Luxuskutschen

Lord Byron verehrt Napoleon. Tun viele in dieser Zeit, Heinrich Heine ja auch. Dieser Heldenkult erscheint uns heute ein wenig seltsam. Bevor Byron England für immer verlässt, um in Italien zu leben und in Griechenland zu sterben, lässt er sich von Charles Baxter im Long Acre (London) eine neue Kutsche anfertigen. Soll eine Kopie der Kutsche von Napoleon sein. Also das, was man auf der Karikatur von George Cruikshank sehen kann. Bei Waterloo hatte Blücher zuerst die Kutsche requiriert und wollte sie seiner Frau schicken, aber dann hat er wohl von dem Plan Abstand genommen und sie den Engländern überlassen. Die Kutsche war eh beschädigt.* Aus Paris wird Blücher aber doch noch eine Kutsche zurückbringen. Die steht heute oben auf dem Brandenburger Tor (heißt danach bei den Berlinern Retourkutsche). Byrons Kutsche ist sehr teuer, sie kostet 500 Guineas. Dafür würde man heute schon einen Rolls Royce bekommen. Charles Baxter ist der berühmteste Kutschenbauer von London, er baut Kutschen für den Hof, für die Aristokratie und das reich gewordene Bürgertum. Es ist erstaunlich, dass er die Kutsche überhaupt baut. Denn Byron hat die letzte noch nicht ganz bezahlt. Die Aristokratie zahlt nie, oder nie pünktlich, Kutschenbauer, Schneider und Schuster sind das in dieser Zeit gewohnt. Die Kutsche soll dunkelgrün werden (Napoleons Kutsche war dunkelblau), sozusagen der Vorläufer von British racing green. Auf die Türen kommen die goldenen Buchstaben N und B. Byron hat seit neuestem einen neuen Vornamen, Noel. Nach dem Familiennamen seiner Schwiegermutter, den musste er annehmen, sonst hätte er das Erbe nicht gekriegt. Das mit dem NB findet er toll, weil er jetzt die gleichen Initialen wie sein Held Napoleon Bonaparte hat. Er fährt auch gleich mit der neuen Kutsche über das Schlachtfeld von Waterloo, ein Jahr nach der Schlacht, und denkt dabei an den geliebten Napoleon. Viele Leute, die Byrons riesige Kutsche sehen, glauben, Napoleon käme zurück. Er denkt auch an Baxter, den er in einem Brief aus Brüssel an John Cam Hobhouse einen pickpocket nennt und eine Preisermässigung verlangt, die Federung und ein Rad der Kutsche versagen ihren Dienst. Aber er denkt nicht ans Bezahlen, seine Vermögensverwalter müssen ihn über die Jahre immer wieder an die Rechnung von Baxter & Co erinnern. Die steht jetzt neben einer unbezahlten Fleischerrechnung ganz oben auf ihrer Liste, weil es die kleinsten Posten sind. Noch kurz vor seinem Tod schreibt ihm sein Finanzverwalter Douglas Kinnaird beinahe flehentlich nach Griechenland, er möge doch endlich Charles Baxter bezahlen. Nach dem Tod Byrons wird die Kopie von Napoleons Kutsche für’n Appel und ’nen Ei in Genua verkauft. Man kann nur hoffen, dass Mr Baxter auch etwas davon abbekommen hat.

Anderseits kann man nicht immer eine Luxuskutsche bekommen, wenn man das Bargeld in der Tasche hat. Das muss Michael Caine am Anfang seiner Karriere erfahren. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er Geld, und da muss es natürlich ein Rolls sein. Er hat zwar noch keinen Führerschein, aber das macht nichts. Bei der Earls Court Motorshow findet er das Modell, das er haben möchte, aber er will es mit der Karosserie von Mulliner Park Ward haben (diese Firma ist ja eine Art legitimer Nachfolger von Baxter & Co). Das sagt er in seinem schönsten prolligen Cockney dem Herren am Rolls Royce Stand und verlangt nach dessen Vorgesetzten. Er bekommt eine Abfuhr, wie nie wieder in seinem Leben: I think I can assure you myself, sir, that the Mulliner Park Ward chassis will never be available on the model you require because Mr Mulliner is dead and I am Mr Park Ward, so you are getting your information straight from the horse’s mouth, as the saying goes, I think. Michael Caine betrinkt sich am Abend erst einmal mit einem Freund. Zweiter Versuch am Sonnabendmorgen, beide unrasiert und ungepflegt. Zuerst werden sie im Rolls Royce Salon nicht beachtet, und als sich dann endlich jemand, ohne höflich die Tageszeit zu entbieten mit einem What do you two want? an sie wendet, holt Michael Caine die Einkaufsliste für den Sonnabendmorgen hervor und liest vor: cigarettes, toothpaste, bread, butter, a Rolls Royce. Die haben da aber keinen Humor in dem Laden. Mit eisiger Verachtung sagt der Verkäufer How many do you want? They’re cheaper if you buy more than one. Michael Caine flüstert ihm im Rausgehen ein fuck you!ins Ohr. Michael Caine kriegt an dem Vormittag noch seinen Rolls. Der Verkäufer in der nächsten Rolls Royce Vertretung erkennt Englands berühmtesten Nachwuchsstar. Sein Freund fährt danach den neuen Rolls (bar bezahlt) zehnmal hupend an dem ersten RR Salon vorbei und jedes Mal grüsst Michael Caine mit dem Mittelfinger. Auch eine Form der Retourkutsche.

*Nachdem man die Kutsche in London lange genug ausgestellt hatte, blieb sie verschwunden. Sie wurde Jahre später auf einer Auktion verkauft und landete in Madame Tussaud’s Wachsfigurenkabinett. In der 1920 erschienenen Firmengeschichte findet sich eine ausführliche und detaillierte Bechreibung der Kutsche. Beim Brand 1925 ist die Kutsche bis auf eine Achse verbrannt. Die Achse ist heute im Napoelon Museum in Malmaison.

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