Raglan

Am heutigen Tag ist Lord Raglan gestorben. Kaum jemand denkt noch an ihn, aber was ein Raglanmantel ist, das wissen viele. Der ist nach ihm benannt, weil er nach der Schlacht von Waterloo nur noch einen Arm hat, und in einen Raglanärmel kommt man mit einem Armstumpf viel besser hinein. Auf dem Schlachtfeld, auf dem er jetzt ist (wir sind im Krimkrieg) ist noch ein anderer Lord, der Modegeschichte schreibt: Lord Cardigan. Der ist schon mit seiner Motoryacht nach Hause, als Raglan 1855 an der Ruhr stirbt, einer der unfähigsten Adligen, der sich ein Kommando in der Armee gekauft hat. Die Leser der Taten von Flashman werden hierzu vielleicht eine andere Meinung haben. Und Cardigan lässt sich natürlich als Helden malen

Er ist derjenige von der berühmten Charge of the Light Brigade, einer der größten Idiotien in der Militärgeschichte. Dank der neuen Telegraphenverbindungen berichtet die Times mit ihrem Starreporter William Howard Russell schon am gleichen Abend detailliert über den militärischen Unsinn (was den russischen Zaren zu dem Ausspruch bewegt Was brauche ich Spione, wenn ich die Times habe?). Nachdem Tennyson das gleichnamige Gedicht geschrieben hat, kennt das in England jedes Kind, und man hält Cardigan für einen Helden. Nach dem Todesritt (bei dem seine Rolle nie ganz geklärt wurde, manche klagen ihn an, er sei vom Schlachtfeld geflohen) reitet er zum Hafen von Balaclava, lässt sich von seinem Diener auf seiner Yacht Dryad ein heißes Bad bereiten und schlürft Champagner. Es gab übrigens am gleichen Tag einen Angriff der Heavy Brigade, der sehr erfolgreich für die Engländer war, aber über den redet niemand.

Half a league, half a league,
Half a league onward,
All in the valley of Death
Rode the six hundred.
„Forward, the Light Brigade!
„Charge for the guns!“ he said:
Into the valley of Death
Rode the six hundred.

„Forward, the Light Brigade!“
Was there a man dismay’d?
Not tho‘ the soldier knew
Someone had blunder’d:
Theirs not to make reply,
Theirs not to reason why,
Theirs but to do and die:
Into the valley of Death
Rode the six hundred.

Cannon to right of them,
Cannon to left of them,
Cannon in front of them
Volley’d and thunder’d;
Storm’d at with shot and shell,
Boldly they rode and well,
Into the jaws of Death,
Into the mouth of Hell
Rode the six hundred.

Flash’d all their sabres bare,
Flash’d as they turn’d in air,
Sabring the gunners there,
Charging an army, while
All the world wonder’d:
Plunged in the battery-smoke
Right thro‘ the line they broke;
Cossack and Russian
Reel’d from the sabre stroke
Shatter’d and sunder’d.
Then they rode back, but not
Not the six hundred.

Cannon to right of them,
Cannon to left of them,
Cannon behind them
Volley’d and thunder’d;
Storm’d at with shot and shell,
While horse and hero fell,
They that had fought so well
Came thro‘ the jaws of Death
Back from the mouth of Hell,
All that was left of them,
Left of six hundred.

When can their glory fade?
O the wild charge they made!
All the world wondered.
Honor the charge they made,
Honor the Light Brigade,
Noble six hundred.


Es gibt hiervon auch eine Nachdichtung von Theodor Fontane, die noch schlimmer ist als dies Gedicht. Hier ist ja wenigstens in der Zeilesomeone had blundered der Hauch einer Kritik.

Eigentlich hätte der ältere Kriegsinvalide zu Hause bleiben sollen (das Bild da oben zeigt Lord Raglan in Sewastopol, von Roger Fenton photographiert). Vor vierzig Jahren in Waterloo, da war er mit Wellington, dessen Adjutant er seit Portugal war, militärisch auf dem Höhepunkt der Zeit. Da war Fitzroy Somerset noch ein schneidiger junger Offizier aus bester Familie (sein Vater war der Herzog von Beaufort, seine Mutter die Tochter von Admiral Boscawen). Aber jetzt ist er alt und krank, sein Freund, der Herzog von Wellington ist tot, und die englische Armee ist nur noch ein Schatten der Armee, die Napoleon geschlagen hat. Es ist schon symptomatisch für den Zustand der Armee, dass sie Raglan das Oberkommando im Krimkrieg anvertraut und solche Leute wie Cardigan ein Regiment führen dürfen.

Der Krimkrieg gegen die Russen (die vor vierzig Jahren noch die Verbündeten Englands waren) ist ein Desaster, Raglan scheint stellenweise die Übersicht zu verlieren und redet immer von den Franzosen, wenn er die Russen meint. Irgendwie hat er immer noch Waterloo im Kopf. Das gefällt allerdings den Franzosen, die jetzt Englands Verbündete sind, nicht so sehr.

I am the very model of a modern Major-General,
I’ve information vegetable, animal, and mineral,
I know the kings of England, and I quote the fights historical
From Marathon to Waterloo, in order categorical;
I’m very well acquainted, too, with matters mathematical,
I understand equations, both the simple and quadratical,
About binomial theorem I’m teeming with a lot o‘ news,
With many cheerful facts about the square of the hypotenuse.
I’m very good at integral and differential calculus;
I know the scientific names of beings animalculous:
In short, in matters vegetable, animal, and mineral,
I am the very model of a modern Major-General.
I know our mythic history, King Arthur’s and Sir Caradoc’s;
I answer hard acrostics, I’ve a pretty taste for paradox,
I quote in elegiacs all the crimes of Heliogabalus,
In conics I can floor peculiarities parabolous;
I can tell undoubted Raphaels from Gerard Dows and Zoffanies,
I know the croaking chorus from The Frogs of Aristophanes!
Then I can hum a fugue of which I’ve heard the music’s din afore,
And whistle all the airs from that infernal nonsense Pinafore.
Then I can write a washing bill in Babylonic cuneiform,
And tell you ev’ry detail of Caractacus’s uniform:
In short, in matters vegetable, animal, and mineral,
I am the very model of a modern Major-General.
In fact, when I know what is meant by „mamelon“ and „ravelin“,
When I can tell at sight a Mauser rifle from a Javelin,
When such affairs as sorties and surprises I’m more wary at,
And when I know precisely what is meant by „commissariat“,
When I have learnt what progress has been made in modern gunnery,
When I know more of tactics than a novice in a nunnery—
In short, when I’ve a smattering of elemental strategy—
You’ll say a better Major-General has never sat a gee.
For my military knowledge, though I’m plucky and adventury,
Has only been brought down to the beginning of the century;
But still, in matters vegetable, animal, and mineral,
I am the very model of a modern Major-General
.

Wenn Sie sich jetzt durch diesen Zungenbrechertext hindurchgekämpft haben, werden Sie sicher der Meinung sein, dass sich dieser Text nicht auf Lord Raglan (oder Lord Cardigan oder Lord Lucan und wie sie alle heißen) beziehen kann. Tut er auch nicht. Dies ist eine Arie aus Gilbert und Sullivans Pirates of Penzanze. Sie sollten sie sich unbedingt auf YouTube anhören (der Song über die Elemente von Tom Lehrer wird übrigens nach der gleichen Melodie gesungen).

Derjenige, der hier satirisch gefeiert wird, heißt Garnet Wolseley. Bei der Belagerung von Sewastopol ist er noch nicht Sir Garnet, noch kein Viscount und noch nicht Our Only General (Disraeli). Da ist er noch der Hauptmann Wolseley, der gerade ein Auge verloren hat. Er ist nicht adlig, er hat sich seinen Dienstgrad nicht gekauft (er wird als Oberkommandierender der englischen Armee dafür sorgen, dass diese Praxis abgeschafft wird). Im Stab des Quartermaster General wird er den Abzug der Engländer organisieren und als einer der letzten Engländer die Krim verlassen. Er hat schon gesehen, dass die Fehlplanung der Engländer (die kein Holz für den Winter und kein Futter für die Pferde gekauft hatten und die einfachsten hygienischen Vorsichtsmaßnahmen unterlassen hatten) verhängnisvoll für die Armee war. Nicht nur Lord Raglan stirbt an der Ruhr, Krankheiten dezimieren die englische Armee. Die Engländer verlieren mehr Soldaten durch Krankheiten als durch Kriegsverletzungen. Wolseley wird alles anders und besser machen, je weiter er noch oben kommt.

Er wird, wie Raglan und Cardigan, auch etwas zur Mode beitragen. Er schafft die roten Röcke der Felduniform ab und ersetzt sie durch die Khakiuniform. Wobei das Jackett nach dem Norfolk Jackett geschneidert wird. Das Norfolk Jackett (der Vorläufer des Tweedjacketts) ist das, was die viktorianische upper class jetzt zum Moorhuhnschiessen oder anderen Freizeitvergnügungen in der Natur trägt. Raglanmäntel, Cardigan Strickjacken und Norfolk Jacketts, die zur Uniform werden: der Krieg ist schon der Vater aller Dinge.

Ein junger russischer Adliger, der bei Sewastopol dabei ist, wird über den Krieg schreiben Sie sehen hier entsetzliche, die Seele erschütternden Bilder, sehen den Krieg in seiner wirklichen Gestalt mit Blut, Qualen und Tod. Seine Sewastopoler Erzählungen werden die Keimzelle eines der größten Bücher der Weltliteratur sein: Woina i mir.

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