Tom Wolfe

Herzliche Glückwünsche an das whizz kid aus Richmond! Thomas Kennerly Wolfe, Jr. wird heute 79. Er hat sich Tom genannt, weil er nicht mit dem anderen berühmten Thomas Wolfe verwechselt werden wollte. Der, der bei seinem Besuch in Berlin Ernst Rowohlt unter den Tisch getrunken hat. Und diesen Koffer voll Manuskriptseiten abgeliefert hat, aus denen Maxwell Perkins bei Scribners dann Look Homeward, Angel heraus sortieren durfte. Nein, dies ist der Tom Wolfe, der körperlich klein, aber geistig ganz groß ist. Der sich in den siebziger Jahren seinen ersten weißen Anzug bei Vincent Nicolosi in New York machen ließ und seitdem Nicolosis treuester Kunde ist. Die weißen Anzüge sind sein Markenzeichen geworden, schon Mark Twain hatte das erkannt, dass ein weißer Anzug einen großen Wiedererkennungswert hat. Er hat in Yale studiert, hat sogar einen PhD Titel. Begann als Journalist und hat den New Journalismerfunden. Heute assoziiert man ihn mit The Bonfire of Vanities, zu dessen theoretischer Untermauerung er einen langen Essay, Stalking the Billion-footed Beast, geschrieben hat. Rückkehr zum Roman des 19. Jahrhunderts, zu Dickens und (vor allem) Zola war das Rezept, das Dr. Wolfe den amerikanischen Schriftstellern verordnete.

Als er noch keinen weißen Anzug trug, hat er The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby geschrieben und den Geist der Sixties eingefangen wie kein zweiter. Ein hypernervöser, vibrierender Stil, geeignet zur Beschreibung von hot rod cars, Las Vegas und Junior Johnson, dem last American Hero. Später werden die American heroesin The Right Stuff wieder auftauchen und Chuck Yeager et.al. heißen. Tom Wolfe hat den Begriff New Journalism erfunden und auch einen Sammelband mit einem intelligenten Vorwort über die Anreicherung der Reportage mit literarischen Mitteln versehen. Er war nicht der einzige, der damals so schrieb, auch Hunter S. Thompson hatte es drauf. Und Norman Mailer in The Armies of the Night. Oder die hierzulande weniger bekannte Joan Didion, die eigentlich immer gut ist. Truman Capote sprang auch noch in letzter Minute auf den Zug dernon-fiction novel auf und schrieb In Cold Blood. Aufregende Zeiten für die amerikanische Literatur.
Nach den Erfolgen seiner ersten Bücher gab ihm sein Verlag eine carte blanche, und er durfte schreiben worüber er wollte. Er schrieb über Kunst, moderne Kunst und die Kunstkritiker, the kings of cultureburg. Sein Buch The Painted Word war eine Frontalattacke auf alles, was die amerikanische Kunst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs produzierte. From Bauhaus to Our House demontiert süffisant die Idolatrie der Bauhaus Architektur: O Beautiful, for spacious skies, for amber waves of grain, has there ever been another place on earth where so many people of wealth and power have paid for and put up with so much architecture they detested as within thy blessed borders?Und er beantwortet die rhetorische Frage, in die er Katharine Bates‘America the Beautiful eingebettet hat, mit einem lakonischen I doubt it seriously.
So lesenswert Romane wie Bonfire of the Vanities und A Man in Fullsind, ich finde die Essays von The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby und den nachfolgenden Büchern besser. Aber am besten gefällt mir der Tom Wolfe, der der Kunstkritiker und der Literaturkritiker ist. In The Painted Word, in From Bauhaus to Our House, dem Vorwort zu The New Journalism, dem Stalking the Billion-footed Beast und der Jefferson Lecture von 2006. Diese Institution des National Endowment for the Humanities gibt es seit 1972, die crème de la crème Amerikas hat da in Washington gesprochen. Und Tom Wolfe hatte da einen Höhepunkt, als er über La bête Humaine sprach. Ist besser als alles, was amerikanische Präsidenten in letzter Zeit gesagt haben.
Happy birthday, Tom, and many happy returns!
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