Kurz: Ein wenig weniger Rottach-Egern im Leben hat noch keinem weh getan. Mir übrigens auch nicht, denn ich war in Rottach – die Bilder stammen von dort. Ja, Rottach. In Rottach möchte ich persönlich nicht tot über der Friedhofsmauer der dort begrabenen Altnazis hängen, weil: In Rottach sieht man leider auch, wie es ist. Sturzbetrunkener Nachwuchs der Reichen schwankt, sich an Luxushandtasche festhaltend, im Minikleid durch die eiskalte Nacht in den berüchtigten Nachtclub in der Hoffnung, das von den Eltern bezahlte Sternemenü in sich zu behalten; ein wenig weiter ein junges Paar, sich laut üble Vorhaltungen machend. In der Öffentlichkeit. Sich vorerst einmal nichts mehr schenkend. Ich will das hier nicht wiedergeben, allein: Gute Manieren sehen anders aus. Das hätte es früher nicht gegeben, möchte man fast sagen, aber auch nur fast, denn das ist die Klage von Anbeginn der Zeiten her, das sagten sicher auch schon die Mönche drüben im Kloster Tegernsee und die Altnazis auf dem Friedhof und der Wulff vor Bekanntwerden seines Kredits. Wie man sieht: Es bringt nichts.

Das ist aus keiner Juso-Postille zitiert, das steht nicht in der taz. Das steht in einem Blog der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 31. Dezember 2011 unter dem Titel Den Reichen in Deutschland könnte es besser gehen. Die FAZ ist die Zeitung, der es noch gut geht, die andere Zeitung in Frankfurt steht vor dem Ruin. Die haben zwar auch einen Blog, aber keine satirischen Artikel wie Den Reichen in Deutschland könnte es besser gehen. Die Sache mit den Nazis hört man in Rottach-Egern natürlich nicht so gerne. Ich weiß jetzt nicht, wie viele Abonnenten aus Rottach-Egern im Januar 2012 die FAZabbestellt haben. Aber wahr ist, dass sich die Nazi Prominenz hier am Tegernsee – der damals im Volksmund auch den Namen Lago di Bonzobekam – angesiedelt hatte, Heinrich Himmler, Max Amann und Karl Wolff. Der hatte da eine Zweit- oder Drittvilla mit zehn Zimmern und Bootshaus. Diese traurige Wirklichkeit werden so viele Orte in Deutschland niemals los werden, damit müssen wir leben. Und so ist es auch sehr gut, wenn ein dem Kapital nahestehendes Blatt wie die FAZmal wieder darauf hinweist. Es ist sicher kein Zufall, dass ein gewisser Paul Carell zu seinem Lebensende in Rottach-Egern gelebt hat. Dieser Nazi kam hier im ➱Blog schon einmal vor

Auf dem Friedhof von Rottach-Egern liegen nicht nur Altnazis begraben. Hier gibt es auch wirkliche Prominente, kaum ein Reiseführer lässt es aus, auf die Gräber von Ludwig Ganghofer, Ludwig Thoma und Hedwig Courths-Mahler hinzuweisen. Leo Slezak, dessen Sohn Walter Slezak, Alexander Spoerl und seinen Vater Heinrich Spoerl nicht zu vergessen. Und so kann die Gemeinde heute mit einem Text wie diesem werben:Zahlreiche Gäste aus Adel und Hochadel aus ganz Europa besuchten den Tegernsee. Viele Künstler – Maler, Komponisten, Dichter, Schriftsteller und Sänger – zog es ebenfalls in die reizvolle Landschaft, um hier zu arbeiten und zu wohnen. Zeugnisse davon, können in verschiedenen Museen, Kirchen, sowie bei Ausstellungen, Konzerten und Veranstaltungen bewundert werden. Das reichhaltige kulturelle Erbe aus der Klosterzeit wird weiter gepflegt und mit neuem Leben erfüllt. Weltoffen präsentiert sich das Tegernseer Tal… Bereits Karl Stieler meinte im 19. Jahrhundert: „Zauber der Landschaft! Diese blickt uns noch an mit den Augen ewiger Jugend, als ob die Welt seit tausend Jahren nicht älter geworden wäre.“ Dem, wie auch dem Ausspruch von Ludwig Thoma, als er in sein Haus auf der Tuften einzog, „Um mich ist Heimat“, ist auch heute, trotz zeitlicher Veränderungen, als Beschreibung des Tegernsees nichts hinzuzufügen.

Gut, ein Werbetext der Gemeinde und ein offensichtlich satirisch begabter Blogger namens Don Alphonso sind zweierlei Ding. Über den Blogger in der wunderbaren FAZ Kolumne ➱Die Stützen der Gesellschaft ist zu erfahren: Don Alphonso ist eine Kunstfigur, die seinem Verfasser nicht vollkommen unähnlich ist; sagen wir mal: Ein schlechterer, nicht mehr ganz junger Sohn aus besserem Hause, der einige bürgerliche Werte wie Heirat, Kinder oder die 240-m²-Villa in der Vorstadt vehement ablehnt und andere wie Porzellan, Kulturgeschichte und gute Sitten schätzt. Seine Eltern etwa haben ihm im Rahmen einer sehr guten Erziehung die Haltung am Tisch mit Büchern unter dem Arm beigebracht, und hätte er selbst Kinder, würde er nicht zögern, dieses archaische Ritual an sie weiterzugeben; einen Fernseher würde der Nachwuchs dagegen vergeblich suchen. Er pendelt wahlweise zwischen dem alten Stammsitz der Familie, einem ehemaligen Jesuitenkolleg in der reichen bayerischen Provinz, und dem Tegernsee, in dem selbst die Wasserleichen stets gepflegt und mit Schmuck zu finden sind.

Das sind die Blogger, die wir lieben. Don Alphonso ist so etwas wie eine Kreuzung aus Joseph von Westphalen und Stuckrad-Barre in seinen besten Tagen. Also zum Beispiel, als er Deutsches Theater. schrieb. Ich habe den Blog von Don Alphonso nur durch Zufall gefunden, als ich im November etwas über einen Mord in Rottach-Egern las. In einer Luxusboutique. Da hatte ich schon Sorge, dass Rudolf Böll etwas passiert sein könnte. Aber das Herrenmodegeschäft, in dem die Bluttat geschehen war, hieß nicht R. Böll sondern Michael Fleck, wie man der tz-online entnehmen konnte: Diskretion ist das Geschäftsmodell. Hier, in der noblen Seestraße von Rottach-Egern am Tegernsee. Ein Verbrechen hat hier nichts zu suchen. Doch am Donnerstagmorgen herrschte neben dem geschichtsträchtigen Hotel Bachmair am See und dem Escada-Shop eine ungewöhnliche Unruhe: Im ersten Stock an der Seestraße 37 war bereits am Dienstagvormittag eine Frau tot aufgefunden worden. Ursula M. (56), die Besitzerin eines exklusiven Herrenmode-Geschäfts war in ihrer Wohnung über dem Geschäft ermordet worden.

Ich weiß jetzt nicht, was sie mit dem geschichtsträchtigen Hotel Bachmair meinen, das Hotel wurde erst 1969 gebaut. In den siebziger Jahren traf sich hier die ganze Münchener Schickeria, aber mehr ➱Geschichte ist da nicht. Über Esacada hat Don Alphonso auch schon ➱geschrieben, natürlich nichts Nettes. Der Don Alphonso kann Rottach-Egern offensichtlich überhaupt nicht ausstehen. Wahrscheinlich darf er sich da auch gar nicht mehr sehen lassen, bestimmt bekommt er da keine Weißwurst serviert. Wo doch jedermann in Bayern den frechsten Blogger der Republik kennt und weiß, dass er der Meyer Rainer ist.

Ich wollte ja eigentlich einige nette Zeilen über das Herrenmodegeschäft R. Böll in Rottach-Egern schreiben, aber jetzt haben mir der unaufgeklärte Mord und der Don Alphonso die ganze Geschichte vermiest. R. Böll hat sein Geschäft in Rottach-Egern, weil er in München kein geeignetes Ladenlokal fand, wie er einmal sagte. War ihm wohl alles zu piefig, zu sehr diese Schicki-Micki Gesellschaft, die Helmut Dietl in Kir Royal oder Rossini portraitiert. Obgleich wahrscheinlich Rottach-Egern nicht viel besser ist, wenn man dem Meyer Rainer glauben darf. R. Böll (mehr steht nicht im Futter seiner Jacketts) ist nicht auf dieser ➱Liste der 25 besten Herrenausstatter der Bundesrepublik, obgleich er da zweifellos hingehört. Wenn man in seinen Jacketts nicht die Etiketten von Kiton, Attolini und Brioni erlaubt, sondern nur diese schlichte Etikett, auf dem Modell R. Böll Rottach-Egern steht, dann hat das schon einen gewissen Stil.

Aber wenn man so furchtbar fein sein will, dann ist es natürlich etwas blöd, einen Satz wie Ich bin nie mit der Mode gegangen, ich habe sie gemachtvon jemandem wie Pierre Cardin als Motto des Hauses auf die ➱Homepage zu nehmen. Als ich das las, war ich sehr in Versuchung, die R. Böll Etiketts aus meinen Böll Sakkos herauszutrennen. Vielleicht sollte ich meinen etwas gehässigen Post über ➱Pierre Cardin mal bei Herrn Böll vorbei schicken.

Dass ich R. Böll Sakkos besitze, verdanke ich nicht dem Geschäft in der Seestraße 1 in Rottach-Egern. Mein erstes Böll Jackett hat mich in einem Secondhand Laden zu D-Mark Zeiten 39,95 DM gekostet – dafür kriegte man antiquarisch schon die wichtigsten Werke des Namensvetters von Böll. Obgleich mir der Preis ziemlich hoch erschien (bei diesem Secondhand Dealer kostete damals selbst ein Hermés Jackett nur 19,95), und ich gelbe Kaschmirjacketts eigentlich prollig finde, habe ich es mitgenommen. Es war ungetragen, war aus chinesischem Kaschmir und hatte dieses klitzekleine Kiton Etikett innen in der Innentasche. Da kann man nicht viel falsch machen.

Ich möchte mit dieser kleinen Geschichte nur illustrieren, dass man bei R. Böll hervorragende Qualität bekommt – es gibt bei ihm auch erstklassige Oberhemden, die auch keinen Herstellernamen tragen (nicht mal ein Pflegeetikett). Und das ist jetzt genug der Reklame. Denn das Geschäft von R. Böll hat einen kleinen Haken, man muss dafür nach Rottach-Egern. Und das ist ja nun nicht jedermanns Sache. Ein wenig weniger Rottach-Egern im Leben hat noch keinem weh getan. Don Alphonso hat diesem Ort ziemlichen Schaden zugefügt. Und natürlich der Mord. Der immer noch nicht aufgeklärt ist. Wenn das in Rosenheim passiert wäre, hätten die Rosenheim Cops das natürlich längst aufgeklärt. In Wolfratshausen hätten Hubert und Staller den Täter (oder die Täterin) längst gefasst. Aber dies ist das Rottach-Egern, das Don Alphonso nicht mag. Das Rottach-Egern der alten Nazis, das Rottach-Egern, wo heute Alexander Schalck-Golodkowski lebt.

Es ist ein wenig in Vergessenheit geraten, dass es vor einem halben Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit war, dass die Jacketts und Anzüge von all den kleinen, inhabergeführten Herrenausstattern kein Etikett des Herstellers trugen. So wie die Anzüge aus der Savile Row den Namen der Firma dort verbargen, wo das kleine Kiton Schildchen bei meinem R. Böll Jackett ist. Nämlich innen in der Innentasche. Der Herrenausstatter bürgte mit seinem Namen für die Qualität. Manche tun das heute immer noch (R. Böll ist nicht der einzige, Köning in Kampen zum Beispiel macht das auch), aber sie sind leider selten geworden. Viele haben dieses Prinzip ausgenutzt und so ihre Gewinnspanne ein wenig vergrößert. Ladage & Oelke suggerierte seinen Kunden jahzehntelang, dass die Jackett aus England kommen – und verkauft ihnen Dressler Jacketts. Ich will nichts gegen Dressler sagen, aber ein kleines Geschmäckle hat das Ganze doch. Seit der Designer-Wahn wie die Schweinepest über das Land gekommen ist, will der Kunde keine private label Jacken eines Fachgeschäfts mehr kaufen. Da will man lieber als Herdenvieh in einem DOC kaufen. Mit DOC ist jetzt nicht das Betäubungsmittel 1-(4-Chlor-2,5-dimethoxyphenyl)propan-2-ylazan gemeint, sondern das Betäubungsmittel Designer Outlet Center.

So gerne ich die Qualität von R. Böll über den grünen Klee loben möchte, ist es mir doch etwas zuwider. Nicht, weil er in Rottach-Egern sitzt – die Bayern sind mir als Norddeutschem eigentlich egal – sondern weil da dieser ganze Hautgout von neureichem Luxus und modischer Götzenanbetung ist ist. Wo sind die kleinen Herrenausstatter alle hin, die damals nicht diesen Großkotz Anstrich hatten? fragte mich ein Freund aus Hamburg. Und nannte gleich Carl Tiefenthal und einige andere verschwundene Läden. Fügte an, dass Stiesing in unserer Heimatstadt auch nicht mehr das gleiche wie früher sei. Nostalgie. Dann geh doch zu Braun, schlug ich ihm vor.Mag ich nicht, ist mir zu neumodisch. Kann ich verstehen. ➱Braun ist inzwischen genau wie Stiesing.

Sie sind Mitglieder der gleichen Einkaufsgemeinschaft Masculin. Eigentlich nichts als Kettenläden auf hohem Niveau. Wenn Möller & Schaar in Frankfurt auf ihrer Homepage mit dem Satz werben: 600 qm Multibrand-Store auf Frankfurts goldener Meile, der Goethestraße, dann ist das nichts, was mich in diesen Laden ziehen würde. Da sehnt man sich nach Etablissements wie diesem hier. Damit wäre ich wieder bei Don Alphonso, der auch ein Gesellschaftskolumnist von Thackerayschen Ausmaßen sein kann. Lesen Sie doch einmal seinen Post ➱Die unfeine unenglische Unart. Die Werbung mit dem Multibrand-Store auf Frankfurts goldener Meile hat Möller & Schaar übrigens nichts gebracht. Vor wenigen Monaten haben sie ihren Laden nach 75 Jahren schliessen müssen, die Mietforderungen waren zu hoch.

In dem englischen Schwarzweißfilm Last Holiday aus dem Jahre 1950 muss Alec Guinness von seinem Arzt erfahren, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hat, da er eine tödliche Krankheit hat (das ist aber, wie wir schon ahnen, eine Fehldiagnose). Alec Guinness kauft sich in einem Secondhand Laden die ➱Garderobe (beachten Sie in der Szene des Kleiderkaufs doch das Innere des Geschäfts, das sich wohltuend von den Firmen Braun oder Möller & Schaar unterscheidet) eines verstorbenen Adligen und mietet sich in einem vornehmen Hotel ein. Es ist diese alte Geschichte von Kleider machen Leute. Der Film hat leider kein happy ending, was natürlich daran liegt, dass das Theaterstück von J.B. Priestley geschrieben wurde. Aber die Sache mit den Klamotten, die die Umwelt beeindrucken, ist doch von schöner symbolischer Bedeutung.

Die Schere geht immer weiter auseinander: arm und reich, oben und unten in der gesellschaftlichen Struktur. Und bei der Bildung. Und natürlich bei den Klamotten. Es gibt keine solide Mitte mehr. Und es kommt kaum noch etwas aus Deutschland, ich nehme einmal die Firma ➱Regent aus. Da bleibt einem ja nichts übrig, als die teuren Italiener zu kaufen, weil die noch Qualität liefern. Aber dafür muss in diese Läden, die ich nicht mag, weil das alles so Etepetete ist. Ja, da bleibt einem doch nur der Secondhand Laden. Save the world, recycle fashion. Da kaufe ich mir die Dinge, die Alec Guinness in Last Holiday auch kauft. Und da das Drehbuch meines Lebens nicht von R.B. Priestley geschrieben wurde, geht das für mich auch gut aus.

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