In den fünfziger Jahren waren viele amerikanische Schauspieler in Italien. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: weil sie keine guten Rollen mehr in Hollywood bekamen, weil sie von McCarthy vertrieben worden waren, weil Cinecittà lockte, oder weil ihnen Bella Italia ganz einfach gefiel. Viele ließen sich wie hier ➱John Wayne in Rom ihre Anzüge im Atelier Brioni schneidern. Auch Clark Gable, Gary Cooper, Henry Fonda, Anthony Quinn und Kirk Douglas waren Kunden bei dem römischen Schneider. Für diejenigen, die es eilig hatten, gab es Anzüge von der Stange. Das ist heute das Hauptgeschäft von Brioni, auf jeden Fall seit 1960, als die Firma den Namen Brioni Roman Style annahm.

Der Italian Style war in den fünfziger Jahren angesagt. 1959 schrieb das amerikanische Magazin GQThe most striking postwar phenomenon in men’s fashions has been the emergence of Italy as the world’s chief center of sartorial influence, Rome has replaced London as a Mecca for the well-dressed. Dieser vielzitierte Italian Style – den ➱Marcello Maistroianni am besten verkörperte – ist eigentlich nichts anderes als der Stil, den die englischen Gardeoffiziere in London bevorzugten.

Es ist der Stil, für den Anthony Sinclair eines Tages berühmt werden wird (hier einer seiner Anzüge). Der italienische Anzug war nur ein wenig leichter in den Stoffen und ein bisschen pfiffiger im Schnitt als der Anzug der Savile Row. So wie Alain Delon (oben) in Antonionis L’Eclisse (Liebe 62) wollte man damals aussehen. Ich besaß 1960 dank ➱Albert Dahle einen scharfen dunkelblauen italienischen Anzug der Firma Sidi. Der aber leider nicht so lange gehalten hat wie der gute blaue englische Anzug von Charlie Hespen in Bremen. In dem habe ich Abitur gemacht und ihn noch zur Doktorprüfung getragen. Und mein Freund Götz hat ihn Jahre später auch noch zu seiner Promotion angehabt. Soviel zur Langlebigkeit englischer Anzüge.

Der Italian Style unterscheidet sich natürlich ganz erheblich von dem amerikanischen sack suit  (lesen Sie ➱hier alles über die amerikanische Mode). Aber während in England der Edwardian Style der Savile Row sehr schnell von den Teddy Boys verhöhnt wurde (lesen Sie ➱hier mehr dazu – und ➱diese schöne Seite sollten Sie sich auch nicht entgehen lassen), wagt das in Italien niemand. Weil italienische Männer auf das fare bella figura aus waren und nicht wie die Teddy Boys auf ➱Krawall gebürstet waren. Ein Film wie Rocco und seine Brüder zeigt, dass sich die ragazzi noch in den ärmsten Verhältnissen um einen gewissen Stil bemühen.

Der Herr im Frack zur Linken ist der Marchese Giovanni Battista Giorgini, der am Anfang der fünfziger Jahre die Modeschauen der Alta Moda in Italien organisierte. Dies Photo von 1951 zeigt die Italian High Fashion Show in Florenz. Giorgini hatte hervorragende Verbindungen zu den USA, und da er der Firma Brioni ab 1952 ermöglichte, auch männliche Models auf seine Laufstege zu schicken, konnte Brioni von diesen Verbindungen profitieren. Die Renaissance der italienischen Mode möchte jetzt ganz schnell die Jahre des Faschismus vergessen lassen.

Die Schauspieler aus Amerika sind für viele der italienischen Schneider und Modefirmen, die jetzt in den fünfziger Jahren berühmt werden, die beste Werbung. Sie sind auch die besten Kunden, Brioni verkauft wenig auf dem italienischen Markt. Wenn man einen Schneider brauchte, dann gab es in Italien genug. Vielleicht war nicht jeder ein Domenico Caraceni oder ein Ciro Giuliano, aber an fähigen Schneidern hatte Italien keinen Mangel. Und wenn der Italiener Anzüge der Extraklasse von der Stange haben wollte, kaufte er erstaunlicherweise Chester Barrie, die damals in Italien ganz stark waren. Richard Froomberg, der die Boutique Grey Flannel in London besitzt, hat gesagt The English wear Italian because they think it’s chic. And the Italians wear English because they think it’s chic. Die Firma Chester Barrie ist ja heute leider nur noch ein Schatten ihrer selbst. Myron Ackerman, der Sohn des Firmengründers Simon Ackerman, hatte in Italien eine andere Firma gegründet, die unter dem Namen ➱d’Avenza heute immer noch im Hochpreissegment tätig ist.

Es sind seit den fünfziger Jahren nicht nur jene Schauspieler in Italien, die in Amerika keinen Job mehr finden. Wie zum Beispiel Steve Cochran, der glücklich ist, dass ihn Antonioni für Il Grido verpflichtet (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Nein, man hat das Gefühl, dass ganz ➱Hollywood hier ist. Ein Film wie Roman Holiyday (Ein Herz und eine Krone), der erste amerikanische Film, der vollständig im Ausland gedreht wurde, spiegelt den Geist der Zeit schön wider. Und der italienische Film wird in den fünfziger und sechziger Jahren zum besten Werbeträger, den sich die italienische Mode wünschen  kann.

Regisseuren wie Visconti und Antonioni (im obigen Absatz ein Filmphoto aus Le amiche), die in ihren Filmen viel Wert auf die Mode legen, kann die italienische Modeindustrie nur dankbar sein. Einem Regisseur wie Fellini natürlich auch, der am Ende des Jahrzehnts den Film dreht, dessen Titel als Schlagwort über der Epoche stehen könnte: La Dolce Vita. Natürlich mit ➱Marcello Mastroianni, der zu einer Ikone des Italian Style wird.

Audrey Hepburn liebte die Dreharbeiten in Italien, weil sie dann bei Salvatore Ferragamo ihre Ballerinas kaufen konnte. Der immer zurückhaltend gut gekleidete Gregory Peck soll auch einmal Kunde bei Brioni gewesen sein, obgleich er auf dem Filmphoto oben einwandfrei den Ivy League Style dem italienischen Chic vorzieht. Ansonsten war er ein treuer Kunde von ➱Huntsman in der Savile Row, die ihm auch den den grauen Anzug für The Man in the Grey Flannel Suit gemacht haben.

Es hat übrigens nie einen Schneider namens Brioni gegeben. Dem Autor des Brioni Artikels in der Modezeitschrift Sir (hier mit dem schönen Titelbild von René Gruau) war das im Jahre 1957 offensichtlich nicht klar), den Namen hatten sich die Firmengründer Nazareno Fonticoli und Gaetano Savini nach einer Inselgruppe im Mittelmeer gegeben, die vor dem Krieg zu Italien gehört hatte und ein Treffpunkt des internationalen Jetsets gewesen war. Das Photo darüber zeigt übrigens Brionis Modeempfehlungen vom Anfang der siebziger Jahre. Wir können nur froh sein, dass sich das nicht durchgesetzt hat.

Man hätte den Italienern so etwas auch nicht anbieten können. Diese Kollektion, aus der dieses Photo stammt, war speziell für den amerikanischen Markt bestimmt. Die Gebrüder Hess in Allentown (PA) hatten das bei Brioni bestellt und vertickten es in ihren Läden. Modegeschichtlich wurden die Scheußlichkeiten als die Hess Collection berühmt. In der zeitgenössischen Presse las es sich dann so: Rome, which in the past has shown little imagination in men’s attire for the cocktail hour, the theatre, and the not too-formal dinner, now is doing something about it. Specifically, Gaetano Savini of Brioni has designed a series of men’s suits for the parties to which women wear cocktail dresses. He feels that the business suit is too workaday, sportswear not right, and the black tie too formal for the after-5 social hours, so he has created the cocktail suit for men. Here are three of the more conservative models imported by Hess Brothers of Allentown, Pennsylvania, (from whom you can buy them). They are photographed in the newly-opened Bird Cage Bar at the Pierre Hotel in New York. The ‘little dinner’ dresses herewith pictured are all from Fontana of Rome.

Die Firma Brioni – die über die Jahrzehnte leider auch viele grauenhafte Geschmacksverirrungen bewiesen hat (schauen Sie sich einmal alle Bilder auf dieser schönen ➱Seite an) – gibt es heute immer noch. Sie gehört inzwischen diesem gräßlichen Typ François Pinault und seinem Konzern Pinault-Printemps-Redoute (PPR). Als Pinault das Haus übernahm, hat er als erstes den Chef Umberto Angeloni, der in der Branche Mr. Brioni hieß, vor die Tür gesetzt.

Angeloni hat sich dann bei Caruso eingekauft (lesen Sie ➱hier mehr dazu), was sicher eine gute Entscheidung war. Denn vor die Frage gestellt, ob man sich ein Jackett von Brioni oder Caruso kaufen sollte, würde ich immer für Caruso optieren. Brioni ist so etwas wie C&A für Millionäre. Langweilig und teuer. Ich hatte mal einen dunkelblauen Brioni Mantel, Secondhand gekauft. Qualitativ gut, aber todlangweilig. Als mir ein Taxifahrer sagte: Wenn ich Ihnen das mal sagen darf: Sie sind sonst origineller gekleidet, habe ich ihn verschenkt. Die beiden Firmengründer von Brioni stehen auf diesem Photo ganz links vor ihrer neuen Fabrik in Penne in den Abruzzen, die man 1960 bezog. Heute arbeiten da eintausend Angestellte. Als man noch das Atelier Brioni war, hatte man nur zwölf Schneider (die kann man auf dem Photo darüber sehen).

Dass sie in die Abruzzen gezogen sind, war kein Zufall, Nazareno Fonticoli, einer der beiden Firmengründer kam daher. Man erzählt sich von den Schneidern in den Abruzzen, dass sie ihr Handwerk beim Kopieren der Savile Row Anzüge gelernt haben, die der Sänger Paolo Tosti seinen Verwandten aus London seinen Verwandten nach Hause in die Abruzzen schickte. Umberto Angeloni erzählte diese schöne Geschichte den Brioni Kunden auch gerne. Es ist wahr, dass Sir Paolo Tosti, Gesangslehrer der königlichen Familie und Freund von Edward VII, aus den Abruzzen stammte und dass er seine Anzüge in der Savile Row machen ließ (wohl bei Henry Poole). Allerdings werden ähnliche Geschichte aus anderen Regionen Italiens mit Namen von anderen Sängern erzählt.

Ganz bestimmt nicht aus den Abruzzen kam der Vater des amerikanischen Schriftstellers Gay Talese, der bei Cristiani in Paris gearbeitet hatte, bevor er nach Amerika ging. Und so begann Talese, auch im Alter noch ein großer Dandy, sein Leben als Elegant in Anzügen von Cristiani. Seine Vettern arbeiteten noch dort. Später hat er auch Brioni getragen. Ich habe die wunderbare Geschichte, die vielleicht die Geschichte vieler armer italienischen Schneider ist, 1992 im Januarheft des amerikanischen GQ gelesen (es gibt ➱hier eine Kurzfassung). Eine Kurzfassung findet sich hier. Auf dem Photo ist der kleine Gay Talese rechts im Jahre 1932 in Atlantic City, noch nicht in Brioni, sondern noch von seinem Vater eingekleidet.

In Deutschland wurde Brioni bekannter, als Gerhard Schröder – der fortan auch als Brioni Kanzler berühmt war – für die Firma ➱Reklame machte. Das hatte offenbar einen größeren Werbeeffekt, als Pierce Brosnan, der als James Bond auch Brioni Anzüge trug. Sicher nett, ist aber nichts gegen die scharfen Anzüge, die Anthony Sinclair damals für Sean Connery schneiderte (lesen Sie hier in einem langen Post mit dem Titel ➱Agentenmode alles dazu).

Schröders ganzes Unglück begann damit, dass es in dem verschlafenen Hannover plötzlich mit Heinrich Zapkes Heinrich’s und Möller zwei erstklassige Herrenausstatter gab (heute mit Michael Jondral sicher noch einen mehr). Und dann hat die Hiltrud den Gerhard da eines Tages hingeschleppt, sonst würde er noch heute seine gemütlichen Pullover und die alten Tweedjacketts tragen. Bei Möller bekommt er den branchenüblichen Stammkunden Rabatt, das lässt er sich entgehen.

Der soziale Aufsteiger Gerhard Schröder, der nach seiner Wahl zum Kanzler Journalisten unverlangt das Zegna Etikett in seinem Jackett zeigte, wollte weiter nach oben. Zegna war ihm nicht genug, und so landete er bei Brioni (hier wird ihm gerade wieder etwas angemessen). Der Volksmund machte ihn daraufhin zum Brioni Kanzler – das war, bevor er Putins Gasableser hieß. Der Brioni Kanzler wird heute siebzig. Es fällt mir schwer, zu diesem Anlass ein passendes Gedicht zu finden. Unsere Kanzler haben es ja nicht so mit der musischen Bildung. Helmut Schmidt konnte immerhin Klavier spielen. Und Helmut Kohl las Hölderlin: Alles andere totschlagend, das war für mich Hölderlin, alles andere totschlagend. Ich war in Hölderlin gut. Hat er gesagt.

Doch es scheint noch einen ganz anderen Gerhard Schröder zu geben. So versichert uns ein Artikel in der ZeitGelegentlich, wenn die Stimmung danach ist oder wenn er einfach nur zeigen will, daß er das kann, dann zitiert Gerhard Schröder ein Gedicht von Rilke. In jungen Jahren, so erzählt er, habe er eines Tages begonnen, Gedichte Rilkes auswendig zu lernen. Einfach so, weil sie ihm gut gefielen. Der ‚Panther‘ zum Beispiel: ‚Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht‘. Wenn es denn sein muss, dann zitiere ich heute Rilkes Der Panther mit dem Untertitel: Im Jardin des Plantes, Paris. Ich mag Rilke nicht besonders. Schröder auch nicht. Da passt das schon.

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Aber trotz meiner Aversionen: der Panther bleibt ein schönes Gedicht.

Die Schwarzweißphotos zeigen Angelo Vittucci (mit pantherhaftem Gang über den Laufsteg schreitend) in Brioni Modellen im Jahre 1952. Er war wahrscheinlich das erste männliche Model auf einem Laufsteg. Vittucci war Manager bei Brioni gewesen und war für die Public Relations mit den amerikanischen Kunden zuständig. Er hat die Firma 1963 verlassen und in Rom ein eigenes Geschäft unter dem Namen Angelo Roma aufgemacht. Seine Klamotten finden sich manchmal bei Ebay. Die von Brioni natürlich auch, sogar ziemlich zahlreich. Noch mehr von italienischen Namen findet sich bei Ebay natürlich von Angelo Litrico.

Der Name ist nicht, wie man glauben könnte, eine Erfindung von C&A, es hat diesen Angelo Litrico wirklich gegeben. Er wurde in den fünfziger Jahren berühmt, als auch der Name Brioni berühmt wurde (und als die Firma Kiton von Ciro Paone und Antonio Carola in Neapel gegründet wurde). Auch er hatte berühmte Kunden, wie hier den Schauspieler Vittorio Gassman (der in diesem Blog schon einen ➱Post hat). Sein bekanntester Kunde wurde eines Tages Nikita Chrustschow. 1971 verkaufte er seinen Namen an die Firma C&A, die sich mit dieser Linie einen italienischen Anstrich geben wollte. Und seitdem kann man bestimmt keine Angelo Litrico Jacketts und Anzüge mehr tragen. Litrico war nicht der erste, der diesen Teufelspakt einging, Pierre Cardin (der hier einen langen Post hat) hatte da schon den Weg gewiesen. Und letztlich nur bewiesen, dass der Weg vom Designer der ➱Haute Couture zum Grabbeltisch sehr kurz ist.

Die fünfziger Jahre sind das goldene Zeitalter der italienischen Herrenmode, die damals beginnt, der französischen (lesen Sie hier mehr zu den Pariser Schneidern) und englischen Konkurrenz den Rang abzulaufen. Im Londoner ➱Victoria & Albert Museum wurde vor Tagen die ➱Ausstellung The Glamour of Italian Fashion Since 1945 (mit Unterstützung von Bulgari und Nespresso, eröffnet, einen Katalog gibt es (wie die Abbildung zeigt) natürlich auch. Es ist sicherlich mehr Damenmode als Herrenmode, aber Kapitel vier des Katalogs (sie können ➱hier in den Katalog schauen) ist ganz den Herren der Schöpfung gewidmet.

Und wenn Sie jetzt noch bewegte Bilder haben möchten, dann klicken Sie ➱hier den Trailer zu dem Film Men of the Cloth an.

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