Schneiderkrieg

In der Welt der Londoner Schneider werden die Scheren gewetzt. Soho gegen Savile Row, Tony Lutwyche gegen Richard James. Letzterer war gerade Bespoke Designer of the Year des Jahres 2009. Und nun erzählt sein Konkurrent aus Soho dem Independent, dass die ready to wear(RTW) Anzüge (also das, was man hier früher „von der Stange“ nannte) von Richard James das stolze Label Made in England zu Unrecht tragen. Kommen angeblich aus Afrika, und werden in Norwich nur noch mal aufgebügelt. Die alteingesessenen Firmen in der Savile Row, die da schon länger als hundert Jahre sind, haben sich eins ins Fäustchen gelacht, ob dieses Krieges zweier upstarts. Allerdings ist ihnen das Lachen vergangen, als in dieser Diskussion herauskam, dass auch zahlreiche renommierte Schneider der Row ganz ungeniert Anzüge aus der gleichen Quelle als Made in England Produkte verkauften. Bei Ede & Ravencroft und Gieves & Hawkes war man über die Nennung ihrer Firmennamen nicht so glücklich. Dass Kilgour, French und Stanbury (einst die Schneider von Cary Grant und Fred Astaire) Anzüge anbieten, die aus Shanghai (oder von William Yu in Hongkong) kommen, war ja schon länger bekannt.
Tony Lutwyche hat keinen Groll gegen die Savile Row, er ist stolz darauf, in Soho zu sein. Das ist die Heimat der kleinen englischen Schneider, und viele der großen Namen der Savile Row haben hier seit dem 19. Jahrhundert ihre Fertigungsstätten und sweatshops gehabt. Was man ja seit Thomas Hoods „Song of the Shirt“, seit den Romanen von Dickens und den Schriften dieser beiden gemeinen Deutschen Marx und Engels lieber ganz geheim gehalten hat. Finger von unterbezahlten Schneidern, die sich blutig nähen, damit die Schneider der Row sich an den Gentlemen dumm und dösig verdienen: damit kann man keine Werbung machen. In den letzten Jahrzehnten hat es aber auch in Soho einige Schneider gegeben, die die piekfeine Gegend in London vermieden haben und trotzdem berühmt wurden. John Pearse und Mark Powell wären solche Beispiele. Und nun Tony Lutwyche. Der war Major in einem Kavallerieregiment bevor er sein Geschäft aufmachte. Er hat seine Anzüge zum Mitnehmen (RTW) nach seinen Vorgaben von einer Firma schneidern lassen, die auf erstklassige Maßkonfektion spezialisiert war. Beiläufig die gleiche Firma, die auch Richard James beliefert. Aber die Wensum Tailoring Ltd. verlagerte irgendwann ihre Produktion ins Ausland. Genauer gesagt nach Mauritius.
Die Insel gehört ja nun nicht gerade zu England, und die Freihandelszone ist auch eher berüchtigt für ihre Produktpiraterie. Aber es gibt hier auch Hersteller von Qualitätskleidung. Eine solche Fabrik wurde von dem Deutschen Karl Kaiser gegründet, der hier für seine eigene Marke Herrenoberbekleidung herstellen ließ, aber auch jahrelang für die Firma Boss Anzüge und Jackett produzierte. Inzwischen gehört die Firma den Chinesen. Also verkauft Richard James in der Savile Row in London englische Anzüge mit dem LabelMade in England, die aus einer chinesischen Fabrik auf Mauritius stammen. Sagt Tony Lutwyche. Er kann das jetzt so ungeniert sagen, denn er bezieht keine Anzüge mehr von Wensum Tailoring Ltd. Er hat vor Jahren, als die altehrwürdige Firma Chester Barrie (der einzige englische Hersteller von wirklicher Qualität) mal wieder Pleite war, die Firma gekauft. Die Firma heißt jetzt Cheshire Clothing Company. Bei der Vielzahl der Besitzerwechsel in den letzten Jahren sollten sie sich als Firmenzeichen die Cheshire Cat aus Alice in Wonderland nehmen. Das ist natürlich eine Maßnahme gegen die Globalisierung, die auch in England Arbeitsplätze sichert. Sagt der Ex-Major Lutwych. Und er kann jetzt damit Reklame machen, dass er der einzige ist, der qualitative Maßkonfektion Made in England anbietet. Und hat Ende des letzten Jahres eine Petion an den Premierminister aufgesetzt, unterschrieben von hunderten von Prominenten und nicht so Prominenten. Hierin bitte er Gordon Brown : to protect the standard and integrity of English tailoring and other goods by prohibiting any product not made entirely in this country from displaying the „Made in Britain“ label. Mal sehen, was draus wird.
Die „nation of shopkeepers“, wie Napoleon sie genannt hat, hat den guten Ruf dringend nötig. Es wird den Engländern nachgesagt, dass sie mit einer gespaltenen Zunge reden. Sie sagen Gott und meinen Kattun, ist ein böses Wort aus dem 19. Jahrhundert. Und Politikern ist ja nie zu trauen. Gordon Browns Vorgänger, Tony Blair (der jetzt neuerdings Tony B-liar geschrieben wird), begann seinen Karriereaufstieg in scharfen engen Anzügen aus London, mit farbigem Konstrastinnenfutter. Er lädt als Premierminister den neuen shooting-star Oswald Boateng in die Downing Street ein. Tony ist damals „in“. Aus Rule Britannia wird Cool Britannia. Heute ist er ganz gewaltig „out“, trägt keinen Schlips mehr, offenen Hemdkragen und findet das wahnsinnig jugendlich. Trägt ein Hemd von Christian Louboutin, als er bei Berlusconi ist. Hätte er in den Kneipen von Leicester Lokalverbot bekommen, tragen da nur die Hooligans. Der modemäßige Absturz (an dessen Ende das Angebot von Louis Vuitton an Blair steht) von Blair begann, als seine spin doctors ihn volkstümlich erscheinen lassen wollen und das Gerücht verbreiten, er würde gar keine Anzüge von Paul Smith tragen, sondern seine Anzüge bei Marks und Sparks kaufen. Spätestens aber als er sich in Hongkong bei Manu Melwani (auch Sam the Tailor genannt) zwei Anzüge, vier Jacketts und ein Dutzend Hemden machen ließ. Bei dem Honorar von 240.000 Pfund, das er da irgendwo in China für seine Reden bekommen hat, wäre es ja wohl gerade noch drin gewesen, sich die Anzüge in England zu kaufen. Aber dann in England davon reden, dass man die heimische Wirtschaft stärken müsse. Es ist mir unerklärlich, warum jemand Tony Blair Geld dafür bezahlt, dass er Reden hält. Letzte Woche bekam er kein Geld für sein Reden, da saß er vor einem Untersuchungsausschuß. Der ihn mit Samthandschuhen anfasste. It’s like watching a crocodile being questioned by toothless hamsters in Savile Row suits, kommentierte ein Zuschauer auf einer BBC Internetseite. Dieses toothless hamsters in Savile Row suits gefällt mir. Hüten wir uns davor, so etwas zu werden. Ob wir Savile Row Anzüge tragen oder nicht.
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