Das Sloane Ranger Handbook

1884 erschien die erste Lieferung des New English Dictionary, eigentlich wollte die weißbärtigen Herren da längst fertig sein. Aber sie sind erst von A bis Ameise gekommen. Hundert Jahre nach der ersten Lieferung ist das Supplement des Oxford English Dictionary (die Basis für das heutige OED) fertig, von 1957 bis 1986 hat Robert Burchfield daran gearbeitet. Bei der Präsentation betonte man, wie up to date man sei und druckte den Begriff „Sloane Ranger“ als Mustereintrag in den Katalog. Die Sloane Rangers sind jetzt in den Jahren von Mrs. Thatcher furchtbar en vogue. In Frankreich, wo sie keine Maggie Thatcher haben, gibt es ein ähnliches Phänomen. Da heißen sie BCBG (bon chic bon genre) und sind nicht nach dem Sloane Square in Chelsea und dem Lone Ranger benannt. Die Eintragung unter Sloane Ranger im OED definierte den SR als of, or pertaining to, or characteristic of, a fashionable, but upper class and conventional young woman in London.


Aber wie es so mit neuen Wörtern aus einer bestimmten Szene ist, kaum war das neue OED gedruckt, da stimmte die Definition nicht mehr. Zum einen wurde der Begriff nicht mehr nur auf junge Frauen wie Lady Diana Spencer angewandt sondern auch auf männliche Sloanies. Und die Definition war schon im Kern falsch, Sloanes gehören (mit wenigen Ausnahmen) nicht zur upper class. Sie sind (upper) middle class und möchten gerne ganz weit oben sein im englischen Klassensystem. Sloanes sind status seekers, die mit Barbour Jacket, grünen Wellingtons und einem Range Rover durch Chelsea brettern und vorgaukeln, sie hätten auf dem Land riesigen Grundbesitz. Die teuren SUVs haben dann irgendwann auch den Namen Chelsea Tractor bekommen.So sehr sich England ändert, das Klassensystem, das schon Karl Marx und Friedrich Engels zu ihren Schriften bewegt hatte, das bleibt. Über den Premierminister John Major, der das Ende des Klassensystems prophezeit hatte, lachen die Journalisten ja immer noch. Vielleicht auch, weil er seine Oberhemden in seine Unterhose stopfte, was definitiv nicht upper class ist.
Wenn man einen Einblick in das Mysterium des englischen Klassensystem tun will, dann sollte man Jilly Coopers Buch Class lesen, das zeitgleich mit dem Official Sloane Ranger Handbook erschien. Und ebensolche Verkaufszahlen erreichte. Das Buch ist schreiend komisch, wie so vieles von Jilly Cooper. Es steht auch ein bisschen in der Tradition der Bücher von G.J. Renier The English : Are they human?, Pierre Daninos Major Thompson entdeckt die Franzosen und George Mikes How to be an alien. Diese drei Herren sind Ausländer gewesen, für die die Feinheiten der englischen Gesellschaft ein ewiger Grund zum Amüsement sind. Aber Jilly Cooper kommt aus der upper middle class (ihr Vater war Brigadegeneral), und sie war auch auf den richtigen Schulen, bevor sie Journalistin wurde und Liebesschmonzetten schrieb. Sie zitiert im Vorwort eine Szene, wo die Autorin Barbara Cartland von einer Reporterin gefragt wird, ob die englischen Klassenschranken nicht schon zusammengebrochen seien.Of course they have, sagt Barbara Cartland, or I wouldn’t be sitting here talking to somenone like you. Barbara Cartland hat mehr als eine Milliarde von Liebesschmonzetten verkauft, aber ihre Tochter war die Stiefmutter von Diana. Dann ist man schon in der angeblich besseren Gesellschaft.

Die Tradition von Benimmbüchern, die uns Ratschläge geben, wie wir uns in der feinen Gesellschaft bewegen sollen, ist lang. Polonius gibt seinem Sohn im ersten Akt von Shakespeares Hamlet viele gute Ratschläge, ähnliche Dinge schreibt Lord Chesterfield seinem Sohn in den berühmt gewordenen Briefen. Und als John Debrett im 18. Jahrhundert sein Verlag mit den Adelsverzeichnissen und Büchern der Etikette aufmacht, da gibt es Baldassare Castigliones Il Cortegianoschon seit Jahrhunderten. War schon 1561 von Thomas Hoby ins Englisch übersetzt worden, Shakespeare hat es gekannt. In Deutschland gilt der Freiherr Adolph Knigge als der Erfinder der guten Manieren, aber da hat man den Schriftsteller der Aufklärung mit seinem Buch Über den Umgang mit Menschen wohl gründlich missverstanden. Das Deutschland der Adenauer Zeit bezieht seine Richtlinien von der Protokollchefin von Adenauer, einer gewissen Frau Pappritz. In deren Benimmratgeber wird geregelt, wie häufig man die Klospülung in Neubauwohnungen betätigen darf. Wir Deutschen sind schon gründlich. Heute haben wir gar keine Manieren mehr.

Neben den Sloane Rangers tauchen in den achtziger Jahren in England auch die Young Fogeys auf. Auch für die gibt es ein Handbuch, The Young Fogey Handbook. A guide to backward mobility. Young Fogeys sind den Sloanes sehr ähnlich, aber sie haben intellektuelle Interessen. Die hat ein Sloane Ranger nicht, im Sloane Ranger Handbook findet sich der schöne Satz: Anyone who has read Proust is not a Sloane Ranger. Young Fogeys sehen so aus, als seien sie aus der Verfilmung von Brideshead Revisited entlaufen, sie beschäftigen sich mit der englischen Architektur (wie Charles, der natürlich das Ideal, derSuperfogey, ist), dem Herzog von Wellington und der englischen Geschichte. Und sie sprechen natürlich das richtige Englisch. Seit ein englischer Linguist namens Alan Ross den Begriff von U and Non-U Speech geprägt hat (wobei das U für Upper Class steht) und damit die Soziolinguistik erfand, ist die englische Aussprache zu einem Klassenindiz auch für den letzten geworden, der das bisher nicht gemerkt hatte. Im 18. und 19. Jahrhundert war das noch nicht so ausgeprägt, aber spätestens seit Professor Higgins in Shaws Pygmaliondem Blumenmädchen Eliza Doolittle den working class Akzent ausgetrieben hat, möchte jeder das sprechen, was die Linguistenreceived pronunciation nennen. Dieser Verwandlungsvorgang, der jetzt nicht Kleider machen Leute, sondern Aussprache definiert die Klasse heißt, ist manchmal schon seltsam. Mrs. Thatcher, von ihrer Herkunft definitiv lower middle class, bemühte sich ihre Leben lang, königlicher als die Königin zu sprechen. Das ist ebenso komisch wie die Mrs. Malaprop in Sheridans Theaterstück The Rivals. Julie Burchill, die Königin der englischen Subkultur, hat 1985 (da war dasSloane Ranger Handbook in der 14. Auflage!) mit leichter Verzweiflung geschrieben: Dies ist immer noch das einzige Land in der englischsprechenden Welt oder Europa, in dem der Akzent eher von der sozialen Klasse als vom Landstrich abhängig ist – die Leute beurteilen Macht eher nach Akzent als nach Reichtum oder guter Bildung. Bildung zählt immer noch nichts in diesem Land, wenn man nicht so spricht wie die Bessergestellten; und wenn man so redet, kann man so doof sein, wie man will, und trotzdem aufsteigen...Aber solche Sätze von einer Frau, die in der Punk Szene angefangen hat und von der journalistischen Konkurrenz als „Trendnutte“ bezeichnet wurde, können einen Sloane Ranger nicht rühren.

Der englische Dichter John Betjeman (der von den Young Fogeys verehrt wird) hat einmal in einem Gedicht geschrieben:

A single topic occupies our minds,
‚Tis hinted at or boldly blazoned in
Our accents, clothes and ways of eating fish,
And being introduced and taking leave,
‚Farewell‘, ‚So long‘, ‚Bunghosky‘, ‚Cheeribye‘ –
That topic all-absorbing, as it was,
Is now and ever shall be, to us – CLASS.

Der englische Literaturwissenschaftler P.N. Furbank hat mit Unholy Pleasure: The Idea of Social Class ein Buch geschrieben, das Sloane Rangers, wenn sie lesen würden, nicht mögen können. Schon auf den ersten Seiten heißt es da über das class spottingIt is held to be amusing, when played as a parlour-game by Jilly Cooper or in the Official Sloane Ranger Handbook; but the game pretty soon becomes maladorous. I hardly need stress that what is involved is not a form of sociology, but rather a form of competitive social behaviour of the very kind it pretends to be studying. It is always, and of necessity, a sort of „wallowing“, to be enjoyed with „unholy pleasure“. Da können Sloanies nur spoilsport sagen.

Advertisements