Wenn Sie dies jetzt lesen, gehören Sie wie Tony Blair nicht zu denjenigen, die eine Einladung zur Hochzeit von Kate und William hatten. Oder Sie haben Ihr iPad in die Westminster Abbey geschmuggelt. Ich hätte dies vielleicht einige Tage früher schreiben sollen, damit ich den Herren noch einige sartoriale Ratschläge hätte geben können. Eleganten Damen braucht man keine Ratschläge zu geben. Und bei den nicht so eleganten Frauen nützen keine Ratschläge. Ob Angela Merkel nun Escada trägt oder von Berliner Designerinnen eingekleidet wird, das Ergebnis ist immer gleich katastrophal.

Also, für königliche Hochzeiten in der Westminster Abbey gibt es für den Herrn nur einen Anzug und das ist der morning coat. Ein coat ist im Englischen – also im feinen Englischen und nicht dem BSE (bad simple English) – kein Mantel. Dafür hat man immer noch das langsam aussterbende Wort overcoat. Im Deutschen heißt dieser Anzug Cutaway (bei Konrad Adenauer war es schlicht de kött). Das Teil heißt Cutaway, weil es anders als der Frack oder der frock coat vom Körper weg geschnitten ist, wie beim riding coat. Willy Brandt hat einmal in der Eile das falsche Jackett aus dem Schrank geholt und präsentierte 1972 sein Kabinett mit den gestreiften Hosen und der Weste des Cutaway und dem Oberteil des Fracks. Kann man auf diesem Photo gut sehen. In der Hochburg der Herrenmode Bonn hat man damals sehr gelacht.

Aber wann waren deutsche Politiker mal korrekt gekleidet? Ja ich weiß, der Kanzler Adolf Hitler hat 1933 einen korrekten Cutaway getragen, als er Hindenburg seine Aufwartung machte. Aber viele andere Verbrecher haben das formelle Kleidungsstück auch getragen, italienische Faschisten wie Graf Ciano sollen in ihrem Cutaway ausgesprochen elegant ausgesehen haben. Hermann Marten von Eelking schwärmt 1962 in seiner Geschichte des Zylinders (mein Exemplar ist mit Baron Eelking signiert, voll proll) immer noch von dem Herrn. Ciano und Hitler haben ja auch schnell das Kleidungsstück, das längst die Standardbekleidung der mittleren und höheren Beamten geworden war, gegen seltsame Phantasieuniformen getauscht. Wenn der morning coat heute als eine Art Höhepunkt der Eleganz gesehen wird, dann liegt das daran, dass er so rar geworden ist. Aber selbst der eleganteste morning coat aus der Savile Row macht einen Verbrecher nicht zu einem guten Menschen.

Diese Version des morning coat ganz in grau dürfen Sie zur Hochzeit nicht tragen, eine alte englische Benimmregel sagt, dass nur der Bräutigam (und der Brautvater) oder ein Viscount einen morning coat ganz in grau tragen dürfen. Das Photo ist von der zweiten Hochzeit von Charles, da darf er so aussehen. Einen grauen morning coat können Sie allerdings jederzeit in Ascot tragen (wo der Anzug in der Royal Enclosure immer noch Pflicht ist), aber nicht heute in der Westminster Abbey. Es sei denn, Sie sind ein Viscount oder Prince William.

Also ein schwarzes (oder dunkelgraues) Jackett (aber nicht das kurze vom ➱Stresemann Anzug) mit steigendem Revers und eine gestreifte Hose ohne Umschlag. Dazu eine graue (dove grey), besser aber eine ins Gelbliche (das, was die Engländer buff nennen) tendierende zweireihige Weste. Diese Farbe ist schon seit Jahrhunderten in, George Washington trug eine Weste in dieser Farbe zu seiner blauen Uniform. Die Weste darf ruhig ein Revers haben. Wenn Sie exzentrisch sein wollen, tragen Sie wie Charles hier unter der Weste noch ein weißes eingeknöpftes Untergilet. Das sieht wahnsinnig elegant aus. Wenn Sie noch extravaganter sein wollen, tragen Sie anstelle der grauen oder gelb-beigen Weste eine bunte Brokatweste. Ist aber eine gefährliche Sache. Simon Callow, der so etwas in Four Weddings and a Funeral (dem Film, an dem sich potentielle Cutaway-Träger orientieren können) trägt, stirbt einen frühen Filmtod. Bei Beerdigungen trägt man zum Cut natürlich eine schwarze Weste.

Charles liebt es, hellblaue Hemden mit einem weißen Kragen zu tragen. Eigentlich hat diese Sorte Hemd (über die ich gerne zu einem späteren Zeitpunkt hier noch mal schreibe) dann weiße Umschlagmanschetten, aber Charles lässt sich bei Turnbull&Asser die Manschetten aus dem hellblauen Hemdenstoff machen. Der steife Stehkragen der dreißiger Jahre (verbunden mit einer steifen einteiligen Manschette und dem Plastron) ist glücklicherweise außer Mode gekommen. Die Krawatte sollte immer mit einem four-in-hand Knoten gebunden werden, so wie Charles das macht. Niemals mit einem Windsorknoten, selbst wenn Sie bei Windsors eingeladen sind! Wenn man auf der sicheren Seite sein will, trägt man ein weißes Hemd mit gestärktem Kragen und einem silbergrauen Macclesfield tie. Obgleich bei den Krawatten offensichtlich ein weiter Spielraum besteht. Ich habe auf einem Photo im Observer einmal einen adligen Herren gesehen, der den gleichen Hermés Schlips mit den gelben Giraffen trug, den mein Bruder mir damals gerade aus dem Duty Free Shop von Johannesburg mitgebracht hatte. Eine Perle in der Krawatte, möglichst aus der Zeit von Königin Victoria, ist erlaubt. Dichtete doch schon T.S. Eliot: My morning coat, my collar mounting firmly to the chin, My necktie rich and modest, but asserted by a simple pin—.

Schleifen sind immer wieder einmal zum morning coat getragen worden (der junge Churchill trägt hier eine zum frock coat), sie waren um 1900 bei amerikanischen Multimillionären beliebt. Der Teekönig Sir Thomas Lipton hat (ebenso wie Churchill) sein Markenzeichen, die blaue Schleife mit den polka dots, zu allen Kleidungsstücken getragen. Schon in der Zeit von 1894 bis 1900 gibt es in The Cutter & Tailor Bildbeispiele für etwas Schleifenähnliches. Der Prinz von Wales trägt eine silberne Schleife in den zwanziger Jahren zum morning coat, wahrscheinlich nur, um seinen Vater zu ärgern. Wirklich durchgesetzt hat sich der Querbinder nie. Und so lassen wir auch besser die Finger davon.

Man kann eine Blume im linken Knopfloch (und natürlich wie Charles ein farbiges Ziertuch in der Brusttasche) tragen. Für den Zweck haben englische Schneider auf der Rückseite des Revers eine kleine Schlaufe angebracht, damit man den Blumenstengel befestigen kann. Wenn die fehlt, nimmt man einen kleinen flower holder aus Sterling Silber. Eine Sicherheitsnadel tut es auch, hat aber keinen Stil. Die Viktorianer trugen sogar silberne oder gläserne Miniaturblumenvasen hinter dem Revers. So schreibt die West End Gazette 1865: A button-hole is sometimes worked in the turn for a flower and a piece of broad ribbon put unter the turn to hold a glass flower-bottle. So etwas wird in Silber heute noch angeboten, muss aber nicht sein. Wenn Sie eine Nelke im Knopfloch tragen, dann bitte ohne silbernes Staniolpapier und ohne Grünzeug

Die Manschettenknöpfe des Hemdes sollten zurückhaltend sein, also keine kleinen roten Cricketbälle oder diese runden Emailleknöpfe auf denen hot und cold steht. Uhrenketten (fob chains) über der Weste sind wie die Taschenuhren ein wenig außer Mode gekommen. Aber die Uhr sollte unauffällig sein. Etwas, was die Amerikaner dress watch nennen, auf keinen Fall eine goldene Rolex wie ➱Derrick! Und keinen Sportchronographen. Das hat Haakon von Norwegen zu seiner Hochzeit getragen, sah furchtbar prollig aus. Man sollte zwischen einer Hochzeit und dem Tiefseetauchen doch kleine Unterschiede machen. Und die große Omega Seamaster, die William sonst immer trägt, sollte er auch lieber zu Hause lassen. Die hat er auch schon zu einem Cutaway angehabt, war definitely disgusting.

Die Hose sollte schwarz-grau gestreift sein (und niemals mit einem Gürtel getragen werden!), sie kann auch ein Fischgrätmuster neben den Streifen haben. Das eröffnet einen breiten Spielraum. Ein schmaler weinroter Streifen in dem Grau sieht auch ziemlich  elegant aus. Mein Vater war sehr unglücklich, dass sein Schneider ihn Mitte der fünfziger Jahre zu einem sehr auffälligen Schwarz-Weiß-Kontrast überredet hatte, zumal der Werftbesitzer L. später die gleiche Hose trug, da war wohl noch was von dem Stoff übrig. In den fünfziger Jahren tobte sich die Herrenmode sowieso ein wenig an den Hosen für den Cutaway aus. Nachdem der Herzog von Kent eine hellgraue Glencheckhose zum Cut in Ascot trug, machte das sofort Mode. Dabei war er nicht der erste, der in Glencheckhosen auf der Rennbahn gesehen wurde. 1954 hatte Sir Percy Lorain die junge Königin in Epsom in ähnlichen Hosen begleitet. Italienische Schneider offerierten Pepitahosen, auch einfarbige hellgraue Hosen wurden getragen. Aber derartige Verjüngungskuren nutzten nicht viel, der Cutaway war hundert Jahre nach seinem Entstehen in Deutschland eine bedrohte Spezies.

Nicht in England, wo ➱Moss Bros seit anderthalb Jahrhunderten im Verleihgeschäft tätig ist, kostet den Träger knapp hundert Pfund, alle Größen vorrätig. Man schätzt, dass die Jahresproduktion einer auf Gesellschaftskleidung spezialisierten englischen Firma von 8.000 morning coats im Jahre 1992 direkt an Moss Bros, geliefert wurde. Mein Freund Götz, der eine Engländerin geheiratet hat, trug damals bei der Hochzeit in Liverpool auch einen morning coat von Moss Bros. Sieht auf den alten Photos sehr stylish aus. Und in England ist dieser Anzug dann auch nicht mehr ein klassenspezifisches Kostüm, nein, auch die working class möchte bei feierlichen Gelegenheiten so gekleidet sein wie die Royals. In Deutschland schleppt die Braut ihren Angebeteten in irgendeins von diesen Hochzeitsmodencenter, wo er einen Hochzeitsanzug angedreht kriegt (die Firma Pal Zileri ist mit der Linie Pal Zileri Cerimonia groß im Geschäft). Sieht in den meisten Fällen von Bawi Masterhand so grauenhaft aus wie auf dem Photo. Dann doch lieber Moss Bros.

Jetzt brauchen wir nur noch einen Zylinder, ein Paar kid gloves und die richtigen Schuhe. Was Marcel Proust hier 1921 beim Besuch der ➱Vermeer Ausstellung trägt, ist immer noch völlig korrekt. Obgleich der Stehkragen natürlich ein wenig unpraktisch ist. Aber die schlichten schwarzen Schuhe (niemals Lackschuhe) sind schon richtig, es sollte ein Oxford ohne jede Verzierung sein. Nichts anderes, es sei denn, Sie haben noch ein Paar Schnürstiefeletten aus der Zeit Königin Victorias im Schrank. Als die aus der Mode kamen und sich die Halbschuhe durchsetzten, erfand die Mode die spats, die Gamaschen. Wurden zum morning coat bei feierlichen Gelegenheiten in weiß getragen. Ist immens unpraktisch. Kamen auch schnell wieder aus der Mode. Den Todesstoß soll König George V ihnen versetzt haben. Als er zur Eröffnung der Chelsea Flower Show 1926 im schwarzen morning coat ohne Gamaschen erschien.

Der morning coat war schon eine Sensation, denn bisher war der so genannte frock coat der Anzug für offizielle Anlässe, Edward der VII wird den zehn Jahre später bei Hof abschaffen. Dass der König keine Gamaschen trug, war die zweite Sensation. Innerhalb weniger Minuten sollen die Herren seinem Beispiel gefolgt sein, knüpften ihre Gamaschen ab und deponierten sie verstohlen in den Büschen der Chelsea Flower Show. Die Gartenschau gibt es noch immer, die Gamaschen nicht mehr. Es könnte sein, dass George V mit seinem Akt des dressing down auch einen symbolischen politischen Akzent setzen wollte, denn 1926 war die Ausstellungseröffnung zum ersten Mal seit 1852 um eine Woche verschoben worden. In der Vorwoche war noch Generalstreik in England. Vielleicht glaubte er, dass er mit einem morning coat und ohne spats volksnäher wäre.

Der einzige schwarze Schuh, der neben dem Oxford noch zulässig ist, ist ein eleganter schwarzer Chelsea Boot. Für Sir Hardy Amies waren Stiefel sowieso das einzige Passende zum morning coat, so schreibt er in The Englishman’s SuitWith the tail coat boots are, of course, the truly correct thing for the feet. Damit sieht man dann schon wieder ein klein wenig viktorianisch aus. Passt auch wunderbar zu viktorianischen Kleidern, falls Sie Abby Sciuto oder eine andere Goth Braut heiraten wollen. Wenn Sie jetzt nicht wissen sollten, wovon ich rede, geben Sie doch mal bei Google Gothic Wedding Dress ein. Ich habe letztens in der Müllhalde des Internets gelesen: Regarding the proper shoes, a classic that always works is a pair of black Oxfords, but black derby shoes or even monk strap shoes are also acceptable. Steht auch auf Deutsch so ähnlich da, zum Beispiel in Bernhard Roetzels Der GentlemanDer Klassiker zum Cut ist der schwarze Oxford, doch auch Monkstraps oder Loafer gehen durch. Nein, gehen nicht. Da schreibt im Netz doch nur einer irgendwelchen Unsinn vom anderen ab. So etwas können Sie tragen, wann Sie wollen, aber niemals zum Cutaway. Selbst Debrett’s New Guide to Etiquette & Modern Manners, der schon sehr liberal in allen Fragen geworden ist, ist da ganz eindeutig: Shoes must be formal lace-ups: Gucci loafers simply will not do.

Und tragen Sie keine neuen Schuhe! In einer der witzigsten und bösesten Abrechnungen mit den Thatcher-Jahren, Sue Townsends The Secret Diary of Adian Mole. Aged 13 3/4, schreibt der kleine Adrian am 28. Juli 1981 in sein geheimes Tagebuch: I hope the Prince remembers to remove the price ticket off the bottom of his shoes, my father didn’t at his wedding. Everyone in the church read the ticket: ‚9 1/2 reject, 10 shillings“. Stand auf den Schuhen von Charles bestimmt nicht drauf (reject erst recht nicht), egal ob er nun Tricker’s trug oder John Lobb wie sein Vater.

Es ist nicht ganz klar, wann in der Westminster Abbey zum ersten Mal vom Bräutigam ein morning coat getragen wurde, aber es wird wohl in den dreißiger Jahren gewesen sein. In der Kirche heiratet ja nun nicht jeder, und die meisten Adelssprösslinge kamen eh in Uniform zum Traualtar. Da ist natürlich eine echte Alternative zum morning coat. William hatte nur die Schwierigkeit, sich für Army, Navy oder Airforce zu entscheiden, da er unter dem Namen William Wales in allen drei Teilstreitkräften gedient hat. Bis zu den dreißiger Jahren ist der höchstoffizielle Anzug für gesellschaftliche Anlässe der frock coat gewesen. Aber der ist seit den zwanziger Jahren so langsam am Aussterben, obwohl der Pariser Dandy Boni de Castellane (auf dem Photo von Nadar in einem kurzen frock coat) lange an ihm festhält. Nach dem Ersten Weltkrieg konkurrieren mehrere Anzüge gegen den sich immer mehr als Tagesanzug durchsetzenden lounge suit um die Ehre, der Anzug für offizielle Gelegenheiten zu sein: der ➱frock coat, der morning coat und ein Anzug, der später als der Stresemann bekannt wird. Gut, heute wissen wir, wer gewonnen hat. Damals ist das noch nicht so klar.

Als der morning coat in der Mitte des 19. Jahrhunderts auftauchte, hieß er noch Newmarket coat. Wenn er etwas weiter geschnitten war, hieß er Doncaster Coat, eigentlich war er nur eine Variante des guten alten riding coat, was man in Frankreich redingote nennt, weil die Froschfresser ja kein Englisch können. Auch wenn dies keine echte Illustration für den Übergang vom riding coat zum Newmarket coat/morning coat ist, ich muss Delacroix‘ Bild von Baron Schwiter ➱noch einmal hierher stellen, es gibt im 19. Jahrhundert ja wenig, was eleganter ist, vielleicht gerade noch John Singer Sargents Bild von ➱Lord Ribblesdale.

So elegant ist der Newmarket coat zu Beginn seiner Karriere als Kleidungsstück noch nicht. 1841 heißt es im Punch über ihn: So cut that the waistcoat may be of easy access. It has only one button in use. Der Anzug ist auch noch nicht unbedingt schwarz, so preist im gleichen Jahr das Gentleman’s Magazine of Fashion einen Dark green riding coat (i.e. Newmarket), white drill pleated trousers fastened by broad straps. Waistcoat of primrose cashmere. 1855 gehört er schon fest zu Kleidung des Gentleman. Da heißt es in The Habits of Good SocietyThere are four kinds of coat which a well-dressed man must have: a morning coat, a frock coat, a dress-coat, and an overcoat. Gleichzeitig tauchen auch die ersten Tweedjacketts auf, zu denen The Gentleman’s Herald of Fashion nur der Satz einfällt: One of the most ugly, but fashionable, garments it has ever been our duty to describe.

Als der Premierminister Benjamin Disraeli im November 1864 in einer Rede in Oxford in den Streit um Darwins Thesen eingreift und sagt I am not prepared to say that the lecture-room is more scientific than the Church. Is man an ape or an angel? My Lord, I am on the side of the angels, porträtiert ihn der Punch umgehend mit Flügeln. Die hat er in Oxford aber keinesfalls getragen, er trug einen morning coat aus schwarzem Samt, was den Modebeobachtern nicht entgangen ist, weil es sehr dandyhaft chic war. Das hier ist nicht Disraeli, der ein großer Dandy war. Dies ist Charles Guillaume Frédéric Boson de Talleyrand-Périgord, Prince de Sagan (der Onkel von Boni de Castellane). Er war auch ein großer Dandy, besaß aber nichts von der Intelligenz Disraelis. Viele Dandies haben ja außer Klamotten nix im Kopp, vom Prince de Sagan bis zum Herzog von Windsor. Proust hat ihn (ebenso wie Robert de Montesquiou-Fézensacals Vorbild für den Baron de Charlus in der Suche nach der verlorenen Zeit genommen. Die Presse bezeichnete übrigens den Anzug von dem Dandy Disraeli als shooting coat, so spricht The Tailor & Cutter im Jahre 1869 von the Morning Coat or what is more commonly called ‚Shooting Coat‘. Und 1892 heißt es an gleicher Stelle the Morning Coat or Shooting Coat as some people will persist in calling it.

Ungefähr ab 1880 beginnt der morning coat zu einem echten Konkurrenten des frock coat zu werden. So schreibt das Gentleman’s Magazine of Fashion 1887 solicitors and doctors hardly ever were frock coats, always morning coats. Und diese Berufe stehen ja in der viktorianischen Rangordnung ganz weit oben. Der morning coat nimmt jetzt seine heutige Form an, in den Jahrzehnten zuvor war er häufig noch bis weit oben zugeknöpft (obgleich das von Jahrzehnt zu Jahrzehnt variierte). Er bekommt dann auch eine Seidenbordierung am Revers, damit er eleganter wird. Der Prince of Wales trägt auf einem Photo aus den zwanziger Jahren auch so ein Modell, und in den fünfziger Jahren sieht man die Seidenbordierung (als letztes Relikt des Edwardian Style) auch wieder. Der morning coat ist aber für den Comte Robert de Montesquiou-Fezensac (was wäre Proust ohne ihn?) kein Thema, wie man auf dem Bild sieht. Und so hält sich der Gehrock in der feinen Gesellschaft beharrlich, obgleich er eigentlich unpraktisch ist. Aber Könige, Diplomaten und Politiker scheinen nicht auf ihn verzichten zu können. Noch 1899 ist für The Tailor & Cutter der frock coat die vorgeschriebene Bekleidung für Hochzeiten. Den morning coat nimmt man als informellen Tagesanzug, natürlich nicht fürs Wochenende auf dem Land. Da trägt man längst das Norfolk Jackett oder Anzüge aus Tweed.

Aber zum ➱Schlittschuhlaufen zum Beispiel wie hier Edward, der Prinz von Wales, da kann man den Cutaway gut tragen. Kommt uns heute etwas overdressed vor, illustriert aber ganz schön den damaligen Einsatzbereich des Anzugs: dressy without being formal. Ungefähr um 1888 hat der morning coat zum ersten Mal eine Brusttasche bekommen (der Frack wird in diesem Detail erst viel später folgen). Gleichzeitig kommt die Innentasche im Brustbereich auf, was sicherlich sehr praktisch ist. Eine Handy-Tasche hat er aber glücklicherweise immer noch nicht.

Seit den Tagen von Charles II (also seit der Zeit, da der dreiteilige Anzug in Mode kam) haben die englischen Könige einen poet laureate, Alfred Lord Tennyson war sehr stolz auf diesen Titel. Seit Andrew Motion erklärt hat, dass er den Job nur für zehn Jahre machen wollte, wird der Titel nicht mehr auf Lebenszeit verliehen. Zur Zeit ist das eine Frau namens Carol Ann Duffy, CBE, FRSL und LGBT. Die ließ im letzten Jahr verlauten, dass sie kein Gedicht zur Hochzeit schreiben würde. Behauptete dann später, sie sei falsch zitiert worden. Jetzt hat sie doch ☞eins geschrieben, das ist aber so kläglich, dass ich das nicht abdrucke. Nein, ich nehme lieber das Gedicht, das Sir John Betjeman zur Hochzeit von Anne und Mark Phillips 1973 schrieb, als er gerade poet laureate geworden war. Das war damals ein kleiner Skandal. War aber witzig.

Hundreds of birds in the air

And millions of leaves on the pavement,

Then the bells pealing on

Over palace and people outside,

All for the words „I will“

To love’s most holy enslavement –

What can we do but rejoice

With a triumphing bridegroom and bride?


post scriptum:

Dieser Post war gestern bei meinen Lesern der Renner. Ich bin allerdings darauf hingewiesen worden, dass ich zu erwähnen vergessen hätte, dass man keine weißen Socken zum morning coat tragen darf. Muss man das wirklich erwähnen??? Mein Freund Georg beklagte, dass ihm vor Jahrzehnten Moss Bros den morning coat nicht richtig angemessen hätte und legte zum Beweis eine Seite aus dem Familienalbum bei. Ich drucke das mit seiner Erlaubnis mal eben hier ab, ich finde, er sieht da (auf dem Photo unten rechts) hervorragend aus.

P.P.S. Ein Leser beklagte sich, dass ich die schöne Geschichte The Story of Cedric von P.G. Wodehouse nicht erwähnt hätte, in der ein junger Mann gelbe Schuhe zu seinem morning coat trägt. Stimmt, habe ich nicht, aber die wunderbare Geschichte von den yellow perils und banana specials ist in diesem Blog schon vorgekommen. Lesen Sie doch einmal diesen ➱Post.

Advertisements