Lodenmäntel

Sie mögen uns ja nicht so gerne, die Engländer. Obgleich sie seit Jahrhunderten ihre Könige von uns beziehen (der erste George hatte seine Koffer gar nicht erst ausgepackt, weil er glaubte, man würde ihn sofort wieder nach Hause schicken). Aber vor hundert Jahren treten sie trotz ihrer angeblichen Tierliebe Dackel, nur weil das deutsche Hunde sind. Und die Battenbergs taufen sich in Mountbatten um. Englische Zeitungen machen bei jeder Gelegenheit Naziwitze, und bei der Fußballweltmeisterschaft 1966 haben sie unsere Jungens als cry babiesbeschimpft. Manches von uns lieben sie auch. Vorsprung durch Technik ist blitzschnell in die englische Sprache gewandert.
Und irgendwie scheinen sie auch Lodenmäntel zu lieben. Das ist nun einigermassen erstaunlich. Denn wenn eine Nation Mäntel für jede Gelegenheit hat, dann sind es die Engländer. Chesterfield, Havelock, Dufflecoat, Covertcoat, Crombie, Trenchcoat, Ulster, Benny, Caban, British Warm, und wie sie alle heißen. So etwas haben wir nicht, wir haben nur Lodenmäntel und Kleppermäntel. Früher auch mal Ledermäntel, aber da reden wir lieber nicht drüber. Warum tragen die Engländer Lodenmäntel?
Douglas Hurd, der Außenminister von Maggie Thatcher hatte einen. Das war sogar den englischen Mode- und Zeitgeistmagazinen einen Artikel wert. Der von Hurd war grün und ziemlich scheußlich. Es gibt ja bei Lodenmäntel eine große Skala von elegant bis furchtbar. Für den Independent war Hurds grüner Lodenmantel 1994 ein Zeichen der Öffnung Englands nach Europa hin: In his English suit, and distinctly un-English green loden coat, the Foreign Secretary’s very presence seems to imply that Britain and Europe can co-exist in comfort and some style. Hurds Kollege Sir David Carol Mather hatte da eine andere Meinung: Douglas, the last time I saw a man dressed in a  coat like that, I shot him. Hardy Amies hatte auch einen. Aber Sir Hardy zählt nicht so richtig, der war Modeschöpfer und Schneider der Königin, und er war in seiner Jugend in Deutschland gewesen. Fand als Modeschöpfer aber Loden gut und hat sich während des Zweiten Weltkriegs seine Offiziersuniform aus Loden geschneidert (So much chic-er, that green rather than beige, don’t you agree?). Douglas Hurd war nicht der einzige Engländer, der einen Lodenmantel hatte. Damals war es in der upper class schon chic geworden, Loden zu tragen. Lady Diana Spencer hatte auch einen. Andrew Motion, bis zum letzten Jahr Poet Laureate, trägt einen. Manche Gentlemen trugen auch noch zwiegenähte Haferlschuhe zum Loden coat. Ich weiß nicht, ob John Lobb die im Programm hatte, aber bei Schuh Bertl in München gab es die auf jeden Fall. Für den Lodenmantel braucht man gar nicht nach Bayern zu reisen.
In London gibt es einen kleinen Laden, der nach einer Romanfigur von Marcel Proust Swann’s Way heißt. Der hat alles, was Firmen wie Schneiders anbieten. Es gibt auch eine Internetseite einer Firma in Leeds mit dem schönen Namen Born for Loden, und Firmen wie John Partridge, Barbour oder Orvis bieten heute wie selbstverständlich Tiroler Loden an.Der Lodenmantel war Hermann-Marten von Eelking in seinemLexikon der Herrenmode 1960 keinen Lexikoneintrag wert. Allerdings sollte er im zweiten Band vorkommen, leider ist dieser Band nie erschienen. Angeblich ist der Lodenmantel von August Loden im Dresden im 19. Jahrhundert erfunden worden, aber diese Gesichte ist natürlich zu schön, um wahr zu sein. Gewalkter Loden als Stoff ist sehr viel älter, das Althochdeutsche und das Mittelhochdeutsche kennen das Wort schon lange, bevor es August Loden gab. Der Lodenmantel und sein Vorläufer, die Lodenkotze (ja, die heißt wirklich so, heißt im Althochdeutschen chozzo) sind ja untrennbar mit der Tracht verbunden. Und da geraten wir in gefährliches Wasser, gegen Tracht darf man ja in Bayern kein böses Wort sagen. Und für viele Amerikaner ist es häufig das einzige, was sie von Deutschland kennen. Es wird den Bayern wehtun, aber so alt ist ihre bayerische Tracht gar nicht. Ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Die Trachtenpflege, um die sich der Prinzregent Luitpold von Bayern verdient gemacht hat, sollte den Bayern ihre Identität geben. Das ist ein ähnliches Phänomen wie die Neuerfindung des schottischen Tartans im 19. Jahrhundert. Der Prinzgemahl Albert hat da für Balmoral Phantasie Tartans für den Teppichboden und die Wände erfunden. Und natürlich den Balmoral Tartan nur für die königliche Familie. In dieser Zeit erfinden die Engländer auch den Tweed, das Wort gab es vor dem 19. Jahrhundert gar nicht. Wahrscheinlich ist es eine Falschschreibung von twill, aber die Assoziation mit dem gleichnamigen schottischen Fluss ist bei der gerade ausgebrochenen Schottlandbegeisterung natürlich naheliegend. Die englischen Gentlemen, die auf ihren Reisen jetzt Tweed tragen, entdecken in den Alpen den Loden. Wenn man bedenkt, dass die Engländer im 19. Jahrhundert den ganzen Alpentourismus erfunden haben, ist es natürlich naheliegend, dass sie aus Bayern und Tirol auch mal  Lodenmäntel mit nach Hause bringen.

Bei uns werden Lodenmäntel mit bayrischer Tracht, Jägern und Landwirten in Verbindung gebracht, diese Mäntel sind dann meistens grün wie der von Lord Hurd. Der Volksmund spricht da schon von der Lodenmantel Fraktion. Aber natürlich gibt es auch Leute, die einen Lodenmantel tragen, und die nicht unbedingt Hubertusjünger sind und Wild und Hund abonniert haben. Den Lodenstoff gibt es in allen Qualitäten. Die groben sehen aus, als hätte man einem irischen Wolfshund das Fell abgezogen, während der so genannte Hochzeitsloden glatt, glänzend und weich ist. Neuerdings wird auch schon Loden aus Kaschmir angeboten, was natürlich ein bisschen pervers ist.

Im gleichen Maße, in dem die Wollweber immer feinere, glattere Stoffe anbieten (Super 180 ist schon keine Seltenheit mehr), scheint sich der Verbraucher nach den raueren Stoffen wie Tweed und Loden zurückzusehnen. Typisch dafür ist vielleicht die Erfolgsgeschichte von Peter King. Der hatte irgendwann die Londoner Modewelt satt, zog aufs Land und betrieb ökologischen Landbau. Als die Maul- und Klauenseuche 2001 seine Farm erwischte, begann er über das Internet, vintage bespoke clothes zu verticken. Was (genau wie die Entstehungsgeschichte der Firma Hackett) ein voller Erfolg wurde, er musste neuen alten Tweed weben und Jacketts nach alten Vorgaben neu schneidern lassen. Ähnliche Retrobewegungen finden wir ja bei Firmen wie Luis Trenker oder Capalbio.

Heute hat Peter King mit seiner Firma Bookster im Internet die schönste Tweed Seite und das Geschäft geht glänzend. Aber auch den Firmen, die mit Loden handeln, wie Schneiders in Österreich, scheint es nicht schlecht zu gehen. Seit Johann Georg Frey 1842 in München seine Weberei begründete und den feinen, wasserabweisenden Strichloden erfand, ist der Stoff nicht totzukriegen. Was glücklicherweise im Aussterben begriffen ist, ist der ritterkreuztragende Altnazi im Lodenmantewie die FAZ vor genau einem Jahr in ihrem Artikel Extreme Streetwear mit Botschaftkonstatierte.

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