Ach, das waren noch Zeiten, als man solch ein Schnuckelchen dazu bekam, wenn man ein Jackett kaufte. Man kriegte damals bei der französischen Firma Mavest allerdings nicht die schnuckelige Françoise Guillier, die Jacques Taverniers You’ll Kiss Me For It sang, man bekam nur die Single. Die Firma Mavest (Manufacture de Vêtements de l’Est), die im Elsaß begann und dann nach ➱Ambazac zog, gibt es heute nicht mehr. Das schöne Mavest Jackett, das ich einmal besaß, habe ich auch nicht mehr. Bei ebay tauchen manchmal noch Mavest Teile auf, sehr nostalgisch. Und das bringt mich zu einer anderen Firma, die auch das vest in ihrem Namen hat, und die manchmal auch ebay zu finden ist.

In dem Post ➱Rosstäuscher habe ich vor fünf Jahren geschrieben, dass ich bei ebay ein Jackett der Firma Belvest für neun Euro ersteigert hatte. Ich kann das jetzt noch toppen, denn ich habe gerade vor Wochen ein Belvest Jackett für 1,50€ gekauft. Das wird schwer zu übertreffen sein. Man kann aus dem Ganzen wahrscheinlich ablesen, dass die Marke Belvest nicht so bekannt ist wie ➱Kiton, ➱Brioni oder ➱Attolini. Die haben hier, wie viele andere italienische Firmen, schon Posts. Und da ich weiß, dass viele Leser meine kleinen Firmengeschichten sehr gerne lesen, habe ich mir gedacht, ich schreibe mal eben über Belvest. Die Sartoria Firma aus Padua, die die wenigsten Schlagzeilen macht. Und noch immer im Privatbesitz ist.

Und selten über die Alpen kommt. Zwar gibt es einige ➱Herrenausstatter in Deutschland, die Belvest führen, aber furchtbar viele sind das nicht. W.J. Stamm in Nürnberg ließ sich seine Private Label Sakkos von Belvest machen, aber den gibt es ja leider nicht mehr. ➱Terner in Hannover führte zu seinen besten Zeiten nur Belvest und Isaia, aber mit diesem Händler ist es ja auch aus. Michael Rieckhof in ➱Kiel hatte eine Zeitlang Belvest im Angebot, war aber auch kein Renner. Sakkos, die mehr als tausend Euro kosten, verkaufen sich nun mal nicht wie geschnitten Brot. Vielleicht in Düsseldorf oder München, hier oben nicht. Ich kann da nur die beiden Artikel von ➱Jens Jessen und ➱Bernhard Roetzel zur Lektüre empfehlen, dann wissen Sie, weshalb der deutsche Mann ungern wirkliche Qualität kauft.

Italien hat neben den großen Namen wie Kiton, Brioni, Attolini und Raffaele Caruso auch noch eine Vielzahl von nicht so bekannten Marken zu bieten. Wie Isaia, Ravazzolo (die zum Beispiel ➱R. Böll und Werner Scherer beliefern), d’Avenza, Saint Andrews (=Sartoria Santandrea), Castangia, Orazio Luciano oder Cantarelli. Für viele scheint der deutsche Markt uninteressant. Weil sie Amerika im Visier haben (wie man an dieser Anzeige der Firma Louis in Boston sehen kann), oder weil sie Kunden haben, die nicht genannt werden möchten.

Manche haben auch Zweitmarken für den Export wie Isaia, die es auch als Michelangelo gibt, und die man im amerikanischen Amazon kaufen kann. Dieses Modell kostet 2.760 Dollar, kommt aber mit Bügel und Kleidersack. Sehr modern, slim line, passt an keiner Stelle. Ich glaube, so etwas käme bei Belvest nicht aus dem Haus (obgleich sie neuerdings auch einen Online Verkauf haben). Ich will aber ansonsten nichts Böses über Michelangelo sagen, ich habe ein wuschelweiches ungefüttertes Tweedjacket von denen, das sich wie eine Strickjacke trägt.

Und da ich bei ungefütterten Sakkos bin, muss ich natürlich das Jacket in the box der Firma Belvest erwähnen. Ein ungefüttertes Jacket, das in eine Pappschachtel passt. Auch wenn sie das jetzt als Neuheit vermarkten, sie hatten das Teil schon lange im Programm. Vielleicht schon bevor Boglioli, Lubiam und Canali mit ungefütterten, vorgewaschenen Sakkos auf den Markt kamen. Und sogar die deutsche Firma ➱Regent stellte so etwas schon 1995 her, auf jeden Fall hängt solch ein Teil bei mir im Schrank.

Ich liebe diese ungefütterten Sakkos, die man nicht nur im Sommer tragen kann. Der Schnitt von Boglioli, die auch die Sakkos für Etro herstellen, ist perfekt. Meine Lieblinge unter diesen Made in Italy Flitzekitteln sind zwei Jacketts von Cantarelli, die den Zusatz washed tragen. Da ist mir ein Belvest Jacket in the box piepegal. Von einer gewissen Kategorie an, liefern die Italiener sowieso eigentlich alle die gleiche Qualität.

Viele große Namen der Modewelt haben nur ihren großen Namen und das schöne Etikett, aber sie stellen selbst nichts her. Deshalb brauchen sie eine kleine italienische Firma, die Sartoria Qualität liefert. Manchen Firmen ist alles egal, so wie Gerhard Schröder alles egal ist. Sie machen Kasse, vergeben die Lizenzen an Billighersteller, die aber null Qualität liefern. ➱Pierre Cardin hat damit angefangen. Armani und ➱Lagerfeld tun nichts anderes. Und auch Baldessarini hat nichts mehr mit der traumhaften Qualität von ➱Baldessarini Boss zu tun. Wenn Sie einmal einen Blick auf die Originallabels der Made in Italy Firmen werfen wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Und diese Labels können Sie natürlich auch in den Innentaschen der Sakkos der Luxusfirmen finden. Da produziert D’Avenza für Battistoni, Isaia für die Toplinie von Valentino und St. Andrews für die Ralph Lauren Purple Label. Was eine gefährliche Sache ist, denn die bisherigen Partner von Ralph Lauren (Chester Barrie und ➱Nervesa) waren alle hinterher pleite, als Ralph Lauren abzog. Dies blaue Cordjackett hatte ich auch mal, aber als ich darin ungefähr so aussah wie dieser Herr hier, habe ich es weitergeben. Der Volker hat es dann am Wochenende zu einer Party getragen. Und da ist eine wildfremde Frau auf ihn zugekommen und hat ihn gefragt, ob sie den Stoff mal anfassen dürfte. Mir ist das mit dem Jackett nie passiert.

Das Label von Belvest kann man in Kleidungsstücken von Lanvin, Prada, Louis Vuitton und ➱Old England Paris (die Firma, bei der einst ➱Proust einkaufte, gibt es leider nicht mehr) finden. Und natürlich findet man es bei ihrem Hauptkunden: dies ist ein Label, in einem Hermès Jackett. Hermès Sakkos kosten ungefähr das Doppelte von Belvest Jacketts. Hier bewährt sich wieder einmal der Werbespruch der Zigarettenmarke Atika: Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben.

In diesen Preisregionen bewege ich mich nicht, meine Belvest Sakkos stammen aus Second Hand Shops und von ebay. Und während ich an diesem Post schrieb, entdeckte ich bei ebay ein braunes Cordjackett, Startpreis 10,45€. Was soll ich dazu sagen? Es hat niemand außer mir geboten. Bernhard Roetzel (der manchmal auch in meinen Blog hineinschaut) schrieb in seinem ➱Blog über Belvest: Meine persönlichen Erfahrungen mit den Anzügen sind sehr gut, die Qualität ist hoch und die Fehlerquote lag bei Maßbestellungen bisher bei null Prozent.

Ich selbst brauche keine Maßbestellungen, ich weiß bei Belvest, was mir passt. Das Cordjackett ist eine Nummer zu groß, das war mir klar, aber das kriegt Herr Yesilyurt hin. Der ist der beste Schneider von Kiel, das wissen Sie schon aus den Posts ➱Attolini und ➱Jacob Cohen Jeans. Die Änderung wird wohl etwas mehr kosten, als ich bei ebay für das Sakko bezahlt habe. Aber was soll’s: ich habe für mein halbes Dutzend Belvest Jacketts wahrscheinlich nur etwas mehr als einen Hunni bezahlt. Was natürlich daran liegt, dass die Firma – wie gesagt – nicht viel Werbung macht und eigentlich niemand sie kennt. Also außer Bernhard Roetzel, dem Parisian Gentleman und mir. Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden, hat Oscar Wilde gesagt. Man kann ihm nur zustimmen.

Noch mehr Mode: Raffaele Caruso, AttoliniBaldessariniWaltz into Darkness, Cinecittà und die Mode, Brioni, Ermenegildo Zegna, Herrenausstatter, Ärmelfutter, Made in Germany, Kiton, Attolini, Nervesa

 

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Ich guckte das Photo dieses Jacketts bei ebay scharf an und fragte mich, wer wohl der Hersteller sei. Es stand da, dass das Jackett von Patrick Hellmann sei, aber Hellmann macht natürlich keine Jacketts. Am Anfang hatte er in seiner Patrick Hellmann Collection viel von ▹Kiton und Attolini, danach gab es vieles, was in Polen genäht wurde. Das muss nichts Schlechtes sein, auch ▹Regent ließ da mal jahrelang fertigen. Heute kommt beinahe alles, was den Namen Patrick Hellmann trägt, aus Portugal von der Firma ▹Diniz + Cruz. Das habe ich schon in dem Post ▹Berliner Mode gesagt, mehrere Leser haben mir das nach einem Blick auf das Etikett in der Innentasche bestätigt.

Das Jackett hatte bei ebay nur zwei Photos, von vorn und von hinten. Ich kopierte mir die auf den Schreibtisch und vergrößerte sie. Brachte bei der Qualität des Originals wenig. Doch es war mir ziemlich klar, dass das Jackett von Attolini stammte, die barchetta Brusttasche, das opulente Revers und die Schultern wiesen alle auf Attolini hin. Aber man guckt da doch noch mal genau hin, bevor man bei einem Preis von 49 € (portofrei) für ein Kaschmirjackett dieses magische sofort kaufen anklickt. Ich hatte natürlich mit meiner Annahme recht, auch mein Jackett hat dieses Etikett. Aber wo hier der Name des Hamburger ▹Herrenausstatters Braun steht, steht auf meinem Etikett Sartoria Attolini cuce a mano per Patrick Hellmann.

Es gibt in Neapel noch einen anderen Attolini, der auch Anzüge näht. Lange nicht so teuer wie Caesare Attolini, aber gar nicht schlecht. Der Firmengründer heißt Luciano Attolini, und die Firma ist älter als die von Caesare Attolini. Die beiden Familien sollen sogar entfernt miteinander verwandt sein, haben geschäftlich nichts miteinander zu tun. Ich habe seit vielen Jahren einen Anzug von Luciano Attolini, erstklassiger Schnitt, erstklassiger Stoff (Loro Piana), und das Ganze für einen Hunni. Noch D-Mark. Ich kann nichts Böses über Luciano Attolini sagen.

Über Caesare Attolini (hier ein Bild des Firmengründers Vincenzo) natürlich auch nicht. Er ist dafür berühmt geworden, dass er das neapolitanische Jackett erfunden hat. Fließende Linien, kaum Schulterpolster und kaum Einlagen. Das macht man in Neapel noch heute. Attolini arbeitete damals für ▹Gennaro Rubinacci, und diesen Schneider gibt es heute immer noch. Wenn wir ganz genau sind, dann hat wohl Caesare Attolini nicht das neapolitanische Jackett erfunden, sondern ▹Domenico Caraceni. Bei dem der Herzog von Windsor sich auch mal Anzüge machen ließ.

Der ansonsten auf den Holländer ▹Frederick Scholte vertraute, der etwas kreierte, was man den ▹drape look nannte. Natürliche Schultern, viel Platz in der Brust und eine schmale Taille. Das ähnelte dem Schnitt der Uniform der Gardeoffiziere. Auch Anthony Sinclair, der aus Sean Connery James Bond machte, orientierte sich an diesem Stil (lesen Sie mehr dazu in ▹Agentenmode und ▹Scotland Forever), schließlich war der Regisseur Terence Young Offizier in einem Garderegiment gewesen. Da lag es nahe, dass er Connery zu seinem Schneider schleppte.

Der Herzog von Windsor sagte über seinen ▹SchneiderFrom 1919 until 1959 –- a space of forty years -– my principal tailor in London was Scholte. It is a firm which, alas, no longer exists… [Scholte] once told me that as a young man he had had to serve ten years of arduous apprenticeship before he was allowed to cut a suit for a client. He had the strictest ideas as to how a gentleman should and should not be dressed…he disapproved strongly of any form of exaggeration in the style of the coat …As befitted an artist and craftsman, Scholte had rigid standards concerning the perfect balance of proportions between shoulders and waist in the cut of a coat to clothe the masculine torso. Fruity [Metcalfe] who, for all his discretion of costume was always ready for some experiment, had sinned by demanding wider shoulders and a narrower waist. Thus, for some time, he was excluded from Scholte’s sacred precints. These peculiar proportions were Scholte’s secret formula.

Der Unterschied zu Attolini und Caraceni war allerdings, dass die Savile Row in den dreißiger Jahren bei ihrem ▹natural look Stoffe verwendete, die zwischen 13 und 20 Unzen wogen. Die kann man auch zur Moorhuhnjagd anziehen, garantiert thornproof. Die einmal geschneiderte Form blieb immer erhalten, der Anzug veränderte sich nicht; formtreu, wie es bei C&A in den fünfziger Jahren hieß. Noel Coward pflegte seine Anzüge gegen die Wand zu werfen, damit sie weicher wurden. Ich glaube, das war vergebene Liebesmühe. Fred Astaire bat das Personal bei Anderson & Sheppard, wenn er seinen neuesten Anzug anprobierte, die Teppiche wegzuräumen. Und tanzte dann durch den Laden. Er brauchte Bewegungsfreiheit in seinen Anzügen.

Frederick Scholte hielt nicht viel von den Größen des Showgeschäfts, sie mochten Millionäre sein und durch den Laden tanzen, aber sie waren keine Gentlemen. Scholte hatte den jungen Schweden Per Anderson ausgebildet, der später Sidney Sheppard als Kompagnon in seine Firma aufnahm. ▹Anderson & Sheppard ist heute immer noch der berühmteste Name der Savile Row. Genau genommen sitzen sie in der Old Burlington Street, aber das zählt zur Savile Row sozusagen dazu. Das ▹neapolitanische Jackett von Caesare Attolini wird nicht auf der Stelle ein Renner sein, die italienische Oberschicht bevorzugt noch lange den englischen Stil und englische Kleidung. Deshalb werden Firmen wie Chester Barrie und ▹Simon Ackerman in Italien auch noch lange Erfolg haben. Richard Froomberg, der die Boutique Grey Flannel in London besitzt, hat dazu gesagt: The English wear Italian because they think it’s chic. And the Italians wear English because they think it’s chic.

Wenn man die fließenden Linien des natural style der Engländer mit Stoffen erreichen will, die weniger als 13 Unzen wiegen, dann ist das nicht so einfach. Mein Versuch, meine Oma Ende der fünfziger Jahre zu überreden, die Schulterpolster und den ▹Brustplack aus meinem Tweedjackett zu nehmen, scheiterte. Das geht nicht, Dschunge, sagte sie und erklärte mir, warum das an meinem Jackett nicht ging. Aber ein Oberhemd mit blau-weißen Streifen hat sie mir genäht, ich war der einzige im Ort, der so etwas besaß. Die Modezeichnungen wie diese hier verhießen dem Konsumenten etwas, was an den neapolitanischen Stil und den drape look heranreichte, die Wirklichkeit des Alltags der fifties sah anders aus. Ganz anders.

Der englische Schneider ▹Steven Hitchcock hat zu dem Thema der natürlichen Linie gesagt: You’ve got to have the techniques and the cutting skills and the tailors. The craftsmen have got to be even better than they were thirty or forty years ago. When you look at [one of our suits], hopefully it will look the same as Cary Grant, Fred Astaire and the Duke of Windsor, but the tailoring is actually much better. With more lightweight cloths, the tailoring is much more luxurious now, but it’s very difficult to achieve – we can only make 150 suits a year. You have to be a much better craftsman today. Das Bild hier zeigt ein Sakko von Attolini mit der neapolitanischen Schulter, die das Gegenteil einer Cifonelli Schulter ist, bei der Giacca a Mappina ist sie locker eingesetzt wie ein Hemdärmel.

Als Vincenzo Attolini den berühmten Gennaro Rubinacci verlässt, macht er sich kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in der Via Vetriera in Neapel mit einem Atelier selbstständig. Das hat noch nichts von der Fabrik seines Sohnes Caesare in Casalnuovo di Napoli (die liegt zwischen IKEA Napoli und dem Fiat Werk) an sich. Hier arbeiten heute 130 Schneider und Schneiderinnen, ich nehme mal an, dass die Mädels hier die Knopflöcher nähen. Attolini macht gute Knopflöcher, aber die von Kiton sind viel eindrucksvoller.

Und ich möchte an dieser Stelle einmal anfügen, dass ich letztens ein zwei Jahre altes, aber nie getragenes Regent Jackett gekauft habe (5 € bei ebay), das so erstklassige Knopflöcher hat, wie ich sie in den letzten Jahrzehnten noch nie an einem Regent Jackett gesehen habe. Knopflochfetischischten lesen an dieser Stelle bitte einmal die Posts ▹Ärmelknöpfe und ▹Ärmelfutter. In letzterem findet sich das schöne Zitat von Tom Wolfe über die Cypriot seamstresses who made buttonholes and can’t speak any English findet. Wer wunderbare Knopflöcher kann, verdient nie so viel wie ein Schneider, das wird bei Attolini nicht anders sein.

Das Atelier von Vincenzo ist etwas mehr als fünfzig Quadratmeter groß. Eine Art Wohnzimmer für die Bourgeoisie von Neapel. Die Wände sind voller Gemälde, viele Kunden von Attolini bezahlen ihren Anzug mit Kunstwerken, weil sie wissen, dass der Meister das mag. Attolini liebte auch die Oper, über die er mit Kunden und Freunden gerne diskutierte. Zu seinen Freunden zählte auch der Schauspieler Totò (der Mann mit den längsten Adelstiteln Italiens). Attolini hatte im Gegensatz zu Frederick Scholte nichts gegen Schauspieler. Diese beiden Herren tragen Attolini, ob der Bikini von der jungen Dame auch von Attolini ist, das weiß ich nicht.

Der Film ▹It Started in Naples, in dem Clark Gable und Vittoria de Sica in Anzügen von Attolini zu sehen sind, war eine gute Reklame für Attolini. Heute ist es ein Film wie La Grande Bellezza (Filmbild), aber heute braucht die Firma Werbung wahrscheinlich nicht mehr. Der Schnitt der Jacketts ist dergleiche geblieben, aber das Bild der Frau hat sich in einem halben Jahrhundert doch verändert. War es 1960 noch ein halbwegs züchtiger blauer Bikini, räkeln sich jetzt nackte Schlampen auf dem Fauteuil.

Film und Mode gehen in Italien nach dem Zweiten Weltkrieg Hand in Hand, Sie könnten jetzt mal eben den Post ▹Cinecittà und die Mode lesen, dann wissen Sie mehr. Und ich brauche das nicht zu wiederholen, dieser Post hier wird eh zu lang. Vittoria de Sica war Kunde bei Rubinacci gewesen, aber als Attolini Rubinacci verließ, folgte de Sica dem Meisterschneider in die Via Vetriera. Er wusste, dass er bei ihm richtig war, um das oberste Ziel des italienischen Mannes zu erreichen: fare una bella figura

Das wusste auch Marcello Mastroianni, der auch Kunde bei Attolini war, obgleich es ihm nicht klar war, dass er plötzlich ein Star war, den jeder imitieren wollte: Jemand sagte zu mir viele Jahre später: ‚Als wir dich in ‚Das süße Leben‘ in so bestimmten gestreiften Hemden, in diesem weißen Anzug und mit dieser Sonnenbrille gesehen haben, wollten wir wissen, wo wir diese Sache kaufen könnten‘. 

Oder das Auto, das ich fuhr, diesen Triumph Spider, der wieder Mode wurde. Denn es stimmt,dass jener Marcello aus ‚Das süße Leben‘, der den Antihelden darstellte, fast schon die Rolle des Helden übernommen hatte. Damals habe ich das nicht begriffen, weil noch nie ein Fan-girl auf mich am Hoteleingang oder vor einem Filmsaal gewartet hatte. Meine Oma hat nie einen Film mit Mastroianni gesehen, deshalb wusste sie auch nicht, weshalb ihr Enkel ein Hemd mit Streifen brauchte, kaum dass er ▹Das süße Leben gesehen hatte.

Neapel ist ein Paradies, jedermann lebt in einer Art von trunkner Selbstvergessenheit. Mit geht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch. Gestern dacht‘ ich: ‚Entweder du warst sonst toll, oder du bist es jetzt‘, schreibt Goethe in seiner Italienischen Reise. Man glaubt in Neapel, nicht erst seit den Tagen von Goethe oder des Schneiders Vincenzo Attolini, dass dies die eleganteste Stadt Italiens ist. Dass hier die besten Schneider sitzen und hier die bestangezogenen Herren auf den Straßen flanieren. Nicht in Rom oder Mailand. Nein, in Neapel, wo der Müll und die Mafia zu Hause sind. Es wird die Neapolitaner geschmerzt haben, dass ihre Stadt in Alan Flussers Style and the Man überhaupt nicht erwähnt wird. Rom und Mailand schon.

In den neunziger Jahren kam Kiton nach Deutschland, niemand redete damals on Attolini. ▹Hans Carl Capelle nahm in seinem Laden ▹Kelly’s einige Stücke ins Angebot und sicherte sich selbst einen grauen Zweireiher. Den er immer trug, wenn er zur Industrie- und Handelkammer musste. Aber er konnte sich nicht wirklich entschließen und vertraute lieber auf ▹Zegna, die damals noch Qualität lieferten, und ▹Caruso.

Es waren eher die Händler in Süddeutschland, die die Marke Kiton propagierten. W.J. Stamm in Nürnberg (der sich 2002 zum vierzigjährigen Jubiläum sogar eine Festschrift gönnte), Rudolf Böll (der ▹hier schon einen Post hat) oder Max Dietl. Für Fritz Unützer gab es neben Kiton nur noch ▹Caruso, er sagte in einem Interview, Caruso sei das einzige Produkt in dieser Preislage, das in der Anmutung in die Nähe eines Kiton-Sakkos kommt. Warum redet niemand von Attolini? Die Antwort ist ganz simpel: die sind noch gar nicht im Geschäft.

In der Selbstdarstellung der Firma Attolini wird uns vorgegaukelt, dass es eine direkte Linie von Vincenzos neapolitanischem Jackett zur heutigen Firma gibt. Hier ist eins, das Attolini in den dreißiger Jahre in seiner Zeit bei Rubinacci gemacht hat, man kann sehr schön die barchetta Form der Brusttasche sehen. Aber es gibt diese ungebrochene Tradition nicht. Vincenzo Attolinis Sohn Cesare arbeitet in den fünfziger und sechziger Jahren für alle möglichen Firmen. In den neunziger Jahren gründet er eine eigene Firma, die er Sartorio nennt, er verkauft sie 2002 an ▹Kiton. Kiton bringt dann die Marke Sartorio 2009 auf den amerikanischen Markt, preislich etwas günstiger als ihr Kiton Label.

Zu Kiton hat Cesare Attolini, der immer noch in der Firma ist, ein besonderes Verhältnis. Denn als Ciro Paone und Antonio Carola die Firma gründen, sind zwei Spezialisten für die Kollektion verantwortlich. Der eine heißt Enrico Isaia, er ist für das Design von Kiton zuständig. Ganz nebenbei hat er mit seinen Brüdern schon seit 1957 eine eigene ▹Firma. Die noch ein etwas preiswerteren Zweitlabel namens Michelangelo hat (für den amerikanischen Markt hat Isaia noch eine Zweitmarke namens Eidos). Der zweite Spezialist, dem die ganze Schneiderei untersteht, ist niemand anderer als Cesare Attolini. Wenn man so will, könnte man sagen, dass aus Kiton nichts geworden wäre, wenn sie nicht Cesare Attolini gehabt hätten. Das wird allerdings auf den Seiten von Attolini niemals erwähnt.

Heute sitzen keine Schneider mehr im Schneidersitz auf dem Tisch, die Fabrik von Attolini sieht aus wie jede andere Fabrik, die ▹Maßkonfektion herstellt. Es gibt 130 Schneider, und man produziert ungefähr 35 Anzüge am Tag. Für einen Anzug braucht man 25 bis 30 Stunden. Was Attolini am Tag herstellt, wird in einer der vielen Fabriken von Boss wahrscheinlich in der Stunde fertiggestellt werden. Trotz einer großen Nachfrage werden die Produktionszahlen nicht erhöht. Der jüngste Sohn von Cesare Attolini hat auch noch eine eigene kleine Fabrik, in der dreißig Schneider arbeiten.

Seine Marke heißt ▹Stile Latino und die Klamotten sehen ziemlich wild aus. Das ist nicht jedermanns Geschmack. In einem Blog namens Seestrasse7 kann man diesen wunderbaren Schmäh lesen: das Preis-Leistungsverhältnis einen Anzuges aus dem Hause Partenopea sucht in der sartorialen Welt ihresgleichen. Kiton ist, abgesehen von absurder Preisgestaltung, heute nur noch in Gebrauchtwagenhändler-Kreisen ein Muß. Attolini hat auch ordentlich Glanz verloren, die neue Linie „Stile Latino“ überzeugt uns nicht und Brioni ist der textile Seniorenteller. 

Seniorenteller? Das hier ist ein neues ▹Brioni Modell. Bestimmt nicht vom Seniorenteller, aber ein Ausdruck der reinen Verzweiflung. Als die Marke von dem französischen Pinault Konzern übernommen wurde, feuerte man den Chef ▹Umberto Angeloni, den man einmal Mr Brioni nannte. Und das war saudumm. Angeloni kaufte sich bei Caruso ein, und Brioni ist ▹finanziell im freien Fall nach unten. Und versucht sich mit solchen Scheußlichkeiten an ein jugendliches Publikum ranzuschmeißen. Italiens Problem ist, dass sie zuviele Sartoria Firmen besitzen, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Das Problem haben wir in Deutschland nicht. Da haben wir niemanden, der in der Liga von Kiton, Attolini, Partenopea, Brioni, d’Avenza, Isaia, Belvest, Caruso, Luciano Barbera, Cantarelli, Santandrea, Antonio Fusco, Canali und Pal Zileri (um nur mal einige Namen zu nennen) mitspielen kann. Auch Regent nicht. Ein Schneider wie Heinz-Josef Radermacher in Düsseldorf schon, aber der produziert keine Massenware.

Mein erstes Attolini Jackett hat mich 19 Euro gekostet, es hatte dieses Label. Denn Attolini hat mal eine Zeit lang für ▹Luciano Barbera die collezione sartoriale hand made in Italy gemacht. Luciano Barbera hatte für seine Luxuslinie auch andere Lieferanten als Attolini, aber mein Jackett ist einwandfrei von Cesare Attolini. Vielleicht hätte ▹Luciano Barbera lieber die Finger von der ▹Konfektion lassen und sich auf die von seinem Vater Carlo geerbte Weberei konzentrieren sollen. Denn die ist vor Jahren in finanzielle Schwierigkeiten geraten, 2010 hat sich Kiton die Aktienmehrheit gesichert. Was natürlich irgendwie passend ist, denn bei der Geburtsstunde der Firma Kiton war Luciano Barbera im Hintergrund auch dabei. Die neue Luxusfirma brauchte ja gute Stoffe, und die kommen immer noch von ▹Carlo Barbera. Heute kann man Luciano Barbera (aber nicht die Luxuslinie) bei ▹Amazon kaufen, da möchte Attolini nie hin.

Attolini-Menschen lieben Qualität, aber sie haben nicht nötig, das zu zeigen. Unser Stil ist es, natürlich zu sein, einfach natürlich, hat Massimiliano Attolini (im Bild rechts neben seinem Bruder Giuseppe) gesagt. Wunderbare Sprüche können sie, die Italiener. Wunderbare Jacketts auch. Konfektionsgrößen können sie überhaupt nicht, das ist bei Kiton, Brioni und Isaia nicht anders. Da hilft nur anprobieren, anprobieren.

Und wenn Sie ein Attolini Jackett bei ebay ersteigern wollen, lassen Sie sich vom Händler die genauen Maße für Schulter, Brust, Bauch und Ärmel geben. Alle Größen, die die Italiener auf die in den Taschen verborgenen Etiketten schreiben, sind erlogen. Mein Attolini Jackett war mir eine Spur zu lang, ich brachte es zum Schneidermeister ▹Yesilyurt, damit er es zwei Finger kürzer machte. Was er wirklich perfekt gemacht hat, man kann nicht sehen, wo Attolini aufhört und wo Yesilyurt anfängt. Er könnte bestimmt bei Attolini einen Job kriegen, aber ich bin froh, dass er hier bei mir um die Ecke ist.

Die Antwort auf die Frage der Titelzeile ist natürlich: Why, Chanel No. 5, of course. ▹Marilyn Monroe soll das gesagt haben. Sie hat es wirklich so ähnlich gesagt. In einem ▹Interview mit Georges Belmont, dem Chef von Marie Claire, hat sie 1960 gesagt: You know, they ask you questions. Just an example: What do you wear to bed? Do you wear a pyjama top? The bottoms of the pyjamas? Or a nightgown? So I said Chanel No. 5. Because it’s the truth.

Es ist jetzt etwas pikant, nach der Frage What do you wear to bed? einen Buchtitel wie Sleeping with the Enemy zu präsentieren, ist aber nicht ohne Witz. Die Firma Chanel vermarktet Marilyn Monroe mit ihrer Frage What do I wear in bed? heute neu, das ist sehr peinlich. Aber was kann man von einer Firma erwarten, die von einer Nazi Kolloborateurin namens Gabrielle Bonheur Chasnel gegründet wurde? Und für die Karl Lagerfeld arbeitet? Coco Chanel hat heute Geburtstag, sie bekommt keinen neuen Post. Sie hatte hier schon einen. Der war nicht sehr nett, ging aber nicht anders.

Aber morgen, da gibt es hier was Nettes: einen langen Post über die italienische Firma Attolini und die italienische Luxusmode. Ganz ohne Kollaborateure. Und ohne Karl Lagerfeld.

Es war mal wieder schlimm mit dem Tinnitus, er kommt und geht. Ich habe das schon in Mozarts Klaviersonaten erwähnt, aber den ganzen Tag Mozart hören, das geht auch nicht. Also legte ich eine von den CDs ein, die Achim Körnig mir gebrannt hat, wunderbarer Jazz. Fing gleich gut an, aber wer spielte das Saxophon? Glücklicherweise ist das alles handschriftlich beschriftet, und da stand: Thomas/Metheny Lush Life. Gibt es das noch auf CD? Ich dachte mir, dass Amazon Gary Thomas vielleicht nicht kennen würde, dass sie aber bestimmt schon mal von Pat Metheny gehört haben. Also gab ich Metheny Lush Life ein. Das Ergebnis war einigermaßen verblüffend: Für „Pat Metheny Lush Life“ wurden 0 Ergebnisse gefunden, und dann noch: Amazon verkauft keine Pflegeprodukte von Lush. Inzwischen weiß ich, dass die englische Firma Lush etwas mit Seife zu tun. Nicht die Seife, die ich benutze. Ich habe noch massenhaft Pears Soap gehortet (die schon in Spätrömische Dekadenz erwähnt wird), benutze jetzt aber Yardley. Deren schönes Rasierwasser es ja leider nicht mehr gibt. Aber lassen Sie mich zu Lush Life zurückkommen (Sie können das Saxophon von Gary Thomas hier hören).

Und hier fängt meine Geschichte von Lush Life an, auf dem Hamburger Jungfernstieg. Ein Kino namens Streit’s, mit Apostroph-s. Links davor können Sie noch in das Schaufenster von Prange hineinschauen, wo man damals noch Schuhe von Julius Harai kaufen konnte. Das ist lange her, das Premierenkino Streit’s gibt es nicht mehr, da ist jetzt ein schwedischer Luxusbaumarkt namens Clas Ohlson drin. Es hat Rettungsversuche gegeben, aber was kann gegen schwedische Luxusbaumärkte unternehmen? Es kommen ja schlimme Dinge aus Schweden: Ikea, H&M und Henning Mankell.

Ich könnte jetzt über die Geschichte von Streit’s Hotel schreiben, über Christian Streit, den man den König der Gastwirthe nannte. Vor dessen Hotel zum ersten Mal das Lied der Deutschen gesungen wurde und wo die Ständeversammlung im 19. Jahrhundert dem dänischen König huldigte. Ein anderer dänischer König stieg nicht im Streit’s ab, sondern im Hotel Hamburger Hof. Das war der, der im Puff einen Herzinfarkt hatte; steht schon im Post Jungfernstieg, deshalb kann ich mich in dem Punkt kurz fassen. Und Sie mal eben mitnehmen vor das Streit’s Kino an einem nieseligen Nachmittag in der Zeit, als man noch Schwarzweiß photographierte. Und dachte.

Das nieselige Hamburger Wetter störte mich nicht, ich hatte meinen blauen Burberry von Charlie Hespen an, ein Mantel, der mich wie der Trenchcoat von Hans Kalich jahrezehntelang begleitet hat. Ich sehe aus wie einer dieser jungen Franzosen, die sich in dem Post Blazer finden, nur dass mein Burberry nicht weiß ist. Ein blauer Burberry war für einen Bremer in Hamburg die richtige Verkleidung, es gibt da ja eine uralte Feindschaft zwischen den beiden Städten. Die sich im vornehmen Fall so äußert wie am Ende des Posts Ästhetik. Im nicht so vornehmen Fall sagt der Hamburger zum Bremer: Mok Platz inn Rinnstein, do will ek legen.

Ich wollte ins Kino, aber zwanzig Meter davor enteckte ich eine kleine Menschenmenge, die sich um einen Tapeziertisch drängte. Der Tapeziertisch, provisorisch mit einer Plastikfolie gegen den Hamburger Nieselregen abgedeckt, war voller Langspielplatten. Drei Mark das Stück. Drei Mark waren 1960 auch Geld, aber eine Langspielplatte kostete normalerweise mehr. Ich hatte keine Ahnung, wer Eugenie Baird war, aber ich kaufte diese Platte hier. Weil da Duke Ellington draufstand und ich viele Titel auf dem Cover kannte. Denn schließlich war ich in einer amerikanischen Enklave aufgewachsen, mit dem amerikanischen Soldatensender  AFN und dem Great American Songbook. Lush Life war auch auf der LP, die ich immer noch besitze. Sie klingt immer noch wie neu.

Und den Text von Billy Strayhorn kann ich immer noch mitsingen:

I used to visit all the very gay places

Those come what may places

Where one relaxes on the axis of the wheel of life

To get the feel of life

From jazz and cocktails

The girls I knew had sad and sullen gray faces

With distingué traces

That used to be there you could see where

They’d been washed away

By too many through the day

Twelve o’clocktails


Then you came along with your siren’s song

To tempt me to madness

I thought for a while that your pointed smile

Was tinged with the sadness

Of a great love for me

Ah yes I was wrong

Again I was wrong


Life is lonely again

And only last year

Everything seemed so assured

Now life is awful again

And the thoughtful of heart

Could only be a bore


A week in paris will ease the bite of it

All I care is to smile in spite of it

I’ll forget you I will

And yet you are still

Burning inside my brain


Romance is mush

Stifling those who strive

I’ll live a lush

Life in some small dive

And there I’ll be

While I rot with the rest

Of those whose lives are lonely too

Die LP von Eugenie Baird aus dem Jahre 1959 (auf der auch Ben Webster zu hören ist, den man damals auch auf Belafonte sings the Blues fand) ist wohl ihre berühmteste LP gewesen. Eugenie Baird war keine große Sängerin, sie war nicht in der Liga, in der Billie Holiday sang. Aber sie war bei Big Bands beliebt, war auch in Filmen zu hören. Die Hamburger LP war meine erste Platte mit einer Jazzsängerin, inzwischen ist der Stapel mit CDs von singenden Frauen größer als ich. Das habe ich wahrscheinlich schon in dem Post Ingeburg Thomsen gesagt. Jazz bedeutete für uns damals noch nicht Charlie Parker, dahin tasteten wir uns vor. Es war die große Zeit des Zickenjazz (einer Form, auf der auch der englische Dichter Philip Larkin stehengeblieben war), die große Zeit von Chris Barber und dem Trad JazzSkiffle nicht zu vergessen.

Den besten Jazz gab es im Kino, die französischen Filme hatten zum Teil tolle Soundtracks. Dieser hier, Ascenseur pour l’Echafaud, hat die berühmteste Filmmusik. Klicken Sie einmal diese Szene an, wo Jeanne Moreau zur Musik von Miles Davis durch Paris geht, unglaublich. Jeanne Moreau ist ja leider gerade gestorben, wahrscheinlich bekommt sie noch einen Post. Da kommt diese Szene bestimmt wieder vor. Damals hockte ja die halbe amerikanische Jazzwelt in Paris, aus der Heimat vertrieben durch Rassismus und McCarthy. Es gibt da wunderbare Sammlungen wie zum Beispiel die der Gitanes Jazz Productions, die habe ich schon in den Posts Sempé und Don Byas erwähnt.

Billy Strayhorn hatte 1933 mit dem Song Lush Life begonnen, 1938 war er fertig. Duke Ellington mochte den Song nicht, stellte aber das Wunderkind Billy Strayhorn ein. Der natürlich seinen Song selbst gesungen hat. Beinahe jeder hat diesen Jazzstandard gesungen, auch Country Sängerinnen wie Linda Ronstadt. Eine der berühmtestenAufnahmen ist die von John Coltrane und Johnny Hartman (mit John Coltrane war der junge Harry Belafonte ja auch einmal aufgetreten). Die Aufnahme von Gary Thomas und Pat Metheny findet sich übrigens auf der CD Till we have faces.

Wenn Sie heute nach Lush Life suchen, dann erzählt Ihnen Amazon wie gesagt: Amazon verkauft keine Pflegeprodukte von Lush. Amazon zensiert, und lobte Dinge nach oben, wie Google das auch tut. Wenn Sie heute bei Google Lush Life eingeben, dann ist das erste Ergebnis natürlich nicht der Jazz Klassiker von Billy Strayhorn. Ergebnis Nummer Eins ist eine Schwedin namens Zara Larsson mit ihrer CD Lush Life Songtext von Zara Larsson. Wir fügen das mal eben zu den schwedischen Haßobjekten Ikea, H&M und Henning Mankell hinzu. Schwedische Sängerinnen wie Monica Zetterlund und Viktoria Tolstoy fallen natürlich nicht unter diesen Bannfluch.

Im Rahmen des Krimisommers in 3sat zeigen wir vier Edgar-Wallace-Verfilmungen von Regisseur Alfred Vohrer. Zu sehen sind ‚Das Gasthaus an der Themse‘, ‚Der Zinker‘, ‚Der Hexer“’sowie ‚Neues vom Hexer‘. Das steht auf der Internetseite von 3sat. Und ich hatte mich schon gewundert, wo Anfang Juli plötzlich die vielen ➱Edgar Wallace Filme herkamen. Aber es ist das Sommerloch, da kann man alles senden.

In dem Post zu ➱Siegfried Schürenberg habe ich vor zwei Jahren geschrieben: Dabei konnte der Schauspieler Siegfried Schürenberg natürlich viel mehr, als stereotyp einen vertrottelten Londoner Polizeichef zu spielen. Ich habe seit Jahrzehnten die Idee, einmal über die deutschen Edgar Wallace Verfilmungen zu schreiben, über ihre Schauspieler, ihre Struktur, über das, was sie uns über das deutsche Publikum sagen. Aber ich bin nie dazu gekommen. Es gibt dazu erste Ansätze in diesem Blog wie die Posts ➱Edgar Wallace, ➱Dieter Borsche, ➱Trenchcoats, ➱Heinz Drache und ➱Film und Mode zeigen.

Es wäre eine schöne Idee, einmal die Ideologie und die Ikonographie der Wallace Filme zu untersuchen. Bei Wikipedia, die eine recht gute ➱Seite zu den Filmen haben, finden sich die Sätze: Trotz ihres großen Erfolgs stießen die Edgar-Wallace-Filme mit Ausnahme der Boulevard- und Tageszeitungen bei fast allen Filmkritikern auf breite Ablehnung. 

Die zum Teil bis heute zitierten Rezensionen, von denen manche den Wallace-Filmen jeglichen ästhetischen oder künstlerischen Anspruch aberkennen oder einige sogar mit Propagandafilmen des Dritten Reiches vergleichen, müssen heute im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in den 1960er Jahren betrachtet werden. Eine unvoreingenommene, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Edgar-Wallace-Filmen fand bis heute nur ansatzweise statt.

Schon George Orwell hatte über Wallace gesagt: It would be interesting and I believe valuable to work out the underlying beliefs and general imaginative background of a writer like Edgar Wallace. Orwell schrieb das in einem Brief an Geoffrey Gorer und fügte dem Satz noch hinzu: But of course that’s the kind of thing nobody will ever print. Doch das Kriminalgenre, das soviel Ideologie transportieren kann, hat ihn nicht losgelassen, wenig später schrieb er seinen berühmten Essay ➱Raffles and Miss Blandish. In dem Edgar Wallace natürlich nicht fehlen durfte. Orwell redete über die Romane von Wallace, die deutschen Wallace Verfilmungen haben wenig mit den Romanen zu tun.

Wallace ist mit seinen Romanen Millionär geworden, Wilhelm Goldmann, der 1928 die Buchrechte von Wallace kaufte, sicher auch. Die Übersetzer der Romane auf keinen Fall. Ich habe Freunde, die während ihres Studiums für Goldmann übersetzt haben, die bekamen für ihre Arbeit so gut wie nichts. Ich will gegen den alten Goldmann nichts sagen, er schickte mir eine Flasche Sekt, als ich Goldmann Autor wurde.

Nein, nicht für Krimis, Goldmann hatte ja mal eine sehr angesehene wissenschaftliche Reihe, die Das Wissenschaftliche Taschenbuch hieß. Die Frau, die mein Manuskript lektorierte, hieß Dr Gertrud Wimmer, sie hat alle meine Zitate in der Münchener Staatsbibliothek überprüft. So viel Genauigkeit gab es selbst bei Suhrkamp nicht. Als Wilhelm Goldmann starb und Bertelsmann den Verlag kaufte, war das Wissenschaftliche Taschenbuch die erste Sache, die eingestampft wurde. Wallace geht immer, Wissenschaft nicht.

3sat hat sich Filme von Alfred Vohrer herausgepickt, Das Gasthaus an der Themse ist dabei, der größte Erfolg an den Kinokassen. Ein besonders hervorragender Regisseur ist Alfred Vohrer nicht gewesen, aber seit Quentin Tarantino in Berlin Alfred Vohrer is a genius! gerufen hat, denken manchen Kritiker darüber nach, ob sie ihre Meinung über Alfred Vohrer ändern sollten.

George Orwell hat 1944 über die Helden von Edgar Wallace gesagt: His own ideal was the detective-inspector who catches criminals not because he is intellectually brilliant but because he is part of an all-powerful organization. Hence the curious fact that in Wallace’s most characteristic stories the ‚clue‘ and the ‚deduction‘ play no part. The criminal is always defeated by an incredible coincidence, or because in some unexplained manner the police know all about the crime beforehand. The tone of the stories makes it quite clear that Wallace’s admiration for the police is pure bully-worship.

A Scotland Yard detective is the most powerful kind of being that he can imagine, while the criminal figures in his mind as an outlaw against whom anything is permissible, like the condemned slaves in the Roman arena. His policemen behave much more brutally than British policemen do in real life–they hit people with out provocation, fire revolvers past their ears to terrify them and so on -and some of the stories exhibit a fearful intellectual sadism. (For instance, Wallace likes to arrange things so that the villain is hanged on the same day as the heroine is married.) But it is sadism after the English fashion: that is to say, it is unconscious, there is not overtly any sex in it, and it keeps within the bounds of the law.

Das ist natürlich etwas ganz anderes als in den deutschen Filmen, wo Scotland Yard etwas desorganisiert ist und der Chef leicht vertrottelt agiert. Und die Kommissare Joachim Fuchsberger (13 Filme) oder Heinz Drache (9 Filme) nichts von dem Ideal von Wallace mitbringen. Und Wallaces Inspector Elk ein ganz anderer ist als Siegfried Lowitz. Und dennoch haben wir diesen Trash der sechziger Jahre liebgewonnen.

Weil wir zum Beispiel Agnes Windeck lieben. Die Schauspiellehrerin, die auch ➱Miss Marple synchronisierte, hatte bestimmt Spaß bei dem ganzen Unsinn (Siegfried Schürenberg in sechzehn Filmen auch). Wir können an diesem Photo (mit Barbara Rütting links) sehen, dass in diese Filme von Zeit zu Zeit der deutsche ➱Expressionismus der zwanziger und dreißiger Jahre hineinschwappt. Eine solche Ausleuchtung, die an den ➱Film Noir erinnert, haben wir immer, wenn es besonders unheimlich sein soll. Und sicherlich ist in den Filmen (wie auch in den Romanen von Wallace) immer noch ein Rest der ➱Gothic Novel zu finden.

Für manche Schauspieler war eine Rolle in einem Wallace Film schnellverdientes Geld. Für manche war es das Ende der Karriere, da war ihnen alles egal. Rekordhalter in Auftritten war Eddi Arent, der in 23 Edgar Wallace Kriminalfilmen zu sehen war. Er sorgte für das komische Element, obgleich die Filme an sich schon komisch genug waren. Manche schafften es, aus der Welt von Edgar Wallace zu entkommen. Wie ➱Karin Dor (5 Filme, hier in Der grüne Bogenschütze etwas leichter bekleidet), die noch bei Hitchcock und James Bond zu sehen war. Und Klaus Kinski (16 Filme) war natürlich zu Höherem berufen, als Noch einen Wunsch, Mylady? zu sagen.

Weil 3sat Neues vom Hexer sendete, konnte man auch noch Margot Trooger sehen, die mochte ich immer. Sie hatte ihren ersten Auftritt auf der Bühne 1947 in Bremen, und in Bremen hat sie auch noch mit Peter Zadek Ich bin ein Elefant, Madame gedreht. Mit dem hatte sie schon in Die Dame in der schwarzen Robe zusammengearbeitet, Zadeks erstem Krimi für das deutsche Fernsehen.

Kann ich einen von Deinen Gangsteranzügen bekommen, fragte mein Bruder beim Mittagessen. Mein Vater war etwas pikiert, dass seine Zweireiher als Gangsteranzüge bezeichnet wurden. Aber der amerikanische Gangsterfilm der zwanziger Jahre hatte den Zweireiher zu eben diesem Kleidungsstück gemacht, das man mit dem Gangster assoziiert (lesen Sie mehr in ➱Kleider machen Leute ➱Bonnie und Clyde).

Mein Bruder bekam einen Anzug (beinahe schwarz mit feinen roten und weißen Streifen) und ließ ihn sich bei dem Schneider Anton Schiwal umarbeiten. Das erste Mal, das ich ihn in dem Anzug sah, war in einer Vollversammlung an der Uni. Er war vor das Mikrophon getreten und forderte den Rücktritt des ➱Kultusministers. Herr von Heydebreck trat auch eine Woche später zurück, daran kann man sehen, dass Gangsteranzüge eine gefährliche Sache sind. Man muss aber dazu sagen, dass an dem Abend noch zahlreiche andere Studenten den Rücktritt des Ministers forderten, die keinen Gangsteranzug trugen.

Colin McArthur hat in seinem Buch Underworld USA aufgezeigt, welche Bedeutung Kleidung innerhalb der Ikonographie besitzt. Robert Warshow hat in ➱The Gangster as Tragic Hero gesagt: Like other tycoons, the gangster is crude in conceiving his ends but by no means inarticulate; on the contrary, he is usually expansive and noisy (the introspective gangster is a fairly recent development), and can state definitely what he wants: to take over the North Side, to own a hundred suits, to be Number One. In vielen Gangsterfilmen (wie zum Beispiel in The Public Enemy) gibt es Szenen, in denen sich der Bandenchef bei seinem Schneider einen neuen Anzug machen lässt.

Diese Gangster tragen keine ➱Lederjacken und keine Schiebermützen mehr, aber sie beweisen uns, dass der französische Gangsterfilm von den Amerikanern gelernt hat. Ob das der ➱Borsalino von ➱Alain Delon, der Trenchcoat von ➱Yves Montand (in Vier im roten Kreis) oder der elegante Zweireiher von Jean Gabin sind, Kleidungsstücke bekommen jetzt eine symbolische Bedeutung. Sie brauchen keine hundred suits, sie haben die besten Schneider von Paris.

Die deutschen Edgar Wallace Filme machten von den ikonographischen Möglichkeiten, die der amerikanische Gangsterfilm und der französische Gangsterfilm in bezug auf die Symbolik der Kleidung entwickelt haben, wenig Gebrauch. Ein Bösewicht braucht doch nur auszusehen wie Werner Peters, wenn er böse guckt. Das muss nicht noch durch vestimentäre Symbole betont werden.

Mode und Filmmusik sind ein Spiegelbild ihrer Zeit: Miniröcke, nackte Busen, reißerische Soundtracks, Marylin-Monroe-Chick, Turmfrisuren, Schlaghosen, Koteletten und breite, scheußlich gemusterte Krawatten. Kurz gesagt: Edgar-Wallace-Filme sind einfach klasse, steht in den Stuttgarter Nachrichten. Es ist eine Frage, wie man dieses klasse definiert. De gustibus non est disputandum. Gab es da wirklich nackte Busen? Ich dachte immer, dass die Filme FSK ab 16 waren und dass ein Filmbild wie dieses den Höhepunkt der Wallaceschen Erotik darstellte. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle einen Satz von Wallace zitieren: An intellectual is someone who has found something more interesting than sex.

Alles soll in England spielen, aber selten wurde da ein Wallace Film gedreht. Man drehte in Hamburg und Berlin. Auch englische Filmgesellschaften drehen einen Film in Liverpool, der in London spielen soll, es kommt offenbar nicht so drauf an. Es werden viel schwarze ➱Melonen getragen, vorzugsweise von Eddi Arent. Und natürlich alle Sorten von ➱Trenchcoats, es war die große Zeit dieses Kleidungsstücks. Es war auch noch die große Zeit des Kinos, wo ➱Der Frosch mit der Maske Millionen ins Kino lockte. ➱German Grusel bewies den Satz, dass es unmöglich ist, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein. Wenn er in kleinen Dosen daherkommt wie bei 3sat, dann gilt das wahrscheinlich noch heute.

Es regnete in Hamburg, da merkte ich, dass ich meinen Regenschirm in Bremen in einem Laden hatte stehen lassen. Da ich aber diesen schönen Parkplatz in der Innenstadt gefunden hatte (an diesem Satz können Sie sehen, dass die Geschichte schon etwas her ist, heute findet man keine Parkplätze in der Innenstadt mehr), wagte ich mich aus dem Auto. Prange war der nächste Laden, es war Sommerschlussverkauf, also nichts wie rein. Kam dann mit diesem Schuh nach einer halben Stunde wieder heraus. Den hat die ➱Gabi auf einen wunderbaren Blumenstoff gemalt, extra für mich, das Bild findet sich schon in dem Post ➱Friedel Anderson. Ich habe bei dem Kauf ein wenig gezögert, weil die Verkäuferin mir damals auch einen Schuh von Julius Harai anbot.

Der belieferte damals auch Prange, ansonsten machte er Schuhe für Max Schmeling und Walter Scheel. Für Richard von Weizsäcker später auch. Maßarbeit. Walter Scheel zahlte in den siebziger Jahren 600 Mark für seine Schuhe, die Modelle, die Harai an Prange lieferte, waren natürlich etwas preisgünstiger. Ich habe den Harai Schuh damals nicht gekauft, weil ich schon einen rotbraunen scotch grain Schuh von ➱Dinkelacker besaß und der orangefarbene Italiener irgendwie fetziger war. Dies waren die siebziger Jahre. Der Schuh hat nach vierzig Jahren immer noch Stil. Meinen Schirm habe ich auch wiederbekommen. Als ich zu Hause angekommen war, habe ich den Laden in Bremen angerufen und denen gesagt, dass mein Mütterlein den Schirm irgendwann abholt.

Julius Harais Sohn Martin (Bild) betreibt das Geschäft in Neumünster heute immer noch, aber für 600 Mark bekommt man da natürlich keine Schuhe mehr. Julius Harai war ein gebürtiger Budapester, er kam 1947 nach Neumünster. Ich weiß nicht, weshalb es ihn nach Neumünster zog, es kann natürlich sein, dass ihn die Textilstadt Neumünster lockte. Denn das war Neumünster damals noch (lesen Sie ➱hier mehr), heute ist da nur noch Nortex und das Designeroutlet. Welches die Firma ➱Zegna inzwischen verlassen haben soll, hat mir letztens jemand erzählt.

Neumünster, wo es heute noch ein Textilmuseum gibt, war allerdings auch eine Lederstadt, das kann man im Textilmuseum erfahren. Und wenn man im Ort sehen will, dass hier einmal viel Geld mit der Tuchfabrikation verdient wurde, dann sollte man sich den Park von Detlev Anton Renck anschauen. Dieses kleine Haus (Esplanade 20) könnte man sich natürlich auch ansehen, denn hierhin ist Harai in den sechziger Jahren gezogen. Unten ist die Bürgergalerie drin, die Treppe führt nach oben in das Himmelreich der Schuhe.

Ich bin auf Julius Harai gekommen, weil ich letztens eine Homestory über  Hans-Joachim Vauk in einer dieser fetten Beilagen, die in den Zeitungen liegen, gelesen habe. Ich fand die nur nicht wieder. Zuerst verdächtigte ich diese Beilage der Frankfurter Allgemeinen, in der alle Uhren waren, die man nicht braucht. Alles im fünfstelligen Bereich, mit Brillis, groß und scheußlich. Und ➱Lagerfeld war auch da drin. Diese fetten Beilagen enthalten eine echte Melanie Trump Ästhetik, das ist einfach grauenhaft. Hat man Wolfgang Fritz Haug Kritik der Warenästhetik (➱hier zu lesen) schon vergessen? Haug zerlegt mit akademisch marxistischem Hass die Welt der Werbefuzzis, Designerprodukte und Luxustussis. Haug ist darin ein Nachfolger von Thorstein Veblens ➱The Theory of the Leisure Class, die neue Wissenschaft der Soziologie fängt um 1900 gleich im großen Stil an. Was dem Marxisten Wolfgang Fritz Haug fehlt, ist der Humor, denVeblen, Simmel und ➱Clausen hatten.

Aber es war nicht dieses Protzmagazin für Uhren, es war eine Beilage der Süddeutschen, die Fine Das Magazin für Genuss und Lebensstil hieß, worin der Artikel über Hans-Joachim Vauk stand. Vauk hat sein Geschäft auch in Neumünster, und wenn Benjamin Klemann jetzt noch immer auf Gut Basthorst säße, dann könnte man sagen, dass die drei besten deutschen Schuhmacher ihren Sitz in Schleswig-Holstein haben.

Auf diesem Photo ist Vauk, der einmal bei Bally angefangen hatte und dann bei Ed Meier die Maßschuhe machte, links neben seinem Lehrling Jan-Hagen Gloe zu sehen. Bally in der Schweiz und Ed Meier in München waren renommierte Arbeitgeber, aber es zog Vauk, der in Kiel das Handwerk gelernt hatte, wieder zurück in den Norden. In den Süden Deutschlands kommt er heute aber immer wieder, 80.000 Kilometer fährt er im Jahr zu seinen Kunden und Geschäftspartnern. Ladage & Oelke in Hamburg gehören nicht dazu, die vertrauen auf den Wiener Schuhmacher Lucian Maftei.

Der junge Jan-Hagen Gloe ist jetzt nicht mehr Lehrling, er ist Vauks Geselle. Mit seinem Gesellenstück überzeugte er nicht nur die Jury in Schleswig-Holstein, sondern er wurde auch Sieger beim Wettbewerb der Deutschen Handwerksjugend. Für ihn passt sicher der Satz De Jung schall man Schoster war´n, de Schoster hät immer wat to freten, den Benjamin Klemann von seinem Opa hörte. Das Handwerk scheint einen goldenen Boden zu haben, und Schuster finden heute auch noch Lehrlinge und Gesellen. Bei dem Orthopädieschuhmacher Horst Dworak, den ich schon im Post ➱Hafenstraße erwähnte, arbeiten schon die Enkel mit.

Vor über einem halben Jahrhundert ging ich, wenn Schuhe zu reparieren waren, immer zu Asendorf, der seinen Laden an der Ecke von der Hafenstraße zur Bismarckstraße hatte. Ich hatte irgendwann mit dem Cowboyspielen aufgehört, der Schuhmacher Ludwig Asendorf nicht. Der nähte in jedem freien Moment Westerngürtel, das fand ich etwas bizarr. Sein Sohn hat den ➱Laden übernommen, der heute größer als je zuvor ist. Woraus man sehen kann, dass sich heute noch viele traditionelle Schuster halten können. Trotz der Konkurrenz von Mister Minit.

Bei Benjamin Klemann sind schon die Söhne (hier Lennert Klemann) mit dabei. Die Uhrmacher haben im Gegensatz zu den Schuhmachern keinen Nachwuchs. Batterien wechseln kann jeder, so wie Mister Minit Schuhe reparieren kann. Das ist eine traurige Geschichte mit den Uhrmachern und dem Nachwuchs. Als die Mauer fiel, rasten alle Vertreter von Geschäften wie Wempe in die Rest-DDR und griffen sich alle Uhrmachermeister aus Glashütte. So lernte ich hier einen wunderbaren Mann kennen, der mit einem DDR Skispringer verwandt war und breites Sächsisch sprach. Aber die Quelle Glashütte ist jetzt auch versiegt. Wir werden dahin kommen, dass nur noch die Uhrenfabriken, die in der scheußlichen Beilage der FAZ sind, Uhrmacher haben werden.

Der junge Benjamin Klemann stand eines Tages, wie ich, vor Prange in Hamburg. Aber nicht wie ich als Kunde, er suchte um Arbeit nach, weil er den Spruch von Opa nicht vergessen hatte. Man gab ihm die Adresse von Julius Harai, ein cholerischer Chef, der seine Lehrlinge kujonierte. Sie können ➱hier eine Homestory von einem gewissen Steven Gätjen lesen, das ist ein leicht leicht schmieriger Journalismus. Viel interessanter ist das, was Klemann auf seiner eigenen ➱Seite schreibt. Prange, Harai, John Lobb in London, Gut Basthorst (wo Vicky Leandros wohnte), dann Hamburg, es ist ein langer Weg.

Schuhmacher haben viel zu erzählen, Eiche Eichhorst, der Schuster in der Ladenzeile der Uni, kannte allen Klatsch. Wusste welcher Professor mit welcher Studentin ins Bett ging, da lohnte sich schon der Besuch beim Schuhmacher. Mein Schuhmacher Horst Dworak bei Höfer in der Holtenauer Straße kann auch viel erzählen. Bevor er Orthopädieschuhmacher wurde, ist er zur See gefahren. Auf einem ➱Heringslogger. Es gab ja nach dem Krieg keine Arbeit, da war man für diesen ➱Job schon dankbar, hat er mir erzählt. Die Meisterprüfung für Fischwirtschaft legt er vor der Meisterprüfung als Orthopädieschuhmacher ab. Letztens bekam er eine halbe Seite in den Kieler Nachrichten, das war nett. Die Firma Höfer hat leider keine Internetseite, es gibt auch kein Bild im Internet, deshalb habe ich dies nostalgische Gemälde genommen, um die Holtenauer Straße zu zeigen (es ist schon in dem Post über Kiel in der ➱Kunst zu sehen).

Das hier ist ein Schuh von einer Firma, die vielleicht nicht so bekannt ist (lassen Sie sich von den Schuhspannern von Ludwig Reiter täuschen). Die Firma heißt Krisam und Wittling und sitzt im Saarland. Die Firma Krisam ist sehr alt, im Geschäft mit den Maßschuhen ist man noch nicht so lange. Man arbeitet mit der belgischen Firma Ambiorix (Hoflieferant des belgischen Königshauses) zusammen. Wenn ein Kunde nicht den teuren Maßschuh haben will, sondern etwas Preiswerteres vorzieht, machen Krisam und Wittling nur den Leisten und schicken ihn nach Belgien. Ambiorix macht dann ein Paar Schuh daraus. Die Firma Ambiorix, die seit mehr als hundert Jahren besteht, bietet dem Kunden sowieso sehr viel: der Kunde kann zwischen sechs verschiedenen Leistenformen und Weiten wählen, und dann gibt es noch frei wählbare Kombinationen von Leder und Sohlen.

Das ist dann schon beinahe ein Maßschuh. So wirbt ein Händler mit Maßkonfektion für den Herrn und beschreibt die Vorzüge von Ambiorix: Wer sich schon immer ein Paar eingestochene, genähte Herrenschuhe leisten wollte, die dazu noch besser passen als ein Konfektionsschuh, findet bei uns eine preiswerte Alternative zum Maßschuh: Die Maßkonfektion der Firma Ambiorix aus Belgien. Wir haben Probierschuhe auf Lager in zwei verschiedenen Weiten und Sie testen in Ruhe, welche Größe und Weite Ihnen am besten passt. Ihr Wunschmodell wird dann speziell für Sie angefertigt. Leder, Modell und Sohlengestaltung wählen Sie und wenn Sie Platz für lose Einlagen brauchen, kann auch darauf Rücksicht genommen werden.

Auch englische Firmen wie Alfred Sargent, Tricker’s, Crockett & Jones oder Edward Green offerieren dem Kunden verschiedene Leisten. Und dann noch unterschiedliche Weiten, da wird man leicht ein passendes Modell finden. Die Röntgengeräte für die Füße, die man noch in den fünfziger Jahren in deutschen Schuhgeschäften fand, sind heute verboten. Das von Charles Brannock erfundene Messgerät kann man immer noch verwenden. Und wenn in einem englischen Schuhgeschäft Herren mit grünen Schürzen ein furchterregendes Gerät aus den Tagen der Königin Victoria hereintragen: keine Angst, auch damit kann man den Fuß millimetergenau vermessen.

Dann könnte man sich natürlich noch einen guten gebrauchten Schuh von einer Luxusmarke kaufen. Ich hätte dafür zwei interessante Adressen. Da ist zum Beispiel Bernd Herkenrath (hier im Bild), der früher einmal Manager war und jetzt im Schuhgeschäft ist. Wenn Sie diese ➱Seite anklicken oder dieses ➱Video sehen, wissen Sie alles über ihn. Und dann gibt es natürlich ➱Dr Sevan Minasian, den habe ich aber schon mehrfach erwähnt, deshalb gibt es für ihn heute nur einen Link zu seiner wirklich schönen und informativen Seite.

Viele, die sich einen Maßschuh haben machen lassen, sind damit nicht glücklich. Wir lassen einmal beiseite, dass auch Maßschuhe handwerklicher Pfusch sein könnten. Die kleine Geschichte über John Lobb, die sich ➱hier findet, hat viele Leser amüsiert. Aber davon abgesehen, ist es natürlich das Prinzip der Maßschuhmacher, den Schuh knalleeng zu machen, was viele stört. Weil sie ihre eingelaufenen und ausgelatschten Schuhe gewöhnt sind. Viele denken, man dürfe den Schuh rundum nicht spüren, sagt Klemann, aber der Schuh soll wie ein Korsett am Fuß sitzen. Dies ist ein klassischer Schuh, wie ihn ein Maßschuhmacher machen würde. Ich liebe diese Form, viele finden sie unmöglich.

Bei den Maßschuhmachern, von denen es erstaunlich viele quer durch die Republik gibt, sind die Schuhe nicht billig. Alles, was mit der Hand gemacht wird, ist teuer. Schauen Sie einmal auf Ihre letzte Zahnarztrechnung. Bei den Schuhmachern hat sich seit dem letzten Jahrhundert wenig geändert. Charles Goodyear hat die Nähmaschine für rahmengenähte Schuhe erfunden, aber die Maßschuhmacher nähen weiterhin mit der Hand. Die Kollegen der hier vorgestellten drei Norddeutschen, die in Wien sitzen, klopfen auch kleine Nägel in die Sohlen. Das ist eine andere Geschichte, zu der es ➱hier einen Post gibt.

Nicht alles, was als rahmengenäht bezeichnet wird, ist wirklich rahmengenäht. Vielleicht sollte man da dem Kapitel über Schuhe in Bernhard Roetzels Der Gentleman nicht unbedingt trauen. Urban Buch, der sehr, sehr viel über Schuhe weiß, zerlegt ➱hier sehr genüßlich Roetzels Bemerkungen über Qualitätsschuhe. ➱Christian Geffers hat mir mal erzählt, dass er sich auf einer Messe am Stand von Edward Green ganz scheinheilig erkundigt hat, ob man bei EG ein gemband verwände. Und die junge Dame am Stand hat ihm versichert, dass es bei EG selbstverständlich immer ein gemband gebe. So brechen Illusionen zusammen. Meine Edward Green Schuhe sind über dreißig Jahre alt, die werden noch kein gemband haben. Bei dem ganzen Streit um Definitionen von rahmengenäht oder Goodyear welted ist vielleicht das, was sich ➱Blakebest nennt, die Sache der Zukunft. Vom Preis auf jeden Fall.

Wo fängt die wirkliche handwerkliche Qualität an? Diesen Schuh von ➱Cliff Roberts habe ich in jedem Zustand seiner Herstellung gesehen, vom Zuschneiden des Leders bis zum Nähen des Rahmens. Auf dem Photo auf jeden Fall. Hier gibt es natürlich kein gemband. Ich kann mit dem Schuh wunderbar gehen. Aber ich kann auch mit Schuhen von Tricker’s, Alfred Sargent, Crockett & Jones, Laszlo Vass, Ludwig Reiter und Mack James wunderbar gehen. Ich habe eine Handvoll Maßschuhe, aber die waren für andere als mich gemacht. Und doch passen sie mir alle wunderbar. Benjamin Klemann sagt offen: Die meisten meiner Kunden haben schwierige Füße, aber sie müssen repräsentieren. Ich habe keine schwierigen Füße, ich muss auch nicht repräsentieren. Ich habe immer gute Schuhe getragen. Und die haben all die Knochen, die ich mir beim Fußball gebrochen habe, immer unterstützt.

Und wenn ich mir einen Maßschuh machen lassen würde, dann von einer Frau. Denn das müssen wir mal erwähnen, immer wenn in den  Luxusbeilagen Harai, Vauk und Klemann abgefeiert werden, dass es auch berühmte Schuhmacherinnen gibt. Damit meine ich jetzt nicht ➱Olga Berluti, die einen Schuh für Andy Warhol gemacht hat. Sondern Frauen wie Saskia Wittmer hier, die vielleicht die berühmteste ➱Schuhmacherin von Florenz ist. Oder Gabriele Gmeiner in Venedig, Kirstin Hennemann und Gabriele Braun in Berlin.

Tragedie is to seyn a certeyn storie,

As olde bookes maken us memorie,

Of hym that stood in greet prosperitee,

And is yfallen out of heigh degree

into myserie, and endeth wrecchedly

Das können wir bei Chaucer in den ➱Canterbury Tales lesen, steht in der Geschichte des Mönches. Ist noch Mittelenglisch, sieht schon aus wie Englisch, spricht sich nur anders aus. Gehörte früher wie das ➱Altenglische zum Studium der Anglistik dazu, ist jetzt weggefallen. In dem neuen BA/MA Studium ist alles Wesentliche weggefallen. Und da wir beim Fallen sind: das, was Chaucer uns da beschreibt, nennen die Literaturwissenschaftler den Fall of Princes. Chaucer hat sich da ein wenig bei Boccacios De casibus virorum illustrium bedient. In einer Ausgabe des Werkes von Boccacio finden wir diese Abbildung: Fortuna dreht am Glücksrad, und da ist gerade ein König am Fallen, der purpurrote Mantel ist schon auf em Boden:

 

Fortunae rota volvitur descendo minoratus;

alter in altum tollitur nimis exaltatus.

Rex sedet in vertice – caveat ruinam!

Nam sub axe legimus Hecubam reginam

Man tritt ja nicht so gerne zurück. Also, dieser Torsten Albig, der hier im Post ➱Strassensperrung vorkam, der scheint das immer noch nicht begriffen zu haben, dass er abgewählt worden ist. Albig selbst sagte auf die Frage, ob die Öffentlichkeit mit seinem Rücktritt rechnen müsse: „Nee, müssen Sie nicht.“ Seine Partei arbeite daran, „eine nächste Regierung auf die Beine zu stellen.“ stand in der Süddeutschen. Wenn Albig sich verkleidet wie der märchenhafte Kalif Harun al Raschid unter die Leute gemischt hätte, um unerkannt die Meinung des Volkes zu erfahren, dann hätte er sich in diesen Tagen wohl gewundert. In der Glücksregion Nummer Eins hier oben waren glücklich, dass Albig abgewählt wurde. Überall auf der Strasse redeten Menschen miteinander. Wie in der Nachkriegszeit oder in den fünfziger Jahren. Wenn jetzt auch noch dieser Mensch, den wirklich niemand mag, verschwinden würde, dann wäre das Ganze perfekt.

Das passende Wort für den politischen Zustand hier im echten Norden ist Schadenfreude. Ein Wort, das die Engländer gerne adoptiert haben. Wie Vorsprung durch Technik, Kindergarten, Dachshund und Gesundheit. Heute vor achtzig Jahren redeten die Engländer auf der Straße miteinander, aber da war keine Schadenfreude im Spiel. Da wurde der englische König George VI gerade gekrönt. Sie kennen ihn, er ist der Vater von ➱Elizabeth und der Held des Filmes ➱The King’s Speech.

Man kannte ihn in England kaum. Seinen Bruder David, der sein Vorgänger war, den kannte man schon. Man mochte den sogar. Aber David, der als König Edward VIII heißt, war zurückgetreten. Auf dem Photo wartet er darauf, über die Mikrophone der ➱BBC der englischen Nation nachträglich seine Gründe für den Rücktritt zu erklären. Er hatte mit Winston Churchill zu Mittag gegessen, und der hatte ihm nach dem Essen die Rede noch einmal stilistisch überarbeitet.

Edward VIII ist dabei hervorragend gekleidet. Das unterscheidet ihn von Ralf Stegner oben, der sartorial gesehen schon eher am Rande der Verwahrlosung schwebt (es sind in dem Post ➱Handschuhknopf schon einige Bemerkungen über seine Kleidung gemacht worden). Das Photo oben wurde am Wahlabend gemacht, da waren Herrn Stegner die Gesichtszüge vollständig entgleist. Davon ist bei dem ehemaligen König nichts zu sehen. Von einem bestimmten Alter an ist jeder Mensch für sein Gesicht verantwortlich, hat ➱Albert Camus geschrieben.

David bekommt von seinem Bruder Albert den Titel eines Herzogs von Windsor. Er verläßt umgehend das Land und geht nach Frankreich, um Wallis Simpson zu heiraten und sich ganz der Herrenmode zu widmen, wie er das als Prince of Wales schon getan hatte. Er besaß eine vollständige Sammlung von Uniformknöpfen aller englischen Regimenter (Stegner besitzt eine vollständige Sammlung von allen ➱Tatort Sendungen). Die ➱Savile Row ist das Einzige, was ihn noch mit England verbindet. Am Ende seines Lebens landet er bei Davies & Sons. Die haben mal die Uniformen für Lord Nelson gemacht, und in dem Roman Faserland trägt der Held ein Jackett von der Firma (lesen Sie mehr in ➱Etikettenschwindel). Ich besitze auch einen Anzug von Davies & Sons, den habe ich mal in einem Secondhand Laden gefunden, ich bilde mir aber nicht ein, der Herzog von Windsor zu sein.

George VI wird viele Uniformen tragen, kaum ist er König, da ist schon Krieg. Wenn er keine Uniform trägt, dann bevorzugt er meistens den Zweireiher. Seine Uniformen kommen von Gieves. Die damals noch nicht Gieves & Hawkes sind, diese Firma gibt es erst seit 1972. Aber die Firma Hawkes hat eine noch längere Tradition als Gieves, denn Thomas Hawkes hat schon die Uniformen von ➱George III geschneidert. Die Anzüge des Königs kommen seit 1944 von der Firma Benson & Clegg in der Jermyn Street. Er ist aber auch Kunde bei Henry Poole, die seit 1940 einen Royal Warrant von ihm haben. Er hatte nicht vor, ein Dandy zu sein, wie der Herzog von Windsor, das Magazine The Outfitter bescheinigte ihm einen extreme good quiet taste.

Den wird niemand dem SPD Politiker Ralf Stegner bescheinigen, das ist wahrscheinlich der Unterschied zwischen Königen und dem gemeinen Volk. Stegner will unbedingt an der Macht bleiben. Er hat das mene mene tekel upharsin, das die Wähler an die Wand geschrieben haben, nicht verstanden. Er glaubt wahrscheinlich noch immer an die Werbesprüche wir können das, wir wollen das, wir machen das. Die sind bestimmt wieder von Albigs neuer Lebensgefährtin, die das Land schon viel, viel Geld gekostet hat, entworfen worden.

Edward hat nach seinem Rücktritt England selten besucht. Er kam zur Beerdigung seines Bruders, den er zum König gemacht hatte. Er kam zur Beerdigung seiner Schwester Maria und der seiner Schwägerin Marina. Edwards Rücktritt war letztlich ein Segen für England, sein Bruder Albert, schüchtern und stotternd, war der bessere König für das Land. In Gesellschaft dieser Herren hätte er nicht seinen Arm gehoben. Und er hätte sich auch wohl kaum in Gesellschaft dieser Herren begeben. Manchmal sind Rücktritte also ein Segen. Die Herren Albig und Stegner sollten mal darüber nachdenken.

Mehr zur Abdankung von Edward VIII finden Sie in ➱Abdankung und ➱Edward VIII

Das hier ist etwas, was der Engländer als Shooting Jacket bezeichnet, eine Variante des ➱Norfolk Jacket. So etwas muss man unbedingt haben, wenn man Moorhühner schießen will. Die ihrem Untergang geweihte Gesellschaftsschicht in dem englischen Film ➱The Shooting Party hat so etwas selbstverständlich im Kleiderschrank. Normale Menschen brauchen das Teil eigentlich nicht. Vor allem, wenn sie nie zur Jagd gehen. Wie ich zum Beispiel, ich finde das völlig bescheuert. Ich muss mal eben etwas zitieren, was ich in dem Post ➱Hunde geschrieben habe: Mir sagte einmal eine Dame, die mit einem Hobbyjäger verheiratet war und ihm zuliebe das Spielen des Jagdhorns erlernt hatte: Es ist eine furchtbare Sache, mit einem Jäger verheiratet zu sein. Um zwei in der Nacht kommt er stinkend nach Hause, und um halb drei kotzt der Dackel den Teppich voll. Dank meines Englischlehrers James Tröbs kann ich zwar das englische Jagdlied ➱Do you ken John Peel with his coat so gay singen, aber da hört es auch auf.

Trotz all dieser Vorbehalte besitze ich jetzt eine Jagdjacke, rotgefüttert, Ostern bei ebay gekauft. Nicht, weil ich zur Jagd gehen will, sondern weil die Jacke von Hans-Alfred Terner in Hannover ist. Steht auf dem Etikett: H.A. Terner in Familienbesitz seit 1911. Dazu sollte ich einiges sagen. Ich habe eine gewisse Bindung an Hannover, weil ich in Rotenburg (Hannover) geboren wurde. Das war ein Zufall, weil wegen der ➱Bomben auf Bremen ein Teil der Bremer Frauenklinik ausgelagert war. Hannover war ja mal ein Königreich und danach eine preußische Provinz. Ich war immer stolz auf das Rotenburg (Hannover) in meinem Ausweis, aber heute steht da Rotenburg (Wümme). Ich habe versucht, dagegen vorzugehen, aber die ließen nicht mit sich handeln.

Rotenburg (Wümme) klingt schlimm, und ROW ist auch eins der gefürchtetsten Autokennzeichen in der Gegend. Mit Hannover verbindet mich auch noch, dass ich vor sechzig Jahren gesehen habe, wie ➱Hannover 96 im Volksparkstadion Deutscher Meister wurde. Und dann bin ich Jahre später auf der Heeresoffiziersschule I in Hannover gewesen, was eine sehr schöne Zeit war. Und der Post ➱Hannover aus meinem ersten Jahr als Blogger, zählt zu meinen Bestsellern. Ich weiß nicht weshalb. Ich als halber Hannoveraner kann die Posts ➱Ernst August, ➱Heinrich Hannover, ➱Maurice de Saxe und Opernhaus Hannover auch noch empfehlen.

Meine Mutter liebte Hannover. Nicht wegen der Oper, nicht wegen des Maschsees, der Herrenhäuser Gärten oder des Leineschlosses. Nein, zum Einkaufen. Da gab es dieses Pelzgeschäft namens Stoll, das sie irgendwie magisch anzog, obgleich sie schon einen Schrank voller Pelzmäntel hatte. Und sie mochte auch Terner, einen Laden, der Herren- und Damenkleidung führte. Und der mit Texten wie diesem warb:

Seit 1911 steht TERNER für englische und italienische hochwertige Klassik, von Anlass, Business, Sportswear bis Party. In unserer hauseigenen Schneiderei werden Änderungen und Maßwünsche handwerksgerecht und zuverlässig erfüllt. Dem Text wurden sie auch gerecht, sie hatten neben Unmassen von ➱Burberry ➱Trenchcoats erstklassige italienische Firmen im Angebot: Isaia, Belvest, Barbera etc. Ich besitze ein Belvest Jackett von Terner, das echte Knopflöcher hat, ich dachte immer, das gäbe es bei dieser Marke gar nicht. Für ihre Oberhemden konnte ich mich nicht begeistern, sie hatten Cleeve of London, eine Firma, die vor Jahren von Rayner und Sturges gekauft wurde und jetzt der Firma Drake’s gehört.

Die Qualität des Angebots war schon etwas anderes als ➱Ladage & Oelke in Hamburg, die ihren Kunden suggerierten, dass alles in ihrem Laden aus England käme. Und den armen anglophilen Modeopfern ungerührt deutsche Dressler Jacketts verkauften. Dies Photo ist aus den fünfziger Jahren, da war das Geschäft von Hans-Alfred Terner noch in der Bahnhofstraße. Damals trugen auch noch Pferderennen den Namen von Hans-Alfred Terner. Vielleicht war das schon ein wenig zu viel. Und dann musste man ja unbedingt in die Luisenstraße umziehen, weil da jeder sein wollte.

Mein ältestes Jacket von Terner ist ein fünfundzwanzig Jahre altes Isaia Jackett, ist immer noch gut. Richtige Made in Italy Qualität ist auch nach einem Vierteljahrhundert noch gut. Slim Fit Anzüge aus Asien sind schon im nächsten Jahr nicht mehr gut. Doch Terner, diesen schönen Laden im Familienbesitz gibt es seit einigen Monaten leider nicht mehr: Sehr verehrte Kunden und Freunde, mit großem Bedauern haben wir den stationären Einzelhandel zum 14.01.2017 eingestellt. In den vielen ereignisreichen und spannenden Jahren haben wir tolle Menschen kennen und schätzen gelernt und mit Ihnen eine schöne Zeit verbracht. Hierfür bedanken wir uns sehr bei unseren treuen Kunden und Freunden! Herzliche Grüsse Rebecca Terner-Hawellek. Die ➱Seite, auf der sich dieses Zitat findet, zeigt diesen Oldtimer, der irgendwie wie ein Leichenwagen aussieht, eine seltsame Symbolik.

Terner in Hannover ist nicht das einzige Geschäft, das in den letzten Jahren aufgeben musste. Sie können mehr zu diesem Thema in dem Post ➱Herrenausstatter lesen. Und dann können Sie auch noch die Artikel von ➱Bernhard Roetzel und ➱Jens Jessen über den deutschen Mann und die Mode lesen, dann wissen Sie, warum das mit dem schleichenden Tod der Herrenausstatter so ist. Dieses Teil musste ich natürlich unbedingt haben, sie hat alles, was eine Joppe haben muss: Blasebalgtaschen, echte Knopflöcher, Golffalte im Rücken, einen anknöpfbaren Drehteufel, Lederflicken auf dem Ärmel und einen aufgesteppten Gürtel auf dem Rücken.

Und dann noch dieses leuchtend rote Steppfutter mit dem blauen Etikett, auf dem Im Familienbesitz seit 1911 steht. Es ist eine echte Nostalgiejacke. Man kann sie bei diesem Schietwedder ganz hervorragend tragen. Und man braucht definitiv keine Purdey Seitenschlossflinte als Accessoire für dieses Jackett. Ich brauche jetzt allerdings noch ein Jagdgedicht, aber da brauche ich nicht lange zu suchen. Ich nehme mir Rudyard Kiplings Fox-Hunting, ein Gedicht über tausend Jahre Fuchsjagd in England aus der Perspektive des Fuchses. Ich mag ➱Rudyard Kipling, er ist schon häufig hier zitiert worden. Eins der Highlights dieses Blogs ist die Übersetzung seines Gedichts Mandalay ins ➱Plattdeutsche, das gibt es sonst nirgends, nur hier.

Obgleich Kipling der upper middle class angehört, mag er die nicht so sehr. Seine ➱Zeile von den flannelled fools at the wicket or the muddied oafs at the goals tut den ➱Cricket Liebhabern immer noch weh. Und auch der Sprecher in ➱McAndrew’s Hymn hat eine gewisse Verachtung für die Oberklasse: Romance! Those first-class passengers they like it very well, Printed an‘ bound in little books; but why don’t poets tell? I’m sick of all their quirks an‘ turns – the loves an‘ doves they dream – Lord, send a man like Robbie Burns to sing the Song o‘ Steam! Dieser kleine Fuchs muss bei dem Kipling Gedicht unbedingt erwähnt werden, er ist der Hauptdarsteller (neben Berühmtheiten wie Eric Porter, Jeremy Kemp oder Dennis Waterman) in dem wunderbaren Film The Belstone Fox (Sie können ➱hier einen kleinen Schnipsel des Films sehen). Aber nun das Gedicht Fox-Hunting:

The Fox Meditates

When Samson set my brush afire
To spoil the Timnites barley,
I made my point for Leicestershire
And left Philistia early.
Through Gath and Rankesborough Gorse I fled,
And took the Coplow Road, sir!
And was a Gentleman in Red
When all the Quorn wore woad, sir!

When Rome lay massed on Hadrian’s Wall,
And nothing much was doing,
Her bored Centurions heard my call
O‘ nights when I went wooing.
They raised a pack they ran it well
(For I was there to run ‚em)
From Aesica to Carter Fell,
And down North Tyne to Hunnum.

When William, landed hot for blood,
And Harold’s hosts were smitten,
I lay at earth in Battle Wood
While Domesday Book was written.
Whatever harm he did to man,
I owe him pure affection;
For in his righteous reign began
The first of Game Protection.

When Charles, my namesake, lost his mask,
And Oliver dropped his’n,
I found those Northern Squires a task,
To keep ‚em out of prison.
In boots as big as milking-pails,
With holsters on the pommel,
They chevied me across the Dales
Instead of fighting Cromwell.

When thrifty Walpole took the helm,
And hedging came in fashion,
The March of Progress gave my realm
Enclosure and Plantation.
‚Twas then, to soothe their discontent,
I showed each pounded Master,
However fast the Commons went,
I went a little faster!

When Pigg and Jorrocks held the stage,
And Steam had linked the Shires,
I broke the staid Victorian age
To posts, and rails, and wires.
Then fifty mile was none too far
To go by train to cover,
Till some dam‘ sutler pupped a car,
And decent sport was over!

When men grew shy of hunting stag,
For fear the Law might try ‚em,
The Car put up an average bag
Of twenty dead per diem.
Then every road was made a rink
For Coroners to sit on;
And so began, in skid and stink,
The real blood-sport of Britain!

Ich trage meine braune Jagdjacke mit den großen roten ➱Karos schon eine Woche lang, niemand hat bisher irgendeine Bemerkung dazu gemacht. Eine Reaktion gab es allerdings schon: das Eichhörnchen vorgestern, das hat die Straßenseite gewechselt, als es mich kommen sah. Do you ken John Peel with his coat so gay …

Das hier ist der bayrische Prinz Luitpold, er ist gerade Regent von Bayern geworden. Durch eine sensationelle Proklamation: Im Namen Seiner Majestät des Königs. Unser Königliches Haus Bayerns treubewährtes Volk ist nach Gottes unerforschlichem Ratschlusse von dem erschütternden Ereignisse betroffen worden, daß Unser vielgeliebter Neffe, der allerdurchlauchtigste großmächtigste König und Herr, Seine Majestät König Ludwig II., an einem schweren Leiden erkrankt sind, welches Allerhöchstdieselben an der Ausübung der Regierung auf längere Zeit im Sinne des Titels II § 11 der Verfassungsurkunde hindert. Der an einem schweren Leiden erkrankte König wird drei Tage später im Starnberger See ertrinken. Luitpold bleibt bis zu seinem Tode Prinzregent, da Ludwigs Nachfolger Otto auch geisteskrank ist.

Regenten sind in Bayern also etwas Besonderes, aber um die Prinzregenten soll es heute nicht gehen, sondern um die bayrische Firma Regent in Weißenburg. Die natürlich auch etwas Besonderes ist, die 1946 gegründete Firma ist der einzige deutsche Hersteller im HAKA Bereich, der Handarbeit Made in Germany produziert. Schon in der Zeit, als Bayern eine amerikanische Besatzungszone war (das kann man am Nummernschild erkennen), präsentierte man  sartoriale Luxusprodukte. Mit BMW, Vorzeigedame, Pudel und ➱Spectator Schuhen. Vielleicht ein wenig zu viel des Guten.

Eigentlich brauchte ich keine Jacketts mehr, die Schränke sind voll. Doch ich hatte in der Woche zufälligerweise als eine Art Frühlings ➱Sale vier Jacketts an Freunde verkauft (beziehungsweise verschenkt), da kam mir das braune, karierte Kaschmirsakko von Regent, das ich bei ebay Kleinanzeigen sah, gerade recht. Jacketts kosten bei mir für Freunde und Bekannte zwischen zehn und fünfzig Euro, dafür kriegen die dann auch Belvest, Boglioli, ➱Caruso oder ➱Zegna. Die Gattinnen und Lebensgefährtinnen meiner Freunde sind mir sehr dankbar dafür, dass ich über die Jahre eine vollständige sartoriale Veränderung an ihrem Gespons durchgeführt habe.

Das Regent Jackett bei ebay Kleinanzeigen gefiel mir, weil ich vor über vierzig Jahren schon einmal ein sehr ähnliches Teil mit braunen Karos hatte. Das kam von ➱Windsor (die damals noch etwas darstellten), und es war auch aus Kaschmir. ➱Kelly hat es mir bei seinem ersten Ausverkauf, den er in seinem neuen Laden machte, für 75 Mark verkauft. Ich habe es lange getragen, es ist auf vielen meiner Photos zu sehen.

Für 75 Mark hatte ich mir auch Jahre zuvor in Hamburg mein erstes Regent Jackett gekauft. Die kleine Geschichte steht schon in dem Post ➱Made in Germany. Ein Post, der zahlenmäßig ein klein wenig Furore bei den Lesern gemacht hat und mir eine lange Mail vom damaligen Regent Chef Detlev Diehm eintrug. Bei diesem Bild hat die Steffi, die mir das Jackett verkauft hat, den Zollstock über das Jackett gelegt, weil ich ihr gesagt hatte, dass ihre ersten Maßangaben nicht stimmen konnten.

Ich hatte recht, das Photo mit dem Zollstock bewies es. Viele Händler bei ebay machen sich nicht die Mühe, Maße anzugeben. Die schreiben eine Konfektionsgröße in den Text und fertig. Bei ebay Kleinanzeigen sind die Verkäufer häufig viel netter als bei ➱ebay, und die Steffi hat alle meine Fragen nett beantwortet. Wir wissen natürlich alle längst, dass Konfektionsgrößen heute überhaupt nichts mehr bedeuten. Die aus Deutschland nicht, und die aus anderen Ländern erst recht nicht. Das ist wahrscheinlich das Unwichtigste von den Dingen, das ➱Europa nicht hinkriegt, aber es ist immer ein Ärgernis. Es ist ja auch nicht so, dass man sich bei einem Hersteller auf die Größen verlassen kann. Von der Firma Regent habe ich Jacketts, die mit den Größen 26, 50, 52 und 54 ausgezeichnet sind. Alle passen.

Eins muss man den deutschen Managern lassen, sie tragen meistens gutsitzende Anzüge, und sie strahlen eine gewerbsmäßige Zuversicht aus. Wie hier Dr Peter Krampf, der die Firma Regent im Februar 2015 aus der Insolvenz heraus gekauft hatte, nachdem die italienische Tombolini Gruppe kein Interesse mehr an Regent hatte. Dr Krampf hat in Bayreuth promoviert und war dann bei McKinsey, einem Unternehmen, das angeblich immer Firmen rettet. Wie das dann aussieht, weiß man, wenn man Hochhuths Theaterstück McKinsey kommt gelesen hat. Und kam es eben doch, wie es kommen musste, im letzten Jahr musste der Mann mit dem Doktortitel aus Bayreuth (den hatte ➱Guttenberg auch einmal) zweimal die Insolvenz anmelden. Obgleich ihm die Neupositionierung der Marke gelungen schien. Dr Krampf hatte auch eine schweineteure Werbeagentur, die schon für ➱Brioni gearbeitet hatte, verpflichtet. Und was haben McKinsey und Werbefuzzis gebracht? Nix.

Die neuen Herren bei Regent tragen keine ➱Krawatten mehr. Obgleich sie wohl das Geld hätten, sich eine zu kaufen. Hier sehen wir Philippe Brenninkmeijer und den Eichstätter Bauunternehmer Andreas Martin Meier, die die Firma Regent gerade ohne Fremdkapital gekauft haben und sie wieder in die schwarzen Zahlen bringen wollen. Brenninkmeijer hat der Presse gesagt: Das ist uns ein großes Anliegen, dass wir uns alle als Familie verstehen und gemeinsam für unsere Erfolge arbeiten und sie dann auch gemeinsam feiern. Auf das Feiern werden sie in Weißenburg wohl noch ein wenig warten.

Der Frack, den Willem-Alexander bei seiner Krönung trug, kam von Regent. Darauf ist man in Weißenburg immer noch stolz. Das Photo hängt im Flur der Firmenzentrale, Herzlichen Dank, hat der König auf das Bild geschrieben. So wird man mit Regent zum König. Das ist der Luitpold nie geworden. Philippe Brenninkmeijer träumt jetzt nicht von einem Königreich, aber von eigenständigen Regent Shops. Doch erstmal ist Schmalhans Küchenmeister. Der neue Chef hat sich für sein Büro einen neuen Teppich gekauft. Bei Ikea. Aus der eigenen Tasche bezahlt.

Brenninkmeijer war zuvor kurze Zeit Geschäftsführer bei dem Londoner Schneider Huntsman gewesen (dort trug er allerdings einen Schlips zur Arbeit), aber die Sache mit der bayrischen Firma Regent reizte ihn mehr. Huntsman hat auch gerade neue Eigentümer bekommen, denen ging es wahrlich (wie man anderen Firmen der Savile Row) nicht mehr gut. Im oberen Preissegment haben heute viele Firmen Probleme, H&M hat die nicht. An dem Artikel, den ➱Bernhard Roetzel im Januar schrieb, ist schon viel Wahres dran. Der englische Schneider Malcolm Plews sagte zur Lage der Savile Row nach dem Brexit Referendum: I don’t think it will affect our particular craft because they’re very few other countries who have got our reputation for making bespoke suits. Wenn er sich da mal nicht täuscht. Wenn Regent endlich mal offene Ärmelschlitze und echte Knopflöcher am Ärmel machen würde, könnten sie mit der Savile Row mithalten.

Und da Frau May gerade die Scheidungspapiere eingereicht hat, vielleicht noch einige Zeilen zur ➱Savile Row und dem ➱Brexit. Will UK fashion survive Brexit? hatte die Financial Times einmal getitelt, und nach dem Brexit Referendum gab es schon Ausverkäufe auf der Savile Row – in diesem deutschen Laden, der sich Sons of Savile Row nennt, auch. Früher war ich anglophil, sogar vielleicht ein wenig angloman, so etwas war in Bremen normal. Jetzt halte ich es mit Fontane, der im ➱Stechlin eine Romanfigur sagen lässt: England. Es hat für mich eine Zeit gegeben, wo ich bedingungslos dafür schwärmte. Nicht zu verwundern. Hieß es doch damals in dem ganzen Kreise, drin ich lebte: ›Ja, wenn wir England nicht mehr lieben sollen, was sollen wir dann überhaupt noch lieben?‹ Diese halbe Vergötterung hab‘ ich noch ehrlich mit durchgemacht. Aber das ist nun eine hübsche Weile her. Sie sind drüben schrecklich runtergekommen, weil der Kult vor dem Goldenen Kalbe beständig wächst; lauter Jobber und die vornehme Welt obenan. Und dabei so heuchlerisch; sie sagen ›Christus‹ und meinen Kattun.

Dieses schöne blaue Regent Jacket besitze ich nicht mehr. Es war ein hervorragendes Jackett, aber es fusselte. Pilling en masse. Ich schrieb an Regent, die wollten das Jackett sehen. Und schickten mir dann ein anderes, das nicht mehr dieses wunderbare geheimnisvolle Blau (in dem auch viel Schwarz war) hatte, aber dafür nicht mehr fusselte. Ich bekam auch einen Entschuldigungsbrief, in dem die Schuld auf den iatlienischen Partner geschoben wurde. Auf diese Weise erfuhr ich damals zum ersten Mal, dass die Firma im Besitz von Tombolini war. Ich war jahrelang auf der mailing list der Firma Regent und bekam diese schönen kleinen Hochglanzkataloge. Irgendwann kamen die nicht mehr, daran merkte man, dass neue Herren im Haus waren.

Aber ob die Besitzer nun Tombolini oder die Quandts (unter denen die Produktion nach Polen verlegt wurde) waren, so etwas wie dies hier hätten sie wohl keinem Kunden geliefert. Ein Jackettkragen sollte am Körper anliegen und sich nicht zu den Ohren bewegen. Das hier ist der berüchtigte Sean Spicer, der sich einige neue Anzüge hatte machen lassen, nachdem sein Chef seinen Kleidungsstil kritisiert hatte. Er kaufte die natürlich nicht bei einer Firma wie Oxxford (lesen Sie ➱hier mehr über die Anzüge amerikanischer Präsidenten), sondern orderte die bei irgendeiner asiatischen Internetfirma. Und so sehen die Anzüge auch aus. Das ist der wahre Geist des Make America Great Again: Klamotten aus Asien. Wo ja auch die Donald Trump Collection und die Ivanka Collection hergestellt werden. Trump und seine Rasselbande sind ja zu blöd. Wenn sie amerikanische Anzüge kaufen würden, dann könnten sie das patriotisch vermarkten. So wie Obama dezent seinen Schneider Martin Greenfield vermarktet hat, der noch ein Überlebender von Auschwitz war.

Detlev Diehm (Bild), der bei Regent vom Schneidermeister in die Unternehmensführung aufgestiegen war, war über Italiener gar nicht so unglücklich. Denn sein Ideal eines Anzugs war der italienische Anzug mit der neapolitanischen Schulter, sanft fallend, ohne Einlagen. Leider hat er sich nicht durchsetzen können, nach drei Jahren an der Spitze wechselte er nach London zu ➱Scabal. Ich habe im Internet auf der Seite von Seestraße 7  die netten Sätze gefunden: Das Unternehmen Regent genoß einst Weltruf und eine internationale Kundschaft. Nach der Übernahme durch den italienischem Großbetrieb Tombolini ereilte Regent ein Schicksal, das häufig kleinen mittelständischen Unternehmen der Branche beschieden ist, wenn Großunternehmen die Türschwelle überschreiten. Wir wünschen diesem letzten großen deutschen Schneiderunternehmen nur das Beste, denn ein Land mit Kultur kann in Sachen Herrenbekleidung keinesfalls nur von Boss oder Hess Natur repräsentiert werden. 

Das hier ist Martin Kury, der Betriebsleiter bei Regent. Er zeigt uns, wie hervorragend ein karierter Anzug sitzen und aussehen kann. Das ist schon etwas anderes als die karierten Anzüge vom Mautminister ➱Alexander Dobrindt. Denn Karos auf Anzügen sind eine gefährliche Sache, für ➱Major Thompson sind sie O.K., für Alexander Dobrindt garantiert nicht.

Dieser Herr macht natürlich alles richtig, auch das ist ein karierter Anzug. Mit der Sorte Karo, die wir gemeinhin Glencheck nennen. Die Engländer unterscheiden da noch zwischen Glen Urquhart Check und dem Prince of Wales Check. Der Name Urquart sagt Ihnen etwas, weil beim Castle Urquart sporadisch das Monster Nessie gesehen wird. Falls Sie den Post ➱Loch Ness Monster, Killerwelse und Dackel noch nicht gelesen haben, dann sollten Sie das unbedingt tun. Und zum Thema James Bond und seine Schneider lesen Sie bitte die Posts ➱Agentenmode und ➱Spectre.

Was sie bei Regent nicht so richtig hinkriegen, das ist das Anpassen der Karos. Ich habe schon in dem langen Post ➱Maßkonfektion geschrieben: Leider schaffen sie es bei Regent nie, die Karos bei einem Glencheckjackett anzupassen. Da würde man bei ➱Kiton oder ➱Caruso ja lieber tot umfallen, als so etwas aus dem Haus zu lassen. Ich kann das gerne wiederholen. Ist ihnen auch bei dem tollen Kaschmir Jackett, das mir die Steffi verkauft hat, nur stellenweise gelungen. Aber davon abgesehen ist es ein wuschelig weiches Klasseteil.

Natürlich mit Bemberg Futter, und nix geklebt. Da kommt in Weißenburg immer noch Strobels Roll-Pikiermaschine zum Einsatz, die mit einem Blindstich das Futter an den Stoff heftet. Über 10.000 Nadelstiche verlangt ein Anzug, erst nach zwanzig Stunden ist er zum Bügeln fertig. Das auch seine Zeit verlangt. Ein Boss Anzug, wird nicht pikiert. Da wird nur geklebt, und das Ganze ist nach zwei Stunden fertig, von einem Automaten in Form gepresst. Irgendwo in der Türkei, in Bangladesh oder Mexiko, wo Boss Hungerlöhne zahlt, die unter der Armutsgrenze des jeweiligen Landes liegen.

Die Knopflöcher werden bei Regent angeblich von Hand genäht, sehen aber nicht danach aus. Mit einem ➱Kiton Knopfloch zum Beispiel können sie nicht mithalten. Die Knöpfe von Regent Sakkos kommen von der Augsburger Knopffabrik Carl Schneider & Söhne. Sie haben immer drei statt vier Löcher, eine Erinnerung an die Zeit, als Regent und van Laack zusammengehörten. Vielleicht sollte man mit der Neuorientierunf des Unternehmens mal zu einem Knopf mit vier Löchern übergehen.

Ich trage jetzt erst einmal wochenlang mein neues Regent Jackett, für das ich der Steffi sehr dankbar bin. Karos sind ja sowieso im Augenblick angesagt, hat mir ➱Michael Rieckhof (hier im karierten Anzug) gerade versichert. Er hat mir aber auch gesagt, dass die erste Reaktion eines Kunden, den er für einen karierten Anzug begeistern wollte, der Satz war: Aber dreh’n Sie mir bloß keinen Dobrindt an. Soweit ist es schon gekommen.

Und ich wünsche natürlich Philippe Brenninkmeijer und seinem Compagnon alles Glück der Welt für ihr Unternehmen. Und das er viele Stammkunden zurückgewinnen möge. Früher war ja mal Thomas Rusche mit seinem Unternehmen ein Großkunde, heute taucht Regent im Sör Katalog nicht mehr auf. Warum lässt Ed Meier in München seine Klamotten bei den Portugiesen ➱Diniz & Cruz machen und nicht bei der bayrischen Firma Regent? Und was ist eigentlich mit dem bayrischen Ministerpräsidenten? Warum setzt der sich nicht für das bayrische Unternehmen ein? ➱Franz-Josef Strauß soll ja Regent getragen haben. Aber Politiker sind eine schlechte Werbung. Die Großkotz Anzeige im zweiten Absatz war auch schlechte Werbung, aber in der Wirtschaftswunderzeit fand man so etwas ganz toll. Vielleicht sollte man es mal mit witziger Werbung versuchen. Und mit dieser Paul Smith Anzeige komme ich wieder auf das braune, karierte Jackett zurück. Meines ist natürlich viel eleganter.

Noch mehr Regent in Made in Germany, noch mehr Karos in Gauland (kariert)

 

Ich weiß nicht mehr, bei welchem jüngeren deutschen Autor ich es gelesen habe, ich kriege das Zitat auch nicht mehr richtig zusammen. Aber die beiläufig mit einem gewissen Hass dahingestreuten Sätze gingen dahin, dass den Berliner Männern jegliche Eleganz fehle und die Berliner Schneider überhaupt nichts von ihrem Handwerk verstünden. Ich glaube, es stand irgendwo bei Peter Schneider, der ja zur Stadt Berlin viele literarische Liebeserklärungen abgegeben hat, die noch einmal dieses hedonistische Ambiente von vor 1989, das Leben in der ästhetisierten Sumpfblüte Westberlin, wo die Welt noch in Ordnung war hervorriefen.

Das klingt im Jahre 1852 ganz anders, wo die Menschen sich mit ihrer Biedermeier Garderobe in der Granitschale im Lustgarten (hier ein Bild von ➱Johann Erdmann Hummel) spiegeln können. Und wo man in einem Magazin lesen kann: Auch die Anzüge sind in Berlin bis auf die Besucher der öffentlichen Locale zweiter und dritter Klasse herab, weit geschmackvoller. Der Berliner kleidet sich stets mit einer gewissen Zierlichkeit. Aber wahrscheinlich stimmt die Sache mit der mangelnden Eleganz, wir brauchen ja nur in unserer eigenen Stadt einmal durch die Straßen zu gehen und die Herren der Schöpfung anschauen. Warum soll es in Berlin anders sein?

An dem Satz von ➱Lagerfeld mit der ➱Jogginghose ist sicher etwas dran. Der Engländer Nik Cohn wusste schon, weshalb er seine Geschichte der englischen Herrenmode mit ➱Today there are no gentlemen betitelte. Bernhard Roetzel hat sich am 1. Januar dieses Jahres in der ➱Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den Niedergang der Kleidungskultur geäußert, so etwas Ähnliches hatte Jens Jessen schon im Jahre 2004 in der Zeit gesagt. So elegant wie die Berliner Modeschöpfer Gerd Staebe und Hans Seger, die F.C Gundlach 1957 in einer Villa in Dahlem photographierte, ist der Durchschnittsberliner sicherlich nicht. Damals nicht, heute erst recht nicht. Es fehlt die gewisse Zierlichkeit.

Wir müssen ein wenig zurückgehen in der Geschichte Berlins, wenn wir den Beginn von Berlin als Modemetropole festmachen wollen. Wobei wir die Schneiderrevolution von 1830 mal draußen vor lassen. Schneider gab es schon immer in Berlin, da können wir bis ins Mittelalter zurückgehen, als Berlin noch ein kleines Kaff ist. Und die Hugenotten, die der Große Kurfürst willkommen heißt, bringen uns nicht nur die Familie ➱Fontane, sondern auch viele Schneider und Schneiderinnen, Putzmacher- und Posamentenmacherinnen (auf dieser ➱Seite findet sich eine interessante Geschichte der Schneider in Berlin, die ja zu häufig nur Militärschneider waren). Aber wir springen jetzt einmal in die 1830er Jahre, in denen die Konfektion in Berlin entsteht.

Das hier ist Valentin Manheimer, der sich an seinem siebzigsten Geburtstag von ➱Anton von Werner hat malen lassen, er konnte es sich leisten, von dem Malerfürsten gemalt zu werden. Bei seinem Tod wird er ein Vermögen von mehr als zehn Millionen Mark hinterlassen. Manheimer war zusammen mit Herrmann Gerson der erste, der in einem Laden vorgefertigte Kleidung des sogenannten Stapelgenres verkaufte. Manheimer wird mit seinen Damenmänteln zum Berliner Mantelkönig. Diese Damenmäntel aber wurden in Berlin so perfektioniert, daß der Berliner Mantel zu einem Gütebegriff in der ganzen Welt wurde und es bis heute geblieben ist! Seither bilden die „Mantelkönige“ die Spitze in der Hierarchie der Konfektion, schreibt Brunhilde Dähn in ihrem plaudernd geschriebenen Buch Berlin, Hausvogteiplatz: über 100 Jahre am Laufsteg der Mode.

Das Ende der 1830er Jahre ist die Geburtsstunde der Konfektion, die sich um den Hausvogteiplatz herum ansiedelt. Das Bild zeigt das Kaufhaus von Herrmann Gerson, das sich schnell zu Berlins führendem Kaufhaus entwickelt hat. Berlin wird zu einer Stadt der ➱Haute Couture, die sich mit Paris messen kann: Die Geschichte der Berliner Konfektion ist zugleich die Geschichte derjenigen deutschen Industrie, die sich als erste den Weltmarkt eroberte und den Ruf von deutscher Arbeit und deutschen Gewerbefleißes in die fernsten Länder trug. Das Zitat aus dem Confektionair von 1900 findet sich wiederum bei Brunhilde Dähn, deren Buch 1968 im Göttinger Musterschmidt Verlag erschienen ist. Dort war 1960 auch das Lexikon der Herrenmode von ➱Hermann von Eelking erschienen.

Gerson (hier ein Blick in seinen Vorführsalon aus der Zeit um 1890) war mit Gerson’s Bazar am Werderschen Mark auf höherem Niveau als der Mantelkönig Manheimer. Hier wird sich die feine Welt treffen, russische Aristokraten und Dollarprinzessinnen. Am Ende des Jahrhunderts beschäftigt die Firma 600 Zwischenmeister und 8.000 Näherinnen. Sie können alles dazu in dem Buch Ein Feentempel der Mode oder Eine vergessene Familie, ein ausgelöschter Ort von ➱Gesa Kessemeier lesen. Und natürlich auch bei Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode 1836-1939: Die Zerstörung einer Tradition, einem Buch, das in diesem Blog schon mehrfach zitiert wurde.

Ein Blick in die Confection heißt dieser Farbholzstich aus dem Jahre 1895. Für viele Frauen in Berlin war dies der einzige Blick, den sie in das Reich von Herrmann Gerson werfen konnten, die Mode trennt in der Belle Époque die sozialen Schichten säuberlich. In einem Reiseführer für Berlin wird die Glitzerwelt beschrieben als: Gerson’s Bazar ist das geschmackvollste, großartigste und bedeutendste Manufakturwaarengeschäft in Deutschland. … Welch ein bewegtes schillerndes Leben in diesen Räumen voll Seidenglanz, zwischen diesen, mit strahlenden Teppichen behangenen Wänden, auf den mit weichen Decken belegten Treppen, unter diesem Heer von rechnenden und schreibenden Comtoiristen, von verkaufenden Commis und Ladenjungfern, von begehrlichen, verschwenderisch freigebigen oder feilschenden Käufern!

Herrmann Gerson, der selbst aus kleinen Verhältnissen kam, war jedoch nicht nur für die Reichen und Schönen da. Er beliefert auch breite Bevölkerungsschichten mit konfektionierter Kleidung. Und er sorgt sich – ein patriachalisches Vorbild – um seine Angestellten, lange vor der Bismarckschen Sozialgesetzgebung sind seine Angestellten krankenversichert und bekommen im Krankheitsfall  eine Lohnfortzahlung für die Dauer von zwei Monaten. Gerson stirbt 1861, als er gerade den Krönungsmantel für ➱Wilhelm I. vollendet hat. Seine Kinder werden sein Erbe fortführen, bis das Kaufhaus 1936 arisisert wird.

Die soziale Verpflichtung gegenüber den Angestellten finden wir bei vielen jüdischen Unternehmern, so zum Beispiel auch bei Julius Bamberger, dem das größte Kaufhaus von Bremen gehört. Bambüdel nennen es die Bremer liebevoll. Ich habe das schon am Rande erwähnt, als ich über den Kriegsverbrecher ➱Walter Többens aus meinem Heimatort geschrieben habe. Und natürlich gibt es diese vorbildliche Haltung bei Wilfrid Israel, dem Erben des Kaufhauses Nathan Israel, einem der größten Kaufhäuser Europas, das man manchmal mit Harrods vergleicht. Die Arbeitsbedingungen bei Israel sind beispielhaft, von der Sozialversicherung über Kindergärten und Clubräume (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Wilfrid Israel). Wir finden Ähnliches bei Titus Salt in England und bei Ermenegildo Zegna in Italien (lesen Sie ➱hier mehr dazu).

Die zwanziger Jahre sind eine große Zeit für die Berliner Mode, ein Zeichen dafür kann es sein, dass die renommierte Schneiderei Knize aus Wien 1924 ein Geschäft in der Wilhelmstraße aufmacht (das aber nicht von ➱Adolf Loos gestaltet wird, wie der Laden in Wien). Für die Herren scheinen die einzigen Kleidungsstücke ➱Frack und ➱Smoking zu sein, auf jeden Fall vermitteln die jetzt in Babelsberg entstehenden Filme diesen Eindruck. Die beiden Links verweisen zu zwei viel gelesenen Posts, und ich kann zu dem Thema noch die Dissertation ➱Würdiger Bürger im Frack?: Ein Beitrag zur kulturgeschichtlichen Kleidungsforschung von Iris Gräfin Vitzthum von Eckstädt empfehlen.

Berlin ist zur Filmmetropole geworden, und das färbt auf die Modemetropole ab. Es war nun wirklich nicht alles golden, was man heute die Goldenen Zwanziger nennt. Aber für die Mode war es eine glänzende Zeit, hat ➱Volkmar Arnulf, der Doyen der Berliner Schneider, gesagt. Wie man Frack und Smoking richtig trägt, das weiß Hermann von Eelking mit seinen Zeitschriften Der Modediktator und dem ➱Herrenjournal offensichtlich am besten. Im Weinrestaurant war nach seiner Meinung eine schwarze Ripsweste vorgeschrieben, und dann gab es noch Ausnahmefälle, bei denen jüngeren tanzenden Herren der Smoking mit weißer Weste oder Kummerbund gestattet ist.

Ein Jahrzehnt später wird der Hauptmann a.D. und SA Obertruppführer im Stab der berüchtigen SA-Brigade 31 Berlin-Brandenburg mit seinem Buch Die Uniformen der Braunhemden (hier im ➱Volltext) von sich reden machen. Da ist dann nicht mehr von Ripswesten oder Kummerbund die Rede. Der Machtantritt der Nationalsozialisten ist zugleich das Ende der Berliner Konfektion, die zu 90 Prozent in jüdischem Besitz ist. Namhafte Konfektionäre verlassen Deutschland, manche ermöglichen auch ihren Angestellten die Emigration nach England, da sie dort Tochterunternehmen besitzen oder Verwandte haben. Die Berliner Fabriken und Modehäuser werden arisiert, wir haben für alles einen wohlklingenden Namen.

In meinem Heimatort wird der mittellose Angestellte ➱Walter Többens, der zuvor bei der Firma Leffers gearbeitet hatte, für 1,4 Millionen das Kaufhaus von ➱Julius Bamberger kaufen. Und danach wird er im Warschauer Ghetto eine Großproduktion von Uniformen hochziehen. Bamberger flieht über die Schweiz und Frankreich in die USA, nach dem Krieg bekommt er von einem Gericht 50.000 Mark zugesprochen. Többens war nach dem Krieg in Polen zum Tode verurteilt worden, entzog sich aber immer wieder der Auslieferung. In Bremen wurde er 1949 als Kriegsverbrecher verurteilt: zehn Jahre Arbeitslager, Einziehung des Vermögens, Verlust aller bürgerlichen Rechte und jedes Anspruchs auf Rente und Unterstützung. Das Urteil wurde nie vollstreckt, Többens wird 1952 als Mitläufer eingestuft. Vom Kriegsverbrecher zum Mitläufer in drei Jahren, auch das ist deutsche Wirklichkeit, auf die wir nicht stolz sein können.

Ich bin auf das Thema der Vernichtung der Berliner Modewelt schon in den Post ➱Haute Couture und ➱Wilfrid Israel (und vielleicht auch in dem Post ➱Damenmode) eingegangen. Ich will auch gerne interessante Bücher wie Gloria Sultanos ➱Wie geistiges Kokain: Mode unterm Hakenkreuz oder Irene Guenthers Nazi Chic? Fashioning Women in the Third Reich (für das die Rezensentin des Guardian den Titel ➱Dressed to Kill fand) erwähnen, die aber alle noch nicht das letzte Wort zur Aufarbeitung dieses zu lange vernachlässigten Themas sein können.

Denn seit Uwe Westphals hervorragendem Buch Berliner Konfektion und Mode: Die Zerstörung einer Tradition 1836-1939 (1986, zweite verbesserte Auflage 1992) hätte man eigentlich eine Vielzahl von Publikationen erwartet. Uwe Westphal hat vor zwei Jahren die Geschichte der Berliner Konfektion in den Roman Ehrenfried & Cohn hinein geschrieben, das ist ein Buch, das man unbedingt empfehlen kann. Und vielleicht könnte das Fernsehen den 6-Teiler Durchreise von 1993 mal wieder bringen (➱hier ein Schnipsel daraus). An verschiedenen Stellen im Internet wird der Nazi Hermann von Eelking persilrein gewaschen, und ich habe hasserfüllte Kommentare erhalten, weil ich frecherweise den Baron zu einem SA Mitglied und zum Autor von Die Uniformen der Braunhemden machte. Ja, wie konnte ich nur?

Die dreißiger Jahre sind das Jahrzehnt der Modezeitschriften, da gibt es die ➱Elegante Welt und die ➱Die Dame, eine Zeitschrift mit dem Untertitel Journal für den verwöhnten Geschmack. Für die schreiben Kurt Tucholsky, ➱Gregor von Rezzori und viele andere. Und dann ist da noch ➱Die neue Linie (das Blatt für Menschen mit Geschmack – monatlich 1 Mark), man kann in Deutschland Vogue und Vanity Fair, die auf den deutschen Markt drängen, durchaus etwas entgegensetzen. Schon im 19. Jahrhundert gab es bei Herrmann Gerson eine eigene Modezeitung, Der Bazar: Erste Damen– und Modenzeitung, deren Chefredakteurin die Modejournalistin Antonie von Cosmar war.

Das war sicher erstaunlich, aber nicht unbedingt revolutionär. Modezeitschriften gab es schon seit dem 18. Jahrhundert: seit 1786 erschien das Journal des Luxus und der Moden. Und sogar deutsche Philosophen wie ➱Christian Garve schrieben damals über die Mode. Philosophen werden das weiterhin tun, ob sie nun Thomas Carlyle (➱Sartor Resartus: The Life and Opinions of Herr Teufelsdröckh), Georg Simmel (➱Philosophie der Mode) oder ➱Roland Barthes heißen. Ob dieser Herr mit den gelben ➱Gamaschen ein Philosoph ist, weiß ich nicht, aber er liest auf jeden Fall das erst deutsche Magazin für Herrenmode, das schlicht ➱Der Herr heißt (der Herausgeber Hubert Miketta wechselte später als Chefredakteur zur Eleganten Welt). Die Zeitschrift existierte von 1913 bis 1943 – in dem Jahre gab es auch die Elegante Welt nicht mehr. Dieser Satz ist doppeldeutig, und das soll er auch sein.

Die goldenen zwanziger Jahre sind der Höhepunkt (aber auch der Schwanengesang) der Berliner Mode, die Konfektion wird sich zum drittgrößten Wirtschaftsfaktor aufschwingen, sogar nach Amerika exportiert man den ➱Berliner Chic. Von dort importiert man den Frauentyp des ➱flapper, den F. Scott Fitzgerald unsterblich gemacht hat auch nach Berlin. In Frankreich heißen diese neuen Frauen garçonnes (benannt nach der Romanheldin von Victor Marguerittes Roman La garçonne), von denen man nicht so genau weiß, ob sie Kampflesben oder einfach nur modische junge Frauen sind. Überall finden wir crossdressing, wir alle kennen das Bild von Marlene Dietrich im ➱Frack, hier trägt sie einmal einen Straßenanzug.

Es ist die Zeit der Kapotthüte und der enganliegenden Kleider. Es ist auch eine Zeit der Unsicherheit – sind diese jungen Damen à la mode oder ist das hier der Straßenstrich? Oder sind es die hurtigen, straffen Großstadtmädchen mit den unersättlich offenen Mündern, die der Flaneur Franz Hessel beobachtet: Sie gehen so hübsch in ihren Kleidern ohne Gewicht. Wenn wir wissen wollen, wie Berlin damals aussah, müssen wir nur in Filme wie ➱Berlin: Sinfonie der Großstadt und ➱Menschen am Sonntag (zu dem es ➱hier einen Post gibt) hineinschauen.

Bei den Trümmerfrauen hier sind Berliner Chic und Haute Couture kein Thema, aber die Berliner Mode wird wie ein Phönix aus der Asche wieder erstehen. Und sogar in einem Maße, dass man wieder einmal ein klein wenig mit den Pariser  Modehäusern mithalten kann. Und dafür stehen Namen wie Heinz Schulze-Varell, Gerd Staebe, Hans Seger, Heinz Oestergaard und Uli Richter. Oestergaard hat ➱hier schon einen Post, und einige der anderen Couturiers kommen in dem Post ➱Damenmode vor.

Im Jahre 1946 fragte die gerade frischgegründete Wochenzeitung ➱Die Zeit in einem Artikel ➱Darf man jetzt von Mode sprechen? Diese Frage ist auch der Titel des Buches von ➱Jutta Sywottek geworden, die der Entwicklung der Nachkriegsmode an Hand der Illustrierten (1950 gab es schon 38 Mode- und Frauenzeitschriften) wie ChicConstanzeFilm und Frau etc nachgeht. Der Vater von meinem ➱Onkel Karl ist auch wieder gut im Geschäft, gefärbt muss immer etwas werden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die Berliner Verwandten eine Wehrmachtsuniform farblich verändern konnten.

Und da ich bei farblichen Veränderungen bin: der nach 1945 ein klein wenig abgetauchte Baron von Eelking ist mit seinem Institut für Herrenmode und seinem Herrenjournal auch wieder da. Dies ist ein Heft aus dem Jahre 1950, wo die neue Zeit mit einer neuen Fröhlichkeit begrüßt wird. Man hat neue Zeichner und neue Leitbilder, die Herren des Journals sehen nicht mehr wie Vorzeigenazis aus. Und es gibt leicht schlüpfrige Herrenwitze, das ist für ein Herrenjournal wohl wichtig. Im Journal des Luxus und der Moden fehlten 1786 die Herrenwitze.

Auf dem intellektuellen Niveau der Dame (Journal für den verwöhnten Geschmack) ist das Journal nie gewesen, als Zeitdokument ist heute wohl nur die Werbung für die Konfektion, wie hier für die Mäntel der Firma Laco, interessant. Weniger für die Ergüsse des Barons, der hier auch Teile seines Lexikons der Herrenmode im Vorabdruck veröffentlicht. In der sechziger Jahren wird es feuilletonistische Beiträge über ➱Michelangelo Antonioni oder den Oscar Wilde Film mit ➱Peter Finch geben, aber da sind die Verkaufszahlen des Journals schon nach unten gegangen. Als Arnold Gingrich in seinem Magazin Esquire Herrenmode präsentierte, hatte er schon ➱Hemingway und Fitzgerald als Autoren verpflichtet. Jahrzehnte später wird der junge ➱Tom Wolfe, den ➱Mode ja sehr interessiert, hier anfangen. Auf solchem Niveau war das Herrenjournal nie.

Solche Hemdkragen trug ich damals auch, aber ein solch kariertes Jackett besaß ich nie. Der karierte Herr zwischen den Beinen der jungen Dame ist auch wohl nur ein Blickfänger für die Mode von Uli Richter, der eigentlich Damenmode entwarf. Der 91-jährige Modeschöpfer ist der letzte Überlebende der großen Zeit der Berliner Couture in den fünfziger Jahren.

Wenn man mit Grazia Patricia (vulgo ➱Grace Kelly) am Tisch sitzen darf, dann hat man es als Modeschöpfer wohl geschafft, dann darf man auch einen solch scheußlichen Smoking tragen wie Uli Richter. Das Berliner Kunstgewerbemuseum hat dem Mann mit dem Markenzeichen ULR eine ➱Ausstellung gewidmet, die noch bis zum 23. April 2017 geöffnet ist. Jetzt kleiden die Berliner Couturiers (die sich beinahe immer an ➱Paris orientieren) Prinzessinnen und Filmstars ein. Uli Richter war auch der Schneider von Rut Brandt, die immer elegant war. Ihre Nachfolgerin ➱Brigitte Seebacher kaufte wahrscheinlich bei C&A.

Heinz Oestergaards Studio ist vielleicht nicht ganz so so fein wie die Studios von Gerd Staebe, Detlef Albers und Heinz Schulze-Varell, aber Zarah Leander, ➱Ruth Leuwerik, Hildegard Knef, Maria Schell, Romy Schneider (hier im ganz kleinen Schwarzen) und Zsa Zsa Gabor tragen jetzt Oestergaard. Na ja, sie tragen auch noch Kleider von anderen Schneidern, aber es ist immer gut, wenn man als ➱Couturier ein halbes Dutzend Schauspielerinnen als Kundinnen hat.

In den fünfziger Jahren müssen wir auf alle Briefe eine Steuermarke aufkleben, die ➱Notopfer Berlin heißt. Was finanzieren wir damit? Das schöne Leben hier? Berlins Lage ist fragil, die Stadt wird von Subventionen am Leben erhalten. Viel von dem nach Berlin gepumpten Geld versickert irgendwo, ein Bauskandal jagt den anderen. Wenn Sigrid Kressmann-Zschach, die ehemalige Gattin von ➱Texas Willi, sagt: Männer, Häuser und Geld kann man nie genug haben, dann ist das nur die eine Seite. Die andere ist der Steglitzer Kreisel.

Die fünfziger Jahre sind die große Zeit der Photographen. Erika Billeter hat mit ihrem Buch Amerika Fotografie 1920-1940 gezeigt, dass sich Amerikas berühmteste Photographen nicht zu fein sind, Damenmode zu photographieren, seit der Baron Adolphe de Meyer die Modephotographie sozusagen geadelt hatte. Was auch daran liegen mag, das Vogue und Vanity Fair ein schönes Honorar zahlen. Auch ➱Regina (Regi) Relang, eine der führenden Photographinnen der 50er und 60er Jahre, hatte vor dem Krieg schon für die Vogue gearbeitet. Und dann haben wir noch Charlotte RohrbachHubs Flöter und den jungen Will McBride, der durch den ➱Twen berühmt wurde. Und natürlich ➱F.C. Gundlach, der selbst einen tristen Tag in Berlin künstlerisch veredeln konnte (der Link hier führt zu seinem photographischen Werk, das glücklicherweise im Internet zugänglich ist).

Gundlachs Ästhetik färbte auf andere Photographen ab. Aber man kann nicht alles photographisch veredeln. Sie merken schon, dass auf diesem Bild der Alltag etwas ärmlicher ausfällt. Ein ➱Mercedes 300 Cabrio photographiert sich besser als ein Trabbi. Dies Photo ist von der Photographin Sibylle Bergemann, die auch für die Zeitschrift Sibylle: Zeitschrift für Mode und Kultur (die man auch die Ost-Vogue nannte) gearbeitet hat. Die Sibylle war etwas anders als die wöchentlich für 60 Pfennig (Ost) erscheinende Zeitschrift ➱Für Dich. Ich habe die Sibylle  auch erwähnt, weil die Kunsthalle Rostock noch bis zum 17. April eine gleichnamige ➱Ausstellung zeigt (es gibt auch einen Katalog), wo natürlich auch ➱Photos von Sibylle Bergemann zu sehen sind. Die Gründerin der Zeitschrift, die 96-jährige Sibylle Boden-Gerstner, verstarb vierzehn Tage nach der Ausstellungseröffnung, an der sie nicht mehr hatte teilnehmen können.

Dieses Photo von Sibylle Bergemann stammt aus dem Band Sibylle – Modefotografien 1962-1994 von Dorothea Melis, der 2010 erschien. Sibylle Bergemann hätte bei jeder Modezeitschrift der Welt einen Job gefunden, wenn sie rübergemacht hätte. Doch sie blieb in ihrer Wohnung am Schiffbauerdamm. Bekam aber Besuch von Photographen wie Henri Cartier-BressonHelmut Newton, und Robert Frank.

Aus dem Osten der Stadt kommen (außer der sechsmal im Jahr erscheinenden Zeitschrift Sibylle, die sofort nach Erscheinen ausverkauft ist) nur wenige modische Anregungen für die Berliner Mode, die nach 1945 eigentlich immer eine Westberliner Mode ist. Aber aus dem Osten kommen Schneiderinnen und Näherinnen. Und die kommen nach dem Bau der ➱Mauer nicht mehr: kurz danach schließen ein Viertel aller Konfektionsbetriebe. Den Berliner Schulze-Varell interessierte das wenig, der hatte sein Studio eh in München, doch mit dem Status der Modemesse Berliner Durchreise ist es jetzt zu Ende. Düsseldorf wird die neue Messestadt.

Und was ist heute? Arm, aber sexy, hat der sektlaunige Wowi die Stadt beschrieben. Vom Spreeathen redet niemand mehr. Es gibt sicherlich Luxusschneider wie ➱Volkmar Arnulf und einige andere (Günther Adam hat vor einem Jahr aufgehört). Es gibt natürlich auch ➱Herrenaustatter. Als das KaDeWe neu eröffnete, hatten sie ➱Regent im Angebot, das hat sich aber schnell geändert. Mientus, die 1958 einen riesigen Laden eröffneten (und 1992 die ersten mit einem ➱Zegna Shop waren), sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Uli Knecht, der seine Läden in Hamburg und Düsseldorf geschlossen hat, hat noch einen Laden in Berlin. Es läuft nichts mehr rund im oberen Bereich. Wenn die Textilwirtschaft in der letzten Woche die Pleite von René Lezard, den Gewinnrückgang von Boss und den Milliardengewinn von Adidas verkündet, dann zeigt das, wohin die Tendenz geht.

Doch Berlin hat noch Patrick Hellmann, der plötzlich mit einer eigenen Glitzerwelt da war, und von dem lange niemand wusste, wer er eigentlich ist. Dabei ist alles ganz einfach. Sein Vater, der vor dem Krieg bei Wertheim gearbeitet hatte, und er hatte seinen Sohn aus Amerika nach Berlin geschickt, weil das für ihn immer noch eine Stadt der Eleganz war. Alles, was man über Patrick Hellmann weiß, der angeblich Putin ausstattet, können Sie ➱hier lesen.

Früher kam die Patrick Hellmann Collection von Attolini oder Kiton, heute kommt die Patrick Hellmann Collection in den meisten Fällen aus Portugal von der Firma Diniz & Cruz (lesen Sie mehr zu dieser Firma in ➱Raffaele Caruso). Die übrigens beinahe alle Herrenausstatter mit Private Label Kleidung beliefern: Braun und Kirsch in Hamburg, Ed Meier, Uli Knecht, Hellmann, Dantendorfer, Simon Gray (Hausmarke des Masculin Modekreises), Bailly Diehl, Bertram & Frank. Und Patrick Hellmann. Die Portugiesen dürfen natürlich an keiner Stelle Diniz & Cruz in ihre Klamotten (übrigens ein Wort aus Berlin) schreiben, aber man kann sie immer an ihrer portugiesischen Steuernummer erkennen. Wenn Sie IVA PT 500341753 auf dem Etikett lesen, dann wissen Sie, dass das gute Stück nicht aus Mailand oder Neapel, sondern aus Portugal kommt.

Ich besitze ein Jackett von Attolini aus der Patrick Hellmann Collection. Hat mich bei ebay vor Jahren 39 Euro gekostet. Auf dem verschwommenen Photo war nicht viel zu sehen, nur eine sehr, sehr große Brusttasche. Solch eine gebogene lange barchetta Tasche, die findet sich nur bei den Made in Italy Firmen, die wirkliche sartoria abliefern. Dem war auch so, als das Patrick Hellmann Jackett für 39 Euro ankam, entpuppte es sich als ein nie getragenes Kaschmir Jackett von Attolini, Handarbeit bis ins letzte Knopfloch. Und ein ticket pocket, das ich auf dem Photo gar nicht erkannt hatte (dies Bild zeigt natürlich nicht mein Jackett, aber sie können hier die lange Brusttasche sehen).

Und dann habe ich noch diesen Anzug, der ein Etikett trägt, auf dem Patrick Hellmann Berlin steht. Es ist ein grau-grüner Anzug mit kleinen Karos und einem hellblauen Überkaro. Ich habe den gekauft, weil ich zuvor einen ganz ähnlichen Anzug hatte. Und Jahrzehnte davor einen ebenso ähnlichen. Aber alle mit ticket pocket, einem modischen Detail, zu dem sich ➱Inspector Barnaby in The Made-to-Measure Murders nicht so recht entschließen kann. Der Anzug verrät seinen Hersteller nicht, ein Fachmann aus der Branche flüsterte mir damals zu, dass Hellmann viel in Polen produziere ließe. Das tat Regent ja auch ein mal. Dieser Anzug ist ein stinknormaler Anzug, wo bleibt da der Designer Patrick Hellmann? Der ist damit beschäftigt, einen Audi und eine ➱Rolex zu verschönern. Klicken Sie ➱hier.

Das zweite Berliner Wunderkind in der Glitzerwelt heißt Michalsky (ich lasse ➱Wolfgang Joop jetzt einmal aus), der macht Damenmode, kein neues Rolex Design, aber Tapeten und Möbel. Und offensichtlich auch schlechtsitzende Herrenmode. Doch wer will 499€ für ein potthäßliches Jackett von einem Mann, der bei Heidi Klum auftritt, bezahlen? Die Vogue hat ihn als Deutschlands Mode Papst bezeichnet, aber ich bin mir da nicht so sicher, ob dieser Vergleich stimmt.

Es gibt in Berlin nach der Wende viel Gewusel, neue Firmen wie BeconIQ+ BerlinLala Berlin und Kaviar Gauche neue Messen wie Fashion WeekBread & Butter und Premium ExhibitionsBread & Butter war schon pleite, wird aber jetzt von Zalando neu belebt. Aber kann das die Sache der Zukunft sein, wenn Zalando Modemessen organisiert? Oder Daimler Benz mit seiner Mercedes Fashion Week. Dieses Bild von der Mercedes Fashion Week 2013 findet sich schon in dem Post ➱Sommermode, in dem Patrick Hellmann auch erwähnt wird. Ich nehme an, dass so etwas die Kleidung ist, die Damen in einem schwarzen Mercedes SUV mit schwarzgetönten Scheiben tragen. Oder im Suff. Oder im Puff.

Neben dem Hellmann Anzug, auf dessen Etikett Berlin steht, habe ich noch ein zweites Kleidungsstück aus Berlin. Es ist ein altes Chester Barrie Jackett, aus der Zeit, als die noch wirklich gut waren. Cashmere, dunkles Grau mit kleinem herringbone und blaßblauem Überkaro. Und auf dem Etikett steht: Tailored for Heinrich Dietel. Nachf. Walter Hollain. Berlin. Ich bin dem mal nachgegangen und stieß auf einen schön geschriebenen Artikel (Das unverwechselbare Gesicht des Kurfürstendamms – Reflexionen über ein Auslaufmodell) in der ➱Berliner Morgenpost, von dem ich etwas an den Schluss stelle:

Heinrich Dietel war unverwechselbar. Er war ein Herr und verkaufte Artikel für Herren – für solche also, die mehr sein wollten als Männer, offerierte er in seinem Geschäft zwischen Schlüter- und Wielandstraße. Heinrich Dietel, groß gewachsen, stets mit Weste, die dem Bauch zur Ansehnlichkeit verhalf, mit einer Nelke im Revers, die, darunter verborgen, in einem kleinen, mit Wasser gefüllten Röhrchen steckte, dieser Heinrich Dietel bediente nicht, er empfing in seinem Salon Partner. Die taxierte er nicht nach der Brieftasche. Stil zu bilden, das freute ihn, und dafür gab er das Beispiel. Es ging nicht nur um das Bedecken von Blößen, es ging um Wohlgefallen, um Ästhetik, für sich und die anderen, von den Handschuhen, über Hemden, Krawatten, Mützen bis zu Pfeifen. England at its best in Berlin.

       Die Tradition wurde unter Dietels Namen unter seinem Nachfolger Hollain an der Schlüterstraße fortgeführt. Nach seinem Tod wollte Dietel keiner mehr haben. Wem steht der Sinn noch nach einem Spazierstock, der ein elegantes Accessoire und keine von der Krankenkasse bezahlte Gehhilfe ist? Wer noch ist auf ein Beinkleid aus in einer Zeit, die Bequemlichkeit mit Nachlässigkeit übersetzt, weshalb der Berliner folgerichtig jedweden Anzug als «Klamotte» identifiziert? Dietel, ein Nachruf unter vielen für ein Stück des alten Berlin. Individuelles wird zu Grabe getragen. Unsere Zeit: Sie versteht Veränderung schon als Fortschritt.

Ich gehe über den Kurfürstendamm. Und ich erinnere mich an die Besucher, die zurückkamen aus Ost-Berlin, aus der DDR. Wie sie sich mokierten: Schrecklich, alle in den gleichen Schuhen, alle in den gleichen Jacken und Mänteln, Mützen und Taschen, alles gleich, schrecklich. Ich schaue auf die Leute um mich herum. Und mich befällt ein Alptraum. Eines Tages werde ich nur noch auf Uniformierte im real existierenden Kapitalismus treffen. Die Fantasie stirbt an der Norm. Wo ist Dietel?

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