An einem 20. Oktober erblickte er das Licht der Welt, oder auf jeden Fall sahen wir ihn zum ersten Mal. Er hieß Derrick und trug einen British Warm. Sollte er ein Engländer sein, der sich nach München verirrt hatte?  Nun trägt man einen British Warm ja eigentlich nur, wenn man Offizier in der englischen Armee ist oder war. In England wurde er auch gerne von solchen Leuten getragen, die vorgaukeln wollten, dass sie Offizier in der Armee gewesen waren. So sah man den Mantel früher auch häufig an Gebrauchtwagenverkäufern oder an Leuten, die bei Windhundrennen die Wetten annahmen. Das waren aber nur schlechte Kopien (meist aus dünnem Cavalry Twill) von dem Original. Das immer aus diesem dicken Melton Stoff ist (heißt so nach dem Ort Melton Mowbray).

Die Firma Crombie, die seit 200 Jahren im Geschäft ist, stellt zum Beispiel auch diesen Stoff her, der mindestens 34 Unzen wiegen muss. Ich weiß das, weil in meinem British Warm noch ein Crombie Firmenschild als Hersteller des Stoffes drin ist, das mit den 34 Unzen hat mir mal ein englischer Colonel erzählt. Wenn man das Original einmal gesehen und gefühlt hat, weiß man, wie der Stoff sein muss. Allerdings habe ich von englischen Herstellern auch schon richtig schidderige Qualitäten gesehen, wahrscheinlich sind die für den Export. Noch schlimmer als diese Billigstoffe sind Militärmäntel aus Kaschmir, die vorzugsweise nach Italien verkauft werden. Das geht nun gar nicht.

Die Derrick Fans gedulden sich bitte noch einen Augenblick, ich muss erst einmal mit dem British Warm zum Ende kommen. Ich habe ja so viele Mails bekommen, in denen Klage geführt wird, dass nicht genug Mode in diesem Blog sei. Also schummle ich jetzt noch ein wenig Modeinformationen hier hinein. Im Ersten Weltkrieg hatte der British Warm manchmal noch einen Gürtel, aber seit den zwanziger Jahren kann man den Gürtel kaum noch auf Photos entdecken. Dieser Offiziersmantel kommt genauso aus dem Ersten Weltkrieg wie der Burberry Trenchcoat. Aus irgendwelchen Gründen ist die Herrenmode von Uniformstücken besessen (die Uniformen der NVA haben sich modemäßig allerdings nicht durchgesetzt). British Warm, ➱Trenchcoat, Dufflecoat, Chinos etc. ad infinitum. Wo kommen eigentlich diese field jackets her, die seit mehreren Jahren angeblich Mode sind?

Was er aber damals auf jeden Fall noch hat (außer den Epauletten), ist ein Schlitz in den linken Tasche. Da kann der Offizier sein Schwert durchstecken. Guckt dann mit dem Griff oben aus der Tasche, verschwindet unter dem Mantel und guckt nur mit der Spitze unten hervor. Absurd, aber elegant. Falls Sie das noch nie gesehen haben sollten, schauen Sie sich einmal König George an. Das ist auch ein British Warm, wie er sein soll. Militärisch kurz und leicht tailliert. Dass der Mantel bei seiner Einführung Epauletten hatte, ist eigentlich erstaunlich, weil zu diesem Zeitpunkt die Offiziere des Heeres ihren Dienstgrad noch nicht auf der Schulter, sondern unten auf dem Ärmel trugen. Die Royal Air Force macht das heute noch. [Leider ist das Bild von George VI verschwunden. Ich ersetze ihn mal durch Charles. Ohne Schwert]

Ich weiß nicht, wo man heute solch ein Teil kauft, wahrscheinlich hat Gieves & Hawkes das Teil im Angebot. Früher war Dunn & Co eine Adresse, wenn man ihn preiswert kaufen wollte. Die machten ja auch unkaputtbare Tweed Jacketts, allerdings ohne jeden modischen Pep. Hatten aber den etwas modrigen Ruf, das Rentnerparadies zu sein. Als ich vor Jahren im Observer las, dass die Firma Dunn & Co beschlossen hatte, die Firma zu schließen, weil ihre Kunden alle wegsterben würden – heute tragen die Rentner ja keine Tweed Jacketts mehr, die tragen shellsuits – da dachte ich mir the last of England.

War natürlich nicht die richtige Assoziation, denn The Last of England ist selbstverständlich dieses Bild da oben. Aber irgendwie starb da ein bisschen England mit Dunn & Co (die unkaputtbaren Tweed Jacketts von der Firma tauchen von Zeit zu Zeit im englischen Ebay auf). Auch als DAKS an die Japsen verkauft wurde, und erst recht, als das in den dreißiger Jahren von berühmten Leuten (Joseph Emberton, Laszlo Moholy-Nagy) gebaute Haus von ➱DAKS-Simpson am Piccadilly abgerissen wurde.

Der British Warm ist frei verkäuflich, wenn Sie so angloman sind, dass Sie meinen, ihn zu brauchen, kaufen Sie die Version ohne Schulterstücke. Tun auch junge Leutnants in der Army, die ihn dann außer Dienst zu Jeans und Gucci Slippern tragen. Und probieren Sie ihn einmal vorher an, damit Sie wissen, welches Gewicht Sie mit sich herumschleppen. So leicht ist es auch nicht, ein Offizier zu sein.

Also dieser Derrick, der sich am 20. Oktober 1974 sehr schweigsam über seine Herkunft gab, trug damals einen British Warm. Halb Deutschland (31 Millionen Zuschauer aus Deutschland West) hat die erste Folge von Derrick gesehen. Ich auch. Es war grauenhaft, nicht nur, weil Wolfgang Kieling, der Mörder vom Dienst, darin mitspielte. Wenn Sie den Anfang sehen wollen, schauen Sie hier bei YouTube hinein. Sie werden dabei auch sehen, dass dies kein echter British Warm ist. Zu lang (geht übers Knie), und nur an einem Revers ein Knopfloch. Modemäßig schon durchgefallen. Und dabei war dieser Mantel, der schnell aus der Serie herausgeschrieben wurde, kleidungsmäßig ja noch das Beste an Derrick!

Angeblich trug Derrick=Tappert immer Maßanzüge, stand jeder Woche wieder in jeder Programmzeitschrift. Aber wessen Maßanzüge waren das? Die von Tappert oder von jemand anderem? Häufig trug er auch eine goldene ➱Rolex, was Kriminalkommissare eigentlich eher seltener tun, was aber als Nonplusultra des schlechten Geschmacks zu dem ganzen grauenhaften Outfit von Tappert passte. Die schlimme Kleidung von Derrick war vielleicht nicht ganz so schlimm wie die Kleidung von Thomas Gottschalk, aber für modische Irrtümer haben sie beim ZDF schon ein Händchen.

Die haben ja beim ZDF auch jahrzehntelang eigene Ateliers gehabt, in denen die Klamotten für die Serien den Serienhelden auf den Leib geschneidert wurden. Wahrscheinlich kam die angebliche Maßkleidung von Derrick aus diesen Ateliers. Aber nein, rufen die Derrick Fans jetzt, das wurde alles von Max Dietl im München für jede Folge konzipiert (auf Kosten unserer Fernsehgebühren). Wenn das da links ein Max Dietl Anzug ist, dann hätte man das Outfit auch bei C&A kaufen können. Schlimmer hätte das auf keinen Fall aussehen können. Rufen Sie sich doch einmal kurz die Anzüge von ➱Anthony Sinclair ins Gedächtnis, die James Bond alias Sean Connery in den ersten Filmen trägt.

Alle Derrick Folgen sind (wie schon die Kommissar Folgen mit Erik Ode) von einem Schriftsteller namens Herbert Reinecker geschrieben und von seinem Freund Alfred Weidenmann verfilmt worden. Beide sind überzeugte Nazis gewesen, jetzt sind sie beim ZDF untergekommen. Es hat Kritiker gegeben, und nicht nur Maxim Biller, die gesagt haben, dass die Nazivergangenheit des Autoren-Regisseur-Gespanns in den einzelnen Folgen durchscheint. Ich kann dazu nichts sagen, ich habe nur eine Handvoll Derricks gesehen. Und das auch noch sozusagen beruflich. Ich habe einmal mit zwei Kollegen einen Vortragsabend zum Thema Serienkrimis im deutschen Fernsehen gestaltet, das war Mitte der siebziger Jahre. Dafür hatte ich mir zur Vorbereitung auch eine Handvoll Derrick Sendungen angesehen. Natürlich auch andere ➱Krimis, wie zum Beispiel die Trimmel Tatorte oder Kressin stoppt den Nordexpress (Drehbuch Wolfgang Menge). Der Film wiegt ja einhundert Derricks auf. Am Ende unseres Vortragsabends über die deutsche Krimi-Misere, als wir drei unsere Sachen packten, sprach mich ein Zuhörer an. Es sei wissenschaftlich unverantwortlich, dass ich bei meinem gezeigten Videobeispiel den Film durch Schneiden und Bearbeiten geändert hätte. Als ich ihm sagte, dass ich an dem Beispiel nichts geändert hätte, sagte er: Das kann nicht sein. Es ist unvorstellbar, dass das öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehen einen solchen Unsinn sendet. Der unvorstellbare Unsinn hieß Waldweg und war die erste Derrick Sendung.

Die beste Derrick Folge gab es in der RTL Show Samstagnacht. Sie war von Jürgen Busse, und in ihr wurden Sätze von solcher Kraft gesprochen wie: „Es ist ein Mord geschehen.“ – „Ein Mord?“ − „Ja, jemand ist ermordet worden.“ – „Ermordet?“ Alles spielte im Hause eines gewissen Brock, und es war saukomisch. Den am häufigsten parodierten Satz der Serie, Hol schon mal den Wagen, Harry, hat Derrick angeblich nie gesagt, aber er hat auf jeden Fall gesagt Harry, wir brauchen den Wagen, sofort. Und Harry springt sofort auf, denn dafür ist er da, um den Wagen zu holen.

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