Also, ich hätte das Jackett nicht gebraucht, das ich am letzten Sonntag auf dem Flohmarkt kaufte. Die Schränke sind voll mit Jacketts. Aber dies hier war reine Nostalgie. Hatte ein Label mit dem Namen Tyrone. Und kostete nur zehn Euro. Die nette blonde Frau, die mir das Teil verkaufte, verstand etwas von Stoffen, weil sie früher damit gehandelt hatte. Wir waren uns einig, dass dies eine tolle Baumwollqualität sei. Bei ➱Caruso nannte sich so etwas mal aus unerfindlichen Gründen Old Cotton. Knittert natürlich auch, aber knittert edel, wie der blöde Spruch von Boss sagte: Leinen knittert edel. Den ersten Leinenanzug habe ich Anfang der sechziger Jahre in Hamburg im Alsterpavillon gesehen, trug ein eleganter grauhaariger Typ, der eine Schönheit vom Typ Brigitte Bardot als Trophäe mit sich führte. Brigitte Bardot Kopien gab es damals ja mehr als Leinenanzüge. Wie kann man nur so herumlaufen? entrüstete sich meine Mutter. Ich fand das damals cool, denn in der Welt von so ungeheurer Korrektheit, in der dank steifer Einlagen alles formtreu war und nichts knitterte, erschien mir dieser zerknitterte Leinenanzug wie eine modische Befreiung. Die Idee hatten Giorgio Armani und Massimo Osti später auch.

Es ist Jahrzehnte her, dass ich zum ersten Mal das Label Tyrone an einem Jackett sah. Was ist das denn für ’ne Firma, fragte ich Kelly. Du, das ist eine neue Marke, interessante Sache. Kelly fand immer neue Marken und interessante Sachen. Er hieß natürlich nicht Kelly, das war nur sein Spitzname. Weil er so gut tanzen konnte. Wie Gene Kelly. Seine Tochter hat ihn mal in London ins Annabels geschleppt, da hat er den ganzen Abend mit Diana getanzt. Die war ja sowas von glücklich, dass da mal jemand war, der richtig tanzen konnte und ihr nicht immer auf die Füße trat. Hat er mir erzählt, er war ein großer Geschichtenerzähler. Nicht alle seine Geschichten waren wahr, aber ich glaube, dass diese stimmte.

Der Laden, den Kelly in den siebziger Jahren in der Dänischen Straße gegenüber vom ehemaligen Kunsthistorischen Institut aufmachte, hieß natürlichKelly’s. Vorher war in dem Laden ein Marineschneider drin, der immer Uniformen und Colanis (natürlich benannt nach der Kieler Firma Berger & Colani, die die kaiserliche Marine belieferten) im Fenster hatte. Und Mützenbänder, genau wie die von meinem Onkel Gustav, der auf derGroßherzogin Elisabeth gefahren war. Bei der Marine ändert sich modemäßig auch nie was. Die Sektsteuer, die von Willem II für den Bau von Schlachtschiffen eingeführt wurde, ist auch immer noch da. Obwohl wir keine Schlachtschiffe mehr haben. Nur der Kieler Knabenanzug ist ein bisschen aus der Mode gekommen.

Kelly hatte 1970 – gleichzeitig mit Leuten wie Thomas Friese (Thomas-I-Punkt), Dolf Selbach oder Heinrich Zapke – eine Marktlücke entdeckt. Denn vorher gab es in Kiel keine Herrenmode, nichts Vergleichbares mit Bremen oder Hamburg. Gut, es gabt einen Hettlage & Lampe, die auch einen kleinen separaten Men Shop hatten. Hela hieß dann eines Tages Ansons und damit verschwand der etwas luxuriösere Men Shop. Das älteste Fachgeschäft war ein gutbürgerlicher Laden namens Witte. Den gibt es immer glücklicherweise noch, und er ist immer noch ein gutbürgerlicher, gut sortierter Herrenausstatter, bei dem man durchaus einkaufen kann. Inzwischen gibt es auch Witte 2 (jünger und modischer) und einen Witte für die elegante Dame. Alles andere ist verschwunden: Albertus Becker (wo ich mal im Ausverkauf einen tollen englischen ➱Driway Regenmantel kaufte), Anzug Meyer (immer todlangweilig), die drei Schneider und die drei Marineausstatter. Dafür haben wir aber heute Peek & Cloppenburg (die auch mal einen kleinen Luxusshop hatten) und Ansons. Und so etwas wie Nortex in Neumünster. Und natürlich H&M, Zara und all dieses Zeug. Das Verschwinden der Herrenschneider und der kleinen Herrenausstatter und die Hinwendung der Kunden zu Läden wie Ansons und diesen scheußlichen Dingern in Gewerbegebieten (die sich aus irgendeinem Grund Designer Outlets nennen) und den Monolabel-Stores sind keine Kieler Eigenart, es gibt sie überall.

Kleine Herrenausstatter (die im amerikanischen Englisch haberdasherheißen) wie der Laden, den Kelly gründete, sind eine bedrohte Spezies. Manche haben sich inzwischen zu einer Gruppe wie dem ➱Masculin Modekreis zusammengeschlossen. Das mag exklusiv scheinen, aber man findet dann doch von Hamburg (Braun) und Bremen (Stiesing) bis Trier (Fabius) die gleiche Ware in den Schaufenstern. Wahrscheinlich sollte man die Herrenausstatter unter Denkmalschutz stellen. Das wäre sowieso mal ein wirkliches Desiderat: ein Modegesetz. Und eineclothes police, die alle den guten Geschmack beleidigenden Leute von der Straße holt.

Den Laden mit dem Namen ➱Kelly’s gibt es heute noch. Kelly hat ihn vor fünfzehn Jahren seinem Geschäftsführer Michael Rieckhof (hier im Bild mit dem Hund Luzie) verkauft und spielt jetzt in Portugal Golf. In einer Umfrage nach den besten Herrenausstattern der Republik steht Kelly’s auf ➱Platz 20 der fünfundzwanzig Besten in Deutschland. Das Äußere des Ladens hat sich nicht geändert, das Geschäft hat seine Wohnzimmeratmosphäre behalten. Kein Marmor, Chrom und Glas, wie all diese sterilen neuen Läden, die in der Postmoderne und der Zeit der Armani-Pest aus dem Boden schossen, mit diesen arroganten Schnöseln als Verkäufer da drin.

Die Dänische Straße ist zur Fußgängerzone geworden, die Straßenbahn (Linie 2), die hier längs fuhr, gibt es schon lange nicht mehr. Keith, der in der Straße ein Büro hat (auf dem Schild unten am Haus steht nurichfahrealsobinich und autosapiens), parkt sein grünes ➱Bentley Coupé (oder den ingridgrauen Ferrari, oder was er gerade fährt) immer frech vor dem Laden, obgleich er eigentlich gar nicht in die Straße fahren darf. Aber so eine dunkelgrüne Corniche vorm Laden sieht immer gut aus und passt ins Ambiente. Wahrscheinlich bezahlt ihm Michael Rieckhof die Tickets und setzt sie als Werbungskosten ab.

Eigentlich wollte Kelly Fußballer werden, hatte auch schon einen Vertrag bei einem Bundesligaverein in der Tasche. Aber dann hat er diese bildschöne Frau kennengelernt, und die hat gesagt, dass vielleicht etwas draus werden könnte. Aber nicht mit einem Fußballer. Da hat er dann Herrenkonfektion gelernt. Man konnte mit ihm über alles reden, über Fußball, Jazz und Country & Western Musik. Und über Frauen. Obwohl er diese bildschöne Ehefrau hatte, hatte er irgendetwas von Don Giovanni an sich, er liebte es im Sommer in der Ladentür zu stehen, watching the girls go by.

Wir reden natürlich auch viel über Mode. Er kauft extravagante Dinge ein, manche verkauft er auch ungern, er hängt an ihnen. Sein Laden bekommt mit den Jahren beinahe etwas von einem Kostümmuseum. Es ist heute etwas stromlinienförmiger geworden. Aber manchmal sehne ich mich nach dieser Zeit zurück, als der Laden einem Theatergarderobenfundus glich. Kelly lässt mich hinter die Kulissen des Geschäfts und der Branche schauen, ich darf bei hunderten von Gesprächen mit Vertretern, Stoffhändlern und Schneidern dabei sein. Sie alle haben Geschichten zu erzählen, es ist alles viel interessanter als an der Universität. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass dieser Laden hier meine Uni war. Er hat heute immer noch mehr von der Atmosphäre eines Wiener Kaffeehaus als von einem schnöden Klamottenladen an sich. Man trifft sich da, und schnackt miteinander. Ich habe da schon intelligentere Gespräche geführt als in der Universität.

Kelly fängt mit Italienern (Hilton und ➱Nervesa) an, Italiener waren damals neu in Deutschland. Obgleich Hans Kalich in der Böttcherstraße in Bremen schon in den sechziger Jahren auf sie setzte –  das hat nicht erst mit Dolf Selbach angefangen, wie immer behauptet wird. An deutschen Firmen gab es ➱Windsor(damals neben ➱Regent das Beste in Deutschland) und erstklassige Dänen. Hobson of Copenhagen und Christonette, die tolle Mäntel machten. An Engländern gibt es eines Tages Chester Barrie, Daks und Magee. Magee gibt es da heute noch, und über diese Firma in Donegal schreibe ich gerne noch einmal. Irgendwann gibt es bei ihm Raffaele Caruso, Kiton (in kleinen Stückzahlen) und Zegna. Und er reduziert in den Ausverkäufen beinahe alles jahrelang radikal. Auf jeden Fall in den ersten Jahren. Die Leute kommen aus Hamburg angereist, um sich im überfüllten Laden um die Teile zu kloppen. Facebook gab es noch nicht, aber die Ausverkäufe bei Kelly’s sprachen sich wie ein Lauffeuer herum.

Man wusste nie, welche Marken bleiben würden, es hing auch ein wenig von seinen Launen ab. Und sicherlich auch von den Margen, die die Hersteller ihm einräumten. Manchmal war auch eine gewisse Portion Wut mit manchen Marken verbunden, denn häufig wurden Firmen ja erst durch die Initiative der Ladenbesitzer gehätschelt und bekannt gemacht. Und dann findet sich plötzlich das ganze Angebot der Marke bei P&C. Oder ein Händler, der Zegna erst groß gemacht hat, hat plötzlich einen Zegna Flagship Store neben seinem Laden. Da kann man die Verbitterung verstehen. Windsor flog bei Kelly eines Tages raus, weil Kelly eine unüberwindliche Aversion gegen den Jochen Holy hatte, der Windsor gekauft hatte.

Und weil Torsten Riemer um die Ecke einen Laden aufgemacht hatte, der stark auf Windsor und ein Yuppie-Publikum setzte. Also dieses Publikum, das damals im Quadrat in der Schlossstraße den Tag verbrachte und das nur in Läden mit einer Inneneinrichtung von Stahl, Chrom und Designerleuchten kaufte (dies hier ist ein Armani Laden). Kellys Geschäft florierte vom Start weg, weil dies die modeverrückten siebziger und achtziger Jahre waren, und alle Welt wie bescheuert Klamotten kaufte. Und es plötzlich Designer gab. Vorher waren Designer ja etwas, das man mit dem ➱Victoria & Albert Museum, dem Arts and Crafts Movement, ➱Wilhelm Wagenfeld, ➱Max Bill oder ➱Dieter Rams verband. Jetzt waren es Italiener, deren Namen viele nicht richtig aussprechen konnten. Bis heute nicht. Da war Julia Roberts in Pretty Woman nicht die einzige, die mit dem Namen Versace Schwierigkeiten hatte.

In der Geschichte der Herrenmode gab es bis dahin wenigetrademarks – in der Damenmode ist das anders, seit dem Augenblick da ➱Charles Frederick Worth Etiketten in seine Kreationen nähte. Kein Kunde hätte in den sechziger Jahren etwas mit Marken wie Standop, Odermark oder Napieralla anfangen können. Man vertraute seinem Herrenausstatter, dass er etwas Vernünftiges eingekauft hatte. Lediglich die Miltenberger Kleiderwerke – Kleide Dich besser Trage MKW Modellkleidung – warben damals mit dem Filmschauspieler Claus Biederstaedt. In England war das vielleicht etwas anders, da hier Firmennamen wie Burberry, Daks/Simpson oder Aquascutum als household words etabliert waren. Die Namen standen auch für Qualität – was bei Designern ja nicht unbedingt der Fall war. Der erste und einzige Armani Anzug, den sich Prince Charles kaufte, kam in Einzelteilen aus der Reinigung zurück.

Während es bis dahin für den Gentleman eine Selbstverständlichkeit war, dass sein Schneider ihm keinerlei Etiketten in das Jackett genäht hatte (höchstens in die Innentasche), wurden Designerlabels jetzt zur Schau gestellt. Die Presse berichtete süffisant über einen Kanzler namens Schröder, der vollproll mit aufgerissenem Jackett durch den Flieger lief, damit jeder das Firmenetikett bewundern konnte. Manche trennten auch die kleinen auf den Ärmel genähten Firmenschilder nicht ab und liefen stolz damit herum. Deutschland Antwort auf die italienischen Designer hieß BOSS (vielleicht schreibe ich über diese ➱Firma irgendwann noch einmal), die aber auch nicht lange in Metzingen produzierten. Weil jetzt jeder Designer weltweit mit Flagship Stores vertreten sein wollte. Das auf dem Bild sind Schafe in der Savile Row während der British Wool Week, aber ich glaube das Photo mit den Schafen in der Savile Row hat noch eine größere symbolische Bedeutung.

Als Arthur Miller in den fünfziger Jahren zum ersten Mal das Wort lifestyle hörte, gab er dem Wort keine große Lebenserwartung. Musste aber später zugeben, dass er sich da getäuscht hatte. Wenn irgendetwas jetzt vermarktet wurde, dann war es ein lifestyle. Die ➱Peacock Revolution der Sixties und Seventies hatte Witz und Ironie, jetzt wurde aus der Mode eine ernste Sache. Wahrscheinlich waren die letzten Aussteiger aus Poona zurückgekehrt und suchten jetzt neue Gurus. Sie fanden sie in den Designern. Nichtssagende Sätze wieyou are what you wear bekamen plötzlich den Charakter eines Gebots. Derjenige, der im 1977er Heft Manstyle: the GQ guide to fashion, fitness, and grooming den bescheuerten Satz dressing well is the best revenge schrieb, hat etwas zu verantworten. Die englische Sprache wurde um eine Vielzahl von Begriffen und Redensarten bereichert: mall ratfashion victimshop till you dropI shop therefore I am und so weiter ad infinitum. Alles, was man trug, war plötzlich ein fashion statement, und man war am besten gewappnet, wenn man(n) power suits trug. Dann sah man so aus, wie die Herren auf dieser Boss Reklame.

Der zweite von rechts mit dem Grübchen am Kinn auf dem Photo oben (und auf diesem Photo hier) war das erste immer wiederkehrende Boss Model (kein Deutscher, sondern ein Amerikaner namens ➱Michael Flinn) – die Metzinger Antwort auf den ➱Marlboro Man. Oder es ist die postmoderne Antwort auf die monumentale Männlichkeit von Arno Brekers ➱Skulpturen. Aber nichts hielt in dieser schönen neuen Welt ewig. Irgendwann ließ Boss ihn fallen, genau so wie Armani diese unheimlich schöne Frau aus der frühen Werbung in der italienischen L’Uomo Vogue fallen ließ. Weil sie eine eigene Meinung hatte. Armani und Frauen ist sowieso so eine Sache, aber dann Frauen mit eigener Meinung, das geht nun gar nicht.

So wie die Designer jetzt eine neue Sache waren, waren auch die Models eine neue Sache. Sie mutierten ja bald zu Supermodels, und eine ganze Industrie von Ghostwritern und Modejournalisten schrieb ihnen einen synthetischen Mythos herbei. Wobei die männlichen Models natürlich immer im Schatten der neuen Göttinnen standen. Kann sich noch jemand an Viktor Latscha, das Gesicht der deutschen Herrenmode der sechziger Jahre, erinnern? Es gab aber jetzt doch schon eine Vielzahl von in der Branche bekannten Dressmen wie Michael Flinn oder hier ➱Rick Edwards bevor ➱Marcus Schenkenberg einen Status als Halbgott in U-Hosen bekam.

Viele begriffen den Geist der Zeit und der Designermode nicht so richtig. Sie krempelten sich ihre Jackettärmel auf wie Don Johnson in Miami Vice und fanden das cool. Das war natürlich nicht im Sinne der Designer, dass die nerds ihre Kreationen verunstalteten. Denn jetzt hatte jeder Designer passend zu den power suits seine eigenePhilosophie. Der Klamottenrausch der achtziger Jahre korrespondierte mit der Erfindung der Postmoderne, anything goes. Selten wurde das Wort Philosophie so wohlfeil verramscht (ich sage jetzt nichts über Herrn Precht). Designermode zu Rezessionspreisen: Ein Kilo Versace für 498 Mark konnte man vor zwanzig Jahren in einer Bremer Zeitung lesen. Stiesing bewarb damit seinen Off-Price Laden in der Hillmann Passage. Wahrscheinlich markierte die Werbebotschaft auch das Ende des Designerwahns. Das Kilo Versace kann man heute schon sehr viel billiger kriegen. Aber wer will das schon?

Es war eine künstliche neue Welt, in der die wagemutigen Herrenausstatter, die rechtzeitig auf die Italiener gesetzt hatten, sehr gut verdienten. Aber es war für die Modeindustrie sicherlich auch ein Haifischbecken, weil viele kleine Firmen, die originelle Mode machten, schnell wieder verschwanden. Zu denen gehörte leider auch das Label Tyrone. Am 30.06.1994 war in den Textilmitteilungen zu lesen: Nach Trennnung von Brinkmann-Gruppe und Odermark aus konzeptionellen Gründen, steht die vor sechs Jahren eingeführte Marke italienisch inspirierter Mode auf eigenen Füßen. Solche Sätze bedeuten nichts Gutes, und irgendwann war es mit Tyrone vorbei. Zuvor waren sie sicher bei der Friedrich W. Brinkmann GmbH & Co. KG angesiedelt (nennt sich heute bugatti Holding), die sich damals mit der Linie der Designerin Doris Hartwich noch eine kleine Extravaganz leisteten. Doris Hartwich Herrenmode gibt es heute noch. Tyrone, seit 1994 immer weiter verkauft (unter anderem an die Schweizer Firma Ritex) scheint jetzt ein Label für Kinderkleidung zu sein.

Für die Fachwelt kam die Liquidierung der Tyrone Mode Vertriebs- GmbH, Herford zum 31.12. 1993 nicht so furchtbar überraschend, denn schon im Juni 1993 hatte Brinkmann (hier die beiden Brinkmanns) mitgeteilt, dass Tyrone in Zukunft dem Label Fariani bei der Konzerntochter Odermark zugeschlagen werde: Fariani- Kunden können die Kollektion mit Fariani-Label kaufen, Tyrone-Kunden mit Tyrone-Label. Damit verliert eine Marke natürlich ihre Identität, wenn es am Schluss der Produktionskette völlig beliebig ist, welches label in das Teil genäht wird. Andererseits: war das nicht der Kern des ganzen Designerwahns, bei dem es nur auf das Label ankam und niemand wusste, wo und wie das Teil hergestellt wurde?

Angeblich waren es zwei Topleute von Windsor, die im Zorn von Windsor schieden und mit dem Label mit dem irischen Namen Tyrone unter dem Mantel der Brinkmann Gruppe Schutz fanden. Die Geschichte kann stimmen, ich habe in den letzten Jahrzehnten eine Menge Leute getroffen, die böse Dinge über die Firma sagten, seitdem der Firmengründer Gerhard Klasing da nichts mehr zu sagen hatte. Auf jeden Fall ähnelte das Konzept von Tyrone (mit modisch, hochwertigem Anspruch) dem der Firma Windsor in den besten Tagen, englische Stoffe und italienisch angehauchter Schnitt. Als ich Michael Rieckhof letzte Woche fragte, was ihm zu der Firma Tyrone einfiel, sagte er Tolle Schultern. Und das stimmt auch, das Tyrone Jackett, das in meinen Schränken mehr als zwei Jahrzehnte überlebt hat, hat eine beinahe ➱italienische Schulter. Gut, kein Vergleich mit Kiton (oben), aber es ging schon in diese Richtung. Die Produktion der Linie lag bei Odermark, die ja in der Brinkmann Gruppe auch für die Maßkonfektion zuständig waren. Die auch immer Sondergrößen führten, zum Beispiel durch ihre Athletic Linie. Was es in der deutschen Konfektion schon in den dreißiger Jahren als sogenannte Sportgrößen gegeben hatte, aber die Konfektion vergisst schnell. Zum Beispiel, dass man Knöpfe richtig gut annähen kann. Seit Oscar Wilde gesagt hat Fashion is a form of ugliness so intolerable that we have to alter it every six months, muss die Konfektionsindustrie das Rad zweimal im Jahr neu erfinden.

Als es Tyrone eines Tages nicht mehr gibt, entdeckt Kelly ➱Diniz & Cruz. Und dann wieder eine andere Firma, das wird jeder Herrenausstatter tun, der seinen Kunden nicht das graue Einerlei von P&C anbieten will. Michael Rieckhof ist auch ständig dabei, etwas Neues zu entdecken. Natürlich gibt es heute immer noch Private Label Sakkos. Früher kamen die von ➱Dressler, das machten beinahe alle Herrenausstatter so. Alle Jacketts, die Ladage & Oelke ihren Kunden alsOriginal English verkauften, kamen von Dressler. Das ist ja auch nichts Böses, die Qualität bei Dressler (inzwischen auch bei Brinkmann gelandet) stimmte immer. Und sie hatten genügend Rümpfe im Programm, um vom Spargeltarzan bis zum Bodybuilder dem Kunden ein passendes Jackett zu bieten. Offerierten auch immer ein sehr englisch aussehendes Modell mit schrägen Taschen und Billettasche. Das musste wahrscheinlich sein, weil sie jahrzehntelang die Burberry Lizenz für Deutschland hatten. Die haben sie vor ein paar Jahren verloren, dafür aber die Lizenz von Daks bekommen (über die Firma wird es irgendwann hier auch einmal etwas geben). Ich habe kein englisch aussehendes Dressler Jackett im Internet gefunden (ich habe zwar noch welche im Schrank, aber ich habe keine Digicam), deshalb habe ich dieses wunderbare englische Vintage Teil hierher gestellt. Beachten Sie bitte, dass sich der mittlere Knopf auf keiner Linie des Karomusters befindet. Nur so ist es korrekt. Früher haben Schneider auf solche Dinge geachtet.

Dass ich die kleine Firma Tyrone in solch nostalgischer Erinnerung habe, mag auch daran liegen, dass Kelly sich die wildesten Stücke aus der Kollektion herauspickte (und sie dann seinen Kunden anschnackte). So etwas tat er immer, er hatte ein Händchen dafür. Und Mut. Den braucht man auch, um mein altes Tyrone Jackett zu tragen, das aus weißen, grünen und schwarzen Karos besteht. Es passt nach knapp zwanzig Jahren immer noch. Aber nur, weil die damals so füllig geschnitten waren, kommentierte Michael Rieckhof etwas gehässig. Soll ich ihm mal sagen, dass ich die augenblickliche Mode der zu kurzen und zu engen Jacketts scheußlich finde?