Derjenige, der diesen Hut in Auftrag gegeben hat, hätte heute einen Fahrradhelm gekauft. Denn dieser Hut, der zuerst nach seinem Auftraggeber Coke Hat hieß, sollte ursprünglich nicht dasBekleidungsstück für den englischen Gentleman werden, er war für die gamekeepers auf den ausgedehnten Besitzungen von Thomas William Coke vorgesehen. Denn die kriegten schon mal eins von den Wilderern über den Kopf. Und der Hut, den die Firma Lock in der St. James’s Street ihm vorher nach seinen Vorgaben hergestellt hatte, ein so genannter Thanet Hat, war viel zu hoch. Er wurde den Wildhütern von den Zweigen der Bäume vom Kopf gefegt, wenn sie durch den Wald ritten. Dieser Hut sollte flacher sein und aus sehr dickem Filz. Die Herren James und George Lock gaben die Herstellung des ungewöhnlichen Hutes als Kommission an die Hutmacher Thomas und William Bowler weiter, die den Filz aus Kaninchenhaaren mit Schellack verstärkten. Deren Namen trägt er heute, obgleich er bei Locke & Co. immer noch Coke Hat heißt.

Als der Prototyp fertigt war, wurde er von Thomas William Coke, der später der zweite Earl of Leicester sein würde, in den Räumen von Lock & Co. in der St James’s Street Nummer 6 einem Test unterworfen. Den Frank Whitbourne in seinem Buch Mr Lock of St James’s Street schön beschrieben hat: Yes. certainly it was very snug. But was it hard enough? He would see. He put it on the floor and trod on it. Nobody had ever done that in No. 6 before. But Mr Lock, as we have seen, was incapable of surprise; he withstood the shock. And so did the hat. Mr Coke repeated his experiment. The hat yielded not so much as a quarter size. It remained round, domed, undented. Mr Coke replaced it on his head. It would do.

Bevor wir uns dem Siegeszug desCoke Hat – der später auchBowlerDerby (in den USA),Billycock (im informellen Englisch) und bei uns in Deutschland Melone heißen wird – widmen, sollten wir einen Blick auf den Vater des Erfinders werfen. Der viel bedeutender ist als sein Sohn. Er ist für den größten Teil seines Lebens ein einfacher Mr Coke (spricht sich Cooke aus), der sich weigert, geadelt zu werden: I had rather remain the first of the ducks than the last of the geese. Der englische König mag ihn gar nicht, weil Mr Coke im Parlament für die Sache der Amerikaner eintritt. Aber der einfache Mr Coke residiert wie ein Fürst auf dem geerbten Familiensitz Holkham Hall, einem der schönsten palladianischen Schlösser Englands.

Den Adelstitel eines Lord Leicester nimmt er erst 1837 an, weil seine zweite Frau das so haben wollte. Vorher nennt ihn jeder ☛Coke of Norfolk, er ist der berühmteste Mann in dieser Grafschaft. Nicht weil er Abgeordneter, Friedensrichter und Knight of the Shireist, nein, er ist der berühmteste Reformer der englischen Landwirtschaft. Die jährliche Schafschur, Coke’s clippingsgenannt, zieht ebenso viele Menschen an wie das Derby. Und das noch Jahrhunderte später. Ich habe Schnipsel eines alten ☛Pathé Journalsim Netz gefunden, wo der englische König die alljährliche Landwirtschaftsausstellung von Lord Leicester besucht. Das Pathé Journal hat keinen Ton, so werden wird nicht erfahren, wie der König redet. Denn das ist sein Problem, wie wir alle seit dem Film The King’s Speech wissen.

Nach Cokes Tod wird man in Holkham eine große Säule errichten, die beinahe genau so aussieht wie die Säule für Admiral Nelson. Da steht dann aber nicht oben the real hero of Norfolk agriculture drauf, das Denkmal ist geschmückt mit landwirtschaftlichen Symbolen, Weizen, Schafen und Ochsen. Wenn Sie genau hingucken sehen Sie unten links einen der Ochsen. Die 120 Fuß hohe Säule, die von einer Weizengarbe gekrönt wird, haben die dankbaren Farmer bezahlt, denen Coke sehr langfristige Pachtverträge gegeben hatte.

Mit einem Hut wie sein Sohn hat er auch etwas zu tun, weil er hat barley züchtet. Eine Gerste, die so standfest ist, dass man einen Hut hineinwerfen kann, der nicht im Getreide versinkt. Der Hut, den sein Sohn erfunden hat, wird seinen Siegeszug zu die Welt der Herrenmode und der Popular Culture antreten. Wir kennen ihn aus Filmen, Charlie Chaplin trägt ihn, und in Goldfinger wird Oddjob ihn als tödliche Waffe verwenden.

Und Lena Olin wird ihn in Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins zur schwarzen Unterwäsche tragen, womit sie sehr sexy aussieht. Im amerikanischen Westen sind mehr Bowler als Stetsons getragen worden, auch wenn man in den Western Filmen beinahe nur den Stetson sieht. Die Figuren von Samuel BeckettsWaiting for Godot tragen den schwarzen Bowler, das steht in den Regieanweisungen. Und was wären die Bilder von René Magritte ohne den Bowler? Ich kann mir hier lange Ausführungen ersparen, denn zu diesem Hut gibt es glücklicherweise eine ganze Kulturgeschichte aus der Feder eines amerikanischen Professors: Fred Miller Robinsons The Man in the Bowler Hat: His History and Iconography. Sie ist glücklicherweise gerade als Taschenbuch wieder neu aufgelegt worden.

Der Bowler wird heute in England nicht mehr so häufig getragen, außerhalb Englands sollte ein britischer Gentleman sowieso nicht tragen, hatte Sir Hardy Amies gesagt. Und noch hinzugefügt, Ausländer dürften ihn überhaupt nicht tragen and Americans who attempt to do so should be fined. Zwischen den beiden Weltkriegen wurden pro Jahr 7.000 Bowler pro Jahr in England hergestellt, Zahlen, von denen die heute noch übrig gebliebene englische Hutindustrie nur träumen kann. Das Symbol des Londoner Geschäftsmannes sieht man heute vornehmlich auf Werbeplakaten, nicht auf den Köpfen englischer Gentlemen. In der City wird er noch zum Nadelstreifenanzug getragen. In diesen Tagen allerdings eher ungern, da banker zu einem Schimpfwort geworden ist. Und sich Sir Fred Goodwin gerade einGerichtsurteil erstritten hat, dass ihn niemand mehr banker nennen darf, weil das ja inzwischen ein Schimpfwort ist. Find ich wahnsinnig cool von Fred the Shred, den man vor wenigen Jahren noch als the worst banker of the world bezeichnet hat, weil er die Royal Bank of Scotland in den Abgrund gestürzt hat.

Und da wäre der Bowler dann wieder da angekommen, wo er schon einmal war. Als Sinnbild des geldgierigen und verlogenen Plutokraten und Kapitalisten. So finden wir ihn in der politischen Karikatur der Weimarer Republik. Und in einem höheren Sinne ist die Melone auch ein Symbol für Weimar, deshalb gibt es hier als Illustration das Selbstportrait von Georg Scholz aus dem Jahre 1926. Ich hätte auch Anton Räderscheidt nehmen können. Wollte ich auch zuerst, weil ich dachte, ich wüsste da mit der Kombination von Melone&Weimar etwas, worauf Kraftgenie in seinem Blog Weimar Art noch nicht gekommen ist. Aber ich musste dann sehen, dass der längst Anton Räderscheidt auf seinen Seiten hat. Man ist nie originell, immer war schon irgendjemand vorher da. Und jetzt sehe ich, dass er gestern Charles Sheeler präsentiert hat, wo ich doch gerade über den schreiben wollte.

Aber ich klaue mir doch mal eben einen Anton Räderscheidt aus dem BlogWeimar Art, weil dieses Portrait des Malers Heinrich Maria Davringhausen eigentlich das Bild des perfekten Gentleman ist. Der Stil der Neuen Sachlichkeit betont durch seine Abstraktion das, worauf es für die elegante Welt ankommt. Räderscheidt selbst trägt auf vielen Photographien eine Melone (Davringhausen auf dem Portrait von Carlo Mense aus dem Jahre 1922 auch), aber die Eleganz hat den beiden Freunden nicht viel genützt. Wenig später werden ihre Bilder zur „entarteten Kunst“ erklärt, beide Maler fliehen ins Exil. Das Portrait von Davringhausen ist nur in einer schwarz-weißen Photographie erhalten, das Bild ist verschollen. So vieles verschwindet in dieser Zeit. Von daher ist das Bild sicher ein Symbol: Deutschland hat Abschied genommen von der eleganten Herrenmode, statt des Bowlers setzen die Herren seltsame Mützen auf den Kopf. Denn die neuen Bekleidungsrichtlinien des neuen deutschen Modepapstes von Eelking sehen ➨so aus.

Doch es gibt da noch eine kleine kulturelle Fußnote mit der schwarzen Kopfbedeckung. In Charlie Chaplins Film The Great Dictator bekommt der schwarze Hut eine symbolische Brisanz. Denn wie diese schöne Reklame der Firma Hut-Weber verdeutlicht, ist der einzige Unterschied zwischen dem Engländer Charlie Chaplin und Hitler der schwarze Bowler.

So elegant wie der Maler Heinrich Maria Davrighausen will heute niemand mehr sein. Bei uns sowieso nicht, wo ältere Herren, die es besser wissen sollten, heute eine basecaptragen. Und auch in England nicht mehr. Selbst das Young Fogey Handbook hat den Bowler nicht mehr auf der Liste der Hüte, die auf den Kopf eines Young Fogeys gehören. Die Liste ist relativ kurz: Flat cap, Genuine ancient panama, Trilby, Topper (occasionally), Deer-stalker (questionable).

Und ein zum heutigen Thema passendes Gedicht habe ich natürlich auch. Es ist The Man In The Bowler Hat von A. S. J. Tessimond:

I am the unnoticed, the unnoticable man:
The man who sat on your right in the morning train:
The man who looked through like a windowpane:
The man who was the colour of the carriage, the colour of the mounting
Morning pipe smoke.
I am the man too busy with a living to live,
Too hurried and worried to see and smell and touch:
The man who is patient too long and obeys too much
And wishes too softly and seldom.


I am the man they call the nation’s backbone,
Who am boneless – playable catgut, pliable clay:
The Man they label Little lest one day
I dare to grow.


I am the rails on which the moment passes,
The megaphone for many words and voices:
I am the graph diagram,
Composite face.


I am the led, the easily-fed,
The tool, the not-quite-fool,
The would-be-safe-and-sound,
The uncomplaining, bound,
The dust fine-ground,
Stone-for-a-statue waveworn pebble-round

Ich habe vorhin in meinem Wohnzimmer den Test wiederholt, den Thomas Coke im Jahre 1850 in den Räumen von Lock & Co. gemacht hat, aber mein Bowler von der FirmaChristys hat den Test nicht bestanden, er war zerbeult. Wahrscheinlich lag das Geheimnis des Coke Hat in den vielen Schellackschichten, mit denen die Herren Bowler den Filz so hart gemacht haben. Darauf verzichtet man heute. Glücklicherweise.

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