Der Sommer ist zum Altweibersommer geworden. Der ➱Herbst steht vor der Tür, man kann es nicht leugnen. Fette bunte Modemagazine, Kataloge, die mit der Post kommen und Prospektbeilagen in den Zeitschriften bringen uns die neue Mode. Oder was die Industrie dafür hält. In den Schaufenstern werden die Dekorationen getauscht, derslimfit Anzug, der gestern noch Mode war, weicht dem, der heute Mode ist. Wahrscheinlich noch slimmer und noch fitter. Die kleinen, feinen Herrenausstatter räumen Tweed- und ➱Cordjacketts und ➱Cordhosenin die Fenster, das ist nie falsch. Und jedes Teil hat natürlich ein Etikett mit einem Designernamen, der angeblich irgendetwas verheißt.

Bei den großen Kleidungshäusern scheint ein Ende des trading up gekommen zu sein, man sieht kaum noch wirkliche Markenware. Die ist den Eigenmarken gewichen. Marken, die kurios lächerliche Namen wie McEarl oder Franco Callegari haben. Und die Lichtjahre entfernt sind von Marken wie Belvest, ➱Caruso, Kiton oder ➱Regent. Besonders gefällt mir die Billigmarke Hemlock bei Anson’s, die mit Hemlock feel better! beworben wird. Also, der Philosoph Sokrates fühlte sich nicht mehr so gut, nachdem er seinen Becherhemlock getrunken hatte. Aber der Markenwahn der achtziger Jahre scheint langsam zu Ende zu sein. Wer trägt heute noch Armani?

Karl Lagerfeld hat eh niemand je getragen. Das Label hat ja nie in der obersten Liga der Herrenmode mitgespielt. In Deutschland hat die Familie ➱Aulbach in Miltenberg die Lizenz. Früher hießen sie einmal ➱Miltenberger Kleiderwerke(MKW) und machten ordentliche Sachen. Warben mit Kleide Dich besser – Trage MKW Modellkleidung, und hatten imHerrenjournal ganzseitige Anzeigen mit dem Filmschauspieler Claus Biederstaedt. Dann wurden die Miltenberger zu Daniel Hechter, weil sie den Namen gekauft hatten. Und seit 1990 haben sie die Karl Lagerfeld Lizenz und dürfen die Etiketten mit diesem Namen in ihre Jacketts nähen. Der Karl würde das Zeug nicht anziehen. Aber der Karl wird sich gesagt haben, dass Kleinvieh auch Mist macht, pecunia non olet. Der Karl wird heute achtzig, so sagt man. Wozu wir natürlich herzlich gratulieren. Vielleicht bringt er zu dem Festtag eine Kollektion von ➱Jogginghosen heraus.

Dass diese ganze Sache mit dem Etiketten ein Schwindel ist, hat schon Thomas Mann gewusst. Und ich zitiere gerne einmal diese köstliche Passage aus Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull:

Mein armer Vater war Inhaber der Firma ›Engelbert Krull‹, welche die untergegangene Sektmarke ›Lorley extra cuvée‹ erzeugte. Unten am Rhein, nicht weit von der Landungsbrücke, lagen ihre Kellereien, und nicht selten trieb ich mich als Knabe in den kühlen Gewölben umher, schlenderte gedankenvoll die steinernen Pfade entlang, welche in die Kreuz und Quere zwischen den hohen Gestellen hinführten, und betrachtete die Heere von Flaschen, die dort in halbgeneigter Lage übereinander geschichtet ruhten. Da liegt ihr, dachte ich bei mir selbst (wenn ich auch meine Gedanken natürlich noch nicht in so treffende Worte zu fassen wußte), da liegt ihr in unterirdischem Dämmerlicht, und in euerem Innern klärt und bereitet sich still der prickelnde Goldsaft, der so manchen Herzschlag beleben, so manches Augenpaar zu höherem Glanze erwecken soll! Noch seht ihr kahl und unscheinbar aus, aber prachtvoll geschmückt werdet ihr eines Tages zur Oberwelt aufsteigen, um bei Festen, auf Hochzeiten, in Sonderkabinetten eure Pfropfen mit übermütigem Knall zur Decke zu schleudern und Rausch, Leichtsinn und Lust unter den Menschen zu verbreiten. Ähnlich sprach der Knabe; und so viel wenigstens war richtig, daß die Firma ›Engelbert Krull‹ auf das Äußere ihrer Flaschen, jene letzte Ausstattung, die man fachmännisch die Coiffure nennt, ein ungemeines Gewicht legte. Die gepreßten Korken waren mit Silberdraht und vergoldetem Bindfaden befestigt und mit purpurrotem Lack übersiegelt, ja, ein feierliches Rundsiegel, wie man es an Bullen und alten Staatsdokumenten sieht, hing an einer Goldschnur noch besonders herab; die Hälse waren reichlich mit glänzendem Stanniol umkleidet, und auf den Bäuchen prangte ein golden umschnörkeltes Etikett, das mein Pate Schimmelpreester für die Firma entworfen hatte und worauf außer mehreren Wappen und Sternen, dem Namenszuge meines Vaters und der Marke ›Lorley extra cuvée‹ in Golddruck eine nur mit Spangen und Halsketten bekleidete Frauengestalt zu sehen war, welche, mit übergeschlagenem Beine auf der Spitze eines Felsens sitzend, erhobenen Armes einen Kamm durch ihr wallendes Haar führte. Übrigens scheint es, daß die Beschaffenheit des Weines dieser blendenden Aufmachung nicht vollkommen entsprach. „Krull“, mochte mein Pate Schimmelpreester wohl zu meinem Vater sagen, „Ihre Person in Ehren, aber Ihren Champagner sollte die Polizei verbieten. Vor acht Tagen habe ich mich verleiten lassen, eine halbe Flasche davon zu trinken, und noch heute hat meine Natur sich nicht von diesem Angriff erholt. Was für Krätzer verstechen Sie eigentlich zu diesem Gebräu? Ist es Petroleum oder Fusel, was Sie bei der Dosierung zusetzen? Kurzum, das ist Giftmischerei. Fürchten Sie die Gesetze!“ Hierauf wurde mein armer Vater verlegen, denn er war ein weicher Mensch, der scharfen Reden nicht standhielt „Sie haben leicht spotten, Schimmelpreester“, versetzte er wohl, indem er nach seiner Gewohnheit mit den Fingerspitzen zart seinen Bauch streichelte, „aber ich muß billig herstellen, weil das Vorurteil gegen die die heimischen Fabrikate es so will — kurz, ich gebe dem Publikum, woran es glaubt. Außerdem sitzt die Konkurrenz mit im Nacken, lieber Freund, so daß es kaum noch zum Aushalten ist.“

Mehr braucht man über den Schwindel mit dem Glamour nicht zu sagen. Thomas Mann verstreut noch keine Markennamen in seinen Texten, wenn wir mal von der Lorley extra cuvée und der Zigarrenmarke Maria Mancini imZauberberg absehen (mehr zu dieser Zigarre aus Bremen ➱hier). Das Geburtstagskind Karl Lagerfeld (Ich bin ein Papierfresser!) hat ein besonderes Verhältnis zu Thomas Mann: Das Problem bei Thomas Mann ist, das ich das nur zu gut verstehe. Ich bin ja aus dem Norden. Die ganze Mentalität, das ist mir so familiär. Ich liebe die Novellen noch heute, aber nicht unbedingt ‚Tod in Venedig‘. Thomas Mann war zu konventionell. So konventionell bin ich nicht. Ich lebe ja auch in einer anderen Zeit. Im letzten Jahr hat der Karl bei der LitCologne auch öffentlich über Thomas Mann geredet, hatte aber mit einer Absage gedroht, wenn er von Elke Heidenreich interviewt würde. Weil die in einem Artikel für dieBrigitte geschrieben hatte: Die Halbhandschuhe verstehe ich nur zu gut, denn nirgends sieht man das wahre Alter eines Menschen deutlicher als an seinen Händen. Das hört der Karl nicht gerne, denn er ist wie das Bildnis von Dorian Gray forever young.

Aber Thomas Mann konventionell? Da muss ich etwas verpasst haben. Karl Lagerfeld (der angeblich mehr als 200.000 Bücher hat), derDie Buddenbrooks heute noch auswendig kann, bei Doktor Faustus einschläft und den Zauberbergnicht mag (Den ‚Zauberberg‘ habe ich nie zu Ende gelesen, das war mir zu langweilig), sollte vielleicht doch einmal Der Tod in Venedig lesen. Denn Gustav von Aschenbach (im Film wunderbar gespielt von Dirk Bogarde), der sich so verzweifelt bemüht, jung zu erscheinen, das ist niemand anderes als Karl Lagerfeld:

Wie irgend ein Liebender wünschte er, zu gefallen und empfand bittere Angst, daß es nicht möglich sein möchte. Er fügte seinem Anzuge jugendlich aufheiternde Einzelheiten hinzu, er legte Edelsteine an und benutzte Parfüms, er brauchte mehrmals am Tage viel Zeit für seine Toilette und kam geschmückt, erregt und gespannt zu Tische. Angesichts der süßen Jugend, die es ihm angetan, ekelte ihn sein alternder Leib, der Anblick seines grauen Haares, seiner scharfen Gesichtszüge stürzte ihn in Scham und Hoffnungslosigkeit. Es trieb ihn, sich körperlich zu erquicken und wiederherzustellen; er besuchte häufig den Coiffeur des Hauses. 

Er saß dort, der Meister, der würdig gewordene Künstler, … der in so vorbildlich reiner Form dem Zigeunertum und der trüben Tiefe abgesagt, dem Abgrunde die Sympathie gekündigt und das Verworfene verworfen hatte, der Hochgestiegene, der, Überwinder seines Wissens und aller Ironie entwachsen, in die Verbindlichkeiten des Massenzutrauens sich gewöhnt hatte, er, dessen Ruhm amtlich, dessen Name geadelt war und an dessen Styl die Knaben sich zu bilden angehalten wurden,— er saß dort, seine Lider waren geschlossen, nur zuweilen glitt, rasch sich wieder verbergend, ein spöttischer und betretener Blick seitlich darunter hervor, und seine schlaffen Lippen, kosmetisch aufgehöht, bildeten einzelne Worte aus von dem, was sein halb schlummerndes Hirn an seltsamer Traumlogik hervorbrachte.

Romane mit Designernamen vollzupflastern, das blieb einer jüngeren Generation vorbehalten. Zum Beispiel Brett Easton Ellis in seinem grässlichen Roman American Psycho, wo er seitenlang Markennamen abspult. Das waren beinahe immer italienische Produkte, weniger die großen Namen der amerikanischen ➱Konfektionsindustrie. Die Italiener hatten damals ihre große Zeit in den USA, allerdings gelangte kaum das Originaldesign aus Mailand oder Neapel in die amerikanischen Geschäfte. Alles wurde ein wenig verändert für die Nation, deren Ideal der sack suit number one war. Gegenüber Bret Easton Ellis war der Klamottenfetischist und Dandy ➱Tom Wolfe mit der Nennung von Markennamen in The Bonfire of the Vanities ja gar nichts. Zwar trägt Shermann McCoy Anzüge aus der Savile Row, die 2.200 Dollar gekostet haben (sehr preiswert) und $650 shoes from New & Lingwood of Jermyn Street. Aber was ist das schon? Wer kauft sich New & Lingwood Schuhe? Dann doch lieber Foster & Son oderEdward Green. Oder einen Schuh von ➱Cliff Roberts.

Die deutsche Antwort auf Brett Easton Ellis, der mit Less than Zeroetwas erfunden hatte, was fortan Yuppie und Pop Literatur hieß, war Christian Kracht. Mit seinem Roman Faserland, bei dem kein Kritiker es ausließ, auf den Einfluss von Ellis hinzuweisen. Das hat Kracht auch selbst zugegeben: Ellis brachte mich unter anderem auf die Idee zu ‚Faserland‘. Die Nennung von Markennamen aus dem Bereich der Mode ist gegenüber Bret Easton Ellis in Krachts Roman Faserlandeher zurückhaltend: Barbour, ➱Ralph Lauren, Armani, Jil Sander, Doc Martens, Kiton und Brooks Brothers hat ein Rezensent gezählt (also jetzt einmal von Marken wie ➱Rolex und Cartier etc. abgesehen). In einem Interview im Jahre 1999 sagte Kracht: Aber ich fühle mich […] zu alt, um Konsumgüter und Markennamen in meinen Büchern zu erwähnen. […] Zuerst dachte ich, eine leichte Verneigung vor dem medialen Konstrukt der Popliteratur hineinschreiben zu wollen, ein letztes Aufbäumen durch die Erwähnung der Parisienne-Zigarette, aber was soll’s? Ich habe es zum Glück herausgestrichen – nichts sollte mehr daran erinnern, dass man mir einst vorwarf, bereits auf der allerersten Seite von ‚Faserland‘ tauchten zehn bis zwölf Markennamen auf. 

Dass der Held des Romans ein Kiton Jackett trug, war damals keinem Rezensenten entgangen. Steht ja auch fett im Roman: Ich bezahle den Taxifahrer, der zum Glück während der Fahrt kein Wort gesagt hat, weil er sauer war, daß wir beide gleich alt sind und ich eine Kiton-Jacke trage und er auf Demos geht. Obgleich, wenn ich es mir überlege, hätte ich gerne mit ihm geredet und ihm gesagt, daß ich auch auf Demonstrationen gehe, nicht, weil ich glaube, damit würde man auch nur einen Furz erreichen, sondern, weil ich die Atmosphäre liebe. Ich nehme an, dass ein solches Nennen einer Marke noch nicht unter den Begriffproduct placement fällt. Aber offensichtlich liebäugeln manche Autoren schon mit solchen Gedanken.

Das Kiton Jackett blieb nicht lange in Christian Krachts Roman. In der dtv Taschenbuchausgabe sucht man es vergeblich. Da trägt der Held ein Jackett von ➱Davies & Sons. Da heißt es dann, dass wir beide gleich alt sind und ich ein Jackett von Davies & sons trage und er auf Demos geht. Was ist falsch am Kiton Jackett? Warum diese Änderung? Und warum Davies & Sons? Da hätte man ja doch Anderson & Sheppard oder Huntsman vorziehen sollen. Gut Davies & Sons (the oldest independent tailor on Savile Row) haben die Uniform für Admiral Nelson geschneidert (und hinterher gut zu tun gehabt, weil alle Marineoffiziere eine Uniform vom Schneider des Admirals haben wollten). Sie haben auch die Anzüge für Sir Robert Peel gemacht. Und für George V. Für den Herzog von Windsor natürlich auch irgendwann (wer hat nicht für den geschneidert?). Ich habe einen Anzug und einen eleganten Stadtmantel von Davies & Sons (natürlich in einem Secondhand Laden gekauft), ich will nichts gegen die Qualität sagen. Aber an die Schneiderkunst von ➱Heinz-Josef Radermacher in Düsseldorf kommen sie nicht heran. Ihren Internet Auftritt versaut sich die Firma durch eine Vielzahl von Druckfehlern und dadurch, dass sie Loake Schuhe verkaufen. Man fasst es nicht.

Die Sache mit dem Garderobenwechsel von Kiton zu Davies & Sons ist mir vor Jahren ausgefallen, leider habe ich nirgendwo eine Erklärung dafür gefunden. Obgleich es schon Sekundärliteratur en masse zu dem Roman gibt und es für den Lehrer (das scheint ein beliebter Roman für den Deutschunterricht zu sein) eine Vielzahl von Handreichungen gibt. Wie Königs Erläuterungen: Christian Kracht – Faserland. Analyse und Interpretation. Diese Klatschen sind ganz schlimme Dinger. Es ist schon schlimm genug, wenn ein Roman wie Faserlandim Deutschunterricht gelesen wird. Noch schlimmer ist allerdings, dass der Autor letztens den Wilhelm Raabe Preis bekommen hat.

Am Ende von Faserland sucht der Held in der Nacht auf dem Friedhof von Kilchberg vergeblich nach dem blöden Grab von Thomas Mann: Irgendwo habe ich mal gelesen, daß das Grab von Thomas Mann in der Nähe von Zürich liegt, oben auf einem Hügel über dem See. Thomas Mann habe ich auch in der Schule lesen müssen, aber seine Bücher haben mir Spaß gemacht. Ich meine, sie waren richtig gut, obwohl ich nur zwei oder so gelesen habe. Diese Bücher waren nicht so dämlich wie die von Frisch, Hesse oder Dürrenmatt oder was sonst noch so auf dem Lehrplan stand. Er findet es nicht. Diese Suche nach Thomas Mann ist von etwas verkrampfter Symbolik. An den Meister wird das verzogene Millionärssöhnchen Christian Kracht (Pappa war Axel Springers Generalbevollmächtigter) nicht herankommen. Als Redakteur von Tempo war Kracht an seinem richtigen Platz, warum musste er höher hinaus wollen? Die Rezensenten von Krachts neuem Roman Imperium (für den er den Wilhelm Raabe Preis erhielt) rückten ihn allerdings beinahe unisono in die Nähe von Thomas Mann. Verstehe ich nicht, Imperium habe ich auch nicht gelesen. Das Leben ist zu kurz, um Christian Kracht zu lesen. Lieber noch einmal den ganzen ➱Proust. Es ist erstaunlich, wie schnell heutzutage jemand nach oben geschrieben wird: Helene Hegemann, Uwe Tellkamp, Christian Kracht. Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten.

Karl Lagerfeld, auch ein Mann mit einem langen Schatten, wird dies heute bestimmt lesen. Und am Abend zieht er dann seine Jogginghosen an und liest ➱Der Tod in Venedig. Da bin ich sicher.