Der Lord hat heute Geburtstag, man sollte es zumindest mal erwähnen. Er ist in diesem Blog schon x-mal erwähnt worden. Unter anderem natürlich in dem Post über ➱Beau Brummell mit dem bezaubernden Satz: There are three great men of our age: myself, Napoleon and Beau Brummell. But of we three, the greatest of all is Brummell. Diese Bemerkung sei nicht ernstgemeint gewesen, sagt ein gewisser Paul Holzhausen 1904 in seinem Buch Bonaparte, Byron und die Briten (mit dem schönen Untertitel Kulturbild aus der Zeit des ersten Napoleon). Der Titel klang vielversprechend, und so hatte ich vor Jahrzehnten in einem Antiquariat drei Mark für das Buch bezahlt. Ich weiß nicht, ob es schwachsinnigere Bücher zu diesem Thema gibt, oder ob diesem lehrermämpelhaften Historiker aus Bonn namens Dr. ➱Paul Holzhausen die Krone gebührt. Zumindest ein napoleonischer Marschallstab sollte für ihn schon drin sein.

Ich stand vorgestern vor dem Regal, wo Byron und Shelley (und andere Romantiker) einträchtig nebeneinander stehen. Wollte einen Band der Briefe Byrons herausziehen, als mir dieses Buch vor die Füße fiel. Und wie die puritanischen Prediger, die das Werk des Holzwurm auf einer Seite der Bibel zum Anlass nehmen, über genau jenen Satz zu predigen, in dem das Löchlein des Holzwurms ist, dachte ich mir: schreib über Holzhausen!

Lord Byron interessiert den Oberlehrer am Königlichen Gymnasium in  Bonn, den ein zeitgenössischer Rezensent als Stimmungshistoriker bezeichnet (er selbst sieht sich alsStimmungsmaler), erst an zweiter Stelle. Eigentlich nur deshalb, weil der Napoleon verehrt. So wie Paul Holzhausen. Denn Napoleon ist das größte Genie der Menschheit, irgendwann weit dahinter kommt dann Byron. Beau Brummell hat da natürlich keinen Platz. Bonn, am zweiundneunzigsten Jahrestage der Schlacht von Borodino, datiert Holzhausen das Vorwort des in Frankfurt bei Moritz Diesterweg erschienenen Buches. Der Verfasser meint das nicht etwa ironisch! Er ist auf diesem Gebiet versiert, hatte er doch in den Jahren zuvor ➱Napoleons Tod im Spiegel der zeitgenössischen Presse und Dichtung und ➱Heinrich Heine und Napoleon I. publiziert.

Im Vorwort behauptet Holzhausen: Ich besitze die der heutigen Literatenwelt eigene Gabe der Selbstüberschätzung nicht in genügendem Maße, aber das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Wenn jemand die Gabe der Selbstüberschätzung hat, dann ist es Holzhausen. In diesem Buch mischen sich Geniekult und wilhelminischer Größenwahn zu einer gefährlichen Melange, denn nur der Verfasser (der auch für die Gartenlaube schreibt) hat recht, alle anderen sind doof. Insbesonders der Professor Karl Elze, der Byron nie verstanden hat. Karl Elze, der die deutsche Anglistik begründet hat, ist sicherlich ein verdienstvollerer Mann als Holzhausen gewesen.

Hochmodern sei sein Buch (zusammengetragen mit dem Sammlerfleiß, den man an ihm kennt, so ein Rezensent) versichert uns der Autor. Und verknüpft seine Heldenverehrung Napoleons noch mit Nietzsche. Weilsie mit dem Übermenschentum und der Herrenmoral Friedrich Nietzsches ursächlich in etwa zusammenhängt. Das hat Byron nicht verdient, das er von den Stimmungsmaler Holzhausen in diese Nachbarschaft gerückt wird. ➱Bonaparte, Byron und die Britendas zuerst Lord und Imperator heißen sollte, ist ein kurioses und letztlich schlimmes Buch, und es ist so deutsch wie Julius LangbehnsRembrandt als Erzieher. Die Saat mit Heldenverehrung, Größenwahn und Kulturpessimismus, die hier gesät wird, wird irgendwann aufgehen.

Ich möchte, sozusagen als Unkrautvernichtungsmittel, gegen diese Schriften, ein Buch halten, das dreißig Jahre nach Holzhausens Buch erschien. Es ist von A.G. Macdonnell und heißtNapoleon and his Marshals. Es war lange vom Markt verschwunden, bis es in der Reihe Prion Lost Treasures 1996 wieder aufgelegt wurde. Und prompt mehrfach nachgedruckt wurde.1996 schrieb Englands führender Militärhistoriker John Keegan: Even a Napoleon hater, which I am, will love this book. Still after 60 years, a thrilling gallop through the Napoleonic Wars. A.G. Macdonell ist Schotte, er hat das wunderbare Buch England, Their England geschrieben, was in England (und Schottland) ein ewiger Klassiker ist. Die Beschreibung des dörflichen Cricketspiels in diesem Buch ist in jeder Anthologie der Cricket Literatur abgedruckt. Er hat auch das satirische Autobiography of a Cad geschrieben, was in deutscher Übersetzung die Zensur von Goebbels wohl nur passiert hat, weil man diese Satire für das Portrait eines typischen Engländers hielt.

Nein, Archibald Gordon Macdonell kann schreiben (er hat auch unter Pseudonymen Detektivromane verfasst). Seine 300-seitige Napoleon Biographie ist wahrscheinlich die kürzeste von allen, die amüsanteste ist sie auf jeden Fall. Ein Parforceritt mit dem kleinen Caporal und seinen Marschällen über die Schlachtfelder Europas. Dies ist nicht das Buch eines Historikers, dies ist das Buch eines Schriftstellers. Es gibt keine Bibliographie der benutzen Literatur. Jeder kann eine Hilfskraft im Britischen Museum alle Buchtitel über Napoleon abschreiben lassen, die Liste hinten ins Buch tun und die Leser mit angeblicher Gelehrsamkeit beeindrucken, sagt Macdonell. Aber er sagt auch, dass er für alles einen Beleg hätte. Wir glauben ihm, und es kümmert uns auch nicht. Das Buch endet mit dem Tod des letzten Marschalls 1852 und den Worten Que de souvenirs! Que de regrets! Und an dieser Stelle geht der Leser zurück zum ersten Kapitel und beginnt das Buch aufs Neue zu lesen.

Oder er greift zu Sigrid ➱Combüchens wunderbarem Roman Byron und beginnt, den zu lesen. Immerhin wird in dem Roman ja auch von seinen englischen Verehrern Byrons Geburtstag gefeiert. Und Paul Holzhausen kommt im Roman bestimmt nicht vor. Stell‘ ich den Holzhausen jetzt zurück ins Regal oder kommt er in die blaue Tonne?

Lassen wir das letzte Wort heute dem Dichter, der in Don Juan die selbstironischen Zeilen schrieb:

Even I—albeit I’m sure I did not know it,
Nor sought of foolscap subjects to be king—
Was reckon’d, a considerable time,
The grand Napoleon of the realms of rhyme

Byron hat (meist anonym) einige Napoleon Gedichte publiziert, in denen seine Haltung zu Napoleon sehr widersprüchlich ist (mehr dazu ➱hier). Ich stelle hier einmal Napoleon’s Farewell ein. Das From The French ist natürlich frech gelogen, er hat das Gedicht auf Englisch geschrieben.

Napoleon’s Farewell (From The French)

Farewell to the Land where the gloom of my Glory 
Arose and o’ershadow’d the earth with her name– 
She abandons me now–but the page of her story, 
The brightest or blackest, is fill’d with my fame. 
I have warr’d with a world which vanquish’d me only 
When the meteor of conquest allured me too far; 
I have coped with the nations which dread me thus lonely, 
The last single Captive to millions in war.


Farewell to thee, France! when thy diadem crown’d me, 
I made thee the gem and the wonder of earth, 
But thy weakness decrees I should leave as I found thee, 
Decay’d in thy glory, and sunk in thy worth. 
Oh! for the veteran hearts that were wasted 
In strife with the storm, when their battles were won 
Then the Eagle, whose gaze in that moment was lasted, 
Had still soar’d with eyes fix’d on victory’s sun!


Farewell to thee, France!–but when Liberty rallies 
Once more in thy regions, remember me then, 
The violet still grows in the depth of thy valleys; 
Though wither’d, thy tear will unfold it 
Yet, yet, I may baffle the hosts that sur­round us, 
And yet may thy heart leap awake to my voice 
There are links which must break in the chain that has bound us, 
Then turn thee and call on the Chief of thy choice!

Ach, ich hätte doch noch ein Postscriptum. Und das betrifft Beau Brummell, den weltbekannten Modenarren (so Holzhausen). Denn natürlich hat Byron recht, wenn er sagt There are three great men of our age: myself, Napoleon and Beau Brummell. But of we three, the greatest of all is Brummell. Weil auch Napoleon und Lord Byron große Dandies waren. Denn warum steckt Napoleon seine Hand auf so vielenBildern in die Weste? Weil er ein Magengeschwür hat? Weil die Hosen damals keine Taschen haben? Weil er Freimaurer ist? Schön und gut. Es ist aber eher deshalb, weil es eine etablierte Pose des Dandys ist. Ich hätte da für die Modeinteressierten noch einen interessanten Artikel von dem Amerikaner John Clubbe (ehemaliger Präsident der Byron Gesellschaft), der auch ein  Buch über die Wirkung des Byron Portraits von Thomas Sully auf Amerika geschrieben hat. Was natürlich nur eine schlechte Kopie des Bildes von Richard Westall ist, aber sehen Sie selbst. ➱Aber wenn das Buch vielleicht auch nicht so interessant ist, der Artikel über Byron, Bonaparte und Brummell ist es auf jeden Fall. Lesen Sie es selbst: ➱ Bend it Like Byron: The Sartorial Sublime in Byron, Bonaparte, and Brummell, with Glances at Their Modern Progeny.

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