Ach, hat man die damals gemocht. Marika Rökk und Dieter Borsche zusammen auf einem Photo. Schauspieler wie diese beiden beherrschten das Kino der fünfziger und sechziger Jahre, und wenn Sie alt genug sind, dann spuken sie auch noch immer in Ihrem Filmgedächtnis herum. Das sind so frühkindliche Schädigungen, die man nie mehr los wird. Vor allem, wenn man an der Kinokasse die in seltsamen Farben gedruckte Illustrierte Film-Bühne gekauft hatte. Dann hielt das Kinoerlebnis noch lange vor.

Oder wollen Sie lieber dieses schöne Paar sehen? Hier Dieter Borsche in Dr. Holl, der sich in die todkranke Maria Schell (man beachte den seelenvollen Augenaufschlag) verliebt.Um ihr ein letztes Glück auf Erden zu geben, heiratet er die Todkranke. Und dann erfindet er, weil er ja Laborarzt ist, ein Serum, dass sie gesunden lässt. Allerdings hat er dann zwei Frauen an der Backe, Maria Schell und Heidemarie Hatheyer, die seine Verlobte spielt. Der grauenhafte Kitsch wurde von der gerade frisch entnazifizierten Thea von Harbou geschrieben. Angeblich haben mehr als sechs Millionen Deutsche den Film im Kino gesehen, Fernsehen war noch nicht.

Ein Jahr vorher konnte man das Leinwandpaar Schell und Borchert in Es kommt ein Tag sehen. Das war eine sehr freie Bearbeitung von ➱Ernst Penzoldts Korporal Mombour. Penzoldt hat selbst an dem Drehbuch mitgearbeitet, das von dem seltsamsten Autorenteam alle Zeiten geschrieben wurde: Ernst PenzoldtRolf ThieleHans Abich (der bleibt in Bremen unvergessen), Fritz Graßhoff und – Sie raten es nie – Thea von Harbou. Es gibt schon Konstanten in der deutschen Kultur. Aber so nett die Schell und Rudolf Borchert anzusehen waren, das war ja noch nichts gegen die nächste Paarung.

Diesmal nicht in Königliche Hoheit sondern in Vater braucht eine Frau. Der tadellose Frack steht etwas im Gegensatz zu der Masse von Kugelschreibern, die Dieter Borsche in ➱dieser Szene in seiner Brusttasche plaziert hat. Er ist in diesem Film wieder ein Doktor – ohne diesen Titel geht es im deutschen Film der fünfziger Jahre ja nicht – aber diesmal kein Laborarzt, sondern der Leiter eines Arbeitsamts. Das war alles noch in schönem Schwarzweiß, doch dann kam der Farbfilm, und man konnte Leuwerik und Borsche in ➱Königliche Hoheit oder ➱Königin Luise sehen. War das schön! Mach dir ein paar schöne Stunden – geh ins Kino! warb damals die Filmwirtschaft, keine Experimente warb Adenauers CDU.

Ich war den Italienern und Franzosen ja so dankbar, dass sie richtig gute Filme drehten, während in Deutschland nur Filme mit dem ewigen Gutmenschen Dieter Borsche oder mit Rudolf Prack und Hannerl Matz gedreht wurden. Und Heimatfilme und eine fiese Sorte von Kriegsfilmen wie Stern von Afrika oder U 47 – Kapitänleutnant Prien (mit Dieter Borsche als Pfarrer). Im anderen Deutschland entstanden damals immerhin beachtliche Filme wie ➱Sterne oder ➱Professor Mamlock. Neben den Franzosen und Italienern sollte ich bei der wirklichen Filmkunst natürlich noch die ➱Schweden (sprich: Ingmar Bergman) erwähnen.

Und die Spanier, denn Bardems Tod eines Radfahrers hat mich damals schwer beeindruckt. Was man auf zwei Dinge reduzieren kann, die beide auf diesem Bild sind: die schöne Lucia Bosé (die schon bei ➱Antonioni in Cronaca di un amoreund La signora senza camelie mitgespielt hatte) und der Trenchcoat im Vordergrund. So einen hatte ich auch, hatte meine Eltern bei Hans Kalich in der Böttcherstraße viel Geld gekostet. Hat aber Jahrzehnte gehalten. Länger als die Beziehungen zu den Frauen, die ein wenig wie Lucia Bosé aussahen.

Der deutsche Film war nicht mehr mein Ding, obgleich ich es mit einem gewissen Amüsement registrierte, dass Dieter Borsche plötzlich in den sechziger Jahren in den ➱Edgar Wallace und Francis Durbridge Filmen zwielichtige Charaktere spielte. Und die ganze Nation beschäftigte. Als nämlich Wolfgang Neuss dieses Sätze in einer Zeitung veröffentlichte: Ratschlag für morgen (Mittwoch abend): Nicht zu Hause bleiben, denn was soll’s: Der Halstuchmörder ist Dieter Borsche…… Also: Mittwoch abend ins Kino! Ein Kinofan. Die Nation (und die Bild Zeitung, die ihn als Vaterlandsverräter bezeichnete) hätte Neuss am liebsten gelyncht.

Mich hat der ganze Rummel damals nicht interessiert, weil ich diese Durbridge Krimis für eine ganze flaue Imitation von Edgar Wallace hielt. Allerdings musste man Dieter Borsche zugestehen, dass er für den Fernsehkrimi einen erstklassigen Schneider hatte. Das sind ja schon beinahe italienische Schultern. Und dann als Krönung: der Piccadilly Kragen, trug ich damals auch mit Vorliebe. Ich war der einzige in meiner Klasse, der so was hatte. Für mich war die Bekanntgabe des Namens des Mörders auch keine Katastrophe. Was eine Katastrophe war, zeigte uns die Natur genau vier Wochen später. Und zwei Wochen nach der ➱Flutkatastrophe kam unter dem Titel Papas Kino ist tot die Kriegserklärung der Jungfilmer an Heidegrün und Alpenglühn. Eigentlich hatte ich mir diese schöne Variation von Grün ist die Heide und Alpenglühn im Wetterstein ausgedacht, aber dann habe ich gesehen, dass der Spiegel den Gag vor Jahrzehnten auch schon hatte, da markiere ich es lieber als Zitat. Ich heiß‘ doch nicht Guttenberg.

Dieter Borsche hat auch, unbemerkt von mir, immer Theater gespielt. Bernhard Minetti hatte ihn nach dem Krieg an das Kieler Theater geholt, wo er bald Oberspielleiter wurde. Einmal habe ich ihn auf der Bühne gesehen. Da war er ganz in Weiß. Nein, nicht wieder Dr. Holl, diesmal war er der Papst in Hochhuths Der Stellvertreter. Da war er irgendwie wirklich gut, wahrscheinlich päpstlicher als der Papst, den er spielte. Gutmensch bleibt eben Gutmensch. Dieter Borsche ist heute vor dreißig Jahren gestorben, vielleicht war er ein besserer Schauspieler, als ich ihn wahrgenommen habe.

Obgleich – wenn man sich die Liste seiner Filme anschaut: Jean Gabin hätte das meiste davon nicht gedreht. Aber es gibt auch eine Vielzahl von Äußerungen aus Borsches Bekanntenkreis, dass er die Festlegung auf diese Rollen gehasst hat. Aber seine wenigen Ausflüge ins internationale Filmgeschäft haben auch nichts gebracht. Denn was spielt er in Le Guerisseur neben Jean Marais? Richtig, wieder einen Arzt im weißen Kittel. Er sieht immer so ordentlich aus, sagte meine Oma. Aber in der Film und Frau sah damals jeder ordentlich aus, wenn F.C. Gundlach jemanden photographierte. Die fünfziger Jahre waren ja so furchtbar ordentlich, da musste man die Mutter oder die Oma davon abhalten, einem Bügelfalten in die Jeans zu bügeln, es war ja schon schlimm genug, dass das Kind welche hatte. Wenn Dieter Borsche Jeans getragen hätte, hätten die bestimmt eine Bügelfalte gehabt.