Jeans







Natürlich Jeans! Oder kann sich einer ein Leben ohne Jeans vorstellen? Jeans sind die edelsten Hosen der Welt. Dafür verzichte ich doch auf die ganzen synthetischen Lappen aus der Jumo, die ewig tiffig aussehen. Für Jeans konnte ich überhaupt auf alles verzichten, außer der schönsten Sache vielleicht. Und außer Musik. Ich meine jetzt nicht irgendeinen Händelsohn Bacholdy, sondern echte Musik, Leute. Ich hatte nichts gegen Bacholdy oder einen, aber sie rissen mich nicht gerade vom Hocker. Ich meine natürlich echte Jeans. Es gibt ja auch einen Haufen Plunder, der bloß so tut wie echte Jeans. Dafür lieber gar keine Hosen. Echte Jeans dürfen zum Beispiel keinen Reißverschluss haben vorn. Es gibt ja überhaupt nur eine Sorte echte Jeans. Wer echter Jeansträger ist, weiß, welche ich meine. Was nicht heißt, dass jeder, der echte Jeans trägt, auch echter Jeansträger ist. Die meisten wissen gar nicht, was sie da auf dem Leib haben. Es tötete mich immer fast gar nicht, wenn ich so einen fünfundzwanzigjährigen Knacker mit Jeans sah, die er sich über seine verfetteten Hüften gezwängt hatte und in der Taille zugeschnürt. Dabei sind Jeans Hüfthosen, das heißt Hosen, die einem von der Hüfte rutschen, wenn sie nicht eng genug sind und einfach durch Reibungswiderstand oben bleiben. Dazu darf man natürlich keine fetten Hüften haben und einen fetten Arsch schon gar nicht, weil sie sonst nicht zugehen im Bund. Das kapiert einer mit fünfundzwanzig schon nicht mehr. Das ist, wie wenn einer dem Abzeichen nach Kommunist ist und zu Hause seine Frau prügelt. Ich meine, Jeans sind eine Einstellung und keine Hosen. Der junge Mann, der hier redet, heißt Edgar Wibeau, er ist der Held von Ulrich Plenzdorfs Theaterstück Die neuen Leiden des jungen W. Das ist das berühmteste, das Ulrich Plenzdorf (der heute vor drei Jahren gestorben ist) geschrieben hat, von den Songs für die Puhdys mal abgesehen.

Zum Beginn der Handlung des Stückes ist Edgar Wibeau schon tot, aber das, was er hier sagt, fasziniert offensichtlich noch immer. Vor allem Deutschlehrer. Sonst wohl keinen mehr, wen interessiert die DDR vor vierzig Jahren? Offensichtlich die Käufer des Romans Der Turm, aber hat den jemand gelesen, der das Machwerk gekauft hat? Es redet ja inzwischen nach der ersten Hysterie niemand mehr drüber. Wenn es doch nur diese Aufregung der Kritiker gegeben hätte, als 2007 Werner Bräunig Rummelplatz posthum erschien!

Das ist ein DDR Roman, der sich wirklich lohnt, richtige Literatur. Ich will nicht  sagen, dass Plenzdorfs Stück (aus dem danach noch ein Roman wurde) schlecht ist, keineswegs. Ich finde es nur etwas befremdlich, wie hartnäckig sich das Stück, das 1972 in der DDR eine Sensation war, immer noch im Deutschunterricht hält. Was mich interessieren würde, wäre, was mein Deutschlehrer von all dem hält. Der kam nämlich aus der DDR, da hat man in Bremen zur Behebung des Lehrermangels Ende der fünfziger Jahre jeden ostdeutschen Volksschullehrer eingestellt. Er hatte eigentlich keine Ahnung von den Fächern, die er unterrichtete, aber er unterrichtete mit großer Emphase. Und er hatte auch einen Roman geschrieben, aus dem er mal bei Kerzenlicht vorlas, als er die Klasse zu sich nach Hause eingeladen hatte. Grottenolmschlecht.

Damals war man im Westen ja dankbar für Uwe Johnson, der wurde sofort im Deutschunterricht gelesen, weil er gegen die DDR war. Er war aber auch, im Gegensatz zu unserem Deutschlehrer, ein guter Schriftsteller. Dass das Werk eines Schriftstellers zeitgleich in den Unterricht wandert, geschieht ja nicht so häufig. Normalerweise hat der Deutschunterricht seine Autoren lieber lange tot. Als Edgar Wibeau seinen Jeans Monolog zum ersten Mal auf der Bühne in Halle an der Saale hält, ist Uwe Johnson in England dabei, die Jahrestage zu schreiben und sich zu Tode zu trinken. Mein Deutschlehrer wird sein Romanfragment leider nicht vollenden.

Aber mit den Jeans hatte Plenzdorf einen Nerv getroffen, denn wenn es irgendetwas in der Arbeiter- und Bauernrepublik nicht gab, dann waren das Jeans. Ich weiß noch, dass ich auf der Autobahn Helmstedt/Marienborn-Berlin beinahe vor Lachen in die Böschung gefahren wäre, als ich auf einer Autobahnbrücke die Werbebotschaft las: El Pico – Jeans aus Lößnitz. Denn das war ja nun definitiv nicht the real thing, wenn man so aussehen will wie James Dean. Für die DDR waren amerikanische Jeans der Traum von der großen Freiheit, für uns, die wir in einer amerikanischen Besatzungszone aufgewachsen waren, hatten sie nicht diesen Exotencharakter. Natürlich hatte ich (wie viele andere) eine Levis 501 (noch die schwere Stoffqualität), etwas anderes ging ja gar nicht, aber Jeans waren noch nicht das vorherrschende Kleidungsstück.

Die Werbebotschaft El Pico – Jeans aus Lößnitz signalisiert aber noch etwas anderes. Die DDR hat, vielleicht durch Plenzdorfs Theaterstück angeregt, den Kampf um den Jeansmarkt aufgenommen. Eine Jeansfabrik nach der anderen wird gebaut, man kauft sogar auf dem westlichen Markt eine Farbenfabrik, damit die Jeans mit echtem Indigo gefärbt werden können (man hatte allerdings kein Geld für eine Waschanlage). Als das immer noch nicht ausreicht, entschließt sich die DDR zu einer einmaligen Maßnahme. 1978 kauft man für 25 Millionen Valutamark eine Million Levis Jeans, die dann zum Preis von 149 Mark verkauft werden. Die sind, trotz des hohen Preises, ratzfatz weg. Inzwischen ist die Jeans als kulturstiftendes Bekleidungsstück in der DDR auch schon Gegenstand eines Buches: Rebecca Menzel, Jeans in der DDR: Vom tieferen Sinn einer Freizeithose (2004).

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