Er war gerade sechzig geworden, als ich gezwungen war, stundenlang Autoradio zu hören. Alle möglichen Leute riefen im Sender an, um ihm zu gratulieren oder ihm einige Bosheiten auf den weiteren Lebensweg mitzugeben. Eine Anruferin empfahl ihm, seinem modischen Stil treu zu bleiben. Ich weiß nicht so genau, ob das nun Ironie war oder nicht. Zumal am frühen Morgen in Steffies Bistro in der satirischen Sendung Frühstück bei Stefanie auch über die Kleidung des Geburtstagskindes geredet wurde. Steffie (… nee, muss ich erst schmieren. Milch und Zucker nehmt ihr selber?) äußerte hier kenntnisreich die Meinung, dass Frau Gottschalk die Kleidung aus Stoffen von Möbel Roller (das war ganz klar das Modell Sitzecke Ingeborg) und Dodenhof zusammennäht. Für diejenigen, die die schöne kleine Sendung der Autoren, die auch schon Neues aus StenkelfeldMünte aktuell oder Detzer und Nelling auf dem Gewissen haben, nicht kennen sollten, gibt es hier einen Link. Nun ist Steffies Theorie, dass Frau Gottschalk (die auch seltsame Sachen trägt) ihm diese Kleidung näht, schon vor Jahren in den bunten Blättern, die bei Friseuren und Zahnärzten liegen, entkräftet worden. Aber wo kriegt man so’n Zeuch her? Kann er die Klamotten als Berufskleidung von der Steuer absetzen? Ende der sechziger Jahre, beim Swinging London, gab es ja auf der Carnaby Street so etwas Ähnliches. Und die Stones und die Beatles haben mal etwas in der Art getragen.

Oder sollte John Steed sein Vorbild sein? Aber so outriert das ist, hier scheint ja immer noch der Gentleman durch. Und es steckt auch die gute alte englische Schneiderkunst dahinter, das kann man über die Herrenoberbekleidung des Quizmasters (ein englisches Wort, das die Engländer nicht kennen) nicht unbedingt sagen. Denn so freakige Sachen John Pearse für seine Kunden gemacht hat, man merkte immer noch, dass es vom Schneider kam. Für diejenigen, die noch nie von der Legende John Pearse gehört haben sollten, gibt es auch hier einen kleinen Hinweis. Es ist ja nun nicht so, dass Thomas Gottschalk immer so herumgelaufen wäre. Früher als der noch mit Mike Krüger (Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehn) in Die Supernasen aufgetreten ist, da  hatte er einfach nur einen schlechten Geschmack.

Aber jetzt bei dieser Sendung, die er von Frank Elstner geerbt hat, da beschäftigt seine Kleidung die Nation. Also den Teil, der das sieht. Bösartige Stimmen sagen, dass man Wetten, dass…? ja nur wegen der Klamotten von Gottschalk guckt. Ich gucke immer nur 120 Sekunden, weil ich die sartoriale Eleganz des in Amerika lebenden Bayern bewundern will, dann zappe ich weg. Andere haben nicht dieses Glück, die liegen im Krankenhaus im Bett oder sitzen im Altersheim und kommen nicht an die Fernbedienung heran. Und obgleich die arg gesunkenen Zuschauerzahlen dank dieses Schweizer Schnuckelchens (das so schön Thomás hauchen kann) ein klein wenig nach oben gegangen sind, man weiß in der Chefetage schon, dass Wetten, dass…? nur noch in Krankenhäusern und Altersheimen geguckt wird.

Dennoch bleibt mir die modehistorische Herkunft dieser Kleidung ein Rätsel, ich bleibe bei der Suche noch ein wenig in England. Ich hätte da jemanden anzubieten, der ein wenig vergessen ist, aber in seinen besten Zeiten als Screaming Lord Sutch berühmt war:

Das ist er, rechts neben seinem Rolls Royce. Erinnert Sie ein wenig an Austin Powers? Da sind wir doch schon ganz nah dran. Das ist nichts anderes als der gute alte Neo Edwardian Style der Teddy Boys, der jetzt in den Sixties wieder aus der Kühltruhe der Modegeschichte geholt und psychedelisch aufgerockt wird. Und schon haben wir das, was Ted Polhemus in seinem Buch Street Style: From Sidewalk to Catwalk auf Seite 61 bis 63 behandelt. Ted Polhemus ist ein studierter Anthropologe, und sein Buch Street Style war vor Jahren das Begleitbuch zu einer Ausstellung des Victoria und Albert Museums über Jugendkulturen und ihre Mode seit den vierziger Jahren. Es gibt noch ein anderes englisches Buch, in dem man fündig werden kann. Das heißt Worst Fashions: What we shouldn’t have worn… but did. Die Autorin Catherine Horwood ist Historikerin und hat über die englische Mode zwischen den Weltkriegen promoviert. Sie kennt sich in der englischen Modeszene aus, und in Worst Fashions holt sie das geschmacklich Schlimmste aus der Garderobe heraus. Alles ein wenig wie Thomas Gottschalks Kleidung. Und die Stoffe sehen auch häufig aus, als seien sie für eine Sitzecke bei Möbel Roller bestimmt gewesen.

Wenn man in den tristen fünfziger Jahren etwas trug, das farblich ein klein wenig extravagant war, war der erste Kommentare Spielste inner Band? Im Schaugeschäft darf man offensichtlich Dinge tragen, die man im normalen Leben nicht trägt. Und da gibt es eine lange modische Entwicklungslinie, die von Peter Frankenfelds Nick Knatterton Jacketts über Gottlieb Wendehals zu Kurt Krömer führt. Gottlieb Wendehals brauchte dieses Jackett, weil er kein bisschen witzig ist. Peter Frankenfeld und Kurt Krömer können anziehen, was sie wollten, sie sind witzig. Thomas Gottschalk, die fleischgewordene Haribo Reklame, muss solche Kleidung tragen, weil er kein bisschen witzig ist. Der kriegt mal gerade eben irgendwelche schweinigelnden Altherrenwitze zustande, die dann in einem peinlichen Gegensatz zu der elaborierten Kleidung stehen.

Ich habe den Verdacht, dass sich Gottschalk (der auch privat fünf bis sechsstellige Summen für geschmacklich grauenhafte neobarocke Uhren ausgibt) mit seinen Jabots und Gilets als einen der letzten Dandys in der Nachfolge des bayrischen Königs Ludwig und des Mayerling Stils sieht. Im 18. Jahrhundert wäre er in Frankreich für einen Incroyable durchgegangen.

Obgleich diese Herren auch damals schon das Gespött der Zeitgenossen waren. ➱Karl Lagerfeld zieht diese Nummer ja mit einem gewissen Stil durch. Bei Harald Glööckler ist es schon etwas zuviel des Guten. Gottschalk ist irgendwo in der Mitte zwischen unserem Karl Otto Lagerfeld und dem schrillen Glööckler. Ich warte noch auf den Tag, wo Gottschalk, der gerade Opa geworden ist, ein eigenes Modelabel kreiert und designed. Vielleicht von Möbel Roller gesponsert.

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