William Beckford

Heute vor 250 Jahren ist er geboren worden (1.10.2010). Beruf: englischer Exzentriker. An dieser Spezies haben die Engländer ja keinen Mangel, wie Edith Sitwell in ihrem Buch gezeigt hat. Er ist Horace Walpole in vielem ähnlich, macht auch die Grand Tour und schreibt darüber, baut auch ein neugotischen Gebäude, schreibt auch eine gothic novel (Vathek). Als er vier oder fünf Jahre alt ist, wird er angeblich von Mozart unterrichtet (und angeblich hat Mozart die Melodie, die der kleine William Beckford spielte, später zu der Arie Non più andrai, farfallone amoroso verarbeitet), das kann Walpole nicht von sich sagen. Aber der eröffnet da schon sein Strawberry Hill, der Fürst von Anhalt-Dessau ist anwesend. Dieser Leopold III von Anhalt-Dessau ist ein Enkel vom alten Dessauer, und er ist ganz stark von der Anglomanie befallen. Diese Krankheit grassiert jetzt zum ersten Mal in Europa, weil die Engländer kulturell plötzlich Exportgüter haben: die englische Mode, der neu erfundene Regenschirm, der englische Roman, der englische Landschaftsgarten, der Palladian Style und jetzt noch die Neugotik.

Leopold (Friedrich Franz) III hat ein kleines Fürstentum, sein Imitator in puncto Landschaftsgarten und Schlossbauten, der Fürst Pückler, ist zwar auch Fürst, aber er hat kein Fürstentum. Leopold ist mit seinem Freund Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff auf Bildungsreise, und Erdmannsdorf wird ihm später alles zuhause bauen, was man in England so sieht. Hauptsächlich klassizistisch, aber mit dem Gotischen Haus auch etwas Neugotisches wie Strawberry Hill. Von seiner Anglomanie abgesehen, hängt Leopold auch an den Gedanken der Aufklärung. Er ist einer der wenigen deutschen Fürsten in dieser Zeit, die eine Politik der Toleranz betreiben, und er wird aus Anhalt-Dessau einen Musterstaat machen. Dafür sind seine Untertanen ihrem Vater Franz ewig dankbar. Und seine Parks sind heute Weltkulturerbe. Die Muskauer Parks von Pückler auch, aber der hat sich durch seine Anglomanie völlig ruiniert. Aber er hat uns diese wunderbaren Briefe eines Verstorbenen hinterlassen, die jeder Englandliebhaber lesen muss. Wenn man nicht alle Bände lesen will, dann sollte man zu der von Heinz Ohff (der auch eine nette Pückler Biographie geschrieben hat) edierten Ausgabe greifen. Die tausend Seiten reichen vielleicht auch.


William Beckford steigt später als andere in das Unternehmen Neugotik ein, weil er ja noch bei Mozart Klavierunterricht hat, als Strawberry Hill schon fertig ist. Aber er wird im grossen Stil seinen Landsitz Fonthill  (vorher im Palladian Style) zur Fonthill Abbey -manchmal auch Beckford’s Folly genannt –  (ganz oben in einem Bild von Turner) umbauen, er ist wahrscheinlich der reichste Mann Englands. Hat irgendetwas in der Grösse von einer Million Pfund Sterling geerbt. Multiplizieren Sie es mit 100 oder 120, um auf den heutigen Wert zu kommen. Fonthill entsteht vierzig Jahre nach Strawberry Hill – aber siebzig Jahre vor Neuschwanstein. Es gibt zu dem gigantischen neugotischen Kloster deutschen und englische Wikipedia Artikel, eine wirklich nette Fonthill Seite und eine interessante architektonische Computeranimation. Und natürlich gibt es auch einen englischsprachigen Artikel zu William Beckford.

Der Architekt James Wyatt war auf solche gothic revival Bauten spezialisiert, baute daneben aber auch gleichzeitig klassizistische Bauten wie zum Beispiel das Pantheon in der Londoner Oxford Street (1770-1772), das 1937 durch die Firma Marks und Spencer abgebrochen wurde. An Fonthill wurde von 1796 bis 1813 gebaut. Der Turm sollte mit 137 Metern höher sein als der der Kathedrale von Salisbury. Er stürzte aber bei den Bauarbeiten zweimal ein, als man die Höhe von 90 Metern erreicht hatte. Als er das dritte Mal einstürzte und das ganze Hauptgebäude zerstörte, da hatte Beckford Fonthill längst verkauft und war nach Bath gezogen. Von dem Größenwahn ist nur ein kleines Seitengebäude übrig geblieben.

Aber wir haben natürlich, da es sich kein Künstler in der damaligen Zeit nehmen ließ, Fonthill zu verewigen, genügend Abbildungen. Die ersten davon habe ich vor mehr als vierzig Jahren in einer kunsthistorischen Vorlesung über das 18. Jahrhundert an die Wand projiziert gesehen. Das Gothic Revival interessierte damals in der Welt der Kunstgeschichte ausser dem Engländer Kenneth Clark, der beim Penguin Verlag ein kleines Buch zu dem Thema geschrieben hatte (heute immer noch der beste Einstieg) eigentlich kein Schwein, um das mal salopp zu sagen. Ausser natürlich dem Professor Alfred Kamphausen, dessen hobby horse es war. Und der ähnlich wie Kenneth Clark ein Buch geschrieben hatte, sehr deutsch und sehr philosophisch (und Ortega y Gasset gewidmet). Es hieß Gotik ohne Gott. Ich hätte das Buch beinahe vergessen, wenn ich nicht in dem wirklich guten Buch Neugotik von Christian Baur immer wieder auf Kamphausen gestossen wäre. Aber die Bilder aus der Vorlesung habe ich natürlich nicht vergessen, und ein solches Bild von der Eingangshalle von Fonthill mit Blick zum Kuppelraum, das geht einem ja auch nicht wieder aus dem Kopf.

Ich musste damals – und auch heute – an die Nazis denken. Von so etwas muss Hitler doch geträumt haben! Und natürlich hat Kamphausen mit der schicken Formulierung Gotik ohne Gott Recht, während die Gotik ihre gigantischen vertikalen Räume ad maiorem dei gloriam baute, ist dies hier nur Inszenierung für William Beckford. Und dann stellt sich natürlich noch die ganz einfache Frage: wie heizt man das? Diese Eingangshalle ist 36 Meter hoch. Man kann da nicht wirklich wohnen.

Dies hier ist ein Seitenaufriss mit der kurzen (endgültigen) Version des Turmes. Bevor Beckford sein klassizistisches Schloss abriss und in seine Phantasieabtei zog (wo nur wenige Räume wirklich bewohnbar waren), hatte es ständig neue Änderungen der Planung gegeben. Der Turmbau von Babel, mit dem diese Bauarbeiten häufig verglichen worden sind, ist es ja ein geordnetes Unternehmen gegenüber diesem hier gewesen. Zuerst sollte es eine Kirche werden, die gleichzeitig eine Galerie für die Gemälde des Kunstsammlers Beckford enthielt. Die Galerie sollte später auch die Grabstätte des Besitzers von Fonthill sein. In einer Zeit des Ruinenkults denkt man ja schon früh an solche Dinge. Danach war ein überdachter Picknick Platz in Form einer Ruine im Gespräch.

Beckford sammelt Kunst, wie Walpole und Leopold III, aber bei ihm hat das schon etwas Manisches. Noch im hohen Alter, wenn er ein mürrischer (und manchmal bösartiger) alter Herr ist (Beckford very bitter and malin, notiert Disraeli), wird er die Preise auf Auktionen nur so zum Spaß in die Höhe treiben.  for the most part Beckford’s taste was that of his time, sagt Kenneth Clark, fügt aber hinzu though his wide knowledge and sensibility are rare in any age. Beckford hat nie eine Schule oder eine Universiät besucht, für den Millionär gab es nur Privatlehrer. Seinen Roman Vathek schreibt er auf Französisch. Pückler notiert dazu in seinen Reisebriefen: Früher hat Herr Beckford einen zwar sehr seltsamen, aber doch geistreichen Roman in französischer Sprache geschrieben, der auch mit vielem Beifall in’s Englische übersetzt worden ist. Ein großer Turm spielt auch darin eine Hauptrolle, und der Teufel holt zuletzt alles.

Der Privatlehrer des Hobbyarchitekten Beckford ist Sir William Chambers gewesen, und als Kunstlehrer hat er Alexander Cozens, der ein illegitimer Sohn des russischen Zaren ist. Das weiß man nicht so genau, ist aber auf jeden Fall sehr geheimnisvoll. Cozzens kann, wie man oben sehen kann, schöne Wolken malen. Das kann auch Philipp de Loutherbourg, den Beckford immer für Dekorationen seiner rauschenden Feste beschäftigt. Und diese rauschenden Feste hinter verschlossenen Türen (und hohen Mauern um das Grundstück) beschäftigen die Phantasie der Zeitgenossen. Schwarze Messen sollen da gefeiert werden. All das, was die Welt des Buches Liebe, Tod und Teufel: Die schwarze Romantik von Professor Mario Praz so ausmacht. Man muss bei dem grossen Mario Praz anmerken, dass er ähnlich wie Walpole, Leopold III und Beckford auch ein grosser Sammler gewesen ist und über die Jahrzehnte seine Wohnung in einem italienischen Palazzo zu einer Art Museum gemacht hat, was er sehr schön in The House of Life beschrieben hat.

Von einer dieser Feiern sind wir gut unterrichtet, weil viele der Beteiligten darüber geschrieben haben, es ist die einwöchige Weihnachtsfeier im Jahre 1800, als Fonthill Abbey noch nicht bezugsfertig ist. Beckford hat seinen Cousin, den Diplomaten und Kunstsammler Sir William Hamilton, eingeladen. Und dessen junge Frau Emma (wie sehen sie oben als Circe, von Romney gemalt). Die wiederum bringt ihren Liebhaber mit, den Admiral Nelson. Und zu Ehren von Nelson hat Philipp de Loutherbourg eine riesige, beleuchtete Admiralsflagge auf dem Turm angebracht. Und alle bewohnbaren Räume geschmackvoll ausgestaltet, Disneyland ist nichts dagegen. Lady Hamilton führt eines ihrer berühmten tableaux vivantes auf und kommt als Agrippina mit der Asche des Germanicus in einer Urne in den Saal. Allerdings können die Falten ihrer römischen Tracht nicht verhüllen, dass sie im achten Monat mit einem Kind von Nelson schwanger ist.

Der Maler Benjamin West ist auch einer der Gäste, von dem hat Beckford viele Bilder gekauft und seine Familie malen lassen (links Beckfords Großvater Peter Beckford). Unglücklicherweise für manche der Beteiligten hat Beckford auch den Dr. John Wolcot eingeladen, der unter dem nom-de-plume Peter Pindar einer der gefürchtetsten Satiriker Londons ist. Beckford liebt solche Leute, da macht es auch nichts, das Wolcott den Maler West in Versen verhöhnt hat und in einem Gedicht Sir William Hamilton geraten hat, sein Haus mit den gefälschten Kunstschätzen gut abzuschliessen. Weil seine junge Frau sonst bald wieder als Nutte auf der Strasse arbeiten würde.

Was bleibt von Beckford? Auf jeden Fall dieser bizarre Roman Vathek, der literaturhistorisch einen großen Einfluss hatte. Von Fonthill ist nicht viel übrig geblieben, aber es wird immer zu den Wegbereitern des gothic revivalgezählt. Wovon Beckford nun überhaupt nichts hielt. No, hat er gesagt, I have enough sins to answer for without having that laid to my charge. Das finde ich nun wirklich sehr witzig. Er ist ein geistvoller Mann, und ich kann als Lektüre nur den Bericht über seine Grand TourDreams, Waking Thoughts and Incidentsempfehlen, der glücklicherweise immer noch lieferbar ist. Als es damals erschien, hat Beckford die fünfhundert Exemplare der einzigen Auflage verbrannt, weil er glaubte, in diesen Briefen zuviel von sich selbst preiszugeben. Nicht ganz, fünf Exemplare haben überlebt, aus denen verschiedene Herausgeber später diesen Text rekonstruiert haben.

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