Richard Anderson: Bespoke: Savile Row Ripped and Smoothed 

Mit siebzehn Jahren fängt Richard Anderson als Lehrling bei der berühmten Firma Huntsman an, zwanzig Jahre später hat er sein eigenes Geschäft auf der Savile Row. Mit Ozwald Boateng und Richard James zählt er zu der jüngeren Generation von Herrenschneidern, die jetzt den Geschäften mit mehr als hundertjähriger Tradition das Leben schwermachen. Bespoke: Savile Row Ripped and Smoothed ist die Autobiographie eines Mannes, der uns einen Blick hinter die Kulissen des teuersten Londoner Schneiders erlaubt. Und da ist die Welt, was Strukturen und Arbeitsbedingungen betrifft, irgendwann im 19. Jahrhundert stehengeblieben. Dies ist keine Verherrlichung des Mekkas der Herrenmode, sondern eine stellenweise sehr komische, nüchterne Bestandsaufnahme eines Working Class Boys. Der aber bei aller Kritik nichts auf die solide Handwerkskunst des Schneiders kommen lässt, auch wenn manche seiner Beschreibungen (und auch manche der beschriebenen Charaktere) von der Welt von Charles Dickens nicht so weit entfernt ist. Das Buch ist flüssig und witzig geschrieben, es hat ein Register und ein dreißigseitiges (!) Verzeichnis von Fachausdrücken, die klar und verständlich erklärt werden. Wenn man dieses Buch gelesen hat, weiß man, warum die Savile Row (und so vieles in England) in einer Krise steckt. Und sich viele Männer von Welt lieber einen Anzug von Kiton oder Zegna kaufen und die überteuerten Savile Row Produkte links liegen lassen. Ein Kiton Anzug sitzt einfach eleganter. Und seine Hosen sind gefüttert. Es ist eigentlich unvorstellbar, aber viele traditionelle Häuser der Savile Row füttern die Vorderhose nicht ab. Aber solange es Leute wie Richard Anderson (und Ozwald Boateng, Richard James und Timothy Everest) gibt, gibt es noch Hoffnung für die englische Schneiderkunst.

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