Adolph Knigge

Der Gegenstand dieses Buchs kommt mir groß und wichtig vor, und irre ich nicht, so ist der Gedanke, in einem eignen Werke Vorschriften für den Umgang mit allen Klassen von Menschen zu geben, noch neu. Eben dieser Umstand aber und daß mir in Deutschland, soviel ich weiß, niemand vorgearbeitet hat, muß einen Teil der Unvollkommenheiten meiner Arbeit entschuldigen. Es ist ein weites Feld vollständig und gründlich zu bearbeiten, vielleicht für einen Menschen und gewiß für meine Kräfte zu groß. Kann aber das in magnis voluisse aliquid Verdienst geben, so darf ich einigen Anspruch auf den Dank des Publikums machen, um so mehr, wenn etwa meine Arbeit bei einem größern Menschenkenner und feinern Philosophen einst die Lust erwecken sollte, etwas Vollkommneres hierüber zu liefern.

Vielleicht wird man mir Weitschweifigkeit vorwerfen und mich beschuldigen, ich hätte Räsonements eingemischt, die nicht eigentlich zu den Regeln über den Umgang mit Menschen gehören; allein es ist hier schwer, die wahre Grenzlinie zu finden. So beginnt er die Vorrede zur ersten und zweiten Auflage von seinem Werk Über den Umgang mit Menschen. Für den Umgang mit Menschen braucht man ja eine Gebrauchsanleitung. Aus irgendwelchen Gründen glaubt man heute, dass der Freiherr Knigge (das von hat er irgendwann nach der Französischen Revolution abgelegt) ein Benimmbuch namensder Knigge geschrieben hat. So eins wie die Frau Pappritz in der Adenauerzeit, die immer als Frau von Pappritz apostrophiert wurde, weil man glaubte, nur wenn man eine von Pappritz sei, könne man ein Buch der Etikette für die junge Republik schreiben. Dabei war die Pappritz gar nicht adlig. Knigge schon.

Und was Knigge in seinen Schriften zu sagen hat – und er hat uns noch heute viel zu sagen – ist auf einer anderen Ebene als die Pappritz, die sich mit solch lebenswichtigen Fragen beschäftigte, wann man in Neubauwohnungen die Klospülung betätigen dürfe. Wann man die Klospülung betätigt oder ob man Fisch mit dem Messer isst, steht nicht bei Knigge. Und es ist natürlich auch nicht wahr, dass er von einem Haifisch gefressen wurde wie in dem alten Witz: Der Freiherr geht mit einem Schiff unter und wird von einem hungrigen Hai angegriffen, dessen Knigge sich mit einem Dolch erwehrt. Der Hai, in die Enge getrieben, rettet sich durch Lebensart: “Aber Herr Knigge! Fisch mit dem Messer?” Der Freiherr, der heute vor 215 Jahren starb, ist natürlich nicht von einem Hai gefressen worden. Er ist in Bremen gestorben, wo er königlich großbrittanisch-hannöverscher Oberhauptmann war (das Bild oben zeigt ihn in seiner Amtstracht). Er ist im Bremer Dom begraben worden. Er wurde nur 43 Jahre alt und hat doch ein riesiges Werk hinterlassen. Seine Tochter Philippine hat sich zwei Jahre später im Dom neben seinem Grab trauen lassen. Philippine von Reden, wie sie dann hieß, hatte schon im Alter von fünfzehn Jahren das Buch Versuch einer Logic für Frauenzimmer verfasst. Knigge, der in Bremen auch das erste Theater mitbegründet hat, war ein Mann der Aufklärung. Ein Philosoph und ein Soziologe, lange bevor Auguste Comte dieser Wissenschaft einen Namen gab. Und keinen Augenblick stinkelangweilig, immer geistvoll.

Was Knigge über die Kleidung zu sagen hat, ist relativ kurz: Soviel über den äußern Anstand und über schickliche Manieren. Also nur noch etwas über die Kleidung. Kleide Dich nicht unter und nicht über Deinen Stand; nicht über und nicht unter Dein Vermögen; nicht phantastisch; nicht bunt; nicht ohne Not prächtig, glänzend noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und wo Du Aufwand machen mußt, da sei Dein Aufwand zugleich solide und schön. Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische Torheit nachahmende Kleidung aus. Wende einige größere Aufmerksamkeit auf Deinen Anzug, wenn Du in der großen Welt erscheinen willst. Man ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewußt ist, in einer unangenehmen Ausstaffierung aufzutreten. Das klingt ein wenig wie Polonius in Shakespeares Hamlet, wenn er zu seinem Sohn vor dessen Frankreichreise sagt:

Take each man’s censure, but reserve thy judgment. 

Costly thy habit as thy purse can buy,
But not express’d in fancy; rich, not gaudy;
For the apparel oft proclaims the man,
And they in France of the best rank and station
Are of a most select and generous, chief in that.



Aber Knigge hält sich nicht mit Oberflächlichkeiten auf, dafür haben viele seiner Ratschläge dann auch keine aufgedruckten Verfallsdaten. Wie zum Beispiel: Sei aber nicht gar zu sehr ein Sclave der Meinungen, welche Andere von Dir hegen. Sei selbstständig. Was kümmert Dich am Ende das Urtheil der ganzen Welt, wenn Du thust, was Du nach Pflicht und Gewissen und nach Deiner redlichen Ueberzeugung thun sollst? Man kann ihn (auf jeden Fall kann ich das) heute immer noch mit voller Überzeugung zur Lektüre empfehlen. Politikern zum Beispiel die Schrift Über Eigennutz und Undank (datiert Bremen 1795).

Denn Politikern wäre jemand wie der Jakobiner Knigge heute wahrscheinlich der schlimmste Feind. Alle deutschen Demokratennester sind der Widerhall Kniggescher Grundsätze, und Knigge ist der Widerhall der ganzen deutschen Aufklärungspropaganda, höhnte Johann Georg ZimmermannMan beklatscht den Volksaufwiegler Knigge wegen der unzählbaren Pasquillen, die er des lieben Brodes willen schrieb. Der gute Doktor Zimmermann braucht sich wegen des lieben Brodes keine Sorgen zu machen, er ist Leibarzt an beinahe allen Höfen Europas. Er hat auch ein Buch über die Einsamkeit geschrieben, das für die Literaturgeschichte von Bedeutung ist. In seinen letzten Lebensjahren ist er ein erbitterter Gegner der Aufklärung geworden. Aber das Pasquill, das den Ruf des Dr. Zimmermanns vernichtet, das hat Knigge  nicht geschrieben. Das schreibt der junge Kotzebue unter Knigges Namen, ein obszönes Pasquill namens Doktor Bahrdt mit der eisernen Stirn oder die deutsche Union gegen Zimmermann. Ein Schauspiel […] von Knigge. Das ruiniert den Ruf von Kotzebue und Zimmermann völlig. Wie sich der große Lichtenberg über Zimmermann lustig gemacht hat, lasse ich jetzt mal aus.

Als er die Stelle in Bremen antritt, ist die Gesundheit des 38-jährigen schon angegriffen. Die ständigen Angriffe seiner Feinde, und das ist nicht nur der Dr. Zimmermann, haben ihn geschwächt. Das klingt noch in der Vorrede zu dem Roman Die Reise nach Braunschweig an, die er im Alter von vierzig Jahren schreibt: Der kleine Roman, den man hier dem Drucke übergiebt, ist, in Stunden der Erholung von ernsthaften Geschäften, geschrieben, um das Gefühl der heftigen cörperlichen Leiden, wovon der Verfasser seit mehr als Jahres Frist unaufhörlich gepeinigt wird, durch unschuldigen Scherz zu mildern, geschrieben, um, bey Sorgen mancher Art, durch leichten Witz, sich in harmloser Stimmung zu erhalten. Er macht also auch keinen Anspruch auf die Muße solcher Leser, die tiefsinnige philosophische Betrachtungen und überraschend feine Blicke in die Natur des menschlichen Herzens in solchen Romanen zu finden hoffen.
   Der Verfasser hat bis jetzt in seine Schriften ähnlicher Art, die Behandlung wichtigrer Gegenstände einzuflechten und die Sitten der sogenannten höhern Menschenclassen zu schildern gesucht; hier versteigt er sich nicht so hoch und widmet daher diese Arbeit auch nur solchen Lesern, denen es darum zu thun ist, ihre Augen einmal von Höfen, Fürsten, Staatshändeln und gelehrten Kampfplätzen ab, auf ländliche Scenen und lachende Bilder gelenkt wissen zu wollen.
Das ist alles, was der Verfasser von diesem Büchlein zu sagen weiß, um den Gesichtspunct anzuzeigen, aus welchem er beurtheilt zu werden wünscht.
Bremen, um Ostern 1792.

Und so verabschiede ich mich für heute mit Knigges Worten: Gehe von niemand und laß niemand von Dir, ohne ihm etwas Lehrreiches oder etwas Verbindliches gesagt und mit auf den Weg gegeben zu haben; aber beides auf eine Art, die ihm wohltue, seine Bescheidenheit nicht empöre und nicht studiert scheine, daß er die Stunde nicht verloren zu haben glaube, die er bei Dir zugebracht hat, und daß er fühle, Du nehmest Interesse an seiner Person, es gehe Dir von Herzen, Du verkauftest nicht bloß Deine Höflichkeitsware ohne Unterschied jedem Vorübergehenden! Und jetzt hoffe ich mal, etwas Lehrreiches oder Verbindliches gesagt zu haben.


Hans Christian Meisers 1995 bei Eichborn erschienenes Buch Vom Umgang mit Knigge. Diagnose: Anarchist (gibt es bei Amazon Marketplace spottbillig) ist eine nette Einführung für alle, die Knigge kurzweilig kennenlernen wollen. Der Wallstein Verlag in Göttingen hat vor einem Jahr in Zusammenarbeit mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot Stiftung eine Werke betitelte Ausgabe zum Preis von 49€ herausgebracht. Das ist verdienstvoll, ist aber nicht der ganze Knigge. Das Vollständigste an Werkausgaben sind die zehn Bände, die vor zehn Jahren im Fackelträger Verlag erschienen sind. Schön gedruckt (mit Lesebändchen) und sorgfältig vom Herausgeber Wolfgang Fenner mit Anmerkungen versehen. Kann man antiquarisch noch finden. Lohnt unbedingt.

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