Benjamin West, der amerikanische Quäker am Hofe Georgs III, scheint wieder Konjunktur zu haben. Nach dem großen (in jeder Beziehung) Katalog von Helmut von Erffa und Allen Staley (1986) war es etwas still um ihn geworden. Dann schrieb ihn Simon Schama in sein Buch „‚Dead Certainties“‚ und wenig später folgte Alan McNairn mit seinem hervorragenden Buch „‚Behold the Hero: General Wolfe and the Arts in the Eighteenth Century“‚. Und jetzt spielt er in Martin Myrones Buch mit dem frechen Titel „‚Bodybuilding“ im vierten Kapitel „General Wolfe among the Macaronis“ auch wieder eine wichtige Rolle. Das Buch handelt natürlich nicht vom Bodybuilding, sondern ist, wie der Untertitel „‚Reforming Masculinities in British Art 1750-1810′“ sagt, eine Studie über die englische Kunst des 18. Jahrhunderts. Und es ist, das sei vorweggenommen, eine brillante und im höchsten Maße originelle Studie. Elegant geschrieben, hat das Buch etwas von Simon Schama in seinen besten Tagen, also zum Beispiel dem Schama von ‚“Nature and Culture'“, an sich. Nichts von der leichten Langeweile, die John Brewers ‚“The Pleasures of the Imagination'“ beim Lesen verbreitet – obgleich das natürlich ein grundsolides Buch ist. Grundsolide ist Martin Myrone auch. Das Buch, das bei der Yale University Press (vornehmer geht es ja nicht) erschienen ist, hatte seinen Beginn als Doktorarbeit am Courtauld Institute und ist dann erweitert und immer wieder überarbeitet worden. Wobei dem Verfasser seine Tätigkeit als Kurator der Tate Gallery sicherlich noch neue Aspekte eröffnet hat. Aber neben einer souveränen Beherrschung aller Aspekte der englischen Kunst des 18. Jahrhunderts, ist Myrone mit seinen wechselnden Ansätzen aus Kunstgeschichte, Sozialgeschichte und Cultural Studies auch noch wirklich originell. Solche Bücher gibt es nicht so häufig. Ich fand vor Jahren Matthew Craskes „‚Art in Europe 1700-1830′“ (über das Roy Porter „‚This survey comes as a breath of fresh air“ urteilte) herzerfrischend neu in seinem Ansatz, aber ich finde das Buch von Myrone noch besser.
Das 18. Jahrhundert ist geistesgeschichtlich vielleicht das interessante Jahrhundert in der englischen Geschichte. Es ist auch ein Jahrhundert der Gegensätze: Grand Style und ‚“swagger portrait'“ auf der einen Seite und Hogarths ‚“Gin Lane'“ auf der anderen Seite, beginnende Romantik in Lyrik und Landschaftsmalerei und Industrial Revolution und Blakes „’satanic mills“‚. Es ist eine Zeit der Kriege und der neuen Helden. Wie zum Beispiel dem General Wolfe, der die Franzosen vor Quebec besiegt. „‚Neue Männer braucht das Land'“ sang Ina Deters Band vor Jahrzehnten, und darum geht es auch hier, um die neuen Helden der Nation und ihre Repräsentation in der Kunst. Natürlich geht es auch um Inszenierung der „masculinity“ und um „Pomp&Circumstance“, wie man in Reynolds‘ Portrait von Banastre Tarleton sehr schön sehen kann.
Das hervorragend gedruckte Buch (mit exzellenten Farbabbildungen) ist in drei Teile (plus Vorwort und Ausblick, Bibliographie, Fußnoten und Index) gegliedert, die jeweils ein Jahrzehnt der englischen Kunst behandeln. Man kann es vom Anfang bis zum Ende lesen, aber man kann sich auch einzelne Kapitel, die in sich sehr geschlossen sind, zur Lektüre herauspicken. Wir haben in Deutschland ja kunsthistorisch (mit Ausnahme von Werner Busch) nicht so viel zum 18. Jahrhundert in England zu bieten. Das einzige war der große Ausstellungszyklus „‚Kunst um 1800″‚, den Werner Hofmann in der Hamburger Kunsthalle in den siebziger Jahren organisierte. Für Kunsthistoriker ist das Buch von Martin Myrone ein Muss, aber auch der anglophile Leser, der an Mark Girouards ‚“The Return to Camelot'“ ein intellektuelles Vergnügen hatte, wird dieses Buch mit Gewinn lesen.

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