Unter diesem Bild sei sie geboren worden, hat die Photographin Gisèle Freund gesagt. Vielleicht stimmt das nicht so ganz, aber es ist wahr, dass das Bild bei ihren Eltern über dem Sofa hing. Ihr Vater, der Berliner Kunstsammler Julius Freund, hatte als Bild als echten ➯Blechen gekauft.  1920 hat der Kunsthistoriker Kurt Karl Eberlein das Bild als Caspar David Friedrich identifiziert (das ist seine beste kunsthistorische Tat gewesen, alles andere von Eberlein ist nationalsozialistischer Unsinn). Julius Freund hat dann das Bild, weil es nun kein Blechen mehr war, 1930 an Oskar Reinhart verkauft, und in der ➯Sammlung Reinhart hängt es immer noch.

Gisèle Freund ist keine Malerin geworden, sie ist eine berühmte Photographin geworden. Deutschland hat sie 1933 verlassen und ist nach Paris gegangen. Hat Soziologie studiert und an der Sorbonne eine Doktorarbeit geschrieben, La Photographie en France au dix-neuvième siecle. Walter Benjamin, der die kleine, schwatzhafte Person sehr schätzte, hat, nachdem er ihre Dissertation gelesen hatte, erstaunt gesagt : Gisèle, ich hätte nie geglaubt, dass Sie so etwas schreiben können!

Aber sie konnte es. Und dann hat sie begonnen zu photographieren. Hat Virginia Woolf und James Joyce photographiert. Und André Malraux (der heute vor 111 Jahren geboren wurde). Von dem hatte ich vor einem halben Jahrhundert noch nichts gelesen, aber das Photo von Gisèle Freund aus dem Jahre 1933, das kannte ich. Natürlich wegen des Mantels, wo kriegte man wohl solch einen Mantel her? Der Mann mit dem vom Wind zerzausten Haar und der Ziggi im Mund war für mich der Inbegriff der Coolness. Natürlich ist dieses Bild – so spontan es angeblich entstanden ist – eine Inszenierung, Modephotographen können noch heute etwas davon lernen. Man sieht dem Photo nicht an, dass es beinahe achtzig Jahre alt ist.

Es hat längst einen ikonischen Status. Ein zweites Photo, das die Photographin von dem jungen Autor gemacht hat, der gerade den Prix Goncourt für La Condition humaine bekommen hatte, besitzt nicht dieses Flair. Es würde zwar immer noch für eine Gauloise Reklame reichen, aber es ist längst nicht so toll wie das erste Bild. Mlle. Freund ist damals als Photographin noch unbekannt, sie hat auch noch kein Studio. Für diese Bilder hat sie Malraux auf den Balkon ihrer Wohnung gebeten, um ihn mit ihrer Leica zu photographieren. Keine Plattenkamera mehr, kein künstliches Licht, die Leica schafft eine neue Ästhetik. So hat Malraux nur den ciel de Paris als Hintergrund hinter sich. In Farbe würde das Ganze nicht wirken (obgleich Gisèle Freund bei den Portraits von James Joyce und Virginia Woolf zur Farbe übergegangen war), diese Art der Photographie braucht den Schwarzweißfilm.

Ich habe irgendwo gelesen, dass Malraux einen ➯Lodenmantel auf dem Balkon von Gisèle Freund getragen hätte. Aber ich bitte Sie, sehen so (auch noch zweifarbig?) Lodenmäntel aus? Wahrscheinlich ist das eine Art Trenchcoat mit Wollfutter oder ein doubleface Mantel. Und wahrscheinlich gibt es in Paris nur einen, der solch ein Teil hat. Nämlich den großen Dandy André Malraux, dessen Leben eine einzige sartoriale Ausstattungsrevue ist. Hier ist er 1934 mit seinem Freund Édouard Corniglion-Molinier (der der Produzent von Malraux‘ Film L‘ Espoir sein wird) in Afrika unterwegs, wo er angeblich die Residenz der Königin von Saba entdeckt hat. In piekfeinen Stadtklamotten, keiner ledernen ➯Fliegerjacke. Malraux ist nicht nur Schriftsteller, er ist auch Abenteurer, sein Leben würde für ein halbes Dutzend Abenteuerromane reichen. Bei allen Rollen, in die er schlüpft, eins ist er immer: ein Dandy.

Wenn er die republikanische Luftwaffe während des Spanischen Bürgerkriegs organisiert (was er angeblich getan hat), dann trägt er natürlich solch schicke Verkleidung. Obgleich mir das eher so aussieht, als hätte er für das Photo das Jackett eines eleganten Stadtanzugs mal eben mit einer Lederjacke getauscht. Und natürlich hat der Kommandeur der Escadrille André Malraux für das Photo wieder seine Zigarette im Mund. Ohne geht nicht, man will ja cool rüberkommen. Wenn man in jeder Situation diese eleganten Klamotten trägt und diesen Je m’en fiche Ausdruck im Gesicht, dann ist man cool.

Malraux ist unter de Gaulle erst Informations- dann Kultusminister geworden, und nach seinem Tod hat man ihn 1996 durch eine Briefmarke geehrt. Und da hat man das Schlimmste getan, was man einem Meister der Selbstinszenierung antun konnte: man hat die Zigarette aus dem Photo von Gisèle Freund weg retuschiert (die französische Post hatte aber zuvor die Photographin um Erlaubnis für diesen Vandalenakt gebeten). Irgendwie sind die Franzosen doch Banausen. In sklavischer Erfüllung der Paragraphen des Loi Évin, einer Art von political correctness des blauen Dunstes, verliert Malraux seine Zigarette. ➯Lucky Luke ebenso. Und auf Ausstellungplakaten hat man schon Monsieur Hulot ohne Pfeife gesehen. Die spinnen, die Gallier. Aber zum Glück haben wir ja das imaginäre Museum (der Begriff stammt von Malraux), haben wir die Bilder im Kopf. Und da hat der junge Dandy natürlich immer seine Zigarette im Mund.

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