Wenn Sie bei diesem Buchtitel nervös werden, dann sind Sie hier richtig. Falls Ihnen der Titel nichts sagt, zitiere ich noch einmal den Untertitel: The Changes in Englishmen’s Clothes Since the War. In dem Buch steht so ziemlich das Intelligenteste drin, was über die englische Herrenmode nach dem Zweiten Weltkrieg gesagt worden ist. Wird überall zitiert, aber niemand hat es. Vor vierzig Jahren erschienen, gleich vergriffen, nie wieder aufgelegt. In öffentlichen Bibliotheken in Deutschland gibt es ein, zwei Exemplare. Alle anderen Bücher des Autors kann man heute noch kaufen, dieses nicht.

Der Autor heißt ➱Nik Cohn (nein, dies hier ist er nicht). Zu Nik Cohn brauche ich wohl nichts zu sagen, der hatte mit zwanzig zwei Romane fertig, bevor er zum Chronisten der Rock- und Popkultur wurde. In manchem das Äquivalent von Tom Wolfe – wenn es irgend einen Engländer gäbe, der den New Journalismus hätte erfinden können, dann war das Nik Cohn. Ich nehme mal an, Sie haben bestimmt alle Awopbopaloobop Alopbamboom (das er in vier Wochen geschrieben hat) im Regal stehen. Gehört, wie alles von Nik Cohn, in jedes Bücherregal.

Today there are no gentlemenist kein wissenschaftliches Werk wie Dick HebdigesKlassiker Subculture: The Meaning of Style; es ist eher ein hervorragender, langer Essay, der wunderbar bebildert ist. Das Buch ähnelt etwas George Mellys im gleichen Jahr erschienenen Revolt into Style: Pop Arts in Britain. Nur dass da etwas weniger Mode drin vorkam, allerdings ließ George Melly ➱Mary Quant oder ➱John Stephen nicht aus. Man hätte auch einen Photoband mit Photos von George Melly herausbringen können, dann hätte man die ganze Mode der Zeit in einem Band gehabt. Revolt into Style: Pop Arts in Britain ist heute noch lieferbar. Es ist ja inzwischen schon ein Klassiker, der sich wegen des unnachahmlichen George Melly Stils immer noch zu lesen lohnt.

Man könnte zu diesen Büchern auch noch The Way We Wore von Robert Elms hinzuzählen, das ich schon in dem Post ➱Notting Hill erwähnt habe. Dann hätte man eine kleine Kulturgeschichte der englischen Sub- und Popkultur 1949-1970. Dies Photo von George Melly musste hier natürlich sein. Was Sie aber auf keinen Fall brauchen, ist das Buch von Heike Jenß Sixties Dress Only: Mode und Konsum in der Retro-Szene der Mods. Soll wissenschaftlich sein, ist aber nur peinliches Geschwafel mit viel modischen Fremdwörtern und einem Hang zum hartnäckigen Selbstzitat. Von manchen Dingen sollten diese universitären Möchtegern-Kulturanthropologen ihre Finger lassen. In dem Augenblick, in dem Professoren anfangen, Vorlesungen über Hip Hop zu halten, ist irgendwas nicht mehr in Ordnung. Als sich Friedrich Karl Flick in den siebziger Jahren bei Moshammer für 1.800 DM einen Jeansanzug schneidern ließ, war das auch nur komisch.

Wenn man gegen das WerkSixties Dress Only den Text von Nik Cohn (den Heike Jenß noch nicht einmal korrekt schreiben kann) hält, dann kommt einem das Elaborat der Verfasserin (die die Sixties nicht erlebt hat) als sehr pedestrian vor. Ich wollte zuerst ein paar Stilhäppchen zitieren, aber ich lasse das lieber. Nicht alles, was sich heute Kulturanthropologie nennt, ist auf dem Niveau, auf dem Nik Cohn, George Melly und ➱Dick Hebdige damals waren (von Tom Wolfe ganz zu schweigen). Falls Sie ein Gegengift gegen diese neumodische Kulturanthropologie brauchen, schmökern Sie doch einmal in diesem sixties Kult-Blog mit dem schönen Namen ➱A Dandy in Aspic. Es gibt nichts Schöneres. Der Autor jenes Blogs besitzt auch ein Exemplar von Today there are no gentlemen und füttert von Zeit zu Zeit seine Leser damit.

Und das bringt mich wieder zurück zu Nik Cohn. Weil ich da für Sie den ultimativen Buchtip habe. Und der heißt Ball the Wall: Nik Cohn in the Age of Rock. Das ist ein Nik Cohn Reader, das Beste vom Besten. Bei Picador 1989 erschienen, man kann das Buch noch preiswert finden. Und da drin ist zwar nicht der ganze Text (und leider nicht die Abbildungen) von Today there are no gentlemen, aber auf 57 Seiten das Wesentliche. Das ist besser als gar nix.

Und zum Schluss hätte ich noch ein kleines Lesehäppchen aus dem dort auch abgedruckten The Return of the Gentleman? Wo Nik Cohn auf der Suche nach der Inkarnation des Gentleman, einem gewissen Baron Lambert, ist. Der empfängt ihn auch am Schluss (nachdem er ihn zuvor im Bentley hat abholen lassen) und plaudert charmant mit Cohn. Aber der will die ultimative Antwort auf die Frage: Was ist ein Gentleman? In the end, I could only plunge in headlong. I’m sorry, I said, this must sound most clumsy, but what about gentlemen? Would he care to attempt a definition? Then he smiled. For the first time, he looked in my eyes and his expression was one of softest, most tender regret. He was silent a moment; his smile was unbearable. ‚A gentleman,‘ said the Baron Lambert, ‚is someone who does not talk to magazines about gentlemen.‘ And with this he ordered more champagne.

Die Bilder (bis auf das Bild von George Melly) zeigen ➱Neil Munro ‚Bunny‘ Roger (oder seine Anzüge), unerreichtes ➱Vorbild für alle Dandies. Und auf diesem ➱podcast vom Oxford Dictionary of National Biography können Sie einen kurzen Abriss seines Lebens in schönstem Englisch hören.

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