Ich muss mal eben einige Sätze über diesen Schuh schreiben. Das ist ja ein wirklicher Klassiker. Ich kam am letzten Wochenende mit einem Herrn ins Gespräch, der sich gerade bei ➱Kelly’s genau diesen Schuh kaufte. Vor Jahrzehnten habe ich den auch getragen, inzwischen ist mir der Schuh in Budapester Art mit der Doppelsohle und der dicken Zopfnaht zu schwer geworden. Der Schuster an der Uni, ‚Eiche‘ Eichhorst – der auch die Bälle unserer Fußballmannschaft (und die Lederverkleidungen der Verbindungsstudenten) immer wieder nähte – mochte diesen Schuh nicht. Die Messingnägel zerrissen ihm seine Poliermaschine, fluchte er. Aber er mochte mich, wahrscheinlich, weil ich der einzige war, der ihm immer gute rahmengenähte Schuhe zum Besohlen brachte. ‚Eiche‘ Eichhorst war auch eine Fundgrube für den Uniklatsch, wenn ein Professor seine Frau mit einer Studentin betrog, wußte er es als erster. Ich als zweiter. Ich würde ja zu gerne einige dieser Geschichten hier erzählen.

Die ➱Dinckelacker Schuhe, so schön sie waren, sind für mich Vergangenheit. Heute bin ich mit den leichteren Produkten von Crockett & Jones, Edward Green und Tricker’s besser bedient. Meinen tollen Schuh von ➱Cliff Roberts (den ich hier gerne noch einmal abbilde) will ich gar nicht erst erwähnen. Der Herr, der die Schuhe bei Kelly’s kaufte, kam aus München, da hätte er natürlich bei Ed Meier kaufen können, der viele gute Schuhe im Laden hat (die er sich zumeist bei Crockett & Jones anfertigen lässt); aber die Qualität der Schuhe färbt leider nicht, wie mir Freunde erzählten, auf sein Benehmen ab. Gut, das waren Norddeutsche, die verstehen vielleicht die Bayern nicht. Übrigens war Stiesel das Wort, das hier mehrfach gebraucht wurde. Ich kann da nix zu sagen, ich war noch nie bei Ed Meier. Die haben da aber schöne Oberhemden. Ich kaufe die immer bei Ebay, die sind wirklich gut. Wenn man in München seine Schuhe nicht bei Ed Meier kaufen will, könnte man natürlich bei Schuh-Bertl ein Paar zwiegenähte Haferlschuhe kaufen. Ich finde, dass Haferlschuhe wirklich Stil haben.

Man hat mir einmal einen hölzernen Ed Meier Schuhputz-Set Kasten geschenkt, tolles Holz. Über die Schuhcreme von Ed Meier kann man geteilter Meinung sein. Schuhcreme ist ja, wie ich nach der Veröffentlichung des Posts ➱Schuhcreme feststellen musste, zu einer Art Minenfeld des Alltags geworden. Ich habe eine Vielzahl von Zuschriften bekommen, aus denen ich auch manches gelernt habe. Ich danke besonders dem LeserGentleman’s, dass er mich auf Collonil Diamant hingewiesen hat. Und wenn ich zu dem Thema noch etwas sagen darf: kaufen Sie sich niemals Ed Meier flüssiger Lederreiniger. Es ist hinausgeworfenes Geld.

Mein Gesprächspartner aus München war nach Kiel gekommen, weil er hier Medizin studiert und den Laden von Kelly’s noch in guter Erinnerung hatte. Die Medizin besaß ja an der Kieler Universität einen guten Ruf. Vor ➱1970 war Kiel für viele die einzige Chance auf ein Medizinstudium. Weil da der berühmte Alkmar von Kügelgen (ein Nachfahre von dem Goethe-Kügelgen) lehrte. Und der beurteilte die Studienplatzbewerber nicht nach ihren Noten, sondern nach ihrer charakterlichen Eignung. Wenn jemand Geige spielte, wenn jemand gebildet war und ein interessantes Hobby hatte, spielten Schulnoten für Alkmar von Kügelgen keine große Rolle. Englische und amerikanische Spitzenuniversitäten haben bei der Auswahl ihrer Studenten immer ähnlich gehandelt. Viele, die nach ihrem Abizeugnis niemals hätten Medizin studieren können, bekamen in Kiel eine Chance. Sie sind genau so gute oder schlechte Ärzte geworden, wie die, die einen Notendurchschnitt von 1,0 hatten. Viele sind Alkmar von Kügelgen heute noch dankbar, er genoss bei der Studentenschaft (obgleich er ein strenger Prüfer war) großes Ansehen. Sein Schüler Eckhard Schiffer hat ihm in Der kleine Prinz in Las Vegas: Mit spielerischer Intelligenz den Herausforderungen unserer Zeit begegnen ein kleines Denkmal gesetzt.

Den Münchener Mediziner betraf das alles nicht mehr, der war erst in den achtziger Jahren nach Kiel gekommen, da war die Kieler Zulassungsvariante längst vom Kultusministerium gekippt. Aber der Münchener kam jedes Jahr zur Weihnachtszeit aus Nostalgie noch gerne nach Kiel. Und jetzt hatte er sich diese Schuhe gekauft. Das gleiche Modell, das ich auch einmal ein Jahrzehnt lang getragen hatte. Sie hießen damals noch nicht Heinrich Dinkelacker, sie hießen ApolloApollo ist eine Firma, die es zwar – nach einer Vielzahl von Besitzerwechseln (Sioux, Egana Goldpfeil, Salamander) – heute noch gibt, die aber nichts mit der Qualität der Produkte der Apollo-Schuhfabrik Heinrich Dinkelacker in Sindelfingen vor fünfzig Jahren zu tun hat.

Es mag ja heute niemand mehr glauben, dass damals eine Vielzahl von deutschen Firmen, die heute in ➱China, Bangladesch oder Vietnam produzieren lassen, solides, gutes Schuhwerk herstellten. Von den deutschen Schuhfabriken wie Haueisen & Co. (Mercedes Schuhe), Salamander,Conrad TackMedicusDorndorf undRieker haben einige als Namen überlebt. Die Qualität ist aber nicht mehr die gleiche wie vor einem halben Jahrhundert. Weil es offensichtlich alle zum schnell zusammengeklebten Billigschuh aus Fernost drängt. Und alle darauf warten, dass der Zalando Bote kommt, damit sie vor Glück kreischen können. So resümiert ein ➱Internetartikel, der über die 2011 nach Deutschland importierten 298 Millionen Paar chinesischer Schuhe berichtete: Die Statistik belegt die oft bemühte Aussage, dass die meisten in Deutschland getragenen Schuhmodelle aus verklebten Kunststoffen bestehen und in einem asiatischen Billiglohnland zu wahnwitzig niedrigen Preisen gefertigt werden. Die breite Masse greift zum scheinbar preiswerten Schuh, für einen steten Nachschub sorgt die Industrie und der Schuh, einst ein handwerkliches Meisterwerk, verkommt zu einem Wegwerfprodukt von denkbar geringer Haltbarkeit. Ich habe für diesen Teil des Satzes den Fettdruck genommen. Man kann es gar nicht fett genug schreiben.

Die einzige deutsche Schuhfabrik, die aus der Misere vielleicht ein wenig herausfällt, ist die 1888 von Hermann Friedrich Meyer in Bremen gegründete H. F. Meyer Schuhfabrik. Die sich später den weltläufig klingenden englischen Namen Lloydzulegte, einen Norddeutschen Lloyd gab es in Bremen ja schon. Während des Krieges verlagerte die Firma ihre Tätigkeit nach Sulingen (wo sie immer schon ein Zweigwerk hatte), und dort ist sie bis heute geblieben. Die haben da natürlich auch einen Fabrikverkauf, wo sich angeblich Christian Wulff immer seine Schuhe gekauft hat. Zwei Tage bevor er zum Bundespräsidenten gewählt wurde und seine Abschiedsparty vom Lande Niedersachsen gab, trat die Firma Lloyd als Sponsor auf. Wenn man diesen ➱Bericht aus dem Jahre 2008 heute liest, hat die Verknüpfung von Politik und Wirtschaft schon ein gewisses Geschmäckle. Lloyd war einmal in der Welt der deutschen Schuhe ganz oben, dann haben sie irgendwann so schundige Qualität hergestellt, dass man sich schämte, einmal Lloyd Schuhe getragen zu haben. Aber jetzt wollen sie wieder nach oben. Mit ihrer Lloyd 1888 Premium Line. Das da ist das Modell No. 2, kostet schlappe 499,90 €. Kann man beim Otto Versand bestellen, das sichert Exklusivität. Ist angeblichGoodyear welted und nicht nur im ➱Blake-Verfahren hergestellt, hat auf jeden Fall eine Rendenbach Sohle. Sieht nett aus, aber für das Geld kriegt man bei ➱Shipton & Heanage (die vor vielen Jahren mal Crockett & Jones für einen Bruchteil des C&J Preises verkauften) schon was ganz anderes. Und wenn nicht nach England sondern nach Budapest schaut, befindet sich Lloyd mit diesem Modell in gefährlicher Nähe zu ähnlichen Modellen von Dinckelacker oder ➱Laszlo Vass.

Ich hatte meinen ersten Apollo-Dinckelacker Schuh in Hamburg gekauft. Meine Freunde in Bremen, die auch schon frühzeitig diesen schlimmen Schuh-Tick hatten, schworen auf zwiegenähte Schuhe von einer kleinen Schweizer Firma, die es heute nicht mehr gibt. Die gab es nur bei Lattemann in der Sögestraße. Mein Freund Ekke (der auch die Cartoons zu ➱Günter Grass und ➱Schweine beigetragen hat) hat mir extra für diesen Post seinen fünfzig Jahre alten, viel beanspruchten Schuh von Lattemann photographiert.

Es gibt heute ja überhaupt keine Schweizer Schuhproduktion mehr (Bally produziert da schon lange nicht mehr); dass in der Schweiz einmal die größte ➱Schuhindustrie der Welt saß, ist schon Geschichte. Die Firma ➱Dinkelacker wäre auch längst untergegangen, wenn sich nicht vor einigen Jahren von einigen Liebhabern (unter anderem dem ehemaligen Porsche Chef Wendelin Wiedeking) gerettet worden wäre. Die Heinrich Dinkelacker Schuhe werden heute in Budapest hergestellt. Was irgendwie passend ist, denn da kam der Typ dieses Schuhs eh her. Sie können ➱hier alles zu den bewegten letzten Jahren der Firma lesen.

Lattemann gibt es auch nicht mehr (gute Schuhe kann man jetzt bei ➱Hautop in der Carl Ronning Straße kaufen, die auch Dinkelacker führen), die Welt der Sögestraße hat sich in einem halben Jahrhundert gewaltig verändert. Es ist ein Wunder, dass Stiesing noch an der gleichen Stelle ist. Wir kennen das in jeder Stadt: die Kaufmannschaft, die unter Mühen nach dem Krieg eine Einkaufsstraße aufbaut, weicht eines Tages mit den kleinen inhabergeführten Geschäften den Kettenläden. Es ist der Besitzer, des Schuhhauses Lattemann ➱Gerhard Iversen gewesen, der zusammen mit anderen Anliegern der Sögestraße die Aufbaugemeinschaft Bremen gegründet hatte. Ohne ihn, der nicht nur Kaufmann, sondern auch Politiker war, wäre das mit der Sögestraße vielleicht nichts geworden. Sein Geschäftshaus wurde von dem Architekten Rolf Störmer gebaut, der auch im Planungsstab der Aufbaugemeinschaft Bremen war. Störmers Sohn Jan (bei dem es in den sechziger Jahren tolle Parties gab) ist auch Architekt geworden. Im Planungsstab des Wiederaufbaus saß damals auch der Architekt Heinz Logemann, der für den potthässlichen ➱Allianz Klotz am Eingang der Sögestraße – aber auch für das schöne ➱Ronning Haus – verantwortlich zeichnete.

Die ausufernd mäandernde Geschichte meines ersten Dinkelacker Schuhs ist noch nicht zu Ende. Sie bekommt jetzt, passend zur Jahreszeit, noch eine weihnachtliche Wendung. Es war Weihnachten, der Kauf des Weihnachtsbaumes stand an. Der Kauf des ➱Weihnachtsbaums war in meiner Familie ein alljährliches Drama, das selten, sehr selten, in Richtung Komödie ging. War eher eine alljährliche Tragikomödie. Es gab für den Tannenbaum bei meinen Eltern eine Vielzahl von mir unbekannten Kriterien, ein geheimes Regelwerk, das sich jedem entzog. Der Aberglauben spielte dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wenn man als Kind schon versichert bekommt, dass man zwischen Weihnachten und Neujahr keine Wäsche aufhängen darf, weil die Wäscheleinen Wotans wilde verwegene Jagd gefährden könnten, kann man sich vorstellen, dass es auch in Bezug auf den Weihnachtsbaum genügend Aberglauben gab. Glücklicherweise wurde er nicht das ganze Jahr über aufbewahrt, was angeblich gegen Blitzschlag schützte. So weit wollte meine Mutter denn doch nicht gehen. Aber wenn die Spitze auch nur den kleinsten Knick hatte oder wenn man sie abschnitt, um Platz für den Weihnachtsstern zu schaffen, brachte das für ein ganzes Jahr Unglück über das Haus. In jenem Jahr hatte mein Vater es sich in den Kopf gesetzt, einen Tannenbaum aus einer Baumschule zu kaufen. Wir fuhren am Heiligen Abend (der Tannenbaumkauf kam immer in letzter Minute) nach Schönebeck, wo man sich in einem kleinen Wald seinen Baum selbst aussuchen konnte, Beil und Säge hatten wir dabei.

Aber keiner der Bäume in dem Wäldchen genügte den strengen ästhetischen Ansprüchen meines Vaters. Nach einer Stunde des vergeblichen Suchens hatten wir das Ende des Wäldchens erreicht, vor uns lag eine große Weide, die sich zur Schönebecker Aue senkte. Doch da unten lag in der Nachmittagsdämmerung noch ein kleines Wäldchen, zu dem es meinen Vater zog. Die Suche nach dem idealen Weihnachtsbaum ist wie die Suche nach dem Gral. Die Weide war sehr feucht, um es zurückhaltend zu sagen. Meine schönen neuen Dinkelacker Schuhe sahen nach zehn Minuten fürchterlich aus, ich hätte heulen können. Es versteht sich von selbst, dass auch in diesem kleinen Wald kein passender Baum war. Wir fuhren ohne Baum nach Vegesack zurück. Fanden dann auf dem Hinterhof von Hertie, wo der Hausmeister gerade den Hof gefegt hatte und das Tor abschließen wollte, einen Tannenbaum, den alle bisherigen Interessenten verschmäht hatten. Wir nahmen ihn, wir froren, hatten kalte Füße und keine andere Wahl. Erzähl bloß Muddi nicht, wo der her ist, sagte mein Vater. Trotz des krüppeligen Bäumchens ist kein Unglück über die Familie gekommen. Mein Vater hat stillklammheimlich seine Schuhe entsorgt und sich am Tag nach Weihnachten ein Paar neue gekauft. Die Apollo-Dinckelacker Schuhe haben es überlebt. Wenn Sie jemals zu Weihnachten auf der Suche nach dem perfekten Tannenbaum über quatschnasse Wiesen stapfen wollen, tragen Sie Dinkelacker Schuhe! Oder gleich Gummistiefel.

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