My dear Lord,
 

I am most truly obliged to you for your kind note, and for your so generously thinking of me in the midst of your many occupations. I do assure you that your ever ready consideration had already attached me to you in the warmest manner, and made me very much your debtor. I thank you unaffectedly and very earnestly, and am proud to be held in your remembrance.

Believe me always, yours faithfully and obliged. 

Charles Dickens
Der Mann, dem ➱Dickens diesen Brief schreibt, ist gerade als englischer Premierminister zurückgetreten (er wird noch einmal zurückkommen). Dickens wird ihm später seinen Roman A Tale of Two Cities widmen, In remembrance of many public services and private kindnesses. Er heißt Lord John Russell, er wurde heute vor 220 Jahren geboren. Dieser schöne Titel Lord vor seinem Namen ist nur ein courtesy title, er ist der dritte Sohn des Herzogs von Bedford. Herzog ist man in der Familie erst seit 1694, weil der englische König das Gefühl hatte, dass der Sohn von Lord William Russell zu Unrecht unter die Axt des Henkers Jack Ketch geraten war.
Und da ich gerade bei Hinrichtungen bin, sollte ich natürlich nicht vergessen, die ➱Verfilmung von Dickens‘ Roman A Tale of Two Cities mit ➱Dirk Bogarde zu erwähnen. Wie Dirk Bogarde als Sydney Carton zur Guillotine schreitet, ich muss da immer ein Taschentuch in Reichweite haben. Dickens ist nicht der einzige Schriftsteller, den Lord Russell kennt, für einen Politiker haben er und seine Gattin erstaunlich viele Freunde aus der Welt des Geistes. Das trauen ihm die, die beruflich mit ihm zu tun haben, wahrscheinlich nicht zu. Das am häufigsten verwendete Adjektiv, mit dem er beschrieben wird, heißt abrasive. Königin Victoria hat ihn mit einem Terrier verglichen

Wenn ich von seiner Ehefrau rede, meine ich damit seine zweite Ehefrau, Lady Frances Anna-Maria Elliot-Murray-Kynynmound, die Tochter des zweiten Earl of Minto. Über die kann man einiges in Lady John Russell a Memoir with Selections from Her Diaries and Correspondence erfahren (➱hier im Volltext). Russells erste Frau, Lady Adelaide Ribblesdale, starb schon drei Jahre nach der Hochzeit. Sie liefert mir allerdings den Vorwand, hier mal eben einen ihrer Verwandten abzubilden. Der Herr auf dem Bild von John Singer Sargent ist Thomas Lister, der vierte Baron von Ribblesdale. Und so wollen wir den englischen Aristokraten gerne sehen: elegant und arrogant.

Lord John Russell hatte den Dichter Thomas Moore zum Freund gehabt, mit ihm hatte er Italien bereist und hatte Byron getroffen. Nach Moores Tod hat Russell dessen ➱Memoiren herausgegeben. Wenn er auch Moore für den größten englischen Dichter hielt, hinderte ihn das nicht an freundschaftlichen Beziehungen zu anderen Dichtern, auch Browning und Lord Tennyson gingen bei ihm ein und aus. Und der gefürchtete Literaturkritiker Sydney Smith (nicht zu verwechseln mit dem englischen ➱Admiral gleichen Namens) und der Historiker Lord Macauley waren häufig seine Gäste. Russell wird auch dafür sorgen, dass viele Schriftsteller vom Staat gefördert werden, indem er sie auf die civil list setzt. Das haben nicht so viele englische Premierminister getan. Russell hatte selbst auch literarische Ambitionen, allerdings waren seine Werke nicht auf dem Niveau von Benjamin Disraeli (der wie er zweimal das Amt des Premierministers bekleidete). Dazu zitiere ich doch einmal diesen köstlichen Absatz aus Brief Biographies von Samuel Smiles:

We turn now to Lord John Russell’s career as an author, for he, like many other members of the present administration, has been a writer of books. His success as a writer has, however, been but moderate, and we question whether the copyright of his works would be regarded by any bookseller as a desirable investment. That he has sought to achieve reputation as a writer of books is, however, creditable to him as a man; and it indicates a literary taste which is honourable even to a lord. He has written a novel, —“The Nun of Aronea;“ a play, „Don Carlos;“ a biography,—“Lord William Russell; a history,—“Memoirs of the Affairs of Europe;“ and he has written several essays and tracts on political subjects. His last works are his „Memoirs and Letters of Fox,“ and his „Memoirs and Letters of Moore,“—both of which might have been better done.
To speak the truth, his Lordship does not shine as an author. We have inquired for „The Nun of Aronea“ at the circulating library, but the librarian’s answer was, „Never heard of such a book.“ The Nun may therefore be regarded as a mere curiosity of literature, interesting only as a Prime Minister’s first literary enterprise.

1861 bekommt Lord John Russell den Titel eines Earl of Russell, und den wird eines Tages auch sein jüngster Enkel erben. Der heißt – das ahnen Sie schon – Bertrand Russell. Er wird kein Politiker, wie das in der Familie üblich ist, er wird einer der berühmtesten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Was bleibt einem übrig, wenn der Großvater ein Reformpolitiker ist und die Großmutter (die nach dem frühen Tod von Bertrands Vater den kleinen Bertrand erzieht) voll von progressivem Gedankengut ist? Ein klein wenig exzentrisch ist Bertrand Russell auch – wie das bei den Russells üblich ist. Es würde sich natürlich lohnen, über ihn zu schreiben – vielleicht ein anderes Mal.

Ich möchte lieber noch jemanden aus der Familie der Russells vorstellen, nämlich aus dem Zweig, die den Titel eines Herzogs haben. Und das ist John Russell, der dreizehnte Herzog von Bedford. Der zog sich den Zorn seiner aristokratischen Kollegen zu, als er den ererbten, hoch verschuldeten und halb verrotteten Familiensitz Woburn Abbey für die Öffentlichkeit zugänglich machte (und noch einen Safari Park anlegte). Er kommentierte die Kritik aus Adelskreisen mit dem Satz I do not relish the scorn of the peerage, but it is better to be looked down on than overlooked. Aber wenig später öffneten viele andere ihre ➱stately homes für das allgemeine Publikum und präsentierten allerlei Touristenattraktionen auf den Liegenschaften.

Unser exzentrischer Herzog hat uns eine Vielzahl schöner Bücher hinterlassen, die uns seine noch viel exzentrischere Familie beschreiben. In The Flying Duchess stellt er uns seine Großmutter vor, die im Alter von 65 Jahren ihren ersten Soloflug absolvierte. Und in A Silver-Plated Spoon zeichnet er – liebenswert aber schonungslos –   Portraits von seinem Vater und seinem Großvater. Wenn Sie wissen wollen, was wirklich hinter der schönen Redewendung to live like a duke steckt, dann müssen Sie dieses Buch unbedingt lesen. Es ist die witzigste und freimütigste Autobiographie, die jemals ein englischer Herzog geschrieben hat, da lohnt sich jeder Preis, den man antiquarisch für das Buch bezahlt. Mein Exemplar ist das da auf dem Photo, Paperback der überarbeiteten Ausgabe von 1967, kostete damals 5 Shilling.

Und dann ist da noch ein Buch, das ich den Lesern, die auf der Suche nach dem Charakter der englischen upper class sind, dringend ans Herz legen möchte. Es heißt The Duke of Bedford’s Book of Snobs. Mit diesem Titel spielt der Autor natürlich auf das berühmte ➱Book of Snobs (hier im Volltext) von Thackeray an, das wird auch im Vorwort ausgeführt. Bevor ich nun den brillanten Stil des Autors lobe, muss ich einschränkend sagen, dass das Buch mit Hilfe von George Mikes geschrieben wurde. Das ist der Mann, dem wir den ewigen Klassiker ➱How to be an Alien verdanken. Das Buch erschien ein Jahr nach seiner Veröffentlichung auch im Deutschen und hieß da Traktat über die feine britische Art mit dem Untertitel Das Buch der Snobs. Es wurde – da hat der Verlag bei einem solch wichtigen Thema an nichts gespart – von einer echten Prinzessin übersetzt. Allerdings war die von ihrem Ehemann, dem Fürsten Hugo Felix August zu Hohenlohe-Oehringen, längst geschieden und arbeitete unter ihrem Namen Ursula von Zedlitz als Übersetzerin (sie hat Harold Nicolson, V.S. Naipaul, Mary MacCarthy und ➱Herman Wouk übersetzt). England und die Engländer kannte sie gut, sie wurde 1905 in London geboren. Ich nehme an, dass sie sich mit dem Titel Prinzessin (den sie sonst nicht mehr benutzte) einen kleinen Scherz gemacht hat. Der hätte dem Herzog von Bedford sicherlich gefallen.

Wenn Sie sich in dem Absatz oben über das Jackett des Herzog von Bedford gewundert haben, hier ist es noch einmal in voller Schönheit. Wir sind im Jahre 1968, und wenn der Schneider der Beatles ihnen die Jacketts von Pierre Cardinnachschneidert, dann ist das ja gar nix gegen dieses elegante Teil. Ein Mao Jäckchen aus der Savile Row. Cool. Natürlich nicht von Anderson & Sheppard, wo Prince Charles seine Sachen bestellt, sondern von Tommy Nutter. Der ist ja leider schon tot, aber er ist immerhin eine Legende, und seine Klamotten hängen heute im ➱Victoria & Albert Museum.

Sein Geschäftspartner Edward Sexton, mit dem zusammen er Nutters of Savile Rowgegründet hat, ist aber noch quicklebendig. Und zeigt, dass hundertzwanzig Jahre nachdem Sargent Lord Ribblesdale gemalt hat, die englische Eleganz immer noch nicht tot ist. Sexton hat die Savile Row verlassen, aber man kann bei ihm immer noch Anzüge bestellen, klicken Sie doch einfach ➱hier.

The Duke of Bedford’s Book of Snobs ist ironische Lebenshilfe auf dem Weg nach oben (when you reach the top, you’ll find that the climb was not really worthwhile), und der Herzog hat natürlich auch ein ganzes Kapitel über die Kleidung der eleganten Welt. Und in dem stehen Sätze wie: To be dressed too well is, perhaps, even worse than to be dressed shabbily. A first-class tailor will always make anonymous clothes for you. They will never be too fashionable, they will never follow the latest craze but their quality and cut will tell even after many years. Clothes should be obviously good but they must not scream: ‚Look at me, how elegant I am!‘ The wearer’s personality should always be stronger than his clothes, You should wear your clothes; never allow your clothes to wear you.

Ach, da kenne ich doch eine ganze Menge Leute, denen ich diesen Satz gerne ans Herz legen möchte. Und da zitiere ich auch noch gerne den nächsten Absatz: There are a few people who can wear anything they choose and will always look exquisitely dressed whatever they put on. They may don a sack or convict garb and will still look better dressed than many others in the most expensive Savile Row suits. This, however, cannot be learned. A good figure is not enough. One also needs the right amount of self-assurance mixed with a sense of complete relaxation and a great deal of personality. If you happen to be one of these exceptional men, do not worry about clothing. Just buy some of the late Duke of Norfolk’s cast-offs and you will still be one of the best dressed men in town. Und solchen Weisheiten kann ich nur noch ein Bild seines entfernten Verwandten, des Philosophen Lord Bertrand Russell hinzufügen. So sollte ein Philosoph aussehen. Nicht wie dieser ➱Precht (der neuerdings durch Philipp Hübl echte Konkurrenz kriegt) mit seinem Strizzi Look.

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