Ich hatte Robert Evans schon beinahe vergessen, aber als ich über ➱Polanski schrieb, tauchte er natürlich wieder auf. In den sechziger und siebziger Jahren konnte man ihm in Hollywood nicht entgehen, seine Karriere als Schauspieler, seine Produktionen für Paramount, seine Weibergeschichten, seine Ehefrauen (insgesamt sieben), alles kam in die Zeitungen. Er war eine öffentliche Person, er genoss es, ein Renaissance Man zu sein. Manche hielten ihn für den Teufel, irgendjemand hat mal über ihn gesagt: all lies ever told anywhere about Robert Evans are true. Wahrscheinlich lief er die ganze Zeit auf Kokain. Manche hielten ihn für die Reinkarnation von Irving Thalberg. Vielleicht glaubte er selbst daran. Immerhin hatte er in dem Film Man of a Thousand Faces den Hollywood Mogul Thalberg spielen dürfen. Er fiel in dem Film aber nicht weiter auf; wenn ➱Dorothy Malone und James Cagney in einem Film sind, hat ein Newcomer wie Evans keine große Chance. Und wenn es eine Verkörperung von Thalberg im Film gab, dann war das Robert de Niro in The Last Tycoon.

Seine Ehefrau Ali MacGraw hätte gerne die Daisy in The Great Gatsby gespielt, angeblich war das ihr Lieblingsroman. Solche Presseerklärungen liest man ja immer mit großer Rührung. Robert Evans kriegte den Broadway Produzenten David Merrick, der mit Fitzgeralds Tochter Scottie Lanahan Smith befreundet war, dazu, ihr die Rechte abzukaufen. Dafür durfte Merrick sich mit dem Titel Co-Producer bei The Great Gatsby schmücken. Evans bekam die Rechte für 350.000 Dollar. Fitzgeralds Tochter, die nach der Verfilmung von 1949 (mit Alan Ladd in der Hauptrolle) nie wieder eine Verkörperung von Jay Gatsby auf der Leinwand sehen wollte, hat es wenig später bitter bereut, die Rechte an Evans verkauft zu haben.

Denn da war noch Frank Yablans, der den Film Love Story erfolgreich vermarktet hatte, wodurch er in der Studiohierarchie aufrückte und sich einen Machtkampf mit Robert Evans lieferte. Er erklärte der Presse: I am very fond of Bob. But I am also frank about this whole publicity thing. I don’t like any confusion about who is running Paramount. The name is Yablans.Und er fügte dann noch hinzu, dass er auch gerne als Präsident der USA kandidieren wolle. Daraus ist nichts geworden. Ein Jahr nach dem Flop des Filmes war Yablans auch nicht mehr in der Chefetage. Als Evans von einem Interviewer gefragt wurde, was er dazu zu sagen hätte, sagte er: Call it ‚the sound of silence‘.

Doch Yablans hatte bei der Propagierung des Filmes ganze Arbeit geleistet. Der Film war durch Werbeverträge undproduct placement beinahe vorfinanziert. Wir können an dieser Ralph Lauren Anzeige aus dem Jahre 2012 sehen, dass ➱Ralph Lauren wieder einmal den Gatsby Look recycelt. Irgendwie hat Ralph Lauren Gatsbys Satz Can’t repeat the past? … Why of course you can! falsch verstanden. Vor vierzig Jahren war er für die Kostüme des Films verantwortlich gewesen, das war der erste große Erfolg seiner Karriere.

An der Version, die gerade in die Kinos gekommen ist, hatte er keinen Anteil. Wahrscheinlich hatte man in Hollywood noch im Gedächtnis, dass Amerikas Kostümhistorikerin Nummer Eins Anne Hollander damals Ralph Laurens Kreationen in ihrem Artikel The ‚Gatsby Look‘ and Other Costume Movie Blunders abgewatscht hatte. Die neue Version von Baz Luhrmann zeichnet sich dadurch aus, dass es die teuerste Gatsby Verfilmung ist. 1926 hatte Fitzgerald die Filmrechte für $16,666.00 verkauft (was heute wohl über 200.000 Dollar wären). Robert Evans‘ Produktion von The Great Gatsby hat in den letzten vierzig Jahren 20 Millionen Dollar an Gewinn eingespielt, die neue Verfilmung durch Baz Luhrmann hat über 120 Millionen Dollar gekostet.

Jetzt ist erstmal Brooks Brothers dran, das Leonardo DiCaprio ➱Spektakel (a faithful film – and a terribly, terribly bad one) werbemäßig zu vermarkten, da sie diesmal für die Kostüme zuständig sind. Brooks Brothers war ja einmal das Aushängeschild der amerikanischen Herrenkonfektion (lesen Sie doch hier noch den Post ➱Made in America), ist aber heute hundertprozentig in italienischer Hand. Und trösten wir uns, die Klamotten von Leonardo DiCaprio haben mit den Roaring Twentieswenig zu tun. Er sieht hier ja wie eine schlechte Teenie Version von Robert Redford aus.

Sie ahnen schon, worauf ich hinaus will: auf Literaturverfilmungen, die eigentlich nur dafür da sind, dass man als tie-in ganz viele Produkte verkaufen kann. Im Fall der Great Gatsby Version von 1974 waren das die seltsamsten Dinge. Der Titel von Janet Maslins Aufsatz Ballantine’s Scotch, Glemby Haircuts, White Suits, and White Teflon: Gatsby 1974 sagt eigentlich schon alles. Die Firma Glemby International (die fünfhundert Friseursalons besaß) hatte ja schon Haarnetze für Damen hergestellt, als Fitzgerald seinen Roman schrieb, aber an gatsby-weiße Teflon Bratpfannen (von DuPont gab es dazu passendes weißes Haushaltsgeschirr) hatte der Schriftsteller bestimmt nicht gedacht.

An den Whisky vielleicht schon eher. Ballantines zahlte übrigens 350.000 Dollar für die Verwendungsrechte des Filmes als Whiskeyreklame. Wenn man so will, wurde der Preis der Drehbuchrechte in Whisky aufgewogen. Was Turnbull&Asser dafür bezahlt haben, damit ihre Hemden und ihr Firmenname ins Bild kommen (man kann da rechts aussen den Firmennamen gut lesen), weiß ich nicht. Das ist die Stelle im Roman, wo Daisy They’re such beautiful shirts. It makes me sad because I’ve never seen such beautiful shirts schluchzt. Im Roman sind die Hemden nur ein Symbol, hier wird die Szene zu einem Werbespot.

Das erste Drehbuch stammte von Truman Capote, es sah einen schwulen Nick Carraway und eine lesbische Jordan Baker vor. Das Studio schickte es an den Absender zurück. Francis Ford Coppola, der das zweite Drehbuch geschrieben hat, an das man sich leider nicht hielt, hatte sich den Film anders gedacht: My concept was, in a poetic way, to show you certain clues, through imagery: the yellow car in the garage, the house itself, Gatsby’s room, his shirts, his clothes, pictures of Daisy, the newspaper clippings, and then the little Hopalong Cassidy book in which you actually see in a child’s handwriting the little resolutions. Die Szenen, die dieses Konzept erkennen lassen, gehören zu den stärksten Augenblicken des Films.

Die Literaturverfilmung war jetzt zu einem reinen Werbeträger geworden. Da wurde kein Coppola oder Harold Pinter (der das Drehbuch zu der Verfilmung von Fitzgeralds The Last Tycoonschrieb) gebraucht. Das war nun genau der Augenblick, an dem Scottie Lanahan Smith erkannte, dass sie einen Pakt mit dem Teufel gemacht hatte. You have turned ‚The Great Gatsby‘ into pots and pans, klagte sie. Petra Kipphoff sprach in der Zeit von dem maßlosen Rummel, der den Film zum Werbespot seiner selbst pervertierte. Und selbst Frank Yablans kriegte es bei dem Great Gatsy Supersell (so die Titelgeschichte vonTime) ein wenig mit der Angst zu tun: No matter what we do, the film will stand on its own merits. My only concern is not whether we’ve oversold it, but rather about the intellectual, purist approach the critics might take. 

Robert Evans verlor das Interesse an dem Film, als seine Gattin (die angeblich so gerne die Daisy spielen wollte) mit ➱Steve McQueen durchbrannte (da bekommt ein Filmtitel wieGetaway gleich eine andere Bedeutung). Der Roman Fitzgeralds mit seinen literarischen Qualitäten interessierte Paramount kaum noch, man war in einem Vermarktungsrausch. Das Ziel warto create a third level of awareness (was immer das heißen sollte), es sollte aber geschmackvoll sein: Anything that was not in keeping with the taste level of the film itself was not considered. Andererseits wollte man Geld und zusätzliche Werbung sehen: We looked for companies that would put their money where their mouths were. Wenige Jahre zuvor hatte Joeph Losey mit The Go-Between ohne riesiges Budget gezeigt, wie eine intelligente Literaturverfilmung aussehen konnte (lesen Sie ➱hier alles dazu).

Nostalgie heißt jetzt das große Schlagwort von Hollywood in den siebziger Jahren. Die Konkurrenz des neuen Autorenkinos vom New Hollywood macht sich in den großen Studios bemerkbar. Man flüchtet sich in die Vergangenheit. Vieles wird recycelt, im Zweifelsfall sindremakes eine sichere Bank für Hollywood. Oder wie ➱Dorothy Parker sagte: The only ‚ism‘ Hollywood believes in is plagiarism. Und so entstehen Filme wie Farewell, My LovelyThe Big SleepKing KongThe Postman Always Rings Twice. Es gibt neben The Great Gatsby eine Reihe aufwendiger Literaturverfilmungen, die meistens in den dreißiger Jahren angesiedelt sind: The Day of the LocustThe Last Tycoon und They Shoot Horses, Don’t They? Fitzgeralds Satz Can’t repeat the past? … Why of course you can scheint auch für Hollywood zu einem Wahlspruch geworden zu sein. Aber, wie schon Napoleon wusste, du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas. Der Film war bei der Uraufführung ein Flop, Beifall gab es nur der Szene als Tom Buchanan seinen Rolls-Royce im Valley of the Ashes auftanken lässt. Und George Wilson nimmt ihm dafür ganze 40 Cent ab. An dieser Stelle soll ein Zuschauer gesagt haben: Jetzt wissen wir endlich, was Nostalgie ist.

Das Phänomen Nostalgie war längst nicht mehr auf Hollywood begrenzt, Nostalgie wurde zu einem allgemeinen, weltweiten Kulturphänomen. Es schwappte auch zu uns herüber. Sogar der Bayernkurierregistrierte es (ich weiß, dass das unwahrscheinlich klingt). So schrieb da 1975 Rose-Marie Borngässer: Man kleidet sich fortan im Gatsby-Look, trägt wieder Loden und zarte, romantische Kleider. Man tanzt in Gatsby-Diskotheken bei psychedelischem Licht. Das neue Konzept ist so total, so romantisch und der industriellen Wirklichkeit so fern wie die Sage von Blut und Boden in den Lesebüchern von gestern. Der Supermarkt des kleinen Glücks für alle.

Ich habe das Zitat nicht aus demBayernkurier, das gebe ich gerne zu. Im Gegensatz zu Frau Schavan und Herrn Lammert zitiere ich nicht aus dritter Hand und tue dann so, als ob ich die Originalquelle gelesen hätte. Ich habe das Zitat aus Volker Fischers Buch Nostalgie (➱hier als PDF Dokument, leider nicht ganz) aus dem Jahre 1980. Es ist ein erstaunliches Buch, ein wenig kraus und ungeordnet, eher eine Art kulturanalytischer Flohmarkt denn ein wissenschaftliches Werk. Glücklicherweise, diese Arbeit macht sich heute niemand mehr. Heute wird Theorie aufgesagt, damals gab es noch originelle Gedanken (natürlich nicht bei Frau Schavan). The Great Gatsby kommt natürlich auch darin vor. Nostalgie: Geschichte und Kultur als Trödelmarkt war ursprünglich Fischers Dissertation gewesen, es gibt wohl wenige Dissertationen in dieser Zeit, die so originell sind.

Nicht nur der Bayernkurier und Volker Fischer machten sich Gedanken über die Nostalgie. Auch die Firma C&A (steht im Englischen für cheap & awful) Brenninkmeijer machte sich für den Verkauf ihrer gatsby-weißen Anzüge so ihre Gedanken. Diesmal kann ich das vom Original zitieren, da ich die Werbeabzeige aus dem Jahre 1975 aufgehoben habe: Was ist eigentlich Nostalgie? Viele Filme zeigen heutzutage ‚wie schön es früher war‘ aber der amerikanische Film ‚Gatsby‘ hat von allen die neue Mode nostalgisch beeinflußt. Er hat die Farbe Weiß zu einem modischen Gefühl gemacht. Gatsby-Weiß ist deshalb mehr als nur eine Modefarbe, Gatsby-Weiß ist ein ganzer Kleidungsstil – für die Sehnsucht nach dem gefühlvollen Lebensstil von früher (Nostalgie). Neben dieser Werbelyrik war ein scheußlicher C&A Anzug abgebildet. In Gatsby-Weiß.

Auf dem Höhepunkt der damaligen Nostalgie war ich zu einer Hochzeit eingeladen. Der Bräutigam bat mich, im weißen Anzug zu kommen, das sei jetzt Mode. Ich höre da nie so recht hin, wenn mir jemand erzählt, was jetzt Mode ist und zögerte den Anzugkauf erst einmal heraus. Das war eine weise Entscheidung, denn vier Wochen vor der Trauung lief die Braut dem Bräutigam davon. Ich habe immer noch keinen weißen Anzug.

Ich hätte zur Not ein weißes Dinner Jacket von einem reputierlichen Savile Row Schneider, das ich mal in einem Second Hand Laden kaufte. Habe ich aber noch nie getragen. Wann kann man das schon anziehen? Keiner meiner Nachbarn heißt Jay Gatsby und lädt mich zu einem Sommerfest ein. Wenige Jahre nach der Gatsby Nostalgiewelle kamen wieder weiße Anzüge in Mode, was an diesem Herrn hier lag. Das ist inzwischen auch schon Nostalgie, John Travoltas weißer Anzug (100 Prozent Polyester) wurde im letzten Jahr im ➱Victoria & Albert Museum gezeigt. Falls Sie wie John Travolta aussehen wollen, der preiswerteste Anzug der Marke ➱Studio Coletti bei Quelle kostet 57,90 €. Noch mehr weiße Herrenkleidung finden Sie in dem Post ➱Flanellhosen.

Die Herren hier spielten alle einmal Jay Gatsby. Der dritte von links ist Toby Stephens, der Gatsby in einer Fernsehverfilmung spielte. Der am schlechtesten gekleidete Gatsby ist DiCaprio, da hätte sich die Kostümabteilung mal lieber Photos von Anthony Joseph Drexel Biddle, Jr anschauen sollen. Als The Great Gatsby 1974 in die Kinos kam, wurde er von den Kritikern beinahe einhellig verrissen. Nur Penelope Gilliatt schrieb im New Yorker (da war sie seit 1968 die Filmkritikerin, zuvor war sie die Filmkritikerin des Observer gewesen), dass es ein Fehler gewesen sei, einen kurzen Roman in einen mistakenly long film zu verwandeln. Sagte aber zum Schluss: The stately film has much kindness and beauty, but some works of art have their truest condensed existence only in the original form, perhaps.

Und das ist wahr. Knapp vierzig Jahre nach der Uraufführung ist der Film in Würde gealtert. Wenn man seinen ➱Trailer mit dem ➱Trailer der Baz Luhrmann Version vergleicht, kommt einem Jack Claytons Film schon wie ein Klassiker vor. Die Nebendarsteller seien besser als die Hauptdarsteller, hatte damals ein Kritiker gesagt. Daran ist etwas Wahres, ➱Sam Waterston als Nick Carraway, Bruce Dern als Tom Buchanan und Karen Black als Myrtle Wilson sind wirklich hervorragend. Karen Black ist leider vor wenigen Wochen gestorben, in diesem Blog lebt sie in dem Post über ➱Five Easy Pieces ein klein wenig weiter.

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