Parapluie

Betrübend ist und wenig nütze 

das Parapluie mit einem Schlitze. 
Auch braucht man, läßt der Regen nach, 
ja sowieso kein Regendach.
So dichtete Wilhelm Busch, und der Dauerregen der letzten Tage bringt mich dazu, etwas über Regenschirme zu schreiben. Ich besitze einen Schirm, benutze ihn aber kaum. Mein Schirm ist schon ein halbes Jahrhundert alt, er hat einen schönen Bambusgriff (das gleiche Modell kostet heute bei Swaine, Adeney und Brigg 345 Pfund Sterling) und war einmal aus brauner Seide. Das mit der braunen Seide musste unbedingt sein, obgleich mein Vater es wohl lieber gesehen hätte, wenn sein Filius sich einen schwarzen Schirm gekauft hätte. Aber ich hatte in Kopenhagen auf der Ströget im Sommer 1960 einen dänischen Gentleman gesehen, der einen braun-grauen Glencheckanzug trug, dazu einen braunen Bowler und einen braunen Schirm. Das erschien mir damals als Höhepunkt weltstädtischer Eleganz. Wäre es heute wahrscheinlich immer noch. In der Adenauerrepublik gab es ja damals Null Mode und Nullkommanix Eleganz. Einen braunen Bowler vonChristys hatte ich eines Tages auch, und beinahe hätte ich auch einen braunen Glencheckanzug gehabt. Aber dieses tolle Teil, das da im nächsten Sommer bei Charlie Hespen in Bremen am Wall im Fenster lag, war leider eine Nummer zu klein. Der Anzug war von der FirmaHobson of Copenhagen. Die Firma war, ebenso wie die dänische FirmaChristonette (die wunderbare Mäntel herstellte), damals ein Inbegriff von Qualität. Zu der Zeit sahen auch noch viele Dänen wie echte Engländer aus. Sie fuhren auch englische Autos, weil Dänemark irgendwie zollmäßig mit England verbandelt war. Aber die eleganten Dänen mit grauen Flanellhosen und englischen Tweedjacketts sind inzwischen ebenso ausgestorben wie die Firmen Hobson of Copenhagen und Christonette. Na ja, die Marken gibt es noch. Hobson ist für die italienische Firma d’Avenza eingetragen und Christonette gehört der Miltenberger Otto Aulbach. Hieß früher Miltenberger Kleiderwerke (MKW), heißt heute Daniel Hechter.Die braune Seide meines Schirms hat irgendwann ihr Seidenleben aufgegeben, jetzt ist der Schirm mit schwarzem Kunststoff bespannt. Und da war ich schon froh, ein Geschäft gefunden zu haben, das noch Schirme bespannte. Ich hatte auch mal den ersten bunten Burberry Schirm im Ort, aber den habe ich ausrangiert, es gibt zu viele davon. Der fährt jetzt immer für wolkenbruchartige Notfälle in meinem Kofferraum mit.

Obgleich uns nicht englischer erscheint als der Regenschirm, erfunden haben die Engländer ihn nicht. Schon das Wortumbrella – heute liebevoll zu brollievereinfacht – verrät einen Ursprung aus der Antike (wenn es ihn nicht schon in China gegeben hat). Ursprünglich ist es einombrella (darin steckt umbra, der Schatten) also ein Sonnenschirm. Auch im Französischen ist das Wort parasol (der Sonnenschirm) zuerst da, bevor im 18. Jahrhundert der parapluie kommt. Zu Ende des 18. Jahrhunderts tauchen in London die ersten Regenschirme auf. In der Regency Epoche werden sie zu einem unentbehrlichen Requisit von Gentleman und Dandy. Und das selbst bei Gardeoffizieren zu Pferde. Was der Herzog von Wellington nicht so gerne sieht (obgleich er selbst einen Schirm am Sattel hängen hat). Englische Gardeoffiziere tragen ihn, natürlich in Zivil, immer noch in London. Natürlich gerollt. Wenn man in Eton der Eton Society angehört, trägt man den schwarzen Schirm auch nur gerollt. Wenn der gute Kapitän MacWhirr in Joseph Conrads Erzählung Typhoon von Bord geht, verwandelt er sich in einen englischen Gentleman und trägt an elegant umbrella of the very best quality, but generally unrolled. Doch sein Steuermann Jukes sorgt für den finishing touchYoung Jukes, the chief mate, attending his commander to the gangway, would sometimes venture to say, with the greatest gentleness, „Allow me, sir“ — and possessing himself of the umbrella deferentially, would elevate the ferule, shake the folds, twirl a neat furl in a jiffy, and hand it back; going through the performance with a face of such portentous gravity, that Mr. Solomon Rout, the chief engineer, smoking his morning cigar over the skylight, would turn away his head in order to hide a smile. „Oh! aye! The blessed gamp. . . . Thank ‚ee, Jukes, thank ‚ee,“ would mutter Captain MacWhirr, heartily, without looking up. Auf solche Dinge achten Engländer, auch wenn sie am anderen Ende der Welt sind.

Der exzentrische englische PhilantrophJonas Hanway soll als erster in London einen Schirm getragen haben. Wenige wagten, seinem Beispiel zu folgen: wer keinen Schirm trug, dokumentierte doch nur, dass er sich keinen Kutscher leisten konnte oder keine eigene Kutsche besaß. Hanway hasste Droschkenkutscher (und sie ihn), und die Sache mit dem Schirm war nicht seine eigene Erfindung, das hatte er in Portugal gesehen. Dennoch setzte sich der Schirm weltweit durch. Vor allem, nachdem Samuel Fox 1852 den stählernenFox frame erfunden hatte. Schirme wurden jetzt flacher und eleganter.

Und sie werden zu einem Statussymbol für die neue Sozialfigur, die das viktorianische Zeitalter gerade erfunden hat: den Gentleman. All men are equal – all men, that is to say, who possess umbrellas, heißt es in E.M. Forsters Roman Howards End. War der Degen ein äußeres Zeichen für den Adeligen, so wird der Regenschirm ein Symbol des Bürgertums und des Gentlemans. Aber der trägt den Schirm natürlich nur in der Metropole (ob gerollt oder nicht gerollt), denn in England gibt es ein ungeschriebenes Gesetz: Tragen Sie nie einen Schirm auf dem Land! Es sei denn, Sie heißen Pater Brown und sind Landgeistlicher. Die dürfen das. Bei Landärzten erlaubt man das auch noch gerade mal. Aber wenn die Doctores James Herriot, Siegfried und Tristan Farnon heißen, dann tragen sie so dicken Tweed, dass sie nie einen Schirm brauchen.

Für anglophil angehauchte europäische Gentlemen bleibt natürlich ein Produkt vonSwaine, Adeney und Brigg oderJames Smith das Nonplusultra. Aber ganz so heil ist die Welt von Schirm, Charme und Melone auch nicht mehr. Briggs ist nach mehrfachem Besitzerwechsel nicht mehr in Familienhand, und die die Adresse am Piccadilly, wo man jahrhundertelang residierte, hat man auch aufgegeben. Vieles, was heutzutage vornehme englische Etiketts trägt, kommt aus Italien. Warum nicht dann gleich einen italienischen Schirm kaufen? Zumal das italienische Wort ombrella ja älter ist als das englische umbrella. Hier kommt die Manufaktur von Francesco Maglia in Mailand ins Spiel. Auf eine lange Tradition kann auch die zurückblicken, das Familienunternehmen ist seit 150 Jahren in Mailand ansässig. Man fertigt hier immer noch alles in Handarbeit, was bei den Engländern nicht immer selbstverständlich ist. Und Signore Maglia kann mit einem gewissen Vergnügen mitansehen, dass trotz der einheimischen Größen wie Brigg und Smith viele vornehme Londoner Adressen seine Schirme vorziehen. Selbst bei John Smith kann man inzwischen Francesco Maglia Schirme kaufen. Allerdings auch bei regenschirme-online, das ist wohl nicht ganz so vornehm. Aber es ist wahrscheinlich die Zukunft. Im gleichen Maße, in dem alle kleinen Schirmfachgeschäfte, die auch noch Schirme reparierten und neu bespannten, verschwunden sind, wachsen die Billigangebote von Schirmen im Internet. Sogar bei Amazon gibt es schon welche.

Mir fiel am Sonnabendnachmittag (sehr regnerisch) im Antiquariat Eschenburg das Buch Ein Regenschirm für diesen Tag von Wilhelm Genanzino in die Hand. Dass es Genanzino gab, wußte ich immerhin, über den Roman wusste ich nichts. Dass dies ein Riesenerfolg gewesen war, der seinen Ruhm begründete, habe ich nicht gewusst. Wenn ich die neuere deutsche Literatur nicht im Grabbelkasten entdecke oder zu Weihnachten geschenkt bekomme, hat sie bei mir eh keine Chance. Ich besitze einen unsichtbaren Schirm gegen Medienhype, dieser Schirm lässt keinen Reich-Ranicki und keine Sigrid Löffler durch. VomLiterarischen Quartett kenne ich nur diese Sendung, zweifellos ein Höhepunkt.

Aber den Genanzino habe ich an diesem verregneten Nachmittag mitgenommen. Ich dachte mir, ich könnte mir daraus noch etwas borgen, um meinen Artikel über Regenschirme literarisch zu überhöhen. Aber in Bezug auf Regenschirme bietet der Roman leider nichts (umso mehr erfahren wir über das Tragen von rahmengenähten Herrenschuhen), dennoch waren die 4,50 € für eine makellose Erstausgabe nicht verschwendet. Es ist ein schöner kleiner Roman, witzig und traurig zugleich. Aber für eine literarische Abrundung eines Regenschirm Essays nicht zu gebrauchen. Da greifen wie doch zu etwas Erprobtem wie dem Struwelpeter:

Wenn der Regen niederbraust,
Wenn der Sturm das Feld durchsaust,
Bleiben Mädchen oder Buben
Hübsch daheim in ihren Stuben. –
Robert aber dachte: Nein!
Das muß draußen herrlich sein! –
Und im Felde patschet er
Mit dem Regenschirm umher.
Hui, wie pfeift der Sturm und keucht,
Daß der Baum sich niederbeugt!
Seht! den Schirm erfaßt der Wind,
Und der Robert fliegt geschwind
Durch die Luft so hoch, so weit;
Niemand hört ihn, wenn er schreit.
An die Wolken stößt er schon,
Und der Hut fliegt auch davon.
Schirm und Robert fliegen dort
Durch die Wolken immerfort.
Und der Hut fliegt weit voran,
Stößt zuletzt am Himmel an.
Wo der Wind sie hingetragen,
Ja! das weiß kein Mensch zu sagen.


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