Früher saß ich morgens um acht in eleganten Klamotten an meinem Schreibtisch in der Uni. Heute sitze ich morgens um acht vor dem selben Computer wie damals, aber jetzt steht der nicht mehr in dem Büro des scheußlichen Neubaus, der vor Jahrzehnten ein Bauskandal war und heute schon abrissreif ist. Jetzt steht der Computer in meinem Wohnzimmer. Wenn ich meinen Tee zur Linken, mit der rechten Hand eine Pfeife stopfend, meinen Computerbildschirm betrachte, trage ich keinen Anzug und keinen Schlips. Thomas Mann hat in Schlips und Kragen geschrieben, ich tue das nicht.

Hemingway auch nicht, wie man hier sieht. Nicht, dass ich mich mit ihm oder Tommy Mann vergleichen will. Das Schreiben fällt mir nicht schwer. ➯Hemingway war stolz, wenn er fünfzehn Zeilen am Tag schaffte. Er führte über alles Buch. Genau wie Thomas Mann, der Unser täglich Blatt gieb uns heute! schrieb. Einer Figur in Thomas Manns Tristan fällt das Schreiben nicht leicht: Für einen, dessen bürgerlicher Beruf das Schreiben ist, kam er jämmerlich langsam von der Stelle, und wer ihn sah, mußte zu der Anschauung gelangen, daß ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten. […] Andererseits muß man zugeben, daß das, was schließlich zustande kam, den Eindruck der Glätte und Lebhaftigkeit erweckte. Man hat immer gesagt, dass Thomas Mann hier über sich selbst spricht. Vielleicht hätte er nicht im Anzug mit einem Oberhemd mit gestärktem Kragen schreiben sollen.

Obgleich das auch nicht so sicher ist, ob der Tommy wirklich immer im Anzug am Schreibtisch saß. Auf jeden Fall zeigen ihn eine Vielzahl von Photos so, vielleicht gibt er – ebenso wie seine Schöpfung Felix Krull – der Welt nur das, was sie von ihm erwartet. Den Eindruck der Glätte und Lebhaftigkeit von dem er spricht, kriege ich in Texten auch mit alten Chinos und einem alten Sweatshirt bekleidet hin. Wenn ich das Haus verlasse, ziehe ich mich selbstverständlich um. Vor Tagen verblüffte ich meine Umwelt, indem ich nicht in meinem Freizeitoutfit (luxuriöse ➯Cordhosen und sauteure Lederjacken) in der Außenwelt auftauchte, sondern mit Anzug, Schlips und Kragen. Elegantem Stadtmantel, gelben Handschuhen und braunem Borsalino. Und was bekommt man gesagt? Früher sahen Sie immer so aus.

Wenn Sie sich fragen, was diese Hemden hier sollen: das sind Hemden von Ralph Lauren aus der Purple Label Kollektion. Ich weiß nicht, ob Hemingway oder Thomas Mann so etwas getragen hätten. Hemingway ließ sich ja von ➯Arnold Gingrich mit Hemden versorgen, als derEsquire gegründet hatte. Ansonsten trug er das, was Willis & Geiger ihm anbot, wenn er da nicht das selbst entworfene bush jacket orderte. Thomas Mann (der ja Tuchhändler und Schneidermeister unter seinen Vorfahren hatte) hatte mehr Interesse für die Mode. In seiner Jugend galt er als Dandy, und als er an Felix Krull schrieb, studierte er intensiv alle Modezeitschriften, derer er habhaft werden konnte.

Einige Leser haben gemeckert, ihnen hat nicht gefallen, was ich in dem Post über Calvin Klein so ganz en passant über Ralph Lauren gesagt habe. Es kommt heute noch schlimmer. Obgleich ich zugebe: ich hatte diese Woche ein Ralph Lauren Purple Label Hemd an, eins mit diesem bescheuerten Kragen. An dem Kragen müssen sie bei Ralph Lauren noch arbeiten. Meins hatte zwar auch diesen weißen cut awayKontrastkragen, aber darunter waren beinahe fingerdicke Streifen in schwarz, weiß und LILA. Sah schon wieder ein bisschen nach 70er Jahre aus. Und dazu so einen fetten gelben Ignatius Joseph Schlips, das war schon O.K.

Die Purple Label Kollektion von Ralph Lauren (Dedicated to the highest level of quality, Ralph Lauren Purple Label is the ultimate expression of luxury for today’s modern gentleman) wird natürlich nicht in den USA hergestellt. Firmen wie Oxxford oder Hickey Freeman sind dem Ralph Lauren aus der Bronx offensichtlich nicht vornehm genug. Die Purple Label Hemden werden angeblich von Lorenzini in Italien gemacht. Will ich gerne glauben, die konnten noch nie einen richtigen Kragen. Die ➯Purple Label Hemden kosten in Amerika zwischen 400 und 500 Dollar, da bekommt man in Italien schon für die Hälfte ein erstklassiges Hemd. Mein schrilles Teil hat mich übrigens bei Ebay 20 Euro und 50 Cent gekostet, und ich habe dabei die Bekanntschaft eines ganz reizenden gebildeten Herrn gemacht. Der das Hemd bei Ebay nicht so beschrieb wie die normalen ➯Ebay Händler, sondern in die Beschreibung des schrillen Teils eine gewisse Distanz und Ironie einfließen ließ. Also keine purple prose für ein Purple Label Hemd.

Distanz und Ironie – Begriffe, die wir mit Thomas Mann verbinden – sind nichts für die Ralph Lauren Werbung, die meistens einen ungeheuer bornierten jungen Mann präsentiert. Der, wie der Werbetext aussagt, ein Gentleman sein soll – kommt aber eher so rüber, als sei er unheimlich doof. Wahrscheinlich kann man die Purple Label Werbung nur in einem purple haze ertragen. Bertie Wooster, der vielleicht nicht zu den Intelligentesten zählt, hätte niemals so dämlich ausgesehen.

Wie ich jetzt auf Bertie Wooster komme? Ich bin der festen Überzeugung, dass die Welt von Bertie Wooster jene Welt ist, die Ralph Lauren bei der Konzeption seiner Purple Label Mode im Kopf hatte. Alle diese jungen, zwischen Dandy und Witzfigur pendelnden Gentlemen können nicht aus dem wirklichen Leben kommen. Allerdings ist das mit Ralph Laurens Kenntnissen der Modegeschichte ja auch so eine Sache. Als er die Kostüme für ➯The Great Gatsby entworfen hat, war das für die Kunsthistorikerin Anne Hollander (die Seeing Through Clothes und Sex and Suits geschrieben hat) schon ein ziemlicher Flop. Das hat sie in ihrem Artikel The Gatsby Look and other Costume Blunders im New York Magazin 1974 sehr deutlich gemacht.

Ralph Laurens Purple Label ist das modische Äquivalent zurpurple prose: alles ist übertrieben, nichts ist echt (wie schon damals in The Great Gatsby). Wie zum Beispiel auf diesem Werbephoto. Was wäre dieser junge Herr, wenn er keinen Jeeves hätte, der ihm anschließend den Anzug bügelt, nachdem er sich so auf dem Fauteuil herum gelümmelt hat? Und der ihm Ratschläge gibt wie: ‚The tie, if I might suggest it, sir, a shade more tightly knotted. One aims at the perfect butterfly effect. If you will permit me–‚  ‚What do ties matter, Jeeves, at a time like this?‘ ‚There is no time, sir, at which ties do not matter.‘ Im Gegensatz zu der Welt von P.G. Wodehouse ist die Scheinwelt von Ralph Laurens Purple Label Kollektion garantiert humorfrei.

Bertie Wooster bringt mich nun zu dem eigentlichen Anlass des heutigen Posts. Ich habe da einen Leser, der noch viel mehr von ➯P.G. Wodehouse gelesen hat als ich. Und der ein Meister des selbst gedichteten Limericks ist. In diesem ➯Post habe ich schon einmal einen Limerick von ihm abgedruckt. Vor wenigen Tagen schickte DB mir mal wieder einen Limerick vorbei. Und dieses schöne Loblied auf Jay den arbiter elegantiarum soll heute den krönenden Abschluss bilden:

Jay, Beau Brummel Redux

If Jay hears the tiniest tinkle
That fashion’s attained a new wrinkle, 
He lets go no sec amiss 
To harness his Pegasus
His blog with chic chit-chat to sprinkle.

Oberhemden kamen hier schon unter ➯Oberhemden und ➯Jermyn Street vor, ich werde aber demnächst noch einmal über dieses schier unerschöpfliche Thema schreiben.

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