Sind Sie Architekt? fragte mich die junge Dame auf einem Empfang. Ich fragte sie leicht konsterniert, wie sie darauf käme. Na ja, Sie tragen eine Fliege, sagte sie. Offensichtlich tragen Architekten Fliegen. An der Sache ist natürlich etwas dran. Obgleich es auch Photos von Walter Gropius mit Krawatte gibt, ist die Schleife eigentlich immer sein Markenzeichen gewesen. Und viele kleine Gropius Nachfolger haben ihm das nachgemacht.

Natürlich kann man die Reihe der ➱Prominenten, die beinahe immer eine Schleife getragen haben, beliebig erweitern. Manche führten dafür auch gute Gründe ins Feld. Wie zum Beispiel der amerikanische Historiker Arthur M. Schlesinger: They are a great convenience. It is impossible to spill soup on a bow tie. In fact, it requires extreme agility to spill anything on it at all. Klingt überzeugend, aber man könnte diesem Argument entgegenhalten, dass man mit der Schleife im Gegensatz zur Krawatte nicht die Brille putzen kann.

Unglücklicherweise wird die Schleife heute vornehmlich von Spinnern und komischen Figuren getragen. Also von diesem Herrn, der mal zum Friseur müsste. Oder dem Herrn Ralf ➱Stegner aus Schleswig-Holstein. Der trägt aber neuerdings keine Schleife mehr, nur noch offenes Hemd. Damit er jugendlich wirkt, er hofft auch, dass ihn so endlich irgend jemand mag. Tut aber niemand. Diese Politiker verschaffen leider einem an sich schönen Kleidungsstück (vor dem die meisten Männer Angst haben, weil sie keine Schleife binden können) einen schlechten Ruf. Der einzig seriöse Schleifenträger unter den Politikern ist der Alterspräsident des Bundestages ➱Heinz Riesenhuber. Der soll zur Schleife gefunden haben, weil ihm als Chemiestudenten der Schlips zu häufig am Bunsenbrenner verbrannte. Später wurde er als der Mann mit der Fliege bekannt, der auf Wahlplakaten ein schwarz-rot-goldenes Modell trug.

Wenn die Schlipsträger mal eine Schleife tragen müssen – zum dinner jacket geht ja nichts anderes (obgleich amerikanische Schauspieler da neuerdings bei Oscar Verleihungen einen schwarzen Schlips tragen) – dann nehmen sie eine, die schon vorgebunden ist. Das geht nun gar nicht. Eine Schleife zu einem Buttondown Hemd geht eigentlich auch gar nicht, doch diesem wunderbar exzentrischen Herrn wollen wir das mal durchgehen lassen. Max Lerner tat das auch, aber jemand, der America as a Civilization geschrieben hat, ist alles erlaubt. The contemporary man wearing a bow tie is often accused of snobbery, elitism, of ‚putting on airs‘ and of being ‚overdressed‘, heißt es in The Men’s Fashion Reader von ➱Peter McNeil und Vicki Karaminas. Damit muss man leben, wenn man sich morgens eine Schleife bindet. Und da das Buttondown Hemd schon als no goerwähnt wurde: auch zu einem ➱Tab Kragen oder einem zu weit geschnittenen ➱Haikragen passt die Schleife nicht.

Täuschen wir uns nicht. Wenn wir an die Schleife denken, geht uns Jean Pütz nicht aus dem Sinn. Oder dieser ➱Finanzbesserwisser der ARD, dem man besser kein Geld anvertraut. Der trägt die Schleife doch nur, weil er hofft, dass man ihn mit André Kostolany verwechselt, aber eine Schleife allein macht noch keinen Börsenguru. Clowns im Zirkus tragen immer eine Fliege. Entertainer im Showgeschäft haben die Schleife getragen, von ➱Frank Sinatra bis ➱Peter Frankenfeld. Und all die mad scientists im Kino, immer haben sie eine Fliege um. Das WortFliege (noch schlimmer ist Propeller, welches dieses Produkt bezeichnet, das man auf den Kragenknopf steckt) mögen die Träger einer Schleife ja nicht so gerne. Aber für Clowns, Lauterbach, Stegner, Wolfgang Gerke, Jean Pütz ➱Graf Dracula ist das Wort Fliege schon O.K. Für uns soignierte Gentlemen natürlich nicht. Wir bevorzugen eh das Wort bow tie (so heißt das Teil im Englischen).

To its devotees the bow tie suggests iconoclasm of an Old World sort, a fusty adherence to a contrarian point of view. The bow tie hints at intellectualism, real or feigned, and sometimes suggests technical acumen, perhaps because it is so hard to tie. Bow ties are worn by magicians, country doctors, lawyers and professors and by people hoping to look like the above. But perhaps most of all, wearing a bow tie is a way of broadcasting an aggressive lack of concern for what other people think, schrieb Warren St John in derNew York Times. Der ist nicht irgendjemand, sein Buch Rammer Jammer Yellow Hammer: A Road Trip into the Heart of Fan Mania ist ein Bestseller in Amerikan. Hat aber nichts mit dem bow tie zu tun. Dies abgebildete Magazin täuscht auch ein wenig, ➱Querbinder ist keine Fachzeitschrift für Schleifenträger sondern eins von vielen Lifestyle Magazinen.

Eine Sonderform des Querbinders wollen wir mal eben erwähnen. Und dann gleich wieder vergessen. Es handelt sich um den Colonel Sanders Plantation Tie. Also wenn Sie bei Kentucky Fried Chicken arbeiten, dürfen Sie so etwas tragen. Wahrscheinlich müssen Sie das sogar tragen. Ansonsten lassen Sie lieber die Finger davon. Von Kentucky Fried Chicken auch. Und den Bolo Tie lasse ich lieber auch unerwähnt. Obgleich mein Freund ➱Peter Bischoff manchmal so etwas trägt, aber der darf das.

Das Kleidungsstück Querbinder ist immer wieder totgesagt worden, aber es kommt immer wieder. Seit Matt Smith, der Star der BBC Serie Doctor Who einenbow tie trägt (und auch noch erklärt hat bow ties are cool), sind die Verkäufe von Querbindern in England auf das Doppelte des Vorjahres geklettert. Und wir geben es gerne zu: solch eine Paisley Schleife sieht zu dem Tattersall Hemd und dem kleinkarierten Jackett ja auch sehr englisch aus.

Es ist ein Look, den in den achtziger Jahren die ➱Young Fogeys perfektioniert hatten. Das Young Fogey Handbookvon Suzanne Lowry listete unter den typischen Accessoires des Young Fogey natürlich auchassorted coloured bow-ties auf. Leider müssen die Hipster, denen modisch nichts heilig ist, mit dieser schönen Tradition ihren Spaß treiben. Ist aber sehr witzig, schauen Sie doch ➱hier einmal hinein.

Und selbst in englischen Universitäten, Clubs und Regimentern sind die Farben und Motive von College, Club oder Regiment nicht allein den Krawatten vorbehalten. Beinahe überall darf man auch einen bow tie in Farbe und Muster der Krawatte tragen. Dieses Mitglied des MCC übertreibt vielleicht ein wenig, indem er zu seinem MCC bow tie auch noch ein MCC Jackett trägt, aber das ist nun mal England. Falls ihnen die Buchstaben MCC und der egg and baconSchlips nichts sagen, sollten Sie unbedingt den Post ➱Cricket lesen. Was im übrigen schon weit über fünftausend Leser gemacht haben. Die Liebhaber von Regimentskrawatten könnten natürlich auch den schönen Post ➱Royal Flying Corps lesen.

Nachdem wir nun mit Young Fogeys, Hipsters und dem MCC tief im Herzen der Englishnesssind, lassen Sie mich mit einer kurzen Geschichte des bow tie beginnen. Dieser Herr trägt seinen bow tie zu einem Hemd mit steifem Kragen. Daran kann man sehen, dass das Bild schon etwas älter ist. Sein polka dot bow tie (blau mit weißen Punkten) war sein Markenzeichen. Es ist der Hochseesegler (der mit seine Yachten Shamrock I bis Shamrock IV leider nie den America’s Cup gewann) und Teekönig Sir Thomas Lipton. Dieser blaue bow tie (von Lipton immer etwas verwegen gebunden) wird in der Herrenmode Karriere machen. Winston Churchill wird ihn tragen, die Schleife wird auch zu seinem Markenzeichen. Die Schleife heißt heute in England (auf jeden Fall bei ➱Turnbull und Asser) noch Churchill Bow Tie.

In den dreißiger Jahren ist der blaue bow tie schon eine Alternative für Plastron oder Langbinder zum Morning Coat geworden. Abgesehen davon wird er jetzt in allen anderen Farben in den Künstlerkreisen heimisch, und ein wenig von Bohème hat die Schleife ja behalten. Da fühlt sich mancher in einer Tradition mit ➱Goethe, ➱Thoreau oder ➱Baudelaire, die auch schon ähnliche Dinge um ihren Hals geschlungen hatten. Wir können daraus sehen, dass die Schleife schon sehr alt ist. Älter als die Krawatte.

Den Beginn unseres Kleidungsstückes müssen wir wohl in der Welt der Uniformen suchen. Wie auf diesem Bild, das Sir Joshua Reynolds von dem englischen ➱General Burgoyne (genannt Gentleman Johnny) gemalt hat. Damals hat das Teil noch den Namen stock oder band. Manchmal etwas schwer von der cravat zu unterscheiden, die im Englischen nicht das gleiche ist wie unsere Krawatte. An dieser Stelle würde ich jetzt gerne einmal sagen: Wie auch immer. Ob das Kleidungsstück, das im 17. Jahrhundert am Hals von kroatischen Soldaten (deshalb im Französischen à la croate cravate wurde) auftaucht, ein Abkömmling der römischen focale war, soll uns jetzt nicht interessieren.

Wenn Sie mehr wissen wollen, lesen Sie doch einfach die Artikel Kragen undKrawatte in Ingrid Loscheks Reclams Mode und Kostümlexikon. Es gibt kein besseres Lexikon der Mode in deutscher Sprache, als das von Ingrid Loschek. Das Buch enthält nicht nur einen 400-seitigen Lexikonteil, sondern auch gleich am Anfang eine kurze Geschichte der Mode durch die Jahrhunderte. Weiterhin gibt es am Ende ein Verzeichnis der wichtigsten Modeschöpfer. Und die wichtigste weiterführende Literatur. Und wenn wir unter Fliege nachschauen, steht da: →Krawatte, →Schleife (1). So wird man verführt, sich von einem Stichwort zum nächsten zu hangeln. À propos weiterführende Literatur: wenn Sie ein gutes Buch zu den Kleidungsstücken suchen, die sich der männliche Teil der Menschheit in den letzten Jahrhunderten um den Hals gebunden hat, kann ich Sarah Gibbings‘ Buch The Tie: Trends and Traditions (mit einem Vorwort von Hardy Amies) empfehlen.

Bei Ingrid Loschek steht zwischen dem Übersichtsartikel am Anfang und der Sekundärliteratur am Schluss in Stichworten alles von Aba (dem Hauptobergewand der Araber) bis Zylinder. Zweitausend Sachartikel mit ausgesucht guten Illustrationen, Kulturgeschichte und textiles Nachschlagewerk in einem. BügelfalteBüstenhalter,Schillerkragen und Halbstarkenmode, kein modischer Fachbegriff (und keine Verirrung der Mode) entgeht der Autorin. Es gibt viele Bücher über Mode, aber kaum eines ist mit solcher Sachkenntnis geschrieben. Deutschlands wichtigster Beitrag zur Herrenmode, der scheußliche Kleppermantel, ist natürlich auch drin. Leider ist Ingrid Loschek (die auch Max von Boehns Klassiker Die Mode. Eine Kulturgeschichte vom Mittelalter bis zum Jugendstil neu herausgegeben hat) vor einigen Jahren viel zu früh gestorben. Das Bild hier zeigt ➱James Whistler gemalt von Giovanni Boldini (und das Bild da oben ist der junge Horatio Nelson, gemalt von John Francis Rigaud). Boldini ist auch für das ikonische Portrait des Dandys Robert de Montesquiou verantwortlich. Das lasse ich mal lieber weg, weil das, was er um den Hals geschlungen hat, ein seltsames ➱Mitteldingzwischen Schleife und Krawatte ist.

Natürlich kann ich eine Schleife binden, natürlich habe ich seidene Schleifen im Schrank. Von der blauen mit den polka dotsbis zu dunkelbraunen Paisleys. Ich bin froh, dass ich sie im Laufe der Jahrzehnte gesammelt habe, sie sind heute schwer zu bekommen. Am 28. August ist in Amerika Bow Tie Day. Das weiß ich, weil unserer amerikanischer Lektor mich früher immer am 27. August daran erinnerte, dass ich am 28. unbedingt mit einer Schleife kommen müsste. Mehr als drei hat er nie dazu motivieren können. Aber das liegt daran, dass männliche Universitätswissenschaftler damit überfordert sind, einen Schlips zu binden. Für eine Schleife brauchten sie ein Zusatzstudium. Die sogenannte 68er Revolution hat da schlimmes modisches Brachland hinterlassen.

Vielleicht ist die Schleife heute auch nichts mehr für den Herrn von Welt. Thomas Mann trug so etwas noch, eine Vielzahl von Intellektuellen und Künstlern wählte im 20. Jahrhundert die Schleife, um ein klein wenig anders zu sein. Heute scheint sie nur noch etwas für nerds wie diesen jungen Herrn zu sein. Bedienungsanleitungen für das Binden einer Schleife gibt es hier nicht, das ➱Internet ist voll davon. Aber was es hier gibt, ist ein Text vom HipHop Duo OutKast:

Crocodile on my feet
Fox fur on my back
Bowtie `round my neck
That’s why they call me the gangsta mack
In the Cadillac!! Yeah!! 

Warum muss es der Cadillac sein? Hätten sie doch den ➱Chevrolet genommen. Dessen Markensignet auf dem Kühler heißt nämlich allgemein ➱Chevrolet Bow Tie. Das reimt sich zwar nicht mehr auf gangsta mack, hätte aber so schön zu Bowtie `round my neck gepasst.