Ich hatte mal einen Kollegen, der lief immer in schwarzen Klamotten rum, er hatte auch eine schwarze Nickelbrille. Er trug das nicht, weil seine Eltern gestorben waren, sondern weil das coolwar. Das glauben ja viele. Die so genannten Kreativen trugen irgendwann nur noch schwarz. Oder schwarze Klamotten mit einem weißen Hemd. Natürlich ohne Schlips. Das ist obercool. Angeblich. Mein Kollege verdankte seinem coolen Outfit auf jeden Fall einen schönen neuen Job. Na ja, vor Monaten hätte ich das noch so hinschreiben können, heute gibt es an dieser Stelle natürlich Gelächter. Denn sein Job war der eines Ghostwriters des Bundespräsidenten, ich sage aber nicht von welchem. Mein ehemaliger Kollege hat auch inzwischen einen neuen Job. Und dies hier auf dem Photo, das ist er nicht. Das ist Tom Ford, der gilt als wahnsinnig cool.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der schwarze Anzug das Standardbekleidungsstück für Freud und Leid, für Hochzeiten, Familienfeste und Beerdigungen. Ich hatte auch einen, fand den aber immer fürchterlich. Heute habe ich für solche Fälle einen dunkelgrauen Flanellanzug von Chester Barrie (der noch ein Etikett drinnen hat, auf dem nurChester Barrie London W1 steht), damit falle ich nirgends dumm auf. Aber wenn die schwarzen Anzüge der Adenauerrepublik in den Städten irgendwann verschwunden waren, auf dem Land hielten sie sich immer noch. Da hatte sich seit dem 19. Jahrhundert nichts geändert. Wenn August Sander 1914 diese drei Bauernburschen im Sonntagsstaat photographiert, dann sind das natürlich schwarze Anzüge, die sie tragen.

Seit Jahren hängen in den Etagen von Peek &Cloppenburg, Ansons und wie diese Läden so heißen, tausende von schwarzen Anzügen. Vielleicht täuscht mich auch das fiese Licht in diesen Läden, und die sind gar nicht ganz schwarz. Das erzählen die Verkäufern auch den Kunden. Dass das in dieser Saison ein ganz neuer Anthrazitton sei. Gah mi aff! Sind das seit zehn Jahren die selben Anzüge, oder wechseln die diese schwarzen Kolonnen jedes Jahr aus? Ist das die selbstauferlegte Farbe der Reue weil die siebziger Jahre so bunt waren? Oder ist es schlicht und einfach Einfaltslosigkeit? In England trägt man – außer natürlich auf dem Land – auch gerne dunkle Anzüge. Aber, und das jetzt ein ganz großes ABER: die Gentlemen tragen dazu elegante buntgestreifte Hemden (dieseregatta stripes waren schon vor dem Jahre 1900 aufgekommen) undMacclesfield ties in schrillen Farben wie Pink, Lila und Türkis. Und das wagt der deutsche Mann nicht. Der trägt zum (beinahe) schwarzen Anzug ein weißes Hemd und dann noch einen Streifenschlips. Wie Wulff. Streifenschlips gilt aus irgendwelchen Gründen in Deutschland als seriös.

Ich habe ➱hier schon einmal über die Farbe Schwarz in der Kleidung geschrieben, aber ich möchte doch  noch einmal auf John Harvey zu sprechen kommen. Nicht den John Harvey, der Krimis schreibt, sondern den ➱Professor von der Universität Cambridge. Denn sein Buch mit dem schönen TitelMen in Black sollte in keiner Modebibliothek fehlen. Es ist in mehrere Sprachen übersetzt worden und hat in Paris den Grand Prix du Livre de Mode knapp nicht gewonnen.

Fünfundzwanzig Jahre vor Men in Black hatte Harvey die Studie Victorian Novelists and their Illustrators  (inzwischen ein Standardwerk) veröffentlicht, und vielleicht liegt hier die Keimzelle seiner Kulturgeschichte der schwarzen Kleidung. Denn das respektable Schwarz ist die Farbe, die wir mit den Viktorianern verbinden. Hat Viktoria nach dem Tod von Albert etwas anderes getragen? Und so scheint es nur logisch, wenn das erste Kapitel (Whose Funeral?) mit den Viktorianern beginnt. Ich sollte vielleicht auch noch anmerken, dass Harvey in den 25 Jahren zwischen dem ersten und dem zweiten Buch nicht ganz untätig war, neben zahlreichen wissenschaftlichen Aufsätzen und Rezensionen hat er drei Romane geschrieben.

Aber natürlich geht Harvey in der Geschichte, in der Kunst und in der Literaturgeschichte weiter zurück, bleibt nicht bei den Viktorianern stehen. Obgleich die sicher schon für mehrere Bücher gut wären. Ich weiß nicht, mit welchen Gefühlen der Autor 1993 das Buch Seeing Through Clothes von ➱Anne Hollander begrüßt hat, denn sein Buch ist dem Buch von Hollander (das inzwischen schon zu einem Klassiker geworden ist) in manchem ähnlich. Hollanders Buch, dem wenig später das Buch ➱Sex and Suits folgen sollte, wird hier auch noch einmal besprochen werden. Was Hollander und Harvey machen, ist ein neuer Typ Modebuch, eine Kulturgeschichte, die sich an Kunstgeschichte und Literaturgeschichte orientiert und sich nicht im Aufzählen von Designernamen erschöpft.

Shakespeares Hamlet trägt schwarz, es ist die Farbe der Trauer (Good Hamlet, cast thy nighted color off), aber es ist auch die Farbe der Gelehrten. Es ist auch die Farbe des reichen holländischen Bürgertums, wie wir auf den Bildern von Rembrandt sehen können. Die schwarze Lederjacke, die Marlon Brando in The Wild One trägt ist Kult geworden, die Lederjacke, die er in Der Mann in der Schlangenhaut trägt, wurde kein Kult. Weil sie nicht schwarz war. Quentin Tarantinos Helden tragen eines Tages auch schwarz, was bedeutet es jetzt? Hat die Farbe noch die gleiche Symbolik wie bei Shakespeare und bei Rembrandt? John Harveys Men in Black ist die beste Kulturgeschichte (und Modegeschichte) der Farbe Schwarz. Vorzüglich illustriert (85 Illustrationen, es könnten mehr sein), von Delacroix‘ Porträt des Barons Schwiter bis zu Bela Lugosis Dracula und Mussolinis Leibwache. Punks und Goths werden natürlich auch nicht ausgelassen.

Es gibt kein besseres und geistreicheres Buch zu dem Thema als dieses. Die Freunde einer Organisation namens Men in Black, die extraterrestrische Wesen jagt, seien darauf hingewiesen, dass Tommy Lee Jones und Will Smith in diesem Buch nicht vorkommen. Linda Fiorentino leider auch nicht. Aber in diesem Fall kann man das einmal verschmerzen.

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