Aftershave

Nein, ich habe mich noch nicht rasiert. Ich geniesse das, mich nach dem Frühstückstee an den Schreibtisch zu setzen, eine Pfeife anzuzünden und darauf zu warten, dass die Muse mich küsst. Tut sie meistens, sie mag offensichtlich meinen Tabak. Ob sie mein Rasierwasser mag, weiß ich nicht. Mit diesem Thema begeben wir uns auf ganz schwieriges Terrain. Ich bin darauf gekommen, weil mir beim Aufräumen eine Photokopie in die Hand fiel, die mir mein Freund Peter mal vor Jahrzehnten geschickt hat. Undatiert, keine Quellenangabe. Könnte aus einer alten Nummer vom Twen sein, hat ein wenig was von diesem coolen Willy Fleckhaus Design. Zeigt auf der rechten Seite einen Mann als anatomische Zeichnung, nur Muskeln und Knochen. Und auf der linken Seite dazu eine Beschreibung als free verse. Der Text beginnt mit der Aufzählung aller Muskeln und Knochen, dann folgt ein kleines Loblied auf den Architekten Wilhelm Büning, und dann endet der Textblock mit:

Doch nun zurück zu unserem model.
Der Mann lebt, und er verdient es,
wieder angezogen zu werden.
Da steht er.
Unterkleidung: Nylon, ’55er Qualität,
Lobb-Schuhe, Flanellhosen,
Lacoste-Hemd – ohne Kriechtier,
weiße Socken,
eine alte Rolex in der Hosentasche,
eine Ray-Ban auf der Nase,
über der Schulter
den alten Burberry – ohne Futter,
am Arm den Brigg-Schirm,
Rosenholz, schwarze Seide,
Andron-Aftershave hängt in der Luft.
Jetzt kennen wir ihn besser.

Klingt ein wenig nach den fifties, als man noch weiße Socken tragen durfte, als Lacoste Hemden noch teuer waren und ewig hielten. Zeigt auch einen gewissen Stil: eine Rolex kann man ja nur in der Hosentasche tragen. Aber was mich irritiert ist das Andron Aftershave. Das wurde damit beworben, dass es angeblich von der Wissenschaft entwickelt wurde: Proven by science: Women are powerless once they smell it! Gab es auch als Parfüm für Damen, versprach dann, dass Männer völlig hilflos waren, wenn sie das röchen. Es gibt ja heute noch aufwendige Fernsehspots, die genau dies versprechen. Aber es gibt auch eine simple Regel für den Kauf von Duftwässern: alles was im Fernsehen beworben wird, kann man nicht kaufen. Haben Sie schon mal eine TV Reklame für Penhaligon’s Blenheim Bouquet gesehen? Das kann man natürlich tragen, ist aber schweineteuer. Ist auch ein gefährliches Zeug, Diana hat es Charles zur Verlobung geschenkt. Und was ist draus geworden?

Wenn man Penhaligons Blenheim Bouquet etwas billiger haben will, sollte man einfach Wellington von Geo. F. Trumper nehmen, riecht genauso. Auf jeden Fall für mich, ich kann sowieso nicht so gut riechen, seit mir jemand beim Fussball das Nasenbein zerdeppert hat. Aber englische Duftwässer sind eigentlich immer O.K., ich habe jahrelang Yardley Aftershave benutzt, was man damals nur in England oder auf Helgoland kriegte (als man da noch alles aus England zollfrei kaufen konnte, von der Dunhill Pfeife zum Burberry). Das Yardley von damals (mit viel Lavendel drin, Lieblingsgeruch von älteren britischen Ladies) gibt es auch nicht mehr. Die beste Adresse für englische Düfte ist eine kleine Firma in Berlin, die The English Scent heißt. Der Besitzer Lothar Ruff war mal Dramaturg in Zürich und dann in Berlin, und als die Berliner Theater der Reihe nach dicht machten, hat er aus seinem Hobby einen Beruf gemacht und einen Shop für englische Düfte aufgemacht. Das nenne ich noch mal eine Karriere. Er ist ein wirklich netter Mensch, und er versteht viel davon (vom Theater wahrscheinlich auch). Aber er kann natürlich auch nichts dafür, dass manche englische Firmen einfach nach hundert Jahren aufgeben und das liebgewonnene After Shave nicht mehr liefern.

auf den Originalen war früher natürlich
ein Segelschiff und kein Segelboot

Wenn man vor einem halben Jahrhundert anfing, sich zu rasieren, gab es noch nicht so viel Auswahl wie heute. Damals benutzte beinahe jeder Old Spice, das es erstaunlicherweise immer noch gibt. Sie machen auch heute Reklame mit dem Spruch: The original. If your grandfather hadn’t worn it, you wouldn’t exist. Man konnte ja auchPitralon benutzen, das wurde aber irgendwann vom Markt genommen. Angeblich war der Wellensittich des Testers bei der Stiftung Warentest tot von der Stange gefallen, als das Pitralon aus Dresden getestet wurde. Man kann heute noch in der Schweiz Pitralon After Shave kaufen (das Schweizer Pitralon ist auch bei Manufactum erhältlich, die haben auch ganz nette Düfte im Angebot, wie zum Beispiel das spanische Floid).

Manchmal kriegt man Rasierwasser geschenkt, das ist natürlich eine gefährliche Sache. Das Knize (spricht sich Kniesche aus), das mir Astrid aus Wien mitgebracht hat, war schon O.K. Vor allem hat die Flasche immer noch das Design, das Adolf Loos vor einem Jahrhundert erfunden hat. Und nicht nur die Flasche und die Rezeptur des Inhalts, sondern auch der ganze Laden ist das Design von Loos. Und dann hatten sie in den zwanziger Jahren auch noch Ernest Dryden als Designer für die Werbung: mehr Design war nie. Aber wenn Sie nun kein Knize oder kein Penhaligon geschenkt bekommen, sondern, sagen wir mal, ein Flasche Joop? Jetzt wird es schwierig, weil man da auch mit dem Weiterverschenken nur Probleme kriegt. Aber manche Designerdüfte eignen sich vorzüglich zur Maulwurfsbekämpfung. Viele der so genannten Designerdüfte fallen auch regelmäßig bei einem Test von Ökotest oder ähnlichen Organisationen durch. Bei diesen Tests stehen häufig, horribile dictu, die Produkte von Aldi oder Lidl auf den ersten Plätzen.

Luzie braucht kein Parfüm

Das teure italienische Zeug, das mir Michael Rieckhof von der Firma Kelly’s mal geschenkt hat, war auch sehr gut, aber ich habe leider vergessen, wie das hieß. Ich experimentiere ganz gerne mal mit einem neuen Duft, seitdem Lothar Ruff meine Lieblingsengländer nicht mehr liefern kann. Manche meiner Freunde sind sehr konservativ und benutzen seit Jahrzehnten Givenchy Gentleman Aftershave, das hat natürlich Stil, das muss ich neidlos zugeben.

Was überhaupt keinen Stil hat, sind all die Designerdüfte. Viele der sogenannten Designer machen ja nur ein paar Jahre Mode, und wenn sie dann bekannt sind, bringen sie ein Parfüm auf den Markt. Damit kann man Geld machen, mehr als mit der Haute Couture. Das sind so diese Düfte, die 10 Cents in der Herstellung kosten und dann für 100 Euro verkauft werden. Wodurch ist Liliane Bettencourt wohl Milliardärin geworden? Da konnte sie dem kleinen Sarko noch ein bisschen von abgeben. Sie hätte ihm ja auch ein Rasierwasser schenken können, dann hätte er jetzt keinen Ärger. Zum Beispiel L’Oreal Hydra Sensitive, allein dieser Name. In dem Buch Obsession: The Lives and Times of Calvin Klein findet sich die schöne Geschichte, dass Calvin Klein ein richtig gutes Parfüm haben will. Nicht diese billigen synthetischen Wässerchen, die niemals aus der Stadt Grasse kommen (dort beginnt ja auch der Held von Patrick Süskinds Das Parfum seine Karriere). Eine Duftprobe, die bei Calvin Klein gleich als zu billig riechend rausfliegt, verkauft die Firma, die für Calvin Klein den Duft kreiert, später an seinen Konkurrenten Ralph Lauren.

Trotz all der Designerdüfte und der schlimmen Dinge bei Rossmann, Schlecker und Douglas, die irgendwo zwischen Katzenklo, Nuttendiesel oder Puffbenzin rangieren, gibt es natürlich immer noch sehr alte Düfte. Die ältesten Rasierwasser heißenwitch hazel, was ein viel schöneres Wort als Hamamelis ist. Aber glücklicherweise heißt das ja auch noch Zaubernuss im Deutschen. Die adstringierende und entzündungshemmende Wirkung der Zaubernuss ist seit dem Mittelalter bekannt, als die Männer zwar schon Äxte hatten aber noch kein Axe. Und dann gibt es natürlich noch den guten alten Bay Rum, der eigentlich nichts mit Rum zu tun hat und in der Karibik schon immer eine Heilpflanze war wie unsere Zaubernuss. Da den Engländern eh die halbe Karibik gehörte, kam der Bay Rum schon im 18. Jahrhundert in die barber shops, und er hat sich da auch gehalten, viele englische Firmen (Trumper, D.R. Harris, Taylor of Old Bond Street) haben Bay Rum als Aftershave im Angebot. Ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber man kommt damit morgens duftmäßig im Aufzug des Unihochhauses gegen zwanzig Studentinnen an, die alle Calvin Klein Obsession über sich geschüttet haben.

Und es gibt auch einen Trend zu Produkten, die eher unter Naturkosmetik als unter Designerprodukten angeboten werden. Ist nicht das Schlechteste. Ich habe zwar noch einige Fläschchen Trumper im Schrank, bin aber neuerdings auf ein Zeug gekommen, dass Speickheißt, und dessen Rohstoff aus der wild wachsenden Speickpflanze besteht. Das ist irgendwie schon wieder snobistisch. Das einzige, was mich daran stört, ist, dass es von der Firma Walter Rau hergestellt wird. Der Walter Rau hat vor hundert Jahren in Hilter mit Margarine angefangen, so wie sein Konkurrent Fritz Homann (Frihodi) im Nachbarkaff Dissen. Aber in den dreißiger Jahren hat er eine Walfangflotte gegründet. Musste das sein? Früher jagte man Wale auch wegen des Ambra. Im Mittelalter ist es ja noch eins der teuersten Ingredienzien der Riechwässer, für ein Pfund Ambra kriegt man im 16. Jahrhundert drei Sklaven, oder einen Eunuchen (oder ein Kamel). Aber heute braucht man diese Substanz aus dem Verdauungstrakt des Wales wirklich nicht mehr, und so soll hier Herman Melville mit einem Zitat aus Moby-Dick das letzte Wort haben (ist aus dem Kapitel 92, in dem es um stinkende Wale geht): Who would think, then, that such fine ladies and gentlemen should regale themselves with an essence found in the inglorious bowels of a sick whale! Yet so it is. By some, ambergris is supposed to be the cause, and by others the effect, of the dyspepsia in the whale. How to cure such a dyspepsia it were hard to say, unless by administering three or four boat loads of Brandreth’s pills, and then running out of harm’s way, as laborers do in blasting rocks. Und da Herman schon mal dabei ist, setzt er noch eins drauf: Nor indeed can the whale possibly be otherwise than fragrant, when, as a general thing, he enjoys such high health; taking abundance of exercise; always out of doors; though, it is true, seldom in the open air. I say, that the motion of a Sperm Whale’s flukes above water dispenses a perfume, as when a musk-scented lady rustles her dress in a warm parlor.

Aber in den meisten Flaschen, bei denen Ambra auf dem Etikett steht, ist glücklicherweise kein ambergris drin. Ambra del Nepal, haben Sie schon mal Wale in Nepal gesehen?
Advertisements