Ich sollte allerdings bei all dem, was ich gestern über die ➱Duchess of Gordon sagte, nicht vergessen zu erwähnen, dass sie auch ein klein wenig Modegeschichte geschrieben hat. Denn wie ein ➱Historiker des Hauses Gordon zu berichten weiß, war sie a great figure in the social life of London, with a harmless craving for notoriety; so the idea at once struck her that it would look well in silk. She sent a pattern of it to China, and in due course back came a tartan plaid. Man geht damals lange Wege, um an gesuchte Kleidungsstücke zu kommen. Oder hat die Globalisierung schon angefangen? Tartan aus China, man fasst es nicht. Heute wundert man sich nicht mehr darüber, wenn die Tweedjacketts von Magee (Donegal) in Nordafrika genäht werden.

Nach der Schlacht von Culloden war das Tragen von Kilt und Tartan in Schottland verboten, der Dress Act von 1746 besagte: That from and after the first day of August, One thousand, seven hundred and forty-six, no man or boy within that part of Britain called Scotland, other than such as shall be employed as Officers and Soldiers in His Majesty’s Forces, shall, on any pretext whatever, wear or put on the clothes commonly called Highland clothes (that is to say) the Plaid, Philabeg, or little Kilt, Trowse, Shoulder-belts, or any part whatever of what peculiarly belongs to the Highland Garb; and that no tartan or party-coloured plaid of stuff shall be used for Great Coats or upper coats, and if any such person shall presume after the said first day of August, to wear or put on the aforesaid garment or any part of them, every such person so offending … For the first offence, shall be liable to be imprisoned for 6 months, and on the second offence, to be transported to any of His Majesty’s plantations beyond the seas, there to remain for the space of seven years. Man weiß heute nicht so sehr viel darüber, wie die ersten Tartanmuster ausgesehen haben. Dies da oben soll der Tartan sein, den man in Culloden gefunden hat, aber die Farben sind viel zu prächtig. Schauen Sie doch einmal in diesen ➱Artikel über den Culloden Coat hinein. Nach Jahrzehnten des Verbots leitet Jane Maxwell die Renaissance dieses schottischen Kleidungsstückes ein, auf jeden Fall für die Damenmode.

Dummerweise trägt die Herzogin ihr sensationell neues Kleidungsstück zum ersten Mal in Anwesenheit der Duchess of Cumberland (hier von Gainsborough gemalt). Die natürlich durch ihre Heirat mit jenem Cumberland verwandt ist, der nach der Schlacht von ➱Culloden den schönen Titel Butcher bekommen hat. Und so fängt sich unsere schottische Herzogin an Stelle eines Kompliments den tödlichen Satz It may do for yourself very well but it would not do for me von Ihrer Königlichen Hoheit ein. Es ist sicher kein Zufall, dass Jane Maxwell, die in die Gordon Familie hineingeheiratet hat, jetzt die Wiederbelebung von Kilt und Tartan betreibt. Denn die Herzöge von Gordon sind immer knallharte patriotische Jacobites gewesen.

Der erste Herzog von Gordon wanderte 1707 ins Gefängnis, weil er gegen die Union Schottlands mit England war, der zweite Duke war 1715 bei der Schlacht von Sheriffmuir dabei. Lord Lewis Gordon ist bei Culloden dabei. Und so weiter und so fort, lediglich Cosmo fällt aus der Rolle, der ist für die Hannoveraner. Diese Gordons sind bei genauerer Betrachtung auch alle ein klein wenig bescheuert, der Clan Gordon ist nicht glücklich, wenn er keinen Kleinkrieg anzetteln kann. Der jüngere Bruder von unserem vierten Herzog von Gordon (der hier auf einem von Pompeo Girolamo Batoni Jugendbild noch ohne Tartankostüm steht) wird für die Gordon Riots sorgen.

Die Herzogin von Gordon macht keine wirkliche Revolte, sie hat ja nur dies harmless craving for notoriety. Die wirkliche Revolution wird in Paris gemacht. Aber für eine kleine modische Revolution in der Damenmode reicht es bei ihr denn doch. Man muss natürlich dazu sagen, dass der Dress Act von 1746 längst aufgehoben worden ist. Die Proklamation von 1782 war so, dass sie jedermann in Schottland verstand: Listen Men. This is bringing before all the Sons of the Gael, the King and Parliament of Britain have forever abolished the act against the Highland Dress; which came down to the Clans from the beginning of the world to the year 1746. This must bring great joy to every Highland Heart. You are no longer bound down to the unmanly dress of the Lowlander. This is declaring to every Man, young and old, simple and gentle, that they may after this put on and wear the Truis, the Little Kilt, the Coat, and the Striped Hose, as also the Belted Plaid, without fear of the Law of the Realm or the spite of the enemies. 

Jane Gordon lässt sich von der Kritik der Duchess of Cumberland nicht aufhalten (wann ließ sich diese Frau jemals aufhalten?), sie tut jetzt alles, um den Tartan wieder in der schottischen Mode heimisch zu machen. Sie bestellt in Spitalsfield (wo emigrierte Hugenotten die englische Seidenweberei aufgebaut haben) meterweise seidene Tartanstoffe. Und bald tragen die Herren in Edinburgh nur noch Tartan-Seidenwesten. Irgendwann tragen sogar die Kellner in den pubsund coffee houses Tartanwesten. Spätestens dann, wenn die Kellner so etwas tragen, ist eine Mode eigentlich tot. Das ist der trickle-down effect der Mode. Doch in diesem Fall lebt der Tartan weiter. Der Verleger Samuel William Fores, der gutes Geld mit politischen Karikaturen verdient, bildet die Herzogin 1792 als The Tartan Belle ab, die kolorierte Illustration macht Modegeschichte.

Zumal die Familie Gordon (sprich: Jane) sich inzwischen auch ihren eigenen Tartan entworfen hat. Das war im Prinzip der Black Watch Tartan, nur mit einem gelben Streifen verziert. Auf dem Bild hier sehen wir ihren Sohn, den fünften Herzog von Gordon in dem Aufzug, den Mammi für ihn entworfen hat. Janes Gatte hatte das Regiment der Gordon Highlanders 1794 gegründet, und ihr Sohn war da gleich Colonel geworden. Im Jahr zuvor war die Herzogin in der neuen ➱Regimentsuniform durch halb Schottland geritten und hatte Freiwillige angeworben. Angeblich hatte sie dabei, so vermeldet es ein Chronist, den King’s shilling zwischen den Lippen. Die frisch Rekrutierten durften die Herzogin küssen und den Anfangssold einstecken. Scheint für beide Seiten funktioniert zu haben, die Herzogin konnte stramme schottische Bauernlümmel knutschen und der Herzog bekam sein Regiment voll.

Kaum sind die Gordon Highlanders gegründet, da werden sie schon durch die ganze Welt geschickt. In Indien kämpfen sie unter Colonel Arthur Wellesley, der noch nicht Duke of Wellington heißt. Der sieht das Infanterieregiment in der Schlacht von Quatre Bras wieder, wo sie den Hauptangriff von Marschall Ney abwehren. Zwei Tage später sind sie in Waterloo wieder dabei, da lebt nur noch die Hälfte des Regiments. Auch ihr Colonel, John Cameron of Fassiefern, der seit der Gründung des Regiments dabei war, ist gefallen. Am Vorabend der Schlacht war der Colonel noch auf dem Ball der Duchess of Richmond (niemand anderes als die älteste Tochter der Herzogin) gewesen, jenem denkwürdigen Ereignis, wo Wellington erfuhr, wie nah im Napoleon schon war.

Vor einem halben Jahrhundert hatte ich auch mal einen Schlips mit dem Gordon Tartan. Ich hatte auch einen mit dem Buchanan Tartan und einen Black Watch Schlips. Ich war nicht der Einzige, der damals in Bremen so etwas trug, Schottenschlipse waren im anglophilen Bremen sehr beliebt. Entweder einen Schottenschlips oder einen mit den ➱Diagonalstreifen (das da sollten Sie unbedingt lesen) eines englischen Regiments. Hergestellt von Atkinson oder Michelson, damit konnte man einen Bremer schon glücklich machen. Selbst die Läden in Helgoland hatten sich auf die Bremer und Hamburger Kundschaft eingestellt und hatten massenhaft Schottenschlipse im Angebot. Und da ich gerade nostalgisch über das Bremen der sechziger Jahre schreibe, hätte ich noch ein kleines Schmankerl. Jörg Beckmann, der aus Twistringen bei Bremen kommt, tourt gerade mit seiner Band durch Norddeutschland und hat einen nostalgischen ➱Song über Bremen im Programm. Kommen allerdings keine Schottenschlipse drin vor.

Was wir in unserer jugendlichen Verehrung der insularen Kultur damals nicht wissen konnten, ist die Tatsache, dass es mit den meisten schottischen Clanfarben genauso ist wie mit der bayrischen Volkstracht – beide wurden erst im 19. Jahrhundert erfunden. Beinahe all das, was man heute mit der Highland Romantik verbindet, ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Den Beginn des romantischen revival markiert Sir Walter Scotts Roman Waverley und der Besuch von ➱George IV in Edinburgh. Mit Kilt und fleischfarbenen Leggings drunter. Ganz Schottland hat gelacht. Und dennoch geht das jetzt mit der Romantisierung des Schottischen im großen Stil los. Auf deren Höhepunkt wird Prince Albert Tartanmuster für die Teppiche und die Tapeten von Balmoral entwerfen. Heute vermarkten die Schotten ihre künstlich erzeugte Vergangenheit an alle Touristen, findige schottische Geschäftsleute haben sogar einen Nationaltartan mit Kirschblütenassoziationen für ➱Japan kreiiert. Die Japaner kaufen heute ja eh die meisten Tartanprodukte.

Die Verdienste der Herzogin als fashion leader sind allerdings sub specie aeternitatis nicht so groß. Was sie kreiiert, mag zwar imEmbro eine dolle Sache sein, aber es setzt sich in der feinen Gesellschaft nicht durch. Da kann man die Kataloge von Malern wie Reynolds, Gainsborough, ➱Raeburn und ➱Lawrence durchblättern solange man will, man wird Schwierigkeiten haben, eine Dame der feinen Gesellschaft zu finden, die schottische Tracht trägt. Das modische Bemühen und dies harmless craving for notoriety (das bei Frauen natürlich nie harmless ist) werden in dem köstlichen kleinen Gedicht gewürdigt (das auch ganz nebenbei darauf hinweist, dass bei den Bildern von ➱Joshua Reynolds die Farben schnell verblassen), das John Malcolm Bulloch vor über hundert Jahren an das Ende seines Buches über die Gordons gestellt hat:

I bend the knee before your Grace, 
Whose laughing eyes and sunny face 
Sir Joshua’s genius has displayed. 
And when, perchance, his colours fade 
You still must hold an honoured place.
To you, who led in Fashion’s trace,
Who made the dance fight dice and ace,
And dressed the dames in tartan plaid, I bend the knee. 
The restless days slip past apace —
Forgetful is the populace :
Yet Time but makes the Maxwell maid
The greater Queen. Your brave brigade
Keeps bright your name.
To all the race I bend the knee. 
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