Ich muss heute leider auf einen Leser verzichten. Nämlich denjenigen, der vor kurzem in seinem ➱Blog schrieb: Das nach meiner Meinung schönste und witzigste und vor allem geistreichste aller Blogs, das ich wirklich täglich lese (außer es geht um Schuhe oder Hemden), trägt den Titel “Silvae“. Herzlichen Dank für das schöne Kompliment, aber heute sind mal wieder Schuhe dran. Nämlich die Chelsea Boots, die neuerdings wieder ➱Konjunktur zu haben scheinen.

In den siebziger Jahren habe ich mal jahrelang Chelsea Boots getragen. Taten damals ja viele, die Beatles sind nicht die ersten gewesen. Wobei die Schuhe, die sie trugen (die von Anello & Davide kreiert wurden), sich von den normalen Chelsea Boots ein wenig unterschieden. Sie hatten einen Reißverschluss, waren vorne ziemlich spitz und hatten einen Cuban heel. Dieser hohe Absatz war nix für jedermann. Diese Schuhe hießen damals manchmal auch Mersey Boots, heißen heute aber immer noch Beatle Boot. Sie haben noch andere Namen. So fallen sie für das Urban Dictionary unter nosepickers N (plurale tantum). Men’s shoes or boots with very pointed toes, such as were popular with male delinquents in the 60s, such as Chelsea boots, Beatle boots, or lesser known makes with even pointier toes. Synonym: fenceclimbers; cockroach killers.

Schon die Mods hatten in den sechziger Jahren die Chelsea Boots wieder einmal modetauglich gemacht. Aber wenn man wie ich damals gerade seinen Dienst bei der Infanterie quittiert hatte, dann trug man erst einmal freiwillig keine Stiefel mehr. Auch keine Halbstiefel. Doch in den siebziger Jahren fand ich die Chelsea Boots chic, es war nur schwer, richtig gute zu bekommen. So etwas wie Designer inspired cheap mens chelsea boots at Mr Shoes UK online shoe shop. Buy the best mens chelsea boots style, smart, formal and casual leather oder Chelsea boots versandkostenfrei bei Zalando bestellen sollte man natürlich verschmähen. Da schreit bestimmt niemand vor Glück, wenn er die auspackt.

Natürlich waren nicht alle Chelsea Boots der siebziger Jahre so elegant wie das Modell von Crockett und Jones da oben. Viele half boots ähnelten eher diesen Modellen – nicht ohne Berechtigung haben die siebziger Jahre ja das Label the decade that taste forgot bekommen. Und so hatten viele der Chelsea Boots erhöhte Sohlen und Absätze, da waren die Cuban heels der Beatles Boots nichts dagegen. Diese Stiefelchen mit Plateausohlen gehörten übrigens einmal Elton John. ➱Gary Glitter trug ähnliche Modelle. Damals galt so etwas als glam rock, heute nur noch als schlechter Geschmack. Bei allem, das mit glamour und glam angepriesen wird, sollte man auf das Haltbarkeitsdatum achten.

Die Chelsea Boots sind keine wirkliche Neuerung in der Herrenmode, es gibt sie seit den Tagen der Königin Victoria. Angeblich wurden sie von einem Schuhmacher namens J.S. Hall erfunden, der das Modell für die Königin lieferte. Er soll aus Chelsea stammen, deshalb heißen die Schuhe so. Und so ist das Internet voll von Sätzen wie diesem: Der Chelsea Boot wurde um 1830 von J.S. Hall, dem Schuhmacher von Königin Victoria, kreiert und ist nach seinem Erfindungsort, dem Londoner Stadtteil Chelsea, benannt. Leider ist die Geschichte nicht so ganz richtig. Der Schuhmacher heißt mit vollem Namen Joseph Sparkes Hall, er sitzt in der Regent Street 308. Die gehört damals zum County of Middlesex, einen Stadtteil namens Chelsea wird es erst später geben. Also ist das mit dem J.S. Hall aus Chelsea schon mal nix. Aber Joseph Sparkes Hall liefert der jungen Königin 1837 den ➱Prototyp dessen, was heute Chelsea Boot heißt. Allerdings besteht der elastische Teil noch nicht aus Gummi, sondern aus dünnen Metallfäden, die mit Baumwolle ummantelt wurden. Aber drei Jahre später hat Sparkes Hall the most perfect thing of its kind fertig und bekommt dafür am 14. Mai 1840 ein Patent.

Er wird noch andere Patente erhalten, er ist ein umtriebiger Mann, schreibt sogar ein Buch über Schuhe. In seinem Buch The Book of the Feet sagt Sparkes Hall: Her majesty has been pleased to honour the invention with the most marked and continued patronage: it has been my privilege for some years to make her boots…and no one who is acquainted with her Majesty’s habits of walking and exercise, in the open air, can doubt the superior claims of elastic over every other kind of boots.Wahrscheinlich meint er auch die Königin, wenn er schreibt: One of my earliest customers, a Lady of great originality of thought and expression first induced me to make it an article of universal sale by saying: These boots are the comfort of my life, if you were only to give them a sounding name — if you like, call them lazy boots and turn it into Greek — all the world will buy them, and you’ll make your fortune. Das heute noch interessante Buch (➱hierim Volltext) wird sogar von ➱Eric Hobsbawm in Uncommon Peopleerwähnt, es erlebte schnell eine zweite Auflage. Und es erschien, da der Autor für diesen Zweck a history of boots and shoes in the United States beigefügt hatte, schon 1847 in New York.

Aber solch schönen Namen, wie ihn sich die Lady of great originality of thought and expression wünschte, haben die späteren Chelsea Boots damals nicht bekommen. Allerdings hat Joseph Sparkes Hall einen schönen Namenszusatz bekommen, er durfte sich jetztPatent-Elatisc-Boot Maker to her Majesty the Queen nennen. Wenn die Königin diesen Schuh trägt, dann will ihn jetzt jeder in England haben. Angeblich ist er mit seinen Kreationen nicht reich geworden: For many years I have scarcely made any other kind of boots but the elastic; but, I have not made a fortune. I am happy, however, if in any way I have contributed to the comfort of my fellow-creatures, or been instrumental in affording employment to my own countrymen.

Eigentlich sind es ja Stiefeletten für den Herren, die jetzt ein elastisches Seitenteil aus India-rubber materialbekommen. Es wird seit den 1820er Jahren in England eine Vielzahl von neuen Schuhformen geben. Es kommen die blucher auf (wenn auch zuerst als geschnürte Stiefel), eine Schuhform, die wir heute in Deutschland einen Derby nennen. Im englischsprachigen Bereich (vor allem in Amerika) heißen sie immer noch nach unserem Marschall. Auch nach dem anderen Sieger von ➱Waterloo wird ein Schuhmodell benannt: die Wellingtons, die damals noch nicht wie heute einen grünen Gummistiefel meinen. Das hier auf einem Bild des Victoria und Albert Museums ist ein ➱Dress Wellington für den Opernbesuch, man beachte die Seidenschleife vorne. Das Oberteil ist bei diesen ➱dress boots häufig aus anderem Leder, weil es den Strumpf vortäuschen soll. Die Herrenmode ist jetzt dabei, die Reitstiefel und Hessian Boots, die Beau Brummell noch trug, aufzugeben. Die Wellington Boots, eine Variante der Hessian Boots, die Wellingtons Schuhmacher ➱Hoby ihm anfertigt, halten sich bis in die 1840er Jahre.

Zum Ende des Jahrhunderts sieht die bevorzugte Schuhform bei den Herren ungefähr so aus, Halbschuhe, wie wir sie heute kennen, sind noch lange kein Thema. Sie kommen en masseerst nach dem Ersten Weltkrieg, und selbst danach wird eine ganze Generation geschnürte Halbstiefel tragen. Ich glaube nicht, dass mein Opa jemals Halbschuhe getragen hat. In England gibt es sicherlich auch heute noch Gentlemen, die solche Schuhe tragen: Boots larely gave way to shoes after the First World War, but the town boot of light or glacé leather remains a height of style, heißt es in Paul Keers‘ A Gentleman’s Wardrobe.

Es ist die Zeit, in der die Halbstiefel, die wir heute Chelsea Boots nennen, auf den Markt kommen, die eine Wende in der Schuhmode markiert. Weg von den Stiefeln. Man trägt keine breeches mehr, sondern bevorzugte pantaloons. Mit einem Band unter dem Schuh gehalten, sodass sie glatt saßen und keine Falten bildeten. Für diese Hosenform empfehlen sich Stiefel nicht unbedingt. Um 1850 haben sich die Halbstiefel mit dem elastischen Einsatz in der Mode schon durchgesetzt. Allerdings haben sie da noch nicht den Namen Chelsea Boots, da sind sie noch schlicht und einfach elastic-sided half boots.Das Wort Chelsea Boots kennt das Oxford English Dictionary erst seit dem Jahre 1962. Den Chelsea tractor (ein Schickeria SUV) verzeichnet das Lexikon seit 2007.

Dass die eleganten Halbstiefel ihren Namen erst in den ➱Sixties bekommen haben, als die King’s Road neben der Carnaby Street zum Zentrum des ➱Swinging London geworden war, scheint nachvollziehbar. Jetzt kommt alles aus Chelsea. Die Karrieren von ➱Mary Quant (hier ist ein langer Post zu Mary Quant) und Vivienne Westwood haben hier begonnen. Aber schon vor den Sixties war Chelsea berühmt, im ausgehenden 19. Jahrhundert wohnen hier Künstler und Maler:  ➱J. M. W. Turner, ➱James McNeill Whistler und ➱John Singer Sargent, um nur einmal die berühmtesten zu nennen. Und dieses kleine bisschen Bohème, das der Name Chelsea assoziiert – bevor er nur noch mit Schickeria und Fußball assoziiert wurde – verbindet sich auch mit den Chelsea Boots.

Die Chelsea Boots haben noch Geschwister. Nämlich die Jodhpur Boots, angeblich in Indien zum Reiten erfunden. Für die Gentlemen, die Polo spielen, für die wird alles mögliche erfunden: Jodhpur Boots, Buttondown Hemden und die Jaeger Le Coultre Reverso. Die Jodhpur Boots sehen toll aus, aber wenn Sie mich fragen: total unpraktisch. Ich konnte mal der Verlockung nicht widerstehen, bin aber nie damit glücklich geworden. Ich würde auch nie im Leben ein Paar Monks kaufen. Selbst nicht, wenn sie von Edward Green wären und nur einen Fuffi kosteten. Jodhpur Boots gehen natürlich nur in dieser Farbe, schwarz ist vollkommen daneben. Aber schwarz ist nun gerade die richtige Farbe für Chelsea Boots. Ohne Verzierungen, ohne Steppnähte, wholecut, als ob sie der ➱Teufel gemacht hätte.

Man kann sie sogar zum Anzug tragen, obwohl Hardy Amies sie nicht mag: Zur Popularität der Slipper trugen auch die ‚Chelsea Boots‘ der Beatles-Ära bei. Die Seiten aus elastischem Stoff waren nicht gerade eine Zierde; sie machten sich schlecht in billigen Schuhen und ließen hochwertiges Schuhwerk billig aussehen. Es ist völlig unmöglich, in billigem Schuhwerk gut gekleidet zu sein. Sagt Sir Hardy in Anzug und Gentleman: Von der feinen englischen Art, sich zu kleiden (➱hier bei Google Books zu lesen). Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass es in den siebziger Jahren auch elegante half boots gab, die aussahen wie ein Chelsea Boot ohne Elastikeinsatz. Diesen dress boot konnte man mit einem Reißverschluss an der Innenseite öffnen und schließen. Perfekt. Ich habe noch ein Paar in weinrot im Schrank.

Chelsea Boots haben in jeder Farbe ohne Zeifel mehr Eleganz als die Chukka Boots (und damit bin ich bei einem weiteren Verwandten), welche in England auch sehr beliebt sind. In leicht anderer Form kennen wir sie als Desert Boots, so etwas hat die British Army in Afrika im Zweiten Weltkrieg getragen. Und danach ist ➱Nathan Clark von der gleichnamigen Firma mit seinen Desert Boots berühmt geworden. Ohne dieses Schuhwerk hätte es keine Flower Power und keine weltweite studentische Revolution gegeben, sie waren in den Sixties ein Muß. Meine ersten waren dunkelgrün, ich habe nie wieder dunkelgrüne Clarks gesehen. Ein Paar dunkelbraune habe ich immer noch im Schrank. Ich habe auch noch ein Paar gelbe mit fetter Specksohle von Crockett und Jones, aber irgendwie erinnern die mich immer an die yellow perils in der wunderbaren Kurzgeschichte ➱The Story of Cedric von P.G. Wodehouse.

Mein Gedicht heute hat keinen Verfasser. Es ist kurz, es könnte als Graffiti an einer Hauswand in London stehen. Passt aber schön zum Thema:

Take me back to my roots,
Not the World’s End,
But the King’s Road
In my shiny Chelsea Boots


Noch mehr Schuhe in diesem Blog unter:  ➱Wildlederschuhe, ➱Militärisches Schuhwerk, ➱Cliff Roberts, Artisan, ➱Dinckelacker. Und zum Leidwesen von Leser Wolfgang Vögele schreibe ich irgendwann auch einmal wieder über Hemden, wo ich doch gerade dieses schöne neue Ed. Meier Hemd trage.