Ich weiß nicht, ob ich diese Platte überhaupt noch habe. Damals hatte sie jeder, ich natürlich auch. Niemanden interessierte, was auf der B-Seite war, es kam nur auf den SongWhere do you go to, my lovelyan. Das war die gleiche Zeit alsWindmills of my mind überall dudelte. Irgendwie mochte man das.  Der ➱Text von Where do you go to, my lovely gaukelte uns eine schöne Welt vor, in der sich die Angebetete, die diese je ne sais quoi Qualität hatte, bewegte:

You talk like Marlene Dietrich
And you dance like Zizi Jeanmaire
Your clothes are all made by Balmain
And there’s diamonds and pearls in your hair

You live in a fancy apartment
Of the Boulevard of St Michel
Where you keep your Rolling Stones records
And a friend of Sacha Distel…

Und so weiter, schlicht unerträglich, eigentlich damals schon. Und doch habe ich den Song nicht vergessen. War natürlich besser als Weine nicht, kleine Eva von den ➱Flippers, oder Mein Freund der Baum von ➱Alexandra. Die liefen damals auch im Radio. Die Geschichte des Schlagers ist immer auch eine Geschichte des schlechten Geschmacks. Ich kann da die Lektüre Schlager, die wir nie vergessen (Reclam 1997) von zwei Herausgebern, die Max und Moritz heißen (wirklich!), uneingeschränkt empfehlen. Auf einer viel höheren Ebene als dieser witzige Sammelband, bei dem die halbe Neue Frankfurter Schule mitschreibt, ist ein Buch von einem österreichischen Autor, das Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik heißt.

Sein Autor Erwin Einzinger kam in dem Post über ➱Brigitte Kronauer schon vor. Er war das einzige Positive, was da an dem Tag im Blog stand. Man sollte viel mehr ➱Erwin Einzingerund viel weniger Kronauer lesen. Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik täuscht einen Augenblick lang vor, eine Geschichte der Unterhaltungsmusik zu sein, aber in Wirklichkeit ist es ein Roman. Und was für ein Roman! Bei allem Experimentieren, das uns die Postmoderne gebracht hat: dies ist wirklich originell. Ich zitiere mal eben kurz aus dem Klappentext: Waren wir gerade noch beim Begräbnis von Andy Warhol, sind wir im nächsten Moment schon bei jenem Juristen aus der österreichischen Provinz, der als passionierter Suppenlöffelsammler bekannt ist. Mag es Sie da noch wundern, daß Johannes XXIII. just an dem Tag gestorben ist, an dem Thomas Bernhard den LKW-Führerschein gemacht hat? Freilich war Elvis, der Sänger und Hüftschaukler (- nicht etwa der amerikanische Löschhubschrauber gleichen Namens), damals schon längst nicht mehr als Lastkraftwagenfahrer sozusagen on Tour. Die Welt ist klein, sagen Sie? Erwin Einzinger beweist das Gegenteil. Aus den abwegigsten Episoden, aus den entlegensten Begebenheiten und den abgedroschensten Mythen gewinnt er das Material für ein pralles Panoptikum vielfältig verschlungener Geschichten, die er zu einem Roman verknüpft, der nirgends endet und überall beginnt. Leider taucht Peter Sarstedt in dem Roman nicht drin auf.

Peter Sarstedt (um auf den Mann zurückzukommen, der heute Geburtstag hat) sah damals aus, wie viele in der englischen Szene. Die Haartracht ging in Richtung ➱beehive – gerade war das bei den Damen aus der Mode gekommen, jetzt liefen die Männer so rum. Und dann der Zapata moustache, der musste offensichtlich sein. Weil anscheinend jeder so aussehen wollte wie Peter Wyngarde. Weil Peter Wyngarde Jason King war, und Jason King war Kult. Und wenn es jemals wirklich schrille Klamotten im Fernsehen gab (also noch schlimmer als ➱Austin Powers), dann waren die Serien Department S und Jason King das beste Anschauungsmaterial.

Damit Sie sehen, dass Peter Wyngarde und Peter Sarstedt (der immer ein wenig wie der kleine brave Bruder von Peter Wyngarde aussah) nicht die einzigen mit dem Zapata moustachewaren, habe ich hier noch ein schönes Bild von unserem Liebling Sean Connery (falls Ihnen dieser ➱Post bisher entgangen sein sollte, müssen Sie ihn jetzt unbedingt lesen) an der Seite von ➱Charlotte Rampling. DerZapata moustache wurde manchmal auch irrtümlich walrus genannt, was aber nicht ganz richtig ist. Und auch ein chevron war nicht mit einem Zapata zu verwechseln. Einchevron war das, was Tom Selleck in Magnum trug. Aber da sind wir im falschen Jahrzehnt.

Dies sind jetzt die wilden Siebziger, the decade that taste forgot, da musste es ein Zapatasein. Das wirft uns um Jahre zurück, ich höre mal lieber auf. Ich schicke Geburtstagsgrüße nach England an Peter Sarstedt, der immer noch ➱Musik macht, und wir hören ➱hier mal eben hinein. Der Zapata ist immer noch nicht ausgestorben, neuerdings trägt Diego vom VfL Wolfsburg so etwas. Und Wolfsburg gewinnt. Vielleicht hätte sich der Magath mal einen Zapata wachsen lassen sollen. Aber ansonsten muss man leider sagen, dass die Ära der eindrucksvollen Schnurrbärte vorbei ist. Wahrscheinlich liegt es an der englischen TV-Moderatorin Paula Yates, die diesen unnachahmlichen Satz hingekriegt hat: Why grow a moustache when you can just tattoo the words ‚I am a prick‘ across your upper lip?

Advertisements