Schuhcreme

Vor Jahren beklagte Joseph Graf von Westphalen, ein Essayist, den ich immer sehr geschätzt habe, im Kursbuch (der Lieblingszeitschrift der deutschen Linksintellektuellen) einen schlimmen Kulturverfall. Der Kiwi auf der Kiwi Schuhcreme hatte ein neues Design bekommen. Nichts bleibt, wie es war. Auch der Erdal Frosch ist nicht mehr der alte, das erweckte von Westphalens Zorn im Kursbuch 79 (Februar 1985). Das Kursbuch gibt es inzwischen leider auch nicht mehr, wahrscheinlich gibt es auch keine Linksintellektuellen mehr.

Kiwi Schuhcreme war immer etwas für Kenner. Manchmal war sie schwer zu bekommen. Renommierte Schuhgeschäfte führten sie eines Tages nicht mehr, weil es sie angeblich schon bei Karstadt und Woolworth gab. Seit der junge William Ramsey, der aus einer nach Australien ausgewanderten schottischen Familie stammte, vor über hundert Jahren seine erste Schuhcreme entwickelt hatte, hat diese Dosencreme eine lange Tradition. Sie bekam irgendwann den Namen Kiwi, weil die Frau von William Ramsay aus Neuseeland kam, und fortan war der Kiwi auf der Dose. Bis er neu stilisiert wurde und den Zorn von Joseph von Westphalen erregte. 1967 wurde Kiwi International gegründet, und 1984 wurde die Firma ein Teil der Sara Lee Corporation. Das muss wohl auch die Zeit gewesen sein, wo es ein neues Design gab. Und Lieferengpässe. Wahrscheinlich weil Schuhcreme nur mit Gefahrguttransportern bewegt werden darf. Das ist schon ein gefährliches Zeug, diese Schuhcreme.

Und Schuhcreme ist, wie ich vor Jahren feststellen musste, ein sehr gefährliches Thema. Michael Rieckhof von der Firma Kelly’s hatte mir vor Jahren einen Gutschein für ein Schuhpflegeseminar geschenkt. Ich wußte bis dahin gar nicht, dass es so etwas gibt, weiß aber inzwischen, dass Schuhpflegeseminare von Nord bis Süd, von Kelly’s bis Ed. Meier, eine ganz große Sache sind. Ich war zuerst ein wenig skeptisch, weil es für mich so etwas wie carrying coal to Newcastle war. Denn wenn jemand ein Meister der Schuhpflege ist, dann bin ich das. Aber ich habe der Einladung natürlich Folge geleistet. Zumal sie umsonst war und die anderen Herren an diesem Abend dafür richtiges Geld bezahlt haben. Es wäre aber auch jeden Euro wert gewesen, denn der Referent war ein ausgewiesener Fachmann.

Er heißt Helge Sternke und gilt vielen als der Schuhpapst. Er hat neben seinem Buch Alles über Herrenschuhe auch wohl alle Wikipedia Artikel geschrieben, die mit Schuhen und Schuhpflege zu tun haben. An dieser Stelle will ich nicht versäumen, herzliche Glückwünsche an Wikipedia auszusprechen. Das etwas vorlaute Kind wird heute zehn Jahre alt.

Helge Sternke trug an dem Abend ein Paar französischer Schuhe von J.M. Weston. Ich habe auch ein Paar von dieser Firma, die ich bei ebayfür den Festpreis von 50 Mark gekauft hatte, nagelneu mit originalen hölzernen Schuhspannern. Stammten von einer Dame der besseren Gesellschaft, der der Ehemann wegen einer Jüngeren abgehauen war. Jetzt machte sie sich einen Spaß daraus, seine Luxusgarderobe zu Dumpingpreisen bei ebay zu verticken. Das habe ich Helge Sternke aber nicht erzählt. Ich trug an dem Abend ein Paar Edward Green Schuhe. Dadurch war ich dem Referenten gleich sympathisch. Er war nur manchmal bei seinem Vortrag ein wenig von meinen Zwischenfragen genervt. Das hatte er wohl nicht so oft, dass da ein kleiner Guru unter seinen Zuschauern saß. Aber der Vortrag hatte es in sich: Power Point Präsentation von 18 bis 22 Uhr, nur unterbrochen von einer halbstündigen Pause, in der Kartoffelsalat mit Würstchen und Bier gereicht wurde. Das Ganze war auch didaktisch hervorragend gemacht, jeder Teilnehmer bekam die zweihundert Schuhcremedosen, die auf dem Tisch drapiert waren, einmal in die Hand. Es wurde auch gezeigt, was man mit dem Einsatz von zwei verschiedenfarbigen Schuhcremes erreichen kann. Ich habe in mehreren Jahrzehnten an der Uni viele Vorträge gehört, die nicht so inhaltsreich waren wie dieser. Kurz nach zehn bin ich gegangen, da fing der Praxisteil an, aber Schuheputzen kann ich schon. Es waren jedoch an diesem Abend viele Herren da, für die alle Feinheiten der richtigen Schuhpflege völlig neu waren. Wenn Männer ihre Schuhe geputzt haben wollen, stellen sie sie vor die Tür des Hotelzimmers. Wenn Sie einen völlig ungepflegten Schuh einmal farblich völlig renovieren lassen wollen, dann habe ich hier noch einen Geheimtipp. Schauen Sie mal auf diese Seite, das hat schon nichts mehr mit dem einfachen Schuhputzen zu tun. Hier werden Schuhe zu kleinen Kunstwerken verwandelt.

Wenn ich sage, dass Helge Sternke als ein Schuhpapst gilt, so muss ich auch sagen, dass es Gegenpäpste gibt. Weil Sternke das Schuh-Evangelium der Schuhcremefirma Burgol predigt und manche der Meinung sind, dass Burgol etwas vom Teufel Gesandtes ist. Die schwören dann auf das französische Saphir Medaille d’Or oder andere Produkte. Diese drei Schuhcremes, Kiwi, Burgol und Saphir, sind alle schon achtzig Jahre alt; auf diesem Gebiet gibt es keine wirklichen Neuentwicklungen. In der erbittert geführten Schuhcremedebatte gibt es ganz klar ein Schisma in den Glaubensfragen der Jünger des Heiligen Crispin. Ed. Meier in München, auch einer dieser Päpste (dessen Firma schon seit 1596 existiert), rät zum Beispiel in seinem Ratgeber zur korrekten Schuhpflege dazu, Schuhe zu waschen. Für diese Ansicht wird er von anderen Schuhpäpsten exkommuniziert. Ich halte das auch für ziemlichen Unsinn. Ein Pferdelederschuh hat ein feuchtes Tuch von Zeit zu Zeit ganz gerne, und natürlich kann man einen völlig verdreckten Schuh einmal mit einem nassen Lappen abwischen. Aber waschen?

Ich werde bestimmt nicht exkommuniziert, weil ich keiner der Schuhcremereligionen angehöre, und von keiner Schuhcremefirma Geld bekomme wenn ich dies hier schreibe. Ich benutze zwar Burgol, aber nur Schwarz (weil es schwärzer ist als alle anderen – das sollte sich die CDU mal merken) und Bordeauxrot. An helle braune Schuhe lasse ich nur Kiwi Light Tan. Und natürlich putze ich, wie Abraham Lincoln, meine Schuhe selbst. Ich bin ja nur auf das Thema Schuhcreme gekommen, weil ich gerade von Gabi ein verspätetes Weihnachtsgeschenk bekommen habe. Zwei Dosen Kiwi, Parade Gloss Prestige. Das neue Premiumprodukt speziell für den englischen Markt. Gab es bei Hilditch&Key, wo sie sich zwei Blusen gekauft hat. Bei Hilditch&Key können Sie gerne Kiwi Schuhcreme kaufen, aber kaufen Sie da keine Oberhemden wie Karl Lagerfeld das tut. Jahrzehntelange Erfahrung mit inzwischen allen Hemdenfirmen aus der Jermyn Street haben mir gezeigt, dass die Kragen und Manschetten bei H+K nach kürzester Zeit hin sind.

Es gibt die ultimative Schuhcreme: ein Manufakturprodukt, dessen Zusammensetzung nicht allgemein bekannt ist. Das Rezept findet sich in dem ersten Buch von Hilke Rosenboom, das Die Rezepte, für die man geheiratet wird heißt. Das Buch ist zwar vergriffen, ist aber für Preise zwischen 0,01 und 65,00 Euro noch massenhaft bei Amazon Marketplace greifbar. Es ist ein kluges (und witziges) Buch über Männer und Frauen, ich könnte stundenlang daraus zitieren. Ich kannte Hilke Rosenboom, die leider schon vor zwei Jahren gestorben ist, weil sie mal mit einem Kollegen von mir verheiratet war. Diesen Fehler hat sie aber bald korrigiert. In ihrem Rezeptbuch findet sich auf den letzten Seiten das ultimative Rezept für die Dame, die die ideale Ergänzung für den tweedtragenden Gentleman ist, bei dem über der TürEnglishness steht. Also da, wo bei Montaigne Que sais-je? stand. Wir allen kennen diesen Typ, ich brauche da gar nicht groß aus Kapitel sieben zu zitieren. Und womit kriegt man den rum? fragen Sie jetzt. Die Antwort ist ganz einfach: Wenn Sie das folgende Rezept auch nur ein einziges Mal gekocht haben, wird er weich wie Butter. Denn Sie haben sein Innerstes berührt, das Fundament, auf dem sein ganzes Dasein fußt. Und dann kommt das Rezept, mit dem fett gedrucktem Titel:Schuhcreme zur Pflege handgenähter englischer Schuhe. Die Zutaten und die Zubereitung werde ich an dieser Stelle nicht verraten, da müssen Sie schon etwas zwischen 0,01 und 65,00 Euro investieren und Hilke Rosenbooms Buch kaufen. Sie werden das aber nicht bereuen. Weil Männer in diesem Buch das Wesen der Frau kennenlernen können und vice versa. Der letzte Satz des Buches, der die Zubereitung der Schuhcreme abschließt, heißt übrigens: Und dann legt er sich Ihnen zu Füßen. Ja, mes demoiselles et mes dames, da wollten Sie den Kerl doch immer haben.

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