In den Schaufenstern der Modegeschäfte kleben überall diese roten Schilder mit dem französischen Wort sale. Das heißt schmutzig. Ich weiß nicht, warum die Läden das immer im Sommer annoncieren. Man kennt das französische Wort hier heute nicht mehr so sehr, es ist auch nicht sehr nett. Vor hundert Jahren ging den Franzosen das sale boche leicht von der Zunge. Die Redewendung avoir une sale gueule ist auch ein wenig böse, die wurde wahrscheinlich erfunden, um den holländischen Trainer Louis van Gaal zu beschreiben. Das ist das, wo wir holländische Hackfresse sagen. Als ich das zum ersten Mal im Radio hörte, war ich davon so begeistert, dass ich das Wort gleich in den Post ➱Hannover hineingeschrieben habe. Aber lassen Sie mich zu dem sommerlichen Schmutz der Herrenmode zurückkommen.

Und zu der ganz entscheidenden Frage: wie kommt man stilvoll durch den Sommer? Für diese beiden Herren stellt sich die Frage nicht, die machen alles richtig. Obgleich die Welt von Brideshead Revisited (➱Teddybären inklusive) natürlich eine Scheinwelt ist, in der Evelyn Waugh keineswegs zu Hause war. In seinem Buch Enthusiasms hat ➱Mark Girouard, der in wirklich großen Schlössern zu Hause war, da seine Tante Evie die Herzogin von Devonshire war (eine Nachfolgerin von ➱Georgiana, aber nicht so exzentrisch), sanft ironisch die Phantasiewelt von Waugh analysiert: All over England, for the next ten years or so, and at intervals in succeeding decades, people of all ages were also paying the book tribute in their own ways, babies by the dozen emerged from the font as Sebastians, and too often never recovered from it; embarrassing flocks of teddy bears descended on the universities.

Aber wir lesen solche ➱silver fork novels natürlich gerne, zumal sie auch viel über die Mode der Zeit enthalten. Unsere Sommermode, auf jeden Fall die mit Flair und Stil, ist noch nicht so alt. Sie entsteht in der Belle Êpoque und danach zum großen Teil in den zwanziger und dreißiger Jahren, die von Sport, Körperkult und Sonnenanbetung charakterisiert werden – die Wandervogelbewegung, Karl Diefenbach, Fidus und den Monte Verità lasse ich jetzt mal draußen vor. Zumal Diefenbach und Fidus hier schon längst einen ➱Post haben.

Natürlich könnte ich jetzt lang über das Phänomen der amerikanischen flappers (wie ➱Jordan Baker in The Great Gatsby) oder über Victor Marguerites einflussreichen Roman La garçonniere schreiben, aber das hebe ich mir für eine anderes Mal auf. Und über die modischen Vorbilder aus dem Tennis wie die berühmte Suzanne Lenglen, habe ich schon etwas in dem Post ➱Weiße Socken geschrieben. Die dreißiger Jahre sind für die Mode deshalb interessant, weil die viktorianischen und edwardianischen Modeströmungen bis hierhin reichen. Und sich gleichzeitig eine modernere Kleidung durchsetzt (lesen Sie dazu doch den Post ➱Hosenumschlag). Als Beispiel für Relikte des 19. Jahrhunderts zeige ich mal eben Evander Berry Wall, einen der letzten Dandies des 19. Jahrhunderts. Der übrigens der erste war, der in Amerika ein ➱dinner jacket getragen hat. Hier auf dem Photo von Henri Lartigue ist er 1938 in perfekter Sommerkleidung in Deauville zu sehen.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert konnte es sich nur eine Oberschicht erlauben, weiße Kleidung zu tragen. Man braucht dazu Diener, die waschen, plätten und stärken. Dies schöne Bild, Grace Reading at Howth Bay von Sir William Orpen ist aus dem Jahre 1900, als die Oberklasse im Sommer weiß bevorzugt trug. Wir kennen die Mode aus Filmen wie A Room with a View oder ➱The Go-Between.

In dem auch ein Cricketspiel zwischen den Bewohner und Gästen des Herrenhauses und der Dorfbevölkerung vorkommt. Wozu selbst der Farmer Ted Burgess in weißen Flanellhosen erscheint. Was mir Gelegenheit gibt, darauf hinzuweisen, dass die weißen Flanellhosen beim ➱Cricket ein unpraktischer Anachronismus sind. Wie soll man da jemals die grünen Grasflecken wieder heraus bekommen? Ich habe ja immer Ako Amadi bewundert, von dem man munkelte, dass er Ersatzspieler bei der nigerianischen Nationalmannschaft gewesen sei, weil der immer mit einer weißen Flanellhose zu wichtigen Spielen kam. Ich kam in weißen Jeans. Die kann man jederzeit kochen.

Was sich nicht so richtig durchgesetzt hat, sind die farbigen Blazer, die die Herren in der viktorianischen Zeit zum Rudern und zum Cricket trugen. Obgleich ein hartgesottener Anhänger des MCC natürlich seinen Blazer in Clubfarben tragen wird (unten). Diese Farben (manchmal als bacon and egg verspottet) hat der Club seit den 1860er Jahren. Man kann manchmal lesen, dass der MCC damit den vornehmeren I Zingari Cricketclub, der die Farben Schwarz, Rot und Gold (Out of darkness, through fire, into light) hatte, imitieren wollte.

Man wird den Farbwechsel wohl nicht richtig erklären können. Als I Zingari 1845 gegründet wurde, waren die Vereinsfarben des MCC zwar noch hellblau, aber dafür war der Club schon 1787 gegründet worden. Da können Maharadschas und Lords bei I Zingari spielen, eine lange Tradition gilt in England mehr. Und für anglophile Leser möchte ich an dieser Stelle unbedingt die Lektüre von Ian Burumas Playing the Game (Das Spiel des Maharadschas) empfehlen.

Die richtige Kleidung in Hitze und Sonne zu tragen, ist für viele Menschen lebensnotwendig. Sie ist für englische Kolonialbeamte ein Teil der white man’s burden. Ich denke da zum Beispiel an Somerset Maughams Mr Warburton (der ➱hier schon erwähnt wird), der selbst im tropischen Klima immer richtig gekleidet ist.

Und auch unser Detective Inspector Poole von Death in Paradise (dessen Probleme mit Kleidung und Klima ➱hier schon behandelt werden) wäre ein Beispiel für das keeping up a stiff upper lip der englischen Kolonialbeamten in einer Welt, in der der korrekte Anzug ein Symbol der Macht und Herrschaft ist.

Manche Kleidungsstücke, die aus dieser Welt kommen, sind bei uns nie so richtig heimisch geworden. Wie zum Beispiel diese Jacke (die so etwas Ähnliches wie ein ➱Trenchcoat en miniature ist), die bei uns seit den fünfziger Jahren immer mal wieder als Safari Jacke lanciert wurde. Wahrscheinlich sollte sich der deutsche Mann mit diesem Kleidungsstück als kleiner Ernest Hemingway fühlen. Dessen Safari Jacken kamen ja bekanntlich von Willis & Geiger, die gibt es zwar schon lange nicht mehr, aber das Safari Bush Jacket wird immer noch irgendwo angeboten. In Frankreich hat sich die safarienne länger gehalten. Vor allem in der Damenmode. Für die Saison 2015 ist die safarienne das ganz große Thema in der Damenmode von Burberry, klicken Sie ➱hier mal hinein.

Falls Sie gerade vor einer Reise in die Tropen stehen oder dorthin versetzt wurden, kann ich Ihnen nur den Besuch von Ernst Brendler (Marine- und Tropenausstatter seit 1879) in Hamburg empfehlen. Es ist wirklich rührend, der Laden sieht immer noch so aus wie vor fünfzig Jahren, als ich das Geschäft zum ersten Mal sah. In Carol Reeds Verfilmung von Joseph Conrads An Outcast of the Islands wird durch die Kleidung von ➱Trevor Howard sehr schön der Untergang eines weißen Mannes gezeigt. Ist Peter Willems am Anfang des Filmes noch ein Dandy in den Tropen, ist er am Ende von den Eingeborenen kaum zu unterscheiden.

An diesem Herrn können wir uns ein Beispiel nehmen. Wenn Tom Wolfe nicht seine geliebten weißen Anzüge trägt (was schon Mark Twain tat), dann favorisiert er das Seersucker Jackett. Allerdings, so wollen es amerikanische Moderichtlinien, nur zwischen Memorial Day und Labor Day, also nur 101 Tage lang. Das blau-weiße Seersucker Jackett gehört wie das ➱Cordjackett zur Uniform der Ivy League Studenten. In The Graduate trägt Dustin Hoffman das eine wie das andere. Aber darauf hat man damals nicht so geachtet, weil man nur auf Mrs Robinson (The PTA, Mrs. Robinson Won’t OK the way you do your thing) achtete.

Und natürlich auf die schnuckelige Katharine Ross, da konnte Hoffmann tragen, was er wollte. Der Post ➱Katharine Ross ist in den letzten Jahren mehr als zweitausend Mal angeklickt worden. Der von ihrem ➱Ehemann immerhin auch anderthalbtausend Mal. Beinahe alle Teile, die die Uniform der amerikanischen Ivy League Studenten ausmachten, verirrten sich während der amerikanischen ➱Besatzungszeit auch nach Bremen. Wir hatten ➱Jeans (sogar echte Leavis 501) und Buttondown Hemden. Die amerikanischen Chinos mieden wir, weil die gelblichen Hosen, die der Schiffsausrüster führte, qualitativ viel besser waren. Aber Seersucker Jacketts habe ich kein einziges gesehen. Heute habe ich eins von Ralph Lauren, das ist O.K. Man kann sogar die ➱Ärmelknöpfe aufknöpfen, aber das Beste ist, dass mich das Teil vor Jahren im Ausverkauf nur neunzehn Mark gekostet hat.

Wenn ich eben den Schiffsausrüster erwähne, dann sollte man natürlich auch sagen, dass ein Teil der Sommermode aus dem Bereich der Marine kommt. Wie der deutsche ➱Knabenanzug, der sich ein Jahrhundert lang zum Schrecken von Kindern in der Mode gehalten hat. Aber natürlich kommt der blaue Blazer mit Goldknöpfen auch auf irgendeinem Weg von der Marineuniform her (hier Lord Mountbatten als Admiral), auch wenn die Geschichte, dass er seinen Namen nach einer HMS Blazer erhalten hat, wohl nicht stimmt. Der deutsche Wikipedia Artikel verbreitet diese Geschichte immer noch.

Aber man kann den Blazer natürlich auch ohne Goldknöpfe und Clubwappen tragen. Und er braucht dann vielleicht auch nicht mehr marineblau zu sein und nach Lord Mountbatten auszusehen. Cary Grant macht das hier überzeugend vor. Er liebte die Schneider der Savile Row, der Anzug, den er in North by Northwest trägt, stammt, wie wir alle wissen, von Kilgour, French & Stanbury.

Sergeant Jones wünscht sich in der Folge The Made-to-Measure Murders der Inspector Barnaby Reihe einen Anzug wie Cary Grant: This is gonna sound stupid, but… Well, I’ve always wanted a suit like the one Cary Grant wears in ‚North by Northwest‘. Aber das werden die Schneider von Midsomer wohl nicht hinkriegen. Lesen Sie ➱hier einen Post über die Kleidung von Inspector Barnaby (und The Made-to-Measure Murders können Sie ➱hier ganz sehen). Und die Freunde von Inspector Lewis könnten natürlich ➱diesen Post lesenkommt allerdings etwas weniger Mode drin vor. Barnaby und Lewis ermitteln im gemäßigten Klima, für Morde auf dem Nil (wie in Death on the Nile) oder im Mittelmeer (The Evil under the Sun) ziehen wir einen belgischen Privatdetektiv hinzu. Beachten Sie bitte die Gamaschen an Sir ➱Peter Ustinov. Und die Stilikone David Niven (Kunde von Henry Poole) ist wieder einmal für jedes Klima gut gekleidet.

Und was ist mit den weißen Anzügen? höre ich schon jemanden fragen. Also, um 1900 herum ist so etwas O.K. Da darf man in einem fashionablen Kurort wie Karlsbad dieses Outfit tragen, wie es hier der französische Dichter Raymond Roussel tut. Aber weiße Anzüge heute? Da kann man nur sagen: Elvis Has Left the Building. Und John Travolta ist bei den Scientologen. Und der leicht angefettete Leonardo Wilhelm DiCaprio hat dem weißen Anzug in der letzten Gatsby Verfilmung (lesen Sie dazu doch den Post ➱gatsby-weiß) endgültig den Todesstoß versetzt.

Summertime and the livin‘ is easy Fish are jumpin‘ and the cotton is high. Die richtige Musik für das Wetter aufzulegen, fällt nicht schwer. Ich höre das ➱Girl from Ipanema und nachts Berlioz‘ Nuits d’été von Hildegard Behrens gesungen, der neue ➱CD Player ist im Dauertest. Im Augenblick läuft da Sadao Watanabes Sweet Deal (die CD auf der ➱Warren Wiebe singt), was bei diesem Wetter auch gute Musik ist. Was wir heute auf den Straßen sehen, hat allerdings mit Raymond Roussel oder David Niven nichts zu tun. Es ist das nackte Grauen.

Scott Schumann würde sich für ➱The Sartorialist nicht durch eine deutsche Fußgängerzohne photographieren. Was auf den Laufstegen der Modemessen photographiert wird, findet nicht den Weg in unsere Städte. Und diesen Exzentriker muss man fragen: muss das sein? Auch für die Sommermode gilt Douglas Sutherlands Diktum aus The English Gentleman is DeadWhat gentlemen seek to avoid at all costs in their dress is any suggestion of flamboyance which might be calculated to frighten the horses. 

Was spricht denn gegen helle italienische Baumwollhosen, ein helles Leinenjackett und dazu ein hellblaues Hemd? Und dann ein Paar schöne braune englische loafer an den Füßen? So laufe ich durch diesen Sommer. Und ich sehe auch die schmutzige Mode nicht, weil ich eine ganz, ganz dunkle Sonnenbrille trage.

Und ja, leider wieder keine Damenmode. Obgleich die in diesem Blog durchaus vorkommt, klicken Sie doch mal ➱Mary Quant, ➱Pierre CardinBreakfast at Tiffany’s, ➱Charles Frederick Worth, ➱Dior, ➱Coco Chanel oder ➱Haute Couture an. Aber dieses Bild musste ich doch eben mal präsentieren. Das ist nicht aus dem Fundus von Dieter Wedels Der König von St Pauli übrig geblieben, das wurde letztes Jahr auf der Mercedes Benz Fashion Week präsentiert. Ja, Sie haben das eben richtig gelesen. Die Untertürkheimer haben jetzt auch die Finger im Modegeschäft.

Das wäre mir entgangen, hätte ich nicht letztens im Zeit Magazin die Schlagzeile Mode & Stil gelesen. Das war allerdings kein tiefschürfender Artikel, das war eine Anzeige von Mercedes Benz. Die Mode geht seltsame Wege. Patrick Hellmann arbeitet neuerdings mit Audi zusammen. Ich warte schon darauf, dass es bei ihm die ersten Anzüge für Audi Fahrer gibt. Da eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten. Früher gab es ja nur ein Automobil, dessen Fahrer man an der Mode erkennen konnte. Und das war der Opel Manta. Und Manta Fahrer sahen alle aus wie Atze Schröder. Aber der fährt Porsche und sieht im wirklichen Leben nicht aus wie Atze Schröder. Da ich Dieter Wedels St Pauli Epos zitiert habe, möchte ich hier auch eine Hauptdarstellerin abbilden. Das Schnuckelchen Julia Stemberger sieht mit diesem Kleid viel besser aus als das unglückliche Modell in dem missratenen Designerfummel bei der Daimler Benz Fashion Week.

Weil ich diese ganz dunkle Sonnenbrille trage, entgehen mir in diesem Tagen auch all diese sale Schilder. Falls das Wort doch nicht vom französischen sale kommen sollte, dann ist es schon sehr lange in unserer Sprache. Im Gotischen heißt es saljan (wenn Sie wissen wollen, wie man es konjugiert, müssen Sie ➱hier klicken), das bedeutet noch opfern, darbringen. Daraus wird sellen (hingebenübergeben), das sich bis ins Mittelhochdeutsche hält. Das angelsächsische Wort sellan mit  der Bedeutung geben wird mit der Zeit zum heutigen to sell. Was verkaufen heißt. Opfern und darbringen ist nicht mehr. Wir wissen nicht, was der Herr neben Katharine Ross gerade anzieht. Ist auch egal, er sieht immer gut aus. Und hat heute siebzigsten Geburtstag. Happy BirthdaySam Elliott.

 
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