Sehen Sie die kleinen Stummelschlitze an dem Jackett? Wir sind im Jahre 1959, die langen Seitenschlitze, die wir heute kennen (und die in den 70er Jahren noch viel länger waren), haben sich noch nicht durchgesetzt. Das Werbeplakat der Firma Daks/Simpson wurde von dem berühmten Max Hoff gezeichnet, den Simpson seit 1936 unter Vertrag hatte. Eine seiner ersten Modezeichnungen für Simpson zeigte 1936 unter dem Titel Race Going Clothes zwei Gentlemen auf dem Rennplatz. Der eine, der mit einer Zigarre im Mund wohlwollend ein Pferd streichelte, trug einen einreihigen Glencheckanzug. Der andere, nur in der Rückenansicht zu sehen, einen Tweedanzug mit herringbone Muster. Und zwei langen Seitenschlitzen: His companion has kindly turned his back to show us that his jacket has long side vents. It is thus highly suitable as a hacking coat, lautet der Text der Anzeige. coat bedeutet damals (und auch heute im Englisch von Eton Zöglingen) nicht Mantel sondern Jackett. Wichtig ist der Hinweis auf hacking coat, denn von dem hacking coat oder dem Norfolk jacket kommen die Rücken- oder Seitenschlitze. Punkt.

Es lassen sich nicht so viele Modezeichnungen in den dreißiger Jahren finden, die Jacketts mit Rückenschlitzen zeigen, Rückenschlitze sind noch nicht en vogue. Das ist in Deutschland nicht anders. In dem Büchlein Männerkleidung unter den Augen des Fachmannes (1937), herausgegeben von der Fachgruppe Textil-Einzelhandel, taucht nur ein einziges Jackett mit einem Rückenschlitz auf, ein Sportsakko mit Rückensattel und Kellerfalten, Rundgurt mit hohem Rückenschlitz. So etwas Ähnliches trägt Heinz Rühmann in der Feuerzangenbowle.

Ich habe am Wochenende in einer Beilage meiner Lokalzeitung in den Ausführungen eines Schneidermeisters aus Schleswig lesen können, wie Schneideranzüge sein sollen. Dort war zu lesen: Ob mit oder ohne [Weste] – der englische Maßanzug ist körperbetont, die Jacke besitzt gerade geschnittene Pattentaschen, eine kleinere Seitentasche, links oben eine Brusttasche und rückseitig einen Mittelschlitz. „Der Italiener“ ist traditionell taillierter geschnitten, wirkt insgesamt jedoch legerer. Die Jacke hat oft schräg geschnittene Paspeltaschen und rückseitig zwei Schlitze. Dazu kann man nur mit Goethe sagen: getretner Quark wird breit, nicht stark.

Denn wenn irgendetwas den englischen Anzug auszeichnet, dann sind es schräg geschnittene Taschen und Seitenschlitze. Die schrägen Taschen kommen natürlich wieder vom hacking jacket aus dem Reitsport. Falls Sie kein Pferd haben sollten, machen Sie mal den Test auf dem Fahrrad: in eine schräg geschnittene Tasche kann man hineingreifen. Bei einer gerade geschnittenen ist das schon schwieriger. Rücken- und Seitenschlitze sind ein Element der sportlichen Kleidung, in der formellen Kleidung haben sie nichts zu suchen. An ein dinner jacket gehören keine Schlitze. In den 50er Jahren konnte man vereinzelt auf Photos Schauspieler mit kleinen Stummelschlitzen am Smoking entdecken, aber das braucht man nicht nachzumachen. Hollywoodstars haben sich in den letzten Jahren angewöhnt, schwarze Langbinder zum Smoking zu tragen, das ist nur ein Zeichen von schlechtem Geschmack. Wahrscheinlich können sie keine Schleife binden. Sicher haben Hollywoodstars einen großen Einfluss auf die Mode – vor allem in den 30er Jahren – aber nicht alles setzt sich durch. ➱Humphrey Bogart trug mal das Knopfloch nicht im linken Revers sondern rechts. Hat man jemals davon wieder gehört?

In der Zeit von 1939 bis 1949 tut sich modisch auf dem Gebiet der Rückenschlitze in England nicht so viel. Wer jetzt Rückenschlitze trägt, ist beim Militär. Für die zivile Kleidung ist die Rationierung von Stoffen angesagt. Was auch bedeutet, dass die Jacketts kürzer werden, bumfreezer nennt der Volksmund die. An einem derart kurzen Jackett wird kein Schneider einen Schlitz anbringen. Simpsons am Piccadilly, die Teile ihres schönen modernistischen Neubaus aus den 30er Jahren den englischen Streitkräften als ➱Messe zur Verfügung stellen, präsentieren jetzt beinahe nur noch Uniformen (I know a good uniform when I see one! verkündet ein Major auf einer Simpson Werbung 1940). Die Uniformjacke fängt bei fünf guineas an, für den Preis kann man bei Simpson auch schon einen shelter suit für die Zivilbevölkerung bekommen. Es ist erstaunlich, wie schnell sich Mode und Werbung auf die Verhältnisse eingestellt haben. Wem die 70 shilling für den shelter suit zuviel sind, der kann sich für 6 shilling einen Schnittmusterbogen kaufen und das Teil selbst nähen.

Der shelter suit (der natürlich keine Rückenschlitze hat), den Simpsons verkaufen, sieht beinahe genau so aus wie die seltsamen Klamotten, die Laszlo Moholy-Nagy getragen hat. Alec Simpson hatte ihn in den dreißiger Jahren als Designer und Innenarchitekten für den Neubau des Firmengebäudes von Joseph Emberton gewonnen. Das ist inzwischen schon Vergangenheit: A little bit of old England disappears today when Simpsons of Piccadilly closes its doors for good, hieß es im Guardian, als die Japsen, die inzwischen DAKS/Simpson besaßen, den Laden dichtmachten.

Die Armee entlässt ihre Soldaten 1945 mit einem zivilen Anzug (dem so genannten demob suit), natürlich wieder ein bumfreezer Jackett ohne Rückenschlitz. Und schauen Sie sich Peter Willes in dem docudrama von 1946, The Way We Live, in seinem demob suit an, keine Seitenschlitze. Sieht furchtbar aus. Stoff ist immer noch rationiert, erst im März 1949 hebt Sir Stafford Cripps die Coupon-Wirtschaft für Damen- und Herrenkleidung auf. Und ähnlich wie Christian Dior mit seinem New Look jetzt Unmassen von Stoff verwendet – hat nicht Scarlett O’Hara bei Kriegsende die Vorhänge von den Fenstern geholt und sich daraus ein neues Kleid schneidern lasssen? – schlägt jetzt auch die Savile Row zu. Ganz lange, glockenförmig taillierte Jacketts. Mit langen Schlitzen, manchmal auch mit seitlichen Falten (die sich aber nicht durchsetzen). Es ist für die Schneider der Savile Row eine große sartoriale Tragödie, dass sich die working class Prollies diesen ➱Neo-Edwardian Look aneignen und daraus den ➱Teddy Boy Look machen.

Seit den 50er Jahren beginnen die Italiener im großen Stil zu einer Wirtschaftsmacht in Sachen Herrenmode zu werden. Zwar hatten die Herren Nazareno Fonticoli und Gaetano Savini die Firma Brioni schon bei Kriegsende gegründet, aber erst Anfang, eher Mitte der 50er Jahre trat sie wirklich öffentlich in Erscheinung. Hat auch gleich viele amerikanische Schauspieler als Kunden, Hollywood dreht da jetzt gerne Filme. Die Italiener sind in der Herstellung billiger als Engländer und Franzosen, und sie liefern zu beinahe hundert Prozent Handarbeit – das wird bis heute das Erfolgsrezept des Made in Italy sein.

Eine wirkliche Mode machen sie nicht, sie kopieren eigentlich nur die Engländer. Eleganter und mit mit leichteren Stoffen, aber sonst auch nix. Denn der ➱Italian suit der 60er Jahre, dunkel, tailliert, mit engen Hosen (das was Tarrantino in Reservoir Dogs auf die Leinwand bringt), ist eigentlich nicht anderes als der Typ des Anzugs, den die Gardeoffiziere tragen. Und den eines Tages Anthony Sinclair für ➱James Bond schneidern wird. Es ist ein zeitloser Stil, den man an diesem englischen Anzug aus dem Jahre 1957 sehr schön studieren kann.

Ende der 50er Jahre war es eine große Schwierigkeit, in Deutschland ein Jackett mit einem Rückenschlitz zu finden. Ich weiß noch ganz genau, wie ich mit einer geliehenen englischen Fachzeitung in der Hand dem Schneider meines Vaters ganz genau erklärte, dass ich an dem Anzug, den er für mich änderte, einen Rückenschlitz haben wollte. Und nicht so’n kleinen Stummelschlitz. Anton Schiwal war zuerst skeptisch, aber dann hat er das doch toll hingekriegt. War wahrscheinlich der erste Rückenschlitz in seinem Schneiderleben. Wahrscheinlich war er da so stolz drauf, dass er an den nächsten Anzug, den mein Vater bei ihm bestellte, auch einen Rückenschlitz machte. Das war allerdings ein Zweireiher. Haben Sie schon mal einen Zweireiher mit Rückenschlitz gesehen? Eben. Es sieht auch nicht aus. Seitenschlitze sind wunderbar, aber Zweireiher und Rückenschlitz geht nun gar nicht.

Aber die Seitenschlitze kommen in den sixties auch zu uns nach Deutschland. Nicht nach Amerika, da wird nur ein Rückenschlitz getragen (und die Hosen als kurze Hochwasserhosen), das ist eine erstaunliche Sache. Noch in den siebziger Jahren empfiehlt das tonangebende GQ (qualitativ auf viel höherem Niveau, als das gleichnamige deutsche Produkt) für Bewerbungsgespräche den Anzug mit einem Rückenschlitz (more moderate than twin vents). Bei dem was die Amerikaner als Anzüge tragen (die ja nichts als eine Variation des Sack Suit Numer One von Brooks Brothers sind) ist das eigentlich auch völlig egal. Die neue Mode der sixties kommt jetzt aus England, und das neue Schlagwort heißt ➱Peacock Revolution. Wenn Ihnen der Begriff bisher fremd war, gucken Sie sich doch mal dies Photo von Ringo in einem Anzug von Tommy Nutter an.

Und jetzt kommen die Seitenschlitze en masse, nicht nur bei Tommy Nutter (die auf dem Bild sind allerdings von ihm). Und mit Seitenschlitzen meinen die Engländer jetzt die ganz langen Seitenschlitze. Nicht die akzeptablen sieben bis neun inches. Das ist jetzt das ➱schrille Zeug eines Jahrzehnts, das vom Geschmack vergessen wurde, von den Beatles bis zu Peter Wyngarde, Roger Moore als James Bond nicht zu vergessen. Geschmacklich schlimm, vor allem, wenn man sich auf alten Photos entdeckt und aussieht wie ➱Austin Powers mit seinem ➱King’s Road Outfit (die weithin bekanntere Carnaby Street war ja eh nur für die Touristen).

Wenn auch viele auf den Straßen Londons in dieser Zeit so aussehen, als seien sie dem Schallplattencover von Sergeant Pepper’s Lonely Heart’s Club Band entsprungen (und sich auch die ersten psychedelischen Subkulturen zeigen), es gibt doch ein romantisches Stilwollen. Und vieles von den exzentrischen Sachen ist auch traditionell gut geschneidert, das gilt für Tommy Nutter genauso wie für ➱John Pearse (mit seiner Boutique Granny Takes a Trip) oder ➱Edward Sexton. In Italien machen sich derweil Giorgio Armani et.al. bereit, die Herrenmode zu verändern (ich lasse die Italiener heute mal draußen vor und schreibe über die ein anderes Mal). Geschmacklich nicht unbedingt zum Besseren, ich erinnere nur an Zweireiher mit fallendem Revers! Und jahrzehntelang ohne Rückenschlitze!

Einer Generation später gilt das alles als a bit too charlie. Ein Slangwort, das irgendwo an den Public Schools entstanden ist und nun zur Lieblingsvokabel einer neuen Spezies Mensch, dem Sloane Ranger, wird. Es bedeutet nichts anderes als cheap, nasty, flashy or in bad taste. Sloane Rangers (und ihre etwas erwachsenere Variante die Young Fogeys) wollten zurück zu einer Klassik der englischen Herrenmode, solche Pendelbewegungen haben wir ja immer wieder in der Mode, auf eine Phase der Romantik folgt ein Klassizismus. So ironisch und satirisch das ➱Official Sloane Ranger Handbook ist, es enthält auch Sätze, die ein Gesetzestext der Herrenkleidung sein könnten. Zum Beispiel über das Tweedjackett: The tweed jacket. Army Sloanes call it change coat. Etonians call it half change. Worn in all situations, particularly with jeans. Must be real tweed, seriously made by an English maker. Never in fashion cut. One vent. Ja, da genügt mein schönes italienisches Etro Jackett den strengen Anforderungen nicht, die Jacketts von Magee (die auch die Tweedjacketts für Hackett machen❋) schon. Aber Sie haben es gesehen: tweed jacket=one vent. Als das Official Sloane Ranger Handbook erschien gab, es die Firma ➱Dunn&Co. noch, deren Jacketts immer den Sloane-Richtlinien entsprochen haben. Aber ein Jahrzehnt später waren sie pleite, wahrscheinlich weil alle jetzt Armani Jacketts kauften.

Natürlich enthält die Bibel einer gewissen Sorte von Englishness auch einen Paragraphen über Rücken- und Seitenschlitze: Suits should never be cardboard. Better be rumpled than Flash Harry. A buttonhole is essential (we’re the morning-coat classes). And all but the most formal of the Sloane’s suits (no vents) have two vents, for two reasons: he can put his hands in both pockets, and when he moves fast  or dances, the skirts fly up, showing the silk lining (raspberry is a bit charlie, but it does look fine). Jetzt ist uns doch alles klar. Oder?

❋Mittlerweile offensichtlich nicht mehr, ich erhielt gerade eine Mail von einem Fachmann. Der mich auch darauf hinwies, dass die Tweed Jacketts von Magee inzwischen in Nordafrika hergestellt werden. Das wußte ich schon, wollte es aber meinen Lesern verschweigen. An welche Mythen sollen wir denn noch glauben, wenn die Donegal Tweed Jacken nicht mehr aus Donegal kommen?

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