Vor neunzig Jahren wurde der Regisseur Blake Edwards geboren – hier sehen wir ihn im Jahre 2009 bei einer Ausstellung seiner Gemälde und Plastiken – und mit seiner ist gemeint, dass er der Schöpfer ist, nicht der Besitzer. Von den sechziger Jahren an ist das Multitalent Edwards auch als Künstler tätig gewesen. Als Regisseur hat er Millionen von Kinogängern viel Freude bereitet. Ob das nun das pinkfarbene U-Boot in Unternehmen Petticoat oder der pinkfarbene Panther war. Edwards hat vorzugsweise Komödien gedreht, natürlich nicht solche Komödien, die so sophisticated waren wie die von Lubitsch. Oder die Screwball Comedies. An Howard Hawks‘ Bringing Up Baby oder Frank Capras Arsenic and Old Lace kommt er nicht ganz heran. Aber dennoch war ein Blake Edwards Film immer amüsant.

Was daran lag, dass die Schauspieler immer stimmten. Und die Musik, die in vielen Fällen von seinem Freund Henri Mancini geschrieben wurde. Wie das berühmte ➱Moon River für Breakfast at Tiffany’s. Das war vielleicht auch der berühmteste Film von Blake Edwards, obgleich die Fans von Peter Sellers oder die von Bo Derek da anderer Meinung sind.Breakfast at Tiffany’s markiert den Höhepunkt der Karriere von Blake Edwards. Er war Schauspieler gewesen, und er hatte gezeigt, dass er als Drehbuchautor in Hollywood bestehen konnte. Er arbeitete auch für das Fernsehen, das jetzt in den fünfziger Jahren seinen Höhepunkt hatte. Serien wie Peter Gunn sind ja bis heute unvergessen. Und das ➱Peter Gunn Theme (hier von Duane Eddy) von Henry Mancini verfolgt einen ja heute noch.

Die literarische Vorlage von Breakfast at Tiffany’s war der gleichnamige Kurzroman von Truman Capote, der damals ein großes Talent der amerikanischen Literatur zu sein schien. Auf jeden Fall ein Jahrzehnt vorher, denn nach The Grass Harp war da ja nicht mehr viel gekommen. Man wartete bei ihm immer noch auf den großen Wurf, so wie man bei Salinger auf einen zweiten Roman wartete. Breakfast at Tiffany’s war sicherlich nicht der große Wurf, aber es war für den Autor ein schöner kommerzieller Erfolg.

Diese beiden Bilder stammen aus dem gleichen Jahr, beide aufgenommen von Henri Cartier-Bresson. Beide Bilder gaukeln uns einen Schnappschuss vor, aber beide sind natürlich eine Inszenierung. Albert Camus, elf Jahre älter als Truman Capote, wirkt richtig cool. Er hat zu dem Zeitpunkt schon Der Mythos des Sisyphos: Ein Versuch über das AbsurdeDer Fremde (L’étranger) und Die Pest geschrieben, ein Werk, an das Capote nie herankommen wird. Truman Capote schreibt gerade an Other Voices, Other Rooms; er gilt als die große Hoffnung der amerikanischen Literatur, seit er 1945 seine Kurzgeschichte Miriam geschrieben hat. Hat gleich von Bennett Cerf, dem Chef von Random House, einen Vertrag für Other Voices, Other Rooms bekommen. Harper’s Bazar hatte ihn 1947 als Begleitung für den französischen Photographen, den das Museum of Modern Art gerade mit einer Ausstellung gefeiert hat, nach New Orleans geschickt. Eines dieser Photos, die dabei abgefallen sind, ist das Portrait von dem jungen Mann im weißen T-Shirt. Da sitzt er nun, in der schwülen Hitze von Louisiana, verklemmt und trotzig. Er ist dreiundzwanzig Jahre alt, aber er ist noch nicht erwachsen. Ist er vielleicht nie geworden.

Wenn wir mal einen Augenblick einen gleichaltrigen amerikanischen Autor betrachten, der ebenso wie Capote 1948 seinen ersten literarischen Erfolg hat. Der Roman heißt The Naked and the Dead, er handelt vom Krieg. Den der junge Autor erlebt hat. Truman Capote war nie Soldat, er kann nur über sich selbst schreiben. Was er in Other Voices, Other Rooms tut. Der Roman macht ihn berühmt, so wie The Naked and the DeadNorman Mailer berühmt macht. Jahrzehnte später werden die beiden Autoren wieder einmal in einem Atemzug genannt, als sie beide den Anspruch geltend machen, den New Journalism erfunden zu haben.

Die Kritiker verglichen damals (zu Unrecht, wie wir heute wissen) Capote mit ➱William Faulkner, Eudora Welty, Carson McCullers und Katherine Anne Porter. Und Jean Stafford. Deren Kurzgeschichte Children are Bored on Sunday fand ich damals toll. Der deutsche Übersetzer hatte ihr einen französischen Titel gegeben: Les enfants s’ennuient le dimanche. Wozu er eine gewisse Berechtigung hatte, denn Jean Stafford hatte vorne in ihr Buch geschrieben The title of this book is borrowed, with many thanks, from the title of the song „Les enfants s’ennuient le dimanche“ by Mr. Charles Trenet. Ich las damals alles, was aus Amerika kam, aber ich merkte auch ziemlich schnell, dass Truman Capote nach The Grass Harp nichts mehr zu bieten hatte.

Frühstück bei Tiffany habe ich mir gar nicht mehr gekauft, das ist ein Roman, bei dem der Film ausreicht. Obgleich sich die Erzählung von Capote und der Film schon erheblich voneinander unterscheiden. Der Film hat eine bittersüße Story, so etwas kommt immer an, wenn Audrey Hepburn die Hauptrolle spielt. Das war ja in Roman Holiday (Ein Herz und eine Krone) nicht anders, der eigentlich ein viel besserer Film ist. Aber dieser Film war mehr, dies war ein reiner Ausstattungsfilm. High-Key Ausleuchtung in Technicolor, voll von der Mode der fünfziger Jahre. The wardrobes, supplied for Audrey Hepburn and Patricia Neal, are guaranteed to make any woman reach for her husband’s checkbook…The film’s major delight comes from the inspired, off-beat casting of Audrey Hepburn as Capote’s amoral, vanilla-haired Holly Golightly… Blake Edwards and his talented crew have touched a tawdry romance with true glamour, and they held me unprotesting in that glamour world for two delightful hours, schrieb der Saturday Review.

Das schwarze Kleid, das der Comte Hubert de Givenchy für Audrey Hepburn entworfen hatte, machte die Schauspielerin zu einer ➱Stil-Ikone. Und so ganz nebenbei, das da oben ist keine ➱Ray-Ban Modell Wayfarer, wie immer behauptet wird. Von da an, war das kleine Schwarze aus der Damenmode nicht mehr wegzudenken. Das Originalkleid (in der elfenhaften Größe 34) wurde vor Jahren bei Christie’s in London für 600.000 Euro (plus 100.000 Euro Auktionsgebühren) verkauft. Von nun an entwarf Givenchy die Kleider für Audrey Hepburn, die dadurch sein berühmtestes Mannequin wurde.

Sie blieben ihr ganze Leben lang befreundet, das gibt es selten in den Branchen von Film und Mode. Aber wir sollten bedenken, dass Audrey Hepburn eine außergewöhnliche Frau gewesen ist. Und der Grandseigneur der französischen Haute Couture sicherlich ein außergewöhnlicher Mann ist. Für die Schauspielerin Patricia Neal (die mit Roald Dahl verheiratet war) hat Givenchy die Roben nicht entworfen, sie hatte ihre eigene Designerin, ➱Pauline Trigère. Die im gleichen Jahr, als der Film in die Kinos kam, ein farbiges Model für ihre Mode beschäftigte, ein damals unerhörter Vorgang. Aber von der Wirklichkeit des amerikanischen Alltags dringt in den Film nichts ein. Dies ist einer dieser Filme, für den man diewilling suspension of disbelief, von der Coleridge gesprochen hat, dringend braucht.

Wir müssen glauben, dass am frühen Morgen, wenn Audrey Hepburn vor dem Schaufenster von ➱Tiffany’s frühstückt, keinerlei Verkehr auf der 5th Avenue ist. Wir müssen glauben, dass der Ex-Marine George Peppard (in diesen eleganten Klamotten, die ihm offensichtlich Patricia Neal bezahlt) ein junger Schriftsteller ist, auch wenn Szenen wie diese ➱hier wie eine Karikatur auf den Beruf des Schriftstellers wirken. Das ist ungefähr so lächerlich wie die Szene in La Bohème, wo der Dichter sein Manuskript verbrennt, damit etwas Wärme in die Mansarde kommt. Wir sind offensichtlich in der Welt des Melodramas, und da gelten andere Gesetze als in der Wirklichkeit. Auch für aufstrebende arme junge Schriftsteller: the atmosphere is unconvincingly clean and luxurious, and the sentimentality kills it.

Das männliche Äquivalent für die elegant gekleidete Audrey Hepburn ist nicht unbedingt George Peppard mit seinem Preppy Look, sondern das ist der ➱Marquis de Vilallonga. Im Vorspann des Film schlicht Vilallonga genannt, wenn man so adlig ist wie er, dann reicht das. Ich nehme einmal an, dass er seine eigenen Klamotten getragen hat. Er braucht auch keine schauspielerischen Fähigkeiten zu haben, er braucht einfach nur da zu sein. Und so verschönt er mit seiner Eleganz in den sechziger Jahren immer wieder Filme wie Les Amants von ➱Louis Malle, FellinisGiulietta degli spiriti oder John Schlesingers ➱Darling. Wenn irgendjemand die Inkarnation von Stil und Eleganz in den sechziger Jahren war, dann war er es.

Wenn er als brasilianischer Millionär José da Silva Pereira die rehäugige Audrey sitzen lässt, schön und gut. Das sind die Gesetze des Melodramas. Aber was sollen wir ansonsten von der Moral der Figuren halten? Film looks dated, but its once shocking sexual content is still fairly strong. Consider that Hepburn had been married at 14 to a much older man (Buddy Ebsen), she makes money by casually selling herself to men she doesn’t care for, friends Hepburn and Peppard share a bed one night (which must have raised eyebrows in 1961), and Peppard is Neal’s „kept man,“ taking money for services rendered. So the film is still not tame, sagt Danny Peary.

Er ist da einem interessanten Gedanken auf der Spur gewesen, denn so oberflächlich der Film scheinen mag, er wird doch Amerika verändern. In einer Zeit, when a not-so-virginal girl by the name of Holly Golightly raised eyebrows across the country, changing fashion, film, and sex for good, hat dieser Film durchaus Wirkung. Auf jeden Fall ist das die These des Buches von ➱Sam Wasson Fifth Avenue, 5 A.M.: Audrey Hepburn, Breakfast at Tiffany’s, and the Dawn of the Modern Woman. Wir müssen bedenken, dass sich das konservative Amerika kaum von dem Schock des Kinsey Reports und der Geburtsstunde des Playboy erholt hat, als dieser Film in die Kinos kommt, der uns jetzt nicht unbedingt die Doris Day Version des girl next door präsentiert.

Truman Capote beantwortete 1968 im Playboy Interview die Frage: Would you elaborate on your comment that Holly was the prototype of today’s liberated female and representative of a „whole breed of girls who live off men but are not prostitutes. They’re our version of the geisha girl? folgendermaßen: Holly Golightly was not precisely a call girl. She had no job, but accompanied expense-account men to the best restaurants and night clubs, with the understanding that her escort was obligated to give her some sort of gift, perhaps jewelry or a check … if she felt like it, she might take her escort home for the night. So these girls are the authentic American geishas, and they’re much more prevalent now than in 1943 or 1944, which was Holly’s era.

Ja, damals war Capote zwanzig, da wusste er, was in der Welt los war. Aber wir sind ja schon glücklich, vom Autor der novellazu erfahren, dass Holly Golightly keine Nutte ist sondern eine American geisha.Paramount hatte schon während der Dreharbeiten Sätze wie The star is Audrey Hepburn, not Tawdry Hepburn an die Presse gegeben. Irgendwie flirtet Hollywood um 1960 mit der Sünde, wenn man an Filme wie Butterfield 8 (links),The Apartment und Irma La Douce denkt. Aber natürlich ist dies nur, wie Leslie Halliwell schrieb, eineimpossibly cleaned up and asexual version of a light novel. Dieser Film ist der Vorläufer von Julia Roberts in Pretty Woman, nicht der Vorläufer von Taxi Driver.

Hamburg, sechziger Jahre. Ich habe eine Studentenbude im Hinterhof einer Mietskaserne im Karo-Viertel. Das noch nicht chic und gentrifiziert ist. Aber preiswert. Und praktisch, die Laeiszhalle ist über die Straße, in einer Viertelstunde erreiche ich die Uni. Ich habe die gleichen Klamotten wie George Peppard, hellgraue Hosen, hellblaue Buttondown-Hemden, einen dunkelblauen Anzug, einen fast weißen Regenmantel. Und so eine komische Strickjacke unter dem grauen Tweedjackett habe ich auch. Wenn ich morgens in dem kleinen Laden neben der Einfahrt zum Hinterhof meine Brötchen und meine Milch kaufe, treffe ich häufig eine hübsche junge Frau, die gerade aus einem Auto gestiegen ist. Es ist jeden Tag ein anderes Auto, immer Wagen der Luxusklasse. Ich brauche einige Wochen, um zwei und zwei zusammenzuzählen. Von da an heißt sie in meinen Gedanken nur noch Holly Golightly. Wir lächeln uns manchmal zu. Ich hätte sie beinahe vergessen, aber als ich anfing, dies zu schreiben, war sie wieder da. Sie war zwar sehr hübsch, aber sie war nicht Audrey Hepburn. Audrey Hepburn verzeiht man alles. Bei der belle inconnue habe ich doch moralische Bedenken. Life is like a movie, if you’ve sat through more than half of it and its sucked every second so far, it probably isn’t gonna get great right at the end and make it all worthwhile. None should blame you for walking out early.

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