Tab Kragen

Als Theo Koll vor kurzem zum Leiter der Auslandsredaktion des ZDF avancierte, schrieb die Süddeutsche, dass sein Markenzeichen der Buttondown Kragen sei. Das wird ihm weh getan haben. Nun hat er sich schon mal mit einer Hemdkragenform profiliert, und dann so etwas. Und das von der Süddeutschen. Der besten Zeitung in Deutschland, wo allein das Streiflicht auf der ersten Seite den Kauf der Zeitung lohnt. Und die auch keine Reklame von B-Promis braucht wie die Bild Zeitung (obgleich die Werbung mit Atze Schröder schon komisch ist). Also liebe Süddeutsche Redaktion, mal ganz langsam zum Mitschreiben: das was Theo Koll trägt, ist ein Tab Kragen. Das ist was Vornehmes. Hat nichts mit Corega Tabs zu tun. Den Buttondown Kragen kann man am  Wochenende tragen. Wenn man den zum Anzug trägt, dann ist das nicht chic, sondern voll proll. Das hat Björn Engholm damals nie begriffen. Der Tab Kragen ist hierzulande nicht so verbreitet (sein Anteil an verkauften Oberhemden ist marginal), der Bundespräsident Walter Scheel hat ihn etwas populärer gemacht. Der ist ja neben Richard von Weizsäcker einer der wenigen Präsidenten der Bundesrepublik gewesen, die das Herz der Herrenaustatter erfreuten. Bevor Walter Scheel den Tab Kragen bekannt machte, wurde er nur von Hamburgern getragen, die englisch sein wollten. Und von der Hochfinanz. Otto Wolff von Amerongen trug diesen Kragen beinahe immer. Damals gehörte zum Tab Kragen eine Halbbrille aus Horn und ein Nadelstreifenanzug. Das war in einer vergangenen Zeit, als das Wort Bankier noch kein Schimpfwort war.

Dem Tab Kragen nahe verwandt sind Kragen, deren Schenkel von einer Kragennadel (möglichst in Gold) zusammengehalten werden. Und runde Kragen. Das ultimative Modell für Tab Kragen Enthusiasten ist ein runder Tab Kragen. Der Tab Kragen eignet sich nicht für voluminöse Krawatten, dicke seven folds kriegt man da nicht drunter. Der Tab Kragen kommt noch aus einer Zeit, als die Langbinder schmal und elegant waren. Er verlangt sowieso nach eleganter Kleidung, am besten einem Anzug. Man kann Hemden mit Tab Kragen nicht offen tragen, das geht gar nicht. Man kann ihn auch nicht geschlossen ohne eine Krawatte tragen. Mick Jagger hat das mal gemacht, als er noch einMod war. Aber damit ist man kein modernist, sondern nur ein nerd.

Angeblich hat Edward (den seine Familie nur David nennt), der Prinz von Wales (und spätere Herzog von Windsor), den Tab Kragen erfunden. Man liegt damit nie ganz falsch, wenn man alle Entwicklungen der Herrenmode einem Prinz von Wales zuschreibt. Diese walisischen Fürsten haben nichts zu tun, und neben ihren Liebesgeschichten konzentrieren sie sich auf die Herrenmode und sind der unangefochtene arbiter elegantiarum eines Landes, das clublandheißt. Der Sohn von Victoria hat die Bügelfalte erfunden, die Hosenumschläge und das Tweedjackett. Über den Herzog von Windsor und die Herrenmode zu schreiben, würde bedeuten, dass man ein Buch von der Länge von Der Turm schreiben müsste. Es sollte natürlich etwas mehr drin stehen, als in Suzy Menkes‘ The Windsor Style. Edward trägt auf vielen Photos der dreißiger Jahre einen Tab Kragen, auch viele Karikaturen zeigen ihn so. Andererseits gibt es auch Photos, die Männer mit einer Art Tab Kragen zeigen zu einer Zeit, als Edward noch gar keinen Schlips binden kann. Die tragen alle die neue englische Uniform, die die Armee im Burenkrieg eingeführt hat.

Die Mode (und nicht nur die Herrenmode) ist nach dem ersten Weltkrieg im Umbruch, der lounge suit setzt sich durch, und der Stehkragen verliert seine Bedeutung. Der lounge suit (diese Bezeichnung findet sich in England noch auf Einladungskarten in der feineren Gesellschaft) ist ein Anzug, bei dem alle Teile aus dem gleichen Stoff sind. Das ist heute selbstverständlich, damals nicht. Im formellen und semi-formellen Bereich halten sich immer noch Kombinationen von der Art, die wir im Deutschen Stresemann nennen. In diesen Bereichen finden wir auch noch den Stehkragen. Obgleich der immer mehr dem Umlegekragen weicht. Was allerdings nicht bedeutet, dass Hemd und Kragen aus einem Stück sind. Der Kragen wird beinahe immer noch angeknöpft, sei er aus dem Stoff des Hemdes (da bekommt man beim Kauf des Hemdes häufig gleich mehrere Kragen geliefert) oder sei er ein weißer Papp- oder Zelluloidkragen, den man später wegwirft. Kragenknöpfe sind damals noch eine Selbstverständlichkeit. Auch die Stoffstreifen unter dem Kragen der ersten Tab Hemden werden noch von einem kleinen Kragenknopf aus Messing zusammengehalten.

Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre werden der Prinz von Wales und sein jüngerer Bruder George, der spätere Herzog von Kent (nach dem angeblich der Kent Kragen benannt ist), Amerika besuchen. Dies geschieht auf Drängen der englischen Industrie und auf Wunsch des Premierministers, man möchte die wirtschaftlichen Beziehungen verbessern. Die goodwill tours haben modische Nebeneffekte. Das, was die Prinzen jetzt tragen, wird wenig später in Amerika Mode (woran Hollywood auch nicht unschudig ist): der Kent Kragen, der Tab Kragen, die Hose ohne Hosenträger, der Kreidestreifenzweireiher, Wildlederschuhe zum Zweireiher etc.. Und wenn die Royals, die alle auch Gardeoffiziere sind, ihre Regimentskrawatten tragen, dann will auch ganz Amerika Regimentskrawatten der Garderegimenter tragen. Die amerikanische Fachzeitschrift Apparel Arts bildet dreißig verschiedene Regimentskrawatten ab, und man kann sie schon bei Woolworth kaufen. Verkaufen sich wie geschnitten Brot. Für die englische Satirezeitschrift Punch ist der Ausverkauf einer Reliquie des englischen Gentlemans nur komisch. Sie reagiert mit einem bissigen Gedicht, das den Titel ‚Gents‘ Smart Neck-wear. Lines inspired by the spectacle of a number of club-ties in the windows of a sixpenny ‚cash-and-carry‘ store trägt.

Das Lexikon der Herrenmode von Hermann-Marten von Eelking kennt im Jahre 1960 den Tab Kragen überhaupt nicht (hat aber einen Eintrag für den Kent Kragen), auch für den nie erschienenen zweiten Band war kein Eintrag vorgesehen. Dabei kennt sich der Gründer des Instituts für Herrenmode und Chefredakteur des Herrenjournals mit Hemden aus. 1934 hatte der SA-Obergruppenführer Eelking das Standardwerk Die Uniformen der Braunhemden auf den Markt gebracht. Man kann zur Zeit in einer Vielzahl von Stilforen, die sich verbissen den Feinheiten der Herrenmode widmen, beobachten, dass das Lexikon der Herrenmode immer wieder lobend erwähnt wird. Es ist ein Zeitdokument der fünfziger Jahre aus der Feder eines Nazis der ersten Stunde, mehr nicht. Kostümhistorisch hat es keine Relevanz. Da braucht man es nur einmal mit den Büchern von Cecil Willett Cunnington und seiner Gattin Phillis zu vergleichen, um die Defizite des Werkes zu erkennen. Von Farid Chenounes Kulturgeschichte der Herrenmode (1993 bei Flammarion in Paris erschienen) ganz zu schweigen.

Prinz Charles trägt keinen Tab Kragen, der trägt einen Kragen, der ein wenig zum widespread collar tendiert, jenem Kragentyp, der bei uns Haifischkragen heißt. Man nennt ihn Windsor Kragen, und das ist der Kragen, den der Herzog von Windsor zu seinem Lebensende immer getragen hat. Da hatte er seinen Flirt mit dem Tab Kragen aus den dreißiger Jahren längst vergessen. Ist auch schwierig im Alter, morgens mit gichtigen Fingern den kleinen Knopf in das Knopfloch des Tabs zu würgen. Man sollte auch bedenken, dass die Kragenform etwas mit den anatomischen Gegebenheiten des Trägers zu tun hat. Wenn man keinen Hals hat, sollte man keine Cutaway Kragen tragen. Der Tab Kragen ist eher etwas für einen längeren Hals. Wer ihn trägt will etwas Besonderes sein, hoffentlich ist er es auch. Denn nur wenige kriegen das auch im Alter noch so stylish hin wie Tom Wolfe.

EINGESTELLT VON JAY UM 10:10  
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