Castiglione (das nackte Kleid mit den Herzchen war allerdings nicht von ihm), das wird jetzt ein teurer Spaß für den Louis Napoleon, den Victor Hugo als Napoleon le Petit verhöhnt hat, dass er die Garderobe seiner Gattin und seiner Maitressen bezahlen muss.

Die Kleider für die Courtesane Cora Pearl (die da oben im zweiten Absatz auf dem Pferd sitzt), die auch alle von Charles Frederik Worth kommen, braucht der Louis allerdings nicht zu bezahlen. Die bezahlen schon sein Halbbruder Charles Duc de Morny und sein Cousin Napoleon Joseph Charles Paul Bonaparte, deren Geliebte die Engländerin ist. Sie ist in der Welt der Aristokratie und der Demimonde so berühmt, dass sie in das Dictionary of National Biography aufgenommen wurde, und es gibt auch einen Film (Mam’zelle Bonaparte) über sie. Bei Amazon kann man ihre Memoiren kaufen, die den Titel Grand Horizontal haben, die sind zwar nicht von ihr, aber der Titel Grand Horizontal ist wunderbar.

Der Ausdruck kommt natürlich aus dem Französischen. Das zweite Kaiserreich ist die große Zeit der Courtesanen, es ist kein Zufall, dass Balzac einen Roman mit dem Titel Glanz und Elend der Kurtisanen schreibt. Wenn die Damen der Demimonde Glück haben, macht der Louis sie zur Gräfin, wie die Gräfin Valtesse de La Bigne. Einer ihrer Geliebten ist der Maler Henri Gervex, der auch dieses Bild gemalt hat. Die auf dem Bett hingegossene Dame ist allerdings nicht die Contessa, das ist Ellen Andrée, die vielen Malern der Belle Epoque als Modell gedient hat.

Balzac ist nicht der einzige, der über les grandes horizontales schreibt. Da haben wir auch noch Alexandre Dumas mit seinem Roman La dame aux Camelias. Und Emile Zola, der Nana schreibt. Eine Nana hat auch Manet gemalt, Modell stand ihm die Schauspielerin Henriette Hauser, die man Citron nannte. Sie war die Kokotte des niederländischen Prinzen Wilhelm von Oranien-Nassau, den die Presse jetzt nicht mehr Prince de Orange, sondern Prince de Citron nannte. Die Hamburger Kunsthalle besitzt dieses Bild, 1973 stand es im Zentrum der Ausstellung Nana – Mythos und Wirklichkeit, das schöne Katalogbuch von DuMont kann man noch antiquarisch finden.

Die Gräfin Valtesse de La Bigne, die in Zolas Roman Nana eine Rolle spielt, wird Louis Napoleon und das Zweite Kaiserreich überleben. Sie hatte vor ihrem Tod ihre eigene Todesanzeige vorbereitet: Man muss viel oder wenig lieben, gemäß der eigenen Natur, aber schnell, in einem Augenblick, so wie man den Gesang der Vögel liebt der unsere Seele erfüllt und den wir schon nach der letzten Note sofort wieder vergessen. So wie man die roten Schatten der Sonne liebt, die am Horizont verschwindet. Das Ende des Second Empire ist auch das Ende der großen Courtisanen und ihrer Salons, man macht sie für den verlorenen Krieg verantwortlich. Die Herren Worth und Bobergh schließen ihr Atelier in der Rue de la Paix. Das Musée d’Orsay hat der Prostitution in Paris, von den pierreuses, den Bordsteinschwalben, bis zu den grandes horizonztales eine große Ausstellung gewidmet. Die grandes horizontales sind Geschichte, die pierreuses gibt es immer noch.

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Diese Frau sehen wir normalerweise nicht an seiner Seite, das ist Maja Maranow in dem Tatort ✺Der Fall Schimanski. Schimanski erkennen wir natürlich sofort, weil er die berühmte schmuddelige Schimanski Jacke trägt. Ein ewiger Modeklassiker, kann man heute noch kaufen. Ist modisch aber genau so langweilig und spießig wie AKK. Eigentlich ist es die so genannte M-65 Feldjacke der Firma Alpha Industries, die 1965 bei den US Streitkräften eingeführt wurde. Götz George hatte sie in einem Army Shop entdeckt, im Laufe der Jahre wurden aber einige Jacken verbraucht.

Dieser Mann hat auch nur eine Jacke, aber ich glaube nicht, dass der Kurzmantel des Dortmunder Hauptkommissars Faber Mode machen wird. Dafür ist dieser Faber einfach zu bescheuert. Auf einer Seite der ARD wird er als depressiv, sperrig und äußerst unberechenbar beschrieben, das ist zurückhaltend. Die Helden des Kriminalromans (und heute der Fernsehserien) sollen ja etwas exzentrisch sein, das garantiert einen Wiedererkennungseffekt.

Das ist ein Effekt, den wir als Leser oder Zuschauer offenbar brauchen. Wenn sie nicht exzentrisch wie Sherlock Holmes oder Hercule Poirot sind, müssen wir sie an ihrer Kleidung, diesem vestimentären Zeichen, erkennen. Der Detective Chief Superintendent Foyle trägt in Foyle’s War den ganzen Krieg hindurch diesen Mantel und diesen Hut. Er braucht auch bei Befragungen seinen Dienstgrad nicht zu betonen wie der DCI Barnaby, er sagt schlicht: I am a police officer. In der ersten Folge von ✺Derrick wollte Horst Tappert auch ein wenig englisch sein und trug einen British Warm, aber das passte nun gar nicht. Vielleicht wäre die Schimanski Jacke für ihn das richtige Kleidungsstück gewesen.

Den Engländer hier links (gespielt von Basil Rathbone) erkennen wir sofort an seiner Kleidung. Er ist ziemlich exzentrisch. Er besitzt eine Stradivari (die er mal für 55 Shilling gekauft hat) und schwärmt für die Geigenfee Wilma Franziska Neruda. Er selbst spielt grauenhaft schlecht Violine, konsumiert Kokain und Morphium und schießt von Zeit zu Zeit die Initialen der Königin Victoria mit einem Revolver in die Tapete. Kommissar Faber hätte sicher seine Freude an ihm.

Wir als Zuschauer haben sicher mehr Freude an dieser kriminalistischen Phantasiefigur, die immer denselben Regenmantel trägt: In 1966 I was walking on 57th Street in New York when it started to rain. I entered a shop and bought a raincoat. When I had to find one for Columbo, I simply took this one. Der kurze Regenmantel, der sicherlich ebenso berühmt wurde wie die Schimanski Jacke, kam von der spanischen Firma Cortefiel, die gibt es immer noch, aber ich glaube, sie stellen keinen Columbo Raincoat mehr her.

Der Herr in der Mitte hat den Trenchcoat berühmt gemacht: The role is a cinch. The role doesn’t bother me. I’ve been doing the role for years. I’ve worn that trench coat of mine in half the pictures I’ve been in. Die Photo ist aus dem Film ✺Casablanca, in ✺The Big Sleep trägt Humphrey Bogart auch einen Regenmantel (der kommt schon im Roman vor, in dem es immer regnet), aber der ist nicht weiter bemerkenswert.

Die Trenchcoats werden in dem Genre bleiben, bis zur Karikatur in der Sesamstraße, wo wir diesen Detektiv, aber auch Sherlock Humbug (im Original Sherlock Hemlock), finden. Sie haben ihre große Zeit in den Edgar Wallace Filmen. Die sind ohne Trenchcoats gar nicht denkbar (lesen Sie mehr dazu in Hexer, Zinker et al.). Alle tragen Regenmäntel, ob sie nun Joachim Fuchsberger, Heinz Drache oder Siegfried Lowitz heißen. Nur Siegfried Schürenberg als Chef von Scotland Yard nicht. Gangster und Kommissare können Trenchcoats tragen, Chefs tun das nicht.

Auf einer filmisch etwas höheren Ebene als dem German Grusel der sechziger Jahre finden wir den Trenchcoat im Polar, dem französischen Kriminalfilm. Was wäre Alain Delon in ✺Le Samurai ohne seinen Burberry und seinen Borsalino? Hier sehen wir Yves Montand in ✺Le cercle rouge, einem Klassiker von Jean-Pierre Melville. Und, seien wir ehrlich, Yves Montand oder Alain Delon hätte nie eine Schimanski Jacke getragen. Die französischen Schauspieler haben immer gute Schneider (lesen Sie mehr in dem Post Lino Ventura). Horst Tapperts Anzüge stammten angeblich alle von Max Dietl, sie sehen aber alle nicht nach einem Maßanzug, sondern eher nach Cheap & Awful aus.

Ebenso wiederkehrend wie die Militärjacke (auf der die Schulterstücke der M-65 abgetrennt waren) ist Schimanskis Dauerfreundin Marie-Claire (Denise Virieux) mit den krisseligen Haaren. Sie ist in fünfzehn Tatort Folgen zu sehen, hält ihm über Jahrzehnte die Treue. Trotz der scheußlichen Schimanski Jacke. Das muss wahre Liebe sein.

Exi war damals beinahe jeder, man brauchte dafür einen schwarzen Rollkragenpullover und ein graues Tweedjackett. Graue Tweedjacketts (möglichst mit einem Harris Tweed Label) waren in den fünfziger Jahren eine große Sache. Man trug sie in Deutschland vorzugsweise mit einem weißen Hemd. Engländer wären nie auf diese Idee gekommen. Sah am Durchschnittsdeutschen auch nicht so elegant so wie hier an Gabriele Ferzetti in Antonionis Film L’avventura.

Das Tweedjackett für uns Exis durfte nicht neu sein, es musste so aussehen, als ob man einen Irischen Wolfshund ausgekämmt hatte. Also dieser Look der Jazzkeller des Rive Gauche (wie ihn hier Hubertus Hierl photographierte) oder der Riverkasematten in Hamburg. Neben dunklem Rolli und Tweedjackett musste man natürlich noch einen Band Camus oder Sartre unter dem Arm tragen. Das fiel ins Auge, Rowohlt hatte für beide Autoren rote Buchumschläge gewählt. Und dann musste man für Juliette Gréco schwärmen (für die sogar Sartre ein Chanson schrieb), was ich selbstverständlich tat. Darüber habe ich hier schon einmal geschrieben. Und non, je ne regrette rien.

Juliette Gréco erfand den existenzialistischen Stil: langes, glattes Haar mit Stirnfransen, die ‚Frisur einer Ertrunkenen‘, wie der Journalist Pierre Drouin es nannte, dazu dicke Pullis und Männerjacken mit hochgekrempelten Ärmeln. Gréco schrieb, ihre langen wilden Haare hätten sie in der Kriegszeit warm gehalten. Dasselbe sagte Simone de Beauvoir über ihren Turban. Existenzialisten trugen schlabbrige Hemden und Trenchcoats, einige pflegten einen frühen Punk-Stil. Einer lief mit einem ‚völlig zerrissenen und zerlumpten Hemd herum‘, schrieb Drouin. Bald jedoch setzte sich der typische Exi-Look durch: der schwarze Rollkragenpulli.

Das schreibt Sarah Bakewell in ihrem wunderbaren Buch At The Existentialist Café: Freedom, Being, and Apricot Cocktails. Ich habe die Autorin schon in dem Post Montaigne en allemand vorgestellt, ihre brillante Einführung in den Existentialismus gibt es auch auf Deutsch, wie Sie dem Zitat oben entnehmen können. Sarah Bakewell recounts the story of existentialism with wit and intelligence, offering a fresh take on a discipline often deemed daft and pretentious, hat Andrew Hussey im Guardian gesagt.

Und hinzugefügt: It helps that she writes well, with a lightness of touch and a very Anglo-Saxon sense of humour. Das ist es, was Bakewell perfekt beherrscht: schwierige Dinge ganz einfach zu erklären. Und zu den wärmenden Haaren von Juliette Gréco sollte man noch anmerken, dass die bis zum Po gingen. Schreibt sie auf jeden Fall in ihrer Autobiographie. Gerade auf Deutsch erschienen ist Agnès Poiriers Buch Left Bank: Art, Passion and the Rebirth of Paris 1940–1950. Ein wenig oberflächlich und nicht auf dem Niveau von Bakewell, aber doch ein schönes Sittengemälde der Zeit.

Die langen Haare von Juliette Gréco und Rita Renoir (der tragédienne du strip-tease), die schwarzen Rollis, das leicht versiffte Aussehen, das war das Äußerliche. Man konnte den Stil leicht nachahmen, es gab genügend Wochenschauaufnahmen und Photos von der Pariser Szene. Wir stellten uns eine Gesellschaft außerhalb der Gesellschaft vor, die in Bars und Nachtclub lebte; in einem Paris, das in unserer Vorstellung der Dunkelheit des amerikanischen Film Noir und dem französischen Poetischen Realismus (man denke an Le jour se lève und Le Quai des brumes) entsprungen war. So ganz falsch war das wohl nicht, denn es gibt mittlerweile ein Buch mit dem Titel Existentialism, Film Noir, and Hard-Boiled Fiction.

Was wir nicht wussten, war die Tatsache, dass die großen Existentialisten, selbst wenn sie Bars und Nachtclubs frequentierten, nicht so aussahen wie wir in unserem Exi Outfit, die waren sehr bürgerlich ordentlich gekleidet. Wir legten diese Kleidung auch bald wieder ab und wurden dann Mods, wie sie Engländer diese Jugendkultur nannten. Als ich 1962 Juliette Gréco in Berlin hörte, hatte ich meinen guten blauen englischen Anzug von Charlie Hespen an.

Die Photos, die Henri Cartier-Bresson von Camus oder Sartre gemacht hatte, haben schnell einen ikonischen Charakter bekommen. Philosophen wurden damals in Frankreich inszeniert wie Filmstars. Oder wie die beiden neuen Herrscher am Modehimmel. Christian Dior und Jacques Fath. Und auch der französische Film war häufig nichts anderes als existentialistische Philosophie auf Zelluloid. Wenn Jean Paul Belmondo in A bout de souffle sagt: Leiden ist völlig idiotisch. Ich entscheide mich für das Nichts. Das ist zwar nicht viel besser, aber Leiden ist ein Kompromiss. Ich will alles oder nichts. Von diesem Augenblick an weiß ich es. Endgültig, dann ist das nahe dran am Existentialismus.

Camus war einer der Helden meiner Jugend, ich wollte so cool sein wie er auf dem Photo von Cartier-Bresson. Camus hatte immer gute Photographen. Er gefiel mir auch, weil er immer gut gekleidet war und Stil hatte, einer seiner Mitschüler hat sich erinnert, dass er schon als Jugendlicher graue Flanellanzüge zum Unterricht trug.

Wenn er mit einundzwanzig heiratet, wird ihm seine reiche Schwiegermutter die eleganten Anzüge bezahlen. Camus sah, selbst wenn er sich als Bohemien gab, nicht so heruntergekommen auf den Bildern aus wie Heidegger, der auf seinen Holzwegen immer wie ein Waldschrat aussah. Olivier Todd hat Camus in seiner faktenreichen 920-seitigen Biographie als einen Dandy, Elegant und Frauenhelden beschrieben – der Philosoph des Absurden als Don Juan. Das konnte ich damals nicht wissen. Als ich damals Camus las, verstand ich auch mehr von Camus als von den Frauen.

Wenn man die französische Szene des Rive Gauche auch leicht in ihrem Habitus nachahmen konnte, wenn es auch leicht war, einen schwarzen Rolli zu einem zerlumpten Tweedjackett zu tragen, all diese Äußerlichkeiten waren nicht das, was uns als kleine Exis damals wirklich antrieb. In Paris gewesen zu sein, half viel auf dem Weg zum Existentialismus. Die Gedichte von Jacques Prévert (hier von Robert Doisneau photographiert) im Original zu lesen, das war das eine (ich konnte alle seine Chansons, die Juliette gesungen hatte, auswendig). Camus zu lesen, das war das andere. Er gab einem Sätze, über die man nachdenken konnte. Wie kläglich war der Philosophieunterricht der Oberstufe gegen sein Werk. Ich las Camus, obgleich ich vieles nicht verstand. Oder falsch verstand. Aber wenn man achtzehn ist, versteht man schon vieles richtig, selbst wenn man es nicht versteht. Man kann nicht richtig leben, wenn das Leben keinen Sinn hat.

Das alles, was ich bisher hier geschrieben habe, stand schon in der ein oder anderen Form in meinem Blog, aber wenn ich heute noch einmal das Paris der Nachkriegszeit heraufbeschwöre und dazu ein paar CDs der Sammlung Jazz in Paris von Gitanes höre, dann liegt das an diesem Buch hier. Das hat mir der Yogi gerade aus Amerika geschickt, er hatte es vom Autor geschenkt bekommen. Mit Widmung, jetzt ist es meins. Ich habe gleich begonnen, es zu lesen, weil es ein Lesevergnügen ist. Das im letzten Jahr bei Harper Collins erschienene Buch hat auch sehr gute Kritiken erhalten, und das zu Recht.

Der Autor Gordon Marino hat auch Kierkegaard in the Present Age und The Quotable Kierkegaard veröffentlicht und ist Mitherausgeber des Cambridge Companion to Kierkegaard. Ein Kierkegaard Spezialist also, dem man nicht ansieht, dass er auch etwas ganz anderes kann. Er war nämlich einmal Boxer und ist heute noch Boxtrainer. Philosophen werden ja nicht unbedingt mit dem Sport assoziiert, obgleich wir natürlich Thomas Hobbes erwähnen müssen, der im hohen Alter noch Tennis spielte. Als Sartre noch am Gymnasium unterrichtete, brachte er seinen Schülern das Boxen bei, das er selbst während seines Studiums erlernt hatte. Ob Heidegger wirklich gesagt hat: Ich war linker Läufer beim FC Meßkirch, weiß ich nicht. Aber wir wissen, dass Albert Camus in seiner Jugend Torwart bei Racing Universitaire d’Alger war. Er hat über diese Zeit gesagt: Alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball.

Gordon Marino ist auch Direktor der Kierkegaard Bibliothek des St Olaf College in Northfield (Minnesota), und dass die kleine Universität die vielleicht beste Kierkegaard Bibliothek der Welt besitzt, verdankt sie diesem Herrn hier. Er heißt Howard Hong und hat keinen Wikipedia Artikel, die Bibliothek, die er aufgebaut hat, hat allerdings einen Artikel. Dieses Internet Lexikon weiß auch nicht, was es tut. Wir nehmen einmal für die Beschreibung seines Lebens diesen Nachruf aus der Star Tribune.

Die Bibliothek, die heute seinen und Kierkegaards Namen trägt, aufzubauen, wäre schon Grund genug dafür, dass es einen Howard Hong Artikel geben müsste. Doch es gibt noch viel mehr. Hong hat zusammen mit seiner Ehefrau den ganzen Kierkegaard ins Englische übersetzt, sieben Bände der Journals and Papers (Indiana University Press) und 26 Bände von Kierkegaards Werk (Princeton University Press). Für den ersten Band bekamen Edna und Howard Hong den National Book Award. Viele Ehrungen wie der Dannebrog Orden und ein Ehrendoktorat in Theologie der Universität von Kopenhagen für Howard Hong sollten folgen.

Kierkegaard habe ich für mich selbst entdeckt, das können Sie meiner Leseliste für das Jahr 1962 entnehmen. In meinem Philosophiestudium kamen Kierkegaard und Camus niemals vor. In den deutschen Universitäten der 68er Jahre wurden nur zweitklassige Denker wie Marx und Hegel angeboten. Hätte ich nicht den Vortrag von Gabriel Marcel gehört, hätte es in diesem Studium überhaupt kein Highlight gegeben.

Als ich zehn Jahre später der Philosophiedozentin, die hier lieber namenlos bleiben soll, Sören Kierkegaard als Prüfungsthema für die Doktorprüfung vorschlug, lehnte sie das Thema glatt ab. Das sei kein Philosoph, sagte sie. Da wußte ich, dass ich den Namen Arthur Schopenhauer jetzt gar nicht erst ins Spiel zu bringen brauchte. Sie schlug mir Hegel vor, ich dachte nur: Igitt. Wenn Sie den Post Hegel in diesem Blog lesen, wissen Sie weshalb. Und da habe ich noch nicht einmal Jürgen Kuczynskis schönen Satz von Hegels grausam verklausulierten Ausführungen zitiert. Wir einigen uns auf das Thema des Staatsvertrags bei Hobbes, Locke, Rousseau und Kant. Ist ein nettes Thema, concédé, ist aber eben kein Kierkegaard. Man braucht auch nicht Philosophie zu studieren, um Kierkegaard zu lesen. Denn er gehört, wie Schopenhauer (dessen Werk er erst kurz vor seinem Tod richtig entdeckte) zu den Philosophen, die man ohne Hilfe von anderen lesen kann. Jeder Leser wird ihn anders verstehen, aber es ist ein Vergnügen ihn zu lesen. Weil er ja eigentlich ein Dichter ist.

Und da ich bei Philosophen bin, die man lesen kann, ohne Philosophie studiert zu haben, komme ich noch einmal auf Gordon Marinos Buch zurück. Den Existentialist Survival Guide mit dem schönen Untertitel How to Live Authentically in an Inauthentic Age kann jeder Leser lesen, der lesen kann. Sapere aude! Das Buch ist kein self-help manual, ebenso wenig wie Claude Lelouchs Film Hommes, femmes: Mode d’emploi eine Gebrauchsanleitung für das Zusammenleben mit Frauen ist. Marinos Existentialist Survival Guide ist eine Einführung in die Geschichte des Existentialismus, der für englische Kritiker häufiger nichts als eine Mode, ein numinoser Daseinsschmerz, ist. Andrew Hussey formulierte das hübsch ironisch im GuardianFrench philosophy, for all its fag-waving sexiness, is also mostly pretentious and daft. No philosophy has exemplified this more than existentialism, the movement that dominated cultural life in Paris after the second world war.

Das Internet ist voll von kleinen Filmchen, die in wenigen Minuten in ein philosophisches Thema einführen. Der von der BBC produzierte Film über Sartre, von Stephen Fry vorgelesen, hat mir sehr gefallen. Über eine Introduction to Kierkegaard bei YouTube schreibt ein Zuschauer: I so wish I had read some of Kierkegaard’s works when I was a teenager, because if I had, a lot of my life would have been a whole lot clearer to me. Das ist ein Satz, den auch die Leser von Marinos Buch sagen können. Der Autor, der immer als Mensch mit allen Fehlern greifbar ist, nimmt den Leser gleichsam an die Hand und ist ihm ein Wegführer durch die Wildnis der Gedanken.

By steering through issues that bear on us personally, and revealing their disruption and augmentation of his life, Marino avoids purely abstract, academic exposition. Classes in existentialism and existential psychology are popular because, apart from vocational promises, they offer a personal relevance all too absent in lectures devoted solely to impersonal facts and techniques. While Marino’s grasp of the literature is impeccable, his verve and wit as a writer stand out, and his self-revelations are not self-promotions, hat Edward F. Mooney im Los Angeles Review of Books geschrieben.

Es ist schön, wenn Philosophen über ihre Kollegen solche Dinge sagen. Und nicht etwas schreiben wie: Hegel, ein platter, geistloser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan, der, mit beispielloser Frechheit, Aberwitz und Unsinn zusammenschmierte, welche von seinen feilen Anhängern als unsterbliche Weisheit ausposaunt und von Dummköpfen richtig dafür genommen wurden, … hat den intellektuellen Verderb einer ganzen gelehrten Generation zur Folge gehabt. Das hätte ich damals gerne der Philosophiedozentin gesagt, aber ich wollte das Rigorosum ja noch bestehen. Der Satz ist übrigens von Arthur Schopenhauer.

Lesen Sie auch: Kierkegaard, Blauer Dunst und Albert Camus. Und wenn Sie wissen wollen, was Philosophie wirklich bedeutet, dann klicken Sie dies Video von Monty Python an, der Gruppe, die gestern ihren fünfzigsten Geburtstag feiern konnte.

Was Prince Charles hier auf dem Kopf hat, das kann er gerne tragen. Er besucht gerade ein Regiment der Fallschirmjäger, dessen Ehrenoberst er ist. Und die englischen Fallschirmjäger tragen nun mal dieses weinrote Barett. Sie haben es noch nicht so lange. Also nicht so lange, wie die 11. Husaren ihre roten Hosen haben. Die Mützen tauchen erst 1942 bei der British 1st Airborne Division auf, deren Kommandeur der General Frederick „Boy“ Browning ist. Seine Gattin soll sich die weinrote Farbe der Mützen, die der Farbe der Automobile des königlichen Fuhrparks ähnelt, gewünscht haben.

General Browning (hier mit dem polnischen General Stanisław Sosabowski) hat nicht immer das rote Barett getragen, zu einer Ausgehuniform gehört nun mal eine Schirmmütze. So elegant Browning daherkommt, so unfähig ist er. Wenn einer das Fiasko des Unternehmens Market Garden, das für die Allierten in Arnheim endet, zu verantworten hat, dann ist er es. Seine Generalskollegen, vor allem die amerikanischen (James M. Gavin, der der erste Stadtkommandant von Berlin wird, äußert sich vernichtend über ihn), arbeiten ungern mit ihm zusammen und halten ihn für völlig unfähig.

Browning wird nach dem Desaster von Arnheim den General Sosabowski als Sündenbock ausmachen, was erstens wahrheitswidrig ist und zweiten völlig ungentlemanlike ist. Wenn man ihn in England offiziell nicht kritisiert, bekommt Browning doch nie wieder ein Truppenkommando, obwohl er die elegantesten Uniformen von allen englischen Generälen hat. Die er sich zum Teil selbst entwirft. Wenn Generäle sich erst ihre eigenen Uniformen entwerfen, ist das zwar gut für die Schneider der Savile Row, aber zweifelhaft für das Militär. George Patton hat das auch getan.

Die beiden Bilder hier hat die Witwe von General Browning nicht gern gesehen, sie zeigen Dirk Bogarde, der in dem Film A Bridge too Far den General Browning spielt. Bevor der Film in die Londoner Kinos kommt, versucht sie mit allen Mitteln zu verhindern, dass der Film gezeigt wird. Die Witwe heißt Daphne du Maurier und ist eine weltbekannte Autorin von spannenden Geschichten. Hitchcock hat Jamaica Inn und Rebecca verfilmt, und auch The Birds basiert auf einer Erzählung von du Maurier. Ebenso Nicolas Roegs Film Don’t Look Now.

Lady Daphne hat sehr gute Beziehungen zum englischen Königshaus, aber es hilft alles nichts, der Film kommt in die Kinos. Wogegen sie sich wendet, ist die Darstellung ihres Gatten durch Dirk Bogarde, der den General sehr elegant, ein wenig effeminiert und militärisch vollständig hilflos angelegt hat. Lady Daphne ist jetzt um den guten Ruf ihres verstorbenen Gatten bedacht. Das ist eigentlich erstaunlich, denn nach dem Krieg hat Browning nur noch gesoffen (weshalb er auch seine Ehrenposten im Buckingham Palast verloren hatte) und sie mit anderen Frauen betrogen. Aber die weinroten Mützen, die sich Daphne du Maurier ausgedacht hat, die sind immer geblieben.

Die militärischen Baskenmützen landen irgendwann auch bei der Bundeswehr. Zu meiner Dienstzeit glücklicherweise nicht, da trugen Offiziere wie auf diesem Bild eine Schirmmütze oder ein Schiffchen. Aber ab 1971 findet man das Barett bei den Panzertruppen und den Fallschirmjägern. Die Panzertruppe bekommt schwarze Baretts, so etwas hatten sie bei der Wehrmacht auch schon. Die Fallschirmjäger bekommen das Barett in der Farbe, die auch das Regiment von Prince Charles trägt. So weit, so gut, aber am Ende des Jahrzehnts musste die ganze Bundeswehr Barette tragen. Das sind eine Menge Mützen, die da angeschafft werden, denn die Bundeswehr hat noch eine Stärke von 480.000 Soldaten.

Ich finde es ja eine alberne Kopfbedeckung. Zum Kampfanzug im Manöver in Munster oder Sennelager meinetwegen, aber wenn der Generalinspekteur der Bundeswehr zum Ausgehanzug diese seltsame Wollmütze trägt, dann sieht das schon komisch aus. Der General steht hier neben der ehemaligen und der neuen Verteidigungsministerin. Er ist der einzige General, der da vorne steht, die Generalität glänzt beim großen Großen Zapfenstreich für Ursula von der Leyen durch Abwesenheit. Das war wohl eine politische Botschaft an die ungeliebte Ministerin. Die Marine schickte zwei Kapitäne zur See, keinen Admiral. Dabei haben wir doch genug von denen. Die Marineoffiziere fielen auf, weil sie die schönen goldbetreßten Schirmmützen trugen: die Bundesmarine hat den ganzen Barettunsinn nicht mitgemacht.

Es war sozusagen ein Zapfenstreich light, den das deutsche Fernsehen als Sondersendung übertrug. Das Fehlen hoher Offiziere, dafür aber durch die Bank schlechtsitzende Uniformen und ein grauenhaft dudelndes Musikkorps. Nach seinem eigenen Selbstverständnis ist das Musikkorps ganz großartig: Das Musikkorps der Bundeswehr ist eine Musikeinheit mit herausgehobenem Auftrag. Der Klangkörper führt repräsentative Konzertveranstaltungen im In- und Ausland auf höchstem musikalischen Niveau durch. Gleichzeitig gestaltet das Musikkorps der Bundeswehr gemeinsam mit dem Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung den Protokollarischen Ehrendienst im Westen Deutschlands und vertretungsweise in der Bundeshauptstadt. Das lassen wir lieber unkommentiert.

Die Engländer, denen wir die Barette verdanken, haben viel bessere Militärmusik. Das fängt schon mit der Homepage der Corps of Army Music an. Ich habe heute für Sie etwas Witziges zum Schluss; einen militärischen Flashmob. Videos mit musikalischen Flashmobs gibt es ja en masse bei YouTube (das hier ist mein Lieblingsvideo), aber ein militärischer Flashmob, das ist neu. Klicken Sie mal hier.

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Die schöne Schlagzeile star planétaire de la mode habe ich in einer französischen Zeitung gefunden. Die Nachrichten zum Tode von Karl Lagerfeld übreschlugem sich. War er wirklich so großartig? Reichte er an Dior, den Baron de Givenchy oder Jacques Fath heran? Ich weiß es nicht. Er verwaltete den Namen von Coco Chanel, was bei einer Nazi Kollobateurin ein schwieriges Erbe war. Glücklicherweise konnte ich nichts davon hören, was im Fernsehen gesagt wurde: mein altes Metz Röhrengerät hatte plötzlich keinen Ton mehr. Ist jetzt beim Fernsehdoktor. Ich stelle heute noch einmal etwas hier ein, was schon vor Jahren hier stand. Da geht es weniger um Lagerfelds Leistungen in der Haute Couture, als um all die schlimmen Dinge, die in der Herrenmode seinen Namen getragen haben.

Der Sommer ist zum Altweibersommer geworden. Der Herbst steht vor der Tür, man kann es nicht leugnen. Fette bunte Modemagazine, Kataloge, die mit der Post kommen und Prospektbeilagen in den Zeitschriften bringen uns die neue Mode. Oder was die Industrie dafür hält. In den Schaufenstern werden die Dekorationen getauscht, der slimfit Anzug, der gestern noch Mode war, weicht dem, der heute Mode ist. Wahrscheinlich noch slimmer und noch fitter. Die kleinen, feinen Herrenausstatter räumen Tweed- und Cordjacketts und Cordhosen in die Fenster, das ist nie falsch. Und jedes Teil hat natürlich ein Etikett mit einem Designernamen, der angeblich irgendetwas verheißt.

Bei den großen Kleidungshäusern scheint ein Ende des trading up gekommen zu sein, man sieht kaum noch wirkliche Markenware. Die ist den Eigenmarken gewichen. Marken, die kurios lächerliche Namen wie McEarl oder Franco Callegari haben. Und die Lichtjahre entfernt sind von Marken wie Belvest, Caruso, Kiton oder Regent. Besonders gefällt mir die Billigmarke Hemlock bei Anson’s, die mit Hemlock feel better! beworben wird. Also, der Philosoph Sokrates fühlte sich nicht mehr so gut, nachdem er seinen Becher hemlock getrunken hatte. Aber der Markenwahn der achtziger Jahre scheint langsam zu Ende zu sein. Wer trägt heute noch Armani?

Karl Lagerfeld hat eh niemand je getragen. Das Label hat ja nie in der obersten Liga der Herrenmode mitgespielt. In Deutschland hat die Familie Aulbach in Miltenberg die Lizenz. Früher hießen sie einmal Miltenberger Kleiderwerke (MKW) und machten ordentliche Sachen. Warben mit Kleide Dich besser – Trage MKW Modellkleidung, und hatten im Herrenjournal ganzseitige Anzeigen mit dem Filmschauspieler Claus Biederstaedt. Dann wurden die Miltenberger zu Daniel Hechter, weil sie den Namen gekauft hatten. Und seit 1990 haben sie die Karl Lagerfeld Lizenz und dürfen die Etiketten mit diesem Namen in ihre Jacketts nähen. Der Karl würde das Zeug nicht anziehen. Aber der Karl wird sich gesagt haben, dass Kleinvieh auch Mist macht, pecunia non olet. Der Karl wird heute achtzig, so sagt man. Wozu wir natürlich herzlich gratulieren. Vielleicht bringt er zu dem Festtag eine Kollektion von Jogginghosen heraus.

Dass diese ganze Sache mit dem Etiketten ein Schwindel ist, hat schon Thomas Mann gewusst. Und ich zitiere gerne einmal diese köstliche Passage aus Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull:

Mein armer Vater war Inhaber der Firma ›Engelbert Krull‹, welche die untergegangene Sektmarke ›Lorley extra cuvée‹ erzeugte. Unten am Rhein, nicht weit von der Landungsbrücke, lagen ihre Kellereien, und nicht selten trieb ich mich als Knabe in den kühlen Gewölben umher, schlenderte gedankenvoll die steinernen Pfade entlang, welche in die Kreuz und Quere zwischen den hohen Gestellen hinführten, und betrachtete die Heere von Flaschen, die dort in halbgeneigter Lage übereinander geschichtet ruhten. Da liegt ihr, dachte ich bei mir selbst (wenn ich auch meine Gedanken natürlich noch nicht in so treffende Worte zu fassen wußte), da liegt ihr in unterirdischem Dämmerlicht, und in euerem Innern klärt und bereitet sich still der prickelnde Goldsaft, der so manchen Herzschlag beleben, so manches Augenpaar zu höherem Glanze erwecken soll! Noch seht ihr kahl und unscheinbar aus, aber prachtvoll geschmückt werdet ihr eines Tages zur Oberwelt aufsteigen, um bei Festen, auf Hochzeiten, in Sonderkabinetten eure Pfropfen mit übermütigem Knall zur Decke zu schleudern und Rausch, Leichtsinn und Lust unter den Menschen zu verbreiten. Ähnlich sprach der Knabe; und so viel wenigstens war richtig, daß die Firma ›Engelbert Krull‹ auf das Äußere ihrer Flaschen, jene letzte Ausstattung, die man fachmännisch die Coiffure nennt, ein ungemeines Gewicht legte. Die gepreßten Korken waren mit Silberdraht und vergoldetem Bindfaden befestigt und mit purpurrotem Lack übersiegelt, ja, ein feierliches Rundsiegel, wie man es an Bullen und alten Staatsdokumenten sieht, hing an einer Goldschnur noch besonders herab; die Hälse waren reichlich mit glänzendem Stanniol umkleidet, und auf den Bäuchen prangte ein golden umschnörkeltes Etikett, das mein Pate Schimmelpreester für die Firma entworfen hatte und worauf außer mehreren Wappen und Sternen, dem Namenszuge meines Vaters und der Marke ›Lorley extra cuvée‹ in Golddruck eine nur mit Spangen und Halsketten bekleidete Frauengestalt zu sehen war, welche, mit übergeschlagenem Beine auf der Spitze eines Felsens sitzend, erhobenen Armes einen Kamm durch ihr wallendes Haar führte. Übrigens scheint es, daß die Beschaffenheit des Weines dieser blendenden Aufmachung nicht vollkommen entsprach. „Krull“, mochte mein Pate Schimmelpreester wohl zu meinem Vater sagen, „Ihre Person in Ehren, aber Ihren Champagner sollte die Polizei verbieten. Vor acht Tagen habe ich mich verleiten lassen, eine halbe Flasche davon zu trinken, und noch heute hat meine Natur sich nicht von diesem Angriff erholt. Was für Krätzer verstechen Sie eigentlich zu diesem Gebräu? Ist es Petroleum oder Fusel, was Sie bei der Dosierung zusetzen? Kurzum, das ist Giftmischerei. Fürchten Sie die Gesetze!“ Hierauf wurde mein armer Vater verlegen, denn er war ein weicher Mensch, der scharfen Reden nicht standhielt „Sie haben leicht spotten, Schimmelpreester“, versetzte er wohl, indem er nach seiner Gewohnheit mit den Fingerspitzen zart seinen Bauch streichelte, „aber ich muß billig herstellen, weil das Vorurteil gegen die die heimischen Fabrikate es so will — kurz, ich gebe dem Publikum, woran es glaubt. Außerdem sitzt die Konkurrenz mit im Nacken, lieber Freund, so daß es kaum noch zum Aushalten ist.“

Mehr braucht man über den Schwindel mit dem Glamour nicht zu sagen. Thomas Mann verstreut noch keine Markennamen in seinen Texten, wenn wir mal von der Lorley extra cuvée und der Zigarrenmarke Maria Mancini im Zauberberg absehen (mehr zu dieser Zigarre aus Bremen hier). Das Geburtstagskind Karl Lagerfeld (Ich bin ein Papierfresser!) hat ein besonderes Verhältnis zu Thomas Mann: Das Problem bei Thomas Mann ist, dass ich das nur zu gut verstehe. Ich bin ja aus dem Norden. Die ganze Mentalität, das ist mir so familiär. Ich liebe die Novellen noch heute, aber nicht unbedingt ‚Tod in Venedig‘. Thomas Mann war zu konventionell. So konventionell bin ich nicht. Ich lebe ja auch in einer anderen Zeit. Im letzten Jahr hat der Karl bei der LitCologne auch öffentlich über Thomas Mann geredet, hatte aber mit einer Absage gedroht, wenn er von Elke Heidenreich interviewt würde. Weil die in einem Artikel für die Brigitte geschrieben hatte: Die Halbhandschuhe verstehe ich nur zu gut, denn nirgends sieht man das wahre Alter eines Menschen deutlicher als an seinen Händen. Das hört der Karl nicht gerne, denn er ist wie das Bildnis von Dorian Gray forever young.

Aber Thomas Mann konventionell? Da muss ich etwas verpasst haben. Karl Lagerfeld (der angeblich mehr als 200.000 Bücher hat), der Die Buddenbrooks heute noch auswendig kann, bei Doktor Faustus einschläft und den Zauberberg nicht mag (Den ‚Zauberberg‘ habe ich nie zu Ende gelesen, das war mir zu langweilig), sollte vielleicht doch einmal Der Tod in Venedig lesen. Denn Gustav von Aschenbach (im Film wunderbar gespielt von Dirk Bogarde), der sich so verzweifelt bemüht, jung zu erscheinen, das ist niemand anderes als Karl Lagerfeld:

Wie irgend ein Liebender wünschte er, zu gefallen und empfand bittere Angst, daß es nicht möglich sein möchte. Er fügte seinem Anzuge jugendlich aufheiternde Einzelheiten hinzu, er legte Edelsteine an und benutzte Parfüms, er brauchte mehrmals am Tage viel Zeit für seine Toilette und kam geschmückt, erregt und gespannt zu Tische. Angesichts der süßen Jugend, die es ihm angetan, ekelte ihn sein alternder Leib, der Anblick seines grauen Haares, seiner scharfen Gesichtszüge stürzte ihn in Scham und Hoffnungslosigkeit. Es trieb ihn, sich körperlich zu erquicken und wiederherzustellen; er besuchte häufig den Coiffeur des Hauses. 

Er saß dort, der Meister, der würdig gewordene Künstler, … der in so vorbildlich reiner Form dem Zigeunertum und der trüben Tiefe abgesagt, dem Abgrunde die Sympathie gekündigt und das Verworfene verworfen hatte, der Hochgestiegene, der, Überwinder seines Wissens und aller Ironie entwachsen, in die Verbindlichkeiten des Massenzutrauens sich gewöhnt hatte, er, dessen Ruhm amtlich, dessen Name geadelt war und an dessen Styl die Knaben sich zu bilden angehalten wurden,— er saß dort, seine Lider waren geschlossen, nur zuweilen glitt, rasch sich wieder verbergend, ein spöttischer und betretener Blick seitlich darunter hervor, und seine schlaffen Lippen, kosmetisch aufgehöht, bildeten einzelne Worte aus von dem, was sein halb schlummerndes Hirn an seltsamer Traumlogik hervorbrachte.

Romane mit Designernamen vollzupflastern, das blieb einer jüngeren Generation vorbehalten. Zum Beispiel Brett Easton Ellis in seinem grässlichen Roman American Psycho, wo er seitenlang Markennamen abspult. Das waren beinahe immer italienische Produkte, weniger die großen Namen der amerikanischen Konfektionsindustrie. Die Italiener hatten damals ihre große Zeit in den USA, allerdings gelangte kaum das Originaldesign aus Mailand oder Neapel in die amerikanischen Geschäfte. Alles wurde ein wenig verändert für die Nation, deren Ideal der sack suit number one war. Gegenüber Bret Easton Ellis war der Klamottenfetischist und Dandy Tom Wolfe mit der Nennung von Markennamen in The Bonfire of the Vanities ja gar nichts. Zwar trägt Shermann McCoy Anzüge aus der Savile Row, die 2.200 Dollar gekostet haben (sehr preiswert) und $650 shoes from New & Lingwood of Jermyn Street. Aber was ist das schon? Wer kauft sich New & Lingwood Schuhe? Dann doch lieber Foster & Son oder Edward Green. Oder einen Schuh von Cliff Roberts.

Die deutsche Antwort auf Brett Easton Ellis, der mit Less than Zero etwas erfunden hatte, was fortan Yuppie und Pop Literatur hieß, war Christian Kracht. Mit seinem Roman Faserland, bei dem kein Kritiker es ausließ, auf den Einfluss von Ellis hinzuweisen. Das hat Kracht auch selbst zugegeben: Ellis brachte mich unter anderem auf die Idee zu ‚Faserland‘. Die Nennung von Markennamen aus dem Bereich der Mode ist gegenüber Bret Easton Ellis in Krachts Roman Faserland eher zurückhaltend: Barbour, Ralph Lauren, Armani, Jil Sander, Doc Martens, Kiton und Brooks Brothers hat ein Rezensent gezählt (also jetzt einmal von Marken wie Rolex und Cartier etc. abgesehen). In einem Interview im Jahre 1999 sagte Kracht: Aber ich fühle mich […] zu alt, um Konsumgüter und Markennamen in meinen Büchern zu erwähnen. […] Zuerst dachte ich, eine leichte Verneigung vor dem medialen Konstrukt der Popliteratur hineinschreiben zu wollen, ein letztes Aufbäumen durch die Erwähnung der Parisienne-Zigarette, aber was soll’s? Ich habe es zum Glück herausgestrichen – nichts sollte mehr daran erinnern, dass man mir einst vorwarf, bereits auf der allerersten Seite von ‚Faserland‘ tauchten zehn bis zwölf Markennamen auf. 

Dass der Held des Romans ein Kiton Jackett trug, war damals keinem Rezensenten entgangen. Steht ja auch fett im Roman: Ich bezahle den Taxifahrer, der zum Glück während der Fahrt kein Wort gesagt hat, weil er sauer war, daß wir beide gleich alt sind und ich eine Kiton-Jacke trage und er auf Demos geht. Obgleich, wenn ich es mir überlege, hätte ich gerne mit ihm geredet und ihm gesagt, daß ich auch auf Demonstrationen gehe, nicht, weil ich glaube, damit würde man auch nur einen Furz erreichen, sondern, weil ich die Atmosphäre liebe. Ich nehme an, dass ein solches Nennen einer Marke noch nicht unter den Begriff product placement fällt. Aber offensichtlich liebäugeln manche Autoren schon mit solchen Gedanken.

Das Kiton Jackett blieb nicht lange in Christian Krachts Roman. In der dtv Taschenbuchausgabe sucht man es vergeblich. Da trägt der Held ein Jackett von Davies & Sons. Da heißt es dann, dass wir beide gleich alt sind und ich ein Jackett von Davies & sons trage und er auf Demos geht. Was ist falsch am Kiton Jackett? Warum diese Änderung? Und warum Davies & Sons? Da hätte man ja doch Anderson & Sheppard oder Huntsman vorziehen sollen. Gut Davies & Sons (the oldest independent tailor on Savile Row) haben die Uniform für Admiral Nelson geschneidert (und hinterher gut zu tun gehabt, weil alle Marineoffiziere eine Uniform vom Schneider des Admirals haben wollten). Sie haben auch die Anzüge für Sir Robert Peel gemacht. Und für George V. Für den Herzog von Windsor natürlich auch irgendwann (wer hat nicht für den geschneidert?). Ich habe einen Anzug und einen eleganten Stadtmantel von Davies & Sons (natürlich in einem Secondhand Laden gekauft), ich will nichts gegen die Qualität sagen. Aber an die Schneiderkunst von Heinz-Josef Radermacher in Düsseldorf kommen sie nicht heran. Ihren Internet Auftritt versaut sich die Firma durch eine Vielzahl von Druckfehlern und dadurch, dass sie Loake Schuhe verkaufen. Man fasst es nicht.

Die Sache mit dem Garderobenwechsel von Kiton zu Davies & Sons ist mir vor Jahren aufgefallen, leider habe ich nirgendwo eine Erklärung dafür gefunden. Obgleich es schon Sekundärliteratur en masse zu dem Roman gibt und es für den Lehrer (das scheint ein beliebter Roman für den Deutschunterricht zu sein) eine Vielzahl von Handreichungen gibt. Wie Königs Erläuterungen: Christian Kracht – Faserland. Analyse und Interpretation. Diese Klatschen sind ganz schlimme Dinger. Es ist schon schlimm genug, wenn ein Roman wie Faserland im Deutschunterricht gelesen wird. Noch schlimmer ist allerdings, dass der Autor letztens den Wilhelm Raabe Preis bekommen hat.

Am Ende von Faserland sucht der Held in der Nacht auf dem Friedhof von Kilchberg vergeblich nach dem blöden Grab von Thomas Mann: Irgendwo habe ich mal gelesen, daß das Grab von Thomas Mann in der Nähe von Zürich liegt, oben auf einem Hügel über dem See. Thomas Mann habe ich auch in der Schule lesen müssen, aber seine Bücher haben mir Spaß gemacht. Ich meine, sie waren richtig gut, obwohl ich nur zwei oder so gelesen habe. Diese Bücher waren nicht so dämlich wie die von Frisch, Hesse oder Dürrenmatt oder was sonst noch so auf dem Lehrplan stand. Er findet es nicht. Diese Suche nach Thomas Mann ist von etwas verkrampfter Symbolik. An den Meister wird das verzogene Millionärssöhnchen Christian Kracht (Pappa war Axel Springers Generalbevollmächtigter) nicht herankommen. Als Redakteur von Tempo war Kracht an seinem richtigen Platz, warum musste er höher hinaus wollen? Die Rezensenten von Krachts neuem Roman Imperium (für den er den Wilhelm Raabe Preis erhielt) rückten ihn allerdings beinahe unisono in die Nähe von Thomas Mann. Verstehe ich nicht, Imperium habe ich auch nicht gelesen. Das Leben ist zu kurz, um Christian Kracht zu lesen. Lieber noch einmal den ganzen Proust. Es ist erstaunlich, wie schnell heutzutage jemand nach oben geschrieben wird: Helene Hegemann, Uwe Tellkamp, Christian Kracht. Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten.

Karl Lagerfeld, auch ein Mann mit einem langen Schatten, wird dies heute bestimmt lesen. Und am Abend zieht er dann seine Jogginghosen an und liest Der Tod in Venedig. Da bin ich sicher.

Ja, sie heißt wirklich Jiline mit Vornamen, obgleich wir sie alle als Jil kennen. Heidemarie Jiline Sander hat heute Geburtstag, sie wird tatsächlich schon 75. Ich stelle aus diesem Grund noch einmal einen Post ein, der schon vor vier Jahren hier stand. Denn natürlich gibt es in diesem Blog auch Damenmode, wie der lange Post ➱Damenmode beweist. Die Hamburgerin, die auf einem Landgut bei Plön oder in Ibiza lebt (die Villa Behrens in Harvestehude hat sie verkauft), war einmal eine Ikone der Modewelt. Man lachte über sie, als sie eine Aktiengesellschaft begründete, deren Kapital nur aus dem Namen Jil Sander bestand. Der Erfolg gab ihr Recht. Zuerst ließ die Frau, die von der Presse auch Lady CashmereGentle JilJil Power oder queen of lean getauft wurde, noch viel in Deutschland fertigen. Sogar im heimatlichen Schleswig-Holstein, aber das ist längst Geschichte. Die Modemarke Jil Sander, gehört inzwischen auch längst anderen. Zuerst Prada, dann einer britischen Holding und jetzt der japanischen Firma Onward Holdings Co. Ltd. Hinter der niemand anderer steckt als Onward Kashiyama, der uns schon in dem Post ➱Maßkonfektion begegnete.

Die Produktionsstätte in Schleswig-Holstein hieß Ellerau. Dort brauchte nichts aufgebaut zu werden, das war zuvor die Produktionsstätte der Damenmantelfabrik von Arthur A. Erlhof gewesen, deren Produkte erle zf hießen. Das Kürzel zf stand für zierliche Frau. Die deutschen Mantelhersteller hatten in den fünfziger und sechziger Jahren eine kurze Blütezeit, als die deutsche Frau noch Mäntel trug. Doch dann kam langsam das große Sterben, das nur wenige (wie zum Beispiel Jobis, die zuerst von Seidensticker gerettet und dann an die Niederländer verkauft wurden) überlebten.

Maris (Hermann Marsian Neumünster), delmod (Delmenhorst) und Erlhof (der noch für ➱Joop gefertigt hatte) blieben auf der Strecke. Als die Textilfabrik in Ellerau schloss, vertickten die Marsians, die einstmals zu den Textilkönigen von Neumünster gehörten, schon Wolldecken auf Kaffeefahrten. Lange währte das Glück in Ellerau nicht, als Jil Sander an Prada verkaufte, war das für die deutsche Fertigung das Ende. In Deutschland fertigt kaum noch jemand Bekleidung. Nur noch der ➱Mann mit dem Affen.

Im Jahre 2005 schrieb Ilka Piepgras in der Zeit einen Artikel mit dem Thema Woran ist Jil Sander gescheitert? Da war Sanders gerade aus ihrer Firma ausgestiegen. Später kehrte sie zurück, stieg wieder aus, and so on. Ich weiß nicht, ob Ilka Piegras Jil Sander trägt, ich weiß eh nicht, wer heute außer magersüchtigen Kindfrauen und italienischen Spargeltarzans überhaupt Jil Sander trägt. Doch Ilka Piepgras‘ ➱Artikel ist nicht dumm. Und auch ein klein wenig böse. Das Lieblingsbuch von Jil Sander zitierend, serviert uns Ilka Piepgras dieses schöne Zitat als Beschreibung der Modeschöpferin: Wir wollen ohne Zögern einräumen, dass Isabel sehr leicht der Sünde der Selbsterhöhung zum Opfer fiel; (…) sie war gewohnt, meist schon nach flüchtigem Augenschein zu behaupten, sie habe Recht, und zuweilen streute sie sich selber Weihrauch. Das schreibt ➱Henry James über seine Heldin Isabel Archer in dem Roman Portrait of a Lady.

Für die Liebhaber der englischen Sprache (wie Jil Sander) habe ich das Zitat natürlich auch im OriginalIt may be affirmed without delay that Isabel was probably very liable to the sin of self-esteem; she often surveyed with complacency the field of her own nature; she was in the habit of taking for granted, on scanty evidence, that she was right; she treated herself to occasions of homage. Meanwhile her errors and delusions were frequently such as a biographer interested in preserving the dignity of his subject must shrink from specifying. Her thoughts were a tangle of vague outlines which had never been corrected by the judgement of people speaking with authority. In matters of opinion she had had her own way, and it had led her into a thousand ridiculous zigzags. Und das hier ist Nicole Kidman als Isabel Archer. Nicole Kidman soll im wirklichen Leben übrigens Jil Sander tragen. Oder macht dafür Reklame. Reklame ist in diesem business alles.

Wenn auch zu bezweifeln ist, dass Jil Sander trotz des exzessiven minimalistischen Purismus jemals in den Olymp der Modeschöpfer kommt, in dem ➱Charles Frederick WorthPaul PoiretMariano FortunyMadame Grès, ➱Coco Chanel, ➱Christian Dior und vielleicht sogar ➱Heinz Oestergaard jetzt sind, eine Auszeichnung wird man ihr nicht nehmen können. Und das ist neben dem Bundesverdienstkreuz die Auszeichnung vom Verein Deutsche Sprache als Sprachpanscher des Jahres. Und diese Auszeichnung hat sie sich mit dem folgenden Originaltext redlich verdient:

Ich habe vielleicht etwas Weltverbesserndes. Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, dass man contemporary sein muss, das future-Denken haben muss. Meine Idee war, die hand-tailored-Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, dass man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewusste Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wer Ladyisches will, searcht nicht bei Jil Sander. Man muß Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils.

Wie einst Georg Kofler, Geschäftsführer des Fernsehsenders Pro 7 so schön sagte: Ich hasse Anglizismen. Das ist alles Bullshit.

Dieses Bild von Thomas Gainsborough zeigt einen englischen Gentleman bei der Jagd. Wir wissen, wer er ist, er heißt Thomas William Coke (spricht sich Cook aus). Er weigert sich geadelt zu werden: I had rather remain the first of the ducks than the last of the geese. Irgendwann nimmt er doch den Titel eines Earl of Leicester an. Der einfache Mr Coke, den seine Zeitgenossen auch Coke of Norfolk nennen, ist Großgrundbesitzer und hat mit dem geerbten Familiensitz Holkham Hall eins der schönsten palladianischen Schlösser Englands. Die Familie wohnt da ↝heute noch.

Grundbesitzer sind viele Adlige in dieser Zeit. Und viele werden sich auf ihren Besitzungen in der Pose eines Jägers malen lassen. Aber niemand ist wie Mr Coke, der natürlich in Eton und auf einer ↝Grand Tour war. Er ist einer der wichtigsten Landwirtschaftsreformer Englands im 18. Jahrhundert, der noch horribile dictu daran glaubt, dass es zu den Pflichten eines Großgrundbesitzers gehört, das Leben derer zu verbessern, die auf seinen Gütern leben. Dafür tritt er (hier auf einem späteren Bild von Thomas Lawrence) auch im Parlament ein.

Was er auf diesem Bild trägt, ist die Mode des 18. Jahrhunderts für den Landedelmann (zu diesem Thema gibt es ↝hier einen Post). Aber es ist noch mehr. Coke hat sich von Gainsborough in der Kleidung malen lassen, in der er als Abgesandter Norfolks vor den König getreten war: As Knight of the Shire he had not only the right to wear his spurs in the House, 1 but a further right to attend Court “ in his boots,“ i.e. in his country clothes ; which latter privilege, however, was seldom, if ever, exercised. But on this occasion Coke availed himself of it, and appeared unceremoniously before the King wearing his ordinary country garb. It was an extremely picturesque dress top-boots with spurs, light leather breeches, a long-tailed coat and a broad-brimmed hat; but it caused the greatest horror at Court, and neither the matter nor the manner of the address was palatable to George III. Noch schlimmer für den König als der Anzug von Coke war die Tatsache, dass er wortgewaltig für die Sache der Revolutionäre in Amerika eintrat.

Coke war schon einmal in diesem Blog, in einem ↝Post, der seinem Sohn von Thomas William Coke gewidmet war. Der hat nämlich den Bowler erfunden. Ich habe noch ein zweites Bild von einem englischen Gentleman bei der Jagd aus der gleichen Zeit wie Gainsboroughs Bild. Es heißt Reclining Hunter, es wurde von dem amerikanischen Maler Ralph Earl gemalt. Der wurde 11. Mai 1751 geboren, ich dachte, ich schreibe mal über ihn. Musste dann aber feststellen, dass es hier längst einen Post namens ↝Ralph Earl gab. Wo allerdings der Reclining Hunter nicht erwähnt wurde.

Das Philadelphia Museum of Art hat über das Bild, das man auch als Duschvorhang kaufen kann, nur zu sagen: Ralph Earl studied in England for several years during the American Revolution and was one of many American painters of the time who included natural scenes in his compositions. This enigmatic depiction of a reclining hunter suggests the emerging English view of the natural world as a place of repose and contemplation, where the beauties and pleasures of the countryside could be enjoyed. Das ist nun ein wenig ärmlich, man könnte mehr zu dem Bild sagen. Viel mehr.

Der Gentleman, der hier bei der Jagd ein Päuschen einlegt, trägt andere Kleidung als Thomas William Coke. So etwas kann man in der Stadt tragen, vielleicht noch beim Lustwandeln in einem ↝Landschaftsgarten, aber nicht bei der Jagd. Und das, was der Gentleman mit dem leicht verblödeten Gesichtsausdruck (oder ist er schlicht besoffen?) erjagt hat, würde kein Jäger jagen. Wir lassen den Esel im Hintergrund aus, der seine Beute geworden ist, aber diese Vögel, die da auf einen Haufen geworfen sind, die jagt man nicht. Man schießt keine Eulen und keine Schwäne. Wahrscheinlich sind auch die Pilze in seinem Hut Gilftpilze.

Gainsborough hat eine Vielzahl von Herren gemalt, die mit ihren Hunden auf ihrem Grundbesitz unterwegs sind. Ihre Kleidung passt sich der Umgebung an. Sie sind nicht für die Großstadt gekleidet, dafür haben sie ein Stadthaus und haben dort die passende Garderobe im Schrank. Dies hier ist George Venables, der zweite Lord Vernon, im dreiteiligen Anzug, dem justacorps, den die englische Mode seit Charles II kennt. Er war schon in dem Post ↝18th Century: Fashion zu sehen. Die Westen, die jetzt gilets heißen (sie kommen meistens aus Frankreich), sind nicht mehr aus dem selben Stoff wie der Rest des Anzugs, négligé clothing wird es genannt. Ist nichts anderes als dressing down, machen die Engländer auf dem Land immer noch.

Während ↝Mr und Mrs Andrews in dem berühmten Bild in der Landschaft stehen, als wäre es eine Bühne für sie, zeigt dieser Herr eine seltsame Naturverbundenheit, er ist beinahe eine Verdoppelung des Baumes. Mr John Plampin, der Grundbsitz und Schloss in Suffolk geerbt hatte, wollte so auf seinem Besitz gemalt werden. Ein wenig the man of feeling, eins mit der Natur. Gainsborough hat das Bild nach einem Bild von Watteau gemalt.

Lassen Sie uns zu dem Bild von Ralph Earl zurückkommen. Das ist wahrscheinlich die reine Satire, eine Parodie eines in England gepflegten Bildtyps. Ralph Earl ist der bad boy der Amerikaner in England, ein habitueller Lügner, ein Säufer und Bigamist. Er kann nicht so gut malen wie ↝John Singleton Copley oder ↝Gilbert Stuart, Körperproportionen stimmen bei ihm nie, wie man auf diesem Selbstportrait sehen kann. Er ist gut in Kleinigkeiten, die Kleidung der Portraitierten ist immer sehr detailgetreu. Dr Caroline  Koblenzer, die das Bild des Reclining Hunter dem Museum in Philadelphia geschenkt hat, hat eine interessante Interpretation geliefert: dies sei ein selbstironisches Portrait eines Mannes, der wisse, dass er in seinem Leben alles falsch gemacht hat.

Es gab Zeiten, da kamen andere Ding von der Insel als Wörter wie Brexit und hilflose Ministerpräsidentinnen namens Theresa May. Ich möchte mal eben an eine Zeit erinnern, als dieses Gesicht England repräsentierte. Erinnern Sie sich? Das ist Twiggy. Mit einem Haarschnitt von Vidal Sassoon, der damals auch Jane Fonda und Mia Farrow einen Kurzhaarschnitt verpasste. Vidal Sassoon ist heute vor sechs Jahren gestorben, der Mann sollte uns einen kleinen Post wert sein.

Das hier ist Jean Shrimpton, genannt The Shrimp, auch eine Kundin von Vidal Sassoon. Sie war damals das teuerste Model der Welt, die erste Frau, die Supermodel genannt wurde. Und dann haben wir da noch junge Frauen, die Julie Christie↝ Charlotte Rampling und Jacqueline Bisset heißen: England hat in den Swinging Sixties eine Menge an weiblicher Schönheit zu bieten. Vielleicht sollte ich noch ein Model erwähnen, das nicht ganz in der Liga der Supermodels ist, das aber immerhin die englische Regierung stürzt: Christine Keeler. Sie ist auch Kundin von Vidal Sassoon, aber er schneidet ihr die Haare zu Hause, weil sich etliche seiner Kundinnen geweigert haben, sein Geschäft in der Bond Street zu betreten, falls die Keeler dort weiterhin erscheinen sollte.

Und es sind ja nicht nur die Models und der Starfriseur Vidal Sassoon, die die Zeit prägen. Da ist eine gewisse Mary Quant, die ein Kleidungsstück erfindet, das sie nach ihrem Lieblingsauto Mini nennt. Mary Quant hat natürlich hier längst einen Post (ja, es gibt in diesem Blog auch Damenmode). Diese junge Dame ist Uschi Nerke, sie moderierte in Bremen den Beat Club in den schärfsten Miniröcken. Aufschreie bei den Sittenwächtern wie bei Ingmar Bergmans Schweigen – lesen Sie hier mehr dazu. Uschi Nerke brauchte für ihre Miniröcke nicht nach London, es gab im anglophilen Bremen schon damals eine Reihe von Läden, die beinahe alles im Angebot hatten, was die Carnaby Street und das Swinging London anboten.

Das ist Sassoon im Jahre 1968, beachten Sie bitte die Ärmelknöpfe. Ich nehme mal an, dass Tommy Nutter den Anzug geschneidert hat.  2009 wurde Sassoon der CBE Orden von der Königin verliehen. She didn’t ask me to stay behind and give her a quick trim, scherzte er hinterher. Als er den Orden bekam, war er 67 Jahre im Geschäft, und überall auf der Welt gab es Vidal Sassoon Salons. Auf der Neuauflage von Peter Blakes Sgt. Pepper ist er auch zu sehen (Mary Quant auch), und es gibt auch schon einen Vidal Sassoon Film. Haarschnitt, Mini Rock, scharfe AnzügeSwinging London und die Beatles: das ist die englische Kulturrevolution der Sixties. Am besten zusammengefasst von Philip Larkin in dem Gedicht Annus Mirabilis:


Sexual intercourse began

In nineteen sixty-three

(which was rather late for me) –

Between the end of the „Chatterley“ ban

And the Beatles‘ first LP.


Up to then there’d only been

A sort of bargaining,

A wrangle for the ring,

A shame that started at sixteen

And spread to everything.


Then all at once the quarrel sank:

Everyone felt the same,

And every life became

A brilliant breaking of the bank,

A quite unlosable game.


So life was never better than

In nineteen sixty-three

(Though just too late for me) –

Between the end of the „Chatterley“ ban

And the Beatles‘ first LP.

Ich wollte bei ebay auf dieses Hemd von der italienischen Firma Guy Rover bieten, verpasste aber die Auktion. Weil ich unbedingt etwas schreiben musste und nicht auf den Termin geachtet hatte. Ich fragte die Verkäuferin, ob es eine Möglichkeit zum Sofortkauf gäbe. Sie bejahte. Wenig später bekamen wir eine Abmahnung von ebay, weil man offenbar keine privaten Deals machen darf. Meine Verkäuferin ging zur Geheimsprache über. Als sie mein Geld auf dem Konto hatte, schrieb sie: Der Adler ist gelandet, die Taube fliegt. Die blau-weiße Taube landete dann auch sicher bei mir, ich überlege, ob ich dem Hemd den Namen Taube geben sollte. Oder Wings of the Dove, wie bei Henry James.

Als Kelly in den siebziger Jahren seinen Laden aufmachte, hatte er an Hemdenfirmen Guy Rover, Truzzi und Orian. Später kam noch Luigi Borrelli hinzu. Die Firma Guy Rover war damals ganz neu auf dem Markt. Ich schwöre auf alte Guy Rover und Orian Hemden (trage aber ansonsten auch Fray, Pegaso, R. Böll und Dantendorfer), und wenn so etwas bei ebay auftaucht, bin ich sofort dabei. Man kauft sich ein Stück Vergangenheit zurück. Ich habe noch Hemden im Schrank, die ich vor vierzig Jahren gekauft habe, ich bin Nostalgiker, wenn man die gut pflegt, halten sie ewig.

Die Taube, die ein Etikett von Guy Rover und Uli Knecht hat (der am Anfang ja nur Spitzenfirmen führte), war ein Vintage Modell. Aber ungetragen. Das Hemd hat alles, was ein italienisches Spitzenhemd haben muss: angepasster Musterverlauf, dicke Knöppe und das kleine Dreieck unten in der Naht. Und dann noch das i-Tüpfelchen: das Knopfloch am Ärmel ist horizontal eingesetzt. Wenn Sie nicht wissen, was das bedeutet, dann sollten Sie mal eben den Post Handschuhknopf lesen.

Ich habe auch ein Gedicht für das Hemd. Als ich 2010 ein Vierteljahr im Netz war, gab es hier einen Post, der Oberhemden hieß. Natürlich mit einem Gedicht versehen, weil dies mein erster Poetry Month war. Das Gedicht war von der amerikanischen Dichterin Jane Kenyon, es hieß The Shirt:


The shirt touches his neck

and smoothes over his back.

It slides down his sides,

it even goes down below his belt –

down in his pants.

Lucky shirt.

Mein Gedicht heute heißt schlicht Das Hemd, es findet sich in Ernesto Cansados kleinem Buch Gedichte Gedanken Rezepte: Für´s Leben und den Herd:

Du wolltest mich am Abend besuchen

Es war wie immer.


Ich duschte die Last des Tages aus meinen Poren

Es war wie immer.


Ich zog ein frisches Hemd an

Es war wie immer.


Du küsstest mich freundschaftlich flüchtig

Es war wie immer.


Wir aßen und tranken und redeten

Es war wie immer.


Wir küssten uns plötzlich und unerwartet

Mit geöffneten Lippen und voller Leidenschaft

Unsere Seelen berührten ohne Vorwarnung unsere Körper

Und die Körper umschlangen die Seelen

Es war anders als immer.


Mein Hemd nahm Deinen Geruch an

Es ist resistent gegen Schweiß

Resistent gegen mich und Waschmittel und Weichspüler

Das einzige meiner Hemden das jetzt einen Namen trägt

Nichts ist wie immer.

Mit dem Titel grüne Schuhe meine ich jetzt nicht die englische Firma Edward Green, sondern wirklich grüne Schuhe. Grün ist nicht unbedingt die normale Farbe von Herrenschuhen. Für Gummistiefel, die die Engländer ↝Wellingtons oder Wellies nennen, ist es die angesagte Farbe. Aber nicht unbedingt für Glattlederschuhe. Und doch: ich besitze jetzt ein Paar grüner Schuhe. British Racing Green, sagte Volker, als ich sie ihm zeigte. Darauf war ich noch gar nicht gekommen. Dass die englischen Rennwagen die Farbe grün haben, verdanken sie der grünen Insel Irland. Wo ja auch diese putzigen ↝leprechaun Kobolde grüne Schuhe tragen

Ich sah die Schuhe bei ebay, verhandelte kurz mit der Händlerin über den Preis, und schon waren sie gekauft. Traumhafte Herrenschuhe in Grün wie neu Handgemacht stand im Text dabei. Der Hersteller wurde nicht erwähnt, war aber auf dem Photo ersichtlich. Er hieß ↝Alt Wien, und wir wissen natürlich, dass diese Schuhe nicht in Wien, sondern in Northampton von der Firma ↝Crockett und Jones gemacht werden. Crockett und Jones (mit ihrer Linie Alt Wien) und ↝Alfred Sargent (mit der Linie Der Budapester: Traditionelles Schuhhandwerk) sind die einzigen Engländer, die unter deutschem Namen Schuhe mit einem ↝Wiener Leisten offerieren.

Das kommt offenbar von München bis Wien gut an. Zu ↝Cordhosen sehen die grünen Schuhe mit dem Scotchgrain Leder bestimmt gut aus. Wenn ich sie vor Wochen schon gehabt hätte, hätte ich sie bestimmt am ↝St Patricks Day getragen. Aber den ↝Bloomsday habe ich mir schon mal vorgemerkt. Das Modell hat den Namen Bach, passend für ↝Bachs 333. Geburtstag. Man kann das Modell Bach erstaunlicherweise jetzt auch bei ↝Görtz kaufen. Allerdings nicht in grün. Will Görtz jetzt ganz nach oben? Vor vielen Jahren hatten sie ja schon einmal Laszlo Vass (die damals auch die Schuhe für ↝Baldessarini machten) im Angebot.

Ich besaß schon einmal grüne Schuhe, das ist aber mehr als ein halbes Jahrhundert her. Es waren dunkelgrüne Desert Boots von der Firma Clarks. Ich habe sie geliebt. Mein Klassenkamerad ↝Wuddel hatte sie meine Golly Schuhe getauft, ich weiß nicht weshalb. Damals waren die Desert Boots von Clarks noch von anderer Qualität als heute. Ich habe immer wieder mal Clarks gehabt, nie wieder dunkelgrüne und nie wieder die Qualität von 1960. Und da ich bei ↝Wildlederschuhen bin, muss ich doch mal eben auf Larry Kirwans Buch Green Suede Shoes hinweise.

Für den heutigen Tag habe ich ein Frühlingsgedicht von ↝Theodor Fontane, in dem auch grüne Schuhe drin vorkommen. Na ja, das ist ein klein wenig übertrieben, denn bei Fontane trägt der Frühling bei seiner Ankunft einen grünen Knospenschuh. Das ist etwas anderes als ein grüner Alt Wien Schuh, ist aber ein schönes Bild:

Nun ist er endlich kommen doch

In grünem Knospenschuh;

»Er kam, er kam ja immer noch«,

Die Bäume nicken sich’s zu.


Sie konnten ihn all erwarten kaum,

Nun treiben sie Schuß auf Schuß;

Im Garten der alte Apfelbaum,

Er sträubt sich, aber er muß.


Wohl zögert auch das alte Herz

Und atmet noch nicht frei,

Es bangt und sorgt: »Es ist erst März,

Und März ist noch nicht Mai.«


O schüttle ab den schweren Traum

Und die lange Winterruh:

Es wagt es der alte Apfelbaum,

Herze, wag’s auch du.