Farewell Tom, with your perpetual serenity in the face of a murder rate that would shame the Bronx, your baffling ability to spend every waking Saturday at a different village fete and your M&S shirts with the ever-so-slightly too-tight collars. I will miss you, schreibt louella72 im Februar 2011 im Blog des Guardian. Da ist unser aller Lieblings-DCI Tom Barnaby in Rente gegangen. Marks und Sparks Hemden, ja, danach sahen sie aus. Manchmal trug Barnaby sogar, horribile dictu, Buttondown Hemden zu Anzügen, das tut man nun wirklich nicht. Der letzte, der das machte, war Björn Engholm. Und was ist aus dem geworden?

So lieb mir Barnaby über die Jahre gewesen ist, modisch gesehen waren die Midsomer Murders nicht gerade eine Werbung für die British Menswear Guild. Wenn man bedenkt, dass diese Serie einer der größten Exportartikel Englands ist, hätte man da doch mehr draus machen können. Besteht nicht schon heute die Hälfte der TV- Produktionen aus product placement? Denn deshalb schauen wir uns doch englische Krimiserien an: damit uns eine Englishness vorgegaukelt wird. Sonst können wir ja gleich Schimanski gucken. Barnabys Sergeant Gavin Troy trug immer seltsame Sachen, aber irgendwie passten sie zu ihm.

Dagegen sieht Inspector Lewis‘ Sergeant Hathaway natürlich richtig elegant aus. Laurence Fox (aus der berühmten Fox Familie, die uns mit James und Edward Fox solch stereotypische Engländer präsentiert hat) kann natürlich anziehen was er will, er sieht immer gut darin aus. In der Serie Lewis, dem spin-off vonInspector Morse, trägt er immer scharfe Klamotten und scheut sich auch nicht, bissige Bemerkungen über die Anzüge seines Chefs zu machen. Da hätten die Sergeanten Troy und Jones bei Barnaby nie gewagt.

Und selbst Lewis hat sich modisch gewandelt seit den Tagen, als er noch der sidekickvon Inspector Morse war. Doch wenn er jetzt besser gekleidet ist als früher, modisch aufregend ist das alles nicht. Denken wir mal einige Jahrzehnte zurück, als in England weniger der Kriminalbeamte auf Bildschirm und Leinwand zu sehen waren. Stattdessen hatten wir Helden, die als Geheimagenten England retteten oder in der Bulldog Dummond Tradition das Böse bekämpften.

Bei Männern wie James Bond, Simon Templar und John Steed war  modisch einiges los (falls Sie den Beginn meiner Bloggertätigkeit verpasst haben sollten, lesen Sie doch einmal diesen schönen Post über ➱Secret Agents) – heute regiert in den englischen TV-Polizeirevieren die graue Maus als männliches Modeideal. Da sehnt man sich doch schon eine Wiederholung von Der Doktor und das liebe Vieh herbei, da gibt es wenigstens interessante Klamotten zu sehen.

Ich interessiere mich bei einem Krimi nie dafür, wer der Mörder ist. Ich schaue mir die dargestellte Welt, die Innenräume, die Kostüme und die Autos an. Der langweilige achte Earl von Asherton interessiert mich nicht, seine Assistentin, Detective Sergeant Barbara Havers, schon eher. Aber der Bristol 410, der rettet ja schon die Serie. Der Earl, der unter seinem bürgerlichen Namen Thomas Lynley auftritt, fuhr ja auch einmal einen Jensen Interceptor. Das fuhr Simon Dutton auch, als er The Saint spielte. Roger Moore hatte als The Saint nur einen Volvo P 1800, der in Deutschland manchmal Schneewittchensarg hieß. Aber natürlich ist der ➱Braun SK 4 Plattenspieler das einzige Kultobjekt, das diesen Namen zu Recht trägt.

Ich bin offensichtlich nicht der einzige, der als Archäologe des Alltagslebens auf all die kleinen Details achtet. Ein englischer Autor, dessen Roman für das Fernsehen verfilmt worden war, hat mir einmal erzählt, dass es kaum zu glauben war, was für Leserbriefe bei der BBC nach der Ausstrahlung des Filmes eingegangen waren. Die kleinsten Fehler im Detail waren den Zuschauern nicht entgangen. Ich glaube inzwischen, die Zuschauer von Krimiserien gucken nur auf die Details im Hintergrund. Seit der Erfindung der Figur des Detektivs im 19. Jahrhundert halten Schriftsteller, Drehbuchautoren und Produzenten den Helden, der niemals sterben darf, durch immer neue Rolleneinkleidungen am Leben. Und die Details dieser Rolleneinkleidung sind es, die uns interessieren. Der Bristol 410 ist nur dazu da, um eine langweilige, unglaubwürdige Figur wie Lynley interessant zu machen. Der rote Jaguar von Inspector Morse scheint (wie seine Kleidung) ihm selbst zu gehören, er wohnt ja geradezu in dem Auto, vor allem, wenn er Wagner hört.

Bei der BBC hat man dem Gedanken Rechnung getragen, dass der Zuschauer nicht nur eine Krimihandlung im typisch englischen Dorf (das Colin Watson Mayhem Parva genannt hat) irgendwo in den Home Counties serviert haben möchte. Sondern auch ein bisschen nostalgische Erinnerung an die Vergangenheit. Gut, Dixon of Dock Green (hier finden Sie einen Post zu den ➱englischen Krimiserien der fünfziger Jahre) konnte man nicht wieder neu auflegen, aber immerhin versetzte man mit Inspector George Gently den Zuschauer in die sechziger Jahre.

Wenn man zur Nostalgie neigt, könnte man sich auch die DVD Murder Most English – The Flaxborough Chronicleskaufen. Da sieht der Detective Inspector Purbright (Anton Rodgers) noch so aus, wie wir uns einen Engländer vorstellen. Diese Serie, die auf den Romanen von Colin Watson beruht, ist noch keine vierzig Jahre alt. Wie hat sich die Welt der Polizeibeamten geändert! Natürlich auch die wirkliche Welt. Die Englishness, die uns die Schaufenster von Ladage & Oelke vorgaukeln, scheint es nur noch in eben diesen anglophilen Reservaten zu geben. Und natürlich bei den Abonnenten des Chap Magazins. Klicken Sie mal eben ➱hier hinein: echte englische Tweedjacketts, aber auch echte sartoriale Scheußlichkeiten der siebziger Jahre.

Als Barnaby noch nicht Barnaby war, hieß er Detective Sergeant Bergerac und ermittelte auf der Kanalinsel Jersey. Rechts auf dem Bild ist sein Chief Inspector – damals sahen Engländer noch wie Engländer aus. But it’s all different these days. Now, you have to dress up in ­fashionable clothes, go out into the marketplace and flog your wares. Gone are the days when actors could choose the shape of their careers, hat John Nettles in einem Interview beim Ausstieg aus der Serie gesagt. Selbst wenn das dress up in ­fashionable clothes hier eher eine übertragene Bedeutung hat, zeigt es dennoch einen gewissen Unwillen von Nettles/Barnaby, sich mit der Welt der Mode zu beschäftigen.

In der ersten Folge der dreizehnten Serie (die letzte Serie mit John Nettles) hat es Barnaby aber doch mit der Herrenmode zu tun, denn die Folge heißt The Made-to-Measure Murders. Der Rezensent des Guardian fand die Schneiderwerkstatt in Milton Cross ein wenig wirklichkeitsfremd: It’s even more weird that a village with a population of 353 has a thriving gentleman’s outfitters with a staff of four working flat out to satisfy everyone’s insatiable fetish for tweed suits. Hier gesteht Sergeant uns Jones This is gonna sound stupid, but… Well, I’ve always wanted a suit like the one Cary Grant wears in ‚North by Northwest‘. Da können wir nur beifällig nicken. Und dann gibt es noch den schönen Dialog zwischen Barnaby und einer Figur namens Beatrice Daniels:

DCI Tom Barnaby: I have plenty of suits, thank you. 
Beatrice Daniels: Are they all like this?
DCI Tom Barnaby: Hm? Why? Wha- wha- what’s wrong with this?
Beatrice Daniels: Oh, nothing; it’s just… well, maybe, peaked lapels would suit you better, and um, you need a little more structure across the shoulders; sleeves are too long, you want to flash a bit of shirtcuff, don’t you; and you need a higher waist. And a little more taper in the trousers perhaps. But I mean apart from that it’s, um… great.

Kann eine Kritik vernichtender sein? Die Drehbuchautoren haben auch noch a particularly good scene with Tom, fingering a piece of expensive, vintage Scottish tweed and remembering how his father’s tweed jacket smelled after a rain storm in die Folge hinein geschrieben. Und am Ende überlegt sich Barnaby, der zuvor zu Jones (hier im Laden des Schneiders) gesagt hatte I might go for something in tweed… when I’m older, mit dem Plan nach Hause sich doch einen Tweedanzug machen zu lassen:

DCI Tom Barnaby: Hello, Joyce! 
Joyce Barnaby: Uh! Tom! How could you? That’s my tweed.
DCI Tom Barnaby: Well, I’m very sorry, Mrs Barnaby, but it is nowmy tweed. Anyway, the only question is: should I go for a ticket pocket? What do you reckon, yes or no?

Meine Lieblingsszene zum Thema Barnaby und Mode findet sich am Ende von Mord auf der Durchreise (Blood Will Out), wenn Barnaby nach einer Hungerkur die Hose kaufen will, in die bei der letzten Anprobe nicht hinein passte. Und da ist dieser schnöselige junge Verkäufer (Francis Lee), der Barnaby daran erinnert, dass er das letzte Mal diesen Laden schon beleidigend mit Marks & Spenser verglichen habe. Ja, Männer und der Hosenkauf. Sie könnten jetzt zu Ihrem Amüsement den Link im Post ➱Beinkleider anklicken, wo Harald Schmidt Thomas Bernhards Stück Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen aufführt. Die Hose, die Barnaby gerne hätte (und in die er jetzt hinein passen würde), ist nicht mehr da. Der junge Verkäufer schleppt eine rote Hose an. Und da fällt unser guter DCI Barnaby beinahe aus der Rolle. Sehe ich aus wie jemand, der rote Hosen trägt? schnaubt er. Worauf der Verkäufer entgegnet: Nein, Sie sehen aus wie jemand der Cavalry Twill Hosen trägt. Die unkaputtbaren Cavalry Twill Hosen waren früher einmal die ideale Ergänzung zum ➱Tweed Jackett, ein Klassiker sozusagen. Für den jungen Verkäufer mit dem roten Hemd sind sie nur noch eine Lachnummer für Rentner. So ändern sich die Zeiten.

Jetzt, wo Barnaby in Rente gegangen ist, kann er er endlich einen Tweedanzug tragen. Natürlich sollte es einer mit einer ticket pocket sein. Vielleicht wird das in ➱Midsomer und Umgebung dann auch mal ein wenig ruhiger, und sie haben nicht mehr diese murder rate that would shame the Bronx. Ich glaube, das hängt auch mit Barnabys Klamotten zusammen. Früher, als Lord Peter Wimsey oder ➱Albert Campion ermittelten, da gab es mal ein, zwei Morde. Und jetzt? Murder galore. Schon aus Gründen der öffentlichen Sicherheit fordern wir die Rückkehr des Tweedjacketts.