Was Prince Charles hier auf dem Kopf hat, das kann er gerne tragen. Er besucht gerade ein Regiment der Fallschirmjäger, dessen Ehrenoberst er ist. Und die englischen Fallschirmjäger tragen nun mal dieses weinrote Barett. Sie haben es noch nicht so lange. Also nicht so lange, wie die 11. Husaren ihre roten Hosen haben. Die Mützen tauchen erst 1942 bei der British 1st Airborne Division auf, deren Kommandeur der General Frederick „Boy“ Browning ist. Seine Gattin soll sich die weinrote Farbe der Mützen, die der Farbe der Automobile des königlichen Fuhrparks ähnelt, gewünscht haben.

General Browning (hier mit dem polnischen General Stanisław Sosabowski) hat nicht immer das rote Barett getragen, zu einer Ausgehuniform gehört nun mal eine Schirmmütze. So elegant Browning daherkommt, so unfähig ist er. Wenn einer das Fiasko des Unternehmens Market Garden, das für die Allierten in Arnheim endet, zu verantworten hat, dann ist er es. Seine Generalskollegen, vor allem die amerikanischen (James M. Gavin, der der erste Stadtkommandant von Berlin wird, äußert sich vernichtend über ihn), arbeiten ungern mit ihm zusammen und halten ihn für völlig unfähig.

Browning wird nach dem Desaster von Arnheim den General Sosabowski als Sündenbock ausmachen, was erstens wahrheitswidrig ist und zweiten völlig ungentlemanlike ist. Wenn man ihn in England offiziell nicht kritisiert, bekommt Browning doch nie wieder ein Truppenkommando, obwohl er die elegantesten Uniformen von allen englischen Generälen hat. Die er sich zum Teil selbst entwirft. Wenn Generäle sich erst ihre eigenen Uniformen entwerfen, ist das zwar gut für die Schneider der Savile Row, aber zweifelhaft für das Militär. George Patton hat das auch getan.

Die beiden Bilder hier hat die Witwe von General Browning nicht gern gesehen, sie zeigen Dirk Bogarde, der in dem Film A Bridge too Far den General Browning spielt. Bevor der Film in die Londoner Kinos kommt, versucht sie mit allen Mitteln zu verhindern, dass der Film gezeigt wird. Die Witwe heißt Daphne du Maurier und ist eine weltbekannte Autorin von spannenden Geschichten. Hitchcock hat Jamaica Inn und Rebecca verfilmt, und auch The Birds basiert auf einer Erzählung von du Maurier. Ebenso Nicolas Roegs Film Don’t Look Now.

Lady Daphne hat sehr gute Beziehungen zum englischen Königshaus, aber es hilft alles nichts, der Film kommt in die Kinos. Wogegen sie sich wendet, ist die Darstellung ihres Gatten durch Dirk Bogarde, der den General sehr elegant, ein wenig effeminiert und militärisch vollständig hilflos angelegt hat. Lady Daphne ist jetzt um den guten Ruf ihres verstorbenen Gatten bedacht. Das ist eigentlich erstaunlich, denn nach dem Krieg hat Browning nur noch gesoffen (weshalb er auch seine Ehrenposten im Buckingham Palast verloren hatte) und sie mit anderen Frauen betrogen. Aber die weinroten Mützen, die sich Daphne du Maurier ausgedacht hat, die sind immer geblieben.

Die militärischen Baskenmützen landen irgendwann auch bei der Bundeswehr. Zu meiner Dienstzeit glücklicherweise nicht, da trugen Offiziere wie auf diesem Bild eine Schirmmütze oder ein Schiffchen. Aber ab 1971 findet man das Barett bei den Panzertruppen und den Fallschirmjägern. Die Panzertruppe bekommt schwarze Baretts, so etwas hatten sie bei der Wehrmacht auch schon. Die Fallschirmjäger bekommen das Barett in der Farbe, die auch das Regiment von Prince Charles trägt. So weit, so gut, aber am Ende des Jahrzehnts musste die ganze Bundeswehr Barette tragen. Das sind eine Menge Mützen, die da angeschafft werden, denn die Bundeswehr hat noch eine Stärke von 480.000 Soldaten.

Ich finde es ja eine alberne Kopfbedeckung. Zum Kampfanzug im Manöver in Munster oder Sennelager meinetwegen, aber wenn der Generalinspekteur der Bundeswehr zum Ausgehanzug diese seltsame Wollmütze trägt, dann sieht das schon komisch aus. Der General steht hier neben der ehemaligen und der neuen Verteidigungsministerin. Er ist der einzige General, der da vorne steht, die Generalität glänzt beim großen Großen Zapfenstreich für Ursula von der Leyen durch Abwesenheit. Das war wohl eine politische Botschaft an die ungeliebte Ministerin. Die Marine schickte zwei Kapitäne zur See, keinen Admiral. Dabei haben wir doch genug von denen. Die Marineoffiziere fielen auf, weil sie die schönen goldbetreßten Schirmmützen trugen: die Bundesmarine hat den ganzen Barettunsinn nicht mitgemacht.

Es war sozusagen ein Zapfenstreich light, den das deutsche Fernsehen als Sondersendung übertrug. Das Fehlen hoher Offiziere, dafür aber durch die Bank schlechtsitzende Uniformen und ein grauenhaft dudelndes Musikkorps. Nach seinem eigenen Selbstverständnis ist das Musikkorps ganz großartig: Das Musikkorps der Bundeswehr ist eine Musikeinheit mit herausgehobenem Auftrag. Der Klangkörper führt repräsentative Konzertveranstaltungen im In- und Ausland auf höchstem musikalischen Niveau durch. Gleichzeitig gestaltet das Musikkorps der Bundeswehr gemeinsam mit dem Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung den Protokollarischen Ehrendienst im Westen Deutschlands und vertretungsweise in der Bundeshauptstadt. Das lassen wir lieber unkommentiert.

Die Engländer, denen wir die Barette verdanken, haben viel bessere Militärmusik. Das fängt schon mit der Homepage der Corps of Army Music an. Ich habe heute für Sie etwas Witziges zum Schluss; einen militärischen Flashmob. Videos mit musikalischen Flashmobs gibt es ja en masse bei YouTube (das hier ist mein Lieblingsvideo), aber ein militärischer Flashmob, das ist neu. Klicken Sie mal hier.

Lesen Sie auch: Uniformen, Großer Zapfenstreich

Die schöne Schlagzeile star planétaire de la mode habe ich in einer französischen Zeitung gefunden. Die Nachrichten zum Tode von Karl Lagerfeld übreschlugem sich. War er wirklich so großartig? Reichte er an Dior, den Baron de Givenchy oder Jacques Fath heran? Ich weiß es nicht. Er verwaltete den Namen von Coco Chanel, was bei einer Nazi Kollobateurin ein schwieriges Erbe war. Glücklicherweise konnte ich nichts davon hören, was im Fernsehen gesagt wurde: mein altes Metz Röhrengerät hatte plötzlich keinen Ton mehr. Ist jetzt beim Fernsehdoktor. Ich stelle heute noch einmal etwas hier ein, was schon vor Jahren hier stand. Da geht es weniger um Lagerfelds Leistungen in der Haute Couture, als um all die schlimmen Dinge, die in der Herrenmode seinen Namen getragen haben.

Der Sommer ist zum Altweibersommer geworden. Der Herbst steht vor der Tür, man kann es nicht leugnen. Fette bunte Modemagazine, Kataloge, die mit der Post kommen und Prospektbeilagen in den Zeitschriften bringen uns die neue Mode. Oder was die Industrie dafür hält. In den Schaufenstern werden die Dekorationen getauscht, der slimfit Anzug, der gestern noch Mode war, weicht dem, der heute Mode ist. Wahrscheinlich noch slimmer und noch fitter. Die kleinen, feinen Herrenausstatter räumen Tweed- und Cordjacketts und Cordhosen in die Fenster, das ist nie falsch. Und jedes Teil hat natürlich ein Etikett mit einem Designernamen, der angeblich irgendetwas verheißt.

Bei den großen Kleidungshäusern scheint ein Ende des trading up gekommen zu sein, man sieht kaum noch wirkliche Markenware. Die ist den Eigenmarken gewichen. Marken, die kurios lächerliche Namen wie McEarl oder Franco Callegari haben. Und die Lichtjahre entfernt sind von Marken wie Belvest, Caruso, Kiton oder Regent. Besonders gefällt mir die Billigmarke Hemlock bei Anson’s, die mit Hemlock feel better! beworben wird. Also, der Philosoph Sokrates fühlte sich nicht mehr so gut, nachdem er seinen Becher hemlock getrunken hatte. Aber der Markenwahn der achtziger Jahre scheint langsam zu Ende zu sein. Wer trägt heute noch Armani?

Karl Lagerfeld hat eh niemand je getragen. Das Label hat ja nie in der obersten Liga der Herrenmode mitgespielt. In Deutschland hat die Familie Aulbach in Miltenberg die Lizenz. Früher hießen sie einmal Miltenberger Kleiderwerke (MKW) und machten ordentliche Sachen. Warben mit Kleide Dich besser – Trage MKW Modellkleidung, und hatten im Herrenjournal ganzseitige Anzeigen mit dem Filmschauspieler Claus Biederstaedt. Dann wurden die Miltenberger zu Daniel Hechter, weil sie den Namen gekauft hatten. Und seit 1990 haben sie die Karl Lagerfeld Lizenz und dürfen die Etiketten mit diesem Namen in ihre Jacketts nähen. Der Karl würde das Zeug nicht anziehen. Aber der Karl wird sich gesagt haben, dass Kleinvieh auch Mist macht, pecunia non olet. Der Karl wird heute achtzig, so sagt man. Wozu wir natürlich herzlich gratulieren. Vielleicht bringt er zu dem Festtag eine Kollektion von Jogginghosen heraus.

Dass diese ganze Sache mit dem Etiketten ein Schwindel ist, hat schon Thomas Mann gewusst. Und ich zitiere gerne einmal diese köstliche Passage aus Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull:

Mein armer Vater war Inhaber der Firma ›Engelbert Krull‹, welche die untergegangene Sektmarke ›Lorley extra cuvée‹ erzeugte. Unten am Rhein, nicht weit von der Landungsbrücke, lagen ihre Kellereien, und nicht selten trieb ich mich als Knabe in den kühlen Gewölben umher, schlenderte gedankenvoll die steinernen Pfade entlang, welche in die Kreuz und Quere zwischen den hohen Gestellen hinführten, und betrachtete die Heere von Flaschen, die dort in halbgeneigter Lage übereinander geschichtet ruhten. Da liegt ihr, dachte ich bei mir selbst (wenn ich auch meine Gedanken natürlich noch nicht in so treffende Worte zu fassen wußte), da liegt ihr in unterirdischem Dämmerlicht, und in euerem Innern klärt und bereitet sich still der prickelnde Goldsaft, der so manchen Herzschlag beleben, so manches Augenpaar zu höherem Glanze erwecken soll! Noch seht ihr kahl und unscheinbar aus, aber prachtvoll geschmückt werdet ihr eines Tages zur Oberwelt aufsteigen, um bei Festen, auf Hochzeiten, in Sonderkabinetten eure Pfropfen mit übermütigem Knall zur Decke zu schleudern und Rausch, Leichtsinn und Lust unter den Menschen zu verbreiten. Ähnlich sprach der Knabe; und so viel wenigstens war richtig, daß die Firma ›Engelbert Krull‹ auf das Äußere ihrer Flaschen, jene letzte Ausstattung, die man fachmännisch die Coiffure nennt, ein ungemeines Gewicht legte. Die gepreßten Korken waren mit Silberdraht und vergoldetem Bindfaden befestigt und mit purpurrotem Lack übersiegelt, ja, ein feierliches Rundsiegel, wie man es an Bullen und alten Staatsdokumenten sieht, hing an einer Goldschnur noch besonders herab; die Hälse waren reichlich mit glänzendem Stanniol umkleidet, und auf den Bäuchen prangte ein golden umschnörkeltes Etikett, das mein Pate Schimmelpreester für die Firma entworfen hatte und worauf außer mehreren Wappen und Sternen, dem Namenszuge meines Vaters und der Marke ›Lorley extra cuvée‹ in Golddruck eine nur mit Spangen und Halsketten bekleidete Frauengestalt zu sehen war, welche, mit übergeschlagenem Beine auf der Spitze eines Felsens sitzend, erhobenen Armes einen Kamm durch ihr wallendes Haar führte. Übrigens scheint es, daß die Beschaffenheit des Weines dieser blendenden Aufmachung nicht vollkommen entsprach. „Krull“, mochte mein Pate Schimmelpreester wohl zu meinem Vater sagen, „Ihre Person in Ehren, aber Ihren Champagner sollte die Polizei verbieten. Vor acht Tagen habe ich mich verleiten lassen, eine halbe Flasche davon zu trinken, und noch heute hat meine Natur sich nicht von diesem Angriff erholt. Was für Krätzer verstechen Sie eigentlich zu diesem Gebräu? Ist es Petroleum oder Fusel, was Sie bei der Dosierung zusetzen? Kurzum, das ist Giftmischerei. Fürchten Sie die Gesetze!“ Hierauf wurde mein armer Vater verlegen, denn er war ein weicher Mensch, der scharfen Reden nicht standhielt „Sie haben leicht spotten, Schimmelpreester“, versetzte er wohl, indem er nach seiner Gewohnheit mit den Fingerspitzen zart seinen Bauch streichelte, „aber ich muß billig herstellen, weil das Vorurteil gegen die die heimischen Fabrikate es so will — kurz, ich gebe dem Publikum, woran es glaubt. Außerdem sitzt die Konkurrenz mit im Nacken, lieber Freund, so daß es kaum noch zum Aushalten ist.“

Mehr braucht man über den Schwindel mit dem Glamour nicht zu sagen. Thomas Mann verstreut noch keine Markennamen in seinen Texten, wenn wir mal von der Lorley extra cuvée und der Zigarrenmarke Maria Mancini im Zauberberg absehen (mehr zu dieser Zigarre aus Bremen hier). Das Geburtstagskind Karl Lagerfeld (Ich bin ein Papierfresser!) hat ein besonderes Verhältnis zu Thomas Mann: Das Problem bei Thomas Mann ist, dass ich das nur zu gut verstehe. Ich bin ja aus dem Norden. Die ganze Mentalität, das ist mir so familiär. Ich liebe die Novellen noch heute, aber nicht unbedingt ‚Tod in Venedig‘. Thomas Mann war zu konventionell. So konventionell bin ich nicht. Ich lebe ja auch in einer anderen Zeit. Im letzten Jahr hat der Karl bei der LitCologne auch öffentlich über Thomas Mann geredet, hatte aber mit einer Absage gedroht, wenn er von Elke Heidenreich interviewt würde. Weil die in einem Artikel für die Brigitte geschrieben hatte: Die Halbhandschuhe verstehe ich nur zu gut, denn nirgends sieht man das wahre Alter eines Menschen deutlicher als an seinen Händen. Das hört der Karl nicht gerne, denn er ist wie das Bildnis von Dorian Gray forever young.

Aber Thomas Mann konventionell? Da muss ich etwas verpasst haben. Karl Lagerfeld (der angeblich mehr als 200.000 Bücher hat), der Die Buddenbrooks heute noch auswendig kann, bei Doktor Faustus einschläft und den Zauberberg nicht mag (Den ‚Zauberberg‘ habe ich nie zu Ende gelesen, das war mir zu langweilig), sollte vielleicht doch einmal Der Tod in Venedig lesen. Denn Gustav von Aschenbach (im Film wunderbar gespielt von Dirk Bogarde), der sich so verzweifelt bemüht, jung zu erscheinen, das ist niemand anderes als Karl Lagerfeld:

Wie irgend ein Liebender wünschte er, zu gefallen und empfand bittere Angst, daß es nicht möglich sein möchte. Er fügte seinem Anzuge jugendlich aufheiternde Einzelheiten hinzu, er legte Edelsteine an und benutzte Parfüms, er brauchte mehrmals am Tage viel Zeit für seine Toilette und kam geschmückt, erregt und gespannt zu Tische. Angesichts der süßen Jugend, die es ihm angetan, ekelte ihn sein alternder Leib, der Anblick seines grauen Haares, seiner scharfen Gesichtszüge stürzte ihn in Scham und Hoffnungslosigkeit. Es trieb ihn, sich körperlich zu erquicken und wiederherzustellen; er besuchte häufig den Coiffeur des Hauses. 

Er saß dort, der Meister, der würdig gewordene Künstler, … der in so vorbildlich reiner Form dem Zigeunertum und der trüben Tiefe abgesagt, dem Abgrunde die Sympathie gekündigt und das Verworfene verworfen hatte, der Hochgestiegene, der, Überwinder seines Wissens und aller Ironie entwachsen, in die Verbindlichkeiten des Massenzutrauens sich gewöhnt hatte, er, dessen Ruhm amtlich, dessen Name geadelt war und an dessen Styl die Knaben sich zu bilden angehalten wurden,— er saß dort, seine Lider waren geschlossen, nur zuweilen glitt, rasch sich wieder verbergend, ein spöttischer und betretener Blick seitlich darunter hervor, und seine schlaffen Lippen, kosmetisch aufgehöht, bildeten einzelne Worte aus von dem, was sein halb schlummerndes Hirn an seltsamer Traumlogik hervorbrachte.

Romane mit Designernamen vollzupflastern, das blieb einer jüngeren Generation vorbehalten. Zum Beispiel Brett Easton Ellis in seinem grässlichen Roman American Psycho, wo er seitenlang Markennamen abspult. Das waren beinahe immer italienische Produkte, weniger die großen Namen der amerikanischen Konfektionsindustrie. Die Italiener hatten damals ihre große Zeit in den USA, allerdings gelangte kaum das Originaldesign aus Mailand oder Neapel in die amerikanischen Geschäfte. Alles wurde ein wenig verändert für die Nation, deren Ideal der sack suit number one war. Gegenüber Bret Easton Ellis war der Klamottenfetischist und Dandy Tom Wolfe mit der Nennung von Markennamen in The Bonfire of the Vanities ja gar nichts. Zwar trägt Shermann McCoy Anzüge aus der Savile Row, die 2.200 Dollar gekostet haben (sehr preiswert) und $650 shoes from New & Lingwood of Jermyn Street. Aber was ist das schon? Wer kauft sich New & Lingwood Schuhe? Dann doch lieber Foster & Son oder Edward Green. Oder einen Schuh von Cliff Roberts.

Die deutsche Antwort auf Brett Easton Ellis, der mit Less than Zero etwas erfunden hatte, was fortan Yuppie und Pop Literatur hieß, war Christian Kracht. Mit seinem Roman Faserland, bei dem kein Kritiker es ausließ, auf den Einfluss von Ellis hinzuweisen. Das hat Kracht auch selbst zugegeben: Ellis brachte mich unter anderem auf die Idee zu ‚Faserland‘. Die Nennung von Markennamen aus dem Bereich der Mode ist gegenüber Bret Easton Ellis in Krachts Roman Faserland eher zurückhaltend: Barbour, Ralph Lauren, Armani, Jil Sander, Doc Martens, Kiton und Brooks Brothers hat ein Rezensent gezählt (also jetzt einmal von Marken wie Rolex und Cartier etc. abgesehen). In einem Interview im Jahre 1999 sagte Kracht: Aber ich fühle mich […] zu alt, um Konsumgüter und Markennamen in meinen Büchern zu erwähnen. […] Zuerst dachte ich, eine leichte Verneigung vor dem medialen Konstrukt der Popliteratur hineinschreiben zu wollen, ein letztes Aufbäumen durch die Erwähnung der Parisienne-Zigarette, aber was soll’s? Ich habe es zum Glück herausgestrichen – nichts sollte mehr daran erinnern, dass man mir einst vorwarf, bereits auf der allerersten Seite von ‚Faserland‘ tauchten zehn bis zwölf Markennamen auf. 

Dass der Held des Romans ein Kiton Jackett trug, war damals keinem Rezensenten entgangen. Steht ja auch fett im Roman: Ich bezahle den Taxifahrer, der zum Glück während der Fahrt kein Wort gesagt hat, weil er sauer war, daß wir beide gleich alt sind und ich eine Kiton-Jacke trage und er auf Demos geht. Obgleich, wenn ich es mir überlege, hätte ich gerne mit ihm geredet und ihm gesagt, daß ich auch auf Demonstrationen gehe, nicht, weil ich glaube, damit würde man auch nur einen Furz erreichen, sondern, weil ich die Atmosphäre liebe. Ich nehme an, dass ein solches Nennen einer Marke noch nicht unter den Begriff product placement fällt. Aber offensichtlich liebäugeln manche Autoren schon mit solchen Gedanken.

Das Kiton Jackett blieb nicht lange in Christian Krachts Roman. In der dtv Taschenbuchausgabe sucht man es vergeblich. Da trägt der Held ein Jackett von Davies & Sons. Da heißt es dann, dass wir beide gleich alt sind und ich ein Jackett von Davies & sons trage und er auf Demos geht. Was ist falsch am Kiton Jackett? Warum diese Änderung? Und warum Davies & Sons? Da hätte man ja doch Anderson & Sheppard oder Huntsman vorziehen sollen. Gut Davies & Sons (the oldest independent tailor on Savile Row) haben die Uniform für Admiral Nelson geschneidert (und hinterher gut zu tun gehabt, weil alle Marineoffiziere eine Uniform vom Schneider des Admirals haben wollten). Sie haben auch die Anzüge für Sir Robert Peel gemacht. Und für George V. Für den Herzog von Windsor natürlich auch irgendwann (wer hat nicht für den geschneidert?). Ich habe einen Anzug und einen eleganten Stadtmantel von Davies & Sons (natürlich in einem Secondhand Laden gekauft), ich will nichts gegen die Qualität sagen. Aber an die Schneiderkunst von Heinz-Josef Radermacher in Düsseldorf kommen sie nicht heran. Ihren Internet Auftritt versaut sich die Firma durch eine Vielzahl von Druckfehlern und dadurch, dass sie Loake Schuhe verkaufen. Man fasst es nicht.

Die Sache mit dem Garderobenwechsel von Kiton zu Davies & Sons ist mir vor Jahren aufgefallen, leider habe ich nirgendwo eine Erklärung dafür gefunden. Obgleich es schon Sekundärliteratur en masse zu dem Roman gibt und es für den Lehrer (das scheint ein beliebter Roman für den Deutschunterricht zu sein) eine Vielzahl von Handreichungen gibt. Wie Königs Erläuterungen: Christian Kracht – Faserland. Analyse und Interpretation. Diese Klatschen sind ganz schlimme Dinger. Es ist schon schlimm genug, wenn ein Roman wie Faserland im Deutschunterricht gelesen wird. Noch schlimmer ist allerdings, dass der Autor letztens den Wilhelm Raabe Preis bekommen hat.

Am Ende von Faserland sucht der Held in der Nacht auf dem Friedhof von Kilchberg vergeblich nach dem blöden Grab von Thomas Mann: Irgendwo habe ich mal gelesen, daß das Grab von Thomas Mann in der Nähe von Zürich liegt, oben auf einem Hügel über dem See. Thomas Mann habe ich auch in der Schule lesen müssen, aber seine Bücher haben mir Spaß gemacht. Ich meine, sie waren richtig gut, obwohl ich nur zwei oder so gelesen habe. Diese Bücher waren nicht so dämlich wie die von Frisch, Hesse oder Dürrenmatt oder was sonst noch so auf dem Lehrplan stand. Er findet es nicht. Diese Suche nach Thomas Mann ist von etwas verkrampfter Symbolik. An den Meister wird das verzogene Millionärssöhnchen Christian Kracht (Pappa war Axel Springers Generalbevollmächtigter) nicht herankommen. Als Redakteur von Tempo war Kracht an seinem richtigen Platz, warum musste er höher hinaus wollen? Die Rezensenten von Krachts neuem Roman Imperium (für den er den Wilhelm Raabe Preis erhielt) rückten ihn allerdings beinahe unisono in die Nähe von Thomas Mann. Verstehe ich nicht, Imperium habe ich auch nicht gelesen. Das Leben ist zu kurz, um Christian Kracht zu lesen. Lieber noch einmal den ganzen Proust. Es ist erstaunlich, wie schnell heutzutage jemand nach oben geschrieben wird: Helene Hegemann, Uwe Tellkamp, Christian Kracht. Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten.

Karl Lagerfeld, auch ein Mann mit einem langen Schatten, wird dies heute bestimmt lesen. Und am Abend zieht er dann seine Jogginghosen an und liest Der Tod in Venedig. Da bin ich sicher.

Ja, sie heißt wirklich Jiline mit Vornamen, obgleich wir sie alle als Jil kennen. Heidemarie Jiline Sander hat heute Geburtstag, sie wird tatsächlich schon 75. Ich stelle aus diesem Grund noch einmal einen Post ein, der schon vor vier Jahren hier stand. Denn natürlich gibt es in diesem Blog auch Damenmode, wie der lange Post ➱Damenmode beweist. Die Hamburgerin, die auf einem Landgut bei Plön oder in Ibiza lebt (die Villa Behrens in Harvestehude hat sie verkauft), war einmal eine Ikone der Modewelt. Man lachte über sie, als sie eine Aktiengesellschaft begründete, deren Kapital nur aus dem Namen Jil Sander bestand. Der Erfolg gab ihr Recht. Zuerst ließ die Frau, die von der Presse auch Lady CashmereGentle JilJil Power oder queen of lean getauft wurde, noch viel in Deutschland fertigen. Sogar im heimatlichen Schleswig-Holstein, aber das ist längst Geschichte. Die Modemarke Jil Sander, gehört inzwischen auch längst anderen. Zuerst Prada, dann einer britischen Holding und jetzt der japanischen Firma Onward Holdings Co. Ltd. Hinter der niemand anderer steckt als Onward Kashiyama, der uns schon in dem Post ➱Maßkonfektion begegnete.

Die Produktionsstätte in Schleswig-Holstein hieß Ellerau. Dort brauchte nichts aufgebaut zu werden, das war zuvor die Produktionsstätte der Damenmantelfabrik von Arthur A. Erlhof gewesen, deren Produkte erle zf hießen. Das Kürzel zf stand für zierliche Frau. Die deutschen Mantelhersteller hatten in den fünfziger und sechziger Jahren eine kurze Blütezeit, als die deutsche Frau noch Mäntel trug. Doch dann kam langsam das große Sterben, das nur wenige (wie zum Beispiel Jobis, die zuerst von Seidensticker gerettet und dann an die Niederländer verkauft wurden) überlebten.

Maris (Hermann Marsian Neumünster), delmod (Delmenhorst) und Erlhof (der noch für ➱Joop gefertigt hatte) blieben auf der Strecke. Als die Textilfabrik in Ellerau schloss, vertickten die Marsians, die einstmals zu den Textilkönigen von Neumünster gehörten, schon Wolldecken auf Kaffeefahrten. Lange währte das Glück in Ellerau nicht, als Jil Sander an Prada verkaufte, war das für die deutsche Fertigung das Ende. In Deutschland fertigt kaum noch jemand Bekleidung. Nur noch der ➱Mann mit dem Affen.

Im Jahre 2005 schrieb Ilka Piepgras in der Zeit einen Artikel mit dem Thema Woran ist Jil Sander gescheitert? Da war Sanders gerade aus ihrer Firma ausgestiegen. Später kehrte sie zurück, stieg wieder aus, and so on. Ich weiß nicht, ob Ilka Piegras Jil Sander trägt, ich weiß eh nicht, wer heute außer magersüchtigen Kindfrauen und italienischen Spargeltarzans überhaupt Jil Sander trägt. Doch Ilka Piepgras‘ ➱Artikel ist nicht dumm. Und auch ein klein wenig böse. Das Lieblingsbuch von Jil Sander zitierend, serviert uns Ilka Piepgras dieses schöne Zitat als Beschreibung der Modeschöpferin: Wir wollen ohne Zögern einräumen, dass Isabel sehr leicht der Sünde der Selbsterhöhung zum Opfer fiel; (…) sie war gewohnt, meist schon nach flüchtigem Augenschein zu behaupten, sie habe Recht, und zuweilen streute sie sich selber Weihrauch. Das schreibt ➱Henry James über seine Heldin Isabel Archer in dem Roman Portrait of a Lady.

Für die Liebhaber der englischen Sprache (wie Jil Sander) habe ich das Zitat natürlich auch im OriginalIt may be affirmed without delay that Isabel was probably very liable to the sin of self-esteem; she often surveyed with complacency the field of her own nature; she was in the habit of taking for granted, on scanty evidence, that she was right; she treated herself to occasions of homage. Meanwhile her errors and delusions were frequently such as a biographer interested in preserving the dignity of his subject must shrink from specifying. Her thoughts were a tangle of vague outlines which had never been corrected by the judgement of people speaking with authority. In matters of opinion she had had her own way, and it had led her into a thousand ridiculous zigzags. Und das hier ist Nicole Kidman als Isabel Archer. Nicole Kidman soll im wirklichen Leben übrigens Jil Sander tragen. Oder macht dafür Reklame. Reklame ist in diesem business alles.

Wenn auch zu bezweifeln ist, dass Jil Sander trotz des exzessiven minimalistischen Purismus jemals in den Olymp der Modeschöpfer kommt, in dem ➱Charles Frederick WorthPaul PoiretMariano FortunyMadame Grès, ➱Coco Chanel, ➱Christian Dior und vielleicht sogar ➱Heinz Oestergaard jetzt sind, eine Auszeichnung wird man ihr nicht nehmen können. Und das ist neben dem Bundesverdienstkreuz die Auszeichnung vom Verein Deutsche Sprache als Sprachpanscher des Jahres. Und diese Auszeichnung hat sie sich mit dem folgenden Originaltext redlich verdient:

Ich habe vielleicht etwas Weltverbesserndes. Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, dass man contemporary sein muss, das future-Denken haben muss. Meine Idee war, die hand-tailored-Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, dass man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewusste Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wer Ladyisches will, searcht nicht bei Jil Sander. Man muß Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils.

Wie einst Georg Kofler, Geschäftsführer des Fernsehsenders Pro 7 so schön sagte: Ich hasse Anglizismen. Das ist alles Bullshit.

Dieses Bild von Thomas Gainsborough zeigt einen englischen Gentleman bei der Jagd. Wir wissen, wer er ist, er heißt Thomas William Coke (spricht sich Cook aus). Er weigert sich geadelt zu werden: I had rather remain the first of the ducks than the last of the geese. Irgendwann nimmt er doch den Titel eines Earl of Leicester an. Der einfache Mr Coke, den seine Zeitgenossen auch Coke of Norfolk nennen, ist Großgrundbesitzer und hat mit dem geerbten Familiensitz Holkham Hall eins der schönsten palladianischen Schlösser Englands. Die Familie wohnt da ↝heute noch.

Grundbesitzer sind viele Adlige in dieser Zeit. Und viele werden sich auf ihren Besitzungen in der Pose eines Jägers malen lassen. Aber niemand ist wie Mr Coke, der natürlich in Eton und auf einer ↝Grand Tour war. Er ist einer der wichtigsten Landwirtschaftsreformer Englands im 18. Jahrhundert, der noch horribile dictu daran glaubt, dass es zu den Pflichten eines Großgrundbesitzers gehört, das Leben derer zu verbessern, die auf seinen Gütern leben. Dafür tritt er (hier auf einem späteren Bild von Thomas Lawrence) auch im Parlament ein.

Was er auf diesem Bild trägt, ist die Mode des 18. Jahrhunderts für den Landedelmann (zu diesem Thema gibt es ↝hier einen Post). Aber es ist noch mehr. Coke hat sich von Gainsborough in der Kleidung malen lassen, in der er als Abgesandter Norfolks vor den König getreten war: As Knight of the Shire he had not only the right to wear his spurs in the House, 1 but a further right to attend Court “ in his boots,“ i.e. in his country clothes ; which latter privilege, however, was seldom, if ever, exercised. But on this occasion Coke availed himself of it, and appeared unceremoniously before the King wearing his ordinary country garb. It was an extremely picturesque dress top-boots with spurs, light leather breeches, a long-tailed coat and a broad-brimmed hat; but it caused the greatest horror at Court, and neither the matter nor the manner of the address was palatable to George III. Noch schlimmer für den König als der Anzug von Coke war die Tatsache, dass er wortgewaltig für die Sache der Revolutionäre in Amerika eintrat.

Coke war schon einmal in diesem Blog, in einem ↝Post, der seinem Sohn von Thomas William Coke gewidmet war. Der hat nämlich den Bowler erfunden. Ich habe noch ein zweites Bild von einem englischen Gentleman bei der Jagd aus der gleichen Zeit wie Gainsboroughs Bild. Es heißt Reclining Hunter, es wurde von dem amerikanischen Maler Ralph Earl gemalt. Der wurde 11. Mai 1751 geboren, ich dachte, ich schreibe mal über ihn. Musste dann aber feststellen, dass es hier längst einen Post namens ↝Ralph Earl gab. Wo allerdings der Reclining Hunter nicht erwähnt wurde.

Das Philadelphia Museum of Art hat über das Bild, das man auch als Duschvorhang kaufen kann, nur zu sagen: Ralph Earl studied in England for several years during the American Revolution and was one of many American painters of the time who included natural scenes in his compositions. This enigmatic depiction of a reclining hunter suggests the emerging English view of the natural world as a place of repose and contemplation, where the beauties and pleasures of the countryside could be enjoyed. Das ist nun ein wenig ärmlich, man könnte mehr zu dem Bild sagen. Viel mehr.

Der Gentleman, der hier bei der Jagd ein Päuschen einlegt, trägt andere Kleidung als Thomas William Coke. So etwas kann man in der Stadt tragen, vielleicht noch beim Lustwandeln in einem ↝Landschaftsgarten, aber nicht bei der Jagd. Und das, was der Gentleman mit dem leicht verblödeten Gesichtsausdruck (oder ist er schlicht besoffen?) erjagt hat, würde kein Jäger jagen. Wir lassen den Esel im Hintergrund aus, der seine Beute geworden ist, aber diese Vögel, die da auf einen Haufen geworfen sind, die jagt man nicht. Man schießt keine Eulen und keine Schwäne. Wahrscheinlich sind auch die Pilze in seinem Hut Gilftpilze.

Gainsborough hat eine Vielzahl von Herren gemalt, die mit ihren Hunden auf ihrem Grundbesitz unterwegs sind. Ihre Kleidung passt sich der Umgebung an. Sie sind nicht für die Großstadt gekleidet, dafür haben sie ein Stadthaus und haben dort die passende Garderobe im Schrank. Dies hier ist George Venables, der zweite Lord Vernon, im dreiteiligen Anzug, dem justacorps, den die englische Mode seit Charles II kennt. Er war schon in dem Post ↝18th Century: Fashion zu sehen. Die Westen, die jetzt gilets heißen (sie kommen meistens aus Frankreich), sind nicht mehr aus dem selben Stoff wie der Rest des Anzugs, négligé clothing wird es genannt. Ist nichts anderes als dressing down, machen die Engländer auf dem Land immer noch.

Während ↝Mr und Mrs Andrews in dem berühmten Bild in der Landschaft stehen, als wäre es eine Bühne für sie, zeigt dieser Herr eine seltsame Naturverbundenheit, er ist beinahe eine Verdoppelung des Baumes. Mr John Plampin, der Grundbsitz und Schloss in Suffolk geerbt hatte, wollte so auf seinem Besitz gemalt werden. Ein wenig the man of feeling, eins mit der Natur. Gainsborough hat das Bild nach einem Bild von Watteau gemalt.

Lassen Sie uns zu dem Bild von Ralph Earl zurückkommen. Das ist wahrscheinlich die reine Satire, eine Parodie eines in England gepflegten Bildtyps. Ralph Earl ist der bad boy der Amerikaner in England, ein habitueller Lügner, ein Säufer und Bigamist. Er kann nicht so gut malen wie ↝John Singleton Copley oder ↝Gilbert Stuart, Körperproportionen stimmen bei ihm nie, wie man auf diesem Selbstportrait sehen kann. Er ist gut in Kleinigkeiten, die Kleidung der Portraitierten ist immer sehr detailgetreu. Dr Caroline  Koblenzer, die das Bild des Reclining Hunter dem Museum in Philadelphia geschenkt hat, hat eine interessante Interpretation geliefert: dies sei ein selbstironisches Portrait eines Mannes, der wisse, dass er in seinem Leben alles falsch gemacht hat.

Es gab Zeiten, da kamen andere Ding von der Insel als Wörter wie Brexit und hilflose Ministerpräsidentinnen namens Theresa May. Ich möchte mal eben an eine Zeit erinnern, als dieses Gesicht England repräsentierte. Erinnern Sie sich? Das ist Twiggy. Mit einem Haarschnitt von Vidal Sassoon, der damals auch Jane Fonda und Mia Farrow einen Kurzhaarschnitt verpasste. Vidal Sassoon ist heute vor sechs Jahren gestorben, der Mann sollte uns einen kleinen Post wert sein.

Das hier ist Jean Shrimpton, genannt The Shrimp, auch eine Kundin von Vidal Sassoon. Sie war damals das teuerste Model der Welt, die erste Frau, die Supermodel genannt wurde. Und dann haben wir da noch junge Frauen, die Julie Christie↝ Charlotte Rampling und Jacqueline Bisset heißen: England hat in den Swinging Sixties eine Menge an weiblicher Schönheit zu bieten. Vielleicht sollte ich noch ein Model erwähnen, das nicht ganz in der Liga der Supermodels ist, das aber immerhin die englische Regierung stürzt: Christine Keeler. Sie ist auch Kundin von Vidal Sassoon, aber er schneidet ihr die Haare zu Hause, weil sich etliche seiner Kundinnen geweigert haben, sein Geschäft in der Bond Street zu betreten, falls die Keeler dort weiterhin erscheinen sollte.

Und es sind ja nicht nur die Models und der Starfriseur Vidal Sassoon, die die Zeit prägen. Da ist eine gewisse Mary Quant, die ein Kleidungsstück erfindet, das sie nach ihrem Lieblingsauto Mini nennt. Mary Quant hat natürlich hier längst einen Post (ja, es gibt in diesem Blog auch Damenmode). Diese junge Dame ist Uschi Nerke, sie moderierte in Bremen den Beat Club in den schärfsten Miniröcken. Aufschreie bei den Sittenwächtern wie bei Ingmar Bergmans Schweigen – lesen Sie hier mehr dazu. Uschi Nerke brauchte für ihre Miniröcke nicht nach London, es gab im anglophilen Bremen schon damals eine Reihe von Läden, die beinahe alles im Angebot hatten, was die Carnaby Street und das Swinging London anboten.

Das ist Sassoon im Jahre 1968, beachten Sie bitte die Ärmelknöpfe. Ich nehme mal an, dass Tommy Nutter den Anzug geschneidert hat.  2009 wurde Sassoon der CBE Orden von der Königin verliehen. She didn’t ask me to stay behind and give her a quick trim, scherzte er hinterher. Als er den Orden bekam, war er 67 Jahre im Geschäft, und überall auf der Welt gab es Vidal Sassoon Salons. Auf der Neuauflage von Peter Blakes Sgt. Pepper ist er auch zu sehen (Mary Quant auch), und es gibt auch schon einen Vidal Sassoon Film. Haarschnitt, Mini Rock, scharfe AnzügeSwinging London und die Beatles: das ist die englische Kulturrevolution der Sixties. Am besten zusammengefasst von Philip Larkin in dem Gedicht Annus Mirabilis:


Sexual intercourse began

In nineteen sixty-three

(which was rather late for me) –

Between the end of the „Chatterley“ ban

And the Beatles‘ first LP.


Up to then there’d only been

A sort of bargaining,

A wrangle for the ring,

A shame that started at sixteen

And spread to everything.


Then all at once the quarrel sank:

Everyone felt the same,

And every life became

A brilliant breaking of the bank,

A quite unlosable game.


So life was never better than

In nineteen sixty-three

(Though just too late for me) –

Between the end of the „Chatterley“ ban

And the Beatles‘ first LP.

Ich wollte bei ebay auf dieses Hemd von der italienischen Firma Guy Rover bieten, verpasste aber die Auktion. Weil ich unbedingt etwas schreiben musste und nicht auf den Termin geachtet hatte. Ich fragte die Verkäuferin, ob es eine Möglichkeit zum Sofortkauf gäbe. Sie bejahte. Wenig später bekamen wir eine Abmahnung von ebay, weil man offenbar keine privaten Deals machen darf. Meine Verkäuferin ging zur Geheimsprache über. Als sie mein Geld auf dem Konto hatte, schrieb sie: Der Adler ist gelandet, die Taube fliegt. Die blau-weiße Taube landete dann auch sicher bei mir, ich überlege, ob ich dem Hemd den Namen Taube geben sollte. Oder Wings of the Dove, wie bei Henry James.

Als Kelly in den siebziger Jahren seinen Laden aufmachte, hatte er an Hemdenfirmen Guy Rover, Truzzi und Orian. Später kam noch Luigi Borrelli hinzu. Die Firma Guy Rover war damals ganz neu auf dem Markt. Ich schwöre auf alte Guy Rover und Orian Hemden (trage aber ansonsten auch Fray, Pegaso, R. Böll und Dantendorfer), und wenn so etwas bei ebay auftaucht, bin ich sofort dabei. Man kauft sich ein Stück Vergangenheit zurück. Ich habe noch Hemden im Schrank, die ich vor vierzig Jahren gekauft habe, ich bin Nostalgiker, wenn man die gut pflegt, halten sie ewig.

Die Taube, die ein Etikett von Guy Rover und Uli Knecht hat (der am Anfang ja nur Spitzenfirmen führte), war ein Vintage Modell. Aber ungetragen. Das Hemd hat alles, was ein italienisches Spitzenhemd haben muss: angepasster Musterverlauf, dicke Knöppe und das kleine Dreieck unten in der Naht. Und dann noch das i-Tüpfelchen: das Knopfloch am Ärmel ist horizontal eingesetzt. Wenn Sie nicht wissen, was das bedeutet, dann sollten Sie mal eben den Post Handschuhknopf lesen.

Ich habe auch ein Gedicht für das Hemd. Als ich 2010 ein Vierteljahr im Netz war, gab es hier einen Post, der Oberhemden hieß. Natürlich mit einem Gedicht versehen, weil dies mein erster Poetry Month war. Das Gedicht war von der amerikanischen Dichterin Jane Kenyon, es hieß The Shirt:


The shirt touches his neck

and smoothes over his back.

It slides down his sides,

it even goes down below his belt –

down in his pants.

Lucky shirt.

Mein Gedicht heute heißt schlicht Das Hemd, es findet sich in Ernesto Cansados kleinem Buch Gedichte Gedanken Rezepte: Für´s Leben und den Herd:

Du wolltest mich am Abend besuchen

Es war wie immer.


Ich duschte die Last des Tages aus meinen Poren

Es war wie immer.


Ich zog ein frisches Hemd an

Es war wie immer.


Du küsstest mich freundschaftlich flüchtig

Es war wie immer.


Wir aßen und tranken und redeten

Es war wie immer.


Wir küssten uns plötzlich und unerwartet

Mit geöffneten Lippen und voller Leidenschaft

Unsere Seelen berührten ohne Vorwarnung unsere Körper

Und die Körper umschlangen die Seelen

Es war anders als immer.


Mein Hemd nahm Deinen Geruch an

Es ist resistent gegen Schweiß

Resistent gegen mich und Waschmittel und Weichspüler

Das einzige meiner Hemden das jetzt einen Namen trägt

Nichts ist wie immer.

Mit dem Titel grüne Schuhe meine ich jetzt nicht die englische Firma Edward Green, sondern wirklich grüne Schuhe. Grün ist nicht unbedingt die normale Farbe von Herrenschuhen. Für Gummistiefel, die die Engländer ↝Wellingtons oder Wellies nennen, ist es die angesagte Farbe. Aber nicht unbedingt für Glattlederschuhe. Und doch: ich besitze jetzt ein Paar grüner Schuhe. British Racing Green, sagte Volker, als ich sie ihm zeigte. Darauf war ich noch gar nicht gekommen. Dass die englischen Rennwagen die Farbe grün haben, verdanken sie der grünen Insel Irland. Wo ja auch diese putzigen ↝leprechaun Kobolde grüne Schuhe tragen

Ich sah die Schuhe bei ebay, verhandelte kurz mit der Händlerin über den Preis, und schon waren sie gekauft. Traumhafte Herrenschuhe in Grün wie neu Handgemacht stand im Text dabei. Der Hersteller wurde nicht erwähnt, war aber auf dem Photo ersichtlich. Er hieß ↝Alt Wien, und wir wissen natürlich, dass diese Schuhe nicht in Wien, sondern in Northampton von der Firma ↝Crockett und Jones gemacht werden. Crockett und Jones (mit ihrer Linie Alt Wien) und ↝Alfred Sargent (mit der Linie Der Budapester: Traditionelles Schuhhandwerk) sind die einzigen Engländer, die unter deutschem Namen Schuhe mit einem ↝Wiener Leisten offerieren.

Das kommt offenbar von München bis Wien gut an. Zu ↝Cordhosen sehen die grünen Schuhe mit dem Scotchgrain Leder bestimmt gut aus. Wenn ich sie vor Wochen schon gehabt hätte, hätte ich sie bestimmt am ↝St Patricks Day getragen. Aber den ↝Bloomsday habe ich mir schon mal vorgemerkt. Das Modell hat den Namen Bach, passend für ↝Bachs 333. Geburtstag. Man kann das Modell Bach erstaunlicherweise jetzt auch bei ↝Görtz kaufen. Allerdings nicht in grün. Will Görtz jetzt ganz nach oben? Vor vielen Jahren hatten sie ja schon einmal Laszlo Vass (die damals auch die Schuhe für ↝Baldessarini machten) im Angebot.

Ich besaß schon einmal grüne Schuhe, das ist aber mehr als ein halbes Jahrhundert her. Es waren dunkelgrüne Desert Boots von der Firma Clarks. Ich habe sie geliebt. Mein Klassenkamerad ↝Wuddel hatte sie meine Golly Schuhe getauft, ich weiß nicht weshalb. Damals waren die Desert Boots von Clarks noch von anderer Qualität als heute. Ich habe immer wieder mal Clarks gehabt, nie wieder dunkelgrüne und nie wieder die Qualität von 1960. Und da ich bei ↝Wildlederschuhen bin, muss ich doch mal eben auf Larry Kirwans Buch Green Suede Shoes hinweise.

Für den heutigen Tag habe ich ein Frühlingsgedicht von ↝Theodor Fontane, in dem auch grüne Schuhe drin vorkommen. Na ja, das ist ein klein wenig übertrieben, denn bei Fontane trägt der Frühling bei seiner Ankunft einen grünen Knospenschuh. Das ist etwas anderes als ein grüner Alt Wien Schuh, ist aber ein schönes Bild:

Nun ist er endlich kommen doch

In grünem Knospenschuh;

»Er kam, er kam ja immer noch«,

Die Bäume nicken sich’s zu.


Sie konnten ihn all erwarten kaum,

Nun treiben sie Schuß auf Schuß;

Im Garten der alte Apfelbaum,

Er sträubt sich, aber er muß.


Wohl zögert auch das alte Herz

Und atmet noch nicht frei,

Es bangt und sorgt: »Es ist erst März,

Und März ist noch nicht Mai.«


O schüttle ab den schweren Traum

Und die lange Winterruh:

Es wagt es der alte Apfelbaum,

Herze, wag’s auch du.

Ich habe in den letzten Jahren kleine Firmenportraits von Firmen geschrieben, die Herrenoberbekleidung herstellen. Meist waren das italienische Firmen, aber ich habe auch die ↝Amerikaner nicht vergessen. Die einzige deutsche Firma, die einmal mit den Italienern mithalten konnte, war Regent in Weissenburg (die hier mit ↝Made in Germany und ↝Karos schon zwei Posts hat). Die ist gerade von Philippe Brenninkmeijer und seinem Compagnon  Andreas Martin Meier gekauft worden, die der darniederliegenden Firma neues Leben einhauchen wollen. Regent ist deutsches Kulturgut, hat Brenninkmeijer gesagt. Um große Sprüche ist man in der Textilbranche nie verlegen.

Man scheint die Münchener Kaufhäuser Breuninger und Lodenfrey als Kunden gewonnen zu haben (den Großabnehmer Thomas Rusche mit seiner Soer Kette hat man lange verloren) und will jetzt eine um 600 Euro günstigere Zweitlinie herausbringen. Allerdings gibt es jetzt schon bei Breuninger auf beinahe alle Regent Teile 50% Rabatt. Bei der neuen Linie soll es angeblich billigere Knöpfe und keine handgenähten Knopflöcher mehr geben. Was will man damit sparen? Für seine Knopflöcher war Regent noch nie berühmt. ↝Kiton und ↝Brioni haben Knopflöcher, die kleine Kunstwerke sind. Das hier ist Matthias Sammer, dem gerade bei Lodenfrey ein Regent Anzug angmessen wird. Da hat man sich wohl kaum den besten Werbeträger ausgesucht. Wer mag schon Matthias Sammer?

Die Schwierigkeiten, die Regent hat, hat die italienische Firma Cantarelli leider auch. Die Firma, die von den drei Firmen, die mit C anfangen und mit I enden, die höchste Qualität liefert, steht vor dem Aus. Ein bulgarischer Textilriese namens Richmart hat seine Fühler nach der Firma in Cortona (Arezzo) ausgestreckt. Was da niemandem gefällt. Ein Offizieller brachte einen ganz anderen Namen ins Spiel: vorrei anche lanciare un appello ad alcune aziende di grande prestigio perché prendano in considerazione l’ipotesi di intervenire. Penso a Brunello Cucinelli, uomo ed imprenditore di rara sensibilità e di grandi capacità, la sua azienda sia per vicinanza geografica che per sintonia produttiva potrebbe essere il soggetto giusto in questa vicenda. Der Vorzeigeunternehmer Brunello Cucinelli wäre sicher der richtige Mann für Cantarelli.

1970 hatte Mauro Ranieri Cantarelli die Firma gegründet, 1998 war sie zum ersten Mal bei der Herrenmodemesse in Köln vertreten. Damals kosteten die Anzüge von Cantarelli zwischen 1.000 und 1.200 DM, heute sind es mehr als 1.000 Euro. 1992 kaufte die Firma den Konkurrenten ↝Saint Andrews (den sie 2006 wieder verkauften), was erheblich zur Steigerung des Niveaus von Cantarelli beitrug. Denn Sant’Andrea, die sich für den Export den Namen Saint Andrews gewählt haben, sind ganz weit oben in der italienischen Sartoria.

Cantarelli und Sant’Andrea haben auch andere Firmen beliefert. Zum Beispiel haben sie Anzüge für die Ralph Lauren Purple Line und die RTW Linie von Huntsman in der Savile Row geschneidert. Und Albert Goldbergs Firma Façonnable bekam in der Tailleur Linie auch Jacketts und Anzüge von Cantarelli. Ich kann aus Nostalgie nur hoffen, dass die Firma erhalten bleibt, denn die Jacketts und Anzüge, die ich von Cantarelli und Saint Andrews besitze, sind von erstklassiger Qualität. Mein Saint Andrews Jackett, das ich bei einem englischen second hand Händler kaufte, ist besser als ein Kiton Produkt. ↝Michael Rieckhof von der Firma ↝Kelly’s liebäugelte vor Jahren mal mit dem Gedanken, Saint Andrews ins Sortiment zu nehmen. Ist nichts draus geworden, aber Michael Rieckhof hat ein Jackett behalten, das er als sein bestes Jackett bezeichnet. Cantarelli und Sant’Andrea sind stark auf dem amerikanischen Markt, in Deutschland kaum. Erstaunlicherweise sind sie auch bei Amazon präsent. Gut für das Image ist das sicher nicht.

Die Probleme, die Cantarelli hat, hat die italienische Firma Canali nicht, sie ist ein Riese, der weltweit vertreten ist, auch bei Amazon. 1934 von Giacomo und Giovanni Canali gegründet, immer noch im Familienbesitz. Beinahe 88 Prozent der Produktion gehen in den Export. Ich kann mich noch daran erinnern, dass die Firma einmal Cafra hieß, was die Abkürzung von Canali Fratelli ist, aber den Namen haben sie in den 80er Jahren aufgegeben. Das geschah auch im Zuge eines trading up, den damals viele Firmen vollzogen. Die achtziger Jahre waren ja etwas klamottenverrückt. Plötzlich redete jeder von Designern. Früher waren Designer Leute wie Ernest Dryden oder ↝Wilhelm Wagenfeld, jetzt redet man nur noch von Armani.

Das hier ist der Kleinkriminelle Luca Canali, gespielt von Mario Adorf. Der hat nichts mit der Firma Canali zu tun, er ist hier nur zur Auflockerung. Denn mit Canali wird es etwas langweilig. Sie liefern Jahr für Jahr Qualität, bessere Qualität als Ermenegildo Zegna, die je größer sie wurden, immer mehr nachließen. Masse statt Klasse. Sie haben auch nicht wie Zegna Fabriken in der Türkei. Ihre sieben Fabriken sind alle in Italien. Deshalb steht auch auf dem kleinen Aufhänger im Jackett Made in Italy. Caruso hat jetzt Schriftzug Hand Made in Italy, ist aber das gleiche. Canalis Qualität geht bis ins Detail. Karomuster werden immer angepasst, das hat Regent noch nie hingekriegt. Ihre Jacketts und Anzüge sind nicht unbedingt preiswert, alles ist hier eher vierstellig. Man kann das natürlich bei Farfetch und Yoox und mit ein wenig Suche preiswerter bekommen. Ich habe letztens ein nagelneues Canali Jackett bei ebay für 5€ erstanden.

Vor einem Jahr habe ich mir einen zweireihigen dunkelblauen Blazer gekauft. Nicht dass ich ihn gebraucht hätte. Aber da war dieses verlockende Angebot bei ebay: Dunkelblau, Corneliani, linea sartoria, Super 100. Sofortkauf: 10 €. War ein nagelneues Teil. Toll. Allerdings sehe ich damit aus wie Graf Koks. Oder wie dieser Herr hier. Ich warte jetzt noch, bis ich einen Bugatti 57 SC Atlantic für 10 € finde, dann wird der Blazer getragen. Das steht so in dem Post ↝Blazer, und ich habe in dem Post ↝Colani erwähnt, dass ich diesen schönen Blazer kaum trage.

Auch bei Corneliani, die beinahe so groß wie Canali sind, vollzog man Ende der siebziger Jahre ein trading up. Und man sicherte sich die Lizenzen für Italien von Firmen, die damals berühmt waren: ↝Renoma Paris (die Marke gehörte später zur Corneliani Group), Daniel Hechter, Ralph Lauren, ↝Karl Lagerfeld und Trussardi. Mehr als ein halbes Jahrhundert war Corneliani im Familienbesitz, vor zwei Jahren wurden sie von der Investcorp geschluckt. Nicht ganz, aber Investcorp hat jetzt mit 55% die Aktienmehrheit. Ob die Araber die Firma als cash cow gebrauchen oder Geld für eine Neustrukturierung hineinstecken, das weiß niemand.

Noch mehr Mode finden Sie hier: Raffaele Caruso, Attolini, Baldessarini, Waltz into Darkness, Cinecittà und die Mode, Brioni, Ermenegildo Zegna, Herrenausstatter, Ärmelfutter, Made in Germany, Kiton, Attolini, NervesaBlazerColani, Belvest

Das erste Bild, das mir zum Thema Dichter und Mode einfällt, ist Nadars Portrait von ↝Baudelaire. Da steht er nun, im perfekten Gleichgewicht zwischen Bourgeoisie und Bohème. Er hat keine Angst vor Nadars Kamera, im Gegensatz zu seinem Kollegen Balzac. Der fest daran glaubt, dass ihm die Photographie einen Teil seiner selbst wegnehmen würde. Er redet da von Spektralschichten an seinem Körper, die verloren gehen würden. Was der Photograph etwas gehässig mit dem Satz Aber die Rundungen seines Bauches hätten Balzac durchaus gestattet, sich einiger Spektralschichten zu entledigen kommentierte.

Ich las letztens bei Joseph von Westphalen: Auf sämtlichen Fotos meiner karierten Kaschmirjacke kann ich mich mit der dargestellten Person identifizieren. Ein Mensch blickt mich an, der mit seiner Jacke im Einklang ist, der voll hinter der Mischung aus billig und edel steht. Billig und edel. Meine Jacke hat mich gelehrt, daß dies das ideale Motto meines Lebens ist. Billig und edel, so sollen auch meine Texte sein. Bloß nicht kostbar! Teuer und edel – das kann sich jeder Depp zusammenkaufen, wenn er Geld hat. Da ist ja teuer und geschmacklos noch besser. Über diese Mischung kann man sich wenigstens noch amüsieren. Frauen in teuren rosafarbenen Noppenstoff-Kostümen zum Beispiel. Eingefasste Revers. Entsetzlich. Traurig. Billig und geschmacklos hingegen, das hat was. Für diese Exzentrik besitze ich allerdings noch nicht die nötige Größe. Schriftsteller und ihre Kleidung, was sollen sie tragen, um unserem Bild von einem Schriftsteller zu entsprechen?

Soll er so aussehen, mit kurzen Hosen? In der Zeit konnte man lesen: Thomas Mann soll während des Verfassens seiner Bücher stets Anzug und Fliege getragen haben. Wären seine Werke in Jogginghose nur halb so gut geworden? Tommy Mann und ↝Jogginghosen sind natürlich eine ganz seltsame Idee. Er hätte selbst an heißen Tagen in Kalifornien bestimmt keine kurzen Hosen wie Hemingway getragen.

Ach, lassen Sie mich mit meinen Gewändern in Ruh, Lisaweta Iwanowna! Wünschten Sie, daß ich in einer zerrissenen Sammetjacke oder einer rotseidenen Weste umherliefe? Man ist als Künstler innerlich immer Abenteurer genug. Äußerlich soll man sich gut anziehen, zum Teufel, und sich benehmen wie ein anständiger Mensch, heißt es in Tonio Kröger. Thomas Mann weiß, wovon er schreibt, er zieht sich äußerlich gut an. Seine Sekretärin ↝Hilde Goldschmidt sagte über ihn: Seine schlanke Gestalt, sorgfältig, aber bei weitem nicht teuer oder vom Maß-Schneider gekleidet. Kann sie sich irren? Als er noch in der Schweiz war, ließ er sich seine Anzüge im London House in Zürich in der Bahnhofstraße schneidern. Soll es jetzt in Amerika anders sein? Oder ist das jetzt Joseph von Westphalens Mischung aus billig und edel?

Natürlich sind Photographien, die einen Schriftsteller beim Schreiben zeigen, eine Selbstinszierung. Und Thomas Mann ist ein Meister der Selbstinszenierung, here is the best picture ever made of me schreibt er 1944 auf ein Photo, das Trude Geiringer von ihm gemacht hat. Er verwandte das Bild dann auch als Autogrammkarte, wie hier, als er nach Dardesheim schreibt: Wenn ihr mir also euere Sympathie bewahrt habt, und auch heute noch an dem Wunsche festhaltet, euere Schule nach mir zu nennen, so stimme ich dem mit großem Vergnügen zu …

Dieser junge Mann sitzt gerade nicht am Schreibtisch, aber das Bild, das Henri Cartier-Bresson 1947 in New Orleans von dem jungen Truman Capote macht, wird zu dessen Ruhm beitragen. Er ist noch nicht berühmt wie Thomas Mann, er hat gerade die Geschichte ↝Miriam veröffentlicht, er muss das tun, was der berühmte Photograph will. Und so sitzt er mit einem weißen T Shirt auf einem weißen gusseisernen Gartenstuhl, umgeben von tropischen Pflanzen. Er ist nicht glücklich mit dem Photo: Yes, Cartier has done some portraits (they are very strange, I must say, but the photography is, of course, beautiful). Wie hätte Thomas Mann ausgesehen, wenn ihn Cartier-Bresson portraitiert hätte? In a portrait, I’m looking for the silence in somebody, hat der Photograph gesagt.

Dieser Herr hat es mit der Mode, sein Schneider Vincent Nicolosi hat dafür gesorgt, dass er immer elegant ist. Wahrscheinlich hat seit Oscar Wilde niemand so viel Wert auf Mode gelegt wie ↝Tom Wolfe. Irgendjemand hat ihn mal the Karl Lagerfeld of fiction writers genannt. Witzig. Der Mann, der wie ↝Mark Twain immer weiße Anzüge trägt, schreibt auch gerne über Mode. Wenn Sie ein wenig davon lesen wollen, dann klicken Sie den Post ↝Ärmelfutter an. Im Gegensatz zu Thomas Mann schreibt Tom Wolfe nicht mit einem Füllfederhalter, er tippt auf einer Schreibmaschine. Den Computer hat er mal ausprobiert, um dann reumütig zur Schreibmaschine zurückzukehren. Seinen Roman Back to Blood hat er mit der Hand geschrieben, weil er sich die Finger gequetscht hatte. Computer werden ja überschätzt, wir müssen bedenken, dass alle große Literatur mit der Feder geschrieben wurde.

Was ↝Hermann Hesse hier trägt, ist eigentlich die ideale Kleidung für den Schriftsteller: ein Cordanzug. Ein klein wenig Bourgeoisie, weil es ein Anzug ist, und ein klein wenig Bohème, weil es Cord ist. ↝Günter Grass hat auch gerne Cordanzüge getragen. Für uns, die wir keine Schriftsteller sind, sind Cordanzüge nicht das richtige. Ein gutes ↝Cordjackett jederzeit.

Wenn ein Schriftsteller sich so photographieren lässt, nimmt er eine Rolle an. Die nichts damit zu tun hat, dass er bei seinem Schneider eine schwarze Frackhose zu 45 Francs; eine weiße Pikeeweste zu 15 Francs […] einen blauen Gehrock aus feinem Löwener Tuch zu 120 Francs; eine Hose aus marengofarbenem Zwillich zu 28 Francs; eine gemsfarbene Pikeeweste zu 20 Francs bestellt hat. Er wird seinen Schneider nicht bezahlen, aber er schreibt ihn in sein Werk hinein: Un habit dû à Buisson suffit à un homme pour devenir le roi d’un salon. Tausende von Schneidern, die Schriftstellern einen Rock angemessen haben, sind heute vergessen, Monsieur Boisson (in dessen Haus Balzac drei Jahre lang wohnt) nicht.

Manche Schriftsteller machen Mode. Er hier zum Beispiel. Seine Verlobte Constance Lloyd schreibt 1882 über ihn: Mir gefällt er schrecklich gut. Aber ich fürchte, wie er sich kleidet, ist sehr schlechter Geschmack. Seidene Strümpfe sind für Herren ein wenig aus der Mode gekommen, sie hielten sich in der englischen Oberklasse noch zum ↝Frack. Als Churchill die englische Königin empfing, trug er Kniebundhosen und ↝Seidenstrümpfe. Und den Hosenbandorden natürlich an der richtigen Stelle unter dem Knie. Oscar Wilde trägt nicht nur violette Samtwesten und weiße Lilien im Knopfloch, er befürwortet auch die Reformkleidung. Dazu könnten Sie jetzt mal eben den Post ↝William Frith lesen. Ein Prophet der Reformkleidung von ↝Dr Jaeger ist auch George Bernard Shaw, der ebenso wie Wilde aus ↝Dublin kommt. Und da sollte ich noch einen dritten Dubliner erwähnen. Nämlich James Joyce. Der trägt zwar keine Reformkleidung, aber er soll sich mal als Importeur von irischem Tweed versucht haben.

Tweed oder Reformkleidung kommen für ↝Adolf Loos nun überhaupt nicht in Frage, der Wiener Dandy ist immer comme il faut. Billig und edel wäre nichts für ihn. Aber der dedicated follower of fashion (um mal eben die ↝Kinks zu zitieren) erstarrt in seiner Stilisierung. Er käme nie auf die Idee, die obersten Westenknöpfe offen zu lassen, wie Baudelaire. Er kann nicht aus diesem Korsett eines ↝Morning Coat heraus. Kann nicht wie der amerikanische Dichter ↝Frederick Seidel, der sich seine Anzüge in der ↝Savile Row machen lässt, handgenähte Schuhe und junge Frauen liebt, aus seiner Rolle. Seidel kann sehr ironisch über diese Dinge schreiben.

Ich glaube, dies hier ist der einzige Schriftsteller, der ein Modeunternehmen besitzt. Er sieht so gut aus, dass er häufig das Model für seine Kleidung abgab. John Weitz wurde in Berlin geboren, ging in England zur Schule und lernte bei ↝Edward Molyneux. Er wanderte mit seinen Eltern in die USA aus, war Captain im Zweiten Weltkrieg und landete dann im Geheimdienst. Und schrieb eines Tages Romane. Gut, keine Weltliteratur, aber immerhin. Literatur und Mode sind doch vereinbar.

Ich möchte meinen kleinen Ausflug in die Kleidung von Schriftstellern mit einem Autor beenden, der aus meiner Heimatstadt Bremen kommt. Man hat Rudolf Lorenzen (der ↝hier einen Post hat) in den fünfziger Jahren den Dandy des Westens genannt. Er bleibt uns aber nicht als Dandy in Erinnerung, sondern weil er mit ↝Alles andere als ein Held einen der besten deutschen Romane der Nachkriegszeit geschrieben hat.

Die junge Dame, die aus ihrem Mini Cooper kletterte, grüßte mich. Ich grüßte zurück, wusste aber nicht, wer sie war. Sie trug einen weißen Mundschutz, der eine Gesichtserkennung unmöglich machte. Wir bewegten uns auf den Supermarkt zu, als ich hörte, dass sie zu ihrer Freundin sagte: Hörst Du diesen Klang? So klingen nur Luxusschuhe. Ich sagte: Es sind englische Schuhe. Sie drehte sich um und sagte: Ich habe Sie schon häufig hier gesehen, Sie tragen immer hervorragende Schuhe. Frauen achten also auf Schuhe. Und können sie am Klang erkennen. Ich fand die kleine Geschichte sehr witzig. Die Schuhe, die ich trug, kamen von Crockett & Jones, dieses Modell in orange, nur in einem besseren Zustand. Ich verlor die Dame im Schlemmer-Markt aus den Augen, doch plötzlich fiel mir ein, dass es die Frau sein könnte, die mir im Sommer vor zwei Jahren an der Kasse sagte: Sie sind sehr elegant und stilvoll gekleidet. Das sieht man bei Männern nicht so häufig gesagt hatte. Ich habe die Geschichte schon in den Post Computer hinein geschrieben. Was wären wir ohne kleine Eitelkeiten.

Die kleine Parkplatzgeschichte ist natürlich ein schöner Grund, einmal über die Firma Crockett & Jones zu schreiben. Sie wurde 1879 von Charles Jones und James (später Sir James) Crockett in Northampton gegründet. Sie ist heute immer noch im Familienbesitz, allerdings nur noch der Familie Jones, der letzte Crockett verließ 1952 die Firma. Als man 1879 dank eines Darlehens von 100 Pfund vom Thomas White Trust (dem ältesten Unterstützungsfond der englischen Wirtschaft) mit der Schuhproduktion begann, hatte man zwanzig Angestellte. Doch die Firma wird schnell wachsen. Im Ersten Weltkrieg produziert man als Höhepunkt 600.00 Paar Stiefel für die Armee, heute hat man einen Umsatz von 30 Millionen Pfund. Neben dem wirtschaftlichen Erfolg steht die persönliche Tragödie. Sir James Crockett, Friedensrichter und Philantrop, wird zwei seiner Söhne, den Leutnant Clifden James Crockett und den Captain Lawrence Crockett, verlieren. Die Kriegsverluste sind in der englischen Aristokratie und der Upper Class überdurchschnittlich hoch.

Während des Krieges ist Northampton zu einer wirtschaftlichen Macht geworden, sechzig Millionen Paar Schuhe wird man herstellen, es gibt noch über hundert Fabriken. 1922 wird James Crockett geadelt, zwei Jahre später führt er den Duke of York durch seine Fabrik. Man produziert damals 15.000 Schuhe in der Woche, die Masse davon sind übrigens erstaunlicherweise Damenschuhe. Mit den Branchenriesen wie Goliath Footwear oder J Sears & Co und ihrer Handelsmarke True-Form kann man nicht konkurrieren

In den dreißiger Jahren beginnt man bei Crockett & Jones mit einer großangelegten Werbung. Für Herrenschuhe hat man den Namen Health Brand erfunden, man bewirbt die Schuhe noch in den fünfziger Jahren mit Texten wie: You will be wise to ask for ‚Health‘ Brand, probably the best shoes you can buy. Quiet, manly styles built by craftsmen from leather that is a joy to feel. Miles and miles better than shoes costing only a little less. Leaflet and address of your nearest stockist sent on request to Dept. N.8 Crockett & Jones Limited. Northampton.

Für die englische Lady hat man auch eine Linie, die Swan Shoes heißt. Obgleich es da bei der Firma am Anfang der Werbekampagnen noch ein wenig durcheinandergeht, auch ➱Herrenschuhe werden unter dieser Marke angeboten. Diese Anzeige ist von 1947, ➱Salvatore Ferragamo macht da andere Schuhe für die Damen. Die vielleicht nicht so lange halten wie ein rahmengenähter Swan Schuh. Im Jahre 1974 wird man die Health und Swan Marken aufgeben, die Schuhe werden dann nur noch Crockett & Jones heißen. Es sei denn, ein Händler oder eine Marke möchte ihren Namen auf dem Schuh haben, dann heißen die Schuhe Shipton & Heanage, New & Lingwood oder Peal & Co. Oder Unützer, Ralph Lauren und Baldessarini.

Letzteres gilt natürlich nur für die Firma von Werner Baldessarini, der sich seine Schuhe von Crockett & Jones und Laszlo Vass machen ließ. Crockett & Jones, die sich in den 1890er Jahren Goodyear Maschinen aus den USA bestellten, haben immer an der traditionellen Herstellung festgehalten: Well, we make our shoes from high-grade skins. And we don’t stamp them out en masse by machine. Each skin is marked out by hand, in the way that will suit the shoe best. Then we hand-cut and last and stitch each shoe. Wenn Schuhe heute mit dem Wort rahmengenäht beworben werden, dann ist das ein ungenauer Begriff, denn die meisten Schuhe sind nicht wirklich rahmengenäht, weil sie statt des Rahmens ein gemband besitzen. Die Schuhe von Crockett & Jones auch. Und auch – da müssen die Fans von Edward Green jetzt ganz stark sein – die Schuhe der Luxusmarke haben leider nur ein gemband, keinen echten Rahmen.

In den siebziger Jahren ging es der Firma nicht so gut, das sagt auch der Managing Director Jonathan Jones. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mir damals bei Shipton & Heanage ein Paar Crockett & Jones Wildlederschuhe für die Hälfte des Preises kaufte, war kein Ausverkauf. So etwas gibt es bei Shipton & Heanage heute natürlich nicht mehr. Heute ist Crockett & Jones wieder ganz oben. 89 Jahre nach dem Besuch des Duke of York wird wieder ein Mitglied des Königshauses die Firma besuchen. Charles ist auf einer Tour durch das Königreich um die Best of British Firmen zu besuchen, die Tour dauerte zwei Tage. Wir können daraus schließen, dass es nicht mehr so viele Firmen gibt, die dieses Best of verdient haben.

Crockett & Jones gehört natürlich dazu. Charles durfte auch ein Paar Schuhe mitnehmen, er wählte sich dieses schlichte Modell aus. Er bekam auch noch Schuhe für seine Söhne mit, zweimal das Modell Tetbury. Der Schuh ist im Augenblick besonders begehrt, weil ihn James Bond (sprich Daniel Craig) in Skyfall getragen hat. Das Tetbury Modell hat den Leisten No. 348, die Werbelyriker von Crockett & Jones können sich bei der Beschreibung des Leistens gar nicht mehr einholen:

Produced in November 2004. Last 348 is a versatile Main Collection last with a square toe. It is arguably the most important last that Crockett & Jones has developed in recent times. Dating back to 2004, last 348 became the most forward thinking last of a generation of shoemakers, setting Crockett & Jones apart. Housing the largest collection of styles, 348 has become an icon in itself. Normalerweise würden wir so etwas ja unter purple passages verbuchen, aber hier stimmt jedes Wort. Ich habe diesen loafer mit dem Leisten 348, und ich kann nur sagen: rattenscharf. Allerdings in dem Schnee, der gerade draußen liegt, würde ich ihn nicht tragen.

Noch mehr englische Schuhe in den Posts: Cliff Roberts, Artisan, Englische Herrenschuhe (Trickers), Englische Herrenschuhe (London)Englische Herrenschuhe (Alfred Sargent)Lord Byrons SchuheMilitärisches Schuhwerk, Wildlederschuhe, Chelsea Boots