Heute gibt es hier einmal eine Fundsache aus der Vergangenheit. Nicht der geschwätzige, ironische Stil von Jay mit diesem kleinen prolligen Touch à la Hans Albers oder Tim Mälzer, wie ich sonst rede und schreibe. Dies ist die eher unterkühlte Sprache eines Lexikonartikels, und das ist es auch.

Mode und Film: Literaturlage

Trotz des gleichnamigen Bildbandes von Regine und Peter W. Engelmeier (Begleitbuch für die Ausstellung im Deutschen Filmmuseum Frankfurt 1990) ist dieses Thema noch nicht hinreichend erforscht. Zwar gibt es originelle Ansätze, die als Modell dienen können, wie Dressed to Kill: James Bond The Suited Hero (1996), aber es fehlen kulturhistorisch, sozialhistorisch oder ikonographisch angelegte Werke in der Art von John Harvey (1995), Farid Chenoune (1993), Anne Hollander (1978) oder der BBC-Serie Through the Looking-Glass (1989). Immerhin gehen diese Kulturgeschichten der Mode zumindest partiell auf das Thema Film ein. Engelmeiers Bildband bietet zwar reichhaltiges Bildmaterial, versagt aber sowohl kostümhistorisch als auch in der Interpretation der vestimentären Zeichen. Während in der Kunstgeschichte in Katalogwerken zum 18. Jahrhundert immer stärker auf die Forschungen der Kostümgeschichte (z.B. Eileen Ribero) zurückgegriffen wird, werden solche Ansätze in der Filmanalyse zu selten berücksichtigt. Allerdings finden sich in manchen Bänden der British Film Institute Film Classics doch Kapitel, die auf die Kostüme und die Wirkung der Filmmode auf die Gesellschaft eingehen.

An Würdigungen der mehrfachen Oscar-Preisträgerin Edith Head ist kein Mangel, an Prachtbänden über die Hollywood-Damenmode der 1930er Jahre (Hunt 1993) auch nicht. Den Einfluß des Londoner Herrenschneiders Frederick Scholte auf die Hollywood-Idole der 1930er und 1940er Jahre kann man bei Chenoune nachlesen, aber ein Überbauwerk zum Thema Film und Mode, das den Ansätzen von Dressed to Kill oder Fred Miller Robinson (1993) folgt, bleibt weiterhin ein Desiderat.

Literatur: Dressed to Kill: James Bond The Suited Hero. [ed. Colin Woodhead] Paris/New York: Flammarion 1996. – Bruzzi, Stella, Undressing Cinema. Clothing and Identity in the Movies. London/New York: Routledge 1997. – Chenoune, Farid: A History of Men’s Fashion. Paris/New York: Flammarion 1993. – Cook, Pam: Fashioning the Nation: Costume and Identity in British Cinema. London: The British Film Institute 1996. – Devoucoux, Daniel: Mode im Film: Zur Kulturanthropologie zweier Medien. Bielefeld: Transcript 2007. – Engelmeier, Regine / Engelmeier, Peter W. (eds.): Film und Mode / Mode im Film. München: Prestel 1990 – Harvey, John: Men in Black. Chicago: University of Chicago Press 1995. – Maeder, Edward: Hollywood and history. Costume design in film. Los Angeles, Cal.: Thames and Hudson 1987. – Robinson, Fred Miller: The Man in the Bowler Hat: His History and Iconography. Chapel Hill/London: University of North Carolina Press 1993. – Hollander, Anne: Seeing Through Clothes. New York: Viking 1978. – Wilson, Elizabeth / Taylor, Lou: Through the Looking-Glass: A History of Dress from 1860 to the Present Day. London: BBC Books 1989. – Hunt, Marsha: The Way We Wore: Styles of the 1930s and ’40s and Our World Since Then. Fallbrook: Fallbrook Publishing 1993.

Der obige Text (ohne die Bilder) ist ein Artikel aus einem Filmlexikon im Internet, ein konziser Forschungsbericht (kürzer geht’s nicht) über die Literatur zum Thema Mode und Film. Ich darf das kopieren und hier verwenden, weil ich den Artikel selbst geschrieben habe. Vor vielen Jahren. Ich habe das Internet Filmlexikon vorgestern durch Zufall gefunden, es ist leider nicht so richtig, eher so gut wie gar nicht, von Google erfasst. Und da fiel mir plötzlich ein, dass ich damals einige Lexikonartikel dafür geschrieben hatte. Ich wusste allerdings nicht mehr welche. Ich wusste auch nicht, ob aus den Plänen des Herausgebers wirklich etwas geworden war. Und das Passwort, das mir der Verlag vor einem Jahrzehnt geschickt hatte, hatte ich natürlich längst vergessen.

Sachlich kann das alles so stehen bleiben. An einer Stelle habe ich den Text verändert: ich habe das Buch von Daniel Devoucoux Mode im Film: Zur Kulturanthropologie zweier Medien von 2007 im Literaturverzeichnis erwähnt. Das gab es damals noch nicht. Das Buch ist ganz interessant, aber wie man als Franzose ein Standardwerk wie Farid Chenoune auslassen kann, das werde ich nicht begreifen. Dessen A History of Men’s Fashion bleibt immer noch die beste Kulturgeschichte der Herrenmode. Leider ist das Buch vergriffen und antiquarisch nur noch zu dreistelligen Europreisen zu bekommen (aber vergleichen Sie mal die deutschen Preise und Angebote mit denen von amazon.com oder amazon.co.uk). Und dann habe ich für diesen Blog noch etwas gemacht: ich habe die ganz wichtigen Bücher durch Fettdruck markiert. Also das, was jeder Modeinteressierte zuerst lesen sollte.

Wenn ich mal viel Zeit habe, dann mache ich einen Forschungsbericht über die besten Blogs, die sich kulturgeschichtlich mit der Mode beschäftigen. Es gibt da einige tolle Dinge. Es gibt auch gute Bibliographien, aber auch schlechte. Diese hier sieht mit 2.470 Titeln gut aus, taugt aber nicht viel, da die wesentlichen Titel fehlen. So eine ultimative Modebibliographie wäre nicht schlecht. Wenn ich mal viel Zeit habe.

Oder ich schreibe über Film und Mode. Zum Beispiel über die Trenchcoats in den deutschen Edgar Wallace Filmen. Wenn ich mal viel Zeit habe.

Die farbige Abbildung im Text ist aus Joseph Loseys ➱Verfilmung von L.P. Hartleys Roman The Go-Between, der junge Erzähler zeigt hier ganz stolz sein neues Norfolk Jackett. Wenn Mode in einem Roman eine grosse Rolle spielt (und das tut sie in vielen Romanen), dann sollte eine Literaturverfilmung das auch berücksichtigen. Joseph Losey hat (ähnlich wie Visconti) darauf in seinen Filmen immer großen Wert gelegt. Der Regisseur hatte seine Darsteller ihre Kostüme den ganzen Tag tragen lassen, damit sie aussahen wie wirklich getragene Kleidung: I think we had to make it appear as if the characters aren’t wearing ‚costumes‘ but the clothes of the day, which is today for the time you are watching the film… Most of the costumes were genuine; we made very few others. And we all lived in the house. They wore the clothes all the time and they ate as well as acted in their costumes…We got everything right. That’s how it has to be, for once you’ve got the exact house, accessoires, costumes, something then springs to life.

So sollte es sein. Und dass die Fräcke um 1900 noch keine Brusttasche haben, auch das hat man berücksichtigt.

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