Es gab einmal eine Zeit, da hatten wir einen gebildeten Bundespräsidenten, den jeder in der Republik mochte. Das ist lange her. Ich denke jetzt nicht an Richard von Weizsäcker, sondern an unseren ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss, der heute vor 128 Jahren geboren wurde. Im Nachruf auf seinen Nachfolger Heinrich Lübke schrieb die Londoner Times1972: Professor Heuss war außergewöhnlich erfolgreich als Bundespräsident und verkörperte bis zur Perfektion das Konzept des gebildeten Ehrenmanns [im Original: scholar and gentleman] unter den extrem schwierigen Umständen, in denen sich Deutschland selbst fand, nachdem Hitlers Aggressionskrieg verloren war. Er tat als formelles Staatsoberhaupt was er konnte, um das Image des Landes als eins der Dichter, Philosophen und Musiker wiederherzustellen. All das konnte man über Lübke wahrlich nicht sagen. Und über den derzeitigen Amtsinhaber wird das auch niemand sagen.

Ich habe Theodor Heuss 1957 einmal gesehen, als er einen Seenotrettungskreuzer auf seinen Namen taufte. Da war er in Vegesack. Weil Adolph Bermpohl, ohne den das mit der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger wohl nichts geworden wäre, aus unserem Ort kam. Wir haben schulfrei und stehen im Strandgarten der Strandlust, während unter uns der Bundespräsident vorbei schreitet. Ich habe ihn natürlich photographiert, das Photo (6×6, chamois mit Büttenschnitt) habe ich immer noch. Man muss schon  etwas genauer hinschauen, aber man kann Heuss mit seinem hellen Regenmantel und seinem weißen Haarschopf mittenmang die Honoratioren gut erkennen.

Die heutige Theodor Heuss im Deutschen Museum ist nicht die originale Theodor Heuss (die wurde später zu einer Yacht umgebaut und hieß dann Frido Spatz), sondern ihr Schwesterschiff H.H. Meier. Das Beiboot der Theodor Heuss wird als Namen die plattdeutsche Koseform von Theodor, Tedje, bekommen. Was Platt ist, weiß Heuss, er hat einmal die Besatzungen der Seenotrettungskreuzer Norderney und Borkum um sie zu ehren in den Bremer Ratskeller eingeladen. Je weiter der Abend fortschreitet, desto mehr linguistische Probleme gibt es. Der Vormann (so heißt bei der DGzRS der Kapitän) Johann Friedrich Rass fängt nämlich mit schwerer Zunge an, platt to snacken. Kein Problem für den Bundespräsidenten: Jetzt wollte mich der Rass reinlegen, er hat nämlich platt gesprochen. Aber da habe ich ihn auch hineingelegt und habe schwäbisch g’schwätzt!

Theodor Heuss war häufig in Bremen, obwohl Norddeutschland nicht so die Sache des viel gereisten Mannes war. In seinem Buch Von Ort zu Ort: Wanderungen mit Stift und Feder (1959) kommt halb Europa vor, Norddeutschland aber gar nicht. 1955 war Heuss Ehrengast der Schaffermahlzeit. Das war er schon 1952, zweimal darf man das nach den Statuten der Schaffermahlzeit gar nicht sein, aber bei Theodor Heuss macht man schon mal eine Ausnahme. Angefangen hatte es mit dem Satz Na, wir sehn uns dann wohl bei der nächsten Schaffermahlzeit in Bremen, den Wilhelm Kaisen in Bonn sagte. Wobei er wohl nicht wusste, dass er mit dieser Einladung an einer der unverbrüchlichsten Traditionen des Hauses Seefahrt gerüttelt hatte: niemand wird ein zweites Mal eingeladen. Aber man fand eine sehr diplomatische Lösung (die auch in der Zukunft funktionieren würde), man lud einfach nicht die Person Theodor Heus ein, sondern den zweiten Bundespräsidenten, der zufälligerweise auch Theodor Heuss hieß. Der Bremer Bürgermeister darf natürlich immer eingeladen werden. Die ersten Jahre hat sich Kaiser schlichtweg geweigert, sich einen Frack zu kaufen oder zu leihen. Weil ein schwarzer Anzug mit weißem Hemd und silberner Krawatte für einen Bremer Bürgermeister genug an feierlicher Kleidung ist (wie man auf dem Photo oben sehen kann). Aber irgendwann hat er sich dann doch einen Frack gekauft; als er nach Jahrzehnten in den Ruhestand ging, war seine erste Handlung, den ungeliebten Frack wieder zu verkaufen.

1952 hat Theodor Heuss Wilhelm Kaisen besucht, dem man auch einmal das Amt des Bundespräsidenten angeboten hatte. Von diesem Besuch gibt es ein wunderbares Photo (leider nicht im Internet, dafür habe ich die beiden hier. Kaisen sitzt oberhalb des weißen Haarschopfes von Heuss). Es zeigte Heuss in der Küche von Wilhelm Kaisen. Heuss im piekfeinen Stresemann, jovial die Zigarre in der Hand, Kaisen daneben mit seiner grauen Strickjacke (er hatte die Grippe und hatte sich nur für Heuss aus dem Bett gequält). Über dem Küchenherd trocknen die Wollsocken von Wilhelm Kaisen. Wie behaglich normal ist dies doch, wie weit sind wir von einem Bundeskanzler Schröder entfernt, der sich als Model für italienische Luxusmode prostituierte. Auf solche Ideen wäre Kaisen nie gekommen. Seine Tochter hat ihm einmal bei Stiesing in der Sögestraße eine neue Strickjacke gekauft, und auch noch aus Kaschmir. Sie hat ihrem Vater aber nie erzählt, dass diese Strickjacke aus Kascmir war. Und natürlich auch nicht, dass sie von Stiesing stammte. Über das Geschäft sage ich jetzt nix mehr, ich hatte ja schon einmal hier ➱nette Dinge über sie gesagt. Habe ich sie nett drauf hingewiesen, die haben nicht mal geantwortet. Kein Stil, Leute. Streicht mich von der Kundenliste! Und da ich gerade dabei bin: der Chef von Regent hat meinen Post ➱Made in Germany gelesen und mir sehr ausführlich geschrieben. Und nein, er ist mir nicht mehr böse wegen der Bemerkungen über die Rolex. Das hat doch noch Stil!

Als Wilhelm Kaisen in seiner grauen Strickjacke den Bundespräsidenten in seinem kleinen Siedlerhaus in Borgfeld empfing, hatten Frau Kaisen mit der Hilfe ihrer Tochter und einer Nachbarin in der Küche belegte Brötchen geschmiert. Aus Platzmangel hatte wurden die auf einem Brett hergerichtet, das man über die Badewanne gelegt hatte. So einfach konnte das Leben damals sein. Kaisen hat es auch nicht versäumt, dem Bundespräsident seinen Kuhstall zu zeigen. Er war auch als Bremer Bürgermeister noch Nebenerwerbsbauer, wenn ihn morgens das Auto zum Regieren ins Rathaus abholte, hatte er immer schon drei Stunden auf dem Feld und im Stall hinter sich. Die Amerikaner hatten ihn ja damals von der Feldarbeit weggeholt und ihn überzeugt, dass jetzt sein Platz im Rathaus sei. Die wahr gewordene Cincinnatus Legende.

Die Sache mit der Stallbesichtigung konnte er nicht auslassen, weil sein Ochse Theodor hieß: Da stand der berühmte Theodor vor seinem Namensvetter, meinem Ochsen Theodor. Das Photo ging um die Welt. Heuss und Kaisen haben sich immer gut verstanden, und Kaisen hat sich gerne an ihn erinnert: Und hier war noch was. Da hat der Heuss zu mir gesagt: „Nimm doch endlich einen Orden an, den will ich dir verleihen.“ „Nee danke“, hab ich geantwortet, „behalte deine Orden“. Darauf der Heuss: „Du willst ja nur mit deiner republikanischen Gesinnung protzen“. „Richtig,“ hab ich gesagt, „das will ich.“ So konnte man damals miteinander reden. Heuss war ein Mann der klaren Worte. Die Bundeswehr hätte er lieber verhindert, sein Satz Nun siegt man schön zu jungen Rekruten bei einem Manöver im Jahre 1958 hat Geschichte gemacht.

Es gab 1952, als Heuss Bremen besuchte, auch noch keine Bild Zeitung. Hätte es eine gegeben, es wäre Theodor Heuss nie in den Sinn gekommen, mit diesem Schmierblatt zu paktieren. Der ehemalige Redakteur der Frankfurter Zeitung hatte da entschiedene Meinungen. Als es dieBild Zeitung dann gab, hat er dem Verleger Axel Springer gesagt: Sie sind der Verderber der Presse. Und schon vorher hatte er Bild einegeradezu fürchterliche Tageszeitung genannt. Das wird dem Axel Springer, der immer so fürchterlich englisch tat, mit seinen runden Piccadilly- und ➱Tab Kragen und seinem Rolls Royce nicht gefallen haben.

Theodor Heuss hat übrigens die Engländer besser verstanden als Springer, dessen Englishness ja immer nur dieser hanseatische fake war: man geht als Hamburger bei Kledaasche und Oelke rein und kommt als Engländer wieder heraus. Nach seinem ersten Englandaufenthalt hatte der junge Theodor Heuss einen Reisebericht über den Sommer 1911 in England geschrieben, der hundert Jahre später immer noch eine scharfsinnige Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis verrät. Es lohnt sich, das zu lesen. Die Reisebeobachtungen finden sich auch in dem oben erwähnten BuchVon Ort zu Ort. Das zwar nicht als Text im Internet steht (wäre aber gut), aber als Buch für 0,01€ bei Amazon Marketplace zu finden ist. Die preiswerteste Ausgabe von Besser die Wahrheit von Christian Wulff kostet dort 6,95. Wenn der Text von Heuss nach hundert Jahren beinahe immer noch aktuell ist, wird das wohl niemand in hundert Jahren über irgendwelche Texte des gegenwärtigen Amtsinhabers sagen können.

Als ich das Buch Von Ort zu Ort von Theodor Heuss vor Jahren las, war mir ein Satz überhaupt nicht aufgefallen, der in diesen Tagen beim Wiederlesen ein Lächeln entlockte. In einer Nachschrift zu seinem England-Artikel von 1911 beschreibt Heuss das London des Jahres 1947. Die Engländer haben zwar den Krieg gewonnen, aber es geht ihnen nicht viel besser als den Deutschen. Es wird noch ein Jahrzehnt dauern, bis Harold Macmillan der Nation versichern kann: You’ve never had it so good! Heuss bewundert die Engländer für ihre Art, wie sie stoisch und mit common sense mit dem Mangel umgehen. Und in diesem Zusammenhang schreibt Heuss: Für den, der kein eigenes Fremdgeld besitzt, sondern die Gastlichkeit alter Freunde genießt, ist es schwer, die häufige Frage zu beantworten, ob „das Leben teuer sei“. Das ist so ein Satz, den Christian Wulff auch parat hätte. Aber die Freunde von Heuss werden andere Menschen gewesen sein als Egon Geerkens und Carsten Maschmeyer.

Heuss, der sich ein bisschen genierte, dass er nur wenige Sätze Englisch sprach, hat im Oktober 1958 die englische Königin besucht. Die in ihrer Rede die Vielzahl der Verbindungen des englischen Königshauses mit Deutschland betonte – das hatte die königliche Familie nicht mehr getan, seit sich 1917 die Battenbergs in Mountbatten umgetauft hatte. Die englische Presse (die Times inklusive) reagierte von kühler Höflichkeit über eingefrorene Gleichgültigkeit bis zu brennender Feindseligkeit, so Richard Crossman. Geschichte sei die Kette der verunglückten Möglichkeiten hat Heuss einmal gesagt. Sein Englandbesuch hat aber doch viel bewegt, wenig später sagte der deutschblütige Prince Philip: Mit Deutschenhaß allein können wir nicht überleben. Es ist eine öde Beschäftigung, sich über die Geschichte zu ärgern, und sie macht blind für die Aufgaben der Zukunft. Die deutsche Presse gefiel sich damals in der Rolle, die feindseligen Äußerungen der englischen Presse zu wiederholen, woraufhin Heuss die Journalisten als auf gut deutsch gesprochen, Rindviecher bezeichnete. Ich liebe solche Sätze. Es kommt nur darauf an, wer es sagt.

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