Thomas Hengelbrock hat letztens das Schleswig Holstein Musikfestival im Frack eröffnet. Ohne weiße Weste. Es ist eine Unsitte. Auch den Dirigenten Christian Thielemann habe ich schon so gesehen, das Hemd (nicht einmal ein Frackhemd) einfach in die Hose gestopft. Das rutscht natürlich beim Dirigieren hoch und sieht scheußlich aus. Vor allem, weil man seine ➱Hosenträger auch noch sehen kann. Wären Furtwängler oder Günter Wand so auf die Bühne gekommen? Hat das Ganze mit Karajan angefangen, der einen fatalen Hang zum Rollkragenpullover hatte? Warum kommen die Herren, die früher einmal Götter im Frack waren, nicht gleich in ➱Jogginghosen? Pierre Boulez hat in einem Interview gesagt: Und dann dieser Frack – ich kann ihn nicht mehr sehen. Das ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts – schafft ihn ab! Das klingt jetzt vielleicht dumm, aber wir brauchen mehr Nähe zum Publikum. Aber erhält man dadurch eine Nähe zum Publikum?

Das Bild rechts zeigt den Ritter von Karajan in einer für den Kapellmeister unvorschriftsmäßigen Bekleidung: ein schwarzer Cummerbund mit einem Frack kombiniert. Er sieht aus wie ein Torero beim coup de grâce, will er dem korrekten Frack den Todesstoß versetzen? Ein Cummerbund gehört zum Smoking nicht zum Frack. Karajans Kollege ➱Charles Mackerras hatte es sich im Alter angewöhnt, anstelle einer weißen Weste zum Frack einen weißen Cummerbund zu tragen (➱Alfred Brendel übrigens auch). Was sollen diese Transgressionen? Als ➱Willy Brandt dem Bundespräsidenten Heinemann sein Kabinett vorstellte, trug er die Jacke eines Fracks zur Hose eines Cutaway, aber da sagten alle, dass er noch von der Nacht vorher ein wenig beschickert gewesen wäre.

Während man Hengelbrock und Thielemann noch unterstellen kann, dass sie Banausen sind und es nicht besser wissen, tragen andere Dirigenten mit Inbrunst seltsame Kleidungsstücke, die nichts mit dem Frack gemein haben. Daniel Barenboim wird häufig in einem schwarzen Jackett gesehen, das nach Armani aussieht. Armani. Kann sich noch jemand daran erinnern, dass der mal Mode war?

Christoph Eschenbach trägt so etwas Ähnliches, aber das ist aber von ihm selbst entworfen. Er sieht darin wie ein Verwandter von Dr No aus dem James Bond Film aus. In beinahe allen James Bond Filmen wird der Bösewicht von Schauspielern gespielt, die seltsame Varianten des Mao Jäckchens tragen müssen. Ob das Michel Lonsdale als Hugo Drax ist, oder ob es die Herren Charles Gray, Donald Pleasance und Telly Savalas als Ernst Stavro Blofeld sind: immer dieser Dr No-Blofeld Look. Ich glaube, Christoph Eschenbach sollte sich das Ganze noch mal überlegen. Früher hat er ja auch Frack getragen und sah gut darin aus

Für den jungen Mozart war ein roter Frack der große Traum. So schreibt er 1782 seinem Vater: wegen dem schönen rothen frok welcher mich ganz grausam im herzen kitzelt, bittete ich halt recht sehr mir recht sagen zu lassen wo man ihn bekommt, und wie theuer, denn daß hab ich ganz vergessen, weil ich nur die schönheit davon in betrachtung gezogen, und nicht den Preis.- denn so einen frok muß ich haben, damit es der Mühe werthe ist die knöpfe darauf zu setzen, mit welchen ich schon lange in meinen gedanken schwanger gehe;- ich habe sie einmal, als ich mir zu einem kleide knöpfe ausnahm, auf dem kohlmarkt in der Brandauischen knöpffabrique vis a vis dem Milano gesehen.- diese sind Perlmutter, auf der seite etwelche weisse Steine herum, und in der Mitte ein schöner gelber Stein.- Ich möchte alles haben was gut, ächt und schön ist! Ist es dieser Rock gewesen? Man hat das Bild dem Wiener Hofmaler Joseph Hickel zugeschrieben, aber so ganz sicher ist man nicht, das dies wirklich Mozart in dem schönen rothen frok welcher mich ganz grausam im herzen kitzelt ist.

Die Zeiten scheinen vorbei, da sich Dirigenten, Pianisten, Violinisten und Sänger nicht nur durch ihre Kunst, sondern auch durch gut geschneiderte Fräcke hervortaten. ➱Victor Borge konnte auf der Bühne Faxen machen so viel er wollte, sein Frack saß immer perfekt. Denn ein Frack gehörte auf dem Podium dazu, wie der Eppendorf Kittel zum Chefarzt. ➱Arturo Benedetti Michelangeli hat nicht immer im Rollkragenpullover am Klavier gesessen. Glenn Gould auch nicht. Nicht einmal bei seinem Auftritt in Moskau. Ich zitiere hier mal eben etwas, das schon in ➱Andante ma non troppo stand:

Und nun kommt 1957 Glenn Gould, der erste klassische Musiker aus Nordamerika. In der kanadischen Botschaft erklären ihm Bedienstete, dass das Publikum beleidigt wäre, wenn er wie gewohnt seinen schwarzen Anzug tragen würde. Im kommunistischen Arbeiterparadies will man den Pianisten im Frack, des Kleidungsstück des Feudalismus, sehen. Gould fügt sich. Er ist in seiner Karriere nie so gefeiert worden, wie bei den Auftritten in Moskau und Leningrad. Er wird ein zusätzliches Konzert für Studenten geben, wo er Musik spielt, die seit den dreißiger Jahren verboten war, allerdings hätten die Studenten lieber Bach oder Mozart gehabt. Die Konzerte enden in einem Zugabenmarathon, und beim letzten Konzert beschließt Gould keine Zugaben mehr zu geben.

Da erreicht ihn in der Pause ein kleiner Brief: Lieber Herr, wir bitten Sie inständig, etwas von Bach ohne das Orchester zu spielen. Viele von uns hatten keine Gelegenheit, Ihr Konzert am 16. zu hören, und haben lange auf der Straße gewartet, alle vergeblich. (gezeichnet) Ihre russischen Bewunderer. Bach ohne das Orchester zu spielen, dass tut Glenn Gould nun gerne, seit er in den Vorjahren die Goldberg Variationen ganz anders als die anderen gespielt hatte (dass er dabei ein wenig bei Rosalyn Tureck geklaut hat, wußte niemand, weil es von ihr damals keine Aufnahmen gab). Evgeni Koroliov war acht Jahre alt, als er Gould hörte, er hat das nie vergessen.

Die Photos im Absatz oben wurden 1957 in Moskau gemacht; dieses Bild, das Leonard Bernstein, Glenn Gould und Igor Strawinsky zeigt, wurde 1960 in einer Pause der Dreharbeiten zu dem Fernsehfilm Leonard Bernstein and the New York Philharmonic gemacht. Es war Goulds erster Auftritt im amerikanischen Fernsehen. Und geben wir es zu: er sieht verdammt gut in seinem Frack aus. Diesmal ist es auch sein eigener, man kann auf dem Photo oben (mit Swjatoslaw Richter) sehen, dass dieses Kleidungsstück ihm nicht auf den Leib geschneidert ist.

Wahrscheinlich hat der Herr, der sich hier mit Glenn Gould unterhält (der in perfekter Inszenierung selbst bei dieser Gelegenheit seine wollenen Handschuhe trägt), in seiner Jugend auch unglücklich in seinem Frack ausgesehen. Er beschreibt diesen Frack in seiner Autobiographie: Aber was für einen Frack ich da hatte! Man bekam ja damals gar nichts zu kaufen, und Schleichhandelspreise konnte ich nicht bezahlen. Meine Jacke war aus einem alter Trauerkostüm meiner Mutter geschneidert, und von einem recht schäbigen schwarzen Stoff hatte ich ein Meter zwanzig gekauft, gerade genug, um eine Hose machen zu lassen. Mit diesem Frack dirigierte ich also im Alter von neunzehn Jahren meine erste Oper. Allerdings viele meiner Kollegen, zumindest etliche, die ich kannte, haben in einem Frack von Knize angefangen und doch keine Karriere gemacht…

Die Oper, die der junge Josef Krips am 3. September 1921 in der Wiener Volksoper dirigiert, ist Verdis Ein Maskenball. Ich weiß nicht, ob Krips seine Fräcke später bei Knize gekauft hat. Ich glaube nicht, dass ihm der dämliche Wahlspruch des Hauses – Die Intelligenz eines Herrn erkennt man im Gespräch, seinen Stil dagegen an Knize – gefallen konnte. Aber Karajan – auf den die Bezeichnung stabführende Frack-Primadonna, die Thomas Mann in Doktor Faustus verwendet, schön passt – ist Kunde bei Knize. Wie übrigens auch Oskar Kokoschka (der seine Anzüge mit Gemälden bezahlte). Und Horowitz schwor wie viele andere Künstler auf die Fräcke von Knize.

Der Frack, der bei den Engländern tailcoat oder tails, bei den Franzosen l’habit noir heißt, stammt aus einer anderen Welt. Das ist uns klar, für den Erzähler von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist (wie für ➱Proust selbst) der Wechsel in den abendlichen Frack Routine des Alltags: Im Vestibül, das er früher, als er noch ganz Gesellschaftsmensch war, im Abendmantel betreten und im Frack wieder verlassen hatte, ohne daß er wußte, was inzwischen geschehen war, da er in Gedanken während der kurzen Augenblicke, die er dort verbrachte, noch bei dem Fest, das er eben verlassen hatte, oder schon bei dem war, das ihn gleich aufnehmen würde – Es sei denn, man gehört zum Kreis der Verdurins, die etwas prollig sind: Der Frack war verboten, weil man ja „unter sich“ war, und um nicht den „Langweilern“ zu gleichen, die man mied wie die Pest und die nur zu großen Abendgesellschaften eingeladen wurden, welche jedoch so selten wie möglich stattfanden, eigentlich nur dem Maler zu Gefallen oder um den Musiker zu lancieren.

Der Frack ist das älteste Kleidungsstück der Herrenmode. Er hat sich in den Jahrhunderten nur wenig geändert. Um 1900 bekam das Jackett eine Brusttasche, die es vorher nicht gehabt hatte. Darauf hat Joseph Losey bei den Dreharbeiten von The Go-Between (lesen Sie ➱hier mehr dazu) geachtet, als er Edward Fox als Viscount Trimingham einen Frack ohne Brusttasche schneidern ließ. Bei allen modischen Variationen sollten wir nicht vergessen, dass die Anfänge des Fracks in England nicht bei den Triminghams und anderen Adligen liegen.

Denn der frock ist die ➱Kleidung der Landarbeiter und der kleinen Leute, der Gentleman trägt den hoch geschlossenen Anzug der kein Revers und keinen Kragen besitzt. Der rote Rock von Mozart auf dem Bild oben ist also kein Frack, was der schottische Colonel McMurdo hier beim Fliegenfischen trägt, ist ein frock. Ungefähr um 1730 finden die country gentlemen es ganz chic, diese Jacke mit Kragen und Revers zu adaptieren. Zum Missvergnügen eines schottischen Beobachters, der 1739 schreibt: There is at present a reigning Ambition among our young Gentlemen, of degrading themselves in their Apparel to the Class of the Servants they keep. It may at first seem very extraordinary that these Sparks should act thus to gain Admiration: But from what other Cause can it be that my Lord Jehu wears a frock, a little hat, a coloured handkerchief, and in this habit drives a motley sett of horses. Der frock ist jetzt in der feinen Gesellschaft angekommen. Von nun an geht es mit dem Kleidungsstück aufwärts.

Vor allem, weil es bequem ist. So schreibt Arthur Murphy im Jahre 1752 aus Paris: We sent for a taylor, and Jack Commons who jabbers a little French, directed him to make us two suits, which were brought us home the next morning at ten o’clock, and made compleat Frenchmen of us. But for my part, I was so damned uneasy in a full-dressed coat, with hellish long skirts, which I had never been used to, that I thought myself myself as much deprived of my liberty, as if I had been in the Bastile. I frequently sighed for my little loose Frock, which I look upon as an Emblem of our happy constitution; for it lays a man under no uneasy Restraint, but leaves it in his Power to do as he pleases. Der junge George Washington – zu dem es hier den Post ➱George Washington (sartorial) gibt – notierte im Alter von sechzehn Jahren in seinem Tagebuch: Memorandum to have my Coat made by the following Directions to be made a Frock with a Lapel Breast the Lapel to Contain on each side six Button Holes and to be about 5 or 6 Inches wide all the way equal and to turn as the Breast on the Coat does to have it made very long Waisted and in Length to come down to or below the bent of the knee.

Es gibt Fräcke in anderen Farben als der heutigen, die Farbe schwarz ist eine Erfindung des viktorianischen Zeitalters. Goethes Werther trug einen blauen Frack, und ➱Nicholas Boyle hat in seiner Goethe Biographie darauf hingewiesen, dass Werther mit Blau und Gelb die Farben der Whig Partei trägt. Allerdings mit der Einschränkung: Unklar bleibt, ob Goethe wußte, daß diese Farbkombination von den englischen Whigs zum Kennzeichen einer kompromißlos bürgerlichen Partei gewählt worden war. Der Herzog von Windsor ließ sich seine Abendgarderobe immer aus einem ganz dunklen blauen Stoff schneidern, der im Licht des Ballsaals schwärzer als schwarz wirkte.

Doch ansonsten bleibt der Frack schwarz. Einmal abgesehen von exklusiven Jagdgesellschaften, wo man man das da oben trägt. Da gilt der Satz von ➱Adolf Loos offensichtlich nicht: Es handelt sich darum, so angezogen zu sein, dass man am wenigsten auffällt. Ein roter Frack fällt im Ballsaale auf. Folglich ist der rote Frack im Ballsaal unmodern. Ein Zylinder fällt auf dem Eise auf. Folglich ist er auf dem Eise unmodern. Alles Auffallen aber gilt in der guten Gesellschaft für unfein. Wenn man diesen l’habit vert trägt, dann ist man Mitglied der Académie Française. Ich habe ➱hier schon einmal über dieses Kleidungsstück geschrieben. Bin damit auf eine Seite geraten, die ➱Frankreich-Kultur-France heißt. Ja, die Franzosen haben einen guten Geschmack.

Und da ich bei Geschmack bin, muss ich mal eben den Film Brust oder Keule erwähnen. Der lief nämlich letztens auf 3sat als Deutschland Weltmeister wurde. Habe ich immer wieder reingezappt, weil mir der Fußball zu blöd wurde. Am Ende des Films (➱hier ganz zu sehen) lässt sich Louis de Funès auch so einen l’habit vert schneidern, weil er in die Académie aufgenommen wird. Nur im Film, nicht im wirklichen Leben.

Der Frack ist leider aus der Mode gekommen. Wer geht noch abends im Frack aus? Gustav Mahler tat das regelmäßig, wenn er abends im Wiener Café Imperial erschien. Wobei er allerdings häufig mit Herr Ober angesprochen wurde. Tja, die Österreicher, nicht mehr zu den feinen Distinktionen fähig, die Adolf Loos noch kannte.

Wir anderen wissen natürlich, dass Oberkellner eine schwarze statt der weißen Schleife (und meistens auch eine schwarze Weste) trägt. Die schwarze Weste der Kellner ist als modische Variation in der Herrenmode immer wieder einmal aufgetaucht, es gibt allerdings einen Anlass, bei dem sie gefordert wird. Es existieren eine Vielzahl von Photos, die Kemal Atatürk mit weißer Weste zeigen (die sich für Politiker empfiehlt), wenn er hier eine schwarze Weste trägt, dann will er keine neue Mode kreieren. Für Beerdigungen ist die zum Frack völlig korrekt. Und wenn Sie zu der weißen Weste noch eine weiße Schürze tragen, dann sind Sie Freimaurer. Die dürfen das, aber sie tun das natürlich nie in der Öffentlichkeit.

Und ansonsten halten Sie sich doch einfach an das Handbuch The English Gentleman von ➱Douglas Sutherland, wo es heißt: He has a dinner jacket with trousers to match which must under no circumstances be called a ‚dinner suit‘. If he has evening tails he apologises for them, saying that they belonged to his grandfather, which is almost certainly true. A gentleman will sometimes wear a white waistcoat with his dinner jacket, particularly if he cannot find a black one and not mind being whispered about by non-gents, for it is perfectly permissible. He will not, however, wear a black waistcoat with tail, which is the prerogative of hotel waiters. A gentleman will also have a morning coat which he wears with rather dashing light-coloured trousers unlike those dark striped ones which are rented out by dress-hire firms.

Der Frack ist nicht mehr die Uniform der Gesittung, wie Thomas Mann (der einen Frack besaß) einst schrieb. Und einen Satz wie: Mit Recht konnte man daher auch behaupten, daß der Grad der Eleganz eines Landes am besten nach der Anzahl seiner Frackmäntel zu beurteilen sei, den Baron ➱Eelking in Das Bildnis des eleganten Mannes: Ein Zylinderbrevier von Werther bis Kennedy von sich gibt, wird heute niemand mehr schreiben. Ich besitze von dem Buch übrigens ein Baron Eelking signiertes Exemplar. Dies Baron Eelking als Unterschrift ist natürlich ein bisschen prollig, hat ihm Papi das nicht erzählt, dass man so etwas nicht schreibt? Die Frackmäntel sind ausgestorben, im Kostümfundus eines Operhauses wird man sie noch finden. Also dort, wo man noch Heut‘ geh ich ins Maxim singt.

Könige dürfen ihren Frack mit Orden verzieren, wie hier der schwedische König Gustav V auf dem Bild von ➱Anders Zorn. Für alle anderen ist das wohl ein wenig lächerlich, obgleich man beim Wiener Opernball ja all das sehen muss. Die Bremer, die (mit Ausnahme von Wilhelm Kaisen) den Frack zur ➱Schaffermahlzeit tragen, wo es ➱Kohl und Pinkel gibt, tragen keine Orden. Das hat Stil. Der Frack, wenn er es schon sein muss, ist sich selbst genug. In einem der vielen grassierenden Stilratgeber habe ich unter dem Titel Welche Uhr zum Frack, ein Stilfrage folgende Frage gefunden (die hier in der Originalschreibweise belassen wird):


Ich habe in den letzten Jahren zum Frack immer eine Rolex-Daydate in Gold getragen. Da ich diese aber letztes Jahr verkaufen musste, und mir später dann doch wieder eine Uhr zulegte (Ulysee Nardin, Marinechronometer), bin ich nun im zweifel ob ich diese Uhr mit Edelstahlgehäuse und Edelstahlband in kombination mit goldenen Manschettenknöpfen zum Frack anziehen kann. Oder ob ich nich lieber meine goldene Taschenuhr von 1921 mit goldener Kette umhänge. Frack-  ihr wisst schon: Max Rabe, Comedian Harmonits usw………., ein Frack ist was wirklich tolles, und darum ist mir so auch viel an Stiltreue gelegen.

Was soll man dazu sagen? Außer natürlich, dass man keine ➱Rolex zum Frack trägt. Ich würde unbedingt zur ➱Doxa 300 Sub raten, die passt mit dem orangefarbenen Zifferblatt richtig gut zum Frack. Wenn der schwedische König eine Uhr trug, dann wird er eine Frackuhr (eine besonders flache und kleine Taschenuhr) getragen haben. Aber die sind leider aus der Mode gekommen. Das Bild von Anders Zorn wurde 1911 gemalt, da war der Frack für viele Gelegenheit noch de rigueur. In den dreißiger Jahren kommt er aus der Mode – auch wenn die UFA Filme uns vorgaukeln, dass von Hans Albers bis Heinz Rühmann jeder deutsche Mann zu jeder Gelegenheit einen Frack trägt. Jawoll, meine Herrn.

In den dreißiger Jahren trägt natürlich auch der ehemalige Ulanenoffizier, der Hauptmann a.D. von Eelking (der die größte Sammlung von Spazierstöcken in Deutschland sein eigen nennt), seinen Frack. Wenn der Autor des ➱Buches Die Uniformen der Braunhemden in seiner Eigenschaft als SA-Mann im Stab der berüchtigten SA-Brigade 31 Berlin-Brandenburg nicht gerade das chice Braunhemd trägt. Es sind die dreißiger Jahre, die dem Frack seinen Todestoß versetzen. Und ja, auch Hitler hat am Anfang der dreißiger Jahre noch Frack getragen.

Wenn sich auch die Frauen, die in Amerika flappers (und in Frankreich wie die Romanheldin von Victor Margueritte la garçonne) heißen, männlicher Kleidungsstücke bemächtigen, sind sie nicht unbedingt für die demise des Fracks verantwortlich. Die Uniform der Gesittung ist ein Auslaufmodell, weil die Sitten nicht mehr danach sind. ➱Gregor von Rezzori schreibt in seinem autobiographischen Buch Mir auf der SpurDer europäische Klassenkampf hatte in London noch nicht die Verwüstungen des Schlachtfelds hinterlassen wie in Wien. Selbst Paris war lotteriger, als ich mir’s vorgestellt hatte: Ich trug dort lieber meine Windjacke als meinen Frack.

Das wird kommen, die Sportkleidung statt der formellen Kleidung. Die nur noch bei ganz speziellen Gelegenheiten auftaucht. Also zum Beispiel, wenn ein amerikanischer Präsident die Königin von England besucht. Und da wir gerade dabei sind, nehme ich mal eben George Bush als Beispiel dafür, wie es nicht sein soll. Die weiße Weste sollte niemals unter den Spitzen des Frackjacketts hervorschauen, und ein Hemd mit einem Umlegekragen gehört sich einfach nicht. Früher musste man noch den steifen Kragen an das gestärkte Frackhemd knöpfen, da war an einen Umlegekragen gar nicht zu denken. Gibt es da keine Berater im Weißen Haus? Konnte sich der ➱amerikanische Schneider nicht durchsetzen? Oder war das Teil von Moss Bros geliehen? Obgleich die mit dem Verleihen von Fräcken groß geworden sind, scheinen sie heute alles vergessen zu haben. Auf ihrer ➱Seite bewerben sie einen Frack mit schwarzer Schleife. Und ohne weiße Weste. Der Untergang des Abendlandes steht bevor.

Dieses Kleidungsstück ist dagegen vollkommen korrekt. Wird von Damen und Herren getragen, sozusagen unisex. Allerdings hat der equestrian tailcoat eingeschränkte Nutzungsmöglichkeiten, man kann ihn nur tragen, wenn man auf einem Pferd sitzt. Also zur Bremer Schaffermahlzeit oder dem Wiener Opernball wäre das nichts. Und falls ich Sie jetzt etwas verunsichert haben sollte, möchte ich die wichtigsten Regeln am Schluß noch einmal zusammenfassen, damit Sie kein Fracksausen bekommen. Und wer kennt die Regeln besser als Debrett’s? Auf deren ➱Seite kann man unter British Etiquette » British Behaviour » A to H » Dress Codes » White Tie lesen:

White tie is the most formal, and rare, of dress codes, worn in the evening for royal ceremonies and balls. It may also be specified for formal evening weddings. White tie is sometimes referred to as ‚full evening dress‘ or ‚cravate blanche‘. Traditional white tie for men consists of:


• Black single-breasted tail coat with silk lapels, worn unbuttoned (never to be confused with a morning coat).
• Black trousers to match the tail coat, with two lines of braid down each outside leg.
• White marcella shirt, worn with a detachable wing collar, cufflinks and studs.
• Thin, white, hand-tied marcella bow-tie.
• White marcella evening waistcoat – double or single-breasted.
• Black patent lace-up shoes and black silk socks.
• In Winter, a black overcoat and white silk scarf can be worn.

Es wäre schön, wenn die Herren Dirigenten sich daran halten würden. Schließlich können sie ihre Fräcke als Berufskleidung von der Steuer absetzen. Und falls Sie jetzt unbedingt einen Frack brauchen sollten: ich glaube den Empfehlungen How to Convert an Ordinary Suit Coat into a Tail Coat ➱hier sollten Sie nicht unbedingt folgen.

Lesen Sie auch: ➱Etiquette, ➱Morning Coat

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