Militärisches Schuhwerk

Bevor der Film A Bridge too Far in die Londoner Kinos kommt, versucht die Witwe des Generals Sir Frederick „Boy“ Browning mit allen Mitteln zu verhindern, dass der Film gezeigt wird. Die Witwe heißt Daphne du Maurier und ist eine weltbekannte Autorin von spannenden Geschichten. Hitchcock hat Jamaica Inn und Rebecca verfilmt, und auch The Birds basiert auf einer Erzählung von du Maurier. Ebenso Nicolas Roegs Film Don’t Look Now. Lady Daphne hat auch sehr gute Beziehungen zum englischen Königshaus, aber es hilft ihr alles nichts, der Film kommt in die Kinos. Wogegen sie sich wendet, ist die Darstellung von Dirk Bogarde, der den General sehr elegant, ein wenig effeminiert und militärisch vollständig hilflos angelegt hat.
Lady Daphne ist jetzt um den guten Ruf ihres verstorbenen Gatten bedacht. Das ist eigentlich erstaunlich, denn nach dem Krieg hat Browning nur noch gesoffen (weshalb er auch seine Ehrenposten im Buckingham Palast verloren hatte) und sie mit anderen Frauen betrogen. Und mit seinem militärischen Ruf ist es auch nicht so weit her, eigentlich verdankt er seine Karriere der Bekanntschaft mit Winston Churchill und der Protektion durch Mountbatten. Und wenn einer dieses Fiasko des Unternehmens MarketGarden, das für die Allierten in Arnheim endet, zu verantworten hat, dann ist er es. Seine Generalskollegen, vor allem die amerikanischen (James M. Gavin, der der erste Stadtkommandant von Berlin wird, äußert sich vernichtend über ihn), arbeiten ungern mit ihm zusammen und halten ihn für völlig unfähig. Browning wird nach dem Desaster von Arnheim den polnischen General Stanislaw Sosabowski als Sündenbock ausmachen, was erstens wahrheitswidrig ist und zweiten völlig un-gentlemanlike ist.
Obgleich man ihn in England offiziell nicht kritisiert, bekommt Browning nie wieder ein Truppenkommando, obwohl er die elegantesten Uniformen von allen englischen Generälen hat. Die er sich zum Teil selbst entwirft. Wenn Generäle sich erstmal ihre eigenen Uniformen entwerfen, ist das zwar gut für die Schneider der Savile Row, aber zweifelhaft für das Militär. George Patton hat das auch getan. Aber der Amerikaner darf das, der ist der einzige General, vor dem die Deutschen Angst haben. Er hat ja auch den Frankreichfeldzug in einem weißen Burberry Trenchcoat mit umgeschnalltem Pistolengürtel und zwei silberbeschlagenen Colts bestritten und für seine Panzertruppen eine eigene Uniform entworfen. Auf dem Höhepunkt des Streites um Dirk Bogardes Darstellung des Generals Browning, meldet sich der Sohn von Browning zu Wort. Der über seinen Vater zu sagen weiß: In the 1950s he was the best-dressed man in London; his shoes were immaculate. Wenn man schon ein militärischer Versager ist, dann ist es beruhigend zu wissen, dass Sir Frederick elegante Schuhe trug. Vielleicht lag Dirk Bogarde gar nicht so falsch mit seiner Darstellung. Der Film hat übrigens mehr gekostet als die Operation MarketGarden. Lady Daphne du Maurier hat den Film nie gesehen.
Wir wissen nicht, wer Freddie Browning seine eleganten Schuhe gemacht hat. Bei einem bedeutenderen General 150 Jahre zuvor wissen wir es. Der bootmaker George Hoby in der St James Street macht die Stiefel für den Herzog von Wellington, schon seit dessen Jugendtagen. Nach Wellingtons eigenen Entwürfen, der Herzog möchte es gerne bequem haben, wenn er den ganzen Tag auf dem Pferd sitzen muss. Im Verstoßen gegen die Regularien der Bekleidungsordnung sind Englands Heerführer groß. Aber man sieht es ihnen nach, wenn sie Napoleon besiegen. Die Stiefel, die der Admiral Sir Sidney Smith in der Schlacht von St Jean d’Acre trägt, sind bei der Royal Navy nicht für die Uniform vorgesehen. Aber Smith ist der erste Engländer, der Napoleon in offener Schlacht besiegt, da darf er die tragen. Obgleich die Admiralität mit diesem Exoten ihre liebe Mühe hat. Es sind im Prinzip die gleichen Stiefel, die Wellington trägt. Kürzer als der normale Reitstiefel und aus weichem Kalbsleder, enganliegend. Wahrscheinlich kommen sie auch aus der Werkstatt von Hoby. Der muss nach den Berichten von allen Zeitzeugen ein wirkliches Original gewesen sein. Er unterhielt eine Werkstatt mit dreihundert Beschäftigten, und das lateinische Sprichwort ne sutor ultra crepidam hielt ihn nicht davon ab, mit großem Erfolg als Methodistenprediger in Islington zu wirken. Sein Geschäft in der St James Street, an der Ecke zum Piccadilly, war in London eine erste Adresse. Über den Portraitmaler Ozias Humphrey vermerkt eine Zeitgenosse, dass er in dem Haus des viel berühmteren Mr. Hoby wohne. Hoby hat die Stiefel von George III gemacht und die von Lord Byron. Henry Thomas Austen, der Lieblingsbruder von Jane, hat bei ihm seine Stiefel bestellt. In seinem Laden war der Schotte Hoby ein kleiner König, und er war sich seiner Stellung bewußt. Als ein Fähnrich von der Garde namens Horace Churchill sich bei ihm beklagte, dass seine Stiefel so schlecht seien, dass er nie wieder bei Hoby Stiefel bestellen würde, rief Hoby mit gespielter Verzweiflung durch den Laden zu einem Gehilfen: John, setzen Sie die Läden vor. Mit uns ist’s alle. Ich muss mein Geschäft zumachen. Fähnrich Churchill entzieht mir seine Kundschaft. Er konnte sich das erlauben, ein guter Handwerker ist mehr wert als ein Dutzend Dandies. Der Fähnrich Horace Churchill hat auch ohne die Stiefel von Hoby noch Karriere gemacht. Bei Waterloo ist er schon Captain. Er stirbt 1843 in Indien in der Schlacht von Maharajpore, da war er schon Generalmajor.
Hoby war Hoflieferant für den Herzog von Kent, der ihm eines Tages (Hoby war beim Stiefelanmessen im Palast) die gerade erhaltene Nachricht mitteilte, dass der Herzog von Wellington die napoleonischen Truppen bei Vittoria geschlagen hätte. Was Hoby völlig cool hinnimmt, und er antwortet mit dem sang froid des wahrhaft Überlegenen: If Lord Wellington had had any other bootmaker than myself, he would never have had his great and constant successes, for my boots and prayers bring his Lordship out of all his difficulties. Da möchte man sagen: well roared lion. Galten Hobys Gebete dem Wohlergehen Wellingtons oder dass ihm dieser Kunde erhalten bliebe? Hoby hinterließ bei seinem Tode ein Vermögen von 120.00o Pfund, das sind viele Millionen nach heutiger Währung. John Harrison, der zum ersten Mal in der Geschichte wirklich genau gehende Uhren gebaut hatte, mit denen die Royal Navy navigieren konnte, hat aus dem vom Longitude Act ausgelobten Geld 20.000 Pfund bekommen. Auch das war schon ein Vermögen. Die Uhren Harrison I bis Harrison IV sind unverkäuflich, und sie gehen noch heute genau. Wobei es allerdings ein wenig komisch ist, wenn heute japanische Touristen in Greenwich den Gang eines Harrison Chronometers mit ihrer Quarzuhr vergleichen. Aber Harrison hat in seinem Leben, wie es uns Dava Sobel inLongitude berichtet, nie den Erfolg und die Anerkennung gehabt, die George Hoby zu Teil wurde. Und auch heute haben Schuhmacher vielleicht dankbarere Kunden als Uhrmacher. Prince Philip, der auch noch John Lobb Schuhe trägt, die man ihm vor einem halben Jahrhundert gemacht hat, schrieb der Firma anlässlich eines Jubiläums, dass er die Tatsache, dass er so gut durch das Leben gekommen sei, nur den Schuhen von John Lobb verdanke. Wenn wir also gut durch das Leben kommen wollen, die Schlacht von Waterloo gewinnen (oder die von Arnheim verlieren) wollen, müssen wir Schuhe aus London tragen.
Hoby hat seinen Herzog wirklich geliebt, er hat alle Briefe aufgehoben, die er von Wellington bekommen hat. Aber im Alter scheinen seine magischen Fähigkeiten als Schuhmacher doch nachgelassen zu haben. Im Dezember 1829 schreibt Wellington an seinen Freund Charles Arbuthnot und bittet ihn um die Adresse seines Schuhmachers. In den Schuhen, die Hoby ihm gemacht hat, kann Wellington nicht gehen, er humpelt nur noch. Abraham Lincoln soll einmal zu Diplomaten, die ihn im Garten des Weißen Hauses beim Schuhputzen antrafen und ihm vorhielten in England no gentleman ever cleans his own bootsgeantwortet haben: Indeed? Whose boots do they clean then?Wellington putzt seine Stiefel bis ins hohe Alter selbst. Bei der feierlichen Beerdigung des Herzogs 1852 kommen Hobys Stiefel, in denen Wellington die Schlacht von Waterloo gewonnen hat, aber noch einmal in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Die zwölf Pferde, die den Katafalk ziehen, gehören nicht dem Herzog, die hat man sich bei einer Brauerei ausgeliehen. Aber das reiterlose Pferd Wellingtons trägt die nach alter Sitte umgedrehten Stiefel in den Steigbügeln. Und kein Journalist vergisst zu erwähnen, dass die Stiefel von Hoby gemacht wurden. So bleibt der schottische Methodist seinem Herzog bis zum Tode verbunden.
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