[‚bɜ:bərᴗi]

Sieht etwas gewöhnungsbedürftig aus, ist aber nichts anderes alsBurberry in phonetischer Lautschrift. Dafür gibt es im Englischen diese Pronunciation Dictionaries, seit der gute alte Daniel Jones vor hundert Jahren das erste auf den Markt gebracht hat. Denn die Aussprache von englischen Wörtern ist ja häufig eine Glückssache. Nicht nur für Ausländer. Das beste Aussprachewörterbuch ist zur Zeit wahrscheinlich das von J.C. Wells (Langenscheidt/Longman), obgleich man den Jones (Cambridge UP) auch immer noch kaufen kann. Erfunden hat das Ganze der Professor Henry Sweet, der die Gabe hatte, jeden englischen Sprecher auf der Landkarte Englands zu plazieren. Shaw hat ihn als Professor Henry Higgins in Pygmalionverewigt. Ich erwähne das Ganze, weil ich ein einziges Mal in meinem Leben vor vielen Jahren eine Sendung von Wetten, dass? gesehen habe. Und da gab es jemanden, der in der Lage war, jeden, der einen Text am Telephon vorlas, genau geographisch einzuordnen. Amazing, isn’t it? Die Sendung Wetten, dass? gibt es ja nun leider nicht mehr, da wird uns allen etwas fehlen. Nicht die Sendung, aber die seltsamen Klamotten, die Thomas Gottschalk immer getragen hat.

Burberry war einer der ersten Markennamen, der als Synonym für Regenmäntel in das Oxford English Dictionary aufgenommen wurde. Das ist sicherlich auch berechtigt, denn kaum ein Markenname neben Rolly-Royce wird so mit England assoziiert wie die Firma von Thomas Burberry. Vor über hundert Jahren waren sie für die neuen Armeeuniformen (die es im Prinzip heute noch unverändert gibt) zuständig, und im Ersten Weltkrieg haben sie denTrenchcoat kreiert. Den mit den Metallösen am Gürtel, wo man die Handgranaten einhaken konnte. Eigentlich war das nichts anderes als das Modell Tielocken, das sie sowieso schon im Programm hatten. Aber sie verkauften natürlich auch die Geschichte, dass Lord Kitchener (der bei seinem Tod übrigens einen Burberry trug) das Modell entworfen hätte. In den achtziger Jahren hatte Michael Bywater von dem MagazinPunch kritisiert, dass es mit der Qualität des berühmten Trenchcoats nicht mehr weit her sei, woraufhin ihm die Firma ein Modell nach den Originalspezifikationen von 1915 lieferte.

Mit der Kritik an der Qualität der Produkte hatte Bywater nicht Unrecht, in den Thatcher Jahren hatte Burbery unkontrolliert expandiert, vor allem in den Vereinigten Staaten. Und schon zuvor hatten sie Lizenzen in einem Maße vergeben, als wollten sie ihren Ruf ebenso schnell ruinieren wie das Pierre Cardin mit seinen Lizenzen getan hatte. Wobei man als rühmliche Ausnahme die deutsche Firma Eduard Dressler nennen muss, die seit 1971 Burberry Jacketts, Anzüge und Hosen in seriöser Qualität lieferte. Als Burberry vor Jahren begann, die Lizenzen zu widerrufen, war das ein weiterer Sargnagel für Eduard Dressler. Jetzt will Burberry offensichtlich das Hauptgeschäft in Eigenregie abwickeln. Was nicht bedeutet, dass der englische Arbeitsmarkt davon profitiert, große Teile der Produktion sind längst nach China verlagert worden. Womit wir dann wieder mitchinesischer Kinderarbeit bei den menschenunwürdigen Bedingungen der britischen sweatshops zur Zeit des Manchester Kapitalismus angekommen sind. Als Burberry 2007 seine Fabrik in Treorchy schloss, gab es nicht nur in Wales einen Aufstand. Auf einer BBC Wales Seite kommentierte jemand das mit den schlichten Sätzen: Burberry along with a lot of other brands have moved overseas. I think the best way to treat these companies is simply not to buy their products anymore. Vielleicht sollten sich die Königin und Prince Charles das mit demRoyal Warrant noch einmal überlegen. Der Fürst von Wales hat sich immerhin besorgt gezeigt. Tom Jones war als echter Waliser sofort auf der Seite der Protestierer. Witzigerweise auch Kate Moss, durch die Burberry in den letzten Jahren erst den Durchbruch zu einer jugendlichen Szene bekommen hatte.

Dass die Produkte von Burberry mit diesem schönen Royal Warrant verziert sind – für sowas legt man als Kunde beim Kauf ja gerne noch ein paar Mark drauf – müsste dem Buckingham Palast schon peinlich sein. Nicht weil die Burberry Handtasche den tödlichen Beinamen Camilla chic bekommen hat, da könnte die Queen ja drüber grinsen. Nein, weil Burberry längst in die hooligan und chav Szene gewandert ist. Die Proteste gegen die Auslagerung der Produktion nach China interessieren Burberry kein bisschen, aber vor dem dumbing down haben sie Angst. Als die englische Polizei eine Großaktion gegen die Hooligans Operation Burberry taufen wollte, da standen die Firmenanwälte doch gleich protestierend auf der Matte.

Die Verlagerung der Produktion hatte natürlich schon viel früher angefangen. In den siebziger Jahren gab es eine kuriose Situation, weil die Produktion still lag, als sich französische Schneider weigerten Burberry Hosen nach den Vorgaben der Firma zu schneidern. Unmöglicher Schnitt, überhaupt nicht sexy, keinem französischen Schneider zuzumuten, so etwas zu schneidern. Die mit Süffisanz geführte Debatte hatte natürlich Untertöne von No sex please, we’re British! Für manche Kommentatoren war das die Fortsetzung des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich, aber vielen wurde damals zum ersten Mal klar, dass man die Buy BritishKampagne (die die Regierung Heath ausgegeben hatte) nicht ganz zu Ende gedacht hatte.

Mein erster Burberry hat seinen fünfzigsten Geburtstag nicht erlebt, aber er hat sehr lange gehalten. Er war dunkelblau und hatte nicht das grässliche Karofutter, sondern besaß den gleichen blauen Stoff als Futter. Von solcher Qualität kann die Firma heute nur träumen. Es war ein praktischer Mantel, in dessen riesigen Taschen man eine kleine Bibliothek von Taschenbüchern unterbringen konnte. Abgesehen von seiner Qualität und seinen praktischen Eigenschaften hat er mir nicht viel bedeutet. Er war für mich kein Kleidungsstück eines Iconic British luxury brand, wie man es heute auf der Burberry Homepage lesen kann. Aber für manche meiner Mitschüler, die ständig mit ihrem Burberry prahlten, war er das. Doch das waren Schönlinge mit schlechten schulischen Leistungen, die aus armen Familien kamen. Ich habe mich schon vor einem halben Jahrhundert für diese beaux geschämt – da legen sich die Eltern krumm, damit das Früchtchen in der Schule herumprahlen kann, dass er einen Burberry trägt!

Vor einem halben Jahrhundert war ein Burberry Regenmantel in den Hansestädten Bremen und Hamburg vielleicht noch eine große Sache. Weil er exklusiv war. Man kaufte ihn allerdings meistens in Helgoland, weil er da nur die Hälfte kostete. Dennoch hatte das Karo, das in der Folgezeit bis zum Gehtnichtmehr vermarktet wurde (in Japan war es ja schon mal Mode, Burberry Trenchcoats umgedreht zu tragen), damals schon einen gewissen prolligen touch. Heute erst recht. Trotz oder wegen des Bikinis von Kate Moss.

Feine Leute kauften damals lieber einen Mantel von Aquascutum oder Rodex. Wobei letztere Firma zwar eine eigene Adresse in London hatte (21a Hanover Square), aber letztlich nur Aquascutum in disguise war (der Markenname gehört noch heute zu Aquascutum). Und dann gab es auch immer noch die Firma Grenfell, die unverwüstliche Mäntel herstellte. Und es gab, ein wenig preisgünstiger, die Marke Driway, von denen hatte ich mal einen short mac. Der hat länger gehalten als alle meine Burberrys. Wie man es dreht und wendet, man braucht eigentlich keinen Burberry. Sollen die sich doch Bulbelly  巴寶莉   nennen und ihre chinesischen Produkte mit dem galoppierenden Ritter und dem lateinischen prorsum an die Chinesen verkaufen!

Wahrscheinlich braucht man auch überhaupt keine Regenmäntel. So sagte der Herzog von Bedford in seinemBook of SnobsRegenmäntel kann man auf dem Land tragen, aber nur auf dem Land. In der Tat hat Mr. Wilson dem Regenmantel einen tödlichen Schlag versetzt. Er hat Regenmäntel unmöglich gemacht, weil sie jetzt als Labour gelten, und das geht natürlich nicht. Mit seiner Erwähnung des Premierministers Harold Wilson spielt der Herzog darauf an, dass Wilson immer Gannex Mäntel getragen hat. Hat sogar den Besitzer von Gannex von der Königin adeln lassen. Wenig später saß der Lord im Gefängnis und die Firma war pleite. Sieht heute so aus wie auf dem Photo, und hier gibt es noch mehr Photos die zeigen, was aus Gannexthe saviour of the Yorkshire textile industry geworden ist. Man fragt sich, ob solcherlei Wirtschaftspolitik die übliche britische Arroganz ist oder ob es nicht irgendein Modell geben könnte, das zwischen den vor sich hin rottenden textile mills von Yorkshire oder der Produktion in China existieren könnte.

Dem Merchandise Marks Act von 1887 verdanken wir das berühmte Made in Germany, das ursprünglich dazu diente, Importe zu klassifizieren. Die natürlich nach englischer Vorstellung nur minderwertig sein konnten. Doch dasMade in Germany ist zu einem Gütesiegel geworden. Und was ist mit Made in Britain? Es gibt interessante Ansätze, den Begriff ethical fashion hört man immer häufiger. Ein Unternehmen wie Frank & Faith scheint auf dem richtigen Weg. Mulberry war ja mit seinem Konzept der regionalen handwerklichen Produktion mal auf dem richtigen Weg. Aber dann blieben sie nicht mehr bei ihren Leisten, mussten unbedingt größer und größer werden. Ja, und 2008 haben sie dann ihren letzten Shop in Deutschland dichtgemacht.

Und die Firma Burberry scheint außer bei ihren eigenen Flagship Stores (die jahrhundertalte Firmenadresse am Haymarket wurde inzwischen aufgegeben) auch nicht mehr bei den wirklich feinen Adressen vertreten zu sein. Auf jeden Fall nicht in Deutschland, da sind sie eher bei Anson’s (ich möchte mal wissen, woher die ihren englischen Namen haben?) und im Internet. Und natürlich überall auf der Welt. Früher war dieses Rot ja das Symbol auf der Weltkarte für das englische Empire, das ja in Uniformen von Burberry erobert wurde (die Offiziere im Krimkrieg hatten noch Mäntel von Aquascutum getragen), jetzt suggeriert die Firma Burberry, dass ihnen die ganze Welt gehört.

Und nicht nur die Welt, auch die Sprache. So wusste der Spiegel im Jahre 2001 zu vermelden:Nun schlägt Burberry in Anzeigen zurück: Wer das „eindeutige und unverwechselbare Markenzeichen“, also das Karo, verwende, der müsse mit Gegenmaßnahmen der Anwälte rechnen. Damit nicht genug: Burberry hat auch die Sprache zum firmeneigenen Territorium erklärt. Ein Rundbrief an Redaktionen droht, wer die Wörter „Burberry-Stil“, „Burberry-inspiriert“, „Burberryesk“ oder Ähnliches verwende, dem werde man ebenfalls die Anwälte auf den Hals hetzen. Dafür gibt es im deutschen Markenrecht zwar keine Grundlage, doch es entspricht dem Burberry-Image: kleinkariert.

In den siebziger und achtziger Jahren, als Burberry im großen Stil den Wandel vom Regenmantelhersteller zur Modemarke vollzog, warb die Firma mit dem adligen Photographen Patrick Anson, dem fünften Lord Lichfield, der sich und seine Familie per Selbstauslöser in Burberry Produkten ablichtete. So fand man unter dem wiederkehrenden Slogan The Burbery Look ein Äquivalent zum amerikanischen ☞Marlboro Man.

Die Anzeigen zeigten die englische Oberschicht in einer pittoresken englischen Landschaft. Häufig auch mit der ikonischen Beigabe eines Wauwis. So wie auf mittelalterlichen englischen Grabplatten immer ein Hund zu Füssen des Ritters liegt, so gab es auch hier immer einen Golden Retriever oder Labrador dazu. Aber natürlich war die Idylle des rural England eine Fälschung der Werbewelt wie das ploughman’s lunch in dem gleichnamigen FilmA propos Film, das ist ja die einzige Stelle, wo man die Burberrys ertragen kann. Also zum Beispiel an Joel MCrea in Hitchcocks Foreign Correspondent oder an Alain Delon in Le Samurai.

Vor Jahren sah ich in einem secondhand Laden eine ganze Stange voller Burberry Regenmäntel. Die hatten alle ein Label von Ladage und Oelke und stammten aus dem Brandschaden des Jahres 1989, als man ein Chinarestaurant neben Ladage abgefackelt hatte. Sie rochen weder nach Rauch noch nach Peking Ente. Sie waren nagelneu (und noch nicht Made in China) und kosteten pro Stück 39 Mark. Trotz des verlockenden Preises habe ich keinen gekauft. Ich bin längst immun gegen die Verlockungen der Werbewelt.

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