Ärmelknöpfe

Aus unerfindlichen Gründen haben die Ärmel von Jacketts Knöpfe. Manchmal kann man sie aufknöpfen, Charlton Heston macht das in einem wunderbaren Schwarzweißfilm (Touch of Evil. Marlene Dietrich und Orson Welles spielen da auch mit). Ganz langsam, Knopf für Knopf, um sich dann die Hände zu waschen. Ist furchtbar unpraktisch, das Jackett auszuziehen ginge schneller. Charlton Heston spielt in dem Film einen mexikanischen Polizeioffizier. Den Schneideranzug mit den knöpfbaren Knöpfen braucht er, um in der Welt der Gringos zu zeigen, dass auch ein Mexikaner ein Mann von Welt sein kann. Und er hat als weitere Trophäe mit Janet Leigh eine blonde Amerikanerin als frischangetraute Ehefrau. Nicht mehr die Janet Leigh von Lassies Heimat (1948), aber auch noch nicht die, die in der Dusche ermordet wird.
Knöpfbare Knöpfe an den Ärmeln (was die Amerikaner manchmal surgeon’s cuff nennen) sind ein Statussymbol, Italiener lassen deshalb häufig ein oder zwei Knöpfe offen, um zu zeigen: Seht her, ich kann mir ein Jackett mit richtigen Knopflöchern leisten. Diese Demonstration wäre für den englischen Gentleman die höchste Schande. Es gibt eine hübsche kleine Anekdote aus dem 19. Jahrhundert, wonach ein russischer Großfürst zu Besuch in England einen englischen Lord fragt, was denn einen Gentleman ausmache. Und der Adlige antwortet (und schaut dabei aus dem Fenster des Clubs auf die regennasse Pall Mall): Alle Männer haben Knöpfe am Ärmel, bei einem Gentleman sind sie wirklich zum Knöpfen. Aber ein Gentleman würde NIEMALS auf diesen Umstand hinweisen. Jetzt wissen wir es, nur die Italiener nicht. Viele Geschichtswerke der Herrenmode erzählen uns (und da schreibt wohl ein Autor von dem anderen ab), dass die Knöpfe zuerst an die Uniformärmel gekommen sind. Womit man verhindern wollte, dass sich der gemeine Soldat mit dem Rock seiner Majestät die Ärmel schneuzte. Es ist völliger Unsinn, probieren Sie es aus. Man kann sich mit der Innenseite des Ärmels die Nase schneuzen, nicht mit der Aussenseite. Richtige Knopflöcher am Ärmel sind teuer, es ist eine Heidenarbeit. Das macht auch in London nicht mehr der Schneider, dafür haben die Firmen Poole, Huntsman und wie sie alle heißen, im Hinterzimmer kleine Pakistanerinnen, die zu Dumpinglöhnen Knopflöcher nähen. Maschinen können viel schönere Knopflöcher nähen, als Schneider das können. Und es gibt diese Maschinen seit mehr als einen Jahrhundert. Aber dennoch wollen Herren in der ganzen Welt ein handgenähtes Knopfloch, vor allem die Italiener. Von der Vorderseite her sehen Maschinen- und Handknopfloch gleich aus. Erst auf der Rückseite erkennt man das handgenähte Knopfloch, alles ist grauenhaft gestichelt, nix von der Akkuratesse der Seidenraupe der Vorderseite. Die Maschine kriegt das auf beiden Seiten sauber hin.
Aber auch bei den Schneidern der Savile Row sind nicht alle Knopflöcher funktional. Bei vielen sind nur zwei von vier Knöpfen knöpfbar. Manche Firmen weigern sich schlichtweg, diesen Unsinn mitzumachen. Manche Firmen überlassen es dem Kunden, ob er sich die angedeuteten Knopflöcher aufschneiden lässt. Die meisten Londoner Firmen verwenden Knöpfe mit vier Löchern, bei Huntsman und Poole haben die Knöpfe nur zwei Löcher (bei der deutschen Firma Regent drei), das mit den zwei Knopflöchern sieht irgendwie billig aus. Aber bei Huntsman und Poole möchte man eben anders sein als die anderen. Englische Knopflöcher werden in der Savile Row tiefer unten am Ärmel angesetzt als bei deutschen Konfektionsanzügen, damit will man betonen, dass der Anzug für diesen einen Träger gemacht wurde und dass man die Länge des Ärmels nicht mehr zu ändern braucht. Kleine Raffinessen. Petitessen? Alle Stilratgeber (eine florierende Gattung) füllen Seiten mit der Behandlung dieser Frage. Ganz zu schweigen von der Unzahl von Internetforen, in denen so etwas diskutiert wird. Offensichtlich haben die etwas bescheuerten Gentlemen vom Typ Bertie Wooster viele Nachfolger. Und da sagt man immer, nur Frauen hätten nur Klamotten im Kopf. Ich persönlich finde das Ganze ja albern. Ich habe das zwar an einigen Anzügen, aber ich folge dem Rat des englischen Adligen und zeige es nie.
Es gibt auch wichtigere Fragen auf der Welt. Ein Engländer (und diese Anekdote ist hundert Jahre jünger als die mit dem russischen Großfürsten) nimmt einen europäischen Gast mit in seinen Klub. Er weist auf eine Gruppe von jüngeren Männern hin, die alle nagelneue Anzüge aus der Savile Row und nagelneue John Lobb Schuhe tragen. Das sind alles Banker und Broker, sagt er. Dahinten in der Ecke sitzen die Herzöge. Die Herzöge tragen zwar auch Anzüge aus der Savile Row, aber die sind schon dreißig Jahre alt (und inzwischen abbezahlt), und ihre Schuhe stammen auch aus einem anderen Jahrzehnt. Das ist der wahre Stil. Wie das Touristenehepaar, das dem älteren Herrn in abgeschabten Klamotten, der im Vorgarten des Schlosses herumwerkelt, aus Mitleid sein mitgebrachtes Sandwich gibt, um dann bei der Schlossführung festzustellen, dass es sich bei dem Tramp um Lord Emsworth handelt. Ich borge mir mal diesen stilvollen Lord bei P.G. Wodehouse aus. In Wirklichkeit wird die Episode dem 15. Duke of Norfolk zugeschrieben. Der ja alte Kleidung tragen darf, weil er als Earl of Arundel den ältesten englischen Adelstitel besitzt. Und wenn die Angehörigen des Herzogs ihm sagen, dass er nicht in den schrecklichen alten Anzügen herumlaufen könne, entgegnete der nur:Warum nicht? In London kennt mich keiner. Und hier kennt mich jeder – was spielt es dann für eine Rolle? Henry David Thoreau hatte schon Recht als er sagte Beware of all enterprises that require new clothes.
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