Das hier ist etwas, was der Engländer als Shooting Jacket bezeichnet, eine Variante des ➱Norfolk Jacket. So etwas muss man unbedingt haben, wenn man Moorhühner schießen will. Die ihrem Untergang geweihte Gesellschaftsschicht in dem englischen Film ➱The Shooting Party hat so etwas selbstverständlich im Kleiderschrank. Normale Menschen brauchen das Teil eigentlich nicht. Vor allem, wenn sie nie zur Jagd gehen. Wie ich zum Beispiel, ich finde das völlig bescheuert. Ich muss mal eben etwas zitieren, was ich in dem Post ➱Hunde geschrieben habe: Mir sagte einmal eine Dame, die mit einem Hobbyjäger verheiratet war und ihm zuliebe das Spielen des Jagdhorns erlernt hatte: Es ist eine furchtbare Sache, mit einem Jäger verheiratet zu sein. Um zwei in der Nacht kommt er stinkend nach Hause, und um halb drei kotzt der Dackel den Teppich voll. Dank meines Englischlehrers James Tröbs kann ich zwar das englische Jagdlied ➱Do you ken John Peel with his coat so gay singen, aber da hört es auch auf.

Trotz all dieser Vorbehalte besitze ich jetzt eine Jagdjacke, rotgefüttert, Ostern bei ebay gekauft. Nicht, weil ich zur Jagd gehen will, sondern weil die Jacke von Hans-Alfred Terner in Hannover ist. Steht auf dem Etikett: H.A. Terner in Familienbesitz seit 1911. Dazu sollte ich einiges sagen. Ich habe eine gewisse Bindung an Hannover, weil ich in Rotenburg (Hannover) geboren wurde. Das war ein Zufall, weil wegen der ➱Bomben auf Bremen ein Teil der Bremer Frauenklinik ausgelagert war. Hannover war ja mal ein Königreich und danach eine preußische Provinz. Ich war immer stolz auf das Rotenburg (Hannover) in meinem Ausweis, aber heute steht da Rotenburg (Wümme). Ich habe versucht, dagegen vorzugehen, aber die ließen nicht mit sich handeln.

Rotenburg (Wümme) klingt schlimm, und ROW ist auch eins der gefürchtetsten Autokennzeichen in der Gegend. Mit Hannover verbindet mich auch noch, dass ich vor sechzig Jahren gesehen habe, wie ➱Hannover 96 im Volksparkstadion Deutscher Meister wurde. Und dann bin ich Jahre später auf der Heeresoffiziersschule I in Hannover gewesen, was eine sehr schöne Zeit war. Und der Post ➱Hannover aus meinem ersten Jahr als Blogger, zählt zu meinen Bestsellern. Ich weiß nicht weshalb. Ich als halber Hannoveraner kann die Posts ➱Ernst August, ➱Heinrich Hannover, ➱Maurice de Saxe und Opernhaus Hannover auch noch empfehlen.

Meine Mutter liebte Hannover. Nicht wegen der Oper, nicht wegen des Maschsees, der Herrenhäuser Gärten oder des Leineschlosses. Nein, zum Einkaufen. Da gab es dieses Pelzgeschäft namens Stoll, das sie irgendwie magisch anzog, obgleich sie schon einen Schrank voller Pelzmäntel hatte. Und sie mochte auch Terner, einen Laden, der Herren- und Damenkleidung führte. Und der mit Texten wie diesem warb:

Seit 1911 steht TERNER für englische und italienische hochwertige Klassik, von Anlass, Business, Sportswear bis Party. In unserer hauseigenen Schneiderei werden Änderungen und Maßwünsche handwerksgerecht und zuverlässig erfüllt. Dem Text wurden sie auch gerecht, sie hatten neben Unmassen von ➱Burberry ➱Trenchcoats erstklassige italienische Firmen im Angebot: Isaia, Belvest, Barbera etc. Ich besitze ein Belvest Jackett von Terner, das echte Knopflöcher hat, ich dachte immer, das gäbe es bei dieser Marke gar nicht. Für ihre Oberhemden konnte ich mich nicht begeistern, sie hatten Cleeve of London, eine Firma, die vor Jahren von Rayner und Sturges gekauft wurde und jetzt der Firma Drake’s gehört.

Die Qualität des Angebots war schon etwas anderes als ➱Ladage & Oelke in Hamburg, die ihren Kunden suggerierten, dass alles in ihrem Laden aus England käme. Und den armen anglophilen Modeopfern ungerührt deutsche Dressler Jacketts verkauften. Dies Photo ist aus den fünfziger Jahren, da war das Geschäft von Hans-Alfred Terner noch in der Bahnhofstraße. Damals trugen auch noch Pferderennen den Namen von Hans-Alfred Terner. Vielleicht war das schon ein wenig zu viel. Und dann musste man ja unbedingt in die Luisenstraße umziehen, weil da jeder sein wollte.

Mein ältestes Jacket von Terner ist ein fünfundzwanzig Jahre altes Isaia Jackett, ist immer noch gut. Richtige Made in Italy Qualität ist auch nach einem Vierteljahrhundert noch gut. Slim Fit Anzüge aus Asien sind schon im nächsten Jahr nicht mehr gut. Doch Terner, diesen schönen Laden im Familienbesitz gibt es seit einigen Monaten leider nicht mehr: Sehr verehrte Kunden und Freunde, mit großem Bedauern haben wir den stationären Einzelhandel zum 14.01.2017 eingestellt. In den vielen ereignisreichen und spannenden Jahren haben wir tolle Menschen kennen und schätzen gelernt und mit Ihnen eine schöne Zeit verbracht. Hierfür bedanken wir uns sehr bei unseren treuen Kunden und Freunden! Herzliche Grüsse Rebecca Terner-Hawellek. Die ➱Seite, auf der sich dieses Zitat findet, zeigt diesen Oldtimer, der irgendwie wie ein Leichenwagen aussieht, eine seltsame Symbolik.

Terner in Hannover ist nicht das einzige Geschäft, das in den letzten Jahren aufgeben musste. Sie können mehr zu diesem Thema in dem Post ➱Herrenausstatter lesen. Und dann können Sie auch noch die Artikel von ➱Bernhard Roetzel und ➱Jens Jessen über den deutschen Mann und die Mode lesen, dann wissen Sie, warum das mit dem schleichenden Tod der Herrenausstatter so ist. Dieses Teil musste ich natürlich unbedingt haben, sie hat alles, was eine Joppe haben muss: Blasebalgtaschen, echte Knopflöcher, Golffalte im Rücken, einen anknöpfbaren Drehteufel, Lederflicken auf dem Ärmel und einen aufgesteppten Gürtel auf dem Rücken.

Und dann noch dieses leuchtend rote Steppfutter mit dem blauen Etikett, auf dem Im Familienbesitz seit 1911 steht. Es ist eine echte Nostalgiejacke. Man kann sie bei diesem Schietwedder ganz hervorragend tragen. Und man braucht definitiv keine Purdey Seitenschlossflinte als Accessoire für dieses Jackett. Ich brauche jetzt allerdings noch ein Jagdgedicht, aber da brauche ich nicht lange zu suchen. Ich nehme mir Rudyard Kiplings Fox-Hunting, ein Gedicht über tausend Jahre Fuchsjagd in England aus der Perspektive des Fuchses. Ich mag ➱Rudyard Kipling, er ist schon häufig hier zitiert worden. Eins der Highlights dieses Blogs ist die Übersetzung seines Gedichts Mandalay ins ➱Plattdeutsche, das gibt es sonst nirgends, nur hier.

Obgleich Kipling der upper middle class angehört, mag er die nicht so sehr. Seine ➱Zeile von den flannelled fools at the wicket or the muddied oafs at the goals tut den ➱Cricket Liebhabern immer noch weh. Und auch der Sprecher in ➱McAndrew’s Hymn hat eine gewisse Verachtung für die Oberklasse: Romance! Those first-class passengers they like it very well, Printed an‘ bound in little books; but why don’t poets tell? I’m sick of all their quirks an‘ turns – the loves an‘ doves they dream – Lord, send a man like Robbie Burns to sing the Song o‘ Steam! Dieser kleine Fuchs muss bei dem Kipling Gedicht unbedingt erwähnt werden, er ist der Hauptdarsteller (neben Berühmtheiten wie Eric Porter, Jeremy Kemp oder Dennis Waterman) in dem wunderbaren Film The Belstone Fox (Sie können ➱hier einen kleinen Schnipsel des Films sehen). Aber nun das Gedicht Fox-Hunting:

The Fox Meditates

When Samson set my brush afire
To spoil the Timnites barley,
I made my point for Leicestershire
And left Philistia early.
Through Gath and Rankesborough Gorse I fled,
And took the Coplow Road, sir!
And was a Gentleman in Red
When all the Quorn wore woad, sir!

When Rome lay massed on Hadrian’s Wall,
And nothing much was doing,
Her bored Centurions heard my call
O‘ nights when I went wooing.
They raised a pack they ran it well
(For I was there to run ‚em)
From Aesica to Carter Fell,
And down North Tyne to Hunnum.

When William, landed hot for blood,
And Harold’s hosts were smitten,
I lay at earth in Battle Wood
While Domesday Book was written.
Whatever harm he did to man,
I owe him pure affection;
For in his righteous reign began
The first of Game Protection.

When Charles, my namesake, lost his mask,
And Oliver dropped his’n,
I found those Northern Squires a task,
To keep ‚em out of prison.
In boots as big as milking-pails,
With holsters on the pommel,
They chevied me across the Dales
Instead of fighting Cromwell.

When thrifty Walpole took the helm,
And hedging came in fashion,
The March of Progress gave my realm
Enclosure and Plantation.
‚Twas then, to soothe their discontent,
I showed each pounded Master,
However fast the Commons went,
I went a little faster!

When Pigg and Jorrocks held the stage,
And Steam had linked the Shires,
I broke the staid Victorian age
To posts, and rails, and wires.
Then fifty mile was none too far
To go by train to cover,
Till some dam‘ sutler pupped a car,
And decent sport was over!

When men grew shy of hunting stag,
For fear the Law might try ‚em,
The Car put up an average bag
Of twenty dead per diem.
Then every road was made a rink
For Coroners to sit on;
And so began, in skid and stink,
The real blood-sport of Britain!

Ich trage meine braune Jagdjacke mit den großen roten ➱Karos schon eine Woche lang, niemand hat bisher irgendeine Bemerkung dazu gemacht. Eine Reaktion gab es allerdings schon: das Eichhörnchen vorgestern, das hat die Straßenseite gewechselt, als es mich kommen sah. Do you ken John Peel with his coat so gay …

Das hier ist der bayrische Prinz Luitpold, er ist gerade Regent von Bayern geworden. Durch eine sensationelle Proklamation: Im Namen Seiner Majestät des Königs. Unser Königliches Haus Bayerns treubewährtes Volk ist nach Gottes unerforschlichem Ratschlusse von dem erschütternden Ereignisse betroffen worden, daß Unser vielgeliebter Neffe, der allerdurchlauchtigste großmächtigste König und Herr, Seine Majestät König Ludwig II., an einem schweren Leiden erkrankt sind, welches Allerhöchstdieselben an der Ausübung der Regierung auf längere Zeit im Sinne des Titels II § 11 der Verfassungsurkunde hindert. Der an einem schweren Leiden erkrankte König wird drei Tage später im Starnberger See ertrinken. Luitpold bleibt bis zu seinem Tode Prinzregent, da Ludwigs Nachfolger Otto auch geisteskrank ist.

Regenten sind in Bayern also etwas Besonderes, aber um die Prinzregenten soll es heute nicht gehen, sondern um die bayrische Firma Regent in Weißenburg. Die natürlich auch etwas Besonderes ist, die 1946 gegründete Firma ist der einzige deutsche Hersteller im HAKA Bereich, der Handarbeit Made in Germany produziert. Schon in der Zeit, als Bayern eine amerikanische Besatzungszone war (das kann man am Nummernschild erkennen), präsentierte man  sartoriale Luxusprodukte. Mit BMW, Vorzeigedame, Pudel und ➱Spectator Schuhen. Vielleicht ein wenig zu viel des Guten.

Eigentlich brauchte ich keine Jacketts mehr, die Schränke sind voll. Doch ich hatte in der Woche zufälligerweise als eine Art Frühlings ➱Sale vier Jacketts an Freunde verkauft (beziehungsweise verschenkt), da kam mir das braune, karierte Kaschmirsakko von Regent, das ich bei ebay Kleinanzeigen sah, gerade recht. Jacketts kosten bei mir für Freunde und Bekannte zwischen zehn und fünfzig Euro, dafür kriegen die dann auch Belvest, Boglioli, ➱Caruso oder ➱Zegna. Die Gattinnen und Lebensgefährtinnen meiner Freunde sind mir sehr dankbar dafür, dass ich über die Jahre eine vollständige sartoriale Veränderung an ihrem Gespons durchgeführt habe.

Das Regent Jackett bei ebay Kleinanzeigen gefiel mir, weil ich vor über vierzig Jahren schon einmal ein sehr ähnliches Teil mit braunen Karos hatte. Das kam von ➱Windsor (die damals noch etwas darstellten), und es war auch aus Kaschmir. ➱Kelly hat es mir bei seinem ersten Ausverkauf, den er in seinem neuen Laden machte, für 75 Mark verkauft. Ich habe es lange getragen, es ist auf vielen meiner Photos zu sehen.

Für 75 Mark hatte ich mir auch Jahre zuvor in Hamburg mein erstes Regent Jackett gekauft. Die kleine Geschichte steht schon in dem Post ➱Made in Germany. Ein Post, der zahlenmäßig ein klein wenig Furore bei den Lesern gemacht hat und mir eine lange Mail vom damaligen Regent Chef Detlev Diehm eintrug. Bei diesem Bild hat die Steffi, die mir das Jackett verkauft hat, den Zollstock über das Jackett gelegt, weil ich ihr gesagt hatte, dass ihre ersten Maßangaben nicht stimmen konnten.

Ich hatte recht, das Photo mit dem Zollstock bewies es. Viele Händler bei ebay machen sich nicht die Mühe, Maße anzugeben. Die schreiben eine Konfektionsgröße in den Text und fertig. Bei ebay Kleinanzeigen sind die Verkäufer häufig viel netter als bei ➱ebay, und die Steffi hat alle meine Fragen nett beantwortet. Wir wissen natürlich alle längst, dass Konfektionsgrößen heute überhaupt nichts mehr bedeuten. Die aus Deutschland nicht, und die aus anderen Ländern erst recht nicht. Das ist wahrscheinlich das Unwichtigste von den Dingen, das ➱Europa nicht hinkriegt, aber es ist immer ein Ärgernis. Es ist ja auch nicht so, dass man sich bei einem Hersteller auf die Größen verlassen kann. Von der Firma Regent habe ich Jacketts, die mit den Größen 26, 50, 52 und 54 ausgezeichnet sind. Alle passen.

Eins muss man den deutschen Managern lassen, sie tragen meistens gutsitzende Anzüge, und sie strahlen eine gewerbsmäßige Zuversicht aus. Wie hier Dr Peter Krampf, der die Firma Regent im Februar 2015 aus der Insolvenz heraus gekauft hatte, nachdem die italienische Tombolini Gruppe kein Interesse mehr an Regent hatte. Dr Krampf hat in Bayreuth promoviert und war dann bei McKinsey, einem Unternehmen, das angeblich immer Firmen rettet. Wie das dann aussieht, weiß man, wenn man Hochhuths Theaterstück McKinsey kommt gelesen hat. Und kam es eben doch, wie es kommen musste, im letzten Jahr musste der Mann mit dem Doktortitel aus Bayreuth (den hatte ➱Guttenberg auch einmal) zweimal die Insolvenz anmelden. Obgleich ihm die Neupositionierung der Marke gelungen schien. Dr Krampf hatte auch eine schweineteure Werbeagentur, die schon für ➱Brioni gearbeitet hatte, verpflichtet. Und was haben McKinsey und Werbefuzzis gebracht? Nix.

Die neuen Herren bei Regent tragen keine ➱Krawatten mehr. Obgleich sie wohl das Geld hätten, sich eine zu kaufen. Hier sehen wir Philippe Brenninkmeijer und den Eichstätter Bauunternehmer Andreas Martin Meier, die die Firma Regent gerade ohne Fremdkapital gekauft haben und sie wieder in die schwarzen Zahlen bringen wollen. Brenninkmeijer hat der Presse gesagt: Das ist uns ein großes Anliegen, dass wir uns alle als Familie verstehen und gemeinsam für unsere Erfolge arbeiten und sie dann auch gemeinsam feiern. Auf das Feiern werden sie in Weißenburg wohl noch ein wenig warten.

Der Frack, den Willem-Alexander bei seiner Krönung trug, kam von Regent. Darauf ist man in Weißenburg immer noch stolz. Das Photo hängt im Flur der Firmenzentrale, Herzlichen Dank, hat der König auf das Bild geschrieben. So wird man mit Regent zum König. Das ist der Luitpold nie geworden. Philippe Brenninkmeijer träumt jetzt nicht von einem Königreich, aber von eigenständigen Regent Shops. Doch erstmal ist Schmalhans Küchenmeister. Der neue Chef hat sich für sein Büro einen neuen Teppich gekauft. Bei Ikea. Aus der eigenen Tasche bezahlt.

Brenninkmeijer war zuvor kurze Zeit Geschäftsführer bei dem Londoner Schneider Huntsman gewesen (dort trug er allerdings einen Schlips zur Arbeit), aber die Sache mit der bayrischen Firma Regent reizte ihn mehr. Huntsman hat auch gerade neue Eigentümer bekommen, denen ging es wahrlich (wie man anderen Firmen der Savile Row) nicht mehr gut. Im oberen Preissegment haben heute viele Firmen Probleme, H&M hat die nicht. An dem Artikel, den ➱Bernhard Roetzel im Januar schrieb, ist schon viel Wahres dran. Der englische Schneider Malcolm Plews sagte zur Lage der Savile Row nach dem Brexit Referendum: I don’t think it will affect our particular craft because they’re very few other countries who have got our reputation for making bespoke suits. Wenn er sich da mal nicht täuscht. Wenn Regent endlich mal offene Ärmelschlitze und echte Knopflöcher am Ärmel machen würde, könnten sie mit der Savile Row mithalten.

Und da Frau May gerade die Scheidungspapiere eingereicht hat, vielleicht noch einige Zeilen zur ➱Savile Row und dem ➱Brexit. Will UK fashion survive Brexit? hatte die Financial Times einmal getitelt, und nach dem Brexit Referendum gab es schon Ausverkäufe auf der Savile Row – in diesem deutschen Laden, der sich Sons of Savile Row nennt, auch. Früher war ich anglophil, sogar vielleicht ein wenig angloman, so etwas war in Bremen normal. Jetzt halte ich es mit Fontane, der im ➱Stechlin eine Romanfigur sagen lässt: England. Es hat für mich eine Zeit gegeben, wo ich bedingungslos dafür schwärmte. Nicht zu verwundern. Hieß es doch damals in dem ganzen Kreise, drin ich lebte: ›Ja, wenn wir England nicht mehr lieben sollen, was sollen wir dann überhaupt noch lieben?‹ Diese halbe Vergötterung hab‘ ich noch ehrlich mit durchgemacht. Aber das ist nun eine hübsche Weile her. Sie sind drüben schrecklich runtergekommen, weil der Kult vor dem Goldenen Kalbe beständig wächst; lauter Jobber und die vornehme Welt obenan. Und dabei so heuchlerisch; sie sagen ›Christus‹ und meinen Kattun.

Dieses schöne blaue Regent Jacket besitze ich nicht mehr. Es war ein hervorragendes Jackett, aber es fusselte. Pilling en masse. Ich schrieb an Regent, die wollten das Jackett sehen. Und schickten mir dann ein anderes, das nicht mehr dieses wunderbare geheimnisvolle Blau (in dem auch viel Schwarz war) hatte, aber dafür nicht mehr fusselte. Ich bekam auch einen Entschuldigungsbrief, in dem die Schuld auf den iatlienischen Partner geschoben wurde. Auf diese Weise erfuhr ich damals zum ersten Mal, dass die Firma im Besitz von Tombolini war. Ich war jahrelang auf der mailing list der Firma Regent und bekam diese schönen kleinen Hochglanzkataloge. Irgendwann kamen die nicht mehr, daran merkte man, dass neue Herren im Haus waren.

Aber ob die Besitzer nun Tombolini oder die Quandts (unter denen die Produktion nach Polen verlegt wurde) waren, so etwas wie dies hier hätten sie wohl keinem Kunden geliefert. Ein Jackettkragen sollte am Körper anliegen und sich nicht zu den Ohren bewegen. Das hier ist der berüchtigte Sean Spicer, der sich einige neue Anzüge hatte machen lassen, nachdem sein Chef seinen Kleidungsstil kritisiert hatte. Er kaufte die natürlich nicht bei einer Firma wie Oxxford (lesen Sie ➱hier mehr über die Anzüge amerikanischer Präsidenten), sondern orderte die bei irgendeiner asiatischen Internetfirma. Und so sehen die Anzüge auch aus. Das ist der wahre Geist des Make America Great Again: Klamotten aus Asien. Wo ja auch die Donald Trump Collection und die Ivanka Collection hergestellt werden. Trump und seine Rasselbande sind ja zu blöd. Wenn sie amerikanische Anzüge kaufen würden, dann könnten sie das patriotisch vermarkten. So wie Obama dezent seinen Schneider Martin Greenfield vermarktet hat, der noch ein Überlebender von Auschwitz war.

Detlev Diehm (Bild), der bei Regent vom Schneidermeister in die Unternehmensführung aufgestiegen war, war über Italiener gar nicht so unglücklich. Denn sein Ideal eines Anzugs war der italienische Anzug mit der neapolitanischen Schulter, sanft fallend, ohne Einlagen. Leider hat er sich nicht durchsetzen können, nach drei Jahren an der Spitze wechselte er nach London zu ➱Scabal. Ich habe im Internet auf der Seite von Seestraße 7  die netten Sätze gefunden: Das Unternehmen Regent genoß einst Weltruf und eine internationale Kundschaft. Nach der Übernahme durch den italienischem Großbetrieb Tombolini ereilte Regent ein Schicksal, das häufig kleinen mittelständischen Unternehmen der Branche beschieden ist, wenn Großunternehmen die Türschwelle überschreiten. Wir wünschen diesem letzten großen deutschen Schneiderunternehmen nur das Beste, denn ein Land mit Kultur kann in Sachen Herrenbekleidung keinesfalls nur von Boss oder Hess Natur repräsentiert werden. 

Das hier ist Martin Kury, der Betriebsleiter bei Regent. Er zeigt uns, wie hervorragend ein karierter Anzug sitzen und aussehen kann. Das ist schon etwas anderes als die karierten Anzüge vom Mautminister ➱Alexander Dobrindt. Denn Karos auf Anzügen sind eine gefährliche Sache, für ➱Major Thompson sind sie O.K., für Alexander Dobrindt garantiert nicht.

Dieser Herr macht natürlich alles richtig, auch das ist ein karierter Anzug. Mit der Sorte Karo, die wir gemeinhin Glencheck nennen. Die Engländer unterscheiden da noch zwischen Glen Urquhart Check und dem Prince of Wales Check. Der Name Urquart sagt Ihnen etwas, weil beim Castle Urquart sporadisch das Monster Nessie gesehen wird. Falls Sie den Post ➱Loch Ness Monster, Killerwelse und Dackel noch nicht gelesen haben, dann sollten Sie das unbedingt tun. Und zum Thema James Bond und seine Schneider lesen Sie bitte die Posts ➱Agentenmode und ➱Spectre.

Was sie bei Regent nicht so richtig hinkriegen, das ist das Anpassen der Karos. Ich habe schon in dem langen Post ➱Maßkonfektion geschrieben: Leider schaffen sie es bei Regent nie, die Karos bei einem Glencheckjackett anzupassen. Da würde man bei ➱Kiton oder ➱Caruso ja lieber tot umfallen, als so etwas aus dem Haus zu lassen. Ich kann das gerne wiederholen. Ist ihnen auch bei dem tollen Kaschmir Jackett, das mir die Steffi verkauft hat, nur stellenweise gelungen. Aber davon abgesehen ist es ein wuschelig weiches Klasseteil.

Natürlich mit Bemberg Futter, und nix geklebt. Da kommt in Weißenburg immer noch Strobels Roll-Pikiermaschine zum Einsatz, die mit einem Blindstich das Futter an den Stoff heftet. Über 10.000 Nadelstiche verlangt ein Anzug, erst nach zwanzig Stunden ist er zum Bügeln fertig. Das auch seine Zeit verlangt. Ein Boss Anzug, wird nicht pikiert. Da wird nur geklebt, und das Ganze ist nach zwei Stunden fertig, von einem Automaten in Form gepresst. Irgendwo in der Türkei, in Bangladesh oder Mexiko, wo Boss Hungerlöhne zahlt, die unter der Armutsgrenze des jeweiligen Landes liegen.

Die Knopflöcher werden bei Regent angeblich von Hand genäht, sehen aber nicht danach aus. Mit einem ➱Kiton Knopfloch zum Beispiel können sie nicht mithalten. Die Knöpfe von Regent Sakkos kommen von der Augsburger Knopffabrik Carl Schneider & Söhne. Sie haben immer drei statt vier Löcher, eine Erinnerung an die Zeit, als Regent und van Laack zusammengehörten. Vielleicht sollte man mit der Neuorientierunf des Unternehmens mal zu einem Knopf mit vier Löchern übergehen.

Ich trage jetzt erst einmal wochenlang mein neues Regent Jackett, für das ich der Steffi sehr dankbar bin. Karos sind ja sowieso im Augenblick angesagt, hat mir ➱Michael Rieckhof (hier im karierten Anzug) gerade versichert. Er hat mir aber auch gesagt, dass die erste Reaktion eines Kunden, den er für einen karierten Anzug begeistern wollte, der Satz war: Aber dreh’n Sie mir bloß keinen Dobrindt an. Soweit ist es schon gekommen.

Und ich wünsche natürlich Philippe Brenninkmeijer und seinem Compagnon alles Glück der Welt für ihr Unternehmen. Und das er viele Stammkunden zurückgewinnen möge. Früher war ja mal Thomas Rusche mit seinem Unternehmen ein Großkunde, heute taucht Regent im Sör Katalog nicht mehr auf. Warum lässt Ed Meier in München seine Klamotten bei den Portugiesen ➱Diniz & Cruz machen und nicht bei der bayrischen Firma Regent? Und was ist eigentlich mit dem bayrischen Ministerpräsidenten? Warum setzt der sich nicht für das bayrische Unternehmen ein? ➱Franz-Josef Strauß soll ja Regent getragen haben. Aber Politiker sind eine schlechte Werbung. Die Großkotz Anzeige im zweiten Absatz war auch schlechte Werbung, aber in der Wirtschaftswunderzeit fand man so etwas ganz toll. Vielleicht sollte man es mal mit witziger Werbung versuchen. Und mit dieser Paul Smith Anzeige komme ich wieder auf das braune, karierte Jackett zurück. Meines ist natürlich viel eleganter.

Noch mehr Regent in Made in Germany, noch mehr Karos in Gauland (kariert)

 

Ich weiß nicht mehr, bei welchem jüngeren deutschen Autor ich es gelesen habe, ich kriege das Zitat auch nicht mehr richtig zusammen. Aber die beiläufig mit einem gewissen Hass dahingestreuten Sätze gingen dahin, dass den Berliner Männern jegliche Eleganz fehle und die Berliner Schneider überhaupt nichts von ihrem Handwerk verstünden. Ich glaube, es stand irgendwo bei Peter Schneider, der ja zur Stadt Berlin viele literarische Liebeserklärungen abgegeben hat, die noch einmal dieses hedonistische Ambiente von vor 1989, das Leben in der ästhetisierten Sumpfblüte Westberlin, wo die Welt noch in Ordnung war hervorriefen.

Das klingt im Jahre 1852 ganz anders, wo die Menschen sich mit ihrer Biedermeier Garderobe in der Granitschale im Lustgarten (hier ein Bild von ➱Johann Erdmann Hummel) spiegeln können. Und wo man in einem Magazin lesen kann: Auch die Anzüge sind in Berlin bis auf die Besucher der öffentlichen Locale zweiter und dritter Klasse herab, weit geschmackvoller. Der Berliner kleidet sich stets mit einer gewissen Zierlichkeit. Aber wahrscheinlich stimmt die Sache mit der mangelnden Eleganz, wir brauchen ja nur in unserer eigenen Stadt einmal durch die Straßen zu gehen und die Herren der Schöpfung anschauen. Warum soll es in Berlin anders sein?

An dem Satz von ➱Lagerfeld mit der ➱Jogginghose ist sicher etwas dran. Der Engländer Nik Cohn wusste schon, weshalb er seine Geschichte der englischen Herrenmode mit ➱Today there are no gentlemen betitelte. Bernhard Roetzel hat sich am 1. Januar dieses Jahres in der ➱Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den Niedergang der Kleidungskultur geäußert, so etwas Ähnliches hatte Jens Jessen schon im Jahre 2004 in der Zeit gesagt. So elegant wie die Berliner Modeschöpfer Gerd Staebe und Hans Seger, die F.C Gundlach 1957 in einer Villa in Dahlem photographierte, ist der Durchschnittsberliner sicherlich nicht. Damals nicht, heute erst recht nicht. Es fehlt die gewisse Zierlichkeit.

Wir müssen ein wenig zurückgehen in der Geschichte Berlins, wenn wir den Beginn von Berlin als Modemetropole festmachen wollen. Wobei wir die Schneiderrevolution von 1830 mal draußen vor lassen. Schneider gab es schon immer in Berlin, da können wir bis ins Mittelalter zurückgehen, als Berlin noch ein kleines Kaff ist. Und die Hugenotten, die der Große Kurfürst willkommen heißt, bringen uns nicht nur die Familie ➱Fontane, sondern auch viele Schneider und Schneiderinnen, Putzmacher- und Posamentenmacherinnen (auf dieser ➱Seite findet sich eine interessante Geschichte der Schneider in Berlin, die ja zu häufig nur Militärschneider waren). Aber wir springen jetzt einmal in die 1830er Jahre, in denen die Konfektion in Berlin entsteht.

Das hier ist Valentin Manheimer, der sich an seinem siebzigsten Geburtstag von ➱Anton von Werner hat malen lassen, er konnte es sich leisten, von dem Malerfürsten gemalt zu werden. Bei seinem Tod wird er ein Vermögen von mehr als zehn Millionen Mark hinterlassen. Manheimer war zusammen mit Herrmann Gerson der erste, der in einem Laden vorgefertigte Kleidung des sogenannten Stapelgenres verkaufte. Manheimer wird mit seinen Damenmänteln zum Berliner Mantelkönig. Diese Damenmäntel aber wurden in Berlin so perfektioniert, daß der Berliner Mantel zu einem Gütebegriff in der ganzen Welt wurde und es bis heute geblieben ist! Seither bilden die „Mantelkönige“ die Spitze in der Hierarchie der Konfektion, schreibt Brunhilde Dähn in ihrem plaudernd geschriebenen Buch Berlin, Hausvogteiplatz: über 100 Jahre am Laufsteg der Mode.

Das Ende der 1830er Jahre ist die Geburtsstunde der Konfektion, die sich um den Hausvogteiplatz herum ansiedelt. Das Bild zeigt das Kaufhaus von Herrmann Gerson, das sich schnell zu Berlins führendem Kaufhaus entwickelt hat. Berlin wird zu einer Stadt der ➱Haute Couture, die sich mit Paris messen kann: Die Geschichte der Berliner Konfektion ist zugleich die Geschichte derjenigen deutschen Industrie, die sich als erste den Weltmarkt eroberte und den Ruf von deutscher Arbeit und deutschen Gewerbefleißes in die fernsten Länder trug. Das Zitat aus dem Confektionair von 1900 findet sich wiederum bei Brunhilde Dähn, deren Buch 1968 im Göttinger Musterschmidt Verlag erschienen ist. Dort war 1960 auch das Lexikon der Herrenmode von ➱Hermann von Eelking erschienen.

Gerson (hier ein Blick in seinen Vorführsalon aus der Zeit um 1890) war mit Gerson’s Bazar am Werderschen Mark auf höherem Niveau als der Mantelkönig Manheimer. Hier wird sich die feine Welt treffen, russische Aristokraten und Dollarprinzessinnen. Am Ende des Jahrhunderts beschäftigt die Firma 600 Zwischenmeister und 8.000 Näherinnen. Sie können alles dazu in dem Buch Ein Feentempel der Mode oder Eine vergessene Familie, ein ausgelöschter Ort von ➱Gesa Kessemeier lesen. Und natürlich auch bei Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode 1836-1939: Die Zerstörung einer Tradition, einem Buch, das in diesem Blog schon mehrfach zitiert wurde.

Ein Blick in die Confection heißt dieser Farbholzstich aus dem Jahre 1895. Für viele Frauen in Berlin war dies der einzige Blick, den sie in das Reich von Herrmann Gerson werfen konnten, die Mode trennt in der Belle Époque die sozialen Schichten säuberlich. In einem Reiseführer für Berlin wird die Glitzerwelt beschrieben als: Gerson’s Bazar ist das geschmackvollste, großartigste und bedeutendste Manufakturwaarengeschäft in Deutschland. … Welch ein bewegtes schillerndes Leben in diesen Räumen voll Seidenglanz, zwischen diesen, mit strahlenden Teppichen behangenen Wänden, auf den mit weichen Decken belegten Treppen, unter diesem Heer von rechnenden und schreibenden Comtoiristen, von verkaufenden Commis und Ladenjungfern, von begehrlichen, verschwenderisch freigebigen oder feilschenden Käufern!

Herrmann Gerson, der selbst aus kleinen Verhältnissen kam, war jedoch nicht nur für die Reichen und Schönen da. Er beliefert auch breite Bevölkerungsschichten mit konfektionierter Kleidung. Und er sorgt sich – ein patriachalisches Vorbild – um seine Angestellten, lange vor der Bismarckschen Sozialgesetzgebung sind seine Angestellten krankenversichert und bekommen im Krankheitsfall  eine Lohnfortzahlung für die Dauer von zwei Monaten. Gerson stirbt 1861, als er gerade den Krönungsmantel für ➱Wilhelm I. vollendet hat. Seine Kinder werden sein Erbe fortführen, bis das Kaufhaus 1936 arisisert wird.

Die soziale Verpflichtung gegenüber den Angestellten finden wir bei vielen jüdischen Unternehmern, so zum Beispiel auch bei Julius Bamberger, dem das größte Kaufhaus von Bremen gehört. Bambüdel nennen es die Bremer liebevoll. Ich habe das schon am Rande erwähnt, als ich über den Kriegsverbrecher ➱Walter Többens aus meinem Heimatort geschrieben habe. Und natürlich gibt es diese vorbildliche Haltung bei Wilfrid Israel, dem Erben des Kaufhauses Nathan Israel, einem der größten Kaufhäuser Europas, das man manchmal mit Harrods vergleicht. Die Arbeitsbedingungen bei Israel sind beispielhaft, von der Sozialversicherung über Kindergärten und Clubräume (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Wilfrid Israel). Wir finden Ähnliches bei Titus Salt in England und bei Ermenegildo Zegna in Italien (lesen Sie ➱hier mehr dazu).

Die zwanziger Jahre sind eine große Zeit für die Berliner Mode, ein Zeichen dafür kann es sein, dass die renommierte Schneiderei Knize aus Wien 1924 ein Geschäft in der Wilhelmstraße aufmacht (das aber nicht von ➱Adolf Loos gestaltet wird, wie der Laden in Wien). Für die Herren scheinen die einzigen Kleidungsstücke ➱Frack und ➱Smoking zu sein, auf jeden Fall vermitteln die jetzt in Babelsberg entstehenden Filme diesen Eindruck. Die beiden Links verweisen zu zwei viel gelesenen Posts, und ich kann zu dem Thema noch die Dissertation ➱Würdiger Bürger im Frack?: Ein Beitrag zur kulturgeschichtlichen Kleidungsforschung von Iris Gräfin Vitzthum von Eckstädt empfehlen.

Berlin ist zur Filmmetropole geworden, und das färbt auf die Modemetropole ab. Es war nun wirklich nicht alles golden, was man heute die Goldenen Zwanziger nennt. Aber für die Mode war es eine glänzende Zeit, hat ➱Volkmar Arnulf, der Doyen der Berliner Schneider, gesagt. Wie man Frack und Smoking richtig trägt, das weiß Hermann von Eelking mit seinen Zeitschriften Der Modediktator und dem ➱Herrenjournal offensichtlich am besten. Im Weinrestaurant war nach seiner Meinung eine schwarze Ripsweste vorgeschrieben, und dann gab es noch Ausnahmefälle, bei denen jüngeren tanzenden Herren der Smoking mit weißer Weste oder Kummerbund gestattet ist.

Ein Jahrzehnt später wird der Hauptmann a.D. und SA Obertruppführer im Stab der berüchtigen SA-Brigade 31 Berlin-Brandenburg mit seinem Buch Die Uniformen der Braunhemden (hier im ➱Volltext) von sich reden machen. Da ist dann nicht mehr von Ripswesten oder Kummerbund die Rede. Der Machtantritt der Nationalsozialisten ist zugleich das Ende der Berliner Konfektion, die zu 90 Prozent in jüdischem Besitz ist. Namhafte Konfektionäre verlassen Deutschland, manche ermöglichen auch ihren Angestellten die Emigration nach England, da sie dort Tochterunternehmen besitzen oder Verwandte haben. Die Berliner Fabriken und Modehäuser werden arisiert, wir haben für alles einen wohlklingenden Namen.

In meinem Heimatort wird der mittellose Angestellte ➱Walter Többens, der zuvor bei der Firma Leffers gearbeitet hatte, für 1,4 Millionen das Kaufhaus von ➱Julius Bamberger kaufen. Und danach wird er im Warschauer Ghetto eine Großproduktion von Uniformen hochziehen. Bamberger flieht über die Schweiz und Frankreich in die USA, nach dem Krieg bekommt er von einem Gericht 50.000 Mark zugesprochen. Többens war nach dem Krieg in Polen zum Tode verurteilt worden, entzog sich aber immer wieder der Auslieferung. In Bremen wurde er 1949 als Kriegsverbrecher verurteilt: zehn Jahre Arbeitslager, Einziehung des Vermögens, Verlust aller bürgerlichen Rechte und jedes Anspruchs auf Rente und Unterstützung. Das Urteil wurde nie vollstreckt, Többens wird 1952 als Mitläufer eingestuft. Vom Kriegsverbrecher zum Mitläufer in drei Jahren, auch das ist deutsche Wirklichkeit, auf die wir nicht stolz sein können.

Ich bin auf das Thema der Vernichtung der Berliner Modewelt schon in den Post ➱Haute Couture und ➱Wilfrid Israel (und vielleicht auch in dem Post ➱Damenmode) eingegangen. Ich will auch gerne interessante Bücher wie Gloria Sultanos ➱Wie geistiges Kokain: Mode unterm Hakenkreuz oder Irene Guenthers Nazi Chic? Fashioning Women in the Third Reich (für das die Rezensentin des Guardian den Titel ➱Dressed to Kill fand) erwähnen, die aber alle noch nicht das letzte Wort zur Aufarbeitung dieses zu lange vernachlässigten Themas sein können.

Denn seit Uwe Westphals hervorragendem Buch Berliner Konfektion und Mode: Die Zerstörung einer Tradition 1836-1939 (1986, zweite verbesserte Auflage 1992) hätte man eigentlich eine Vielzahl von Publikationen erwartet. Uwe Westphal hat vor zwei Jahren die Geschichte der Berliner Konfektion in den Roman Ehrenfried & Cohn hinein geschrieben, das ist ein Buch, das man unbedingt empfehlen kann. Und vielleicht könnte das Fernsehen den 6-Teiler Durchreise von 1993 mal wieder bringen (➱hier ein Schnipsel daraus). An verschiedenen Stellen im Internet wird der Nazi Hermann von Eelking persilrein gewaschen, und ich habe hasserfüllte Kommentare erhalten, weil ich frecherweise den Baron zu einem SA Mitglied und zum Autor von Die Uniformen der Braunhemden machte. Ja, wie konnte ich nur?

Die dreißiger Jahre sind das Jahrzehnt der Modezeitschriften, da gibt es die ➱Elegante Welt und die ➱Die Dame, eine Zeitschrift mit dem Untertitel Journal für den verwöhnten Geschmack. Für die schreiben Kurt Tucholsky, ➱Gregor von Rezzori und viele andere. Und dann ist da noch ➱Die neue Linie (das Blatt für Menschen mit Geschmack – monatlich 1 Mark), man kann in Deutschland Vogue und Vanity Fair, die auf den deutschen Markt drängen, durchaus etwas entgegensetzen. Schon im 19. Jahrhundert gab es bei Herrmann Gerson eine eigene Modezeitung, Der Bazar: Erste Damen– und Modenzeitung, deren Chefredakteurin die Modejournalistin Antonie von Cosmar war.

Das war sicher erstaunlich, aber nicht unbedingt revolutionär. Modezeitschriften gab es schon seit dem 18. Jahrhundert: seit 1786 erschien das Journal des Luxus und der Moden. Und sogar deutsche Philosophen wie ➱Christian Garve schrieben damals über die Mode. Philosophen werden das weiterhin tun, ob sie nun Thomas Carlyle (➱Sartor Resartus: The Life and Opinions of Herr Teufelsdröckh), Georg Simmel (➱Philosophie der Mode) oder ➱Roland Barthes heißen. Ob dieser Herr mit den gelben ➱Gamaschen ein Philosoph ist, weiß ich nicht, aber er liest auf jeden Fall das erst deutsche Magazin für Herrenmode, das schlicht ➱Der Herr heißt (der Herausgeber Hubert Miketta wechselte später als Chefredakteur zur Eleganten Welt). Die Zeitschrift existierte von 1913 bis 1943 – in dem Jahre gab es auch die Elegante Welt nicht mehr. Dieser Satz ist doppeldeutig, und das soll er auch sein.

Die goldenen zwanziger Jahre sind der Höhepunkt (aber auch der Schwanengesang) der Berliner Mode, die Konfektion wird sich zum drittgrößten Wirtschaftsfaktor aufschwingen, sogar nach Amerika exportiert man den ➱Berliner Chic. Von dort importiert man den Frauentyp des ➱flapper, den F. Scott Fitzgerald unsterblich gemacht hat auch nach Berlin. In Frankreich heißen diese neuen Frauen garçonnes (benannt nach der Romanheldin von Victor Marguerittes Roman La garçonne), von denen man nicht so genau weiß, ob sie Kampflesben oder einfach nur modische junge Frauen sind. Überall finden wir crossdressing, wir alle kennen das Bild von Marlene Dietrich im ➱Frack, hier trägt sie einmal einen Straßenanzug.

Es ist die Zeit der Kapotthüte und der enganliegenden Kleider. Es ist auch eine Zeit der Unsicherheit – sind diese jungen Damen à la mode oder ist das hier der Straßenstrich? Oder sind es die hurtigen, straffen Großstadtmädchen mit den unersättlich offenen Mündern, die der Flaneur Franz Hessel beobachtet: Sie gehen so hübsch in ihren Kleidern ohne Gewicht. Wenn wir wissen wollen, wie Berlin damals aussah, müssen wir nur in Filme wie ➱Berlin: Sinfonie der Großstadt und ➱Menschen am Sonntag (zu dem es ➱hier einen Post gibt) hineinschauen.

Bei den Trümmerfrauen hier sind Berliner Chic und Haute Couture kein Thema, aber die Berliner Mode wird wie ein Phönix aus der Asche wieder erstehen. Und sogar in einem Maße, dass man wieder einmal ein klein wenig mit den Pariser  Modehäusern mithalten kann. Und dafür stehen Namen wie Heinz Schulze-Varell, Gerd Staebe, Hans Seger, Heinz Oestergaard und Uli Richter. Oestergaard hat ➱hier schon einen Post, und einige der anderen Couturiers kommen in dem Post ➱Damenmode vor.

Im Jahre 1946 fragte die gerade frischgegründete Wochenzeitung ➱Die Zeit in einem Artikel ➱Darf man jetzt von Mode sprechen? Diese Frage ist auch der Titel des Buches von ➱Jutta Sywottek geworden, die der Entwicklung der Nachkriegsmode an Hand der Illustrierten (1950 gab es schon 38 Mode- und Frauenzeitschriften) wie ChicConstanzeFilm und Frau etc nachgeht. Der Vater von meinem ➱Onkel Karl ist auch wieder gut im Geschäft, gefärbt muss immer etwas werden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die Berliner Verwandten eine Wehrmachtsuniform farblich verändern konnten.

Und da ich bei farblichen Veränderungen bin: der nach 1945 ein klein wenig abgetauchte Baron von Eelking ist mit seinem Institut für Herrenmode und seinem Herrenjournal auch wieder da. Dies ist ein Heft aus dem Jahre 1950, wo die neue Zeit mit einer neuen Fröhlichkeit begrüßt wird. Man hat neue Zeichner und neue Leitbilder, die Herren des Journals sehen nicht mehr wie Vorzeigenazis aus. Und es gibt leicht schlüpfrige Herrenwitze, das ist für ein Herrenjournal wohl wichtig. Im Journal des Luxus und der Moden fehlten 1786 die Herrenwitze.

Auf dem intellektuellen Niveau der Dame (Journal für den verwöhnten Geschmack) ist das Journal nie gewesen, als Zeitdokument ist heute wohl nur die Werbung für die Konfektion, wie hier für die Mäntel der Firma Laco, interessant. Weniger für die Ergüsse des Barons, der hier auch Teile seines Lexikons der Herrenmode im Vorabdruck veröffentlicht. In der sechziger Jahren wird es feuilletonistische Beiträge über ➱Michelangelo Antonioni oder den Oscar Wilde Film mit ➱Peter Finch geben, aber da sind die Verkaufszahlen des Journals schon nach unten gegangen. Als Arnold Gingrich in seinem Magazin Esquire Herrenmode präsentierte, hatte er schon ➱Hemingway und Fitzgerald als Autoren verpflichtet. Jahrzehnte später wird der junge ➱Tom Wolfe, den ➱Mode ja sehr interessiert, hier anfangen. Auf solchem Niveau war das Herrenjournal nie.

Solche Hemdkragen trug ich damals auch, aber ein solch kariertes Jackett besaß ich nie. Der karierte Herr zwischen den Beinen der jungen Dame ist auch wohl nur ein Blickfänger für die Mode von Uli Richter, der eigentlich Damenmode entwarf. Der 91-jährige Modeschöpfer ist der letzte Überlebende der großen Zeit der Berliner Couture in den fünfziger Jahren.

Wenn man mit Grazia Patricia (vulgo ➱Grace Kelly) am Tisch sitzen darf, dann hat man es als Modeschöpfer wohl geschafft, dann darf man auch einen solch scheußlichen Smoking tragen wie Uli Richter. Das Berliner Kunstgewerbemuseum hat dem Mann mit dem Markenzeichen ULR eine ➱Ausstellung gewidmet, die noch bis zum 23. April 2017 geöffnet ist. Jetzt kleiden die Berliner Couturiers (die sich beinahe immer an ➱Paris orientieren) Prinzessinnen und Filmstars ein. Uli Richter war auch der Schneider von Rut Brandt, die immer elegant war. Ihre Nachfolgerin ➱Brigitte Seebacher kaufte wahrscheinlich bei C&A.

Heinz Oestergaards Studio ist vielleicht nicht ganz so so fein wie die Studios von Gerd Staebe, Detlef Albers und Heinz Schulze-Varell, aber Zarah Leander, ➱Ruth Leuwerik, Hildegard Knef, Maria Schell, Romy Schneider (hier im ganz kleinen Schwarzen) und Zsa Zsa Gabor tragen jetzt Oestergaard. Na ja, sie tragen auch noch Kleider von anderen Schneidern, aber es ist immer gut, wenn man als ➱Couturier ein halbes Dutzend Schauspielerinnen als Kundinnen hat.

In den fünfziger Jahren müssen wir auf alle Briefe eine Steuermarke aufkleben, die ➱Notopfer Berlin heißt. Was finanzieren wir damit? Das schöne Leben hier? Berlins Lage ist fragil, die Stadt wird von Subventionen am Leben erhalten. Viel von dem nach Berlin gepumpten Geld versickert irgendwo, ein Bauskandal jagt den anderen. Wenn Sigrid Kressmann-Zschach, die ehemalige Gattin von ➱Texas Willi, sagt: Männer, Häuser und Geld kann man nie genug haben, dann ist das nur die eine Seite. Die andere ist der Steglitzer Kreisel.

Die fünfziger Jahre sind die große Zeit der Photographen. Erika Billeter hat mit ihrem Buch Amerika Fotografie 1920-1940 gezeigt, dass sich Amerikas berühmteste Photographen nicht zu fein sind, Damenmode zu photographieren, seit der Baron Adolphe de Meyer die Modephotographie sozusagen geadelt hatte. Was auch daran liegen mag, das Vogue und Vanity Fair ein schönes Honorar zahlen. Auch ➱Regina (Regi) Relang, eine der führenden Photographinnen der 50er und 60er Jahre, hatte vor dem Krieg schon für die Vogue gearbeitet. Und dann haben wir noch Charlotte RohrbachHubs Flöter und den jungen Will McBride, der durch den ➱Twen berühmt wurde. Und natürlich ➱F.C. Gundlach, der selbst einen tristen Tag in Berlin künstlerisch veredeln konnte (der Link hier führt zu seinem photographischen Werk, das glücklicherweise im Internet zugänglich ist).

Gundlachs Ästhetik färbte auf andere Photographen ab. Aber man kann nicht alles photographisch veredeln. Sie merken schon, dass auf diesem Bild der Alltag etwas ärmlicher ausfällt. Ein ➱Mercedes 300 Cabrio photographiert sich besser als ein Trabbi. Dies Photo ist von der Photographin Sibylle Bergemann, die auch für die Zeitschrift Sibylle: Zeitschrift für Mode und Kultur (die man auch die Ost-Vogue nannte) gearbeitet hat. Die Sibylle war etwas anders als die wöchentlich für 60 Pfennig (Ost) erscheinende Zeitschrift ➱Für Dich. Ich habe die Sibylle  auch erwähnt, weil die Kunsthalle Rostock noch bis zum 17. April eine gleichnamige ➱Ausstellung zeigt (es gibt auch einen Katalog), wo natürlich auch ➱Photos von Sibylle Bergemann zu sehen sind. Die Gründerin der Zeitschrift, die 96-jährige Sibylle Boden-Gerstner, verstarb vierzehn Tage nach der Ausstellungseröffnung, an der sie nicht mehr hatte teilnehmen können.

Dieses Photo von Sibylle Bergemann stammt aus dem Band Sibylle – Modefotografien 1962-1994 von Dorothea Melis, der 2010 erschien. Sibylle Bergemann hätte bei jeder Modezeitschrift der Welt einen Job gefunden, wenn sie rübergemacht hätte. Doch sie blieb in ihrer Wohnung am Schiffbauerdamm. Bekam aber Besuch von Photographen wie Henri Cartier-BressonHelmut Newton, und Robert Frank.

Aus dem Osten der Stadt kommen (außer der sechsmal im Jahr erscheinenden Zeitschrift Sibylle, die sofort nach Erscheinen ausverkauft ist) nur wenige modische Anregungen für die Berliner Mode, die nach 1945 eigentlich immer eine Westberliner Mode ist. Aber aus dem Osten kommen Schneiderinnen und Näherinnen. Und die kommen nach dem Bau der ➱Mauer nicht mehr: kurz danach schließen ein Viertel aller Konfektionsbetriebe. Den Berliner Schulze-Varell interessierte das wenig, der hatte sein Studio eh in München, doch mit dem Status der Modemesse Berliner Durchreise ist es jetzt zu Ende. Düsseldorf wird die neue Messestadt.

Und was ist heute? Arm, aber sexy, hat der sektlaunige Wowi die Stadt beschrieben. Vom Spreeathen redet niemand mehr. Es gibt sicherlich Luxusschneider wie ➱Volkmar Arnulf und einige andere (Günther Adam hat vor einem Jahr aufgehört). Es gibt natürlich auch ➱Herrenaustatter. Als das KaDeWe neu eröffnete, hatten sie ➱Regent im Angebot, das hat sich aber schnell geändert. Mientus, die 1958 einen riesigen Laden eröffneten (und 1992 die ersten mit einem ➱Zegna Shop waren), sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Uli Knecht, der seine Läden in Hamburg und Düsseldorf geschlossen hat, hat noch einen Laden in Berlin. Es läuft nichts mehr rund im oberen Bereich. Wenn die Textilwirtschaft in der letzten Woche die Pleite von René Lezard, den Gewinnrückgang von Boss und den Milliardengewinn von Adidas verkündet, dann zeigt das, wohin die Tendenz geht.

Doch Berlin hat noch Patrick Hellmann, der plötzlich mit einer eigenen Glitzerwelt da war, und von dem lange niemand wusste, wer er eigentlich ist. Dabei ist alles ganz einfach. Sein Vater, der vor dem Krieg bei Wertheim gearbeitet hatte, und er hatte seinen Sohn aus Amerika nach Berlin geschickt, weil das für ihn immer noch eine Stadt der Eleganz war. Alles, was man über Patrick Hellmann weiß, der angeblich Putin ausstattet, können Sie ➱hier lesen.

Früher kam die Patrick Hellmann Collection von Attolini oder Kiton, heute kommt die Patrick Hellmann Collection in den meisten Fällen aus Portugal von der Firma Diniz & Cruz (lesen Sie mehr zu dieser Firma in ➱Raffaele Caruso). Die übrigens beinahe alle Herrenausstatter mit Private Label Kleidung beliefern: Braun und Kirsch in Hamburg, Ed Meier, Uli Knecht, Hellmann, Dantendorfer, Simon Gray (Hausmarke des Masculin Modekreises), Bailly Diehl, Bertram & Frank. Und Patrick Hellmann. Die Portugiesen dürfen natürlich an keiner Stelle Diniz & Cruz in ihre Klamotten (übrigens ein Wort aus Berlin) schreiben, aber man kann sie immer an ihrer portugiesischen Steuernummer erkennen. Wenn Sie IVA PT 500341753 auf dem Etikett lesen, dann wissen Sie, dass das gute Stück nicht aus Mailand oder Neapel, sondern aus Portugal kommt.

Ich besitze ein Jackett von Attolini aus der Patrick Hellmann Collection. Hat mich bei ebay vor Jahren 39 Euro gekostet. Auf dem verschwommenen Photo war nicht viel zu sehen, nur eine sehr, sehr große Brusttasche. Solch eine gebogene lange barchetta Tasche, die findet sich nur bei den Made in Italy Firmen, die wirkliche sartoria abliefern. Dem war auch so, als das Patrick Hellmann Jackett für 39 Euro ankam, entpuppte es sich als ein nie getragenes Kaschmir Jackett von Attolini, Handarbeit bis ins letzte Knopfloch. Und ein ticket pocket, das ich auf dem Photo gar nicht erkannt hatte (dies Bild zeigt natürlich nicht mein Jackett, aber sie können hier die lange Brusttasche sehen).

Und dann habe ich noch diesen Anzug, der ein Etikett trägt, auf dem Patrick Hellmann Berlin steht. Es ist ein grau-grüner Anzug mit kleinen Karos und einem hellblauen Überkaro. Ich habe den gekauft, weil ich zuvor einen ganz ähnlichen Anzug hatte. Und Jahrzehnte davor einen ebenso ähnlichen. Aber alle mit ticket pocket, einem modischen Detail, zu dem sich ➱Inspector Barnaby in The Made-to-Measure Murders nicht so recht entschließen kann. Der Anzug verrät seinen Hersteller nicht, ein Fachmann aus der Branche flüsterte mir damals zu, dass Hellmann viel in Polen produziere ließe. Das tat Regent ja auch ein mal. Dieser Anzug ist ein stinknormaler Anzug, wo bleibt da der Designer Patrick Hellmann? Der ist damit beschäftigt, einen Audi und eine ➱Rolex zu verschönern. Klicken Sie ➱hier.

Das zweite Berliner Wunderkind in der Glitzerwelt heißt Michalsky (ich lasse ➱Wolfgang Joop jetzt einmal aus), der macht Damenmode, kein neues Rolex Design, aber Tapeten und Möbel. Und offensichtlich auch schlechtsitzende Herrenmode. Doch wer will 499€ für ein potthäßliches Jackett von einem Mann, der bei Heidi Klum auftritt, bezahlen? Die Vogue hat ihn als Deutschlands Mode Papst bezeichnet, aber ich bin mir da nicht so sicher, ob dieser Vergleich stimmt.

Es gibt in Berlin nach der Wende viel Gewusel, neue Firmen wie BeconIQ+ BerlinLala Berlin und Kaviar Gauche neue Messen wie Fashion WeekBread & Butter und Premium ExhibitionsBread & Butter war schon pleite, wird aber jetzt von Zalando neu belebt. Aber kann das die Sache der Zukunft sein, wenn Zalando Modemessen organisiert? Oder Daimler Benz mit seiner Mercedes Fashion Week. Dieses Bild von der Mercedes Fashion Week 2013 findet sich schon in dem Post ➱Sommermode, in dem Patrick Hellmann auch erwähnt wird. Ich nehme an, dass so etwas die Kleidung ist, die Damen in einem schwarzen Mercedes SUV mit schwarzgetönten Scheiben tragen. Oder im Suff. Oder im Puff.

Neben dem Hellmann Anzug, auf dessen Etikett Berlin steht, habe ich noch ein zweites Kleidungsstück aus Berlin. Es ist ein altes Chester Barrie Jackett, aus der Zeit, als die noch wirklich gut waren. Cashmere, dunkles Grau mit kleinem herringbone und blaßblauem Überkaro. Und auf dem Etikett steht: Tailored for Heinrich Dietel. Nachf. Walter Hollain. Berlin. Ich bin dem mal nachgegangen und stieß auf einen schön geschriebenen Artikel (Das unverwechselbare Gesicht des Kurfürstendamms – Reflexionen über ein Auslaufmodell) in der ➱Berliner Morgenpost, von dem ich etwas an den Schluss stelle:

Heinrich Dietel war unverwechselbar. Er war ein Herr und verkaufte Artikel für Herren – für solche also, die mehr sein wollten als Männer, offerierte er in seinem Geschäft zwischen Schlüter- und Wielandstraße. Heinrich Dietel, groß gewachsen, stets mit Weste, die dem Bauch zur Ansehnlichkeit verhalf, mit einer Nelke im Revers, die, darunter verborgen, in einem kleinen, mit Wasser gefüllten Röhrchen steckte, dieser Heinrich Dietel bediente nicht, er empfing in seinem Salon Partner. Die taxierte er nicht nach der Brieftasche. Stil zu bilden, das freute ihn, und dafür gab er das Beispiel. Es ging nicht nur um das Bedecken von Blößen, es ging um Wohlgefallen, um Ästhetik, für sich und die anderen, von den Handschuhen, über Hemden, Krawatten, Mützen bis zu Pfeifen. England at its best in Berlin.

       Die Tradition wurde unter Dietels Namen unter seinem Nachfolger Hollain an der Schlüterstraße fortgeführt. Nach seinem Tod wollte Dietel keiner mehr haben. Wem steht der Sinn noch nach einem Spazierstock, der ein elegantes Accessoire und keine von der Krankenkasse bezahlte Gehhilfe ist? Wer noch ist auf ein Beinkleid aus in einer Zeit, die Bequemlichkeit mit Nachlässigkeit übersetzt, weshalb der Berliner folgerichtig jedweden Anzug als «Klamotte» identifiziert? Dietel, ein Nachruf unter vielen für ein Stück des alten Berlin. Individuelles wird zu Grabe getragen. Unsere Zeit: Sie versteht Veränderung schon als Fortschritt.

Ich gehe über den Kurfürstendamm. Und ich erinnere mich an die Besucher, die zurückkamen aus Ost-Berlin, aus der DDR. Wie sie sich mokierten: Schrecklich, alle in den gleichen Schuhen, alle in den gleichen Jacken und Mänteln, Mützen und Taschen, alles gleich, schrecklich. Ich schaue auf die Leute um mich herum. Und mich befällt ein Alptraum. Eines Tages werde ich nur noch auf Uniformierte im real existierenden Kapitalismus treffen. Die Fantasie stirbt an der Norm. Wo ist Dietel?

Noch mehr Damenmode finden Sie hier: DamenmodeErwin BlumenfeldJil SanderMary QuantDiorPierre CardinCoco ChanelHaute CoutureBreakfast at Tiffany’sCharles Frederick WorthTartanCamille in GrünKieler ChicWeihnachtsgeschenkeCinecittà und die Mode,  Joan DidionRuth Leuwerikskandinavische ModeNicoSommermodeCardiganWilliam Frith

 

Ich wollte eigentlich heute einen langen Post ins Netz stellen, der den Titel Berliner Mode hat. Aber der ist, wie der Titel hier sagt, noch nicht fertig. Ich schiebe es auf die Grippe. Wenn man nur noch niest, Fieber und Gliederschmerzen hat, wenn man morgens am liebsten gar nicht aufstehen möchte, dann hat man keine große Lust zum Bloggen. Zumal sich eine kurze Geschichte von 180 Jahren Berliner Konfektion ja auch nicht so von selbst schreibt. Ich war schon beinahe fertig, als der grippige Infekt kam – und als Beweis dafür, dass es diesen Post schon gibt, stelle ich heute mal die ersten beiden Absätze ins Netz. Im letzten Absatz gibt es übrigens etwas Sensationelles: zwei Links zu den wichtigsten Artikeln über das Elend des schlecht gekleideten deutschen Mannes. Einmal aus der Feder von Jens Jessen (2004) und ein anderes Mal von Bernhard Roetzel (2017). Und für die Damen möchte ich sagen, dass in dem Post, wenn er denn fertig ist, auch ganz viel ➱Damenmode vorkommen wird. Wie hier auf dem Photo von ➱F.C. Gundlach. Das Brandenburger Tor ist noch nicht von den Kriegsschäden repariert, aber eine Berliner Mode gibt es schon wieder.

Ich weiß nicht mehr, bei welchem jüngeren deutschen Autor ich das gelesen habe, ich kriege das Zitat auch nicht mehr richtig zusammen. Aber die beiläufig mit einem gewissen Hass dahingestreuten Sätze gingen dahin, dass den Berliner Männern jegliche Eleganz fehle und die Berliner Schneider überhaupt nichts von ihrem Handwerk verstünden. Das klingt im Jahre 1852 ganz anders, wo man in einem Magazin lesen kann: Auch die Anzüge sind in Berlin bis auf die Besucher der öffentlichen Locale zweiter und dritter Klasse herab, weit geschmackvoller. Der Berliner kleidet sich stets mit einer gewissen Zierlichkeit. Aber wahrscheinlich stimmt die Sache mit der mangelnden Eleganz, wir brauchen ja nur in unserer eigenen Stadt einmal durch die Straßen zu gehen und die Herren der Schöpfung anschauen. Warum soll es in Berlin anders sein?

An dem Satz von ➱Lagerfeld mit der ➱Jogginghose ist sicher etwas dran. Der Engländer Nik Cohn wusste schon, weshalb er seine Geschichte der englischen Herrenmode mit ➱Today there are no gentlemen betitelte. Bernhard Roetzel hat sich am 1. Januar dieses Jahres in der ➱Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den Niedergang der Kleidungskultur geäußert, so etwas Ähnliches hat Jens Jessen schon im Jahre 2004 in der Zeit gesagt. So elegant wie die Berliner Modeschöpfer Gerd Staebe und Hans Seger, die F.C Gundlach 1957 in einer Villa in Dahlem photographierte, ist der Durchschnittsberliner sicherlich nicht. Damals nicht, heute erst recht nicht ….. (to be continued)

 

Könnten Sie nicht einmal über skandinavische Mode schreiben? wurde ich gefragt. Was halten Sie zum Beispiel von Oberhemden von Eton und Stenströms? Wir sind mit diesen Fragen bei der Herrenmode. Über die skandinavische Damenmode kann ich wenig sagen. Wo kauft die Königin Margrethe ein? Vielleicht trägt sie eins dieser Label, die nach Harper’s Bazaar ganz heiß sind. Sie hat ja ihren eigenen ➱Stil, der über die ➱Jahre immer gewagter geworden ist, aber sie kann das tragen. Den modischen Mut von Margrethe wünschte man Angela Merkel auch mal. Als ich Margrethe zum ersten Mal sah, trug sie ein blaues Abendkleid, das war noch sehr konventionell. Wenn Sie die ganze Geschichte dazu lesen wollen, dann klicken Sie ➱Des Königs Jaguar an. Die Prinzessinnen in meinem Heimatort, also zum Beispiel meine Freundin ➱Gudrun, trugen damals Kleider von der finnischen Firma Marimekko, die wunderbare Farben und Muster hatten.

Das karierte Hemd, das da aus dem hellen Regenmantel hervorlugt, war in den sechziger Jahren mein Lieblingshemd (die etwas seltsame Handhaltung erklärt sich daraus, dass ich eine Hundeleine halte, an der unten ein Hund zerrt). Das Hemd kam von der schwedischen Firma Melka, die damals in Deutschland stark vertreten war und mit Sätzen wie Sie empfinden ein gutes Stück Schweden, frei leger und persönlichkeitsbetont warb. Das karierte Melka Hemd aus dickem Leinen besaß einen weißen Kragen und eine weiße Knopfleiste, das war damals außergewöhnlich. Ich habe es noch, es liegt irgendwo im Schrank, der schon ein kleines Modemuseum ist.

Melka bot damals auch viele Hemden aus Viyella an, einer Mischung aus Wolle und Bauwolle, Viyella war auch bei englischen Fabrikanten sehr beliebt. Denn in England war es kalt, eine gut funktionierende Zentralheizung war im England der fünfziger Jahre in Seltenheit. Türen, die bis zum Boden gingen auch. Sie kennen das aus ➱Agatha Christie Filmen, wo  kleine Botschaften (oder kleine Schlangen) da unten durch geschoben werden. In diesen Filmen tragen die Herren beinahe immer dicke Tweedanzüge mit Weste oder Pullunder. Cool Britannia hatte damals eine andere Bedeutung.

Ein Jahrzehnt später trug ich Hemden von der schwedischen Firma Stenströms, die einmal der größte Hemdenproduzent Schwedens war. Die hatte ➱Kelly im Angebot, mit vielen runden Kragen und ➱Piccadilly Kragen, die mit einer Nadel die Krawatte umschlossen. Das war schon etwas anderes als die deutschen ➱Nyltest Hemden, die Produkte aus Bielefeld mit den furchtbar steifen Kragen, die die Hausfrauen noch stärkten. Oder die fürchterlichen Seidensticker Hemden mit der schwarzen Rose.

Ich habe immer noch Stenströms Hemden, habe mir mit der Zeit aus reiner Nostalgie immer wieder einmal eins gekauft. Die Baumwolle ist erstklassig, aber leider haben sie nicht mehr die tollen Kragen der siebziger Jahre. Die Firma Stenströms gibt es seit 1899, die Firma Eton ist dreißig Jahre jünger. Um die habe ich einen Bogen gemacht, weil die mir zu langweilig ist. Aber ➱Michael Rieckhof von der Firma Kelly’s hat mir versichert, dass die Ehefrauen es lieben, wenn der Gatte sich ein Eton Hemd kauft. Weil man die so schön bügeln kann.

Ich bleibe mal in Schweden, nehme Sie mit in die Vergangenheit, als es in Schweden noch Linksverkehr gab. So etwas wie hier hatte ich auch einmal. Mein gelber Lamamantel kam von der schwedischen Firma Tiger. Die stellt heute Billigklamotten für junge Leute her, damals war sie etwas ganz anderes: Företaget, som tidigare hette „Tiger of Uddevalla“, tillverkade förr endast herrkläder av klassiskt snitt, och målgruppen var på senare år främst äldre män. Mein Mantel (der schon in dem Post ➱Aimez-vous Brahms? erwähnt wird, kam aus dem Laden von Hans Kalich in Bremen, ein Geschäft, das es heute leider nicht mehr gibt, das damals aber modisch noch vor Herrenausstattern wie Charlie Hespen oder Stiesing rangierte.

Sie können hier sehen, dass die Firma ➱Tiger von Marcus Fredrik Schwartzman den schwedischen König belieferte, der heutige König würde bestimmt nicht mehr diese Marke tragen. Heute produziert Tiger Kleidung für junge Menschen, alles slimline, nichts mehr von der Qualität von damals. Wird auch nicht solange halten wie mein gelber Lamamantel. Zweireihige gelbe Kamelhaarmäntel waren in den sechziger Jahren chic, Karajan und Carlo Ponti trugen so etwas, und in ganz Deutschland konnte man billige Kopien dieses Klassikers sehen, den man im anglo-amerikanischen Bereich einen ➱Polo Coat nannte. Ich bin aus meinem königlichen Tiger Mantel herausgewachsen, heute habe ich einen Mantel von Caruso aus gelbem Loro Piana Doeskin, der nach viel Geld aussieht. War aber vor zehn Jahren bei ebay ganz billig.

Es kam noch mehr aus Schweden als der Hoflieferant Tiger of Sweden, zum Beispiel die Firma ESSGE, die sich King of Tailoring nannte und auch noch handmade auf ihre Etiketten schrieb. So etwas hatte ich mal in der Hand, war aber nicht toll. Sehr steife Einlagen, das konnte die deutsche Firma ➱Regent vor fünfzig Jahren besser. Die können allerdings bei allem Werbeaufwand immer noch nicht die Karos anpassen, was bei ESSGE ebenso war. Was ➱Caruso, Canali, ➱Nervesa und Pal Zileri mit links machen, das sollte man bei Regent auch mal irgendwann hinkriegen.

So sah es in Kopenhagen in den sechziger Jahren aus. Ich habe das Photo aus dem Internet, aber meine Photos von Kopenhagen zeigen ganz ähnliche Bilder. Auf der Ströget habe ich 1960 einen eleganten dänischen Herren gesehen, der einen braunen Glencheckanzug mit einem braunen Bowler und einem braunen ➱Schirm komplettierte. Als ich mir meinen ersten englischen Schirm kaufen durfte, war das ein brauner Schirm, einen braunen Bowler (von Christie’s) besitze ich auch. Mir fehlte zu meiner sartorialen Nostalgie nur noch der braune Glencheckanzug. Den sah ich eines Tages bei Charlie Hespen im Schaufenster, ich konnte ihn anprobieren, so lange ich wollte, er war leider zu klein. Es war ein Anzug von der dänischen Firma Hobson of Copenhagen, die bei Herrenausstattern in Norddeutschland gut vertreten war.

Und die natürlich Hoflieferant für das dänische Königshaus war, wie man diesem Etikett entnehmen kann. Die Firma exisitierte von 1952 bis 1985, dann kaufte die italienische Firma ➱d’Avenza den Namen. Die Firma aus Avenza war 1957 von Myron Ackerman gegründet worden. Er war der Sohn von Simon Ackerman, der die englische Firma Chester Barrie gegründet hatte, eine Firma, die ja heute leider nur noch ein Schatten ihrer selbst ist.

Die Firma ➱d’Avenza, die gerade einen Neuanfang gemacht hat, ist heute immer noch im Hochpreissegment tätig ist. Sie sollen auch die RTW Kleidung für große Namen (wie zum Beispiel ➱Battistoni) machen. Einer ihrer Klassiker ist das Forte Jacket (keine Angst, das ist nur innen eingestickt), ungefüttert, Blaseblagtaschen und ein kleiner Rückengürtel. Ich habe solch ein Teil, und ich liebe es. Ich weiß nicht, ob die Firma Hobson damals so etwas auch im Programm hatte. Das Forte Jacket ist ja nix als die Kopie eines englischen Sportjacketts aus den dreißiger Jahren – so wie Dänemark in den fünfziger und frühen sechziger Jahren eine kleine Kopie von England war: überall englische Autos und englische Tweedjacketts.

Es ist eigentlich die Frage, ob sie es sich leisten können, zu Hause zu bleiben, wenn die Dänische Herrenmode Messe während der Tage vom 4. bis 7. September die bedeutenden Kollektionen der dänischen Fabrikanten für das Frühjahr 1966 zeigt. So rührend naiv konnte man 1965 im Herrenjournal die dänische Mode bewerben. Die ersten Kopenhagener ➱ModemessenDansk Modeuge und Dansk Herremodeuge, waren 1958 abgehalten worden. Die Firma Christonette (die schon in dem Post ➱Overcoats vorkommt) bewarb ihre Mäntel mit Wenig teurer, viel besser und versprach: Christonette kreiert die Mantellinie der Zukunft. 

Die Werbung war damals noch nicht so aggressiv wie heute, damals genügte: Erzählen Sie dem Christonettehändler ihre Wünsche – robuster maskuliner Tweed oder Luxus. Probieren Sie andere Mäntel, bevor Sie einen Christonette kaufen. Ich brauchte damals nicht viele Mäntel anzuprobieren, ich fand meinen Christonette Mantel bei Kelly’s im Ausverkauf. Der Mantel war hellgrau und war mit großen schwarzen und braunen Karos übersät, so etwas hatte niemand im Ort. Obgleich die Karos auffällig waren, so wie das Hobson Sakko weiter unten sah der Mantel natürlich nicht aus.

Christonette traute sich sogar auf den amerikanischen Markt und warb im New Yorker (wo sonst?) mit dem Text: Introducing Christonette of Copenhagen – not only protection, but fashion. Fully weather-proofed cotton trench coat, styled with that indefinable look of good taste – Christonette of Copenhagen. See it. Try it. Buy it – at Paul Stuart, New York and other fine stores. Irgendwann gab es keine Mäntel von Christonette mehr, da hatte Otto Aulbach aus ➱Miltenberg den Namen gekauft.

Amerika ist für die Europäer ein schwieriger Markt, aber dort kaufen die Herren vielleicht schon einmal so etwas. In England würde man den Stoff vielleicht als Pferdedecke verwenden. Dies ist ein Jackett der Firma Hobson of Copenhagen, das den Weg nach Amerika gefunden hatte. Solche wunderbaren Geschmacksverirrungen findet man heute manchmal in Second Hand Läden oder bei ebay. Ich glaube nicht, dass man so etwas in Dänemark hätte verkaufen können. Obgleich der Prinz Henrik, der ja einen sehr exzentrischen Geschmack hat, das vielleicht getragen hätte. In den siebziger Jahren habe ich auch immer großkarierte Jacketts getragen, natürlich nicht so große Karos wie Peter Frankenfeld. Und auch nicht wie dieser ➱Gauland. Aber stilvolle, großkarierte Jacketts. Als der Geschäftsführende Direktor mich am Anfang des Semesters den neuen Studenten als Jay, den Sie immer an seinen Jacketts erkennen, vorstellte, habe ich damit aufgehört.

Elegante Damenmode kommt immer noch aus Dänemark, hier ein Modell von Baum und Pferdgarten. Wenn die dänische Königin keinen Schneider oder eine Schneiderin hätte (einen Teil ihrer Garderobe entwirft sie selbst), könnte sie in Kopenhagen sicherlich Dinge finden, die ihr gefallen. Wir müssen dabei immer bedenken, dass die Königin (im Gegensatz zu Frau Merkel) nicht nur ein modisches Gespür hat, sondern dass sie neben ihren eigenen Kleidern auch Kostüme für die Kopenhagener ➱Oper entwirft.

Ob Prinz Henrik dänische Kleidung trägt, weiß ich nicht (zeitweilig hatte er einen Schneider in Hong Kong, wo er damals studierte). Der französische Graf hatte ja immer Schwierigkeiten, sich an die Dänen anzupassen: Wenige Monate nach meiner Ankunft wurde alles, was ich tat, kritisiert. Mein Dänisch war schwankend, ich bevorzugte Wein statt Bier, Seidenstrümpfe statt Stricksocken, Citroën statt Volvo, Tennis statt Fußball. Selbst für die Gauloises, die ich anstelle von Virginia-Tabak rauchte und die hierzulande den Ruf hatten, die Marke gesellschaftskritischer Intellektueller zu sein, konnte ich nicht auf Nachsicht hoffen. Ich war anders. Ich schien mit dieser Position zufrieden zu sein und mich nicht zu schämen. Das waren gleich zwei Fehler! Wir sehen Henrik hier, noch rank und schlank, mit der Prinzessin Margrethe und seinem ➱Citroen.

Die Textilwirtschaft und die Bekleidungsindustrie trugen erheblich zu Dänemarks Wirtschaft bei, es gab 1961 beinahe tausend Textilbetriebe. Die im übrigen mehr erwirtschafteten als die 748 Betriebe der dänischen Möbelindustrie, die immer Dänemarks Vorzeigeindustrie war. Damals wurden in der Bekleidungsindustrie keine schlechten Löhne gezahlt (an eine Verlagerung nach Asien dachte noch niemand), laut Wirtschaftsstatistik des Jahres 1959 lagen die Löhne für die Textilindustrie im oberen Viertel der Lohnskala.

Es geht der dänischem Bekleidungsindustrie auch heute gar nicht so schlecht. 2015 verbuchte die dänische Bekleidungsindustrie neue Rekorde: der Gesamtumsatz dänischer Firmen stieg gegenüber dem Vorjahr um 5,0 Prozent auf 42,2 Milliarden Dänische Kronen (5,68 Milliarden Euro). Der Umsatzzuwachs von H+M ist natürlich größer, mit Billigklamotten ist viel Geld zu machen. Was heute aus Skandinavien kommt (H+M, Dressman, J. Lindeberg, Scandic, Gant – you name them), ist – mit der Ausnahme von Stenströms und Eton – nicht auf dem Niveau von Tiger of Sweden der sechziger Jahre, von Hobson und Christonette. Und von der Firma Winkler’s Mayfair of Copenhagen, von der ich drei rattenscharfe Flanellhosen hatte, habe ich auch nie wieder gehört. Modegeschichte ist Nostalgie, aber eins bleibt: der Qualitätsverfall ist leider überall zu finden. Davon, wie vom Wandel der Mode, bleibt diese junge ➱Dame in Kopenhagen natürlich unberührt.

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Ich hatte mal eine Handvoll Nordstrom Hemden. In meinem Second Hand Laden (den es leider nicht mehr gibt) gekauft, die hatten offensichtlich amerikanische ➱Buttondown Hemden sackweise gekauft. Perfekt für Freizeit, Urlaub und Gartenarbeit. Vielleicht nicht ganz die Qualität von Sero, ➱Hathaway und Brooks Brothers, aber durchaus gute Qualität. Richtige ➱Oberhemden können die Amerikaner ja nicht. Also solche Hemden, die die italienische Firma Fray macht (die auch die Firma Pegaso gekauft haben), da sind schon Welten zwischen amerikanischen und italienischen Oberhemden. Die von einem Schweden namens Johan Wilhelm Nordström gegründete amerikanische Kaufhauskette macht zur Zeit Schlagzeilen. Wegen unserem Donald, der zu allem und jedem eine Twitterbotschaft absetzen muss.

Diese Nachricht hieß: My daughter Ivanka has been treated so unfairly by @Nordstrom. She is a great person — always pushing me to do the right thing! Terrible! Was war geschehen? Nordstrom hatte die Klamotten von Ivanka Trump (ja, die Blondine ist eine Designerin) aus dem Programm genommen, weil sie sich nicht verkauften. Und Trumps Beraterin ➱Kellyanne Conway (das ist die mit den alternative facts) sprang ihrem Chef sofort zur Seite: Go buy Ivanka’s stuff is what I would say, I’m going to give a free commercial here: Go buy it today, everybody; you can find it online. Diese Sätze wurden direkt aus dem Weißen Haus gesendet.

Das durfte sie natürlich nicht, das verbieten die ➱Federal ethics rules. Dass aber Donald Trump und seine Beraterin gegen Gesetze verstoßen hatten, das wischte Sean Spicer gleich vom Tisch: For someone to take out their concern with his policies on a family member of his is not acceptable, and the president has every right as a father to stand up for them … This is a direct attack on his policies and her name, so there is clearly an attempt for him to stand up for her because she is being maligned, because they have a problem with his policies. Amerika ist in wenigen Wochen zur Bananenrepublik verkommen. Witzelten im letzten Jahr noch Kommentatoren darüber, dass Trump viele Ähnlichkeiten mit ➱Robert Geiss hat, müssen wir uns langsam an den Gedanken gewöhnen, dass Donald Trump in Wirklichkeit Robert Geiss ist.

Es ist bei der ganzen Geschichte um Ivankas Kollektion nicht erwähnt worden, dass Donald Trump selbst ein Modeschöpfer ist. Sogar bei amazon.com kann man die Kreationen der ➱Donald J. Trump Signature Collection kaufen. Harry S. Truman war ein ➱haberdasher, er verstand etwas davon. Er konnte auch Klavier spielen. Donald Trump kann nicht Klavier spielen und versteht nichts von Mode. Hat aber eine Signature Collection, die Made in China ist.

Wenn Politiker Werbung machen, dann ist das immer peinlich. Denken wir an Gerhard Schröder, den die Doris zu ➱Heinrich’s in Hannover schleppte, wo er Ermenegildo Zegna kaufte. Und mit geöffnetem Jackett durch den Flieger rannte, damit auch alles Journalisten das Zegna Label sehen konnten. Später machte er Werbung für Brioni, sodass man ihn den Brioni Kanzler nannte (lesen Sie ➱hier mehr). Wenn Joschka Fischer für BMW wirbt (Isch bin beeindruckt), fragen sich allerdings die Leute, wer dieser dicke Herr ist, der kaum in das Auto passt.

Dieser pfeiferauchende Herr hier ist Stanley Baldwin, der es nicht unter seiner Würde fand, dass sein Bild auf der ➱Werbung für Presbyterian Mixture Pfeifentabak zusammen mit dem Satz My thoughts grow in the aroma of that particular tobacco zu finden war. Die Tabakmischung aus hellem Virginia und schwarzem beißenden Latak war vor dem Ersten Weltkrieg ganz speziell für den schottischen Theologen Dr. John White hergestellt worden, White empfahl sie Stanley Baldwin. Der war von der Mischung begeistert und schlug der Firma vor, den Tabak Presbyterian Mixture zu nennen und damit auf den Markt zu gehen (wenn British Tobacco den Gold Block wieder auf den Markt bringen würden, dürften sie den Tabak meinetwegen auch Jay nennen). Er durfte das alles tun, auch wenn er Premierminister war. Weil er Stil hatte. Die ➱Trumps, Conways, Spicers und Geissens dieser Welt, die haben keinen Stil.

Sie können natürlich die wunderbare ➱Ivanka Collection Online kaufen. Auf der Seite von Ivanka gibt es auch ein Angebot von sogenannten ➱Wise Words, unter anderem einem Zitat von Anne Frank: Whoever is happy will make others happy too. Geht es noch abgeschmackter? Nichts von dem, was Ivanka Trump in ihrer Kollektion anbietet, ist modisch neu oder originell. Nichts ist ➱Haute Couture. Nichts ist in den USA hergestellt. Alles kommt aus China oder Vietnam, das ist die alternative Variante zu America First. Das ist doch echt patriotisch. Und ich gucke jetzt mal im Schrank nach, ob ich nicht doch noch ein altes Nordstrom Hemd habe. Wenn da noch eins ist, dann trage ich es die ganze nächste Woche. Die Aktienkurse der Firma Nordstrom sind übrigens nach der Trump Attacke nach oben gegangen.

 

Seit 1967 gab es bei Francesco Smalto auch eine Konfektionslinie, die in Italien von der Firma ➱Nervesa hergestellt wurde. Die stellten damals auch die Anzüge für Nina Ricci her und hatten in den letzten fünfzig Jahren (es gibt die von Giuliano Caponi gegründete Firma Nervesa genau so lange wie die Firma ➱Francesco Smalto) noch eine Reihe von Lizenzen: Aquascutum, Daks, Cifonelli, Borsalino, YSL (nicht das billige Zeug bei C&A), Lancetti und André Laurent. Und es gab auch noch eine Linie, die nach dem Firmengründer Giuliano Caponi benannt war.

Ich weiß nicht so genau, wie die Firma Nervesa heute dasteht, weil sie in der Vergangenheit eine Vielzahl ihrer Lizenzen verloren haben, aber ich weiß, dass ich mal ein Jackett und einen dunkelgrauen Flanellanzug von der Firma besessen habe. Das war erstklassiges Zeug. Das steht in dem Post ➱Waltz into Darkness, einem Post, den ich liebe. Weil er elegant einen Film von ➱Truffaut mit der französischen Herrenmode verbindt. Und als Zugabe noch Catherine Deneuve (die ich am liebsten in ➱La vie de chateau mag) in die Melange wirft.

Francesco Smalto, dessen Klamotten Jean Paul Belmondo trug, lässt nicht mehr bei Nervesa fertigen. Seine Spitzenkollektion kommt heute (wie die der Pariser Firma Hartwood) von Caruso. Ein italienischer Hersteller, der von ➱Werner Baldessarini aus dem Schönheitsschlaf geweckt wurde, und der ➱hier inzwischen einen eigenen Post hat. Wenn die Firma Nervesa jemanden wie Baldessarini gehabt hätte, dann wären sie heute auch berühmter als sie es sind.

Was die Firma Raffaele Caruso (die ebenso wie Nervesa einmal für Cifonelli produzierte) kann, das könnte schneidertechnisch die Firma Nervesa auch, aber die sind eher die graue Maus unter den sartoria Herstellern, die sich mit dem Label Made in Italy oben auf dem Aufhänger des Jacketts schmücken dürfen. Den oben erwähnten dunkelgrauen Flanellanzug (mit Weste) von Nervesa hatte ich mir für die Hochzeit meines Bruders gekauft. ➱Kelly, der damals auch Nervesa trug (aber schon mit Kiton liebäugelte) erzählte mir, dass sei jetzt das Beste, was er hätte. War der Anzug auch, er hielt länger als die Ehe meines Bruders.

Graue Flanellanzüge waren eine Sache der fünfziger Jahre. Jeder wollte sie haben, spätestens seit Gregory Peck die Hauptrolle in ➱The Man in the Grey Flannel Suit gespielt hatte. Meistens waren sie langweilig, man konnte sie aber mit Hemd und Krawatte aufpeppen. Wozu die meisten Deutschen in der Ära Adenauer nicht den Mut hatten. Das war übrigens der Augenblick, in dem ich beschloss, niemals so herumzulaufen wie die meisten Deutschen. Den besten Flanellanzug habe ich bei der Eröffnung der Delacroix Ausstellung in der Bremer Kunsthalle gesehen.

Ein Herr, der ein wenig nach einem Double von Albert Darboven aussah, trug zu einem dunkelgrauen Flanellanzug (mit Weste) ein fett rot-weiß gestreiftes Hemd mit weißem Kragen. Delacroix, der ein großer Dandy war (und sich über das Schuhzeug von ➱William Turner mokierte), hätte das sicher gut gefunden. Von solchen Exzentrizitäten stand der graue Flanellanzug natürlich für Seriösität. Kein Kleidungsstück für ➱James Bond. Aber unbedingt für seinen Chef, wie wir hier sehen können.

Mein zweites Teil von der Firma Nervesa war ein grünliches Jackett aus einem Luxusstoff von Carlo Barbera, leider habe ich davon keine Abbildung. Auf Photos schon, aber nicht hier. Ich bilde hier einmal eben ein Jackett von Nervesa ab. Die von Giuliano Caponi 1961 gegründete Firma benannte sich nach dem Ort, in dem sie ihren Sitz hatte: Nervesa in Venetien. Ein Ort, der nach einer verlustreichen Schlacht im Ersten Weltkrieg den Zusatz della Battaglia bekommen hat. Von der Abtei des Ortes ist, wie von dem ursprünglichen Ort Nervesa, wenig übrig geblieben, aber es muss erwähnt werden, dass sie der Ort war, wo eins der wichtigsten Benimmbücher der Renaissance geschrieben wurde.

Es ist Giovanni della Casas Buch ➱Il Galateo overo de ‚costumi, ein Erziehungsbuch, das unter dem Namen Galateo in Italien ebenso sprichwörtlich wurde wie bei uns ➱der Knigge. Obgleich das ein Buch ist, das wohl niemand, der es zitiert, gelesen hat. Die deutsche Übersetzung von Nathan Chytraeus erschien 1597. Da war Chytraeus gerade Rektor der Bremer Lateinschule geworden, heute heißt die Schule Altes Gymnasium. Sie ist nicht so sehr wegen der Gelehrten bekannt, die sie hervorgebracht hat, sondern weil Peter Zadek hier seinen Film ➱Ich bin ein Elefant, Madame gedreht hat.

Damals sah das Kollegium eines Bremer Gymnasiums so aus. Die italienische Herrenmode hatte sie noch nicht erreicht. Wahrscheinlich bis heute nicht. Aber hatte sie die Botschaft von Della Casas Galateo erreicht? Das Buch ist eine Art Nachfolgebuch von ➱Baldassare Castigliones einflussreichem ➱Il Cortegiano. Wir können dem Ganzen entnehmen, dass schon im 16. Jahrhundert in Nervesa die Kultur zu Hause war. Oder dass hier die Bedienungsanleitung für die guten Sitten (costumi) geschrieben wurde. Zu diesem Thema kann ich noch die Lektüre des Buches Sprezzatura: 50 Ways Italian Genius Shaped the World von Peter D’Epiro und Mary Desmond Pinkowish empfehlen.

Und zu den guten Sitten gehört natürlich auch die richtige Kleidung, das war dem Firmengründer Giuliano Caponi, nach dem auch eine Linie der Firma Nervesa hieß, wichtig. Man nannte ihn respektvoll den dottore, mit dem Titel ist man in Italien ja großzügig. 2004 musste er seine Firma an die IGEFI Gruppe in Genua verkaufen, da titelten die Zeitungen La Igefi salverà Nervesa. Aber entlassen hatte er bis zum Schluss keinen seiner 203 Angestellten in den drei Fabriken. Auch nicht seinen bei allen beliebten Pförtner Corradino Dalla Marta. Als der 2012 starb, war er der Tribuna di Treviso einen längeren Nachruf wert.

Die IGEFI Gruppe übernahm alle Verbindlichkeiten und sorgte für ein neues Management. Man setzte große Hoffnungen auf Ralph Lauren, der seine ➱Purple Label Linie einige Jahre bei Nervesa produzieren ließ, aber der zog schnell weiter. Zur Sartoria Santandrea, die auch als Saint Andrews fungiert, blieb da aber auch nicht lange, sondern wanderte zu Cantarelli. Die Vielzahl der berühmten Namen war zwar schön für das Renommee von Nervesa gewesen, aber große Namen bedeuten nicht, dass diese Firmen auch ihre Rechnungen rechtzeitig bezahlten. Wenn Sie die traurigen Bilder sehen wollen, wie die Fabrik bei ihrer Aufgabe aussah, dann klicken Sie hier.

Inzwischen scheint nach Jahren des Aufbaus alles gerichtet, La crisi, a volte, può riservare inaspettate opportunità, sagte man sich. Ich weiß nicht, ob sie noch die RTW für Timothy Everest, die Konfektion für Leonard (das ist die Pariser Firma mit den wilden Mustern auf Damenkleidern und Herrenschlipsen) und die für Borsalino machen.

Die Lizenzen, mit denen man einst prahlte, werden heute nicht mehr erwähnt. Obgleich dieser Name Nervesa Sartoria d’Europa passend war: die großen Namen von ganz Europa ließen bei Nervesa fertigen. Dass die Firma wieder lebt, kann man ihrer ➱Website ablesen. Die war jahrelang ziemlich tot. Ungefähr so wie der Katalog der ➱Kunsthalle Bremen. Wenn Sie einen Blick auf die Kollektion für den Sommer 2017 werfen wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Am letzten Sonntag sah ich bei ebay ein Nervesa Jackett, auf das noch niemand geboten hatte. Allerdings zerschlug sich meine Hoffnung schnell, das Jackett für einen Euro zu bekommen. Irgendjemand schien zu wissen, was Nervesa einmal bedeutet hat. Ich bot nicht lange mit, das Jackett war sowieso ein wenig langweilig. Sah auf keinen Fall so aus wie die neueste Kollektion hier. Deshalb trauerte ich ihm auch nicht lange nach, für einen Euro wäre es O.K. gewesen.

Aber ich schaute mich mal bei ebay um und fand bei second-toni dieses Teil. Den Händler kenne ich, da habe ich schon häufiger etwas gekauft. Gute Preise und immer zuverlässig. 99,9% postitive Bewertungen bei über 65.000 Transaktionen, ein Querulant ist immer dabei, der die Statistik verdirbt. Dieses hübsche Nervesa Jackett war allerdings mit 99,98 Euro ausgezeichnet, für das Geld kriegt man bei ebay schon Caruso oder Brioni. Oder ein nagelneues Boglioli Jackett. Ich schrieb dem second-toni eine nette kleine Mail und wies ihn darauf hin, dass für dieses Jackett die Preisstruktur wohl nicht ganz stimme. Und setzte noch aus Spaß hinzu: Für 49 Euro würde ich es kaufen.

Am nächsten Morgen flatterte eine E-Mail von second-toni auf den Bildschirm, in der stand: Sie haben mich übezeugt. Und ich bekam das Jackett zum Sonderpreis von 49 Euro angeboten. Damit hatte ich nun nicht gerechnet, konnte der Verlockung aber nicht widerstehen. Jetzt habe ich nach Jahrzehnten wieder mal ein Nervesa Jackett. Nicht, dass man die siebziger Jahre zurückholen könnte, aber es ist doch irgendwie nett.

Das Jackett hat ein Etikett von ➱Felbinger, einem Herrenausstatter aus Bayern. Der Firmenchef Klaus Felbinger, der ein Jahr bei ➱Brioni volontiert hat, leitet in dritter Generation das Geschäft. Und was die im Angebot haben, ist vielleicht geeignet, um Rudolf Böll in Rottach-Egern Konkurrenz zu machen (zu dem gibt es ➱hier schon einen Post. Auf der Seite von Felbinger kann man lesen: „Sartorische Qualität“ nennt man im Fachjargon, was das Angebot von felbinger kennzeichnet. Im Gegensatz zum Konfektionsanzug werden unsere Teile nach den Regeln edler Schneiderkunst gefertigt. Nichts wird geklebt oder fixiert. Alle Einlagen sind so pikiert, daß der verwendete Wohlfühlstoff in seiner Besonderheit sichtbar und spürbar wird. „Sartorische Qualität“ vermögen nur ganz wenige, wie z. B. die großen Italiener Brioni oder Nervesa vorzuhalten. Mit diesen Firmen arbeiten wir so eng zusammen, daß auch individuelle Sakkos und Anzüge gefertigt werden können. Das ist es, da unten im Allgäu, da weiß man die Qualität von Nervesa zu schätzen. Und Humor haben sie da auch, da steht auf ihrer Seite: Felbinger-Kunden sind jung oder alt, klein oder groß, besonders klein oder besonders groß. Das trifft auch auf meine Leser zu, die sind auch jung oder alt, klein oder groß, besonders klein oder besonders groß.

Die Firma Nervesa wird heute nicht zum ersten Mal in diesem Blog erwähnt. Sie könnten auch noch lesen: TyroneMade in GermanyWaltz into DarknessHandschuhknopfMade in GermanyBaldessariniPierre CardinRaffaele Caruso

 

Es war einmal ein ehrsamer Schneidergeselle, namens Labakan, der bei einem geschickten Meister in Alessandria sein Handwerk lernte. Man konnte nicht sagen, daß Labakan ungeschickt mit der Nadel war, im Gegenteil, er konnte recht feine Arbeit machen. Auch tat man ihm unrecht, wenn man ihn geradezu faul schalt; aber ganz richtig war es doch nicht mit dem Gesellen, denn er konnte oft stundenweis in einem fort nähen, daß ihm die Nadel in der Hand glühend ward und der Faden rauchte, da gab es ihm dann ein Stück wie keinem anderen; ein andermal aber, und dies geschah leider öfters, saß er in tiefen Gedanken, sah mit starren Augen vor sich hin und hatte dabei in Gesicht und Wesen etwas so Eigenes, daß sein Meister und die übrigen Gesellen von diesem Zustand nie anders sprachen als: »Labakan hat wieder sein vornehmes Gesicht.« So fängt das  Märchen vom falschen Prinzen an, das sich in Wilhelm Hauffs ➱Märchen-Almanach auf das Jahr 1826 findet. Und von Prinzen, falschen oder echten, müssen wir mal eben reden.

Als Blogger kann man nicht immer schreiben, man muss zwischendurch auch mal zur Entspannung surfen. Mache ich bei ➱ebay, da findet man immer wieder Kuriositäten. Letztens war da eine vegane Lederjacke im Angebot, vegane ➱Lederjacken kannte ich bisher nicht. Des Rätsels Lösung war, dass die Jacke aus Kunstleder war. Was mir an dem Tag auch noch auffiel, war ein Jackett, das als P. von Preußen Dormeuil Amadeus 365 Sakko Jacket angepriesen wurde. Den Stoff Dormeuil Amadeus 365 gibt es, aber wer steckt hinter dem Firmennamen? Schön sieht das Ganze ja nicht aus. Bei ➱Kiton, ➱Brioni oder ➱Caruso würde sich der Stoff in der Brustpartie nicht so spannen.

Auf dem Etikett im Futter kann man lesen Exclusively Tailored by P. von Preußen. Nähen die Preußenprinzen jetzt Sakkos? Die Preußens machen ja alles Mögliche. Eine Prinzessin, die ich kannte, landete bei der Bremer Lokalredaktion der Bild Zeitung, ein beruflicher Höhepunkt. Den Prinzen mit der ➱Juraklausur in Berlin möchte ich lieber nicht erwähnen. Doch was die Prinzen auch anstellen, eine ordentliche Schneiderlehre hat keiner von ihnen gemacht. Zwar sind Schneider geadelt worden wie ➱Hardy Amies, und es gibt Schneider mit (falschen) Adelsnamen wie ➱Georges de Paris, aber königliche Schneider gibt es nicht.

Doch die Schneider waren bei Königen und Prinzen immer angesehen, was wäre die Savile Row ohne den ➱Duke of Windsor gewesen? Der jetzige Prince of Wales hat, wie wir hier sehen, einmal seine Schneider besucht. Und mit ihm kommen wir auch dem Hersteller des P. von Preußen Jacketts auf die Spur. Denn da können wir im Spiegel im Jahre 2005 lesen: Die einzige Konstante scheint K’s Adelsmasche zu sein. Schon bei der „Lord’s of Sweden Maßbekleidung Vertriebs GmbH“, die er bis 1998 führte, sorgte der feudale Titel für Umsatz. Nach ein paar Jahren reichte er die Firma an seinen Onkel in Zürich weiter. In die Frankfurter Filiale des „Lord’s of Sweden“ zog dann „Prince of Wales“ ein. Und vielleicht eröffnet er ja nach seiner U-Haft eine neue Firma: K. ließ sich beim Deutschen Patent- und Markenamt bereits den nächsten klangvollen Namen schützen: „Prinz von Preußen“. 

Der hier erwähnte Herr K. heißt Ricky Kripalini. Er ist ein Krimineller, wie die Schneider, die dem Kaiser die neuen ➱Kleider schneidern. Er ist in diesem Blog schon in den Posts ➱Maßkonfektion und ➱preloved aufgetaucht. Dieser Ricky Kripalini hat offensichtlich das wahrgemacht, was der Spiegel damals vermutete: vielleicht eröffnet er ja nach seiner U-Haft eine neue Firma. Am Ende von Wilhelm Hauffs Märchen sagt sich der Schneider Labakan: Es ist doch besser, daß ich ein Schneider geblieben bin; denn um die Ehre und den Ruhm ist es eine gar gefährliche Sache. Diese Einsicht hat Ricky Kripalini nie gehabt. Ich weiß nicht, ob er noch – oder schon wieder – einsitzt. Aber die Firma Prinz von Preußen hat es offensichtlich einmal gegeben. Näht da die Nadel … emsig fort, ohne von jemand geführt zu werden … macht feine, zierliche Stiche, wie sie selbst Labakan in seinen kunstreichsten Augenblicken nicht gemacht hatte? Geht da das Stückchen Zwirn … nie aus, die Nadel mochte so fleißig sein, als sie wollte? Nein, dieses hochadelige Jackett wurde von der deutschen Firma Eduard Dressler hergestellt, wie man dem Etikett unschwer entnehmen kann.

Von Ricky Kripalini, der sich für seine Marke Prinz von Preußen ein hübsches Wappen entworfen hat, hat man seit Jahren nichts mehr gehört. Die neueste Marke, die Preußen in ihrem Namen führt, heißt Fritzi aus Preußen. Die stellen Handtaschen für Damen her: Designs im Vintage-Look, lässige Lederoptik und trendige Farben machen die Handtaschen von Fritzi, die den urbanen Lifestyle selbstbewusster und moderner Frauen transportieren, zu etwas ganz Besonderem. Und das Schönste ist: alles vegan. Sprich Kunstleder. Was die Marken Prinz von Preußen und Fritzi aus Preußen betrifft, können wir sagen, dass sie nicht the real thing sind. Die einzige Firma, die wirklich einen preußischen Prinzen beschäftigt, heißt Prinz von Preußen Grundbesitz AG. Die machen solche Geschäfte, wie sie Donald Trump gemacht hat, aber ist so etwas viel seriöser als Ricky Kripalini und seine Firma Prinz von Preußen?

 

Ich weiß nicht, warum ich in meinem kleinen Panorama der europäischen Schuhproduzenten die Spanier bisher ausgelassen habe. Obgleich ich sie in dem Post ➱wholecut schon einmal erwähnt habe: Die werden in großem Stil auf einer anderen Insel als England hergestellt: Mallorca. Die Firma Carmina wirbt damit, der größte Hersteller von Cordovan Schuhen in Europa zu sein. Dieser hier kostet 690€. Neben der Firma Carmina von José Albaladejo gibt es auf Mallorca noch die Firma Meermin, die etwas preisgünstiger ist (und dass Herr ➱Kuckelkorn sich in Mallorca und in Almansa seine Schuhe machen lässt, sollte nicht unerwähnt bleiben). Die Spanier sind (wenn man an Marken wie Lottusse und andere denkt) im Bereich des preiswerten Qualitätschuhs zu einer Großmacht in Europa geworden. Auch der deutsche Internethändler Shoepassion, der für 239 Euro einen wholecut anbietet, bezieht seine Schuhe aus Spanien. Von der Firma Cordwainer in Almansa; man kann eine Besprechung der Qualität der Shoepassion von jemandem, der sich Paul Prüfer nennt, hier lesen. Aber das Ganze ist wahrscheinlich auch nur gekaufte Werbung.

Ich bleibe einmal bei der Firma Shoepassion, die auf ihrer Homepage versichern, dass spanische Schuhe für hochwertige Qualität stehen und zurzeit noch eher ein Geheimtipp sind: In puncto Verarbeitung, Design und Komfort stehen sie den großen Vorbildern aus Italien und England in keinster Weise nach. Da ist etwas dran. Man kann sie auch unter anderen Namen als Shoepassion kaufen.

Dr Thomas Schmitz mit seiner Firma John Crocket, der einmal einer der ersten in Deutschland war, der ➱Tricker’s anbot, setzt jetzt voll auf die Spanier (hier einige seiner Schuhe). Natürlich nur mit Rendenbach Sohle, genau so wie Ed Meier in München die Rendenbach Sohlen nach England schickt, damit Crockett & Jones die unter seine Schuhe nähen. Und auch Dieter Kuckelkorn lässt in Spanien, wo er lange gelebt hat, produzieren. Das wissen Sie aber schon, weil Sie längst den Post ➱Kuckelkorn gelesen haben. Als Kuckelkorn noch spanische Schuhe unter dem englischen Namen Robert Johnson verkaufte, belieferte er auch Hein Gericke. Nicht mit  Motorradstiefeln, damals hatte Gericke eine kleine Firma in Düsseldorf, die Hein Gericke Classics hieß und erstklassige Ware anbot. Ich habe immer noch ein Paar Schuhe von damals, nach Jahrzehnten beinahe wie neu.

Nicht aus Spanien kommen die Schuhe des spanischen Hoflieferanten Loewe, seit die Firma zum ➱Louis Vuitton Konzern gehört. Die Schuhe werden von Stefanobi gemacht, die auch die Berluti Schuhe herstellen. Ich nehme mal an, das Christian Kracht von der Firma Berluti (die ➱hier einen Post hat) jedes Jahr ein Paar Schuhe bekommt, hat er doch die Firma Berluti in seinen Roman 1979 hineingeschrieben. Keiner der Rezensenten versäumte es, auf die Berluti Schuhe hinzuweisen. Ich zitiere mal eben die NZZ: Allein in dem Maße, in dem es ihrem Einsatz häufig genug an Witz und Ironie gebricht, dürften sie im Verein mit dem auch diesmal wieder massiv geübten Product-Placement (die Schuhe von Berluti, das Einstecktuch von Paisley, die Musik von den Ink Spots usw.) dem Verdacht Vorschub leisten, Popliteratur aus dem Hause Kracht, weit davon entfernt, mit Trivial- und Kitschelementen zu jonglieren, sei deren Trug vielmehr mit Haut und Haaren verfallen. 

Die wohl größte Zahl der spanischen Schuhproduzenten sitzt auf Mallorca. Und das schon lange: Lottusse seit 1877, Yanko seit 1890 und Carmina (zu der Firma gehören auch die Marken Albaladejo und Meermin) seit 1866. In den 1950er Jahren arbeitet die Hälfte der Einwohner von Inca in der Schuhindustrie. Die Firma Lottusse (zu der auch die Marke Camper gehört) soll ihren Namen danach haben, dass ihr Firmengründer in England eine Nähmaschine namens Lotus gekauft hatte. Sie sind neuerdings in Miami und New Jersey zu finden, Amerika ist immer ein Markt für spanische Schuhe. Im Jahre 1972 gingen 70% des spanischen Schuhexports in die Vereinigten Staaten. Lottusse ist aber auch ganz stark in China, wo sie schon in 49 Geschäften vertreten sind. Das ist eine witzige Sache: zum einen überschwemmen die Chinesen den europäischen Markt mit Billigschuhen und zu Hause kaufen sie Qualitätsschuhe aus Spanien.

Ihre beste Qualität trägt den Namen Lottusse Selection 1877, und da bekommt man schon wirklich gute Schuhe. Den hier habe ich seit Jahren, er hat wenig Spanisches an sich. Es ist eine perfekte Kopie eines Theresianers von Ludwig Reiter, hat sogar diese geschwungene Absatzform, die man in Wien liebt. Schlicht und unauffällig, aber hervorragend verarbeitet. In der Linie Lottusse Selection 1877 bietet die Firma auch Pferdelederschuhe an, die sehr viel preisgünstiger sind als die Schuhe von Alden.

Noch mehr Cordovan Schuhe produziert die Firma Carmina, aber das steht schon im ersten Absatz. Zu dem Familienunternehmen von José Albaladejo braucht man kaum etwas zu sagen. Sogar Michael Jondral in Hannover, von dem ich glaubte, dass er nur mit Saint Crispin’s handeln würde, hat Carmina im Angebot. Preiswerter als Carmina ist Meermin, die noch junge Firma ist der Nachfolger von Yanko (in Deutschland einstmals beworben mit Yanko der Spanier), sie machen wirklich elegante scharfe Schuhe. Die auch in England beliebt sind. Wahrscheinlich weil sie so aussehen, als wären sie Schuhe von Gaziano und Girling (deren Schuhe in der Anfangsphase ja von ➱Alfred Sargent gemacht wurden). Ob Meermin Schuhe lange halten oder ob ihre Schönheit nur die des flüchtigen Augenblicks ist, das weiß ich nicht. Bei ebay wird ständig B-Ware der Fabrik verkauft, die dann am Ende der Auktion ungefähr die Hälfte des Ladenpreises kostet.

A propos England, auf Mallorca wohnen dauerhaft beinahe 20.000 Briten, die wegen des Brexit etwas ängstlich in die Zukunft schauen. Die spanische Schuhindustrie (hier ein Blick in die Fabrik Antoni Melis in den 30er Jahren) schaut kein wenig ängstlich in die Zukunft. Denn wenn der Austritt der Engländer aus der EU mit dem Verlust des europäischen Binnenmarktes wirklich wahr wird, werden englische Schuhe teurer werden. Dann wird ein Schuh von Carmina zu einer echten Konkurrenz für, sagen wir, Crockett & Jones werden.

Und wir bleiben noch ein wenig bei den Engländern, nämlich bei diesem Herrn hier, James FitzJames, dem ersten Duke of Berwick. Sein Nachnahme sagt uns alles: er ist der (un)eheliche Sohn (fils=fitz) von James. Sein Vater ist James II, jener Stuart, den die Engländer aus ihrem Land vertreiben werden. In der Zeit von James II sind in England übrigens bei den Damen spanische Schuhe, die mit Gold verziert sind, sehr beliebt. Auf jeden Fall singt in Thomas D’Urfeys The Young Maid’s Portion jemand von my damask gown, my laced shoes of Spanish leather. Wenn Sie noch mehr zu den Schuhen des 18. Jahrhunderts wissen wollen, dann gehen Sie doch zu dem wunderbaren Blog ➱Jane Austen’s World. Unser James FitzJames hat noch eine Vielzahl anderer Adelstitel, die man ihm in Spanien und Frankreich verleiht. Weil er für diese Nationen Krieg führt. Er gewinnt unter anderem die Schlacht von Almansa, und damit sind wir wieder bei der spanischen Schuhindustrie.

Denn neben Mallorca ist Almansa das zweite Zentrum der spanischen Schuhindustrie. Hier sind Firmen wie CordwainerLorensMagnanni, Kuckelkorn und Berwick 1707 beheimatet. Das 1707 bei Berwick bedeutet nicht, dass es die Firma seit diesem Jahr gibt, es gibt sie erst seit 1991. Das 1707 bezieht sich auf die Schlacht von Almansa. Und so lebt der Duke of Berwick (der seinen Herzogstitel verlor, als er mit seinem Vater das Land verließ) auf den Sohlen einer spanischen Schuhfabrik weiter. Neben dem Signet der Firma Rendenbach, die diese hervorragenden Sohlen macht.

Cordwainer klingt nach einer englischen Firma (man verkauft auch gut nach England), aber es sind Spanier wie Berwick. Und das Wort cordwainer, das einen Schuster bezeichnet (die haben in England heute noch immer eine Innung), ist im Mittelalter aus Spanien nach England gekommen. Die Stadt Cordoba (die auch in cordovan steckt) steckt in diesem Wort, berühmt für ihr feines Leder.

Natürlich stellt man in Spanien auch Millionen von Damenschuhen her. Und zapatos für die Freizeit, Stiefel nicht zu vergessen. Tony Mora auf Mallorca ist berühmt für seine Cowboystiefel. Dazu zitieren wir doch mal eben einen Nobelpreisträger:

Well, if you, my love, must think that-a-way

I’m sure your mind is roamin’

I’m sure your heart is not with me

But with the country to where you’re goin’


So take heed, take heed of the western wind

Take heed of the stormy weather

And yes, there’s something you can send back to me

Spanish boots of Spanish leather

Noch mehr Schuhe in den Posts: ➱Cliff Roberts, Artisan, ➱Wiener Leisten, ➱Englische Herrenschuhe (Trickers), ➱Englische Herrenschuhe (London) ➱Englische Herrenschuhe (Alfred Sargent), ➱Französische Herrenschuhe, ➱Schuhe aus Portugal, ➱Italienische Herrenschuhe, ➱holzgenagelt, ➱Dinkelacker, ➱Kuckelkorn, ➱Kiton/Chiton, ➱wayward cows, ➱Lord Byrons Schuhe, ➱Militärisches Schuhwerk, ➱Wildlederschuhe, ➱Chelsea Boots, ➱Wirkungen, ➱Zeit der Unschuld, ➱Gamaschen, ➱Christian Rohlfs, ➱Laurence Harvey, ➱Blazer, ➱Morning Coat, ➱Fernandel, ➱Léo Malet, ➱Schuhcreme

 

Die Royal Navy bezog die Stiefel für ihre Matrosen aus Northampton. Holzgenagelt, um das Deck zu schonen. Die Army bekam sie stahlgenagelt. Alle Landarbeiter trugen genagelte Stiefel, der ziemlich steife Schuhboden ist bei Arbeitsschuhen ein großer Vorteil. Das ist jetzt hundert Jahre her, aber wir müssen noch ein wenig weiter zurückgehen in der Geschichte des genagelten Schuhs. Im Jahre 1790 hatte der englische Tischler Thomas Saint eine Nähmaschine für das Nähen von Leder erfunden (British Patent No. 1764), das wusste man lange nicht. Man hatte die Urkunde im Patentamt falsch abgelegt. Sie wurde erst 1873 von Newton Wilson, einem Pionier der englischen Nähmaschinenindustrie gefunden, der dann ein Replikat von Saints Maschine gebaut hat. Ob Thomas Saint jemals eine seiner Maschinen gebaut hat, weiß man leider nicht.

Dieser Herr hat den ersten Tunnel unter der Themse gebaut, es ist Sir Marc Isambard Brunel. Der Vater des berühmten Isambard Kingdom Brunel (der ➱hier einen Post hat) hatte als königstreuer Franzose sein Heimatland in der Revolution verlassen müssen. Jetzt verhalf er – neben tausend anderen Erfindungen – der englischen Armee zu besseren Stiefeln im Kampf gegen Napoleon. Seine Maschinen konnten Schuhe mit Stahlnägeln nageln, fünfhundert am Tag. Doch es ist ein Amerikaner namens ➱Nathaniel Leonard aus Merrimac (Massachusetts), der 1829 eine Holzpflock- und Holznagelmaschine erfand. Die machte es möglich, die Holznägel automatisch durch die Sohle zu stechen. So konnten die Holznägel gleichmäßig eingeschlagen werden, das löste viele Probleme bei holzgenagelten Schuhen. Und die holzgenagelten Schuhe zieht das Bürgertum vor, man möchte auf dem Parkett keine Kratzer machen.

Die genagelten Schuhe bleiben durch das Jahrhundert für Landbevölkerung, Arbeiter und Armee die Standardschuhe (für Armee und Feuerwehrleute noch länger). Es wird noch einige Jahrzehnte dauern, bis die genähten Schuhe en masse produziert werden. Es sind im 19. Jahrhundert immer wieder die Amerikaner, die die Erfindungen machen. Da ist zum Beispiel Gordon McKay, der sein Patent für eine angenähte Sohle an Lyman Reed Blake verkauft (hier kann man das Blake Verfahren sehen).

Und da ist natürlich Charles Goodyear Jr, der eine Maschine baut, mit der man rahmengenähte Schuhe herstellen kann (Jan Ernst Matzeliger sollten wir auch nicht vergessen). Die Geschichte der Erfindungen im Bereich der Schuhherstellung und die damit einhergehende Veränderung der Arbeitswelt scheint erstaunlicherweise niemanden wirklich zu interessieren. Symbolisch dafür ist Sigfried Giedion, der in seinem Standardwerk Die Herrschaft der Mechanisierung die Maschinen zur Schuhherstellung mit keiner Zeile erwähnt. Den sogenannten Rahmen eines rahmengenähten Schuhs können Sie hier sehen, es ist ein Lederband, das um den Schuh herumläuft. Das allerdings heute bei bei beinahe allen Schuhen, die als rahmengnäht bezeichnet werden, durch ein geklebtes Gemband ersetzt ist.

Als ich vor Jahren für die Firma IWC in Schaffhausen einen Artikel über ihren Firmengründer im Bürgerkrieg schrieb (Sie können den Artikel ➱hier lesen), stellte ich fest, dass Florentine Ariosto Jones nicht der einzige Uhrmacher im Regiment war. Das hätte ich mir denken können, Boston war die Metropole der amerikanischen ➱Uhrenindustrie. Ich konnte der Regimentsliste, die ich aufgetrieben hatte, auch entnehmen, dass das Regiment ungeheuer viel Schuhmacher in seinen Reihen hatte. Boston war auch das Zentrum der amerikanischen Schuhindustrie. Wenige Jahre vor dem Beginn des Bürgerkriegs hatte es einen Aufstand der Schuhmacher in Lynn gegeben, wobei die Arbeiter zur Melodie des Yankee Doodle sangen:

Starvation looks us in the face.
We cannot work so low.
Such prices are a sore disgrace.
Our children ragged go.

Abraham Lincoln, der sich bekanntlich seine ➱Schuhe selbst putzte, war auf der Seite der Streikenden: I am glad to see that a system of labor prevails in New England Under which laborers can strike when they want to, where they are not obliged to labor whether you pay them or not. I like a system which lets a man quit when he wants to, and wish it might prevail everywhere. Und so sangen die Schuhmacher nach dem Streik:

We strikers once for higher pay
With crowded ranks did cram Lynn;
We come with fuller ranks to-day
For Lincoln and for Hamlin.

The Southerners at us did sneer
And fiercely curse and ban Lynn,
But wilder yet will be their fear
Of Lincoln and of Hamlin.

Bold Robin Hood won Lincoln green,
And his sweet minstrel Gamelyn,
Were they alive they’d go, I ween,
For Lincoln and for Hamlin.

Like Sherwood’s king, we strike down wrong,
And while our town’s no sham Lynn,
We’ll wave our flag and go in strong
For Lincoln and Hamlin.

Der Streik von Lynn im Jahre 1860 – übrigens der größte ➱Streik der damaligen amerikanischen Geschichte – lehrt uns auch, dass die Schuhmacherei im 19. Jahrhundert ein System der Ausbeutung ist. Unter den tausenden von Schuhmachern, die im Schnee marschieren, sind auch viele Frauen. Die man ja besser ausbeuten kann als Männer, sie tragen Transparente mit der Aufschrift: American ladies will not be slaves. Give us fair compensation and we will labour cheerfully. Das Jahrhundert der Schuhmacherinnen hat begonnen, aber niemandem scheint das aufgefallen zu sein. Am Anfang des 19. Jahrhunderts hatte das paternalistische Lowell System für die Textilproduktion in Massachusetts Aufsehen erregt, die jungen Arbeiterinnen sollten in reinlichen Neubauten wohnen, beaufsichtigt von moralischen Gouvernanten. Sie sollten nur einige Jahre in der Fabrik bleiben, bis sie genügend Geld für die Heirat gespart haben. Das waren schöne Gedanken, aber das System sah wenige Jahre schon ➱ganz anders aus. Auf dem Bild von ➱Winslow Homer ist die Arbeitswelt noch in Ordnung, das ist sie auf Bildern immer.

Im amerikanischen Bürgerkrieg sind die meisten Stiefel genagelt, es kommen aber auch schon die ersten genähten Schuhe zum Einsatz. Gordon McKay hatte einen Auftrag für 25.000 Stiefel erhalten. Die werden von den Soldaten zuerst spöttisch als fadeaways bezeichnet, weil sie nicht genagelt sind, halten sich aber erstaunlich gut. Der Süden verfügt nicht über die Schuhindustrie, die der Norden besitzt. Und so ist es kein Wunder, dass das Gerücht, dass es in Gettysburg eine ganze Zugladung Schuhe geben soll, die Truppen des Südens nach Gettysburg zieht. Das Ergebnis kennen wir.

Man beobachtet damals in Europa den Bürgerkrieg genau. Man beobachtet aber auch genau, was sich in der amerikanischen ➱Schuhindustrie tut. Der Sohn des Firmengründers der französischen Firma ➱J.M. Weston wird sich in Boston umschauen und in Amerika die ersten Maschinen kaufen. Und nicht nur das, auch der Firmenname kommt aus Boston, denn in Weston (Massachussetts) hatte Blanchard Jr in einer der zahlreichen Schuhfabriken gelernt. Die ersten großen europäischen Fabriken wie ➱Bally oder Bata (wo der Vater von ➱Tom Stoppard eines Tages Werksarzt sein wird) werden ihre Produktion auf Goodyear Maschinen umstellen. Und die beiden Macharten, Goodyear oder Blake (das die Italiener bevorzugen) beherrschen noch heute die Herstellung von Qualitätsschuhen. Von holzgenagelten Schuhen ist wenig zu hören.

Aber es gibt sie noch. Da wären zum Beispiel Firmen wie Fischer oder Handmacher, beide in Österreich zu Hause. Und generell kann man sagen, dass es das ehemalige KuK Österreich (oder wie es auf einer Internet Seite heißt: ➱The Savile Row of the East) ist, in dem der holzgenagelte Schuh überlebt hat. Noch heute bieten die feinen Wiener Schuhmacher wie zum Beispiel Balint, Materna und Maftei ganz selbstverständlich holzgenagelte Schuhe an. Über das Thema könnte ich jetzt noch länger schreiben, das lasse ich aber. Weil Sie jetzt den Post ➱Wiener Leisten anklicken, dann wissen Sie mehr.

Erstaunlicherweise findet sich in dem Prospekt der Firma Handmacher, den mir Michael Rieckhof mitgab, überhaupt nichts über die Technik des Nagelns, lediglich eine Überschrift wie In über 250 Arbeitsschritten zum fertigen holzgenagelten Lederschuh weist auf die Technik hin. Es gibt Informationen über die Rendenbach Sohlen (die man 6 oder 8 Millimeter dick bekommen kann), aber nichts über Vor- und Nachteile des holzgenagelten Schuhs. Und in dem eigenlich charmanten Buch von Laszlo Vass, Herrenschuhe handgearbeitet, kommen holzgenagelte Schuhe nicht vor.

Man scheint Vorbehalte und Ressentiments gegen diese alte Handwerkstradition zu haben. In den Internetforen, wo diese Fachleute sitzen, die die Flöhe husten hören, kommt der holzgenagelte Schuh schlecht weg. Als mir Michael Rieckhof die Teilnahme an einem ➱Seminar des Schuhpapstes Helge Sternke geschenkt hatte, zog der auch gegen holzgenagelte Schuhe her. Wofür er sofort von Frau Schade und Frau Ratzburg attackiert wurde, denn bei Kelly’s gibt es (genau wie bei Höfer in der Holtenauer Straße) Handmacher Schuhe. Es war ziemlich undiplomatisch (um nicht zu sagen schlicht doof) von Sternke. Und ich sollte vielleicht auch noch anfügen, dass ihn viele echte Kenner der Welt des Schuhs nicht für den echten Schuhpapst halten.

Holzgenagelte Schuhe sind in der Herstellung preiswerter als rahmengenähte. Auch bei Balint, Materna und Maftei (Bild), nicht nur bei Handmacher. Aber schlechter? Ich zitiere einmal das österreichische Wirtschaftsblatt aus dem Jahre 2010: Holzgenagelt oder genäht, das ist die eine Frage, die die Konkurrenten Handmacher und Ludwig Reiter tief entzweit, der Endverbraucherpreis für ein Paar Ledermaßschuhe die andere. Handmacher-Chef Bernhard Kovar meint, Reiter-Schuhe seien zu teuer.

„Ich sage Ihnen, die sind ihr Geld nicht wert“, meint der 63-jährige Welser. Er stellt im tschechischen Znaim holzgenagelte Herrenschuhe her, die auf 230 bis 360 € kommen. Der teuerste Reiter-Halbschuh kostet 500 €. „Wir produzieren ausschliesslich in Wiener Neudorf. Das kostet halt ein bissl mehr als in Niedriglohnländern“, kontert Reiter-Sprecherin Teresa Wlk. Marktführer Reiter verkauft 20.000 Paar Herrenschuhe pro Jahr, der vor 14 Jahren angetretene Herausforderer Handmacher mittlerweile 12.000.

Unser Sommer war im September, jetzt ist Herbst. Jetzt trage ich nicht mehr elegante Schuhe von Aubercy oder scharfe Schuhe von Stefano Branchini, jetzt kommen die soliden Schuhe aus Wien oder Budapest dran. Dieser schöne Schuh (für 35 Euro bei ebay gekauft) ist übrigens ein Crockett & Jones. Könnte genau so gut von Ludwig Reiter, Alt Wien oder Laszlo Vass sein. Ist aber nicht holzgenagelt, in ➱Northampton macht man das nicht mehr. Sind rahmengenähte Schuhe besser als holzgenagelte?

Ich weiß es nicht, ich selbst merke keinen Unterschied. Ich habe vor vielen Jahren einmal ein Interview mit einem Engländer gelesen, der einmal rund um England gewandert war. Er trug dabei stahlgenagelte Shepherd’s Boots. Mit normalen Schuhen hätte er das Ganze nicht geschafft, sagte er. Mir sagte einmal ein Schuhmacher: Wenn Sie mal 25 oder 30 Kilometer laufen müssen, dann werden Sie froh sein, wenn Sie genagelte Schuhe an den Füssen haben. Ich habe ihm gesagt, dass ich bei der Infantrie gewesen sei und freiwillig keinen überflüssigen Schritt mehr zu Fuss machen würde. 25 Kilometer schon gar nicht. Mein Rekord stand auf 73 Kilometer an einem Tag, und da hatte ich keine genagelten Stiefel an den Füßen.