Cricket

Also das ist nicht die Berufskleidung der englischen Cricket Nationalmannschaft der Damen, das ist definitely not cricket. Wenn auch die Spielkleidung beim Cricket inzwischen leider statt der eleganten weißen Flanellhosen, weißen Hemden und weißen Cricketpullovern (für englische Nationalspieler noch mit drei blauen Löwen verziert) häßlichen bunten Pyjamas gewichen ist, aber irgendwo müssen Grenzen sein. Die werden ja leider mit der Kommerzialisierung aller Dinge immer weiter nach unten verlegt. 1975 regte man sich noch über den gelblichen Sonnenhut von (dem ansonsten perfekt in weiß gekleideten) Majid Khan auf, heute sehen die Spieler aus wie die Teletubbies. Cricket (nicht zu verwechseln mit Croquet) ist der englische Nationalsport, er bedeutet den Engländern viel. Der Prime Minister John Major hat Cricket gespielt, und er versteht davon auch eine Menge. Winston Churchill hat niemals Sport getrieben, vielleicht ist er deshalb neunzig geworden. Lord Byron hat für seine Public School (Harrow) gegen Eton 1805 auf dem Cricketplatz von Lord’s gespielt. Einsubstitute durfte für ihn laufen, das konnte er mit seinem Fuß nicht so recht. Dass es substitutes gibt, weiß jeder Leser von L.P. Hartleys schönem Roman The Go-Between. Cricket ist eine eigene Welt. Das merkt der Kontinentaleuropäer bei einem Englandbesuch, wenn er von seinen Gastgebern gezwungen wird, stundenlang vor dem Fernseher zu sitzen. Heute dauert das nicht mehr so lange, seitdem der Kommerzlimited over matches durchgesetzt hat. test matches dauern aber heute immer noch fünf Tage. Cricket ist auch die einzige Sportart, in der es eine Mittagspause und eine Teepause gibt.

Neuerdings gehört auch Deutschland einem Cricketverband an, die deutsche Nationalmannschaft ist auf Platz 42 der Weltrangliste. Dahinter kommt eigentlich keiner mehr. In unseren Nachbarländern Holland und Dänemark wird Cricket schon länger auf hohem Niveau gespielt. Es ist in Deutschland zu Anfang des 20. Jahrhunderts auch gespielt worden, alle Sportarten wie Fußball oder Tennis kamen ja damals aus England zu uns. Schon zu Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Berlin Cricketclubs (es gab auch einen auf Helgoland, aber das war damals noch sehr englisch). Erst unter den Nazis ist die Sportart verschwunden, dabei gab es richtige gedruckte deutsche Regeln, bei denen alles eingedeutscht war. Weshalb allerdings der bowler derEinschenker hieß, das habe ich nie herausbekommen.

Cricket ist natürlich auch aus der englischen Literatur nicht wegzudenken. Und damit meine ich nicht nur Kiplings Gedichtzeile von den flannelled fools at the wicket. Jeder Dorothy Sayers Fan kennt die Szene, wo die wahre Identität von Lord Peter Wimsey (der undercoverin einer Werbeagentur arbeitet) während eines Cricketspiels ans Licht kommt. Und dann gibt es natürlich noch das schreiend komische Kapitel über das village cricket match in dem Roman England, Their England von dem Schotten A.G. Macdonell. Und Ian Burumas Playing the Game sollte man auch lesen, wenn man die Engländer verstehen will. Der Nobelpreisträger Sir Harold Pinter hat in beinahe jedem seiner Stücke eine Anspielung auf das Spiel untergebracht. Er war ein leidenschaftlicher Cricketspieler, der sogar seinen eigenen Club hatte. Was das Cricket zu Schaffung einer eigenen Identität alles bedeuten kann, hat der Schriftsteller, Historiker und Sozialphilosoph C.L.R. James in seinem Buch Beyond a Boundary gezeigt, einem ewigen Klassiker der Cricketliteratur. Und falls der ehemalige first class cricketer Ako A. das jetzt im Flieger zwischen Kanada und Nigeria liest: Ako, ich habe seit dreißig Jahren Dein Exemplar, willst Du es wiederhaben? Der geneigte Leser, den ich mit der Abbildung des grenzwertigen cricket hotties in diesen Text gelockt habe, wird inzwischen gemerkt haben, dass ich ein wenig von dem Ganzen verstehe. Das verdanke ich natürlich nur meinem Freund Georg, der ein halber Engländer ist, und der uns vor Jahrzehnten das Spiel beigebracht hat. Und wenn man das einmal gespielt hat, dann bekommt man so etwas leicht Fanatisches, dass man allen zeigen will, was das für ein tolles Spiel ist. Sozusagen eine Art von sportlicher Proselytenmacherei.

Also das hier, das ist natürlich das richtige Photo. Es zeigt den vielleicht berühmtesten englischen Cricktspieler, W.G. Grace, oder genauer: Dr. William Gilbert Grace. Er war auch jahrelang auf der 3 Pence Briefmarke, und selbst wenn er schon beinahe hundert Jahre tot ist, lebt er für Cricket Enthusiasten immer noch. Der viktorianische Gentleman hätte auch niemals einen Teletubbyanzug angezogen.

Dieses Bild von Sir Edward Ponsonby Staples, das im Cricketheiligtum, dem Pavillion des MCC hängt, zeigt ein test match England gegen Australien, das in dieser Besetzung so nie stattgefunden hat. Auf englischer Seite sind W.G. Grace und der erste fast bowler der  Geschichte des Cricket, F.R. Spofforth, zu erkennen. Der hatte den Beinamen The Demon. Der Kapitän der englischen Nationalmannschaft, Lord Harris, steht vorne links. Er trägt einen bunten Blazer (eigentlich ist es eher eine Strickjacke), wie es jetzt unter sportbegeisterten Gentlemen Mode ist. Lord Harris ist ein Freund des Prinzen von Wales. Als George Harris einmal ein gerade für die Mode frisch erfundenes Tweedjackett getragen hat, sagte Edward Na, Harris, geht’s zur Rattenjagd? Edward ist der unangefochtene arbiter elegantiarum in dieser Zeit, er bestimmt, was in der Herrenmode angesagt ist, nicht Lord Harris. Später wird er auch Tweedjacketts tragen. Edward, der Sohn Viktorias ist auf diesem Bild, rechts auf dem Spielfeld stehend, in schwarzem Gehrock mit Zylinder. Seine Gattin ist ganz in weiß und rosa, die mit dem Sonnenschirm. Der Prinz von Wales scheint uns anzugucken, in Wirklichkeit guckt er nur die Dame im gelben Kleid (die uns auch anzuschauen scheint) vorne rechts an. Das ist Lillie Langtry, auch genannt the Jersey Lily. Sie ist die Geliebte des Prinzen von Wales – und der 12. Baronet Staples (ein liebenswerter Exzentriker, der niemals Schuhe und Strümpfe trug) hat das in diesem Bild auch jedem Betrachter, der das vielleicht noch nicht wußte, deutlich gemacht.

Mein heutiges Gedicht stammt auch dieser Zeit, es wurde 1897 veröffentlicht. Da feiert Victoria ihr goldenes Thronjubiläum. Das Gedicht stammt von (Sir) Henry Newbolt und heißt Vitai Lampada. Das ist Lateinisch und heißt Fackel des Lebens, ist eine Zeile in Lukrez‘ De rerum natura. Liest heute keiner mehr, gab es aber vor Jahrzehnten in der Reihe von Fischers Exempla Classica. Was waren das für Zeiten, als es Klassiker der Philosophiegeschichte noch in einer Taschenbuchreihe gab!

There’s a breathless hush in the close tonight
Ten to make and the match to win –
A bumping pitch and a blinding light,
An hour to play and the last man in.
And it’s not for the sake of a ribboned coat
Or the selfish hope of a season’s fame, 
But his captain’s hand on his shoulder smote.
„Play Up! Play up! And play the game!“


The sand of the desert is sodden red –
Red with the wreck of the square that broke;
The gatling’s jammed and the colonel dead,
And the regiment blind with dust and smoke.
The river of death has brimmed its banks,
And England’s far and Honour a name,
But the voice of a schoolboy rallies the ranks.
„Play up! Play up! And play the game!“


This is the word that year by year
While in her place the school is set
Every one of her sons must hear,
And none that hears it dare forget. 
This they all with joyful mind
Bear through life like a torch in flame,
And falling fling to the host behind.
„Play up! Play up! And play the game!“


Das Paradestück des englischen Imperialismus, der Zögling der Public School, der sich in einer beinahe ausweglosen Situation im Cricket bewährt, wird sich auch für die Sache Englands im Krieg bewähren. Wenn der Wüstensand (Afghanistan?) schon rot vom Blut der Soldaten ist. Wellington wird der Satz zugeschrieben, dass die Schlacht von Waterloo auf den playing fields of Eton gewonnen wurde, er hat ihn wohl nicht gesagt, so etwas klingt aber immer gut. Gegen dieses Gedicht klingt Rudyard Kipling, den man immer für einen Apologeten des Imperialismus hält, im gleichen Jahr mit seinem GedichtRecessional ja wir ein Linksliberaler. Sein Gedicht warnt (lest we forget, lest we forget) vor dem Zusammenbruch des riesigen Weltreiches. Newbolts Gedicht wurde im Ersten Weltkrieg von der englischen Propaganda als Durchhaltelyrik gebraucht, und viel mehr ist es ja auch nicht. Sir Henry Newbolt hat auf einer Lesereise in Kanada 1923, als er immer wieder aufgefordert wurde, dies Gedicht zu rezitieren, gesagt, dass er das Gedicht hasse: It’s a kind of Frankenstein’s monster that I created thirty years ago. Aber Frankensteins Monster ist immer noch in den Gedichtsammlungen und heimlich in vielen Köpfen. Als Gegenmittel gibt es zum Ausklang noch ein kleines charmantes und überhaupt nicht martialisches Gedicht von John Arlott, dem berühmtesten Cricketkommentator Englands. Es klingt ein wenig nach der Lyrik von John Betjeman. Das ist kein Zufall, Betjeman ist der dichterische Mentor seines Freund John Arlott gewesen.

Like rattle of dry seeds in pods
The warm crowd faintly clapped;
The boys who came to watch their gods,
The tired old men who napped.


The members sat in their strong deckchairs,
And sometimes glanced at the play,
They smoked and talked of stocks and shares,
And the bar stayed open all day.

Advertisements