Agentenmode

Als das Empire im Film noch von Gentleman Agenten gerettet wird (und das Böse noch nicht von Bruce Willis im Unterhemd bekämpft wird), tragen die selbstverständlich erstklassige Anzüge, um den Bösewichten dieser Welt entgegen zu treten. Mögen die nun Ernest Stavro Blofeld, Dr. No oder Auric Goldfinger heißen. Den letzten Namen hat sich der Schöpfer von James Bond mit besonderer Süffisanz ausgesucht. Er hatte nämlich einen Nachbarn namens Goldfinger, Ernö Goldfinger. Der war ein berühmter Architekt, aber Fleming fand, das dessen modernistisches Haus die ganze Londoner Vorstadt verschandelte (heute steht das Haus in der Willow Road unter Denkmalschutz). Und so wurde der ungarische Architekt zu einer Romanfigur. Er hat noch jahrelang unter seinem Namen gelitten, ständige Telephonanrufe von Leuten, die sich als Bond, James Bondmeldeten. Oder es sangen ihm Scherzbolde Shirley Basseys „Goldfinger“ ins Ohr. Goldfinger will den Verlag von Fleming verklagen, aber er zieht seine Klage zurück. Woraufhin ihm der Jonathan Cape Verlag die Kosten der Rechtsanwälte erstattet und ihm sechs Exemplare von Goldfinger schenkt. Ian Fleming hatte angedroht, bei der zweiten Auflage die Romanfigur statt Goldfinger Goldprick zu nennen. Das wäre noch komischer geworden.

Als man den Schotten Sean Connery als Darsteller für die Romanfigur James Bond gefunden hatte, hat man ein kleines Problem. Man muss aus dem schottischen working class hero einen englischen Gentleman machen. Das Problem hätte man mit David Niven oder Cary Grant natürlich nicht gehabt. Der Geburtshelfer für den eleganten James Bond, der sich wie selbstverständlich im Londoner Clubland bewegt, alle Weinsorten kennt und seine Anzüge aus der Savile Row bezieht, ist der Regisseur Terence Young. Der ist der eigentliche James Bond, ein Gentleman, war auf der gleichen Public School wie der fiktionale Bond. War in Cambridge. Er war zwar kein Commander in der Royal Navy wie Ian Fleming und dessen Geschöpf James Bond, aber er war Offizier der Garde. Sie haben uns bombardiert, wird Audrey Hepburn später scherzhaft bei den Dreharbeiten zu Wait Until Dark sagen. Audrey Hepburn wohnte damals in Arnheim, als die Armoured Guard Division diesen unsinnigen Plan namens MarketGarden von Montgomery ausführen musste.
Terence Young hat einmal mit dem Geheimdienst zu tun gehabt. Der MI 5 holt Captain Young 1943 aus einem Manöver der Welsh Guards in Yorkshire nach London. Eddie Chapman (den Christopher Plummer in der Verfilmung des Lebens des Doppelagenten Zigzag genauso überzeugend spielt, wie er den Herzog von Wellington spielt) hat gegenüber den ihn vernehmenden Geheimdienstbeamten Terence Young als Leumundszeugen angegeben. Wir haben vor dem Krieg zusammen Squash gespielt. Er war ein schlechter Spieler, antwortet Young einem Geheimdienstoffizier auf die Frage, woher er Chapman kenne. Und er beantwortet die maliziös vorgebrachte Frage, ob er als Gentleman normalerweise Umgang mit Kriminellen pflegen würde, mit einem ebenso maliziösen: Not particularly. Let me put it this way. I’d rather trust Eddie Chapman than a lot of officers in the Brigade of Guards. Diese Geschichte ist schöner als vieles, das sich Ian Fleming über den MI 5 ausgedacht hat.
Terence Young bringt Sean Connery alles bei, was man über das Leben in der feinen Gesellschaft wissen muss. Und Connery ist ein gelehriger Schüler. Young schleppt ihn auch zu seinem Schneider, Anthony Sinclair in der Conduit Street. Der macht Connery all die scharfen Anzüge, weswegen es sich heute noch lohnt, die frühen James Bond Filme anzugucken. Das ist in den Tagen, bevor die italienische Firma Brioni Pierce Brosnan einkleidet. So etwas würde ein englischer Gentleman ja nie tragen. Young trägt Maßhemden von Turnbull & Asser mit einer speziellen knöpfbaren Umschlagmanschette, die ihm Michael Fish macht (kann man oben auf dem Photo erkennen). Der wird sich eines Tages als Mr. Fish in der Clifford Street selbständig machen und flamboyante Rüschenhemden für Mick Jagger und David Bowie machen. Das Swinging London in den Sixties wäre nichts ohne Michael Fish. Sean Connery trägt natürlich nicht die bunten Hemden, sondern das schlichte weiße Hemd mit der Michael Fisch Manschette, das Terence Young auch trägt. Sieht sehr elegant aus. Der Pygmalion Effekt (den die Sozialpsychologie Rosenthal Effekt nennt) ist jetzt perfekt. Aus dem ehemaligen schottischen Matrosen der Royal Navy ist jetzt der Gentleman, Commander James Bond geworden. Kleider machen Leute. Über die schrecklichen Sachen, die Roger Moore als sein Nachfolger tragen muss, wollen wir jetzt lieber nicht reden. Da lohnt es auch nicht, die Filme wegen eleganter Anzüge zu betrachten.
Da sollte man lieber Patrick MacNee als Agent John Steed in The Avengers anschauen. In allen Situationen elegant, schon ein wenig dandyesk. Das wäre für Beau Brummell schon ein wenig zuviel gewesen, aber die Anzüge von Anthony Sinclair hätten ihm gefallen. So wie sie uns heute nach fünfzig Jahren immer noch gefallen.
Über die Armbanduhr, die sein Held trägt, hat Ian Fleming in seinen Romanen lange nichts gesagt. In dem Roman In Her Majesty’s Secret Service hat er ihm eine Rolex an den Arm geschrieben. Die hatte Sean Connery schon vorher in Dr. No getragen. Die Rolex (die heute bei Sammlern James Bond Rolex heißt) hatte der Produzent Albert Broccoli Sean Connery für die Dreharbeiten geliehen. Die Firma Rolex war zu geizig, eine für den Film herzugeben. Über diese Marke möchte man ja lieber nicht sagen, sie passt auch nicht wirklich zu den Anzügen von Anthony Sinclair. Der beste Kommentar auf diese Marke findet sich inNever Say Never Again, wenn Alec MacCowan als Q die Rolex von Sean Connery (inzwischen etwas gealtert und mit Toupet) mit einem Ausdruck des Ekels betrachtet. Und dann irgendwas wie Igitt, Rolexsagt, sie über die Schulter wirft und auf dem Boden zerschellen lässt. Cool.
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