Adolf Loos

Obgleich man um 1900 in Österreich auch eine kleine Welt beherrscht, die durch das Firmenkürzel k.u.k. geeint wird, schaut man doch begehrlich nach England. Die Insel ist zwar lächerlich klein, kein Ort weiter als 120 Kilometer von der Nordsee entfernt, aber irgendwie ist es den Engländern seit dem 18. Jahrhundert gelungen, die halbe Welt zu beherrschen. Und das nicht nur politisch. Auch in Sachen des Geschmacks, die so genannte Wiener Moderne wäre nichts ohne den englischen Einfluss. Alles, was sich Ruskin und Morris ausgedacht haben und das Arts&Crafts Movement in die Tat umgesetzt hat, kommt jetzt auch nach Wien. Dank des Generalexporteurs für englische Ideen, des Botschaftsrats Hermann Muthesius (und wahrscheinlich vieler anderer). Der österreichische Architekt Adolf Loos ist sicherlich derjenige, der die Engländer am meisten verehrt.
Er ist, ganz nebenbei auch ein großer Dandy und einer der bestangezogenen Herren von Wien (http://dandy-club.blogspot.com/search/label/Adolf%20Loos). Es ist sicherlich kein Zufall, dass er als junger Mann auf der Rückreise von Amerika einen Zwischenstopp in London einlegte und sich in der Savile Row neu einkleidete. Er hat auch 1898 einen Artikel über die Herrenmode geschrieben. Er hat sowieso mehr geschrieben als gebaut, und in seinen theoretischen Schriften über die Funktionalität der Architektur tauchen die (englische) Herrenmode und die englische feine Gesellschaft immer wieder auf. Wer sich darüber informieren möchte und nicht das Gesamtwerk von Loos lesen will (seineGesammelte Schriften sollen im März 2010 neu erscheinen), der sollte das geistreiche Buch von Fedor Roth Adolf Loos und die Idee des Ökonomischen lesen.
Adolf Loos, der gerne auf seinem Grabstein den Satz haben wollte Loos, der die Welt von überflüssiger Arbeit befreite, ist berühmt geworden für den Satz Ornament ist Verbrechen, ein Satz, der bei ihm auch für die Kleidung galt. Auf seinem Grabstein, den er selbst entworfen hat (als Sohn eines Steinmetzen und Bildhauers hat er das wohl gekonnt), steht allerdings nur Adolf Loos in schlichten eleganten Lettern. Ohne jedes Ornament. Unauffällige Funktionalität in der Kleidung war in seiner Schrift von 1898 seine Maxime (das hätte auch von Beau Brummell stammen können): Es handelt sich darum, so angezogen zu sein, dass man am wenigsten auffälltEin roter Frack fällt im Ballsaal auf, ein Zylinder fällt auf dem Eise auf…Alles Auffallen gilt in der feinen Gesellschaft als unfein. Nun ja, hundert Jahre vorher darf man in Wien einen roten Frack tragen, Mozart hatte einen. Dirigenten dürfen das. Wenn der Ritter von Karajan und der Graf Nikolaus de la Fontaine und D’Harnoncourt so etwas getragen hätten, hätte das die Wiener Musikszene sicherlich belebt. Adolf Loos hat auch über Damenmode geschrieben, die ist natürlich, weil ornamentbeladen, ganz falsch. Der nach stiller Vornehmheit strebende Mann ist da auf einem viel höheren Evolutionsniveau. Auh, manno, man kann ja nur froh sein, dass die Redakteurinnen von Emma nicht vor dreißig Jahren Adolf Loos gelesen haben. Ganz oben im kulturellen Evolutionsmodell von Loos steht die Aristokratie, die für ihn zu einer Kulturavantgarde wird. Er meint damit nicht die untergehende k.u.k. Aristokratie, die Josef Roth in seinen Romanen beschrieben hat, bei all diesen Überlegungen denkt Loos schon an die englische Aristokratie. Und er wird dabei in Bezug auf die Mode auch den Prinzen von Wales und späteren König Edward VII vor Augen gehabt haben, der zu dieser Zeit ja der arbiter elegantiarum ist.
Aber es geht Loos nicht nur um eine Kulturelite, es geht ihm auch um Ökonomie und Funktionalität. Und hier findet er sein originellstes Bespiel: Ein Engländer kauft eine Krawatte. Packen Sie mir um den und den Preis für diese und diese Gelegenheit einDer Deutsche kauft eine Krawatte. Das heißt, soweit sind wir noch nicht. Jeden Bekannten fragt er, wo er seine Krawatte gekauft hat. Tagelang treibt er sich auf der Gasse herum, von Schaufenster zu Schaufenster. Schließlich nimmt er noch einen Bekannten mit, der ihm bei der Auswahl behilflich sein muss. Und hat dann glücklich für zwei Mark am Nationalgeldumsatz beigetragen. Also, für zwei Mark kriegt man heute keine Krawatte, aber wir erkennen, wohin die Argumentation führt. Unökonomisch, Zeitverschwendung. Und in dieser Zeit, so Loos, hat sich der Engländer mit wesentlicheren Dingen beschäftigt. Ein Paar Schuhe anzufertigen, oder ein Gedicht. Ein Vermögen an der Börse zu gewinnen. Oder eine Frau glücklich oder unglücklich zu machen. Sehr witzig. Der Engländer kann natürlich sagen Packen Sie mir eine Krawatte für die oder die Gelegenheit ein, weil seine Kleidung letztlich eine Uniform ist. Zwar ist der Mann vom Drang nach Vornehmheit beseelt (und Jeder Raseur möchte wie ein Graf aussehen), aber diese Vornehmheit ist letztlich eine uniformierte Vornehmheit. Wer käme heute unter den ernsten Männern auf den Gedanken, sich phantastisch kleiden zu wollen? fragt Hermann Muthesius gleichzeitig.
Wenn Adolf Loos den Laden der Firma Knize (die sich ja, wie tout le monde weiß, Kniesche ausspricht) entwirft, inklusive der Verpackung der Düfte, dann kann er seine architektonischen und sartorialen Vorstellungen vereinen. Glücklicherweise ist weder der Laden am Graben 13 in Wien noch das Design der Verpackung je verändert worden. Der Höhepunkt der Funktionalität der Herrenmode ist dann etwas, was Loos 1908 in seinem Essay Kultur beschreibt: Der amerikanische Arbeiter hat die Welt erobert. Der Mann im Overall. Heute wollen die Raseure nicht mehr wie ein Graf aussehen, heute tragen die Jogginghose. Was hätte Adolf Loos dazu gesagt? Hätte er sich die roten Fräcke zurückgewünscht?
Advertisements